Sie nannten es »Spiel«: Ein E-Book für zwischendurch

Was? Schon wieder? Jein. Es ist ein E-Book. Ein kleines E-Book. Umfang: 56 herkömmliche Buchseiten. Für 1,99 Euro. Der Untertitel “Geschichten über die Borussia, den Fußball und alles” verrät, was hinter den zwölf Kapiteln von “Sie nannten es ‘Spiel’” steckt. Der Erlös ist für einen guten Zweck.

"Sie nannten es Spiel" beinhaltet zwölf Geschichten über den Fußball und das ganze Drumherum, die auf diesem Blog erschienen sind.

Der Hintergrund: Books on Demand – der Verlag, in dem meine Gladbach-Trilogie erschienen ist – bietet neuerdings “E-Short” an, einen E-Book-Editor, mit dem sich mal eben innerhalb eines Tages etwas veröffentlichen lässt. BoD hat mich als Testimonial für “E-Short” gewonnen und gefragt, ob ich im gleichen Zug nicht noch ein paar Texte als kompaktes E-Book veröffentlichen will. Das ist jetzt passiert. Mit dabei sind das Relegations-Rückspiel gegen Bochum, ein Besuch am abgerissenen Bökelberg, ein leidiger Besuch beim Public Viewing oder ein bisschen Amateurfußball am Arsch der Welt. Wie gesagt: Borussia, Fußball, alles. Wie man es von diesem Blog kennt.

Einnahmen werden gespendet

Und da ich hier gerne transparent arbeite, sei gesagt: Für den Job als Testimonial erhalte ich ein Honorar. Mit dem E-Book “Sie nannten es ‘Spiel’” will ich jedoch kein Geld verdienen. Deshalb werde ich jeden Cent, den ich aus Verkäufen erlöse, als Spende an den “Kindertraum Nettetal e. V.” weiterleiten. Das sind 0,84 Euro pro Exemplar, der Preis liegt bei 1,99 Euro. Vielleicht erinnert ihr euch, wie das bei meinem ersten Buch war, “So weit die Raute trägt”. Der “Kindertraum” ermöglicht es meinem Bruder Kai, der mit dem Down-Syndrom lebt, in der Zirkus-Jugendherberge Hinsbeck seinem Traumberuf Koch nachzueifern.

Meine erste Spende kam damals dem “Kindertraum”-Projekt im Niederrheinischen Freilichtmuseum in Grefrath zugute. Dort helfen Menschen mit Behinderungen seit mehr als zwei Jahren bei Reparaturen und umfangreichen Restaurationen.

Hier gibt es das E-Book für den Kindle
Hier gibt es das E-Book bei iTunes
Hier gibt es das E-Book im ePub-Format

11. März 2014 von Jannik Sorgatz
Kategorien: Auf'm Nebenschauplatz | Schlagwörter: , , , , | 1 Kommentar

“In Kopenhagen schellt das Telefon” – Ein Buch über Borussia Mönchengladbach in der Saison 2012/13

Da ist das Ding: “In Kopenhagen schellt das Telefon” ist ab sofort online und im Buchhandel erhältlich – 248 Seiten über 46 Spiele in sechs verschiedenen Ländern und vier verschiedenen Wettbewerben.

Die hier verlinkten Bilder, die zusammen – ihr werdet es schnell merken – den Text des Europapokalliedes ergeben, dürft ihr gerne weiterverbreiten, so wie ihr wollt (beim Draufklicken werden sie größer). Ob ihr die Dinger bei Facebook postet, als Profilbild nehmt, an Freunde mailt, euren Nachbarn ausgedruckt in den Briefkasten werft oder an FC-Fans im Freundeskreis verschenkt, sei euch überlassen.

Beste Grüße

Euer Jannik

PS: Amazon scheint im Weihnachtsgeschäft keine gute Wahl zu sein. Am schnellsten bekommt ihr das Buch offenbar, wenn ihr es im Oldschool-Buchhandel bestellt. Hier gibt es zudem eine Pressemitteilung zur Buch-Veröffentlichung.

02. Dezember 2013 von Jannik Sorgatz
Kategorien: Fohlengeflüster | Schlagwörter: , , , , , , , , , , , | 5 Kommentare

Gar nicht mal so geil

Saison 2012/2013: 29. Spieltag – Stuttgart 2:0 Gladbach

Die Borussia hat einen Lauf: Zum zehnten Mal in Folge ist es der Mannschaft gelungen, nach einem Sieg in der Bundesliga das folgende Spiel auf keinen Fall zu gewinnen. Das ist aber nur solange lustig, wie man sich einredet, dass im Kampf um den Europapokal weiterhin alles nach Plan läuft – und Gladbach nur wenig dafür kann.

Umziehen erweitert den Horizont. Das gilt nicht nur für Kabel-1-Auswanderer in Kanada oder auf Mallorca, sondern auch für Nicht-mehr-Teenager mit Liebe zum Fußball, die es nach dem Abitur in eine andere Stadt zieht. Bevor ich zum Studium nach Dortmund musste, tauchten in meinem Leben keine Nicht-Borussen auf, die meinen Alltag nachhaltig geprägt hätten. Meinen Patenonkel, den Kölner, sehe ich nur selten. Die Freundschaft mit dem rothaarigen BVB-Fan aus der Grundschule hatte eine gewisse Halbwertszeit – seine “echte Liebe” zu Borussia Dortmund jedoch auch. Die neongelben Continentale-Trikots waren aber auch ein Traum.

Jetzt wohne ich in einer WG mit einem Stuttgarter, dessen Freundin in Köln eine Dauerkarte hat. Davor war’s ein Bremer und St.-Paulianer in Personalunion, mit dem ich einen Kühlschrank teilte. Ich gehe mit Leverkusenern (kenne gleich zwei!) einen trinken, koche mit Schalkern Spaghetti und lade Dortmund-Fans in unsere Wohnung ein, wenn das BVB-Spiel in der Champions League nur auf Sky läuft. Seit vier Jahren habe ich im Ruhrgebiet mein fußballerisches Neukölln: Alle hängen mit dem Herz an einem anderen Klub, aber alle sitzen vorm selben Fernseher. Nicht in erster Linie die Hautfarbe sorgt für Multikulti, sondern die des Trikots.

So hätte ich vor ein paar Jahren sicherlich nicht im Gladbach-Trikot auf dem Schorndorfer Holzberg gestanden. Wahrscheinlich hätte es mich ohne Fußballbezug nie ins tiefste Schwabenland gezogen (wobei bei dieser reiselustigen Leidenschaft ja immer die Frage ist, wer hier wen zieht). Aber wenn der Mitbewohner schon aus der Gegend kommt, ist ein Wochenendbesuch in der Nähe von Stuttgart mehr als nur eine nette Alternative zum Hin-Anpfiff-Abpfiff-Weg einer handelsüblichen Auswärtsreise.

Kratziges Polyester
“Ach”, sagt Sebastian, während wir mit seinem Auto durch die Weinberge kurven. “Die Bundesliga-Saison habe ich abgehakt.” Er will ins Pokalfinale und dort am liebsten auf die Bayern treffen, damit der Europapokal sicher ist. Das scheint Teil der schwäbischen Mentalität zu sein – lieber irgendetwas ganz sicher mitnehmen, als zu zocken und am Ende womöglich mit leeren Händen dazustehen. Unsere Freunde, mit denen wir am Sonntagabend in einem Dortmunder Park noch den Frühling einläuten wollen, sind sich auch einig, dass es für die Gesamtstimmung besser wäre, wenn Gladbach dieses Duell mit dem VfB Stuttgart einfach gewinnt. Man kennt mich.

Ob der erste Doppelsieg der Borussia in dieser Saison sensationeller wäre oder aber der plötzliche Temperaturanstieg, wäre noch zu klären. Gegen Fürth war ich mit Winterjacke, Schal, Pullover und gefütterten Schuhen im Stadion. Jetzt trage ich unter dem schwarzen Diebels-Trikot nur deshalb ein T-Shirt, weil das fast 17 Jahre alte Polyester etwas kratzig geworden ist. Vielleicht lässt auch Gladbachs Spielweise mit der endgültigen Ankunft des Frühlings endlich die Winterdepression hinter sich.

Um 14 Uhr steigen wir auf den Cannstatter Wasen aus dem Auto – Vedad Ibisevic vom Fahrersitz, Patrik Andersson auf der Beifahrerseite. Wieder habe ich Sebastian überreden können, dass wir Karten wenigstens in Nähe des Gästeblocks kaufen, wenn er schon nicht überlaufen will zur Borussia. In 78A ist die Fan-Verteilung ziemlich ausgeglichen. Das zeigt die erste Volkszählung nach fünf Minuten beim traditionellen “Steht auf, wenn ihr Borussen seid!”.

Tête-à-tête mit Folgen
Lucien Favre hat die Startelf im Vergleich zum Spiel gegen Fürth einmal verändert. Tolga Cigerci spielt anstelle von Amin Younes, dafür rückt Patrick Herrmann mal wieder zu Luuk de Jong in den Angriff. Für Cigerci ist es das neunte Bundesligaspiel von Beginn an. Die ersten acht hat er in einem Dreier- und einem Fünfer-Block absolviert. Dazwischen gab es eine zwei monatige Pflichtspielpause. Und nach dem Europa-League-Aus gegen Rom wurde der 21-Jährige lediglich in Freiburg einmal eingewechselt. Es ist eine merkwürdige On-Off-Beziehung, die Favre und der junge Deutsch-Türke da führen. Granit Xhaka, der es in der Gunst der Fans auch nicht leicht hat, gilt im Vergleich zu Cigerci noch als echter Hoffnungsträger.

Immerhin geht nichts auf seine Kappe, was in den ersten 15 Minuten für Aufregung sorgt. Zunächst haben Georg Niedermeier und Havard Nordtveit im wahrsten Sinne ein Tête-à-tête, nach dem es für Gladbachs Norweger “Rien ne va plus” heißt. Auf die Französisch-Stunde hätte er sicherlich verzichten können.

Bevor Nordtveit mit einem Nasenbeinbruch das Spielfeld verlässt und Xhaka kommt, hält Marc-André ter Stegen mit einem Sensationsreflex die Null. Martin Harnik köpft aus kurzer Distanz, aber Borussias Torwart hat die Hände so schnell oben wie früher nur die Finger-Schnipps-Streber aus der ersten Reihe im Mathe-Unterricht.

Paradoxon Cigerci
Nach einer guten Viertelstunde sorgt Cigerci erstmals für Gefahr – sogar vor dem gegnerischen Tor. Sein Volleyschuss geht knapp vorbei. Das kann man ihm nicht einmal ankreiden. Sicherlich bringt Cigerci die Anlagen mit, sicherlich ist er mit Talent gesegnet. Es ist eher diese divenhafte Ausstrahlung, die den Fan zur Weißglut treibt. Cigerci ist ein einziges Paradoxon, weil man ihm nicht vorwerfen kann, dass er nicht Fußball spielen kann. Er ist vielmehr der schlechteste Fußballer unter Borussias Technikern. Von denen gibt es nun aber nicht so viele, dass der Vorwurf dem Problem gerecht und Cigerci besonders treffen würde. Man muss ihn gesehen haben, um es zu begreifen. Was aber noch lange nicht heißt, dass man in der Lage ist, es in Worte zu fassen. Vielleicht lasse ich mir demnächst mal 90 Minuten lang ein Blutdruckmessgerät umlegen. Die Werte, wenn Cigerci am Ball ist, werden schon für sich sprechen.

Ein paar Minuten geht es hin und her, ohne dass beide Mannschaften brandgefährlich werden. Kaum steigt das Thermometer über 20 Grad, lassen sich Stuttgart und Gladbach zu Sommerfußball hinreißen. Cristian Molinaro, der Linksverteidiger des VfB, macht es sich passend dazu auf dem Rasen bequem wie die Studenten im Park. Bei seiner Schwalbe im Duell mit Herrmann fehlt nur noch die Picknickdecke unter dem Arm, vielleicht noch ein gutes Buch?

Es läuft in dieser Saison bei Standards deutlich besser für die Borussia. Endlich ist die oft geforderte Galligkeit vor dem Tor da, der Wille, mit aller Kraft das Tor zu erzielen. Nur ist das ja kein Grund, selbst im eigenen Strafraum alles für den Treffer zu geben. Luuk de Jong und Alvaro Dominguez streiten sich beinahe um das Eigentor. Spanien besiegt die Niederlande – und trotzdem ist es der VfB Stuttgart, der in der Neufauflage des WM-Endspiels von 2010 in Führung geht. WG-Mitbewohner Sebastian springt neben mir auf. Mir wäre es lieber gewesen, ich hätte diesen Jubel ausgelöst, weil ich die WG-Spülmaschine ausgeräumt habe.

Frühe Entscheidung
Auch am 0:2 trifft Tolga Cigerci keine Schuld, so viel sei vorweggenommen. Ter Stegen und Tony Jantschke spielen die Hauptrollen in der Neuauflage des Abwehrschnitzer-Klassikers “Nimm’ du ihn, ich hab’ ihn sicher!”. Christian Gentner stört die Generalprobe erheblich und setzt den Ball aus spitzem Winkel sehenswert in die lange Ecke.

Danach geht es direkt in die Halbzeit, obwohl das Spiel noch zehn Minuten läuft bis zur Pause. Und es dauert nur weitere 45 Minuten, bis klar ist, dass diese Partie nach einer guten halben Stunde sowas von entschieden ist. Sebastian traut dem Sonntagsbraten trotzdem noch nicht. Die Krankheit gibt es also auch in Stuttgart, während sich die Leute in Gladbach sogar bei einem 3:0 zur Pause versichern, dass es “mindestens für einen Punkt reichen” dürfte.

Die einzigen, die zumindest nicht völlige Gewissheit ausstrahlen, dass noch etwas geht, sind nach der Pause die elf Borussen auf dem Platz. Thorben Marx kann man in dieser Hinsicht noch am wenigsten vorwerfen. Das Mindesthaltbarkeitsdatum des 31-Jährigen scheint dennoch irgendwann in der Länderspielpause im März abgelaufen zu sein. Noch beim 1:0 gegen Hannover gab’s Sonderlob. Nun fühlt es sich an, als hätte ich mich monatelang an den Leistungen des Sechser berauscht. Nüchtern betrachtet, sieht es inzwischen anders aus.

Schwäbische Gelassenheit
De Jong hat wieder einmal einen dieser Tage erwischt, an denen man sich fragt, ob er sich selbst in vier, fünf Jahren nur ansatzweise erinnern wird – damals, Stuttgart, dieser sonnige Sonntag, als ich einmal aufs Tor schoss und in der 70. Minute vom Platz musste. In Erinnerung geblieben von de Jongs Arbeitstag ist mir ledlich eine Szene, die selbst den Stuttgart-Fan neben mir aufhorchen ließ. Irgendwann, eine Weile nach der Pause, lief de Jong mindestens zehn Meter mit dem Ball am Fuß in Richtung eigenes Tor. Danach war selbst Sebastian gelassen.

Die größte Demütigung gibt es jedoch nicht auf der Anzeigetafel, sondern als kurz vor Schluss La Ola durch die Mercedes-Benz-Arena schwappt. Die VfB-Fans feiern den ersten Heimsieg des Jahres. Gladbach hat binnen zwei Wochen den zweiten Verein aus Baden-Württemberg aufgebaut. Freiburg hatte vor dem 2:0 gegen die Borussia bekanntlich in zwei Spielen zehn Gegentore kassiert. Einst war es die Autoindustrie, die dieses Bundesland groß gemacht hat. Direkt danach kommt momentan Borussia Mönchengladbach. Zum Glück liegt Augsburg im bayerischen Teil von Schwaben.

Der Gästeblock nimmt die erneute Auswärtspleite mit bemerkenswertem Trotz. “Gladbach ist der geilste Klub der Welt!”, schallt es als Wellenbrecher für La Ola durch das Stadion. Dafür gibt es später sogar explizites Lob im Sportschau-Beitrag. In diesem Block stehen Leute, die auf sieben Auswärtsreisen im Jahr 2013 mindestens 6000 Kilometer zurückgelegt und dabei genau zwei Tore sowie den einzigen Sieg in Frankfurt gesehen haben. In Rom waren die Feierlichkeiten rund um den “geilsten Klub” noch voller Stolz. Diesmal steckt im Dauergesang zwischen den Zeilen eine gewisse Ironie, die vielleicht nicht einmal beabsichtigt ist.

Ja, wollen sie denn nicht?
Ironisch geht es im Auto weiter. Augsburg spielt gegen Frankfurt und der Südkoreaner Ji schwingt sich zum besten Gladbacher des Wochenendes auf. Beim 2:0 gegen die Eintracht erzielt er beide Treffer. Augsburg zeigt sich so berauscht, dass man zwischenzeitlich hoffen muss, der FCA möge nicht so hoch gewinnen, um die Aufgabe am kommenden Freitag im Borussia-Park nicht noch schwieriger zu gestalten.

Drei Tage später steht Gladbach quasi als fünfte Mannschaft im Halbfinale des DFB-Pokals. Am Endspieleinzug des SC Freiburg dürften alle Borussenfans mindestens so interessiert sein wie die Breisgauer. Der dritte Strich von oben in der Bundesliga-Tabelle könnte durch einen Erfolg der Freiburg gegen Stuttgart eine Position nach unten rutschen – Platz sieben für Europa. Sollte das Unglaubliche stimmen – dass die Borussia gar nicht in die Europa League will –, dann müsste die Mannschaft von Lucien Favre langsam beginnen, sich dagegen zu wehren. Momentan hat es den Eindruck, als könnte der VfL am Ende zu seinem Glück gezwungen werden. Alles läuft weiterhin für Gladbach, nur Gladbach selbst nicht.

19. April 2013 von Jannik Sorgatz
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Keine Punkte. Punkt.

Saison 2012/2013: 27. Spieltag – Freiburg 2:0 Gladbach

So langsam wird es chronisch – sowohl die Seuche bei Auswärtsspielen in Freiburg als auch die verpassten Chancen auf zwei Siege in Folge. Nach dem 0:2 muss Gladbach nun gegen Fürth die Chance nutzen, die nächste Chance auf zwei Siege in Folge zu erhalten. Klingt einfacher, als es ist.

Hätten wir uns doch nur für das “Hotel zum Ochsen” entschieden. Nils und ich hätten den Namen wenigstens vernünftig aussprechen können – im Gegensatz zum “Landgasthof zum Hirschen”. Während meines Jahres beim Saarländischen Rundfunk in Saarbrücken hatte ich ein paar Stunden Sprechtraining (Logopädie für Journalisten, wenn man so will). Alles Niederrheinische konnte mir die Trainerin austreiben. Nur zum Verständnis: Dialekt ist wunderbar, möchte ich niemals missen, solange man ihn auf Kommando ausschalten kann. Das gelang also ganz gut bei mir – bis auf das “ö” in “Hirsch”. Und in “Bürgersteig”. Wer jetzt behauptet, da sei gar keins, der lügt doch.

Zum Glück haben wir nicht nach dem Weg fragen müssen. Fünf Kilometer südlich von Freiburg wären wir wahrscheinlich aufgeschmissen gewesen auf der Suche nach dem “Landgasthof zum Hörschen” in Wittnau (1433 Einwohner). So aber bringt uns das Navi am Freitagabend um 19 Uhr sicher ans Ziel. Mein Bruder hat auf der 500 Kilometer langen Fahrt sämtliche Spiele bis zum Saisonende auf seiner PSP absolviert. Es riecht nach Europapokal.

Sätze über die schöne Landschaft oder die wunderbare Aussicht werden in diesem Text übrigens nicht auftauchen. Das liegt nicht daran, dass ich mich nicht daran erfreuen könnte, im Gegenteil – nur beträgt die Sichtweite von Freitag bis Samstag durchgehend weniger als 100 Meter. Also muss diese Gegend, in der ich mit Nils, seiner Freundin Eva und meinem Bruder Kai zum ersten Mal bin, über andere Dinge definiert werden.

Flachlandtiroler
Zum Beispiel über das Essen. Im “Hörschen” gibt es kein Wild, sondern Schnitzel, Schweinefilet oder Fisch. Das Bier schmeckt, der Weißwein auch. Nils ist ausnahmweise besser vorbereitet und hat herausgefunden, dass um 21 Uhr noch ein Bus in die Stadt fährt, am Feiertag. Die Kellnerin ist selbst verdutzt, was auch daran liegen könnte, dass im “Hörschen” noch nie ein Gast nach einer Busverbindung gefragt hat.

Also tingeln wir rechtzeitig den Berg runter zur Haltestelle. Der Badener mag es einen Hügel nennen. Aber wir Niederrheiner, die in der Fahrschule das Anfahren am Berg in Parkhäusern lernen und nach jeder Serpentine die Kotztüte rausholen, nennen es eben Berg. Eine halbe Stunde später sitzen wir im “Schlappen” in der Freiburger Altstadt. Die Studentenkneipe ist so legendär, dass sie bei Google nur von Zalando-Werbung für Hausschuhe übertroffen wird.

Legendäre Kneipen sind in der Regel auch voll. Beim ersten Bier (Diebels vom Fass!) stehen wir noch, dann wird bei einem Ehepaar und einem grauhaarigen Alleinreisenden am Tisch etwas frei. Wir sitzen kaum, da kommt die Frage: “Wo seid’s ihr denn her?” Aha, aus Niederbayern. Also nicht wir, sondern unser Sitznachbar, dem wir eine Freude machen, weil er “echte Mönchengladbacher” getroffen hat. Das stimmt zwar nicht so ganz, Nils hat aber wenigstens die Stadt als Geburtsort im Ausweis stehen und beim Rest zählen Rauten in Herzen sicherlich mehr als irgendwelche Verwaltungsakte.

Warum nur so beliebt?
Unser neuer Freund aus Niederbayern ist regelrecht begeistert. Wie geht es eigentlich Schalkern, Dortmundern, Hamburgern oder Bremern auf Auswärtsfahrt? Die muss man nicht per se verabscheuen (jetzt mal rein hypothetisch). Aber die sorgen doch auch nicht so flächendeckend dafür, dass der Gesprächspartner unruhig auf seinem Sitz hin und her rutscht.

Dabei können wir nicht einmal etwas dafür. “Wie schaut’s heutzutage eigentlich am Bökelberg aus?”, will der 1860-Fan aus Niederbayern in einem besorgten Tonfall wissen, in dem man sich sonst höchstens nach der alten Großtante erkundigt, die mittlerweile Ende 80 ist. Denn man weiß ja nie, ob eine Person in diesem Alter, die man lange nicht gesehen hat, noch unter uns weilt. Dass der Bökelberg nicht mehr steht, weiß der Niederbayer jedoch. Schließlich sind seine “Löwen” 2004 im letzten Bundesligaspiel dort abgestiegen.

Ich hole das Handy raus und zum ersten Mal zahlt es sich aus, 80 Prozent des Speichers mit Bildern belegt zu haben. Im vergangenen August war ich an einem brüllend heißen Sommertag nach langer Zeit mal wieder “in de Kull” und saß im Gras auf der alten Haupttribüne – genau an der Stelle, wo ich 1996 bei meinem ersten Bökelbergspiel saß. Unser Niederbayer ist derweil beeindruckt, dass man Grundstücke auf dem alten Spielfeld kaufen kann, Wohnen im Mittelkreis. Nur brainstormt er noch eine Weile, was er davon halten soll.

Auf der Suche nach Omen
An Begegnungen wie diesen wird immer deutlich, dass sich die Borussia um ihr Image höchstens Gedanken, aber keinesfalls Sorgen machen muss. Der “Mythos” zieht noch immer, auch wenn seine Repräsentanten mitunter die glorreichen 70er nicht annähernd erlebt haben.

Gleichzeitig liegt der Zuschauerschnitt bei knapp 50.000, die Mitgliederzahl nähert sich der 60.000, Fanclubs sprießen weiter aus dem Boden – und alles nicht erst, seitdem es wieder rosig aussieht im Vergleich zu den 16 Jahren davor. Rational ist es gar nicht zu erklären, dass ein Verein durch solche Seuchenjahre gegangen ist, die meisten davon sogar selbst verschuldet hat und dennoch gewachsen ist, als sei den Fans nach jedem Spieltag die Festplatte namens Gedächtnis formatiert worden.

In Freiburg hat die Borussia die Seuche jedoch noch nicht besiegt – zwölf Auftritte, nur ein Erfolg in der Bundesliga, der letzte 2002 durch das 1:0 von Arie van Lent. Optimistisch sind wir am Freitagabend nur, weil Nils, Kai und ich in dieser Konstellation (Eva ist nur zur Stadtbesichtigung mitgekommen) genau einmal zusammen im Stadion waren. Es war das 6:3 in Leverkusen Ende August 2011.

“Gibt’s in Wuppertal auch”
Der grauhaarige Mann neben mir hat während unseres Bökelberg-Ausfluges mit dem Niederbayer lange geschwiegen. Dann stellt er sich als Lothar aus Duisburg vor. Lothar ist Fan von großen, orangenen Bällen und an jenem Wochenende in Freiburg, weil dort das Finalturnier um den Basketball-Pokal der Frauen stattfindet. Früher ist Lothar den Wuppertalerinnen hinterhergereist. Dann gingen die alle nach Oberhausen und er also mit.

Frauen-Basketball gehört nun nicht zu meinen Top 20 Beschäftigungsgebieten im Sport. Aber Lothar weiß, womit man mich packen kann. 2002 sei das Top Four zuletzt in Freiburg ausgetragen worden, am selben Wochenende wie Gladbachs Auswärtsspiel beim SC. Aus meinen Augen muss in dem Moment, als es bei mir klingelt, ein Funkenregen kommen wie aus der Wand bei “1,2 oder 3″. Wir könnten quasi nach Hause fahren, das Ding ist geritzt.

Dass es vor elf Jahren dasselbe Wochenende war, konnte ich nicht verifizieren. Aber Lothar scheint eine sichere Quelle zu sein. “Ich war damals sogar im Stadion, aber nur bis eine Viertelstunde vor Schluss”, erzählt er, “dadurch hab’ ich das Gladbacher Siegtor verpasst.” Tatsächlich traf van Lent in der 79. Minute. Lothar hat überhaupt schon viel gesehen. Das zeigt sich am überzeugendsten, als wir kurz darauf an der futuristischen Pissoir-Rinne mit Wasserfall nebeneinander stehen. “Nicht schlecht”, sage ich und nicke anerkennend aufgrund des beeindruckenden Urinier-Erlebnisses. “Sowas kenn’ ich schon”, entgegnet Lothar nüchtern. “Gibt’s in Wuppertal im Freudenhaus auch.”

Als Lothar, der Niederbayer und seine Frau sich verabschiedet haben, senkt eine junge Vierergruppe den Altersschnitt an unserem Tisch auf Studentenniveau. Ein Mädel ist zumindest ein bisschen Gladbach-Fan, weil ihr Freund es auch ist. Spontan fängt sie an, diverse Borussia-Lieder zu trällern, womit sie auf doppelte Weise beeindruckt. Einerseits kennt sie alle Texte. Andererseits bekommt sie es hin, jedes Lied konsequent zu einer falschen Melodie zu singen. Um halb eins fährt unser letzter Bus zum “Hörschen”. Genug für heute.

Weihnachtsstimmung auf dem Ostermarkt
Der Breisgau sieht am nächsten Morgen vor lauter Nebel noch immer aus, als habe jemand die Landschaft wegradiert. Im Frühstücksraum sitzt ein Pärchen in Borussia-Montur. Wir sind nicht allein. Als Gladbach-Fan ist es generell unmöglich, allein zu sein. In der Stadt auf dem Freiburger Ostermarkt überrascht das erst Recht nicht. Ein Mann mit 30 Zentimeter langem Vollbart und glatten Haaren bis über die Schultern verkauft “Bärlauch-Peschto”. Etwas abseits auf einem kleineren Platz stehen Buden, die in der Adventszeit wahrscheinlich auf Weihnachtsmärkten aufgebaut werden. Mit dem Unterschied, dass man dort keine 11,8 Kilo schweren Riesenkarnickel anschauen kann.

Am meisten haben wir in der Altstadt damit zu kämpfen, dass niemand in diese Wasserrinnen am Straßenrand tritt. Links und rechts reiht sich ein Buchladen an den nächsten. Kein Wunder, dass Freiburgs Trainer Christian Streich früher mal viel gelesen und im Sportstudio eine Dostojewski-Gesamtausgabe geschenkt bekommen hat. Darauf einen Löffel Bärlauch-Peschto! Diese Stadt ist so, wie man sie sich vorstellt – die Fahrräder, die Grünen, die Bildungsbürger, die Buchhandlungen, das familiäre Wohngebiet, in dem das zweitkleinste Stadion der Bundesliga kurz vor dem Wald steht. Nils hat vor der Reise etwas in alten Fanprojekt-Vorberichten auf die Freiburg-Spiele gelesen und ist auf den alten Gesang “Ohne BAföG wärt ihr gar nicht hier!”.

Erst ein paar Tage vor dem Spiel ist bei mir angekommen, dass das einstige Dreisamstadion nicht mehr Badenova-Stadion heißt, sondern seit dem 1. Januar 2012 Mage Solar Stadion. Außerdem dachte ich immer, dass Badenova Badewannen herstellt. Bei Mage Solar ist der Name wenigstens idiotensicher. Nur das Bremer Weserstadion und der Gladbacher Borussia-Park tragen im Frühjahr 2013 keinen Sponsorennamen. Steigen Hertha, Braunschweig und Kaiserslautern auf, kämen drei dazu.

Freiburger Vogelabwehr
Der Gästeblock ist wahrlich eine abenteuerliche Konstruktion. In Wirklichkeit sind es zwei Gästeblöcke und lediglich die ersten Reihen bekommen mit, was der jeweils andere Teil treibt. Die Stehplatzstufen sind so flach, dass man wahrscheinlich gut beurteilen kann, ob der Vordermann Schuppen hat oder nicht. Und von einigen Plätzen sieht man beispielsweise die Torlinie nicht, weil ein paar Pfeiler das Stadiondach tragen. Abgetrennt werden die Tribünen durch Glasscheiben wie im Hallenbad, die mit Vögeln beklebt sind, damit kein Federvieh dagegenfliegt. Immerhin kann der SC Freiburg zu diesem Zweck sein eigenes Vereinswappen benutzen.

Die erste bedeutsame Nachricht gibt es bereits vor dem Anpfiff von eher ungewöhnlicher Stelle. Der Stadionsprecher kündigt Freiburgs Torjäger Max Kruse mit dem Nebensatz “der nach Gladbach wechseln wird” an. So ganz ohne Konjunktiv klingt das sehr nach trockenen Tüchern, auch wenn beide Seiten weiterhin dementieren, dass die Tinte unter Kruses Vertrag bereits trocken sei. “Pass’ auf, isch sach’ et dir, der trifft heute!”, dreht sich mein Nebenmann zu seinem Kumpel. Und irgendwie habe ich selbst das Gefühl, dass es typisch für die Borussia wäre, wenn ein Gladbacher in spe dem Verein erst noch einmal weh tun würde.

Lucien Favre schickt dieselbe Mannschaft ins Spiel, die gegen Hannover die zweite Hälfte begonnen hat. Damals musste Juan Arango zur Pause raus. Diesmal steht er aufgrund seiner Länderspielstrapazen gar nicht im Kader. Ob ein ausgeruhter Oscar Wendt mit seinem Fehlerpotenzial der vergangenen Spiele oder ein müder Juan Arango mit intaktem linken Fuß in dieser Situation die bessere Wahl wäre, ist wohl eine Glaubensfrage.

Nur Tiefpunkte
Die erste Hälfte zählt zu den langweiligsten, die ich bislang in dieser Saison gesehen habe. Immerhin spiegeln die Zahlen das wider, was zu sehen ist: Gladbach schießt so gut wie gar nicht aufs Tor, ist selten am Ball, spielt zu viele Fehlpässe, läuft aber viel und gewinnt enorm viele Zweikämpfe. Was Freiburg angeht, muss man natürlich alle Zahlen umdrehen, weshalb sich auch bei den Gastgebern eine insgesamt durchwachsene Bilanz ergibt. “Highlights kann ich Ihnen leider keine anbieten”, entschuldigt sich der Stadionsprecher zur Pause. Den Sponsor der Höhepunkte blendet er nur so lange ein, wie der dafür bezahlt hat. Dann wird noch ein E-Bike verlost und ein Sponsorenvertreter erntet Pfiffe, weil er zugibt, mit dem Auto zum Stadion gekommen zu sein.

Man mag es ja nur schwer glauben, aber die Werbebande ist auf der einen Seite der Haupttribüne wirklich einen Meter Höher als auf der anderen. Das Spielfeld in Freiburg fällt ab. Nach der Halbzeitpause muss die Borussia gegen die Steigung des Rasens spielen. In der 53. Minute hindert das den VfL aber nicht an der bis dato besten Kombination des Spiels. An deren Ende startet Patrick Herrmann durch, legt alles in den Schuss mit seinem schwächeren linken Fuß – und trifft die Latte. Wenig später bekommt Luuk de Jong eine wunderbare Flanke serviert, die in dieser Saison vielleicht nur von Arango gegen Leverkusen übertroffen wurde. Seine Chance der Kategorie “Kann man mal machen” köpft de Jong Torwart Oliver Baumann in die Arme.

Auf der anderen Seite dreht auch Freiburg allmählich auf. Daniel Caligiuri – angeblich auch auf Max Eberls Zettel – lockt Marc-André ter Stegen aus dem Tor, auf der Linie klärt Tony Jantschke. Nils hat vor ein paar Wochen, als wir in Managerspiel-Manier über Neuzugänge sprachen (und auch auf Max Kruse kamen) bereits Verteidiger Fallou Diagne und Jonathan Schmid notiert. Ich würde noch den 19-jährigen Matthias Ginter mitnehmen, auf jeden Fall ein polyvalenter Typ für Favre. Da wundert sich Christian Streich, dass seine Spieler “wie auf dem Viehmarkt” angeboten werden – soll er sie doch nicht zu solch einer starken Mannschaft formen!

19 Sekunden entscheiden 5400
Eine gute Viertelstunde lang ist dieses lange Zeit öde Bundesligaspiel eine mitreißende Partie, in der nur die Raute im Herzen absichert, für wen das Pumporgan nun schlagen soll. Es geht rauf und runter, ein Tor liegt in der Bärlauch-Peschto-geschwängerten Luft. In der 69. Minute sieht es ganz danach aus, als würde die Borussia das erste und vielleicht entscheidende erzielen. Über den eingewechselten Peniel Mlapa und Herrmann landet der Ball im Lauf von Havard Nordtveit. Am Donnerstag zuvor war ich beim Eishockey bei den Krefeld Pinguinen und bin beinahe kaputtgegangen, weil die sich dauernd weigerten, aufs Tor zu schießen. Ähnlich sieht es in dieser Szene aus, in der Nordtveit den Ball querlegen will, es aber einfach selbst versuchen muss.

“Ungeschnitten” heißt es dann meistens im Fernsehen. “Ungeschnitten” geht es auch hier weiter. Freiburg kombiniert sich langsam aus der eigenen Hälfte. “Konter” wäre zu viel gesagt. Denn Tempo kommt erst in den Angriff, als Martin Stranzl meint, den Gegner an der Mittellinie nicht nur stellen, sondern grätschend in den Zweikampf gehen zu müssen.

Das geht völlig schief und in der Mitte hat Kruse das Spielfeld vor sich wie eine Laufbahn in der Leichtathletik-Halle. Alvaro Dominguez will sich die ansonsten makellose Zweikampfbilanz offenbar nicht ruinieren und meidet das Duell mit Kruse. Der Bald-Borusse zieht aus 17 Metern ab, ter Stegen springt nicht optimal ab und muss zusehen, wie der Ball halbhoch im Tor einschlägt. Ja, ich weiß, eine Saison hat 34 Spiele. Aber ganz so abwegig ist es nicht, dass diese 19 Sekunden am Ende vielleicht über das Wohlergehen beider Mannschaften entschieden haben.

Cigerci, im Ernst?
Mike Hanke stand schon bereit, als das 1:0 fiel. Er kommt für de Jong. Zwei Minuten später wird Tolga Cigerci für Wendt eingewechselt, was die Frage aufwirft, ob Favre das ernst meint oder der 20-Jährige noch eine Chance bekommen soll, bevor der Verein entscheiden muss, ob er die Kaufoption zieht oder nicht.

Eine Viertelstunde lang schafft es der VfL nicht mehr ernsthaft vor das gegnerische Tor. Jantschke und Daems sind als Anspielstationen abgemeldet. Das Aufbauspiel über die Sechser ist wieder quasi unmöglich. Da können Marx und Nordtveit noch so viel “abkippen” zwischen die Innenverteidiger. Dominguez und Stranzl wollen keine langen Pässe spielen. Also bleiben als Option nur noch Ballbesitz-Beschaffungsmaßnahmen für ter Stegen. Kurz und knapp: Es sieht weder ansehnlich aus noch hat es Erfolg.

Dass dieses Spiel den Schlusspunkt bekommt, den es bekommt, ist deshalb gar nicht verwunderlich. Zwei Minuten Nachspielzeit sind beinahe abgelaufen, als ter Stegen den 732. Rückpass nach vorne befördert und per Eilschreiben von Johannes Flum zurückbekommt. Marx, der in der Situation letzter Mann ist, sieht Ivan Santini davonlaufen. Der Joker umkurvt ter Stegen und sieht den mitgelaufenen Kruse, der mit dem Abpfiff das 2:0 erzielt.

Marx muss dran glauben
Klar, das Spiel ist gelaufen zu diesem Zeitpunkt, Marx ist sogar am meisten von allen gelaufen. Aber es wirft dennoch Fragen auf, warum der 31-Jährige fünf Sekunden benötigt, bis er doch noch zurückrennt. Es ist nebensächlich, dass er in der Enttäuschung vielleicht nicht realisiert, wie wichtig jedes einzelne Tor sein kann. Nebensächlich, dass Santini im Normalfall sofort abschließt und jedes Zurückrennen zwecklos wird. Es mag jetzt gerade den Falschen treffen, der für diese Kritik herhalten muss. Aber der unbändige Wille, den Europapokal auf dem Silbertablett auch anzunehmen, war über 92 Minuten von vorne bis hinten kaum zu sehen. “Sie sind besser. Punkt”, bringt es Favre nach dem Spiel auf den, nun ja, Punkt. “Wir müssen gar nicht diskutieren.”

Wieder verpasst Gladbach den zweiten Sieg in Folge, bald wird die Krankheit chronisch. Die Borussia müsste schon alle vier Heimspiele bis zum Saisonende gewinnen und sonst alles verlieren, um ohne jegliche Mini-Serie im Europapokal zu landen. Jetzt heißen die nächsten Gegner Fürth, Stuttgart, Augsburg und Wolfsburg – Rang 18, 13, 16 und 12.

Erneut ist trotz eines Rückschlags in der Tabelle kein Unglück passiert. Nur läuft der VfL Gefahr, sich auf diese Weise bis in den Mai zu hangeln – und plötzlich ist die Saison vorbei. In einem ungewöhnlich kritischen Interview auf der Vereinshomepage prangert Vizepräsident Rainer Bonhof die mangelnde Risikobereitschaft an. “Die Mannschaft gibt in Interviews ja das Ziel aus, sich wieder für den Europokal zu qualifizieren”, sagt Bonhof. “Wenn man diese Ambitionen hat, muss man einfach mehr investieren.”

Hamburg relativiert alles
Wenigstens kann ich mir nach der Niederlage die Petition sparen, dass das Top Four der Basketball-Frauen jedes Jahr in Freiburg stattfindet (die Gastgeber wären nach ihrem Pokalsieg am Ostersonntag sicher auf meiner Seite gewesen). Nils sucht auf der Rückfahrt ganz andere Gründe für die Niederlage: “Man müsste mal nachgucken, wie wir an den Wochenenden, an denen auf Sommerzeit umgestellt wurde, immer gespielt haben.” So etwas darf er mir natürlich nicht sagen, ohne dass ich wirklich nachschaue, wann die Sommerzeit in Deutschland eingeführt wurde und wie es an den jeweiligen Wochenenden für die Borussia lief.

Verblüffend oft muss der letzte Sonntag im März in eine Länderspielpause gefallen sein. Ansonsten aber war die Umstellung auf Sommerzeit für den VfL jahrelang ein geheimer Motivationsschub. Zwischen 1981 und 2002 gab es in 16 Partien 14 Siege und zwei Unentschieden. Von den sechs Spielen danach gewann Gladbach nur die beiden, die sonntags stattfanden. Das hätte man mir auch früher sagen können.

Bei all dem Wut über die Niederlage hat sich der Ärger in der Straßenbahn schon wieder gelegt. Der Halbzeitstand in München macht die Runde. Bayern führt 5:0 gegen Hamburg. Als wir bereits auf der Autobahn sind, fallen sechs weitere Tore, immerhin zwei für den HSV. Kurzzeitig ist Gladbachs 12:0 gegen Dortmund sogar in Gefahr, was dem verkorksten Samstag natürlich die Krone aufsetzen würde – erst ein Auswärtsspiel verlieren, dann einen Rekord für die Ewigkeit. Am Ende behält die Borussia ihre Bestmarke. Die nächste Freiburg-Reise darf die DFL gerne auf den 28. Spieltag der nächsten Saison terminieren, gerne auf einen Sonntag. Am 30. März 2014 wäre es dann mal wieder Zeit – in der Nacht davor wird nämlich die Uhr umgestellt.

01. April 2013 von Jannik Sorgatz
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Entscheidend is auffer Parkbank

Bevor ich gleich nach Freiburg aufbreche, noch ein Video. In Dortmund kann man tatsächlich ungestört auf einer Parkbank sitzen und sechs Minuten über die einzig wahre Borussia, Bücher und das Fansein reden.

29. März 2013 von Jannik Sorgatz
Kategorien: Fohlengeflüster | 2 Kommentare

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