Der posttraumatische Pfaff

Es ist eine dieser Stellungnahmen aus der Kategorie “Wir befragen verdiente Ex-Spieler einer (National-)Mannschaft, auch wenn die wahrscheinlich nur Floskeln loslassen”. Nachzulesen im ZDF-Videotext:

Auf jeden Fall sollten die DFB-Kicker das Team aus dem Nachbarland besser nicht unterschätzen. Die Belgier könnten ebenfalls mit dem Ball umgehen und seien vor allem bei Einwürfen und Freistößen gefährlich, so Pfaff, der auf ein 1:1-Unentschieden hofft.

Es ist ein einziges Wort in diesen beiden Sätzen, an dem man hängen bleibt: an den “Einwürfen”. Jean-Marie Pfaff hat sechs Jahre für den FC Bayern gespielt und 61 Länderspiele für sein Heimatland Belgien absolviert. Bundesligageschichte schrieb er bekanntlich bereits bei seinem Debüt im Bayern-Tor. Bei einem Einwurf von Werder-Stürmer Uwe Reinders bewies Pfaff, dass man tatsächlich sogar auf diese Weise – wenn auch auf Umwegen – ein Tor erzielen kann.

Eine besondere Stärke der Belgier bei Einwürfen hat sich selbst ins grenznahe Gebiet nicht herumgesprochen. Da Eckbälle nicht explizit erwähnt werden, ist davon auszugehen, dass Pfaff diese angebliche belgische Spezialität namens Pommes, Pralinen Einwürfe wortwörtlich ausgesprochen hat. An die Adresse von Joachim Löw sei deshalb nur gerichtet: Das angefügte Video anschauen und Pfaffs Warnung in die Schublade mit den posttraumatischen Störungen ehemaliger Fußballer stecken.

Rückpass Leverkusen: Einsen für die Offensive

Das unglaubliche 6:3 in Leverkusen hat auch den “Kicker” nicht kalt gelassen. Mit Roel Brouwers, Marco Reus, Mo Idrissou und Patrick Herrmann haben es gleich vier Borussen in die “Elf des Tages” geschafft. Letzterer schwang sich mit seinem ersten Bundesliga-Doppelpack sogar zum “Mann des Tages” auf.

Logan Bailly (Kicker-Note 3): War bei Kießlings erstem Kopfball hellwach, beim Tor durch Derdiyok machtlos und hatte anschließend viel Glück, als Kießling die Latte traf. Zwei schwache Aktionen sorgten für Punktabzüge. Als er Brouwers‘ riskanten Rückpass Barnetta in die Füße spielte, verfehlte der das Tor nur knapp. Beim 3:6 sah Bailly schlecht aus – über ein Foul könnte man jedoch reden. Die 3 ist meines Erachtens zu gut, eine 4 wäre der Gegenvorschlag.

Filip Daems (Kicker-Note 3): Verlor das Kopfballduell gegen Derdiyok (1:1), als aber allgemeine Unordnung in der Defensive herrschte. Ansonsten mal wieder mit nur wenigen Akzenten nach vorne, die beim Offensivspektakel um Reus, Herrmann und Co. auch kaum gefordert waren. Gegen zugegeben schwierige Gegenspieler wie Renato Augusto und Castro selten zweiter Sieger. Die 3 geht in Ordnung.

Roel Brouwers (Kicker-Note 2): Bei einigen Hereingaben in der ersten Hälfte wie schon gegen Aue und Nürnberg nicht Herr der Dinge. Brachte Bailly mit seinem Rückpass mächtig in die Bredouille. Dafür traf er auf der anderen Seite zum ersten Mal in dieser Saison, als er bei Adlers Abpraller so wach war wie keiner der Bayer-Verteidiger. Bei drei Gegentoren ist die 2 trotz des Tores etwas zu hoch gegriffen – deshalb hier nur eine 3.

Dante (Kicker-Note 2): Ausflüge nach vorne waren diesmal kaum gefordert, Standards wurden entweder direkt verwandelt oder aber es glänzten Andere. Dafür machte Dante hinten stets den Eindruck, eher die Kontrolle zu haben als Brouwers. Meldete zum Beispiel Michael Ballack bei gegnerischen Standards vollkommen ab. Dass es gegen Nürnberg eine 2,5 gab und nun eine glatte 2, erscheint nicht richtig nachvollziehbar – deshalb geringfügige Abstufung auf eine 2,5.

Tobias Levels (Kicker-Note 3): Schlug sich wacker gegen Barnetta, ließ wenig zu. Wenn er sich nach vorne einschaltete, mangelte es manchmal an der Genauigkeit. In Erinnerung blieb sein sagenhafter Einsatz vor dem 2:5, als er halb im Liegen, halb im Sitzen Marco Reus auf Außen bediente. Überhaupt: vorbildlich geackert wie immer. Dass aus Levels kein technisch versierter Außenverteidiger mehr wird, ist bekannt. Die 3 ist gerechtfertigt.

Michael Bradley (Kicker-Note 2): Man hofft und hofft und glaubt es kaum – aber es könnte tatsächlich sein, dass da mittlerweile der Michael Bradley das weiße Trikot trägt, auf den man seit nunmehr zwei Jahren wartet. Stark in der Balleroberung, sicherer im Passspiel, mit viel Zug zum Tor. So wird es auch bald klappen mit dem ersten Saisontor. Die 2 ist richtig für den Amerikaner in WM-Form.

Thorben Marx (Kicker-Note 2,5): Gleiches wie für Levels gilt auch für Marx: seine Grenzen bei der Technik macht er mit Einsatz wett. Brachte manch einen Leverkusener zur Verzweiflung, weil er dem Gegner Ball um Ball abknüpfte. Seinen Schuss konnte Adler nicht festhalten, Brouwers staubte zum 2:1 ab. Marx verursachte später den Elfer und hatte nicht mehr die Fülle auffälliger Szenen in der Offensive. Eine 2,5 geht dennoch in Ordnung.

Juan Arango (Kicker-Note 2): Als er dann plötzlich sogar in Kopfballduelle ging und diese auch noch gewann, war klar, dass Juan Arango einen echten Sahnetag erwischt hatte. Sein Freistoß aus 29 Metern, passenderweise das Ende der 29 Spiele dauernden Torflaute, hat es leider nur auf Platz zwei der schönsten Treffer des Tages geschafft. Ansonsten brillierte Arango zusätzlich mit zwei Assists: Einmal nutzte Idrissou den Abpraller nach dem sehenswerten Volleyschuss des Venezolaners, anschließend überließ er Marco Reus vor dem 6:2 das Leder. Hier war der Kicker einmal sogar zurückhaltend: Wir erhöhen auf 1,5.

Marco Reus (Kicker-Note 1): Man ist Standardnoten eher gewohnt, wenn es darum geht, besonders schwache Teamleistungen abzustrafen. Genau am Gegenpol bewegte sich der Kicker bei Gladbachs Offensive. Marco Reus, mit einem Tor und ohne Vorlage vergleichsweise zurückhaltend auf dem Spielberichtsbogen, wirbelte in altbekannter Manier, glänzte mit großen Laufpensum und war wieder ganz und gar der Spieler, der sich bis in den Dunstkreis der Nationalmannschaft gespielt hat. Trotzdem geht‘s um 0,5 runter auf eine 1,5.

Patrick Herrmann (Kicker-Note 1): Nach Matmours glattem „mangelhaft“ in der vergangenen Woche, bewegt sich der 19-jährige Hermann in ganz anderen Sphären. Allein sein 3:1 – wie ein Tippkick-Spieler in den Winkel – war ein Treffer der Marke „das Eintrittsgeld wert“. Und wer in der 78. Minute noch auf den Torhüter geht und ihn in arge Nöte bringt, der hat eine glatte 1 rundum verdient.

Mo Idrissou (Kicker-Note 1): Pass auf Bradley, kein Tor, leider Abseits; langer Atem, noch längere Schritt, ein Schuss am Tor vorbei; starker Einsatz, Ball zu Herrmann, 3:1; Volleyschuss Arango, Parade Adler, Tor Idrissou – die Liste der tollen Aktionen des Neuzugangs ist lang gewesen. Dass er das Laufpensum tatsächlich 90 Minuten durchhielt – erstaunlich. Dass er Ende der Partie noch die Abgezockheit besaß, mit einem kleinen Lupfer einen Eckball rauszuholen – eine 1 wert.

Raul Bobadilla (75. eingew., keine Note): Hatte es nach seiner Einwechslung für den starken Arango beileibe nicht leicht, ebenso zu brillieren wie seine Nebenleute. Doch der Argentinier gab sich redlich Mühe, versuchte Fehler, die ihm unterliefen, gleich wieder gut zu machen. Etwas ungeschickt beim Versuch, einen Elfer zu schinden.

Sebastian Schachten (80. eingew., keine Note): Holte in seinem vierten Ligaspiel für die Borussia seinen ersten Sieg. Durfte ansonsten die blendende Stimmung genießen und fügte sich ordentlich ein in eine Mannschaft, der einfach alles gelang.

Roman Neustädter (85. eingew., keine Note): Half wie Schachten, das 6:3 über die Runden zu bringen. Zeigte noch einmal ein paar Minuten vollen Einsatz. Insgesamt eine dankbare Aufgabe, wenn jeder erfolgreiche Pass mit einem „Heeey“ von den eigenen Anhänger gefeiert wird.

Kicker-Schnitt: 2,05
Mein Schnitt: 2,27

Leverkusen – Gladbach: Spiel, Satz und Sieg

Man glaubt immer wieder, schon alles erlebt, alles gesehen zu haben. Doch wer soll auch einen 6:3-Sieg in Leverkusen für möglich halten? Niemand. Und genau deshalb gehört dieser Trip in die Stadt ohne Hauptbahnhof zweifellos zu den großartigsten in diesem Jahrtausend.

Mein Bruder lächelt. Nachdem die gute, alte Stecktabelle auch nicht mehr das ist, was sie mal war, gehört dieses Stück Pappe mit 38 Zentimetern Durchmesser zu den besten Beilagen des Kicker-Sonderheftes seit Jahren. Am Niederrhein bekommt man beigebracht, dem Gastgeber eine kleine Aufmerksamkeit als Dankeschön für die Einladung mitzubringen. Da bot sich das Meisterschalen-Imitat geradezu mit Nachdruck an. Frei nach dem Motto: Wollt Ihr auch mal anfassen, liebe Leverkusener?

Ganz nett: Die renovierte BayArena.

Es ist 12:26 Uhr. Der RE 13 nach Mönchengladbach fährt ein am Viersener Bahnhof. Nils sitzt schon drin. Er, mein Bruder und ich – die Kombination ist neu bei der 17. Auswärtsfahrt meines Lebens. Mit meinem Bruder im Alleingang ist die Quote geradezu sagenhaft. Ein Sieg in Cottbus, einer in Frankfurt und ein Fast-Sieg beim 2:2 in Hoffenheim. Waren neben den beiden Leverkusen-Mitfahrern noch andere Menschen wie meine Eltern mit dabei, sah es stets düster aus: Drei Niederlagen in drei Spielen, 1:11 Tore, jedesmal traf der Gegner mindestens dreifach. Was genau uns das auf dem Weg über Düsseldorf in die Stadt ohne Hauptbahnhof sagen soll, weiß zu diesem Zeitpunkt niemand so richtig. Erst Stunden später werden leise Vorahnungen deutliche Konturen annehmen.

Leverkusen präsentiert sich von seiner eher tristen Seite. Zu Fuß geht es vom Bahnhof Mitte zur BayArena. Die Dhünn ist voll von den Regenfällen der vergangenen Tage und Wochen. Gleiches gilt im übertragenen Sinne für unsere Hosen. 16 Jahre lang hat die Borussia nicht mehr gegen Bayer gewonnen. Warum sich das gerade an diesem Tag ändern sollte? Schlagkräftige Argumente haben wir kaum. Freitagabend stand ich mit einer Flasche Bier in der Hand neben Nils und philosophierte in alter Manier über das, was uns am Sonntag in Leverkusen wohl blühen würde. 40 Euro hatten wir überwiesen. Womöglich 40 Euro für eine ordentliche Klatsche. Ein Besuch im Dominastudio dürfte ähnlich schmerzhaft und mindestens so teuer sein.

5000 bis 6000 Gladbacher in Leverkusen

Nachdem ich früher ohne jede Erwartung zu Auswärtsspielen fuhr und die Wünsche mit der Zeit auf ein selbst erzieltes Tor steigerte, heißt die Losung nun: Wenigstens zwischendurch mal führen. Was die Zuschauer angeht, ist den Borussen knapp eine Stunde vor Anpfiff bereits der Führungstreffer gelungen. Die immer noch ziemlich neue BayArena ist so gut wie leer. Geschätzte 5000 bis 6000 Gladbacher werden bis zum Anpfiff einiges dazu beitragen, dass es doch noch voll wird. Derweil wirkt der kleine Stehplatzblock der Leverkusener in der gegenüberliegenden Ecke wie ein Gästeblock im eigenen Stadion.

Eine Stunde vor Anpfiff herrscht gähnende Leere.

Igor de Camargo hatte Anfang der Woche noch Hoffnungen auf ein Debüt am Wochenende geweckt. Ein Kapselriss im Sprunggelenk stoppte den belgischen Brasilianer erneut, der derzeit die Verletzungs- und sonstigen Querelen vergangener Millionen-Neuzugänge auf die Spitze treibt. Gleichzeitig streikte Karim Matmours Achillessehne, was bei allem Respekt so wenig Sorgenfalten auf die Stirn der Allgemeinheit zauberte wie Geschenke unterm Weihnachtsbaum. Für Matmour kommt Patrick Herrmann in die Startelf. Marco Reus rückt in die Mitte, so dass die Borussia beinahe so beginnt wie die deutsche Nationalmannschaft in ihren sieben WM-Spielen.

Von Reihe 9 aus macht das Spielfeld den Eindruck, es genüge nicht unbedingt offiziellen FIFA-, sondern lediglich den Bestimmungen des Deutschen Handballbundes. Auf gefühlten 40×20 Metern belassen es beide Mannschaften in der Anfangsviertelstunde bei zaghaftem Beschnuppern und geduldigem Tempo. In der 13. Minute steht Mo Idrissou im Abseits, seinen Querpass hat Michael Bradley ohnehin nicht im Tor unterbringen können. Nach dem Abseitsfestival von Nürnberg befürchte ich gleich die nächste Fahnen-Orgie. Um auf Nummer sicher zu gehen, holt sich Idrissou den Ball daraufhin erst am gegnerischen Strafraum. Vidal lässt sich mit der Nachlässigkeit eines faulen Kindes bei den Hausaufgaben den Ball abnehmen. Idrissou stakst an ihm vorbei. In der Mitte rauscht Herrmann heran und tippt den Ball über die Linie, bevor René Adler und Co. überhaupt realisiert haben, dass es gefährlich werden könnte. Das Mindestziel, die Führung, ist erreicht. Stolz reckt mein Bruder die Meisterschale in die Luft. Da ist das Ding. 1:0 für Gladbach.

Idrissou in Usain-Bolt-Manier

Nach einer Standardsituation verpasst Bradley das 2:0 und zeigt Gnade, wie sie an diesem Nachmittag Seltenheitswert hat. Nur vier Minuten nach dem Führungstreffer kommt es dann, wie es bei der Borussia eigentlich immer kommt. Arango verteidigt auf Außen nachlässig, Castro darf flanken und Derdiyok gegen die indisponierten Daems und Brouwers zum Ausgleich einköpfen. Ich bin gelassen wie selten bei einem Gegentor und wundere mich selbst, dass ich die Bescheidenheit so verinnerlicht habe. Wer mit wenig rechnet, darf schließlich nicht viel erwarten.

Ganz nah dran in der BayArena, Block F4, Reihe 9.

Doch diesmal ist es anders. In den Folgeminuten wird deutlich, dass die Borussia das Konterspiel der vergangenen Saison keineswegs verlernt, sondern lediglich vertagt hat. Idrissou spaziert in Usain-Bolt-Manier mit nur vier Schritten von der Mittellinie in den Leverkusener Strafraum. Dabei übersieht er zwar Marco Reus, bringt jedoch immer noch einen gefährlichen Flachschuss zustande. Gut eine halbe Stunde ist rum, als es mit der Herrlichkeit anscheinend ein für allemal vorbei ist. Kießling bogenlampt einen Kopfball von der Strafraumgrenze an die Latte. Bailly hat dabei Glück, dass ihm der Ball nicht auf den Rücken fällt. Noch hat niemand einen blassen Schimmer, dass die letzten ruhigen Minuten laufen, bevor diese Partie für dreißig Minuten plus Halbzeit zum ballgewordenen Wahnsinn auf Erden wird.

In der 39. Minute ist Bradley nah dran an seinem ersten Saisontor. Adler hält. Die anschließende Ecke verdient sich keineswegs das Sportschau-Prädikat „brachte nichts ein“. Stattdessen stellt Reus den Bayer-Keeper mit einer Direktabnahme in Robben-Manier (gemeint ist der Spieler, nicht das Tier) vor die nächste Herausforderung. Als Marx einen Abpraller direkt wieder in Richtung Tor befördert sind aller guten Dinge tatsächlich einmal drei. Der Ball bahnt sich seinen Weg durch die Abwehr hindurch wie ein Auto im Mont-Blanc-Tunnel. Adler lässt abprallen und Roel Brouwers sorgt mit seinem ersten Saisontor für jede Menge Licht am Ende der Betonröhre. Schale in die Luft, Becker-Faust, 2:1 für den VfL.

Tippkickfigur Herrmann in den Winkel

Direkt im Anschluss zeichnet sich ab, dass dieses Fußballspiel keineswegs einen Platz in der Economy Class gebucht hat, sondern so mitreißend ist wie ein Fallschirmsprung ohne Fallschirm. Brouwers prüft Bailly mit einem riskanten Rückpass. Der Belgier kann mit Rechts nur halbhoch klären. Barnettas Schuss aus 35 Metern verfehlt das Tor nur hauchdünn.

Gedränge im Gästeblock, Logenplätze für die Bundespolizei - für beide ein schöner Tag.

Wer nach so vielen Turbulenzen ausgelaugt den Halbzeitpfiff herbeisehnt, wird enttäuscht und entschädigt zugleich. Arango und Idrissou werden gleich zwei mögliche Elfer versagt. Während die Leverkusener Hintermannschaft mit den beiden Opfern und Schiri Stark eine Diskussionsrunde à la „Hart, aber fair“ eröffnet, hat Patrick “Frank Plasberg” Herrmann keinerlei Interesse an halbherzigen Debatten. Wie eine Tippkickfigur zieht er mit dem Außenrist aus 17 Metern ab. Als das Ding im linken Winkel einschlägt, ist der Gästeblock endgültig völlig losgelöst von der Erde. Tags zuvor habe ich noch aufgeschlüsselt, dass die meisten „Tore des Jahres“ im Oktober und November fallen. Der August darf nun wieder Hoffnung schöpfen. Denn es ist ja bekannt: Wenn Borussen ein „Tor des Monats“ erzielt haben, ist die Abstimmungfreudigkeit am Niederrhein Ende des Jahres kaum aufzuhalten.

Zur Pause führt die Borussia mit 3:1 und ich muss kurz überlegen, wann sie zuletzt drei Tore in einer Halbzeit auf fremdem Platz geschossen hat. Mir fällt es schnell wieder ein und im selben Zug weiß ich, wann sie am gleichen Tag auch drei in einer Hälfte kassiert hat. Auf ein Bochum-Revival hat keiner der gut 5000 Borussen Bock. Also lautet die Devise für die zweiten 45 Minuten: Aufs vierte Tor spielen und das nicht für möglich Gehaltene möglich machen.

Arango und ich – erfolgreich im jeweils 700. Versuch

Bis auf einen Schuss von Reus, der übers Tor geht, gewähren beide Mannschaften den 30 000 in der ausverkauften BayArena zunächst eine zehnminütige Ruhepause. Dann gibt es Freistoß für die Borussia, halbrechte Position, 29 Meter Torentfernung – Arango-Time. Ich zücke meine Kamera und denke an meine Festplatte, auf der circa 700 Videos von Freistößen rumlungern, die ich in der Hoffnung, einmal einen Treffer zu filmen, in den vergangenen Jahren aufgenommen habe. Doch ich bleibe hartnäckig, drücke auf „Rec“. Die rote Lampe leuchtet, Marx und Arango diskutieren noch mit Stark über den Abstand der Mauer. „Mach’ einfach, den machse doch so drübber!“, ist auf nun in dem Video zu hören, als Arango anläuft. Sechs Schritte, zwei Sekunden Flug – und eine halbe Minute im Delirium. Es steht 4:1, mein Bruder präsentiert die Meisterschale. Da ist Ding. Und langsam beginnen wir im Rausch der Auswärtsfreude dran zu glauben.

Größenwahnsinn und Selbstironie gehen manchmal Hand in Hand.

Nach der wahrhaftigen Welle der Begeisterung sind gerade erst alle Fans wieder im richtigen Block auf dem richtigen Platz angekommen, da dreht ein Foul von Marx an Vidal die Uhr zwei Minuten zurück. Den berechtigten Elfer verwandelt der Chilene selbst. Wieder zwei Tore Vorsprung, wieder keine Entscheidung. Doch zum Glück darf man manchmal Texte schreiben, in denen Absätze so sinnlos sind wie ein Kreuz bei der FDP. Auf der Gegenseite ist der Ball schon wieder weg, als Levels sich ihn zurückholt. In einer Mischung aus Liegen, Sitzen und Stehen bedient er Reus auf der rechten Seite. Dessen Flanke mit sagenhafter Übersicht nimmt Arango Volley. Adler lässt den brillanten Angriff mit einer Riesenparade nicht mehr ganz so einseitig wirken. Aber Idrissou stellt den Satz „Da muss ein Stürmer stehen“ pantomimisch dar und drückt den Ball zum 5:2 über die Linie.

Mittlerweile erreichen mich die ersten SMS von Freunden, die eigentlich anderen Vereinen anhängen. Darin wimmelt es von Wörtern wie „Wahnsinn“ und „unglaublich“. Bevor überhaupt klar ist, wann die Borussia letztmals fünf Auswärtstore in der Bundesliga erzielt hat (1997 in Karlsruhe, by the way), geht es in der 69. schon weiter. Arango sieht Reus, der mit so einer Leichtigkeit mit links in den Winkel trifft, dass man sich schon sehr heftig zwicken muss, um sich einen Fohlen-Vergleich zu verkneifen. Schnell die Kamera raus und auf der Anzeigetafel ein Stück Vereinsgeschichte festgehalten. Denn sechs Treffer in der Fremde hat es zuletzt vor mehr als 23 Jahren, am 21. März 1987, beim 7:1 in Bremen gegeben. Ligaübergreifend kann das ebenso legendäre 7:1 in Offenbach kurz vor der Rückkehr in die Bundesliga noch mithalten. „Alter, was geht denn da ab?“, fragt Studienfreund und Schwabenfan Sebastian per SMS. Meine Antwort: „Ich weiß es nicht. Und dabei passiert das alles 20 Meter vor meinen Augen.“

Die Top 5 des Tages

Vermutlich kürzer als das Schreiben dieser Zeilen nach dem 2:6 dauert es jedoch, bis Kießling den Anschluss-Anschluss-Anschlusstreffer für die Gastgeber erzielt. Bailly sieht schlecht aus, aber über ein Foul könnte man selbst acht Meter vor dem Tor reden. Nils hat plötzlich wieder das Bochum-3:3-Gesicht aufgelegt und will den Drops noch nicht als gelutscht verkünden. Nach sieben Treffern in nur 30 Spielminuten sind alle fertig wie nach einer Zugfahrt von Gladbach bis zum Nordkap. Zwischendurch wird es sogar kurz ein paar Minuten still, als müsse der Gästeblock die Geschehnisse erst einmal sacken lassen. Dann blüht der Gesang wieder auf. Hier die Top 5 des Tages:

5. „Philipp La-ahm“ – eine Ode an Michael Ballack
4. „Ein Schuss, ein Tor, Borussia“ – in sechsfacher Ausgabe
3. „…und wir werden Deutscher Meister“ – Grüße aus dem Auswärtssieg-Delirium
2. „Ihr werdet nie Deutscher Meister“ – mit Schalen-Choreo meines Bruders
1. „Die Nummer eins am Rhein sind wir“ – oh ja, so ist es

In der Schlussviertelstunde liegt ein 5:7 oder gar ein 6:8 noch immer im Rahmen des Möglichen. Doch bis auf eine schier endlose Passstaffette der Borussia, bei der jedes Abspiel mit einem „Heeey“ bedacht wird, passiert nicht mehr viel. Nach dem 3:6 hieß es demnach: Spiel, Satz und Sieg, Borussia. Ganz großes Damentennis, was sich 90 Minuten lang in der BayArena abgespielt hat.

Angst vor Edith Piaf

Mit meinem fünften Auswärtssieg in anderthalb Jahren (Köln, Cottbus, Hamburg, Frankfurt, Leverkusen) wird gleichzeitig die Tatsache untermauert, dass die Borussia in der Bundesliga keine Auswärtssiege mehr einfahren kann, wenn ich nicht dabei bin. Seit dem 2:0 in Bundesliga im November 2008 hat der VfL in 18 Auswärtsspielen ohne mich gerade einmal drei Unentschieden geholt. Ich kann ja nichts dafür. Fest steht: Meine Eltern sind fürs Erste von Auswärtsfahrten verbannt und mein Bruder bekommt den Auftrag, sein Taschengeld besser an die Seite zu legen.

Ein Stück Gladbacher Vereinsgeschichte - die Anzeigetafel nach 72 Minuten.

Nach dem Spiel darf Mo Idrissou (nunmehr drei Treffer in drei Pflichtspielen) seine erste „Humba“ anstimmen. Was er genau nach einem beherzten Sprung in den Stehblock ins Megaphon buchstabiert, ist nicht zu hören. Es müssen jedoch mehr als ein H, U, M, B und A gewesen sein. Auf dem Rückweg gießt es aus Eimern, die Dhünn ist noch voller geworden. Doch es ist, als perlten die Tropfen einfach so von unseren Regenjacken ab. Wir schweben zum Bahnhof und steigen in den Sonderzug nach Hause. Plötzlich taucht der Dom in der Ferne auf, der Zug fährt am Colonius, dem Kölner Fernsehturm vorbei. Offensichtlich dreht der Lokführer eine Ehrenrunde durch die Stadt des Tabellenschlusslichts, das erst in jenem Minuten die rote Laterne an den VfB Stuttgart abgibt.

Man glaubt immer wieder, abgesehen von großen Titeln, schon alles erlebt zu haben. Wer soll denn bitte auch ein 6:3 in Leverkusen auf dem Schirm haben? In Führung gehen – ein realistischer Wunsch. Einen Punkt entführen – selten gesehen. Den ersten Sieg nach 16 Jahren einfahren – warum ausgerechnet an diesem Tag? So wie die Borussia in Leverkusen, 6:3, spielt man vielleicht Eishockey. Nachdem ich letztens „Inception“ im Kino gesehen habe, fürchte ich noch immer, dass Edith Piaf mich mit „Non, je ne regrette rien“ gleich aus diesem unfassbaren Traum holt. Und selbst wenn, dann wäre es der beste aller Zeiten gewesen.

Hier gibt’s Fotos von der Auswährtsfahrt auf Facebook.

Tor des Jahres: Zur richtigen Zeit am richtigen Ort

Fußballfakten sind wie Prominente: Man kann sie problemlos in die Kategorien A, B, C oder D einteilen. Eine lebenswichtige Portion D-Wissen gibt’s diesmal zum Thema “Tor des Jahres”. In welchen Stadien und in welchen Monaten sind die meisten gefallen?

Am richtigen Ort:
4x Olympiastadion (München)
2x Bökelberg (Mönchengladbach), Neckarstadion (Stuttgart), Fritz-Walter-Stadion (Kaiserslautern), Giuseppe-Meazza-Stadion (Mailand), Veltins-Arena (Gelsenkirchen), Waldstadion (Frankfurt), Ulrich-Haberland-Stadion (Leverkusen)
1x insgesamt 21 Stadien

Noch nie ein Tor des Jahres ist damit gefallen in den aktuellen Bundesligastädten (und -dörfern) Hamburg, Hannover, Nürnberg, Mainz, Freiburg und Hoffenheim. Stand Ende Juli ist eine Änderung noch nicht in Sicht.

Zur richtigen Zeit:
8x Oktober
7x November
5x August
4x April, September
3x Juni
2x Juli, Dezember
1x Januar, Februar, März, Mai

Mit beinahe 50-prozentiger Wahrscheinlichkeit ist das Tor des Jahres 2010 also noch gar nicht gefallen. Seit 1992 scheint sich das allgemeine Befinden des Gedächtnisses enorm verbessert zu haben: Von 17 Auszeichnungen fielen in diesem Zeitraum nur drei in die Monate Oktober bis Dezember. Zuvor waren es 14 von 22.

Geordnet nach Jahren, Schützen, Stadien und Monaten: Alle 39 Tore des Jahres.

Die Liga der Anderen (I): Grün-brauner Zwiespalt

In der “Liga der Anderen” kommen jeden Freitag Fans diverser Profiklubs zu Wort, die über ihr aktuelles Seelenleben erzählen. Mit dabei: Bremen, St. Pauli, Schalke, Leverkusen, Dortmund, Duisburg und Bochum. Grenzen sind ihnen dabei keine gesetzt. Den Anfang macht Dennis – 24-jähriger Lüneburger, Ex-Hamburger und Wahl-Dortmunder – mit einem kleinen Exkurs: Wie wird man eigentlich Anhänger einer bestimmten Fußballmannschaft? Und wie gleich von Zweien?

Von Dennis (Bremen und St. Pauli)

Ich denke, ausschlaggebender Faktor sind oft prägende Erlebnisse in frühen Kindstagen. Du wirst als kleiner Bub mit ins Stadion geschleppt; als Anhängsel eines Verwandten, behangen mit Fanschals, die länger sind als du selbst. Die Viren, die sowohl auf den Rängen als auch in der Luft grassieren, sie infizieren dich mit der Fan-Krankheit. Unerwartet trifft sie dich, volle Breitseite, und ergreift Besitz von dir, ehe du auch nur zwei Spieler kennst (klar, einen Spieler kennst du sofort: meistens ist es der eine da, der gerade das erste Tor geschossen hat. Dein neuer Lieblingsspieler). So beginnt sie oft, diese angenehme Besessenheit, die dich bei Wind und Wetter ins Stadion lockt und Wörter rufen lässt, für die deine Mutter dir den Mund mit Seife auswaschen würde.

Ein anderer, wesentlich banalerer Grund, sind Farben. Lieblingsfarben. Wer kennt das nicht; Kinder, die auf Blau stehen, tingeln wahlweise im Hamburg-, Bochum- oder Schalke-Trikot umher. Freunde der Sonne pflastern ihr Zimmer mit Postern gelber Dortmund-Stars.

Ich für meinen Teil, der weder Kot noch Nazis mag, bin St. Pauli-Fan. Kastanien fand ich früher zwar super, doch mit der Farbe Braun hat mein Sympathisantentum nichts zu tun. Es ist vielmehr eine Trotzreaktion gewesen, ein prägendes Erlebnis in der Kindheit. Lange Zeit bevor ich offensichtlich richtig denken konnte, mit elf Jahren, war ich Bayern-Anhänger. Ich glaube, weil das Logo so schwierig zu malen war. Eine klasse Herausforderung war das. So stand ich da, in meinem Zimmer. Klinsmann-Trikot, Schal, Bettwäsche, Wimpel, Wecker, bescheiden gemaltes Logo – das komplette Programm. Klinsi war für mich der Größte. Ich kann mich an einen Zeitungsausschnitt erinnern „Klinsmann erzielt 100. Bundesligator“, den ich über mein Bett hing. Ein toller Tag.

Die doppelte Liebe

Ein Treffen mit dem unsagbar unfreundlichen Thomas Strunz änderte jedoch alles. Keine Beachtung, kein Autogramm, nur Pöbelei des platinblonden Miesepeters. Ein gebrochenes Fanherz und einen Bayern-Hassschwur auf Lebenszeit später zog es mich zum Club mit den bewiesenermaßen geilsten Fans der Welt – den St. Paulianern. Keine erfolgsverwöhnten, überbezahlten Proleten, weder auf dem Platz noch auf den Rängen. Das war meine Welt. Allesamt ehrliche Arbeiter (zumindest auf dem Rasen). Schnell begann die Abgrenzung zum HSV, dem anderen Verein der Stadt. Ich fragte mich, wie ein Verein, der seit Jahrzehnten nichts geleistet hat, immer wieder solche Ansprüche an sich stellen konnte. Geld war da, ok. Aber ansonsten?

Nun ist es so, dass sich im Laufe der Zeit eine zweite Liebe entwickelt hat. Anfangs war es nur ein schüchternes Hinübergucken, doch nach und nach wurde daraus ein heißer Flirt. Dieser Flirt hieß SV W. aus B. Auch eine tolle Truppe. Andreas Herzog (das Ausrutsch-Jahr im Süden sei ihm verziehen) und Konsorten.

Jetzt kann ich auch endlich die vielmals gestellte Frage beantworten: Wie kann man zwei Vereine lieben? Hier gingen die beiden oben genannten Aspekte einher. Die Antipathie zum HSV und die Vorliebe für die Farbe Grün. Was lag da näher als die Kicker von der Weser? Dazu gesellte sich die Tatache, dass der Abstieg Paulis aus der Zweiten in die Regionalliga auch mediales Desinteresse nach sich zog. So wurde es für mich, der nicht oft die Option zu Stadionbesuchen hatte, schwierig, meinem Verein wenigstens am Fernseher die Daumen zu drücken. In den Folgejahren war dieser Fanzwiespalt auch immer leicht zu vereinbaren. Die beiden Mannschaften trafen ja selten aufeinander.

Teufelskerl Martin Driller

In der vergangenen Saison spitzte sich die Angelegenheit zusehends zu. Das Szenario ist bekannt. Die „Kiez-Kicker“ legten los wie die Feuerwehr. Eine starke Saison, die mit dem ultimativen Höhepunkt gekrönt wurde: Zum 100-jährigen Bestehen beschenkten sich Ebbers und Co. selbst und stiegen nach knapp zehnjähriger Abstinenz wieder in die Bundesliga auf. Endlich! Nach den Feierlichkeiten trat jedoch meine Bredouille auf den Plan: Für wen gröle ich denn nun lauter? Pauli oder Bremen?

Auf den ersten Blick: klar, St. Pauli. Sie haben mich zwar des Öfteren im Stich gelassen; auch ich habe sie oft verflucht. Damals, 6:0 in Bochum verloren. Richtig, Bochum. Das Bochum. (Da fällt mir gerade dieses Lied ein… mit der „zweiten Liga“ und „nie mehr“. Aber das ist eine andere Geschichte. Die weiß Max zu einem späteren Zeitpunkt sicherlich besser zu erzählen.) Es gab aber andererseits auch viele schöne Momente. „Weltpokalsiegerbesieger“ oder was habe ich beim 4:4 gegen Schalke gefeiert. Ich sage nur: Martin Driller, der Teufelskerl.

Generell bin ich eher der Underdog-Sympathisant, daher schien die Marschroute klar: Daumen drücken am Millerntor, wenn ich es denn mal nach Hamburg schaffe. Ansonsten gebe ich aus der Ferne mein Bestes. Oder halt im Auswärtsblock sämtlicher Pott-Städte.

Verkehrte Welt zum Auftakt

Bremen braucht meine Unterstützung weniger. Es wird auch ohne Özil angreifen und versuchen, seinen Ansprüchen gerecht zu werden. So dachte ich zumindest bisher. Doch siehe da: Pustekuchen. Freiburg 1, Pauli 3. Bedeutet vorübergehend Tabellenplatz Drei. Ausgezeichnet, ein guter Anfang!

Auf der anderen Seite: Hoffenheim vier, Bremen eins. „Willst du Bremen oben sehen, musst du die Tabelle…“. Ja, danke. Und wenn man einmal ins Klo gegriffen hat, warum dann nicht noch gründlich herumwühlen. Zack, Bayern im DFB-Pokal. Und dann die ersten 92 Minuten beim Rückspiel in Genua. Es schien, als hätte sich der Zonk hinter jedem Tor versteckt. Gut, Paulis Pokalschreck Chemnitz ist jetzt auch keine Fußballübermacht. Aber wie gesagt, zwischen den Ansprüchen beider Teams liegen Welten. Hier haben wir die Champions League und ein schielendes Auge Richtung Tabellenspitze. Beim FC St. Pauli steht “Mission Nichtabstieg” auf der Agenda.

Aber das war ja erst der Anfang. Nun bin ich gespannt, wie es in den kommenden Wochen und Monaten weitergeht. Ich denke mal, dass sich „meine“ Teams schnell wieder annähern werden und wahrscheinlich auch die Plätze tauschen. Bremen hat gegen Genua noch einmal die Kurve bekommen, die Bundesliga wird es ihnen im Hinblick auf die Fünfjahres-Wertung danken. Am Wochenende empfängt St. Pauli die Hoppenheimer, Bremen darf Köln versohlen. Mir soll’s letztlich gleich sein. Solange Pauli nicht absteigt und Neuzugang Wesley gegen Wolfsburg Diego wegledert, bin ich zufrieden. Bremen in den CL-Rängen wäre wünschenswert; abwarten, was die Konkurrenz aus Dortmund, Leverkusen und Schalke macht.

Was kann man letztlich mehr wollen, als seine zwei Lieblingsteams in einer Liga? Und die Tatsache, dass ich gerade nicht genau weiß, wen ich mehr anfeuern soll, kann ich getrost als Luxusproblem bezeichnen. Alles ist besser, als den Bayern die Daumen zu drücken. Danke, Thomas Strunz.

Gastspiel auf spox.com

Wer einen Blick nach rechts in die Sidebar wirft, dem wird direkt über dem Logo des Sportbloggernetzwerks eine Neuerung auffallen: Seit Saisonbeginn bin ich nicht mehr nur hier im Blog aktiv, sondern steuere regelmäßig etwas zur neuen User-Redaktion auf spox.com bei.

Für das Treiben hier auf “Entscheidend is auf’m Platz” bedeutet das keinerlei Änderungen. Dafür findet man bei Spox von nun an beispielsweise wöchentlich einen Beitrag “Zur Lage der Rautennation” am Niederrhein.

Wer neben der Borussia auch an kenntnisreichen Einwürfen zu anderen Vereinen interessiert ist, dem seien die Texte der User dort besonders ans Herz gelegt. Kress.de berichtet von 60 000 Mitgliedern in der Spox-Community, täglich würden 8 000 Kommentare abgegeben – das ist ein ziemlich großes Fußballstadion mit viel lebhafter Diskussion.

Die Gladbach-Gruppe ist derzeit noch eher ein Grüppchen. 24 Mitglieder werden gleich von neun anderen Bundesligisten überboten. Doch das soll sich ändern. Neben einem Forum bietet Spox jedem User auch die Möglichkeit, selbst in Form eines Blogs seinen Senf zu einem beliebigen Thema abzugeben – schnell und unkompliziert. Schaut’s Euch an: Vielleicht ist für den einen oder anderen ja etwas dabei.

Schwarzweißmalerei im Namen der Tröte

“Zuschauerrekord im WM-Stadion Soccer City” stand Montag in der Zeitung. Und irgendwie beschleicht mich das Gefühl, dass dies nicht der eigentlich Kern der Nachricht ist, den die Rheinische Post (bzw. der SID) da loswerden wollte.

Südafrika spielte gegen Neuseeland, der Ball war ein Ei, Rugby hieß die Sportart und 90 000 kamen, um sich das 22:29 anzusehen. Zu den meistgehörten Dingen der WM – bei der an sich viele Hintergrundinfos das Potenzial hatten, den Titel der meistgehörten zu erringen – gehörte sicherlich der Hinweis, dass Fußball in Südafrika bekanntlich der Sport der schwarzen, Rugby der Sport der weißen Bevölkerung sei.

“Bemerkenswert” fand es der SID, dass im Stadion “nicht eine einzige Vuvuzela” ertönte – die Veranstalter hatten die Tröten des Trommelfelltodes kurzerhand verboten. Halbwegs aufmerksamen Fernsehzuschauern und Stadionbesuchern werden die wohlklingenden Geräusche vom ersten Bundesligaspieltag nicht entgangen sein. Kein Geräusch ist manchmal eben auch ein Geräusch. Sechs Vereine haben offizielle Verbote ausgesprochen, viele andere hoffen auf einen Trend zum Trötenverzicht. So sang man vergangenes Wochenende lediglich die Freude über die Rückkehr des Fußballs gepflegt in die Welt hinaus, nüchtern, kalt und emotionslos wie man in Deutschland eben so ist.

Fehlpässe aus dem Stand wurden wieder mit einem entnervten Raunen bedacht, Tore mit einem entfesselten “Jaaaa!” bejubelt und der gegnerische Torwart als masturbierende Gesäßöffnung mit einer im Rotlichtmilieu tätigen Mutter bezeichnet. Und auch wenn die Notwendigkeit letzterer Nebenerscheinung angezweifelt werden darf: Man kann Raphael Schäfer und alle anderen Keeper der Liga ja gerne mal fragen, ob ihnen 12 000 Vuvuzelas lieber sind.

Rückpass Nürnberg: Licht und Schatten

Mit dem „Rückpass“ bringt die neue Saison auch eine neue Rubrik bei „Entscheidend is auf‘m Platz“. Da die Kicker-Noten in der Regel so ausgiebig diskutiert werden wie das neueste ZDF-Politbarometer, dienen sie hier als Ausgangspunkt. Zustimmung? Zu streng? Zu gutmütig? All das wird von nun an jeden Dienstag hier Thema sein. Los geht‘s mit dem Nürnberg-Spiel.

Logan Bailly (Kicker-Note 2): Bekam bei Pinolas erstem Warnschuss die ganze Flatter-Wucht des runden Kollegen „Torfabrik“ zu spüren. Machte das Beste draus und rettete wenig später erneut gut gegen Gündogan. Ihn beim Herauslaufen zu beobachten, glich wie immer einem DVD-Abend mit vier Psychothrillern. Seine Parade gegen Schieber hielt in der 73. den Punkt fest – da geht die 2 schon in Ordnung.

Filip Daems (Note 3,5): Man kramt rum im Kopf und überlegt, was haften geblieben ist. Überraschend für den Captain: Sowohl positiv als auch negativ kann ich mich nur an seinen Vorstoß samt Schussversuch kurz nach dem 1:1 erinnern. Spricht für eine wenig aufsehenerregende, solide Leistung. 48 Ballkontakte sind etwas wenig für einen Linksverteidiger, aber da kann er nicht unbedingt am meisten für. 3,5 – passt schon.

Roel Brouwers (Note 4,5): Wie er unter der Flanke zum 0:1 durchsegelte, verdiente sich schon das Prädikat „kapitaler Schnitzer“. Ansonsten sehr hölzern in der Spieleröffnung und auch im Zweikampf nicht immer souveräner Herrscher. Macht gefühlt nach dem ebenso schwachen Aue-Spiele ein „mangelhaft“, ohne Vereinsbrille ist die 4,5 gerechtfertigt.

Dante (Note 2,5): Ob der Kicker so etwas wie besonderen Einsatz beim Zetern, Ärgern und Aufregen berücksichtigt? Da war Dante, den die dürftige Leistung offensichtlich wurmte, stets ganz vorne dabei. Gegeben hat er, wie immer, alles. Traute sich zudem einige Vorstöße zu. Leider fiel ihm häufiger nichts anderes ein als der lange Pass in die Spitze, „bereitete“ so einige Abseitsstellungen vor. Trotzdem souveräner Auftritt mit verdienter 2,5.

Tobias Levels (Note 3): War in der Offensive wie gewohnt präsenter als Daems, wagte aber noch zu selten einen Vorstoß zur Grundlinie. Hinten ohne große Blöße, aber auch wenig gefordert. Was macht der Kicker da? Zückt die berühmte Standard-3. Irgendwas wird er sich dabei ja denken.

Michael Bradley (Note 3): Stets bemühte Leistung des WM-Fahrers. Wobei das nicht immer das beste Zeugnis ist. Schlüpfte merkwürdigerweise häufiger in die Marx-Rolle als defensiver Part der Doppelsechs. Nicht immer genau bei Zuspielen, dafür mit zwei feinen Offensivaktionen (Heber und Schuss). Guter Auftritt minus einiger Fehler macht eine gerechtfertigte 3.

Thorben Marx (Note 3,5): Traute sich einiges nach vorne zu, während er sich neben dem offensiveren Bradley sonst eher zurückhält. Dabei gelang ihm leider nicht allzu viel. Dass aus der Distanz zu viele Schüsse aufs Tor kommen, ist in der Regel seiner und Bradleys „Verdienst“. Abgestellt ist die Krankheit aus der vergangenen Saison noch nicht. Fand ihn vielleicht sogar mehr als eine Nuance schwächer als Bradley. 4 wäre auch in Ordnung gewesen.

Juan Arango (Note 5): „Ich dachte, der wär‘ in Topform“, sagte mir meine Mutter im Stadion mehr als nur einmal und schaute mich fragend an. Seinen Auftritt gegen Liverpool, endlich als Aran-Go, hatte sie leider nicht gesehen. Jetzt schlüpfte er wieder in die alte Rolle von Aran-Stand. Schwache Standards, kaum Einsatz, legte das Flügelspiel so leider lahm. Da geht nur eine 5.

Marco Reus (Note 3): Beim Kicker gehen Torbeteiligungen scheinbar über alles und katapultieren die Note in ansonsten unverdiente Sphären. Marco Reus kam bis auf seinen Pass auf Mo Idrissou 90 Minuten lang nicht in Fahrt, wirkte beinahe vom Arango-Syndrom infiziert und versteckte sich auf der Außenbahn. Zog es ihn nach innen, fehlten Genauigkeit und Durchschlagskraft. Eine 4 hätte es besser getroffen – und da wäre der Assist noch immer anerkennend berücksichtigt.

Karim Matmour (Note 5): Auch zu Beginn des dritten Jahres hat man weder das Gefühl, dass Matmour in Gladbach angekommen ist, noch dass er es überhaupt jemals sein wird. Verschwindend wenige Ballkontakte, brachte nur vier von neun Pässen zum Mann. Der Applaus des Publikums bei seiner Herausnahme schien Dankbarkeit zu signalisieren – für die Auswechslung selbst. Eine 5 aus dem Lehrbuch.

Mo Idrissou (Note 2): Der Kicker scheint sich ganz in den Überschwang einzureihen, dass der VfL – man mag es noch gar nicht glauben – da vielleicht wirklich einen mit Torjägerqualitäten verpflichtet hat. Zum Tor und großem Bemühen gesellten sich zwar noch einige Abstimmungsprobleme. Macht unterm Strich aber eine verdiente 2.

Raul Bobadilla (64. eingew., keine Note): Womöglich konnte der wieder genesene Argentinier froh sein, nicht vier Minuten früher und damit rechtzeitig für eine Kicker-Bewertung eingewechselt worden zu sein. Sein Nicht-Tor (aus sieben Metern fünf Meter über den Kasten) sorgte für eine angenehme Mischung aus blankem Entsetzen und Erheiterung. Wir warten – auf den Knoten.

Patrick Herrmann (83. eingew., keine Note): Seinen frischen Wind hätte es vielleicht etwas früher gebraucht. So brachte er nur noch den feinen Linksschuss in Richtung Winkel zustande, den Schäfer glänzend rausfischte. Defizite im körperlichen Bereich wird er weiterhin haben. Aber derzeit gehört er sicher zu den ersten 14.

Kicker-Schnitt: 3,36
Mein Schnitt: 3,50