Bayer vs. Schalke – Tagebuch des Titelkampfs oder:
Zweiter kann nur einer werden (Teil IV)

Schalke-Leverkusen10. März 2010 – 59 Tage
bis zum letzten Spieltag

Kerstin berichtet von einem geplanten Triumphzug, der in die Hose ging und Lisa erzählt Märchen. Und ich halte dann mal fest: Mensch, was ein Fight um Platz zwei! Nicht dass die Schalker aus Versehen noch Meister werden. Was das für ein Bild wäre: Felix Magath, wie er nach dem 34. Spieltag grimmig vor den Medienvertretern steht, sich die Brille mit dem “H” richtet und konstatiert, wie wenig ihm dieser Titel in den Kram passe.

Von Kerstin B.

Der Triumphzug war seit Podolskis Tor am Samstagnachmittag geplant. Die Bayern München Sporthose – mit 14 Jahren mal fälschlicherweise bei einer Tombola gewonnen und damals sofort mit einem dicken schwarzen Edding-Strich über dem Emblem verschönert – wollte ich Montagabend zur Aerobicstunde überstreifen, um die Nageldesignerin mit Giovane-Elber-Trikot aus der letzten Reihe zu provozieren. Eine beeindruckende Meisterschale aus alten Milchtüten hatte ich auch ratzfatz gebastelt, die wollte ich dann Dir, liebes Lieschen, immer und immer wieder stolz unter die Nase halten. Und das allerwichtigste: Das Lächeln eines Siegers hatte sich schon in meinem Gesicht breit gemacht.

Doch dann kam dieses Spiel in Nürnberg. Ein Doppeltorschütze mit dem Nachnamen eines südkoreanischen Dirigenten, ein Finne, der das erste Mal erahnen lässt, dass er wirklich schon mehrere Mittsommerfeste durchlebt hat und ein Torwart, der sich wohl doch nur langsam von seinen Ausflügen in den letzten Wochen erholt. Und schwupps bin ich mal wieder auf der Suche nach diesem Knopf, der mit einem Klick alles gleichgültig erscheinen lässt. Den Knopf, den ich schon nach dem Champions-League-Finale 2002 gesucht habe. Um mich und meine Umwelt von meiner Miesepetrigkeit zu befreien, wollte ich damals, dass Sätze wie „Ach ist das schön, jetzt sind wir international schon ‘ne richtige Größe“ oder „Zweiter – was für ein Erfolg!“ aus meinem Mund sprudeln.

Das hat natürlich ebenso wenig geklappt wie im letzten Jahr auf der Heimfahrt vom Pokalfinale in Berlin. Die gleichgültigen Aussagen à la „Bremen war heute einfach stärker, dann muss man auch mal gönnen können“ oder auch „Wenigstens war ich mal wieder in unserer Hauptstadt“ wichen den üblichen schimpfwortlastigen Ausrufen. Genauso verhält es sich auch diese Woche. Jeden bissigen Kommentar meiner Freunde (ja Lisa, auch du darfst dich angesprochen fühlen), würde ich nur allzu gerne mit „Leute, das war genau der richtige Zeitpunkt für die erste Niederlage“ oder „Der dritte Platz ist doch ein toller Erfolg, wir wollen ja bloß ins internationale Geschäft“ erwidern.

Aber dieser Knopf, der zur Gleichgültigkeit führt, will einfach nicht gefunden werden. So kommt es, dass mich wohl nur ein hässliches 1:0 Sonntag gegen Hamburg wieder in einen erträglichen Gesprächspartner verwandeln wird. Und dann verspreche ich, werde ich wieder mit voller Überzeugung an den Titel oder zumindest ans Vertreiben dieses blau-weißen Vereins glauben. Vielleicht muss man für das Verdrängen nur auf einen Blitz mit Sternhagel warten, der Adler und Neuer trifft und endlich wieder ihre Körper zurücktauschen lässt. Spätestens dann hol’ ich natürlich auch wieder meine Meisterschale aus Milchtüten aus der Versenkung. Versprochen, Lisa.

Ach noch eins: Ich gönne Eurem Kuranyi die Torjägerkanone. Unser Kießling hätte im Sommer ja doch keine Zeit, das gute Stück zu polieren…

Von Lisa S.

Man sagt, das Leben schreibt die schönsten Geschichten. Ich glaube das nicht. Ich glaube, der Fußball schreibt die schönsten Geschichten. Denn so ein Spieltag ist immer wieder eine Wundertüte aus großen Siegen, tragischen Niederlagen, überraschenden Wendungen, skurrilen Dialogen, und natürlich dem ewigen Kampf zwischen den Bösen (hauptsächlich Dortmund und Bayern) und den Guten (der große Rest). Mit anderen Worten: Jeder Bundesligaspieltag ist wie ein großes Buch voller spannender Märchen.

So gab es dieses Wochenende zum Beispiel „Wie Prinz Poldi und Ivan der Schreckliche dem FC Bayern das Fürchten lehrten“ oder auch „Don Jupp und der Adler, der das Fliegen verlernte“. Wir sahen Helden mit äußerst märchenhaften Namen wie etwa Eric Maxim Choupo-Moting, wir sahen gleich mehrere Wunder (Hannover, Nürnberg, Podolski, etc.) und wir sahen eine Reihe ganz zauberhafter Ergebnisse – zumindest für all die Anhänger des fabelhaften FC Schalke 04.

Dass auch in einem Märchen nicht immer alle am Happy End teilhaben können, musste dieses Mal Bayer Leverkusen erleben. Denn der gegnerische Club betätigte sich am Sonntagnachmittag gleich mehrfach im Zaubern – und puff! Da war es auch schon verschwunden, dieses nervige „ungeschlagen“, dass ich mir seit sieben langen, langen Monaten andauernd unter die Nase reiben lassen musste. Vielen Dank an dieser Stelle an unsere Freunde aus Mittelfranken.

Einen Haken hat unsere Geschichte insgesamt aber doch. Denn eigentlich war abgemacht, dass Leverkusen dieses Mal noch siegt, um die Münchener wieder von der Tabellenspitze zu verdrängen. Um Goliath zu schlagen, müssen die Davids manchmal eben zusammenhalten.

Nun sei’s drum, jetzt sind wir halt wieder Zweiter (was will man mehr?) und schauen ab sofort nicht mehr zurück. Passenderweise fangen endlich auch mal die Königsblauen an, an die eigenen Chancen auf den Heiligen Gral, äh die Meisterschale, zu glauben. Selbst der weise alte Lehrer der Fußballkunst, Felix Magath, gibt zu, dass eine Tabellenführung „schon schön wäre“.

„Donnerlüttchen, jetzt aber nicht übermütig werden!“, werden die von euch sagen, die der Ironie nicht zugetan sind. Doch vornehme Zurückhaltung ist im Moment nicht so fehl am Platz. Für die Knappen folgen nun nämlich vier schwere Spiele gegen Stuttgart, Hamburg, Leverkusen und Bayern, oder anders gesagt, uns steht die Episode „Die jungen Wilden und die Wochen der Wahrheit“ bevor. Wie diese Geschichte ausgehen wird, steht noch in den Sternen. Ich persönlich hoffe jedoch auf das eine oder andere kleine Wunder – damit am Ende wieder die Guten oben stehen.

Glückauf!

Neu im Gesichtsbuch

“Entscheidend is auf’m Platz” ist seit heute auch “sozial” unterwegs:
auf Facebook.

Neben den Neuigkeiten über Neuigkeiten und ein paar Fotos von Auswärtsfahrten gibt es dort in Zukunft auch kleine Dinge, für die es sich nicht lohnt, einen eigenen Post zu erstellen. Weil Facebook mehr als 140 Zeichen zulässt, zwängt sich die Seite also irgendwo in die Grauzone zwischen Blog und Twitter. Man nimmt ja mit, was sich in Sachen Social Networks mitnehmen lässt.

Zwei “Fans” sind es bislang. Wie würde der gute Max Merkel sagen: “Eine Straßenbahn hat mehr Anhänger als ‘Entscheidend is auf’m Platz’!”. Vielleicht wird aus der Straßenbahn ja bald ein Regionalexpress. Wie viele haben die? Fünf?

Im Zweiten wird’s wohl besser – 25. Akt:
Es gab nur keine Borussia

Gladbach Motivbild

Dortmund 3:0 Gladbach – Currywurst, Brinkhoff’s, “Käse Rudi”, Ouzo, Kreta-Platte, das “schönste Stadion der Welt” und ansonsten wenig Leckerbissen.

„So, jetzt sind Sie offiziell ein Dortmunder“, sprach die Verwaltungsbeamtin und drückte den Stempel auf meinen Personalausweis. „Ob Sie es wollen oder nicht.“ Seit fast einem halben Jahr markiert nun schon ein liebloser Aufkleber meinen Wohnortswechsel. Über die Definition von „Heimat“ und „Zuhause“ lässt sich in epischem Ausmaß diskutieren. Fest steht, dass die Postleitzahl 44263 den Ort markiert, an dem ich wohne, seitdem mein Ausweis den besagten Stempel erhalten hat. Was die Zugehörigkeit zu einem bestimmten Fußballverein angeht, gibt es keine Ausweise (zumindest nicht solche, die Pflicht sind). Keinen Stempel, kein Meldeamt für Anhänger der schönsten hauptsächlichen Nebensache. Und überhaupt sind Fans ja viel zu sesshaft, um so etwas nötig zu haben.

In der Fußgängerzone von Dortmund-Hörde ist viel los an diesem Samstagnachmittag. Auf dem Markt werden Wurst und Käse versteigert. Die ersten schwarz-gelben Flecken fallen ins Auge. Um halb drei. Vier Stunden vor Anpfiff im Signal-Iduna-Park. Mittendrin spaziere ich mit meinem Vater, meinem Bruder und Nils. Sie sind gekommen, um mit mir mein erstes Heimspiel in der Fremde zu erleben – oder auch den ersten Gastauftritt zuhause. Je nach Geschmack.

Es gibt kaum zuverlässigere Gradmesser für die Freundlichkeit in einer Stadt, als die Reaktionen auf gegnerische Fanfarben. In Köln wäre schwarz-weiß-grün keine allzu gute Idee. Hamburger hatten im letzten Jahr nur ein müdes Lächeln für uns übrig. Zumindest die HSV-Fans, mehr Rückendeckung gab es in St. Pauli. Und in Frankfurt hatte ich auf dem dunklen Fußweg vom Stadion zum Bahnhof bisweilen das Gefühl, nicht wirklich willkommen zu sein. Mit Hoffenheim dagegen verhält es sich ein wenig wie mit Spielern, die weniger als die Hälfte aller Partien absolviert haben – eine Bewertung fällt schwer. Nicht nur dem „Kicker“.

Der erste Test steht vor der Currywurst-Bude an. „Seid ihr von Mönchengladbach?“, fragt der Besitzer aus seinem Laden heraus, der praktisch ein schmaler Hausflur ist, durch dessen Tür die Manta-Platten im Akkord nach draußen gereicht werden. Die Schals um unseren Hals ersparen eine Antwort. Er komme aus Viersen, also auch vom Niederrhein, sagt der Wächter des heiligsten Fast-Food-Gutes im Ruhrpott. Für wen denn dann heute seine Herz schlage, will ich wissen. „In mir stecken zwei Seelen“, gibt er zu offen zu. Man kann eben weder die Heimat noch das Zuhause im Stich lassen.

Während wir in der spätwinterlichen Sonne stehen und uns die Currywurst schmecken lassen, schlendern im Minutentakt Leute in Biene-Maja-Farben vorbei. „Unser Bier schmeckt übrigens so wie wir spielen“, sagt einer und deutet auf die Brinkhoffs-Flaschen auf dem Stehtisch. „Warum? Ich find’, es schmeckt doch ganz gut“, versuche ich es mit Ironie, was vielleicht nicht gut, aber genauso wenig schlecht ankommt. Kein Kommentar ist in Dortmund eben auch ein Kommentar. Kurz darauf nimmt ein Mädchen auf Essenssuche Kurs auf die Imbissbude. „Nä, hier nicht!“, entfährt es ihr trotzig und plötzlich gar nicht mehr hungrig, als sie uns entdeckt. Bevor wir dem Niederrhein-Kollegen aus Viersen das Geschäft kaputt machen, brechen wir auf. Es ist schließlich 15:30 Uhr, Bundesliga-Zeit.

Fußball in der Kneipe: ein holzgewordener Traum

Die Begeisterung in der Fußball-Kneipe hält sich natürlich in Grenzen, als wir einkehren. Ein kurzes Raunen, dann ist jedoch schon Ruhe. Das Dutzend BVB-Fans ist viel zu beschäftigt mit Karten, Korn und Co., um sich daran zu stoßen, dass vier schwarz-weiß-grüne Borussen zwischen schwarz-gelben Wimpeln, Postern und Fahnen auf ihre Bier-Ressourcen zugreifen wollen. Lederjacken, Uralt-Jeans und ehemalige Vokuhilas, aus denen mittlerweile Leslie-Mandoki-Matten geworden sind, dominieren das Bild. Nach zwei Minuten habe ich bereits freundschaftlich eine Hand auf der Schulter, deren Besitzer mir versichert, dass es „schon in Ordnung“ ginge. Immerhin stünde ja fest, dass „zumindest eine Borussia gewinnt“. So ganz stimmt das zwar nicht. Aber da beide zusammen auf jeden Fall zwei Punkte holen werden, wollen wir mal nicht so sein.

IMG_1375

Während das Inventar der Kneipe den holzgewordenen Traum eines jeden Kellerbarbesitzers darstellt, stammen neben dem aktuellen Mannschaftsfoto des BVB einzig die beiden Flachbildfernseher aus dem neuen Jahrtausend. Ok, die Frikadellen in der durchsichtigen Vitrine vielleicht auch noch. Als Lukas Podolski zum 1:0 für Köln trifft, herrscht rege Schadenfreude. Vier Gäste teilen die Begeisterung nicht ganz. Etwas stiller ist es ein paar Minuten zuvor gewesen. Schalke führt bereits nach einer Viertelstunde mit 2:0 in Frankfurt. Dennoch kein Grund, an einem Samstag in Dortmund Trübsal zu blasen. Die Spielautomaten laufen heiß. Ein Vertreter der Mandoki-Fraktion erzählt, wie er mal an einem einzigen Nachmittag 500 Euro gewonnen habe, „oder D-Mark oder so“. Jedenfalls „an einem einzigen Nachmittag”!

Die nächste Etappe führt uns bereits zum Stadion. Das Kinderkarussell auf dem Markt dreht sich noch immer unverdrossen. Dafür packt „Käse Rudi“ aus Holland so langsam seine Sachen. An der U-Bahn-Station werden wir von vertrauten Klängen empfangen. Ich scheine beileibe nicht der einzige „wahre“ Borusse in der Nachbarschaft zu sein. Die „Elf vom Niederrhein“ schallt enthusiastisch durch den Schacht. Wir stimmen ein, keiner protestiert. Dortmund erobert in Sachen fußballerischer Gastfreundlichkeit so langsam einen Spitzenplatz. Dass dies eine der wenigen positiven Erkenntnisse des Tages bleibt, ahnen wir da ja noch nicht.

IMG_1381

Um halb sechs versinkt die Sonne bereits hinter dem Signal-Iduna-Park. Das angeblich schönste Stadion der Welt, wie ein vom Sommerloch geplagter „Times“-Redakteur letztes Jahr befand, macht zwar den Eindruck, dass die Wahl nicht gerade in die Kategorie „hanebüchen“ fällt. Toll sieht es wirklich aus. Doch soll dieser Anblick am frühen Samstagabend wirklich der schönste, berauschendste und wohltuendste sein, den ein Fußballstadion auf diesem Planeten (ohne Wasserfläche immerhin 149 Millionen km² groß) zu bieten hat? Man ist misstrauisch geworden gegenüber Superlativen, seitdem es jedes Jahr einen Jahrhundertsturm gibt.

Ein Spiel, das niemals stattfand?

An dieser Stelle könnte nun der Hauptteil dieses Textes beginnen, unter Umständen sogar der Höhepunkt. Doch nachdem Schiri Michael Weiner um halb sieben anpfeift, vergehen knapp drei Stunden, bis ein Stück gebackener Feta-Käse beim Griechen das nächste Highlight bringt. Gut 70.000 Dortmuner werden diese Ansicht vielleicht nicht teilen, weil sie erstens einen 3:0-Sieg ihrer Mannschaft erleben und sich zweitens nach dem Spiel nicht für ein Glas Ouzo und eine Kreta-Platte entscheiden. Aus Gladbacher Sicht steht jedoch fest: Die Borussia hat einen Tag erwischt, den man nicht einmal als grausam, unterirdisch oder – ganz nüchtern – schlecht bezeichnen kann. Denn nach 90 Minuten dominieren ernsthafte Zweifel, ob es diesen Tag jemals gegeben hat.

Als wir den Gästeblock betreten, liegt Logan Bailly gerade auf dem Rücken und wird behandelt. Ein Ärzteteam hängt über ihm wie eine ganze Staffel „OP ruft Dr. Bruckner“. Angesichts der späteren Leistung des Belgiers kann es sich höchstens um kosmetische Maßnahmen gehalten haben. Und passend zum Mediziner-Motto läuft er kurz darauf „ganz in Weiß“ auf. Zwar ohne Blumenstrauß, dafür jedoch mit einem gewissen Sascha-Hehn-Schwarzwaldklinik-Touch, wie im Forum jemand anmerkte. Bailly ist über weite Strecken der einzige, der Normalform erreicht. Bei Zidans Schuss zum 2:0 in den Winkel könnte ein Übergreifen zumindest die Chancen erhöhen, den Ball zu halten. Hinzu kommen ein paar verunglückte Abschläge und –würfe. Was unterm Strich jedoch immer noch reicht, um sich von zehn plus drei quasi nicht existenten Mannschaftskameraden abzuheben.

Der Abpfiff kommt geradezu plötzlich. “Ihr könnt nach Hause fahr’n”, hatte die Südtribüne angestimmt und dazu weiße Taschentücher geschenkt – da schmerzt die Fan-Seele. 90 Minuten sind dahin geplätschert wie die Niers an einem verregneten Novembertag. Der VfL brachte ganze drei Torschüsse zustande. Höchstens Bobadilla, der frei vor Weidenfeller den Abschluss solange aufschob wie ein Paruretiker den Gang zum Stehpissoir, sorgte einmal für etwas Gefahr. Fünfzehn Flanken verzeichnet das Konto von Gladbach. Eine einzige fand einen Abnehmer – gemeint ist vermutlich die Ecke, nach der Colautti zum Kopfball kam. Merkwürdigerweise durfte der BVB sich bei den ersten beiden Toren munter durchs Mittelfeld passen, bevor Stellungsfehler und verlorene Zweikämpfe das Unheil besiegelten. Folgendes Foto zeigt eine gravierende Schwäche auf: die einzelnen Mannschaftsteile sind nicht miteinander verknüpft.

IMG_1391

Im Bild, bei einem Abstoß von Weidenfeller, steht die Viererkette zwar auf einer Linie, die beiden Sechser zentral davor. Dafür klafft eine 20 Meter große Lücke zwischen Defensive und Offensive. Gleich drei Dortmunder werden bei einem einigermaßen geglückten Abstoß keinerlei Probleme haben, den Ball anzunehmen und sich zu überlegen, was man damit anfangen könnte.

Never change a losing team?

Vielleicht läuft derzeit personell nicht gerade alles rosig. Die Elf, die am letzten Hinrundenspieltag gegen Leverkusen begonnen hat, ist seitdem nur sechsmal verändert worden. Zum Auftakt gegen Bochum ersetzte Lamidi den verletzten Friend, Daems kehrte zurück nach seiner langen Pause. Colautti rückte darauf gegen die Hertha wieder in die Mannschaft. Gegen Nürnberg spielte Jantschke für den gesperrten Levels, wurde danach gegen Hoffenheim wieder ausgetauscht. Zudem ersetzt Meeuwis seit dem Spiel gegen den “Club” den verletzten Marx. Drei Änderungen aufgrund von Sperren und Verletzungen, drei Änderungen aufgrund von abgelaufenen Sperren und geheilten Verletzungen: nicht einmal hat Michael Frontzeck in den letzten acht Partien leistungsbedingt gewechselt. Doch aus acht Partien seit der Winterpause stehen gerade einmal zwei Siege zu Buche. Das mögen zwar exakt so viele sein wie in der Hinserie. Dass es gleichzeitig keinerlei Diskussionsbedarf gäbe, stimmt aber auch nicht.

Filip Daems spielt hinten ungewohnt fehlerreich, setzt vorne keinerlei Akzente. Michael Bradley wirkte zuletzt elanlos, ließ mehrere Chancen liegen, die der Borussia Punkte gebracht hätten (zum Beispiel in Hoffenheim und gegen Freiburg). Marco Reus hat in der Rückrunde nur gegen Bremen und Nürnberg überzeugt (kurioserweise wurden beide Spiele gewonnen), wirkt, als bräuchte er eine kurze Verschnaufpause. Vorne spielt Raúl Bobadilla inzwischen zwar um einiges mannschaftsdienlicher, ackert gewohnt viel. Dafür agiert er weiter glücklos im Abschluss, hat die Gala-Leistung gegen Bremen nicht zum großen Durchbruch nutzen können. Zu guter Letzt hat Roberto Colautti zwar schon dreimal den Fuß hingehalten (seine Treffer fielen allesamt aus höchstens zwei Metern Torentfernung). Trotzdem wirkte er dabei so überzeugend wie ein wie Staubsaugervertreter vor der Haustür. Hinzu kommen die Personalien Neuville oder Bäcker. Über den einen wird scheinbar nicht einmal mehr geredet, der andere darf nach gelungenem Debüt sein Glück zumeist nur noch in der Regionalliga versuchen. Ist Kontinuität etwa gleichzusetzen mit dem Credo “never change a losing team”?

Frontzeck fordert “Reaktion” gegen Wolfsburg

„Wir haben über Monate stabil gespielt, deshalb kann man sich auch mal eine solche Leistung erlauben“, meint Michael Frontzeck zum Spiel in Dortmund. Die Wortwahl wirkt etwas unglücklich. Denn all die mitgereisten Borussen wird das nur wenig trösten. Leistungen wie diese mögen passieren. Dass man sie sich „erlauben“ darf, klingt nach einem merkwürdigen Freifahrtschein. Ich habe bisher nur einmal höher als 0:3 verloren im Stadion. Daraus kann man entweder schließen, dass mir ein 0:6 in Berlin oder ein 1:7 in Wolfsburg bislang aus purem Glück erspart blieb. Oder aber man stellt fest: Pleiten dieser Art sind einfach nicht die Regel. Gleichzeitig fordert der Trainer jedoch auch „eine Reaktion“ gegen Wolfsburg. Die haben derweil zurück in die Spur gefunden und die letzten vier Pflichtspiele allesamt für sich entschieden.

Aus drei Spielen ohne Niederlage sind plötzlich drei ohne Sieg geworden. Längst kein Grund, große Misstöne anzustimmen und etwas vom Zaun zu brechen. Solange die Reaktion, die Frontzeck einfordert, auch in die Tat umgesetzt wird. Die Borussia spielt noch gegen die ersten vier Mannschaften der Tabelle, gegen sechs der ersten Acht und nur zwei Mannschaften, die derzeit hinter ihr stehen (so wenige sind das nicht). Aus genau diesen neun Partien (damals fünf auf fremdem Platz) gab es in der Hinrunde sagenhafte vier Dreier bei insgesamt vierzehn Zählern. Kein schlechtes Omen für den Schlussspurt und für ein äußerst versöhnliches Saisonende. Wie das mit den Omen aussieht, hat jedoch das Spiel in Dortmund gezeigt: Nach Heim-Unentschieden hatte der VfL bekanntlich stets einen Auswärtssieg eingefahren. Sieht so aus, als ob dies nur für Nullnummern im Borussia-Park gelten würde. Wie die Weichenstellung gegen Wolfsburg auszusehen hat, müsste demnach klar sein. Erst 0:0, dann Derbysieg.

Live im Ticker: Mau-Mau in München
Deutschland – Argentinien

Deutschland – Argentinien 0:1 (0:1)

22:54
Ich bin raus hier und sag’ Danke fürs Mitlesen!

22:49
Was soll Higuain mit dem Ball vor dem Tor anfangen, wenn Adler im Kasten bleibt und Mertesacker die Sache überlässt? Die Wahrscheinlichkeit, einen zu fangen, wäre zumindest gesunken.

22:46
René Adler übt sich in Selbstkritik – dürfte ihm mit der Vorschusslorbeeren der einstweiligen Stammplatzgarantie nicht schwer fallen.

Fazit
Die Gäste haben uns vor allem defensiv zermürbt – mit Einsatz, Pressing. Vorne sehr ballsicher. Unsere Freunde im Hinblick auf Südafrika heißen: Zeit und Turniermannschaft.

Abpfiff
Argentinien gewinnt durch das Tor von Higuain mit 1:0 gegen Deutschland. Die Nationalmannschaft bleibt erstmals seit der EM 2004 wieder dreimal hintereinander ohne Sieg. Merke: Es gibt noch viel zu tun.

90. Minute +3
Drei Minuten sind angezeigt und gleich rum.

90. Minute +2
Noch einmal Ecke für Deutschland, sogar Adler mit vorne. So weit raus aus dem Tor war er seit der 45. Minute nicht.

90. Minute +1
Wo Réthy die große Messi-Show gesehen haben will, weiß ich jetzt nicht wirklich. Oder hat ich das Wörtchen “keine” überhört?

90. Minute
Nach 47 Sekunden merken die deutschen Spieler, dass sie gerade von den Argentiniern verarscht werden. Schieben sich den Ball in aller Seelenruhe hin und her. Jetzt hat Khedira den Ball. Endlich.

87. Minute
Die Argentinier wirken, als ob sie keinen Bock mehr hätten. Bei uns sieht das schon länger so aus.

86. Minute
Dieser letzte Hoffnungsschimmer wäre jedoch beinahe am Horizont erloschen: Adler rettet erst gegen den Pfosten, dann gegen Burdisso.

85. Minute
Falls der DFB-Elf noch “einer abrutscht”, wie man so schön sagt, könnten wir festhalten: Seit elf Spielen ungeschlagen. Wobei dieser Auftritt nicht unbedingt der richtige Anlass wäre, so etwas freudig zu notieren.

83. Minute
Die letzten Minuten gleichen einem Werbefilm für braunes Pulver, das man in Milch rührt: Immer wieder Cacau. Sein Schuss geht übers Tor. Aber immerhin.

82. Minute
Lahm und Cacau überholen mit der zweiten und dritten gelben Karte für die deutsche Mannschaft die Albiceleste zumindest in dieser Wertung. Wir jubilieren.

79. Minute
Mario Gomez wirkt in der Nationalmannschaft immer wie ein kolumbianischer Austauschschüler am Goethe-Gymnasium Bad Salzuflen, der außer den Schimpfwörtern, die ihm seine Gastgeschwister beigebracht haben, noch kein einziges Wort versteht.

77. Minute
Wir sind ja gnädig und bescheiden: Es wird etwas munterer auf deutscher Seite. Cacau ist das Selbstvertrauen von sieben Toren aus drei Spielen anzumerken. Mit einem Distanzschuss holt er Romero aus der Winterstarre.

75. Minute
Jetzt spielt Deutschland “Schweinchen in der Mitte” mit dem Strafraum. Immer munter drüberflanken. Es kommt Khedira für Schweinsteiger. Gescheitert ist das Sechser-Experiment beileibe nicht. Aber das Allheilmittel war es auch noch nicht.

73. Minute
Wir halten fest: Bester deutscher Angriff des Spiels. Irgendwie. Schon. Joa. Cacau, Schweinsteiger, Podolski und Ballack wuseln etwas wirr durcheinander. Letzterer kommt am Ende nicht wirklich zum Kopfball. Bela Réthy hat die DVD von 2006 laufen, bekommt Sehnsucht nach Trinidad und den Sportfreunden Stiller. Passenderweise grüßt Jürgen Klinsmann von der Tribüne.

71. Minute
Alles klar: Drei sieglose Spiele in Serie gab’s zuletzt bei der EM 2004. Es riecht nach Fabian Ernst, Lettland und Milan Baros.

70. Minute
Wie tief ist ein Spiel gesunken, wenn sogar Leo Messi die Keule auspackt? Unnötiges Foul an Lahm in Nähe des deutschen Strafraums. Dritte gelbe Karte des Spiels.

68. Minute
Muss vorher aber noch kurz ein Tränchen verdrücken: Es debütiert der erste deutsche Nationalspieler, der jünger ist als ich. Toni Kroos. Das war’s jetzt wohl mit der großen Karriere. Der Zug ist abgefahren. Früher bin ich im Kino in Walt-Disney-Filme gegangen, um auf jüngere Leute zu treffen. Jetzt schaue ich mir Länderspiele an.

67. Minute
Hmm… bin mit meinen Recherchen schon im Jahr 2005 angelangt.

65. Minute
Cacau und Kroos sollen es gleich richten. Eine dankbare und eine undankbare Aufgabe auf einmal für die beiden. Es kann nicht schlimmer werden, wird jedoch auch nicht leicht.

62. Minute
Ich recherchiere schonmal, wann die Nationalmannschaft zuletzt drei Spiele in Folge nicht gewonnen hat. In der Hinsicht wirkt das Spiel sehr vorhersehbar.

60. Minute
Jetzt mal Freistoß aus halbrechter Position für Deutschland. Verunglückt jedoch wie der Versuch brennendes Fett, mit Wasser zu löschen.

58. Minute
So, mal sehen, ob das Spiel mit einer Tafel Zartbitter-Schokolade ansehnlicher wird. Obwohl…zartbitter?


56. Minute

Maradona lässt sogar innerhalb eines Spiels die Fluktuation wüten. Wobei er diesmal nichts dafür kann. Innerhalb von zehn Minuten müssen mit Heinze und Demichelis zwei Verteidiger raus.

55. Minute
Demichelis muss wohl auch raus. Ist von Ballack erwischt worden. Die Zuschauer pfeifen – weil die Argentinier sich die nächste Verletzungspause genehmigen oder weil es einen Bayern-Spieler erwischt hat? Beides blödsinnig.

53. Minute
Podolski mit Torschuss #1,5. Gibt immerhin Ecke, die er selbst kurz ausführt. Gibt immer Einwurf… Schweinsteiger flankt aus dem Halbfeld, Ballack mit dem Kopf. Oder vielmehr Samuel. Also nicht einmal Torschuss #2,5.

52. Minute
Adler mit verunglückter Spieleröffnung. Glaube, ich mache gleich die Augen zu und erst im Juni wieder auf. Dann gibt es eh kein Zurück mehr.

51. Minute
Die Faktenmaschine wirft “einen Torschuss” der DFB-Elf in die Waagschale. Das habe es noch nie gegeben, seitdem Menschen so etwas zählen.

50. Minute
“…obwohl sie insgesamt keinen so schlechten Eindruck hinterlassen hat”, meint Réthy. Stimmt, sie hat eigentlich gar keinen hinterlassen, die deutsche Mannschaft.

48. Minute
Heinze hat keinen Bock mehr, muss ausgewechselt werden. Hat ja immerhin auch einen deutschen Nachnamen. Das dürfte stimmungstechnisch anstecken.

47. Minute
Mir fällt auf, dass ich mal wieder die Uhrzeit poste. Umstellung auf Spielminute folgt.

21:53
Ach ja, das Spiel läuft wieder. Aber es musste ja so kommen.

21:52
“Mario Gomez ersetzt Klose, aber er ersetzt ihn nur”. Ja was denn sonst, Herr Réthy?

21:50
Schwarze Trikots, ein Publikum wie auf einer Trauerfeier, 0:1-Pausenrückstand, Müller-Hohenstein im Lufthansa-Kostüm, Oliver Kahn so motiviert wie ein 13-Jähriger vor dem Konfirmandenunterricht – da wünscht man sich ja fast Kerner, Klopp, Klinsmann zurück.

21:45
Heute Mittag hatte ich aufgerufen, vorsichtshalber nach einer geeigneten Alliteration in Anlehnung an das “Fiasko von Florenz” zu suchen. Es hätte ja auch eine positive werden können: Doch nach dem “Motivationsschub von München” sieht es derzeit nicht aus. Durch und durch “mau”.

21:39
Das ZDF will deeskalierend eingreifen: Lässt Steffen Seibert das heute-journal moderieren. Erstmal erholen von diesem Ende der ersten Hälfte. Erst ein unberechtigter Abseitspfiff gegen Argentinien, dann di Marias Lattentreffer – das Tor musste nicht fallen. War jedoch konsequent, dass der Gast zuerst traf.

21:36
Nur ein kurzer Einwurf: Fällt das Outfit von Müller-Hohenstein schon in die Kategorie Schleichwerbung? Immerhin sieht sie aus wie eine Lufthansa-Mitarbeiterin.

21:35
Langer Ball auf Higuain. Mertesacker schaut zu. Adler denkt sich: “Wenn ich schonmal so weit vor dem Tor stehe, kann ich ihm auch ‘Hallo’ sagen”. Der Stürmer von Real Madrid ist jedoch nicht auf neue StudiVZ-Kontakte aus, ignoriert seinen Klärversuch und schiebt ins leere Tor ein.

21:34
So, erst nochmal gucken, bevor ich eine Torwartdiskussion anheize.

Tooor für Argentinien!

21:32
Elfmeter? Nein. Von oben sah es aus, als würde Klose von Otamendi umgestoßen wie ein Fünftklässler, der sich vor dem Achtklässler in den Bus drängeln will. Dabei war es in Wirklichkeit nur die alte Klose-Krankheit.

21:31
Bislang fällt es sogar schwer, die Einzelleistungen zu bewerten. Es passiert relativ wenig auf deutscher Seite. Wobei das vielleicht auch schon Bände spricht. Müller beispielsweise mit einem blassen Debüt.

21:29
Vonwegen “Adler ohne Chance” – der Keeper war noch dran mit den Fingerspitzen. “Entscheidend”, wie man so schön sagt.

21:28
Der erste Paukenschlag des Spiels – und was für einer! Tasci und Boateng liegen di Maria zu Füßen wie zwei Verehrer aus der Duplo-Werbung. Der 22-Jährige von Benfica Lissabon trifft die Latte – “nur” muss man in diesem Fall fast sagen. Adler hätte keine Chance gehabt.

21:23
Beide Mannschaften stehen sich nicht selbst, dafür aber gegenseitig im Weg. Ähnlich wie 2006 ein taktisch geprägtes Spiel, nicht gerade Hurra-Fußball. Als wären beide darauf bedacht, Hauptsache ein gutes Ergebnis vor der erneuten Länderspielpause einzufahren – das “Wie” scheint nebensächlich.

21:22
Es wird bunter: Samuel sieht die zweite Verwarnung auf Seiten der Albiceleste. Freistoß aus 40 Metern, aber Romero fängt den Ball sicher.

21:20
24 gelbe Karten hat der FC Bayern bislang an 24 Bundesliga-Spieltagen gesehen. Jetzt gab es in 30 Minuten schon zweimal Gelb für Spieler des Rekordmeisters. Demichelis macht es Kollege Schweinsteiger nach, stoppt Özil unfair.

21:18
Kleines Zwischenfazit nach einer halben Stunde: Keine richtigen Torchancen auf beiden Seiten, bestenfalls weggeköpfte Standardsituationen. Argentinien wird sich höchstens ärgern, dass di Maria zu Unrecht von Schiri Atkinson zurückgepfiffen wurde.

21:17
Schweinsteiger bringt einen Hauch von Frings-Revival ins Spiel und Messi gelbwürdig zu Fall. Verwarnungen in Testspielen sind sonst ja eher Mangelware. Aber wir wissen auch: Gegen Argentinien gibt es gar keine Testspiele. Folgerichtet also, diese Karte.

21:15
Jetzt findet er Boatengs gewonnenen Zweikampf auch noch “cool”.

21:14
Ab und zu hört sich Bela Réthy an, als würde er sich im Rappen versuchen: “Klose, Özil, Klose, Özil, ganz gut”. Zwischendurch ein paar unwohl dosierte Fakten – so kennen wir ihn. Die Tatsache, dass ich schon wieder über den Kommentator schreibe, zeigt: Nennenswertes ist (noch) Mangelware.

21:11
Wenn Bela Réthy “Lahm! Lahm!” ruft und der sich an einer Strafraumecke in der Allianz-Arena aufhält, werden schöne Erinnerungen wach. Der Schuss des Linksverteidigers passt jedoch nicht ganz ins Bild.

21:09
Messi bereitet derweil der deutschen Abwehr die ersten Problemchen. Wenigstens haut es bei den Argentiniern mit den Standards noch nicht hin.

21:08
Ohne despektierlich zu sein: Aber ein paar der Argentinier sehen so aus, als habe sie Maradona nicht wegen ihrer fußballerischen Fähigkeiten nominiert.

21:05
Erste Ecke für Deutschland, aber keine Gefahr durch Schweinsteiger. Bela Réthy ergötzt sich mangels Alternativen an der Spannung, weil seiner Meinung nach beide Mannschaften so sehr brennen, etwas zu zeigen. Von den Flammen habe ich bisher wenig gesehen.

21:02
Higuain mit dem beinahe tödlichen Pass auf di Maria – Abseits. Die Fahne ging jedoch zu Unrecht hoch. Glück für Deutschland. Nach 14 Minuten wird das Spiel bislang von der Taktik dominiert. Noch wenige spielerische Elemente.

21:01
Wenn man bedenkt, dass Ballack und Schweinsteiger die defensivsten sind, deren Beruf nicht “Abwehrspieler” heißt… dementsprechend gebührt Müller die Aufgabe, das nächste Foul zu begehen.

20:59
In der Allianz-Arena ist es Bayern-esk ruhig. Ein paar vereinzelte Plätze sind noch frei. Doch daran wird es nicht liegen.

20:58
Messi und Verón stehen am Ball. Der Weltfußballer zieht den Ball nach innen. Aber Mertesacker klärt die erste Situation, die man überhaupt als solche bezeichnen kann, mit dem Kopf.

20:57
Messi zieht erstmals das Tempo an, spielt nach außen auf Gutierrez, der von Podolski gelegt wird. Freistoß Argentinien.

20:55
Wenn das Trikot von Martin Demichelis nicht in Wirklichkeit Bodypainting ist, weiß ich auch nicht mehr weiter.

20:54
Die ersten fünf Minuten sind rum. Momentan reicht es noch nicht einmal für die Diagnose “sie beschnuppern sich”. Bislang ein geruchloses Spiel.

20:52
Ein bisschen sehen die neuen Trikots aus wie körpergroße Trauerflore. Hoffentlich entsteht der Eindruck nur aufgrund der Ereignisse der letzten Wochen und nicht der nächsten 86 Spielminuten.

20:50
Schon verblüffend: Im Verein kommt Klose an Gomez nicht vorbei. In der Nationalmannschaft ist es umgekehrt. Was mir bei den Bayern relativ egal ist, erscheint mir unter Jogi Löw nicht sinnlos.

20:48
Hoffentlich wird es gut tun, für 90 Minuten nichts von gescheiterten Vertragsverlängerungen oder gescheiterter Öffentlichkeitsarbeit zu hören – vielleicht geht es ja ausnahmsweise wieder um Fußball. Der Ball rollt schon mal.

20:46
Michael Ballack (33) und Miroslav Klose (31) sind übrigens mit Abstand die ältesten Spieler in der deutschen Anfangself. Danach kommt Philipp Lahm – der ist 26.

20:45
Ich wusste es schon immer: Die hautengen Trikots von Captain Tsubasa würden sich durchsetzen. Wobei der Übergang von hauteng zu Hautersatz fließend ist.

20:43
Finalsieg 1990 und Viertelfinalsieg 2006 im weißen Trikot gegen Argentinien. 1986 ging das Endspiel im Ausweichtrikot in die Hose. Rein farblich kein guter Auftakt: Deutschland spielt im neuen Schwarzen.

20:42
Der ewige Verón – immer noch dabei. Nächste Woche wird er 35, spielt bei Estudiantes de La Plata.

20:40
Den Titel ist der 29-Jährige jedoch schon wieder los, sobald Toni Kroos ins Spiel kommt. Mit dem Leih-Leverkusener würde dann eine Art neue Ära eingeläutet werden: Er wäre der erste Nationalspieler, der nach dem Mauerfall das Licht der Welt erblickt hat.

20:38
Thomas Müller ist zwar nicht der jüngste Nationalspieler aller Zeiten, hat jedoch das Geburtsdatum in der DFB-Geschichte, das am weitestens vom Urknall entfernt liegt.

20:35
Wie im Vorlauf heute Mittag schon erwähnt, ist es das letzte Länderspiel bis zum 13. Mai. Christi Himmelfahrt geht es dann mit dem WM-Kader gegen Malta. Könnte das schön werden: Vatertag und Schützenfest am selben Tag.

20:34
Zwei Tage ist die Entscheidung alt und schon nehmen die Torwart-Metaphern aus dem Tierreich Überhand. Entschuldige mich hiermit offiziell für das “eingenistet” in Bezug auf René Adler.

20:33
Laut Videotext fangen beide Mannschaften folgendermaßen an:
Deutschland: Adler – Boateng, Mertesacker, Tasci, Lahm – Schweinsteiger, Ballack – Müller, Özil, Podolski – Klose
Argentinien: Romero – Otamendi, Demichelis, Samuel, Heinze – Gutierrez, Mascherano, Veron, di Maria – Messi, Higuain

Sieht auf deutscher Seite schon ziemlich nach WM-Mannschaft aus: René Adler hat sich im Tor eingenistet. Das Außenverteidiger-Duo scheint mangels ganz ernsthafter Alternativen ebenfalls ziemlich sicher. Die Doppel-Sechs mit Ballack und Schweinsteiger nimmt Konturen an. Podolski und Klose, den beiden Ein-Tore-Stürmern, stärkt Jogi Löw den Rücken. Thomas Müller feiert sein Debüt und besetzt damit eine der Positionen, die noch ziemlich vakant erscheinen. Ebenso Serdar Tasci in der Innenverteidigung neben Per Mertesacker.

20:30
“Zwischen Deutschland und Argentinien gibt es keine Testspiele” – da Oliver Kahn das natürlich nicht so gemeint hat, wird die Partie um 20:45 Uhr trotzdem angepfiffen. Es ist das erste Aufeinandertreffen seit dem WM-Viertelfinale 2006, das 18. insgesamt. Nur fünf davon hat die DFB-Elf gewonnen, genau genommen ging das letzte Spiel unentschieden aus. Es wird also wieder Zeit.

Die Wohnzimmer-Weltmeister

Über Fußballer, die im Stadion ihres Vereins den WM-Titel holten.

Manchmal reicht einziger Satz, eine kurze Notiz, um Anreize für einen neuen Post zu bekommen. Es war Sonntagabend, Kanada eiferte im Eishockey-Endspiel der “Mission Gold” nach. Und im Tor der Ahornblätter stand Roberto Luongo – Keeper der Vancouver Canucks, für den der Canada Hockey Place alias General Motors Place so etwas wie das eigene Wohnzimmer ist. Die Mission wurde erfolgreich zu Ende gebracht und Luongo durfte bei der Siegerehrung natürlich in einer Extraportion Beifall baden.

Was muss das für ein Gefühl sein? Den größten Erfolg des eigenen Sportlerlebens in der eigenen Halle erringen. Dort, wo man die intimsten Winkel kennt – die Massagebank, das Ermüdungsbecken, das stille Örtchen in der Kabine. Man hat schon so oft unter diesem Dach gespielt, kennt die Atmosphäre, das Blinken der Anzeigetafel, den Sound aus den üppigen Boxen.

Dieser schweifende Blick, das Heimatgefühl und der Extra-Applaus war bislang nicht vielen Fußballern bei Weltmeisterschaften gegönnt. Die Liste umfasst 18 Spieler aus drei Ländern, darunter befinden sich nur zwei Legionäre: Rudi Völler und Thomas Berthold, die 1990 bei AS Rom unter Vertrag standen, als Franz Beckenbauer gedankenverloren durch die römische Nacht schlenderte.

Immerhin sechs Mannschaften holten bislang den Titel im eigenen Land. Den Uruguayern von CA Penarol und Nacional Montevideo wird ihr eigenes Stadion 1930 noch ziemlich fremd gewesen sein – schließlich wurde es erst im Laufe des Turniers fertig gestellt. Ein Eintrag in der Liste hätte demnach keinen Sinn. Vier Jahre später nahmen drei Italiener von AS Rom im Stadio Nazionale del PNF den Coupe Jules Rimet entgegen. Lazio-Spieler liefen im Endspiel gegen die Tschechoslowakei nicht auf, einer war im Kader.

1966 gab es ebenfalls keinen Zuwachs – schließlich war Wembley die Heimat der “Three Lions”, Vereinsmannschaften gaben sich nur in Pokalendspielen die Ehre. Anders sah es dann 1974 in Deutschland aus. Gleich sechs Bayern-Spieler standen im Finale auf dem Platz, Jupp Kapellmann kam nicht zum Einsatz. Wobei fraglich ist, wie warm der (damals ja noch nicht) Rekordmeister nach zwei Jahren mit seiner neuen Betonschüssel war. O-Ton Franz Beckenbauer in späteren Jahren: “Es wird sich doch ein Terrorist finden, der das Olympiastadion wegsprengt”.

Vier Jahre nach dem zweiten deutschen WM-Triumph bestand der Kern der argentinischen Sieger-Manschaft aus Spielern von River Plate. Austragungsort des Finales war deren Estadio Antonio Vespucio Liberti. Der letzte Heim-Weltmeister, Frankreich, hatte 1998 nur sieben Spieler aus dem französischen Oberhaus im Kader. Keiner spielte in Paris. Sowieso egal: Schließlich wird das Stade de France eher durch Länderspiele und Leichtathletik “ausgelastet”.

Zuwachs wird die Liste also frühestens 2014 erhalten. Und diese tollkühne Prognose ist beileibe nicht auf die vergleichsweise laue März-Sonne zurückzuführen.

1934 in Rom – Stadio Nazionale del PNF – AS Rom, Lazio Rom
Attilio Ferraris, Enrique Guaita, Guido Masetti (alle AS Rom), Anfilogino Guarisi (Lazio Rom)

1974 in München – Olympiastadion – Bayern München, 1860 München
Sepp Maier, Paul Breitner, „Katsche“ Schwarzenbeck, Franz Beckenbauer, Gerd Müller, Uli Hoeneß, Jupp Kapellmann (alle Bayern München)

1978 in Buenos Aires – Estadio Antonio Vespucio Liberti – River Plate
Norberto Alonso, Ubaldo Fillol, Daniel Passarella, Leopoldo Luque, Oscar Alberto Ortiz (alle River Plate)

1990 in Rom – Stadio Olimpico – AS Rom, Lazio Rom
Thomas Berthold, Rudi Völler (beide AS Rom)

Bayer vs. Schalke – Tagebuch des Titelkampfs oder:
Zweiter kann nur einer werden (Teil III)

Schalke-Leverkusen02. März 2010 – 67 Tage
bis zum letzten Spieltag

Hinter unseren beiden Vize-Frauen liegt ein derbyreiches Wochenende – mit gutem Ausgang für die eine, schlechtem für die andere. Lisa erzählt, warum ihr Onkel einst mahnende Worte an ihre Tante verlor. Kerstin steigt ab ins Tierreich und sagt uns, was Bayerns Spitzenplatz-Abstinenz mit Elefantenbabys zu tun hat.

Von Lisa S.

Fast-Bremerin? Bei einer Entfernung von rund 44 Kilometern lägen in Nordrhein-Westfalen mindestens drei Erstliga-Clubs näher. Aber da ich nun mal aus dem (was Bundesligavereine angeht) beschaulichen Niedersachsen komme, muss ich mich wohl so titulieren lassen.

Warum ich mich trotzdem für den S04 entschieden habe? Nun, meine ganze Familie stammt aus Gelsenkirchen, lebt zum größten Teil auch noch da. Und am allerwichtigsten: Alle (bis auf meinen kleinen, verwirrten Cousin, der anscheinend Gefallen am Leiden gefunden hat und sich deshalb entschloss Gladbach-Fan zu werden) [weiß nicht, was sie meint; Anm. d. Red.] sind Anhänger der Königsblauen.

Eine meiner frühesten Kindheitserinnerungen ist deshalb zum Beispiel, wie ich mit meinen Brüdern auf dem Balkon meiner Oma sitze und gebannt auf Geräusche aus dem nur 1,19 Kilometer entfernten Parkstadion lausche. Oder wie mein Onkel zu meiner hochschwangeren Tante sagt: „Mach watt de wills’, aba nich am Samstach, da bin ich auff Schalke!“

Mir wurde also die Liebe zu den Knappen praktisch in die Wiege gelegt und Hand in Hand damit geht natürlich auch die Abneigung gegen die Schwarz-Gelben. Dass es mich nun zum Studium ausgerechnet in die verbotene Stadt verschlagen hat, hat Freunde und Familie schwer getroffen. Mit viel Besuch darf ich wohl nicht rechnen: Ich hoffe nur inständig, dass das mit der Enterbung nicht so ernst gemeint war.

Aber das ist jetzt erstmal alles egal, denn auch bei uns überstrahlt die Nummer 1 im Moment alles. Zugegeben, es ist „nur“ die Nummer 1 im Pott, aber die ist für viele Fans so viel wichtiger als der richtige Tabellenstand. Ich versuche hier gar nicht erst, das Gefühl eines Derbysieges – des Derbysieges (denn es gibt nur dieses eine wahre!)- [nicht nachvollziehbar; Anm. d. Red.], zu beschreiben. Denn wie gewandt wir mit Worten auch sein mögen, es gibt keine, die diesem Gefühl gerecht werden.
Nur eines ist sicher: Es macht hungrig auf mehr!

Daher bin ich auch fest davon überzeugt, dass dieser Sieg der Startschuss für eine Aufholjagd wird, die in München wie in Leverkusen für zittrige Knie sorgen sollte.

Nein, wir spielen immer noch nicht schön. Na und?
Nein, wir erzielen immer noch keine Ergebnisse wie 4:1 oder 5:2. Na und?
Nein, so wirklich ernst nimmt uns im Titelrennen immer noch niemand. Na und?

Dafür laufen wir auch nicht Gefahr, in Schönheit zu sterben.
Dafür haben wir eine Abwehr, bei der auch ein oder zwei Tore zum Sieg reichen.
Dafür können wir befreit aufspielen, haben keinen Druck, noch mehr erreichen zu müssen als den dritten Platz, den eh vorher niemand erwartet hatte.

Und das, liebe Kerstin, und alle da draußen, die nicht an den FC Schalke 04 glauben wollen, wird am Ende für uns den Ausschlag geben.

Glückauf!

Von Kerstin B.

Nach mehr als 20 Monaten wirft die Elefantenkuh stolz ihr Dickhaut-Baby ins Stroh. Danach lässt sie wahrscheinlich zufrieden und erleichtert ihren Blick über die Steppe schweifen und töröt fröhlich den anderen Elefantenkühen der Herde zu. Ebenso viele Wochen und Monate, in denen sich die schwere Dame mit dem dicken Bauch und den Tritten des Kleinen gequält hat, quälte sich auch der FC Bayern mit einer schweren Geburt: der Eroberung der Tabellenführung. Nach 652 Tagen hat es Bayern München dann am 28. Februar leider geschafft und grüßt erstmals wieder von ganz oben, ermöglicht durch den rot-schwarzen Patzer gegen Köln.

Diejenigen, die mich Samstagabend kurz nach dem rheinischen Derby nach den Gründen für das enttäuschende Unentschieden gefragt haben, bekamen von mir patzige Wortfetzen an den Kopf geworfen: „Ja hallo, was soll’n die auch machen, wenn die Kölner das ganze Spiel nicht aus ihrer Hälfte kommen. Gegen Bayern oder Hamburg, ach gegen jeden Gegner, der auch mal mitspielt, hätte das heute gaaanz anders ausgesehen. Ja, und der Schiri, der hat ja wohl auch alles laufen lassen…“

Mit ein paar Tagen Abstand sind mir rückblickend dann aber auch die nicht enden wollenden hohen Bälle, Manuel Friedrichs eigentlich nicht zu vergebene Torchance und das ständige „och nö, ich spiel
zwei Zentimeter vorm Tor lieber noch mal ab, anstatt zu schießen“ aufgefallen.

Das soll jetzt aber nicht heißen, dass man mit mir schon wieder objektiv diskutieren kann. Schließlich hab’ ich immer noch ein – mittlerweile vielleicht schon etwas abgenutztes, aber immer noch schönes – Ass im Ärmel: „Jaja, Schwäche gezeigt, nene nix Einbruch. Wir sind ja trotzdem in dieser Saison immer noch ungeschlagen.“ Das Gütesiegel hat mittlerweile schon seit sieben Monaten Bestand.

In sieben Monaten kommt zwar kein Elefantenbaby zur Welt, aber eine fleißige Katze hat in der Zeit seit August schon dreimal geworfen, das Kaninchen war siebenmal trächtig und eine flotte und zähe Hamsterdame hat ganze 14-mal Hamsterbabys zur Welt gebracht. Und falls sich Kießling, Hyypiä, Barnetta und Co. in den nächsten zweieinhalb Monaten weiterhin nicht bezwingen lassen, befinden wir uns in Tierkindern gesprochen schon bei der Geburt eines prächtigen Kalbs. Wie schön und treffend, dass Kühe in Indien für Unantastbarkeit und über dreiundvierzig Ecken dadurch natürlich auch für die Meisterschale stehen.

Um das Tierbild endgültig überzustrapazieren, liebe Lisa, komme ich doch noch kurz auf einen großen Greifvogel zu sprechen, der im Sommer vollkommen verdient in Richtung Südafrika fliegt (zur Vollständigkeit: ein Adler hat ungefähr alle zwei Jahre Nachwuchs). Ich möchte aber nicht, dass Du ganz traurig bist aufgrund der vollkommen berechtigten Torhüterentscheidung. Deshalb hab ich schon mal ein paar Urlaubsziele für Manuel und Dich rausgesucht: nach Russland, ach nee, doof für Euch… das Land steht ja quasi für die Geburtstunde des Bundesadlers. Dann vielleicht doch in die Karibik oder nach Südafrika zum Anschauen von… Elefantenbabys natürlich.

Im Zweiten wird’s wohl besser – 24. Akt: Midseason-Crisis

Gladbach Motivbild

Gladbach 1:1 Freiburg – Resistenz und Wehleidigkeit, Schwangerschafts- schmerzen, Mehrwegflaschen, eine Playoff-Petition und ein gutes Omen.

Meine Leidenszeit mit der Borussia nähert sich so langsam einem kleinen Jubiläum – 15 Jahre werden es im Juni sein. Seitdem habe ich, bis auf eine einzige Saison, praktisch ununterbrochen leiden müssen, zumindest ein bisschen. Wobei Leid in diesem Fall bedeutet, andauernd den Trainer wechseln zu müssen, zwangsweise dem Wiederaufstieg nachzueifern oder unter dem Credo „Hauptsache drinbleiben“ in eine Spielzeit zu gehen. Fußballfans sind wohl die einzigen Menschen, bei denen sowohl Wehleidigkeit als auch Resistenz rekordverdächtige Werte erreichen.

Wobei das mit dem endlosen Leid genau genommen gar nicht stimmt, wenn man zwei Ausnahmen berücksichtigt. In der Saison 1995/96 belegte die Borussia einen sagenhaften vierten Platz, den sie seitdem an einem Spieltag ab zehn aufwärts nur noch in ihren Zweitligajahren erreichte. Als 6-Jähriger hatte ich davon jedoch nicht allzu viel. Der Bökelberg schien meinen Eltern scheinbar noch zu verrucht für das zart besaitete Kindergartenherz. Also ließ der erste Heimspielbesuch bis zum Spätsommer ‘97 auf sich warten. Gladbach wurde dank einer herausragenden Rückrunde noch Elfter, hatte zuvor jedoch auf dem 17. Tabellenplatz überwintern müssen. Der Beginn meines Fandaseins war wie eine Schwangerschaft: Erst kommt die Freude, dann die Schmerzen.

Seitdem erlebte der VfL keine einzige Spielzeit ohne Abstiegskampf. Gut, die Saison 2005/2006 vielleicht ausgenommen. Doch erneut konnte ich mir von der sorgenfreien Zeit am Niederrhein recht wenig kaufen – denn die zahlreichen Stunden vor dem Live-Ticker im texanischen Internet-Café waren höchstens dank der Weltklasse-Donuts ein Zuckerschlecken. In meiner Fanlaufbahn hat die Borussia gerade einmal zwei Spielzeiten durchlebt, in der sie weder einen Trainer entließ noch in der zweiten Liga weilte. Michael Frontzeck könnte demnach, zumindest auf die Post-Pokalsieg-Ära bezogen, in diesem Mai Historisches vollbringen.

Warum dieser Exkurs? Nun ja, irgendwie schlittert die Borussia gerade in eine merkwürdige Dümpel-Phase, wie ich sie noch nie bewusst erlebt habe. Spieltag 24 liegt hinter uns. Zwei weitere Zähler hat der VfL liegen gelassen – gegen eine Mannschaft, die seit nunmehr zehn Spielen auf einen Sieg wartet und sogar noch weniger Punkte auf dem Konto hat als wir zum selben Zeitpunkt der letzten Saison. (Für alle, die es vergessen oder verdrängt haben: das waren sehr wenige). Mit 30 Punkten und einem einstelligen Tabellenplatz in Reichweite lässt es sich natürlich leben wie Fußballgott in Frankreich. Für dieselbe Ausbeute benötigte der VfL letztes Jahr noch 32 Spieltage. Man könnte derzeit also meinen, er sei seiner Zeit acht Wochen voraus.

Und so gehören folgende Worte von letzter Woche bald in Stein gemeißelt:

Ich werde warten bis Saisonende, bis ich alle vergeigten Punkte dieser Spielzeit aufrechne und mir überlege, was in diesem dicht gedrängten Mittelfeld der Liga alles möglich gewesen wäre. Ich werde warten. Aber ich werde es tun.

Was mittlerweile klingt wie eine Drohung, ist ja irgendwie auch eine. Frankfurt, Hoffenheim, Mainz, Wolfsburg sowie mit leichten Abstrichen der VfB Stuttgart – alle Vereine, die momentan direkt vor der Borussia stehen, sind ihr fußballerisch höchstens in Nuancen überlegen. Anstatt im breitesten Mittelfeld der letzten Jahre munter mit zu schwimmen, hängt Gladbach nun wieder am Ende dieser Gruppe wie die Konservendosen am Auspuff eines Just-Married-Autos. Ich wollte eine ganze Spielzeit lang in Ruhe verharren, solange am Ende ein Punkt mehr als im Vorjahr dabei rumkommt (vorzugsweise natürlich auch ein Tabellenplatz). Doch so leicht fällt mir das nicht mehr, wenn ich im Stadion sitze und sehe, wie sich der VfL erst abmüht und dann glasklare Chancen liegenlässt wie ein Pfandsammler, der sorglos an einem LKW vorbeifährt, von dem tausende Mehrwegflaschen purzeln.

So sehr ich mich selbst darüber ärgere, dass es schon weit ist: das Mittelfeld der Bundesliga nervt mich bereits jetzt, da wir gerade erst dort angekommen sind. Ich glaube nicht, dass Fußballfans dazu geboren sind, sich Woche für Woche ein Spiel anzusehen, das sie losgelöst von allen anderen betrachten. Man nicht samstags um 15:23 Uhr erstmals an Fußball denken, um 17:19 Uhr wieder das fanatische Hirn ausschalten und dann bis zum nächsten Spiel so tun, als Es gibt immer eine Partie davor, eine danach. Spiele verknüpfen sich zu Serien, die in einem Gefühle verursachen, die dann nicht 90 Minuten plus ein paar Stunden sondern in der Regel wochenlang anhalten. Man lechzt nach Geschichten. Nach dem Kampf um irgendetwas, jedoch nicht nach dem Kampf um nichts. Ich beantrage hiermit Playoffs des Fünften bis Zehnten um den letzten Europacup-Platz. Oder lasst meinetwegen die Plätze 13 bis 16 abspielen, wer in die Relegation muss. Vielleicht sogar beides, dann wären lediglich Rang elf und zwölf das Bermuda-Zweieck der Bundesliga. Nach dem Ende der UI-Cup-Ära umfasst das Niemandsland zehn Vereine. Denn Niemandsland ist dort, wo man weder absteigt noch nach Europa reist.

Gladbach war Elfter der Hinrunde, steht in der Rückrundentabelle auf Rang zehn – und ist insgesamt dennoch nur Zwölfter. Gerade hat die Borussia drei Spiele in Folge nicht verloren, gleichzeitig jedoch zwei Dreier hintereinander liegen gelassen. Vorne trifft sie am achthäufigsten, bekommt hinten die sechstmeisten Tore. Logisch, dass auch das Torverhältnis pures Mittelmaß ist. Elf Mannschaften haben mindestens einen Torjäger in ihren Reihen, der mehr Treffer auf dem Konto hat als Gladbachs bester – Roel Brouwers, ein Abwehrspieler. Diese Saison ist so merkwürdig wie sie gleichzeitig schon wieder normal ist. Auf der einen Seite mit tollen Momenten, auf der anderen genauso mit einem nachdenklichen Stirnrunzeln ausgestattet.

In dieser Lage ist man heilfroh, wenn ein Spieltag vor der Tür steht, der sich abhebt vom Durchschnittsalltag dieser Saison. Am Wochenende gastiert die Borussia in Dortmund. Für mich ist es das erste Auswärtsspiel zuhause. Oder doch ein Heimspiel in der Fremde? Immerhin bleiben einem selbst in der tiefsten Midseason-Crisis noch der hanebüchene Aberglaube und scheinbar sinnlose Statistiken. Denn es bleibt unbedingt festzuhalten: Genau zweimal hatte die Borussia vor dem Freiburg-Spiel im eigenen Stadion unentschieden gespielt. Genau zweimal folgte darauf ein Auswärtssieg. Genau zweimal war ich dabei. Wenn das kein Omen ist…

Bayer vs. Schalke – Tagebuch des Titelkampfs oder:
Zweiter kann nur einer werden (Teil II)

Schalke-Leverkusen26. Februar 2010 – 71 Tage
bis zum letzten Spieltag


Von Kerstin B.

Zahlen fand ich schon immer doof und langweilig. Das Eckenrechnen in der Grundschule habe ich den Strebern aus der ersten Reihe mit den runden quietschbunten Brillen überlassen, Taschenrechner habe ich ignoriert und die Telefonnummern von Tante Rita und Onkel Winfried kann ich mir bis heute nicht merken.

Aber bei so manchen Zahlen geht selbst mir das Herz auf:
23 Spiele und 0 Niederlagen, die beste Offensive aller Vereine mit stolzen 50 Toren, 24 davon erzielt vom treffsichersten Sturmduo der Bundesliga. Und die wichtigste Zahl, die alle anderen locker überstrahlt, die immer noch unwirklich erscheint, obwohl sie seit 15 Spieltagen den Alltag bestimmt: Tabellenplatz Nummer 1.

Diese 1 lässt einen über die Sticheleien aus München schmunzeln. Sie gibt so viel Selbstvertrauen, dass man auch das kleine Missgeschick des Nationaltorhüters ganz schnell vergisst. Denn gegen Köln wird Adler am kommenden Samstag wieder zu Null spielen, Rückkehrer Hyypiä wird ihm dabei helfen und die Jungs vorne werden natürlich die Tordifferenz gehörig aufbessern.

Für einen enthusiastischen Abschluss würde ich jetzt ja gerne ein Gegenstück zum Schalker „Glück auf“ ans Ende setzen… Aber ich verzichte lieber drauf, denn so Späße wie „Pille, dreh’ dich weiter“ wären ja doch hochgradig albern und jeder traditionsbewusste Kleingärtner aus Gelsenkirchen-Buer würde schallend lachen und die blau-weiße Fahne im Garten noch ein Stück höher ziehen.

Für Schalke geht es bereits heute Abend im Derby heiß her. Morgen zieht Leverkusen im echten, aber irgendwie ja doch nicht echten rheinischen Derby nach.