Komm’ Welt, lass’ dich umarmen
Saison 2011/2012: 18. Spieltag - Gladbach 3:1 Bayern
Ich müsste einen Mastbetrieb für Phrasenschweine gründen, wenn ich es so oft sagen würde, wie ich derzeit das Bedürfnis habe: Entscheidend is auf’m Platz! Der Freitagabend im Borussia-Park hat mehr denn je als Beweis gedient. Was bleibt, ist die Frage, wo das noch hinführen soll.

Am 21. Dezember 2012 geht die Welt unter. Das dürfte mittlerweile bei jedem angekommen sein. In den vergangenen drei Wochen wurde man aber den Eindruck nicht los, dass das Ende von allem für Borussia Mönchengladbach einer Erlösung gleichkommen wird. Immerhin ist es weitaus angenehmer, wenn ein Kalender das Licht ausmacht und nicht der Weggang eines 22-jährigen Fußballspielers.
Bis zum Trainingsauftakt Anfang Januar war der Plan folgender: Eine ordentliche Rückrunde spielen und die Europacup-Qualifikation ohne großes Zittern perfekt machen. 20 bis 24 Punkte hat schließlich selbst in den vergangenen Jahren ab und an jene Borussia gepackt, die sich schon damals die “einzig wahre” nannte, irgendwie aber eine ganz andere war als die von heute.
Es sollte also ein Wunder im Vorbeigehen werden. Nun ist der Plan nicht über den Haufen geworfen, aber er ist zu einer regelrechten Mission geworden. Denn so sehr die Vereinsuntergangs-Szenarien genervt haben: Ich habe es insofern geglaubt, als ich davon ausgehe, dass ein “Jetzt oder nie” tatsächlich angebracht ist. Ok, einigen wir uns auf “Jetzt oder deutlich später”. Es geht um Europa und um nichts anderes.
Hyposensibilisiert
Wer sich die Vorberichte im Ersten und auf Sky gegen die Bayern am Freitagabend ansieht, wähnt sich in den 70er-Jahren. Wegen Marco Reus, Lucien Favre und Co. müssen sich Schweinsteigers Schlüsselbein, der Rasen in Katar und eine Reise nach Indien erst einmal hinten anstellen. Dass ich das noch erleben darf. Als würde die heute-Sendung mit dem Wetter beginnen.
Jahrelang hat es mir innerlich Schmerzen bereitet, den Borussia-Park im Fernsehen zu sehen. Oder besser gesagt: Ich habe ihn jahrelang erst gar nicht im Fernsehen gesehen, weil ich im Fall der Fälle noch verhinderter als verhindert war und über einen Bildschirm froh gewesen wäre. Jetzt hat sich das gelegt. Früher hypersensibel, mittlerweile hyposensibilisiert.
Der Borussia-Park erstrahlt auch ohne mich in einem Glanz wie seit der Relegation nicht mehr. 54.047 sind da, etwa 26.547 haben sich bereits vor Wochen aufgeregt, und das nicht nur vor lauter Vorfreude. Natürlich haben die Ticketpreise auch in Gladbach mit 20 Euro Topzuschlag eine neue Dimension erreicht. Und sicherlich fühlen sich viele auf den Schlips getreten, wenn ich sage: Ich finde das in Ordnung.
1.000.000 Euro Mehreinnahmen
Es gibt 17 Spiele in einer Saison. Wer 13 besuchen will, macht – zumindest im Oberrang der Nordkurve – mit einer Dauerkarte bereits Gewinn. Wer nur sechs bis zehn schafft, hat automatisch auch ein paar völlig unterschätzte und vermeintliche Gurkenspiele dabei. Wer das vermeiden will, ist auf die gesamte Saison gerechnet mit keinem allzu großen Aufschlag dabei. Wer sich weniger vornimmt und sich dann noch die Rosinen Bayern, Schalke, Dortmund und Köln herauspickt, weil ihm Bundesligafußball gegen Augsburg, Freiburg und Hoffenheim zu profan ist, von demjenigen kann man ein gewisses Zubrot verlangen.
Ich bin nun wirklich kein Kapitalist in Sachen Fußball, ganz im Gegenteil. Die holen keine Rauten-Eiswürfel aus dem Gefrierfach oder zählen nachts Sternschnuppen, nur weil es Glück bringt. Aber ich halte Mehreinnahmen von etwa einer Million Euro durch Topzuschläge im Laufe der Saison zielführender als Pressemitteilungen, in denen der Verein sich dafür feiert, man hätte “das Stadion mit 80.000 Zuschauern füllen können”.
Also sehen 54.047 Zuschauer plus sieben Millionen im Ersten und 590.000 auf Sky um 20:30 Uhr endlich, wie die Mannschaften auf dem Rasen eine der wahrsten Fußball-Weisheiten dieser Tage beherzigen: Entscheidend is auf’m Platz. Meiner ist auf dem Sofa in Saarbrücken, aber das Diebels in der Hand und im Kühlschrank wirkt im besten Sinne sedierend. Zudem bringt es ein Stück Heimat. Zum sechsten Mal seit meinem Umzug sitze ich dort, zum vierten Mal mit Altbier, die ersten drei Male gab es einen Sieg. Kein anderes Ritual, das ich sonst noch so im petto habe, hat eine derartige Erfolgsquote. Es hätte schlimmer kommen können.
Und alle Welt hat’s gesehen
Die ersten Minuten sind Abtasten auf hohem Niveau. Gerade die Bayern scheinen sich noch darauf einstellen zu müssen, dass der Rasen nicht ganz mit dem in Katar mithalten kann. Entscheidend is der Platz – so kann man es sich leicht machen. Kommentator Steffen Simon erzählt gerade, in wie viele Länder das Spiel übertragen wird, als eine Szene um den Globus geht.
Wenn Manuel Neuer einen Rückpass verarbeitet, kann man im Normalfall etwas erledigen, wozu man lange Zeit nicht gekommen ist. Es darf nur nicht länger als drei, vier Sekunden dauern. Zum Glück fällt mir in der 11. Minute nichts Besseres ein und ich sehe, was Menschen in angeblich 200 Ländern sehen. Patrick Herrmann macht Druck. Im besten Fall genügt das, um wenigstens auszuschließen, dass Neuer mit seinem weiten Schlag ein Tor einleitet.
Und in gewisser Weise tritt dieser beste Fall tatsächlich ein: Neuer findet 30 Meter vor dem Tor Marco Reus, der sich kurz fragt, woher eigentlich die Redewendung “nicht lange fackeln” kommt. Gute Frage, schwierige Frage. Also schießt er einfach das 1:0. Das kann man nüchtern zur Kenntnis nehmen, man kann aber auch vor Freude ausrasten. Da soll noch einer behaupten, Mannschaften auf diesem Niveau schenkten sich nichts.
Erfolgsgarant ter Stegen
Neuer hat den Schaden, Reus steht kurz nach Rückrundenbeginn wieder im Spotlight. Bei aller Häme darf man nicht vergessen, dass ein leeres Tor nicht gleich ein leeres Tor ist. Manche Geschenke lassen sich sofort auspacken. Andere kommen per Post, niemand ist zu Hause, der Paketbote wirft einen Zettel in den Briefkasten, man darf am nächsten Tag zu einer Poststelle am Arsch der Welt latschen und muss auch noch 20 Minuten anstehen. In diesem Fall hat Reus es sozusagen vollbracht, der Briefkasten persönlich zu sein.
Damit hat die Borussia nach wenigen Minuten zu 94 Prozent einen Punkt sicher. Schließlich hat die Mannschaft unter Lucien Favre in 34 Pflichtspielen erst zweimal zwei Tore kassiert – und zweimal ist selbst der FC Bayern daran gescheitert. Drei Minuten nach dem 1:0 versucht es der Rekordmeister trotzdem. Robben flankt, wie er in diesem Spiel selten flanken wird. Gomez köpft, wie er ansonsten gar nicht köpft. Und ter Stegen zeigt, warum die Wahrscheinlichkeit, an diesem Abend sicher zu punkten, mit ihm im Tor sogar bei mehr als 96 Prozent liegt. In 28 Pflichtspielen hat der 19-Jährige weniger Dinger kassiert, als er Jahre auf dem Buckel hat.
In der 28. Minute öffne ich das zweite Bier. Noch sind ein paar Tropfen in der Flasche, als zum zweiten Mal die Diebels-Musik ertönen würde, wenn die 90er-Jahre plötzlich zurückkämen. Filip Daems hat sich im Vergleich zum Hinspiel umschulen lassen: Aus dem Bodyguard für Arjen Robben ist ein Ein-Mann-Inkasso-Unternehmen geworden. Daems konfisziert pflichtbewusst den Ball. Der nächste in der Kette ist Juan Arango, der sich mit einem bodenständigen und für seine Verhältnisse beinahe langweiligen Kurzpass zufrieden gibt. Dann schickt Mike Hanke einen Arango-Pass auf Patrick Herrmann, der vor dem Tor so kalt bleibt, als sei das Leben eben doch ein Ponyhof. Vier Spieler, vier Stationen, vier widerlegte Vorurteile aus vergangenen Zeiten. Auf dem Bökelberg würde in diesem Moment ein Ball aus Leuchtdioden auf der Anzeigetafel ins Tor springen, zur Musik aus der Diebels-Werbung – komm’ Welt, lass’ dich umarmen.
Michael-Tarnat-Gedächtnisflanken
Drei Tore haben die Bayern bis dahin in den 17 ersten Halbzeiten dieser Saison kassiert. Zur Pause ist aus der 94-prozentigen Punkt- eine 94-prozentige Siegwahrscheinlichkeit geworden. Ich bin gelassen wie, nun ja, mir gehen die Vergleiche aus. Es ist ein Luxusproblem, aber ich merke wieder, wie unbedarft ich mit endlosen Erfolgserlebnissen umgehe, wenn Borussia Mönchengladbach die Ursache ist. Leider gibt es in Deutschland nur einen Verein, der in dieser Hinsicht als Nachhilfelehrer taugt – auch wenn es an diesem Abend nicht so aussieht.
Denn auch nach der Pause schlägt Robben weiter Michael-Tarnat-Gedächtnisflanken. Seine Mannschaft spielt insgesamt dreimal so viele Pässe wie die Borussia, hat fast doppelt so lange den Ball. Den Bayern fällt nichts ein. Sie müssen, wollen, können aber nicht. Mit solchen Problemen sehen sich höchstens Männer jenseits der 60 konfrontiert. David Alaba und Rafinha sollen die Probleme lösen. Doch nicht einmal Rafinhas wasserstoffblonde Haare bringen Daems aus der Fassung.
Lucien Favre kritzelt entscheidende Situationen in Pressekonferenzen gerne auf eine Serviette. Würde er die 71. Minute aufmalen, sähe seine Zeichnung aus wie ein Dreieck, an dem eine Harry-Potter-Narbe klebt. Mittlerweile lassen sich Tore völlig ohne Verben beschreiben und jeder weiß trotzdem, wie es aussieht: Daems, Arango, Nordtveit, Arango, Reus, Herrmann und zu guter Letzt die Schönheit der Einfachheit. Nur insgesamt neun Stationen hat die Borussia für ihre drei Treffer benötigt. Das dritte Alt wirkt spät, aber es wirkt.
“Gegen Gladbach kann man mal verlier’n”
Ich erinnere mich an den Ostersonntag 1996. 3:1 gewann Gladbach am Bökelberg gegen die Bayern, nach einem 2:1 in Hinspiel. Das hatte es in 31 Jahren Bundesliga-Geschichte der beiden bis dato nicht gegeben. “Gegen Gladbach kann man mal verlier’n” hat damals noch niemand gesungen, weil das Tal des Galgenhumors noch gar nicht in Sicht war. Geboren – oder zumindest etabliert – wurde das Lied, als Siege in der vergangenen Saison Mangelware waren. Dann steckten Anfang dieser Saison auf einmal einige Fünkchen Wahrheit dahinter. Und jetzt brennt alles lichtlerloh. Selbst gegen die Bayern ist “Gegen Gladbach kann man mal verlier’n” mehr Trost für den Gegner als Selbstironie.
Eine Konstante der Hinrunde ist bislang gar nicht erwähnt worden. Wohl dem, der einen gesperrten Dante nur menschlich, aber keinesfalls sportlich vermisst. Zum Glück hat Gladbach in der Innenverteidigung gleich drei Konstanten für zwei Positionen. Martin Stranzl und Roel Brouwers leisten sich nicht nur keinen Fehler, sondern auch keinen einzigen Fehlpass. Dass Bastian Schweinsteiger eine Viertelstunde vor Schluss den Anschluss-Anschlusstreffer erzielt, ist zu verkraften. Im Mai war der Klassenerhalt des VfL wie eine Mondfahrt. Jetzt ist es, als habe man auf der Mondoberfläche ein Gladbacher Cape Caneveral errichtet, um Pauschalreisen zum Mars anzubieten – völlig losgelöst von der Erde.
Zum Fußballabend auf der Couch gehört neben dem Altbier mittlerweile ein Anruf aus dem Borussia-Park. Nils ist dran, sagt wieder einmal kein Wort. Im Hintergrund läuft Musik – “Die Seele brennt” ist viel länger als ich dachte. Der Höhenflug sorgt lediglich für ein Dilemma: Einerseits kann das nächste Spiel nicht schnell genug kommen. Andererseits wäre es dann schneller vorbei. Nur weiß momentan niemand mehr, ob es wirklich so wäre – und was dieses “es” überhaupt ist.
Träume vom Telefon
Saison 2011/2012: 15. Spieltag bis AF DFB-Pokal, 3. bis 21. Dezember
Jahrelang war der Europacup nicht einmal ein Traum, den es sich lohnte, zu träumen. Jetzt geht Gladbachs ins neue Jahr und hat gleich zwei Optionen, das Historische zu vollbringen. Vor der Winterpause dominiert ein kleiner linker Zeh das Geschehen.

Michael Ballack hielt das Land einst mit der “Wade der Nation” in Atem. Für Marco Reus ist es da ein echter Ritterschlag, eine Woche lang nur mit seinem linken kleinen Zeh die Fußballberichterstattung zu dominieren. Kann er? Oder kann er nicht? Plötzlich interessiert das nicht nur Gladbach-Fans und Dortmund-Fans.
Man kann die Verletzung als Opfer für den Derbysieg und die überschwänglichen Schlagzeilen im Anschluss betrachten. Man kann sich aber auch fragen, wie aus einem kleinen Zeh ein so großes Hindernis werden kann. Als am Freitagabend feststeht, dass Reus im Topspiel gegen Borussia Dortmund, Zweiter gegen Erster, fehlen wird, überlege ich kurz, mir selbst den Zeh zu brechen, um die Schmerzen authentischer nachempfinden zu können. Mit zwölf Jahren habe ich mir einmal den Zeigezeh gebrochen (aus Versehen), also den neben dem großen. Beim Arzt konnte ich zwei Wochen Sportverbot rausschlagen, was mir ganz gelegen kam, weil in der Schule gerade Turnen an der Reihe war. Fußball? Handball? Herr Doktor, es tut schon gar nicht mehr weh!
Wie der Onkel aus dem Osten
So bleiben wenigstens 24 Stunden, um die sportlichen Aspekte einer Begegnung in den Mittelpunkt zu rücken, wie sie die Bundesliga noch nicht gesehen hat. Gladbach gegen Dortmund, das gab’s schon. Zweiter gegen Erster, das gab’s schon. Doch die Kombination aus beidem ist völlig neu. Und die Bayern schauen nur zu, spielen gleichzeitig als Dritter gegen den Vierten aus Bremen, das ewige Duell des Südens gegen den Norden. Der Rest der Liga ist wieder wer.
Der Gladbacher Höhenflug hat mich an meinen Onkel aus dem Osten erinnert. Der war in den 80ern zu Besuch, mein Vater fuhr mit ihm in den Baumarkt. Der Onkel lief völlig entgeistert durch die Gänge, hob jeden Artikel in den Regalen einmal hoch, um zu checken, ob er auch wirklich echt ist. Könnte man durch die Tabelle laufen, würde ich es genauso machen. Ich würde hinter die 2 gucken, die Gladbachs Position anzeigt, um sicherzugehen, dass wirklich niemand eine 14 überklebt hat.
Bereits durch den Derbysieg hat Gladbach die beste Hinrunde meines bisherigen Fanlebens übertroffen. So langsam kann man sich nicht nur dran gewöhnen, so langsam muss man sich dran gewöhnen. Denn eine große Gruppe Borussen ist vollkommen ungeschult darin, sich in derartigen Gefilden zu bewegen, die gesamte Post-Pokalsieg-Generation.
Mit Favre bei McDonald’s
Zehn Heimspiele hat die einzig wahrste Borussia vor dem Duell gegen die andere Borussia nicht verloren. Lucien Favre ist in seiner Amtszeit erst einmal nach dem Spiel als Verlierer ins Auto gestiegen. Man muss fast davon ausgehen, dass er den Verein zwischen 1980 und 2008 kaum verfolgt hat. Sonst würde er nicht auch am Ende der Hinrunde noch tiefstapeln. Immerhin glaubt er nicht mehr an eine “ganz, ganz schwere Saison”, sondern nur noch an eine “schwere”. Favre ist wie der vermeintliche Langweiler, der immer alle Besoffenen von der Disco nach Hause fährt. Man will es nicht selbst sein, empfindet aber den allergrößten Respekt vor dem Nüchternen – erst Recht, wenn er so ein verdammt guter Fahrer ist und auch noch kurz durch McDrive fährt.
Raul Bobadilla ersetzt den “Zeh der Nation”. Ich habe Marco Reus nicht über den Parkplatz humpeln sehen, bin mir aber sicher, dass er mit angezogener Handbremse und leichten bis weniger leichten Schmerzen eine größere Hilfe gewesen wäre. Bereits in der 7. Minute hat Bobadilla die beste Gladbacher Chance der ersten Halbzeit. Es ist sicherlich nicht so, dass er in jenen Momenten nicht realisiert, was für eine Gelegenheit sich ihm bietet. Und trotzdem hat es immer den Anschein, ein einfaches Tor sei Bobadilla zu einfach. Es gibt Spieler, die machen immer alles falsch, und es gibt Spieler, die machen nie etwas richtig. Immerhin das muss man Bobadilla lassen, er schafft beides.
Trotz des Ärgers über die vergebene Großchance ist es ein wahrer Segen, das Topspiel einfach auf sich wirken zu lassen. Im Vorfeld hatte es kein nächtliches Sternschnuppenzählen auf einer Autobahnbrücke gegeben. Und so entwickelt sich eine Partie, die zwar meistens zwischen den Strafräumen stattfindet. Doch es gibt diese Tage, an denen der Fußball keine Tore benötigt, um schön zu sein.
Greis 9 3/4
Als Robert Lewandowski kurz vor der Pause das 1:0 köpft, ist es bei allem Laissez-faire dennoch ärgerlich – zumal der BVB nicht aus dem Spiel, sondern nach einer Ecke in Führung geht. Ter Stegen sieht schlecht aus und holt einen der Fehler nach, die er sich im Abstiegskampf einfach nicht geleistet hat, obwohl es nur allzu menschlich gewesen wäre.
Mike Hanke hat über seine dürftige Trefferquote in der Welt gesagt: “Weil ich eher hinter den Spitzen spiele, die Bälle eher hole und verteile, komme ich meist zu spät im Strafraum an. Oft hatte dann schon ein anderer getroffen.” In der 72. Minute muss es Gladbachs Stürmer 9 3/4 erst gar nicht bis in den Sechzehner schaffen. Bobadilla spielt den besten Ball des Abends. Hanke zieht aus 18 Metern ab. Das Ding ist drin. Ich glaube mittlerweile daran, dass Gladbach ohne Marco Reus, Patrick Herrmann und Juan Arango zwar nicht da oben stehen würde – aber wenigstens würde Mike Hanke die Torschützenliste anführen, weil er nicht mehr der Letzte im Strafraum wäre.
Nur noch ein Tor ist Gladbach in diesem Moment von der Tabellenführung entfernt. Der BVB hat in der Schlussphase zwar die größeren Chancen, der VfL macht aber eher den Eindruck, noch die Luft für einen Sturmlauf zu haben. Felipe Santana, aka bester Bank-Verteidiger der Liga, hat zehn Minuten vor dem Ende Glück, dass er nicht mit Gelb-Rot vom Platz fliegt. Nachher redet niemand darüber, ich muss es mir eingebildet haben. Auf der JHV 2011 hat jemand dem Vorstand die Frage gestellt, warum Gladbach permanent von den Schiedsrichtern benachteiligt wird. Selbst damit ist es so gut wie vorbei. Unter Umständen werden auf der Mitgliederversammlung 2012 Büttenreden gehalten und Ständchen gesungen, weil niemand etwas zu kritisieren hat.
Auf Augenhöhe
Nach 15 Spieltagen haben beide Borussias neun Siege und drei Unentschieden geholt. Beide haben zehn Tore kassiert, der BVB hat lediglich sechs mehr geschossen. Als beide ein Jahr zuvor gegeneinander spielten und Dortmund 4:1 gewann, standen die Schwarz-Gelben um elf Tore, 31 Gegentore, 27 Punkte und 17 Plätze besser da. Mehr ging gar nicht. Eigentlich sollten Zahlen das Wunder annähernd begreifbar machen. Bei mir Sorgen sie nur dafür, dass sich zu einem offenen Mund ein ausgehakter Kiefer gesellt.
Mit Augsburg und Mainz warten vor der Winterpause noch zwei Alles-kann-ein-bisschen-muss-Spiele. Die Reise nach Augsburg wollte ich mir eigentlich gönnen, aber dann ruft die Arbeit. Saarbrücken schlägt Oberhausen mit 5:2, das Stadion singt “Basler, wink’ einmal!” und der rastet nicht einmal aus. Nicht ganz so harmonisch verläuft der Nachmittag im bayerischen Teil von Schwaben bzw. im schwäbischen Teil von Bayern.
Zu Beginn der 2. Halbzeit komme ich rein, streife schnell ein Trikot über – und höre das Unheil schon, bevor es im Bild zu sehen. Jan-Ingwer Callsen-Bracker erzielt mit einem abgefälschten Freistoß den entscheidenden Treffer, ein Tor wie eine böse Metapher. Direkt nach dem Abpfiff muss ich zum nächsten Termin. Altbier wäre im Haus, aber genau das ist wohl der Punkt, an den man dem Aberglauben abtrünnig werden sollte. Ich bleibe trocken, Gladbach verliert und rutscht – Krise! – auf den vierten Tabellenplatz ab.
SMS-Verwirrung
Der “Zeh der Nation” ist gegen Augsburg noch immer nicht verheilt. Marco Reus verpasst zum fünften Mal in seinem Leben ein Bundesligaspiel, zum vierten Mal verliert die Borussia, das 1:1 gegen den BVB war der erste Punktgewinn ohne Woody Woodpecker. Reus dürfte damit der einzige Fußballer sein, der mehr Länder- als Erstligaspiele verletzungsbedingt abgesagt hat.
Wenn Bobadilla Hanke in Szene setzt und der auf einmal Tore aus 18 Metern schießt, dann fragt man sich, warum das nicht öfter klappt. Wer die Borussia an diesem Nachmittag in Augsburg sieht, der wird dagegen wieder demütig und bedankt sich, dass genau das auch nicht mehr allzu oft passiert. Lucien Favre wollte im letzten Schritt seines Drei-Stufen-Plans auch nach schlechten Leistungen Spiele gewinnen. In Augsburg gelingt es (noch) nicht. Dank Saarbrücken und Oberhausen habe ich den bislang schlechtesten Saisonauftritt der Borussia verpasst und gleichzeitig 100 Euro für Fahr- und Eintrittskarte gespart. Es gibt Tage, da gewinnt man, und es gibt Tage, da verliert man zumindest nichts.
Acht Tage später, SMS von Nils: “Und Brouwers macht den Sieg klar!” Im Schnittraum huscht mir ein dezentes Lächeln übers Gesicht. Das Ding gegen Mainz scheint gelaufen zu sein – und endlich mal wieder Brouwers, der alte Goalgetter. SMS an Nils: “Sauber!” Eine Minute vergeht, zwei Minuten, drei Minuten. Moment mal. Brouwers? SMS an Nils: “Warum spielt Brouwers?”
Zwei Minuten später kommt die Auflösung. Brouwers spielt nicht, geschweige denn hat er getroffen. Nils ist mit den Gedanken schon im Januar gegen die Bayern. Und da kommt Brouwers ins Spiel, weil Dante gegen Mainz im fünften Anlauf endlich seine fünfte Gelbe gesehen hat. Es konnte ja nicht ewig gut gehen.
Eine Stunde zuvor kamen noch weitaus bessere Nachrichten auf meinem Handy an. SMS von meiner Mutter: “1:0 Herrmann, 5. Minute”. In den Zusammenfassungen wird dennoch das geniale Zuspiel mehr gefeiert als Patrick Herrmanns neu erlangte Vollstreckermentalität. Das Zuspiel kam von Marco Reus.
Glückstrenner Schürrle
Kurz vor der Pause wollte Roman Neustädter einen Elfmeter haben, Eugen Polanski hatte ihn gefoult. Manche Bösewichte tauchen eben auch in der Fortsetzung einer wundersamen Geschichte wieder auf. Noch im April hatte es fatale Folgen, dass Polanski im Strafraum foulte und Deniz Aytekin nicht pfiff. Jetzt führt Gladbach mit 1:0 und kann sich eine der schlechtesten Halbzeiten der Heim-Hinrunde erlauben.
Der erste Anflug von Favres Stufe 3 bringt auch ein Revival der Binärcode-Borussia. Es endet, wie es begann – mit einem 1:0. Überhaupt hat Gladbach zwei fast identische halbe Halbserien gespielt, die nur durch das 2:2 gegen Leverkusen getrennt wurden. In den ersten acht Spielen gab es drei Heimsiege, ein Unentschieden im eigenen Stadion, zwei Auswärtserfolge und zwei 0:1-Niederlagen in der Fremde. Die letzten acht Spiele waren ein exaktes Spiegelbild, lediglich mit noch mehr Hurra. Und zwei Monate später ergibt André Schürrles dummes Tor zum 2:2 auch endlich Sinn. Es war ein Glückstrenner.
Vergangene Saison war das Achtelfinale im DFB-Pokal mit der leisen Hoffnung verbunden, irgendein Erfolgserlebnis mit in die Winterpause zu nehmen. Ein Jahr später ist Schalke 04 im Borussia-Park zu Gast und mit einem Sieg könnte sich Gladbach in eine echte Bredouille bringen. Wie verrückt es wäre, 16 Jahre lang vom Europacup zu träumen und die Qualifikation dann in einer Spielzeit gleich doppelt zu schaffen. Viertelfinale, das würde heißen: nur noch zwei Siege bis Berlin.
Die RTL II News – heute mit Jermaine Jones
Dass Gladbach genau das mit einem 3:1 schafft, geht im Nachhinein fast unter. Immerhin hat Marco Reus zwei Tore zum vierten Heimsieg hintereinander gegen Schalke beigesteuert. Ansonsten hätten all die Kollegen in den Redaktionen da draußen das Spiel wahrscheinlich völlig unter den Tisch fallen lassen. Aber eine Szene überstrahlt alles.
Ursprünglich sind in der 5. Minute weder Reus noch Jermaine Jones involviert. Neustädter soll Raúl gefoult haben, Reus ist gar nicht damit einverstanden. Was Jones denkt, ist nirgendwo verbürgt. Was er stattdessen tut, sieht im ersten Moment wahrscheinlich kaum jemand. Jedenfalls scheint Jones Zeitung zu lesen, noch eher schaut er Fernsehen. Wobei ich mir nicht sicher bin, ob die RTL II News über den “Zeh der Nation” berichtet haben.
Reus schnappt sich den Ball, um die Sache mit Schiedsrichter Wolfgang Stark auszudiskutieren. Schon in dem Moment, als Reus sich bückt, sieht es aus, als habe es Jones auf seinen rechten Fuß abgesehen. Auf den Falschen. Jones geht noch einmal in sich, bemerkt seinen Fauxpas. Stark mimt indes weiter den Imperator, Reus lauscht gebannt. Jones läuft einmal um ihn herum. Linker Fuß, puh, endlich angekommen. Jones tritt zu, puh, gerade noch gut gegangen.
Sing when you’re not absteiging
“Man kann sagen, sowas gehört dazu”, sagt Reporter Claus Lufen nach dem Spiel, als er Reus zu der Sache befragt. Nicht auszudenken, wie Reus reagieren würde, wenn er Jermaine Jones wäre. Stattdessen antwortet er so besonnen, dass es beinahe Züge von Autismus trägt, sich so im Griff zu haben.
Die letzte Szene vor der Winterpause gehört dann – Ehre, wem Ehre nicht gebührt – wieder Jones. Igor de Camargo, der mit den Glasknochen, wirft ihm anscheinend ein paar Worte an den Kopf, die selbst in Frankfurt-Bonames nicht zum guten Ton gehören. Jones antwortet mit seiner Paradeaktion: Ein Tritt auf den Fuß und die Sache ist gegessen. Erst in der Nachspielzeit gibt es damit Gelb-Rot. Zuvor hat Jones noch im Fallen nach Håvard Nordtveit getreten. Wenigstens in der Wertung der dummen bis fiesen Aktionen dreht Schalke den Spieß um und gewinnt mit 3:1. Der Platzverweis von Klaas-Jan Huntelaar wegen Meckerns hat es nicht einmal in die Wertung geschafft.
Immerhin ist die letzte Szene der Hinrunde nicht die allerletzte – denn die gehört Lucien Favre. Im Gespräch nach dem Spiel erinnert sich Reinhold Beckmann an sein letztes Aufeinandertreffen mit dem Gladbacher Trainer. Es war im Mai 2011, Rückspiel in Bochum. Wenige Minuten zuvor hatten 5000 Borussen erstmals, nach 35 Spielen und 87 Minuten, “Nie mehr Zweite Liga!” gesungen. Sieben Monate später ist die Borussia nur noch sieben Punkte davon entfernt, wieder singen zu dürfen.
Die Devise “Wir denken von Spiel zu Spiel” wird die 40-Punkte-Marke als ersten Meilenstein der Rückrunde bringen. Alles andere ist ungewiss. Fest steht: Wird nur die Hälfte der Träume wahr, die derzeit in meinem Kopf rumschwirren, schellt im Herbst in Kopenhagen das Telefon. Oder sonstwo in Europa. Auf geht’s!
Vier gewinnt
Saison 2011/2012: 11. bis 14. Spieltag, 29. Oktober bis 25. November
Auf die Möchtegern-Krise folgt die Rekordserie: Gladbach eilt vier Spiele lang von Sieg zu Sieg. Manchmal gleicht das Geschehen einem ausgelassenen Spieleabend unter Freunden. Ob das 5:0 gegen Bremen oder das 3:0 in Köln den Höhepunkt darstellt, muss jeder selbst entscheiden. Dass beides innerhalb von sieben Tagen passiert, ist auch nicht zu verachten.

Es gab eine Saison in den vergangenen 15 Jahren, in der ich von der Borussia nur die allerwichtigsten Dinge mitbekommen habe. Meist saß ich in einem Donut-Café vor dem Computer, hatte einen Live-Ticker geöffnet und stopfte die kalorienreichsten aller kalorienreichen Donuts in mich hinein. Es war schließlich Frühstückszeit in den USA. Dass ich im Juni 2006 trotzdem so schlank zurückkehrte wie ich aufgebrochen war, lag wohl daran, dass ich alles wieder durch exzessives Drücken der F5-Taste abtrainiert habe.
Mein Umzug ins Saarland hat mir nun so etwas wie ein kleines Auslandsjahr beschert, auf der anderen Seite des Teiches light. Das Gute: Der Sky-Decoder funktioniert einwandfrei. Und auch nicht zu unterschätzen: Im Supermarkt gibt es Diebels wenigstens in Sixpacks, weil der Saarländer offenbar ab und zu ein Krefelder trinkt. Alt mit Cola – das ist wiederum nicht so gut.
Die Energie des Individuums
Um 15:30 Uhr sitze ich im Gladbach-Trikot alleine auf der Couch, in der Hand eine Flasche Bier. Zum Glück bin ich weit davon entfernt, sie auf einer stattlichen Wampe platzieren zu können. Nach 18 Minuten ist die Flasche leer. Nach 21 Minuten springe ich erstmals auf. Nicht um zum Kühlschrank zu eilen, sondern weil Marco Reus eines dieser ansatzlosen Marco-Reus-Tore schießt, bei denen alles aus einem Guss kommt: Der Antritt beim Zuspiel von Mike Hanke, der Wackler gegen Hannovers Emanuel Pogatetz, der Abschluss mit links, der Torjubel.
Ganz schön merkwürdig, wenn man in einem leisen Mehrfamilienhaus an einem leisen Samstagnachmittag in einer leisen Wohngegend alleine vom Sofa aufspringt und dreimal laut “Ja!” schreit. Die Energie des Individuums, das sich genauso freut wie im Stadion, ist ziemlich eindrucksvoll. Ich kann es jedem nur empfehlen, sich im Grunde selbst einmal beim Jubeln zuzuschauen. Ohne Blocknachbarn, kollektives Aufspringen, Tormusik, Dankeschön an den Schützen und langgezogenes “Nuuull!” gleicht die Freude einem einsamen Flashmob im Wohnzimmer. Nur fünf Minuten nach dem 1:0 muss ich mir selbst leider beim Aufregen zuschauen. Es hat etwas vom Opa aus “Weihnachten bei Hoppenstedts”. Hannover gleicht aus und Marc-André ter Stegen sieht ausnahmsweise mal schlecht aus.
Für kurze Zeit vergesse ich sogar, dass Mike Hanke sich doch längst rehabilitiert hat. Sein Pass vor dem Führungstreffer entschädigt eigentlich für jeden überhasteten Schuss aus mehr als 30 Metern, der gerade einmal die Nordhalbkugel trifft. Trotzdem habe ich selbst am 11. Spieltag noch immer das Gefühl, die Mannschaft müsse ihren falschen Zehner mitschleppen wie einen verunglückten Bergsteiger, der gerade so aus einer Gletscherspalte gerettet wurde. Es ist ein weiter Weg, den Hanke in der Hinrunde zurücklegt. Dass er den Jahreswechsel als bester Bundesligastürmer verlebt, der kaum Tore erzielt, spricht für seine Hartnäckigkeit.
Stranzl und der Bökelberg
Kurz vor der Pause muss Martin Stranzl verletzt runter. In Dortmund feiern sie sich regelmäßig dafür, dass in Felipe Santana einer der besten Bundesligaverteidiger auf der BVB-Bank sitzt. Dabei ist es doch viel bemerkenswerter, Roel Brouwers in der Hinterhand zu haben (niederländischer Schlaks mit limitierter Technik und Paderborner Vergangenheit) und bei seiner Einwechslung völlig gelassen zu bleiben.
Denn mit Stranzl hat Gladbach in elf Spielen acht Tore kassiert, mit Roel Brouwers nur drei in neun. Was sehr gut ist, geht in dieser Hinrunde teilweise noch besser. Stranzl stand bei drei Niederlagen auf dem Platz, Brouwers nur bei einer. Frikandel sticht Kaiserschmarrn – wobei definitiv beides seine Vorzüge hat. Die Borussia hat die gesamte Hinserie beinahe mit der identischen Mannschaft durchgespielt. Nur Stranzl und Brouwers kamen fast gleich oft zum Einsatz.
Übrigens hätte Stranzl im Jahr 2004 beinahe Gladbacher Vereinsgeschichte geschrieben, als er im Trikot von 1860 München aus 25 Metern den linken Pfosten traf. So weit, so unspektakulär – wenn es nicht die 88. Minute des letzten Spiels auf dem Bökelberg gewesen wäre und Uwe Kamps nicht zum letzten Mal im Tor gestanden hätte.
YouTube-Legenden
Nach der Pause tut Reus mal wieder alles dafür, dass in der Nachbetrachtung sein Name alles überstrahlen wird. Bereits ein paar Tage zuvor hat die Bild damit begonnen, ihn zu den Bayern zu schreiben. Ganz dezent, versteht sich. Es geht so einfach: Langeweile in Gladbach, aus München kommt die Nachricht, Reus sei ein interessanter Spieler, der Spieler fühlt sich geehrt, verweist auf seinen laufenden Vertrag und spielt einfach weiter Fußball. Vor dem Spiel gegen Hannover hat Max Eberl das Gerede jener Tage bereits genervt kommentiert, am 29. Oktober. Man kann es im Nachhinein kaum glauben, dass es noch zwei Monate lang so weiter gegangen und im Grunde noch viel intensiver geworden ist.
Erst gegen Hannover sieht der Borussia-Park den Marco Reus, der für 17,1 Millionen Euro zu Borussia Dortmund wechselt und von beinahe jeder Instanz zum “Spieler der Hinrunde” gewählt wird. Bis zu jenem Nachmittag gegen Hannover war er ein sehr guter Jung-Nationalspieler, der sich Chance um Chance erarbeitete, aber zu selten ins Tor traf. Man vergisst es so schnell. In der 51. Minute ist Karim Haggui, der zweite Innenverteidiger von 96, an der Reihe. Was Reus mit ihm veranstaltet, kann sich jeder denken. Also gilt es an dieser Stelle, die wunderbare Spielverlagerung von Håvard Nordtveit hervorzuheben und Juan Arango zu preisen, der den Ball aus der Luft in die Schnittstelle zu Reus spielt. Als würde ein Airbus in einer Parklücke landen.
Die Borussia schießt viele dieser Tore in der Hinrunde. Es gab Zeiten, da wäre jedes einzelne zur Gladbacher YouTube-Legende geworden. So aber tauchen nun gleich mehrere Hobby-Cutter auf, die minutenlange Best-of-Filme schneiden und ins Netz stellen. Teilweise fallen darin gar keine Tore, sondern die Mannschaft von Lucien Favre spielt sich einfach den Ball zu. Gegen Hannover bleibt es beim 2:1. Erstmals seit beinahe drei Jahren gewinne ich ein Spiel vor dem Fernseher im eigenen Wohnzimmer. Ich musste erst zum einsamen Altbiertrinker werden.
Keine Hindernisse
In der Woche darauf verpasse ich es schon wieder, mir einen der großen Träume meines Fandaseins zu erfüllen. Dabei gibt es doch so wenige, deren Erfüllung auch nur ansatzweise in meiner Hand liegt. Nils und Co. fahren mit dem Sonderzug nach Berlin. Ich muss arbeiten. Sogar meine Eltern und mein Bruder sind dabei, wenn auch mit dem Flieger. Irgendetwas läuft da falsch.
Nils, im Gegensatz zu mir schon immer Altbiertrinker, tickert seit den Morgenstunden aus dem Sonderzug. Mein Vater gibt mittags ein Interview am Potsdamer Platz und verspricht dem Radiofritzen, dass er bei einem Auswärtssieg die künstliche Schneerutschte nimmt. Alles geht seinen gewöhnten Gang. So wirklich alleine ist man an Spieltagen selbst im Saarland nicht.
Im Olympiastadion treffen Nils und meine Eltern aufeinander. Als Kartenquelle war ich willkommen. Auf der Arbeit schalten wir gerade auf Sky um, als Hertha durch Ramos in Führung geht. Doch wenn die Borussia an den meisten Spieltagen ein kenianischer 5000-Meter-Läufer ist, dann wechselt sie an diesem Tag zu den 3000-Meter-Hindernisläufern. Wassergraben willkommen!
Nur eine Viertelstunde lang liegt Gladbach zurück, dann reicht ein Kullerball von Marco Reus mit links zum Ausgleich. Und wie schon gegen Hannover macht der 22-Jährige wenige Minuten nach Wiederanpfiff den Doppelpack perfekt. Der Ball fällt ihm auf den Fuß. Der Fußball-Romantiker in mir sagt: Sein Fuß ist gegen den Ball gefallen. Auch Maik Franz hat ihn davon nicht abhalten können. Die Grätsche, die sein Trainer Markus Babbel im Nachhinein als “Traumsituation für einen Innenverteidiger” bezeichnet, glich in der ersten Halbzeit vorsätzlicher Körperverletzung. Es gibt so Szenen, da könnte selbst das Feuilleton der FAZ nicht anders, als boulevardesk zu werden: Brutalo-Foul! Rüpel! Reus aber konnte weiterspielen und deshalb – siehe oben.
Während meine Mutter am Telefon nach dem dritten Auswärtssieg der Saison eine begeistert-besonnene Analyse abliefert, ruft Nils bis tief in die Nacht noch dreimal aus dem Sonderzug an. Einmal läuft im Hintergrund “Die Seele brennt”, beim zweiten Mal auch und beim dritten Mal auch. Es ist wie an Weihnachten: Wenn in der Kirche “O du fröhliche” läuft, ist alles gut.
List und Rist
Ich kann mich noch ziemlich gut an die höchsten Kantersiege meines Lebens erinnern: 6:1 gegen Aachen, 6:1 gegen Mainz, 7:1 gegen Offenbach. Doch die Freude war im wahrsten Sinne zweitklassig, weil die Gegner Kolvidsson, Lämmermann oder Agritis hießen, die Torschützen Chiquinho oder Coulibaly. Selbst die Freudentage der vergangenen 15 Jahren erinnern einen daran, dass die Borussia nur knapp daran gescheitert ist, zur Fahrstuhlmannschaft zu werden.
Ich hatte versprochen, dass es in der Hinrunde noch einmal ähnlich langweilig werden würde wie in der zweiten Halbzeit gegen Hoffenheim. Und Juan Arango schuldet uns noch sein schönstes Tor der ersten Saisonhälfte. Es läuft die 53. Minute im Heimspiel gegen Werder Bremen, als ein Schuss beides auf einmal bringt. Patrick Herrmann kommt frei zum Abschluss, Tim Wiese hat ausnahmsweise eine Hand am Ball. Dann landet das Ding bei Arango.
Es ist einer dieser Momente, die erklären, warum der menschliche Fuß einen Innenrist, einen Spann und einen Außenrist hat. Mit Innenrist und Spann kann man auf dem Fußballplatz schon verdammt schöne Sachen anstellen. Das ist aber nichts gegen Arango, der den Ball knapp oberhalb der Grasnarbe direkt mit dem linken Außenrist nimmt und in den Winkel haut. Sonst sieht man so etwas immer nur in YouTube-Videos von Gladbacher Neuzugängen, die im Anschluss ihr Geld nicht wert sind. Doch die Zeiten sind vorbei.
Chaos mit Fixstern
Es steht 5:0 und noch läuft die Anfangsphase der zweiten Halbzeit. Mit Arangos Traumtor ist das Spiel vorbei und – was soll ich sagen – Kantersiege sind so elendig langweilig. Beim Basketball und beim Handball gleicht der Spielstand im Zeitraffer immer der Schuldenuhr der Bundesrepublik Deutschland. Immer mehr, immer mehr, immer mehr. Wer beide Sportarten dem Fußball vorzieht, lässt nichts auf die permanente Action kommen. Dabei ist einer der Gründe, warum mich der Fußball so in seinen Bann zieht, dass man durch ein 0:0 den Klassenerhalt, die Europacup-Quali oder die Meisterschaft klarmachen und gleichzeitig den schönsten Tag des Jahres erleben kann.
Zwischen der 23. und der 51. Minute gelingt Marco Reus der erste Drei-Punkte-Wurf seiner Profikarriere. Zweimal staubt er ab. Einmal trifft er wie einst gegen Mainz nach einem Solo durch die gesamte gegnerische Hälfte. Der brillante One-Touch-Fußball vor dem Solo gleicht dem galaktischen Wirrwarr der Milchstraße. Was Reus danach veranstaltet, weist den Weg wie der Schweif eines Kometen. So oder so: Was die Borussia gerade in der ersten Halbzeit mit Werder Bremen, dem Tabellennachbarn, veranstaltet, ist wahrscheinlich der beste Fußball, den die Bundesliga in der Hinrunde gesehen hat. Da können die Bayern gegen Freiburg meinetwegen 171:0 gewinnen.
Reus macht nicht einmal das beste Spiel seines Lebens, er trifft lediglich so häufig wie nie zuvor in der Bundesliga. Nur bekommt es nach seinem Dreierpack kaum jemand hin, den wahren Mann des Tages zu küren: Patrick Herrmann. Das 1:0 erzielt der Saarländer – und seine Herkunft ist beileibe nicht der Grund, warum ich ihn so feiere – per Kopf. Das 3:0 bereitet er so vor, dass Reus nur noch abstauben muss. Und Arangos 5:0 wäre gar nicht erst gefallen, wenn Herrmann sich in der gleichen Szene mit seinem zweiten Treffer belohnt hätte.
Arien über Arien
Ich habe noch im Frühjahr 2011 daran gezweifelt, ob Herrmann sich auf Dauer in der Bundesliga durchsetzen kann. Mittlerweile nehme ich mir fest vor, mich niemals mehr über einen Verein lustig zu machen, der in der Jugend ein Talent aussortiert, weil es den körperlichen Anforderungen scheinbar nicht gewachsen ist. Patrick Herrmann wird noch mit 28 den meisten seiner Gegner physisch unterlegen sein. Doch der 20-Jährige hat es geschafft, einfach stets einen Schnitt schneller zu sein – sowohl mit den Beinen als auch mit dem Kopf.
Man könnte das Bremen-Spiel zum Anlass nehmen, jedem Borussen eine Jubelarie zu widmen. Vielleicht Filip Daems, der seinen dritten Frühling erlebt, wenn man sich darauf einigt, dass er zuvor überhaupt schon zwei gehabt hat. Vielleicht Roel Brouwers, der schon wieder für den verletzten Martin Stranzl reinkommt und gemeinsam mit Dante dafür sorgt, dass Claudio Pizarro sein schlechtestes Spiel macht. Vielleicht Roman Neustädter, der nicht mehr Fußball spielt wie ein Gewichtheber bei der Rhythmischen Sportgymnastik. Vielleicht Marc-André ter Stegen, der in der Anfangsphase einen Freistoß aus dem Winkel kratzt, seine Mannschaft damit erst wachrüttelt und im Anschluss das Kunststück vollbringt, sich trotz Unterbeschäftigung keinen Ermüdungsbruch am ganzen Körper zuzuziehen.
Mit seinem Dreierpack hat Marco Reus übrigens einen Uralt-Rekord gebrochen. Um genau zu sein: Er hat einen Rekord aufgestellt, den es noch gar nicht gab. Nie zuvor hat ein Gladbacher in drei aufeinanderfolgenden Bundesligaspielen mindestens doppelt getroffen. Manch einer mag sich daran erinnern, das einst andere Leute als Chiquinho und Coulibaly Tore für Gladbach erzielten. Sie hießen Heynckes, Simonsen oder Laumen.
Rekordmüdigkeit
Früher habe ich mir immer die Zeit genommen, mich solange auf fussballdaten.de zurückzuklicken, bis ich herausgefunden hatte, wann dieses oder jenes zum letzten Mal passiert war: Das letzte Mal drei Siege in Folge, das letzte Mal zwei Auswärtssiege in Folge, das letzte Mal auswärts einen Rückstand gedreht, das letzte Mal auswärts vier Tore erzielt. Mittlerweile ist es mir zu anstrengend geworden, weil die Antwort auf die Frage meist in den 70ern liegt – oder aber auch im Nirgendwo.
Dass es vier Bundesligasiege in Folge zuletzt 1995 gegeben hat, weiß ich, weil ich es im Mai 2011 schon einmal nachgeguckt habe. Mitte der 90er gewann die Borussia vom 1. Oktober bis zum 5. November sogar fünfmal hintereinander. Den dritten Sieg gab es im eigenen Stadion gegen Bremen, den vierten beim Derby in Köln. Falls irgendjemand diese Zeilen liest und noch nicht weiß, was jetzt kommt – es ist wohl ziemlich offensichtlich.
Am Freitagabend nach dem 5:0 gegen Bremen ist Gladbach in Köln zu Gast. Unter der Woche hat der ganze Niederrhein Portugiesisch gelernt. Und jetzt alle: “Nossa, nossa. Assim você me mata. Ai se eu te pego. Ai ai se eu te pego.” Die Schalke-Fans verweisen gerne darauf, dass Lewis Holtby die Choreografie zum Hit von Michel Teló aus Brasilien am gleichen Tag wie Marco Reus in der Bundesliga eingeführt hat. Nur redet in jenen Tagen kaum jemand über Schalke 04, sondern vom Express über die Süddeutsche bis zum englischen Guardian feiert die Presse unisono Borussia Mönchengladbach. Der beliebte Google-Test liefert 8100 Funde für Holtby und “Ai se eu te pego”, Reus kommt auf mehr als 50.000.
Brasiliens neuer Superstar Neymar ist Gladbachs Woody Woodpecker (mittlerweile hat sich das ja eingebürgert) sowohl fußballerisch als in der Extravaganz seiner Frisur noch ein Stück überlegen. Er hat das Lied “Ai se eu te pego” in die Welt getragen, viele haben es nachgemacht. “Wenn ich dich kriege” – mittlerweile ist das ein Top-10-Hit.
Bierwart Hanke
Für das Derby gibt es im Grunde nur zwei Optionen: Entweder die Borussia leistet sich ausgerechnet jetzt einen Ausrutscher oder aber der Auftritt beim Rivalen aus Köln verkommt zur Demonstration. Dabei steht die erste Option nur aus reiner Gewohnheit zur Debatte. Es war doch schließlich immer so. Warum sollte es je anders sein? Die Antwort liefert die Borussia von der ersten Sekunde an. Die Mannschaft von Lucien Favre legt los wie ein ganzes Feuerwehrfest.
Marco Reus und Roman Neustädter vergnügen sich gleich in den ersten drei Minuten am Bierpavillon – bis Michael Rensing nichts mehr ausschenkt. Doch die Borussen sehen es nicht ein. Reus klaut ein Fass aus dem Kühlwagen. Patrick Herrmann will es gerade anstechen, als Mike Hanke es ihm abnimmt und trocken zum 1:0 trifft.
Meine Studienfreunde aus Dortmund, die an diesem Abend zu Besuch sind, werden mir wohl etwas verdutzt beim Jubeln zugesehen haben. Zwei Jahre lang war ich stets die arme Sau, die am liebsten gar nicht übers Wochenende reden wollte – oder aber ganz ausgiebig, um das aktuellste Trauma zu verarbeiten. Ich war derjenige, dem sie vor der Relegation wie in der Grundschule Glücksbringer basteln mussten, weil er völlig neben sich stand. Ein halbes Jahr lang war die Rote Laterne in meinem Besitz. Wir wollten immer munter wechseln, doch das wurde nichts. Und plötzlich ist das alles vorbei.
12:1 in der Ein-Jahres-Derby-Wertung
Zehn Minuten später steht Juan Arango zum Freistoß bereit. Kölns Torwart Rensing sieht nicht gut aus, als der Ball im Tor einschlägt. Aber: Du sollst keine anderen Fußballgötter neben Arango haben – und deshalb ist der Fehler beinahe nebensächlich. Nach einer halben Stunde habe ich es der DFL sogar verziehen, dass sie das Spiel von einem Sonntag auf einen Freitag gelegt hat. Alles ist gut, Gladbach ist Tabellenführer.
Lucien Favre hat nach dem 5:0 gegen Bremen seinen Drei-Stufen-Plan verraten. Zuerst wollte er die Gegentore verringern – der Perfektionist hat sie beinahe abgeschafft. Dann wollte er mehr Chancen kreieren – es sind manchmal so viele, dass seine Mannschaft gar nicht alle nutzen kann. Schritt drei soll dann auch nach einer schlechten Leistung noch Erfolge bringen. So wie die Borussia jedoch den Ball und den Gegner laufen lässt, stellt sich die Frage, ob das überhaupt erstrebenswert ist.
Auch das Derby endet direkt nach der Pause. Herrmann und Reus spielen einen Konter eigentlich gar nicht gut aus. Doch der Ball landet trotzdem bei Hanke, der nach mehr als 1000 Minuten ohne Tor gleich einen Doppelpack schnürt – es ist das 12:1 in der Ein-Jahres-Wertung zwischen Gladbach und Köln.
Schere, Stein, Bodenhaftung
“Borussia Barcelona” wird die Rheinische Post nach dem Spiel titeln. Der Vergleich landet wenig später im Guardian und ganz Europa weiß auf einmal, dass in Deutschland eine Mannschaft für Furore sorgt, die noch ein halbes Jahr zuvor so gut wie tot war.
Ich habe ja nun genug Zeit gehabt, ungefähr 15 Jahre, um mir auszumalen, wie das wäre: Die Saison ist nicht mehr jung und die Borussia spielt in der Spitzengruppe der Bundesliga. Aber es schien immer so abwegig, dass ich mir nie allzu große Gedanken darüber gemacht habe. Die Gegenwart hat einen stets viel zu sehr eingenommen, um rumzuspinnen. Bis zum 3:0 in Köln, bis zu diesem Freitagabend, an dem der VfL auf einmal nach 14 Spielen ganz oben steht, habe ich es nicht einmal geschafft das Lied auswendig zu lernen, in dem in Kopenhagen ein Telefon schellt und eine Woche Sandstrand auf Teneriffa winkt.
Das Derby ist fast vorbei, das Stadion nicht nur im übertragenen Sinne menschenleer, als sich eine Szene abspielt, die wahrscheinlich mehr über die neue Borussia verrät als alle hochtrabenden Analysen. Marco Reus und Mike Hanke streiten sich darum, wer einen Freistoß schießen darf. Was liegt da näher, als die Sache mit einer Runde “Schnick, Schnack, Schnuck” zu regeln? Reus nimmt den Stein, Hanke die Schere. Dass Reus den Freistoß daraufhin in die Mauer setzt, sichert die Bodenhaftung.
Seit diesem Abend stehe ich geistig in einer Telefonzelle in Kopenhagen und warte, dass es klingelt. Vorher kriegt mich da keiner raus.
Nur die Krise zählt
Saison 2011/2012: 8. Spieltag bis 2. Runde Pokal, 1. bis 25. Oktober
Drei Spiele in Folge bleibt die Borussia im Oktober ohne Sieg. Warum? Die Antwort bringt erst der Dezember. Vieles bleibt derweil beim Alten: Auf dem Sofa gewinne ich keine Spiele, Filip Daems verschießt keine Elfmeter, Gladbach kann Leverkusen im eigenen Stadion nicht schlagen und André Schürrle schießt nur bittere Tore.

Dieses Kapitel wird das einzige über die Hinrunde sein, das von einer Krise handelt. Es gab Zeiten, da konnte man alleine mit Krisen Bücher füllen. 2010 blieb Gladbach einmal neun Spiele lang ohne Sieg und verlor vor der Winterpause fünfmal in Folge. 2009 waren es ebenfalls fünf Pleiten hintereinander, die für Unruhe sorgten. 2008, Wiederaufstieg, musste Jos Luhukay nach nur einem Sieg aus sieben Spielen frühzeitig gehen. Die verheerende Krise der Hinrunde 2011 beginnt in Freiburg.
Es ist der erste Samstag, den ich in meiner neuen Heimat verbringe. In Saarbrücken hängen noch nicht alle Bilder an der Wand, die Waschmaschine steht gerade erst im Keller, aber der Sky-Decoder läuft bereits. Rechtzeitig zum Anpfiff in Freiburg ist er per Post gekommen. Der DHL-Mensch wird sich lange gefragt haben, warum ich mehrmals “guter Mann, guter Mann” genuschelt habe. Um 17:18 Uhr jedoch wünsche ich mir, er hätte es nicht mehr gepackt.
Der lebendigste Chancentod aller Zeiten
Es bleibt die alte Leier: Vor dem Fernseher auf der Wohnzimmercouch geht einfach nichts – auch nicht in Saarbrücken. Gladbach muss dieses Spiel nicht verlieren. Der einzige Grund, der dafür spricht, ist die Tatsache, dass es die Elf vom Niederrhein dennoch tut. Freiburg genügt ein abgefälschter Schuss von Johannes Flum zum zweiten Saisonsieg. In den neun Spielen danach wird nur ein einziger folgen. Das 0:1 im Breisgau ist das erste Kapitel der Geschichte: “Wie die Borussia es schaffte, sowohl gegen das schlechteste als auch gegen das zweitschlechteste Team der Hinrunde zu verlieren”.
Marco Reus schreibt das nächste Kapitel seiner Chancenodyssee. Für den 22-Jährigen ist es ein Teufelskreis: Wer sich Möglichkeiten erarbeitet, die andere gar nicht hätten, läuft gleichzeitig Gefahr, mehr liegen zu lassen als andere. Trotz Niederlage bleibt die Borussia auf Platz drei. Dabei war es doch 15 Jahre lang so, dass selbst fünf Siege hintereinander nicht genügt hätten, um überhaupt von derartigen Sphären träumen zu dürfen.
Ich muss also weiter auf den ersten Sofa-Erfolg seit November 2008 warten. Und Pechsträhnen sind übrigens multitaskingfähig: Denn während ich in meiner neuen Wohnung den Sky-Decoder installiere, verliert der 1. FC Saarbrücken sein erstes Spiel, nachdem er zuvor 21 Mal in Folge gepunktet hat. Bis Weihnachten wird der FCS nur noch zweimal erfolgreich sein – immer dann, wenn ich vor Ort im Stadion bin. Selbst nach tristen Nachmittagen wie dem in Freiburg muss man sich immer wieder kneifen, um zu realisieren: Um ein Haar hätte die Borussia nur eine Liga über Saarbrücken gespielt.
Reisebus ins Gesicht
Zwei Wochen später, nach der Länderspielpause. Kurz bekommt es der ganze Borussia-Park mit der Angst zu tun. Leverkusens Keeper Bernd Leno scheint es böse erwischt zu haben. Nur einer schaut vorwurfsvoll, winkt kopfschüttelnd ab, weil er die Welt nicht mehr versteht – Marco Reus. In der Türkei hat er sein Nationalelf-Debüt gefeiert. Mehr als ein Jahr lang war es meist eine Nachricht gewesen, dass er es nicht gefeiert hatte.
Gerade fünf Minuten ist es her, dass André Schürrle bewiesen hat, wie schmerzvoll seine Tore auch dann sein können, wenn er das Trikot von Bayer Leverkusen trägt und es für die Borussia nicht um den Klassenerhalt geht. Gleichzeitig kassiert Gladbach erst zum zweiten Mal unter Lucien Favre zwei Gegentore. Aber dann ist die Chance noch einmal da: Reus taucht frei vor Leno auf, legt die Wut aus 90 Minuten und ein bisschen Nachspielzeit in den Schuss – und trifft schon wieder nicht ins Tor. Stattdessen bekommt Torwart Leno gefühlt einen Reisebus ins Gesicht. “Herausragend”, schreibt der Kicker am Montag danach über einen von zwei Männern des Spiels, “wehrte mit allen Körperteilen Borussias Schussversuche ab.”
Im weiteren Verlauf der Hinrunde werden sich Lucien Favre und Co. ein ums andere Mal beschweren, dass ihr Erfolg nur auf einen Namen reduziert wird. An diesem Nachmittag ist Gladbach aber ohne Zweifel in erster Linie – Marco Reus. Falls über dieses Spiel in 20 Jahren noch jemand reden sollte, wird er sicher unter den Tisch fallen lassen, dass die Borussia erst wenig zustande bringt und dann ganze 45 Minuten einem Rückstand hinterherläuft. Denn in die Erinnerung brennt sich eine Mannschaft ein, die den Vizemeister in allen Belangen auseinandernimmt – nur nicht auf der Anzeigetafel.
Herrmanns Initialzündung
Erst nach 65 Minuten bricht der Bann: Reus ist auf und davon, schlägt in bekannter Manier seine Haken wie ein Hase, so dass man sich überlegen sollte, ob nicht in Wirklichkeit Hasen ihre Haken wie Reus schlagen. Diesmal hat Leno kein Körperteil mehr dazwischen. Es steht 1:1 und die meisten der 52.858 Zuschauer atmen einfach nur auf: Er kann es noch und wird keine bleibenden mentalen Schäden aus diesem und den vorherigen torlosen Spielen davontragen. Bekloppt, dass man so etwas zu diesem Zeitpunkt der Saison noch für möglich hält.
Sieben Minuten später dreht Patrick Herrmann das Spiel völlig. 16.000 Menschen mehr als beim letzten Heimspiel gegen Leverkusen im Januar 2011 glauben daran, dass nach 22 Jahren endlich wieder ein Heimsieg gegen Bayer möglich ist. Herrmann wird nach dieser Partie in jedem Pflichtspiel in der Startelf stehen. Was für Marco Reus einst ein Solo gegen Mainz 05 war, könnte für Herrmann sein wunderbarer Lupfer über Leno hinweg sein – die Initialzündung.
Dass es am Ende dennoch nichts wird mit dem Dreier, ist eigentlich die absurdeste Geschichte der Hinrunde. Selten dürfte eine ehemals todgeweihte Mannschaft den vom Personal her klar überlegen Vizemeister dermaßen beherrscht haben, ohne ihn am Ende auch zu besiegen. Wieder ist es Schürrle, wie damals im April 2011 gegen Mainz. Wieder tut es weh, doch der Schmerz ist purer Luxus. Denn trotz der verschenkten zwei Punkte springt Gladbach auf den zweiten Tabellenplatz – und ist immer noch die einzige Mannschaft, die dem FC Bayern in 14 Spielen einen eingeschenkt hat.
Igor de Camargo, der Torschütze aus dem August, fehlt gegen Leverkusen übrigens verletzungsbedingt – irgendetwas mit Glasknochen.
Stück mal ein Rück
Früher waren Auswärtsspiele im Bereich der 4er- und 5er-Postleitzahlen gefühlte Heimspiele. Mittlerweile ruft alles zwischen 60000 und 75000 zwingend dazu auf, mich auf den Weg zu machen. Der Saarländer ist für mich ein Ruhrgebietler mit französischem Touch. Der Ausstieg in der Straßenbahn wird zweisprachig angegeben. Da ist es nur konsequent, zum Auswärtsspiel gegen Hoffenheim mit dem TGV zu fahren. Erster Halt: 68159 Mannheim.
Losgefahren bin ich alleine, doch selbst in Baden leidet kein Gladbach-Fan an Einsamkeit. Zumal das Spiel um 15:30 Uhr in 74889 Sinsheim angepfiffen wird und der Gegner aus einem Dorf kommt, das nicht einmal eine eigene Postleitzahl hat. Konkurrenz in der Fangunst: Fehlanzeige. Der Bahnsteig ist voller Borussen.
Irgendwo zwischen dem Arsch der Welt und Toter Hose steigt schließlich Alexander aus meinem Abiturjahrgang mit zwei Freunden zu. Er studiert in Würzburg. Alexander wird alles genannt, nur nicht Alexander. Bleiben wir trotzdem korrekt. Jedenfalls will sich Alexander hinsetzen. “Ey Kollege, rück’ mal bitte ein Stück”, sagt er zu einem Fahrgast, der sich etwas zu breit macht. Nun zeichnet sich auch Alexanders Größe vor allem durch Breite aus, was dem Fahrgast (so völlig wertungsfrei wollen wir mal bleiben) ziemlich sauer aufstößt. Korpulenz verwechselt er doch glatt mit Unfreundlichkeit.
Jones’ Arbeitsverweigerung
In den folgenden Minuten, bis wir endlich in Sinsheim ankommen, entbrennt eine heftige Diskussion, die sich vor allem um Alexanders niederrheinisch-freundliches “Kollege” dreht. Der Fahrgast – er kommt aus Frankfurt – wäre wahrscheinlich lieber angepöbelt worden, als in der Regionalbahn mit einem Hauch von Nettigkeit bedacht zu werden.
Jedenfalls erhalten Alexander, seine zwei Freunde und ich schnell das Angebot, die “Sache” doch am besten”draußen zu regeln”. Manchmal meine ich, dass Konflikte mit solchen Menschen ausschließlich in geschlossenen Räumen entstehen, damit sie als ultima ratio auch bloß “draußen” anbieten können. “Draußen” eben. Egal, wo man gerade ist. Und sei es Sinsheim Bahnhof. Wir lehnen dankend ab und nehmen nickend den Hinweis auf, dass wir froh sein können, nicht in Frankfurt in diese “Sache” geraten zu sein: “Denn dann wären wir jetzt alle in der Notaufnahme.” Der Junge hat wohl noch nie ein Eigentor von Logan Bailly mit der Faust gesehen.
Wen diese ganze Story interessiert? Nun ja, stattdessen könnte ich 90 Minuten Bundesliga-Fußball haarklein rekapitulieren. Ich verspreche: Dagegen ist es eine Wonne, im Zug von einem halbstarken Frankfurter angepöbelt zu werden, den nicht einmal Jermaine Jones babysitten würde. Und: Es ist so ziemlich der letzte Reibungspunkt an einem Nachmittag, der sich zum langweiligsten der gesamten Hinrunde aufschwingt. (Ok, später gegen Bremen wird es auch langweilig, nur auf völlig andere Art und Weise.)
Go-go-Maradona Hoffi
Bei Burger King – immerhin in dieser Hinsicht ist das Gewerbegebiet nahe der Arena in Sinsheim gut ausgestattet – treffen wir noch auf eine tragische Gestalt. Wo man denn hier das Spiel gucken könne, will er wissen. Er trägt einen Gladbach-Schal. “Was hältst du vom Stadion?”, steht uns allen ins Gesicht geschrieben, ohne dass wir es aussprechen müssen. Aber das Stadion ist eben der Haken.
Dass er damals auf St. Pauli Pyrotechnik gezündet hat, gibt er sofort zu. Doch den Polizisten, den habe er auf keinen Fall angegangen. Trotzdem: ein Jahr Stadionverbot. Mehr als 300 Kilometer Busfahrt nach Sinsheim also, nur um das Spiel in einer Kneipe anzuschauen, die es vielleicht gar nicht gibt. Ein Martyrium, das sogar kurz Mitleid erregt. Immerhin ist es in den meisten Bundesligastädten besser um die Kneipenkultur bestellt.
Um halb drei liegen wir vor der Arena im Gras, vor unseren Augen alles und nichts auf einmal. Felder, Windräder, Hügel. Aber nichts, was einen erahnen lässt, dass hier in einer Stunde Bundesligafußball gespielt wird. Drinnen regiert Hoffi, der tanzende Elch, der aussieht wie ein Go-go-Girl mit Maradona-Figur und DVB-T-Antennen auf dem Kopf. Tatsächlich gelingt es dem Maskottchen, die Stimmung zu steigern. Anfangs glich sie einer Intensivstation, dann ist Finanzamt-Niveau erreicht. Zu wahr, um schön zu sein.
Vor Spannung sterben
Dann begrüßt der Stadionsprecher auch noch “die Fans von Werder Bremen”. Keiner fühlt sich angesprochen. Ein paar Tage später entlarvt ihn die Tageszeitung nach einer investigativen Höchstleistung als echten Gladbach-Fan. Selbst der Stadionsprecher ist bei der TSG Hoffenheim also reiner Dienstleister.
Dem Spiel fehlt es im Anschluss an echten Aufregern. In der 56. Minute erzielt Vedad Ibisevic das Tor des Tages. Es ist ein Stück Arbeit, so wie die Fusseln, die man sich abends aus dem Bauchnabel knibbeln kann: Nicht schön, aber genauso wenig zu verhindern. Der Kicker, das Gedächtnis der Fußball-Nation, will ein Spiel gesehen haben, das “von der Spannung” lebte. 30.000 Zuschauer, die vor Langeweile beinahe starben, werden das anders sehen.
Zwei, drei halbe Torchancen erarbeitet sich die Borussia. Das dritte sieglose Spiel in Folge bedeutet den verheerenden Absturz um fünf Tabellenplätze – auf Rang sieben. Noch immer ist der Vorsprung auf den Relegationsplatz zu diesem Zeitpunkt größer als der Rückstand in der vergangenen Saison jemals war. Dennoch meint es Lucien Favre an diesem Tag wohl zum ersten und einzigen Mal ernst, als er eine “ganz, ganz schwere Saison” prophezeit.
Mit dem Spiel gegen Hoffenheim hat Favre als Gladbacher Trainer genauso viele hinter sich wie Michael Frontzeck in jener Spielzeit, die ohne seine Entlassung eine Abstiegssaison geworden wäre. Auf Frontzecks 16 Punkte hat Favre 37 folgen lassen. Sechs der sieben Niederlagen unter Leitung des Schweizers waren ein 0:1. Gladbachs Binärcode-Saison hat spätestens jetzt zwei Seiten. Doch was für die 1:0-Siege galt, trifft in der Folge auch auf die 0:1-Pleiten zu: Sie werden sich noch rar machen.
Kürzester Weg nach Europa
Rar gemacht haben sich spätestens mit dem ersten Bundesligabstieg 1999 auch jegliche Europacupambitionen. Im Jahr 2005 ging die Borussia auf Rang sieben mit nur einem Punkt Rückstand auf die UEFA-Cup-Plätze in die Winterpause. Nur 17 Punkte folgten in der Rückrunde, was die Ausbeute der ersten 17 Spiele deutlich relativierte. Die Saison 2005/2006 war ein Übergangsjahr voller Augenwischerei – der Übergang in die 2. Bundesliga.
Jahrelang galt der DFB-Pokal als kürzester Weg nach Europa. Immerhin zweimal bestritt Gladbach in diesem Jahrtausend ein Endspiel um die Europacupteilnahme, es hieß Halbfinale. Nachdem das jeweils in die Hose ging, sollte ich besser sagen: Verdammt nochmal, zwei Riesenmöglichkeiten wurden 2001 und 2004 vergeben! Halbfinale, zu Gast bei einem unterklassigen Team – reine Formsache. Aber dann kam ein Elfmeterschießen bei Union Berlin und kein Elfmeterpfiff in Aachen.
Besonders die Niederlage auf dem Tivoli im Jahr 2004 scheint den VfL so traumatisiert zu haben, dass er seitdem im Pokal rein gar nichts mehr gerissen hat. Fast ausnahmslos ist die 2. Runde in jeder Saison das Finale. Denn “Finale” kommt vom lateinischen Wort “finis” – das Ende. Der FC Heidenheim sollte da Ende Oktober doch ein wahres Geschenk der Lostrommel sein.
Zaubergurken
Durch meine Arbeit in Saarbrücken habe ich jetzt schon mehr Drittligaspiele gesehen als in meinem ganzen Leben zuvor. Einst waren es zwei Besuche in Wuppertal, jetzt habe ich schon ganze drei Spiele vom 1. FC Saarbrücken gesehen. Doch das reicht für die Erkenntnis, dass es drittklassigen Fußball gar nicht gibt. Die Spiele wandelten stets zwischen Viert- und Zweitklassigkeit, dazwischen ging selten etwas. Somit ist die 3. Liga, in der auch Heidenheim sein Zuhause hat, im Prinzip ein einziger Querschnitt all der Wahnsinnstaten, zu denen Fußballer imstande sind, bei denen es für die Bundesliga nicht reicht, wohl nie reichen wird oder nie gereicht hat – eben das Bindeglied zwischen Profi- und Amateurfußball.
Die eigenen Gesetze des Pokals kommen ja meist zu tragen, wenn ein Amateurligist sich im eigenen Stadion erfolgreich einmauert, um dann in einer Mischung aus Zauberei und Gurkerei das goldene Tor zu erzielen. An jenem Abend in Heidenheim zeigt sich eine neue Qualität des Einmauerns. Früher ging es dabei auf die Knochen. Die Mauer stand noch nicht, der Zement wurde erst angerührt. Heidenheim aber hat ein System und dürfte zumindest ein Video von den bis dahin elf Pflichtspielen des VfL gesehen haben.
Pfosten, drüber, drüber, gehalten, Außenpfosten, abgeblockt – es sind die gleichen Chancen, die Gladbach auch bei den drei 1:0-Siegen gegen Kaiserslautern, Hamburg und Nürnberg hatte. Nur lässt ein Tor diesmal 120 Minuten lang auf sich warten. Gleichzeitig aber gilt zum Glück auch hinten wieder, was im Sommer 2011 wegen EHEC lange Zeit für deutsche Einkaufskörbe galt: Gurken kommen nicht rein. Das Elfmeterschießen ist somit die folgerichtigste aller folgerichtigen Folgen.
Tausendpfund und Spann
Elfmal fiel in der Gladbacher Pokalgeschichte die Entscheidung erst vom Punkt. Viermal gewann die Borussia, dreimal davon in Heimspielen, nur einmal auswärts, bei den Amateuren von Mainz 05. Dem gegenüber stehen traumatische bis legendäre Niederlagen wie die in den Endspielen von 1984 (Lothar Matthäus und die Bayern) und von 1992 (irgendwelche Hannoveraner Zweitligaspieler). Doch damals schoss Filip Daems noch nicht die Elfmeter und im Keller des Borussia-Parks stand noch keine Filip-Daems-Klon-Fabrik.
Der Kapitän geht voran und macht den Anfang. Dante folgt ihm. Heidenheims Andreas Spann rutscht der Ball zwar nicht über seinen Nachnamen, gut geschossen ist sein Elfmeter trotzdem nicht – kein Problem für ter Stegen. Weiter geht es mit Nordtveit und Stranzl – sicher verwandelt. 16 Elfmeter in Folge haben Borussen damit nicht verschossen.
Heidenheims Florian Tausendpfund klingt zumindest nach einem sicheren Schützen, er kommt als Fünfter für seine Mannschaft. Der eben schon erwähnte Lothar Matthäus ist ja das Paradebeispiel dafür, dass bei zwei Fehlschüssen nicht immer automatisch der spätere einen Idioten aus dem Schützen macht. Norbert Ringels, anyone? Der machte 1984 erst die Gladbacher Pokalniederlage perfekt. Vielleicht ist es Florian Tausendpfund ein Trost, dass sich in 27 Jahren noch weniger Menschen an seinen Fehlschuss erinnern werden. Die Parade von Marc-André ter Stegen dagegen – dafür kann man schonmal ein Megabyte auf der Festplatte namens Hirn bereitstellen.
Dieses Kapitel sollte das einzige der Hinrunde über eine Krise sein. Wer daran glaubt, dass es jemals eine Krise gab, der wird sich mit dem knappen Weiterkommen im Pokal nicht begnügen. Wer nie eine Krise sah, der wird in Heidenheim eine Mannschaft gesehen haben, die sich durch nichts in der Welt von ihrem Stil abbringen lässt. Das kann eigentlich nur der FC Barcelona. Aber mal ehrlich: Die Borussia im Oktober 2011 mit Barca vergleichen? Absurd. Das kommt dann doch drei, vier Wochen zu früh.
Herr Lehmann
Saison 2011/2012: 4. bis 7. Spieltag, 28. August bis 24. September
Es hört einfach nicht auf: Nach der einwöchigen Tabellenführung und der ersten Saisonniederlage schüttelt sich die Borussia einmal kurz – und weiter geht’s. Drei 1:0-Siege in Folge bedeuten die Geburt der Binärcode-Borussia. Noch ist die ganze Freude unter “Lauf” bzw. “Serie” zu verbuchen.

Neun Tage nach dem 4:1 über Wolfsburg ist Gladbach bereits seit 24 Stunden nicht mehr Tabellenführer, war es zuvor aber mehr als eine Woche lang, das erste Mal seit 13 Jahren. Damals hatte die Borussia nach einem 3:0 gegen Schalke am 1. Spieltag der Saison 1998/1999 ganz oben gestanden – und stieg am Ende als Letzter ab.
Nicht nur ähnlich, sondern genauso schlecht ging die Saison 2005/2006 aus, in der Gladbach noch einmal für wenigstens eine Nacht von oben grüßte. Man kann wahrscheinlich jeden Borussen fragen, warum Tabellenführungen immer ein paar K.o.-Tropfen in die Euphoriesuppe träufeln. Die hauptberuflichen Statistiker hätten sich ihre Unkenrufe in der Woche vor dem Auftritt auf Schalke also sparen können. Die Story ist ein alter Schuh.
So oder so ist es nach mehr als drei Monaten aber wieder so weit: Stadion, Gladbach, ich. Mit meiner Mutter, meinem Bruder und Nils mache ich mich auf nach Gelsenkirchen. Dabei verheißt diese Konstellation doch gar nichts Gutes. Und um 19:18 Uhr habe ich erneut die Gewissheit, es vorher geahnt, aber wieder nichts unternommen zu haben.
Playstation mit Xbox-Controllern
0:1 geht das Spiel verloren. Engelchen und Teufelchen auf meinen Schultern bringen mich nach dem Abpfiff fast um den Verstand. Ja, es tut so gut, eine Niederlage mit der Gewissheit hinzunehmen, dass sie schlichtweg drei Punkte von der Maximalausbeute entfernt ist, jedoch keinen Deut mehr. Und ja: Auch wenn das Borussenleben mir viel über das Verlieren gelehrt hat, kann ich es immer noch genauso wenig ertragen, wie beim “Mensch ärgere Dich nicht” direkt vor der eigenen Haustür rausgeschmissen zu werden.
Dabei ist direkt klar, dass dieses 0:1 gegen eine gute Schalker Mannschaft auf keinen Fall als schlechteste Leistung der Hinrunde in die Annalen eingehen wird. Nach drei Monaten Stadionabstinenz, zwei Fernsehabenden ohne Ton und einem mit zu viel Bier wird mir an diesem Tag auf Schalke erstmals klar, dass da unter Lucien Favre etwas entsteht, wenn nicht sogar schon entstanden ist. Achtung, Selbstzitat aus dem Mai 2011, Favres Abgang:
Dieses Jahr glich so oft einem Anfang vom Ende. Und irgendwie fühlt sich dieser letzte Moment der Saison völlig anders an – als sei er nur das Ende eines Anfangs.
Es sind teilweise Angriffe dabei, die nach Playstation-Vergleichen rufen. Nur scheint derjenige, der da scheinbar über allem schwebt und die Fäden zieht, zuvor meist Xbox gespielt zu haben. Der Controller liegt noch nicht ganz so gut in der Hand, die Tastenbelegung verwirrt bisweilen. Aber: Das wird sich legen.
Marx für Nordtveit
Zwei Wochen danach steht das Heimspiel gegen Kaiserslautern an. In der Länderspielpause habe ich fünf Tage in Norwegens Hauptstadt Oslo verbracht und bin praktisch als neuer Mensch zurückgekehrt: Ich habe gelernt, wie man Håvard Nordtveits Namen korrekt ausspricht.
Erst einmal lässt man den Kreis auf dem ersten “a” viel zu leichtfertig unter die Zunge fallen. Denn mithilfe des Kreises wird aus dem vermeintlichen “a” in der Aussprache ein “oa”. Das zweite “a” (ohne Kreis) klingt wiederum eher nach einem einfachen “o” so wie in “Wort”. Das “o” im Nachnamen gleicht schließlich einem “u”. Das “v” wird wie ein “w” ausgesprochen. Und jetzt alle: “Hoaword Nuurdweit”. Vielen Dank!
Auch Lucien Favre hat sich in der Vorbereitung auf den 5. Spieltag offenbar näher mit seinem norwegischen Sechser beschäftigt. Nordtveit sitzt erstmals in dieser Saison auf der Bank, Thorben Marx spielt. Zum ersten Mal verändert der Trainer die Startelf, ohne dass Verletzungen und Sperren ihm die Entscheidung abgenommen hätten – change a losing team.
Auf eigene Faust
Von Beginn an dabei ist auch wieder Igor de Camargo, nachdem er die Heimspiele gegen Stuttgart und Wolfsburg verletzt verpasst hatte. Mit den Verletzungen des Belgiers ist es wie mit Panini-Bildern: Die, die man noch nicht hat, sind am schwierigsten zu bekommen. Nach seinem Siegtreffer in München war de Camargo von einem Abriss des Dornfortsatzes außer Gefecht gesetzt worden. Immer wieder faszinierend, wenn Fußballer sich an Körperteilen verletzen, bei denen ich mir sicher bin, sie selbst gar nicht zu besitzen. Der Atlas hat übrigens keinen Dornfortsatz. Ich versteh’ nur Erdkundeunterricht.
Die Partie gegen Kaiserslautern steht stellvertretend für den Wandel, den die Elf vom Niederrhein seit der Mutter aller Nackenschläge hingelegt hat, seit dem 0:1 gegen eben jenes Kaiserslautern am 18. März 2011. Sechs Monate danach ist die Borussia im eigenen Stadion seit sechs Monaten ohne Niederlage. Und obwohl fünf der Darsteller vom Tiefpunkt aller Tiefpunkte diesmal gar nicht mehr dabei sind, hat die Mannschaft ihr Gesicht kaum verändert.
Wenn die Saison 2010/2011 trotz ihres wunderhaften Ausgangs ein Trauma hinterlassen hat, dann hat es die Gestalt einer Faust, die gegen einen Ball boxt, der daraufhin ins Tor hoppelt. Logan Bailly fehlt am 11. September im Borussia-Park. Mittlerweile sind Dinge ans Tageslicht gekommen, mit denen der Belgier sicherlich schwieriger fertig wird als mit einem Eigentor, das einst gefühlt den Abstieg besiegelte. Alle Menschen, denen Bailly kein Geld schuldet, werden bei seinem Namen wahrscheinlich zuerst an seine rechte Hand denken, die einen Ball ins eigene Tor lenkt.
Parade der Hinrunde
Es läuft die 62. Minute gegen Kaiserslautern, als ein halbes Jahr danach wieder eine rechte Hand das Spiel entscheidet. Diesmal gehört sie Marc-André ter Stegen, der einen Schuss von Christian Tiffert noch aus dem Winkel kratzt. Die Parade, vielleicht ter Stegens beste seiner bisherigen Bundesliga-Laufbahn, hat es sogar in einen Imagefilm der Borussia geschafft. Ein Sinnbild eben.
Dabei täte es weh, Juan Arangos Treffer zum 1:0 nicht ausreichend zu würdigen. Sieben Minuten, bevor ter Stegen hält, was nicht zu halten war, hat Tony Jantschke wiederum eine seiner besten Flanken der Hinrunde geschlagen. Und es liegt allein an Arango selbst, dass seine Volleyabnahme nicht als sein schönstes Tor der Hinrunde in Erinnerung bleiben wird. Er hat es so gewollt.
Auswärtsfavoriten
Am 6. Spieltag sind Nils und ich uns nicht ganz so sicher, was wir eigentlich gewollt haben. Um kurz vor drei Uhr in der Nacht stehen wir am Duisburger Hauptbahnhof und warten auf den IC nach Hamburg.
“Warum fahren wir überhaupt so früh?”, will Nils wissen.
“Du wolltest doch!”, antworte ich etwas vorwurfsvoll.
“Na du doch auch!”
“Ja klar. Aber…”
“Jaja, wir wollten es einfach mal machen – mitten in der Nacht losfahren.”
Mit Verspätung fährt jener Zug im Bahnhof ein, der uns auch im Mai zum Auswärtsspiel in den hohen Norden gebracht hatte. Selbst eine praktisch nicht vorhandene Nacht kann das innerliche und äußerliche Gefühlsgewirr nicht toppen. Schließlich ist der Hamburger SV Tabellenletzter, hat erst einen Punkt geholt – zum ersten Mal werde ich ein Auswärtsspiel in der Bundesliga besuchen und nichts anderes als einen Sieg erwarten.
Zwei Waggons nehmen Fans von Hansa Rostock ein, die bei Eintracht Frankfurt am Abend eine 1:4-Niederlage kassiert hatten. Bei jener Eintracht, deren grausame Rückrunde das Fundament des Gladbacher Nichtabstiegswunders war. Ein gewisser Matthias Lehmann war am Abend in der 61. Minute eingewechselt worden. Wenn Eintracht Frankfurt das Fundament gewesen ist, dann war Lehmann die Baugenehmigung. Passenderweise hat er sich dem Bundesligaabsteiger in der Sommerpause angeschlossen.
Wer würde Lehmanns Schauspieleinlage nach dem regungslosen Kopfstoß von de Camargo vergessen, der den damaligen St. Paulianer beinahe aus der Blüte seines Lebens riss? Nur weil de Camargo damals zu leichtfertig das Tête-à-tête suchte und Lehmann dankend zu Boden ging, sitzen Nils und ich überhaupt im Zug nach Hamburg. Es ist keine gewagte These, dass Gladbach damals im Februar mit elf Mann wahrscheinlich nicht gegen St. Pauli verloren hätte, dass Michael Frontzeck wahrscheinlich nicht entlassen worden wäre und dass er in zwölf Spielen weder 17 noch 19 Punkte geholt hätte, geschweige denn Favres 20. Gladbach wäre abgestiegen – wäre da nicht Matthias Lehmann gewesen.
Spitzenreiter – gefühlt
Als das Spiel in Hamburg am Nachmittag endlich läuft, liefert die Borussia zumindest in der zweiten Halbzeit mehr ab als Philipp Rösler es für die FDP jemals versprechen könnte. De Camargo besorgt das entscheidende Tor zu einem erwarteten Auswärtssieg. Als er einst in Frankfurt traf, war das nicht so selbstverständlich. Doch auch ohne jenes Tor damals im Januar würde am 18. September nicht Gladbach in Hamburg spielen, sondern unter Umständen Eintracht Frankfurt mit Matthias Lehmann.
Kurz vor de Camargos Kopfballtreffer hat Nürnberg gegen Bremen ausgeglichen. Wenig später habe ich eine Falschmeldung im SMS-Posteingang. “Spitzenreiter! Spitzenreiter! Hey! Hey!”, feiert meine Mutter. Ich erzähl’s weiter, ohne irgendein Verhältnis zu Torverhältnissen. Den Menschen um uns herum ist es egal. Nach Spielende bekomme ich eine SMS, in der mir zur Tabellenführung gratuliert wird. Wenig später stehe ich mit einem HSV-Fan an der Bierbude. Er “kann es einfach nicht fassen, dass ihr Tabellenführer seid”. Nein, verdammt!
Vom Luxusproblem des untergeschobenen Spitzenreiterdaseins wechseln wir aber schnell zu der dramatischen Situation in Hamburg. Nils und ich wollen dem HSV-Fan um alles in der Welt die Relegation schmackhaft machen, träumen von einem Hamburger Derby, in dem es um alles geht. Wer einmal Gladiator unten in der Arena war, möchte einmal gerne Kaiser sein.
Am späten Abend nehmen Nils und ich den Begriff “Laufhaus” so wörtlich wie es geht und, nun ja, laufen durch ein Haus auf der Reeperbahn. Nach der Pubertät ist eben vor der Pubertät. Es hagelt Glückwünsche zum Sieg von den Angestellten, die offenbar so gute Geschäfte machen an diesem Tag, dass sie sogar fadenscheinige und gestotterte Ausreden akzeptieren, warum man einfach ein bisschen durch das Laufhaus läuft, ohne Kaufabsicht. Man merke sich: Oben ist, wo die Nutten gratulieren.
Aus den Eichhörnchen werden Fohlen
Nach dem siebten Spiel der Saison gegen Nürnberg ist sich alle Welt sicher, die typische Borussia anno 2011 gesehen zu haben: Hinten brennt nichts an, vorne sorgt Marco Reus (wenn auch ohne Tor) für Furore und am Ende steht mal wieder ein 1:0 auf der Anzeigetafel. Fest steht: Gegen den Club ist es das siebte Resultat dieser Art in den vergangenen 14 Pflichtspielen unter Lucien Favre. Fest steht aber auch: In den darauf folgenden zwölf Partien wird Gladbach nur noch einmal in Eichhörnchen-Manier einen Sieg erringen.
Denn der Erfolg über zu diesem Zeitpunkt formstarke Nürnberger ist so etwas wie ein Schritt der Metamorphose vom Nagetier zum Fohlen. 8:1 Chancen hat der Kicker an jenem Nachmittag gezählt. Dass Filip Daems es per Elfmeter richten muss, gleicht einem Skandal. Besonders Reus umkurvt die Nürnberger Abwehr mit einer solchen Leichtigkeit, dass man sich fragen muss, ob er nach seinen Antritt nicht selbst erstmal verschnaufen muss.
Doch Reus verschnauft nicht. Zwei Treffer gegen Wolfsburg – mehr gab es bislang nicht, mehr ist aber möglich. Immerhin legt er Daems zum dritten Mal einen Treffer auf, als Pinola ihn im Strafraum legt. Ob es so war, weiß nachher niemand zu 100 Prozent. Auch der Schiedsrichter wird eher in dem Vertrauen gepfiffen haben, dass da ein kleiner aber am Ende gravierender Windzug gewesen sein wird. Bei dem Tempo reicht das völlig aus. In der 76. Minute ist Gladbachs fünfter Saisonerfolg perfekt. Später wird die Mannschaft von Lucien Favre in keinem anderen Bundesligaspiel der Hinrunde überhaupt ein Tor erzielen.
Mit 16 Punkten aus sieben Spielen hat Favre übrigens die Frontzeck’sche Bilanz der vergangenen Saison eingestellt. Sein Vorgänger hatte damals 22 Spiele dafür benötigt. Freude unter Favre ist dreifache Freude.
