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Deutschland – Aserbaidschan: Kurz vor zehn Uhr

Die deutsche Nationalmannschaft dringt in kantersiegähnliche Sphären vor. Manuel Neuer legt sich ein Ei ins Netz, das seinesgleichen sucht. Und eine Mannschaft mit dem Trainer Berti Vogts bietet sich im Antiquitäten-Laden selbst zum Verkauf an.

Zwischen dem erhobenen und dem gesenkten Daumen liegen genau 180 Grad. Wo genau ordnet man da ein 6:1 gegen 105. der FIFA-Weltrangliste ein? Es dürfte mehr Menschen auf diesem Planeten geben, die einen Rubik-Würfel in weniger als zehn Sekunden lösen können, als solche, die das Zustandekommen dieser Rangliste überhaupt fehlerfrei erklären können – ohne Zeitdruck. Aber ja, Aserbaidschan liegt zwischen Thailand und dem Kongo. Schlauer macht uns das nicht.

Da war zum einen ein Fußballer, dem manch einer schon das Präfix „Anti“ verliehen hat. „Anti“, um zu sagen: Lukas Podolski übt die falsche Sportart aus. Dieser unorthodoxe Typ traf am Dienstag zum 41. Mal in seinem 81. Länderspiel. Damit wird sich Podolski – komme, was wolle – im nächsten Kalenderjahr an Namen wie Rummenigge, Völler und Klinsmann heranpirschen. Im Grunde genommen hat dieser 25-Jährige mit dem Hang zu ungewollt philosophischen Aussagen im Vereinsfußball geleistet, was folgt: eine halbe Bundesligasaison mit rasantem Durchbruch bei einem Absteiger, eine überragende Zweitligasaison, ein gutes Jahr in der Bundesliga, drei verschenkte Jahre bei Deutschlands größtem Fußballverein und eine Spielzeit, in der er bei einem unterdurchschnittlichen Klub exakt zwei Tore erzielte.

Ab und zu tritt man Lukas Podolski in den Arsch, um ganz ernsthaft die Drohung an ihn zu richten, dass seine Zeit in der Nationalmannschaft in Kürze und dann zumindest kurzzeitig ablaufen könnte. In Köln passiert das nie, weil man Podolski lediglich damit drohen könnte, an seiner Stelle niemanden aufzustellen. Bei den Bayern passierte es nie, weil der Rekordmeister weder Zeit noch Grund hat, auf jemanden zu warten. Unter Jürgen Klinsmann und Jogi Löw lässt sich eine Mischung aus beiden Verhaltensweisen beobachten – Lukas, wir könnten Dich draußen lassen, aber zeig‘ erstmal gegen Aserbaidschan, was selbst ein Anti-Fußballer Großartiges vollbringen kann. Und es reichte, um Toni Kroos für die nächsten beiden Länderspiele wieder die Trainingsjacke anzuziehen – bis zum nächsten Tief.

Dienst nach Vorschrift

Nach den „Wir schießen entweder vier Tore oder fast gar keins“-Festspielen von Südafrika musste man sich geradezu fragen, wie die Differenz gegen eine Mannschaft, nach der hiesige Discounter offenbar ihre Billig-Wodkas benennen, nur um ein Tor höher ausfallen konnte als gegen Argentinien. Tatsächlich nahm sich der eine oder andere in Köln eine Auszeit und verabschiedete sich in die Unauffälligkeit. Bastian Schweinsteiger, Sami Khedira, Philipp Lahm, Mesut Özil, Manuel Neuer – allesamt anwesend, ein paar davon auch an Toren beteiligt (für Neuer eher kein Ritterschlag), aber über weite Strecken mit Dienst nach Vorschrift.

Vor fast auf den Tag genau einem Jahr kamen 35 000 Zuschauer zu einem Quali-Heimspiel gegen Aserbaidschan. 2009 hatte man bis dahin eine eher unmotivierte, uninspirierte Nationalmannschaft gesehen, die manchen Pflichtsieg einfuhr, gegen Norwegen jedoch verlor und gegen China nicht gewinnen konnte. Das Endspiel von Moskau stand kurz bevor. Man musste sich ernsthaft fragen, wie das gut gehen und wie anschließend in Südafrika überhaupt etwas gehen sollte. Gelb-Rot für Innenverteidiger Abbasow und ein Miroslav Klose mit Wut im Bauch retteten die DFB-Elf vor was auch immer. 4:0 ging die spaßlose Angelegenheit in Hannover aus.

Wer die Partie am Dienstag gesehen hat, könnte mit dem 4:0 vor einem Jahr im Kopf denken, die Austragungsorte von Länderspielen hätten einen erheblichen Einfluss auf die Leistung. 2009 spielte die DFB-Elf wie die Stadt Hannover, wie Christian Wulff. In Köln dann, vor 44000 Zuschauern: nicht über weite, aber über viele Strecken rheinischer Frohsinn, wie die Bläck Föös, spaßig, aber zielorientiert. Mer bruche keiner, dä uns sät, wie mer Fossball spille deit.

Videokassette raus und vergleichen

Selbst wenn man bedenkt, dass Manuel Neuer den Baku-Boys ein Tor so lustig wie eine Büttenrede schenkte und dass ein wahrer Kamelleregen in Sachen eigene Treffer drin gewesen wäre, neigt sich der Daumen immer noch nach oben. Es sah anders aus als bei früheren Auftritten gegen, nun ja, Aserbaidschan und Konsorten. Wie schwer solche Siege einzuordnen sind, zeigt allein schon die Tatsache, dass man überhaupt danach fragt. Daumen hoch? Daumen runter? Wenn oben 12 Uhr ist, dann war das am Dienstag in etwa 10.

Vor einem Jahr war Aserbaidschan übrigens 137. der Weltrangliste. Die Länder, von denen es damals eingerahmt wurde, werden kaum anders geklungen haben als Thailand und der Kongo. Ein 6:1 klingt nur um Nuancen anders als ein 4:0. Aber es sah anders aus. Wer kann, hole die Videokassette vom 9.9.2009 raus – Deutschland gegen Aserbaidschan, in Hannover.

PS: Den Rubik-Rekord hält übrigens ein Niederländer mit 7,08 Sekunden.

Wikipedia-Wissen III: Nationalelfrundumschlag

Ja, ich liebe Auflistungen, Zahlen und Statistiken. Am besten ist es, wenn alle drei Dinge irgendwie zusammen kommen. Der Wikipedia-Artikel Deutsche Fußballnationalmannschaft/Statistik hat zwar schon zwei Jahre auf dem Buckel, übersehen habe ich ihn jedoch bis heute. Hier eine Art EEG von mir, das während des Stöberns in Zahlen aus 102 Jahren Nationalelf-Geschichte angefertigt wurde.

Die jüngsten Spielführer

Beim LänderBei irgendeinem Fußballspiel, das im August in Kopenhagen stattfand, trug Serdar Tasci ab der 66. Minute die Kapitänsbinde. Damit war er der jüngste seit Stanislaus Kobierski – der im Dezember 1933 in seinem elften von insgesamt 26 Länderspiel zum ersten und einzigen Mal die Ehre hatte.

Viererpacks

Was haben ein heute knapp 38-Jähriger und ein I-Dötzchen gemeinsam?

Beide wurden am 27. Mai 2004 erstmals Zeuge des seltenen Ereignisses, dass ein deutscher Nationalspieler mindestens vier Tore erzielt. Neben Michael Ballack beim 7:0 gegen Malta gelang dies außerdem Lukas Podolski und Mario Gomez in diesem Jahrtausend. Vor Ballack war Gerd Müller 1972 gegen die Schweiz der letzte vierfache Torschütze gewesen.

Tore gegen “Topteams”

Die Anführungszeichen bei den “Topteams” sind ganz bewusst gesetzt. Schließlich ist es doch ziemlich fragwürdig, nur Mannschaften in diesen Kreis aufzunehmen, die am Tag der Torerfolges +/- fünf Jahre wenigstens das Halbfinale einer WM oder EM erreicht hatten. Miroslav Klose, der mit einer Quote von vier aus 53 Treffern ziemlich schlecht abschneidet, kann sich somit glücklich Schätzen, dass sein Tor gegen Griechenland im Jahr 2001 dadurch berücksichtigt wird. Außerdem traf der 32-Jährige bei der EM 2008 gegen Portugal und die Türkei sowie vergangenes Jahr in Russland.

Bemerkenswert in dieser Statistik: Andreas Brehme, der alle seine acht Länderspieltore gegen so genannte “Topteams” erzielt hat.

Tore in der 1. Spielminute

Loréal-Model und Banner-Verteiler Oliver Bierhoff ist hier der einzige, der sich gleich zweimal in die Liste eintragen konnte. Zwischen 1942 und 1985 hat es übrigens keinen einzigen Frühstart dieser Art gegeben.

Tore in der letzten Spielminute und in der Nachspielzeit

Bierhoff bleibt diesmal nur Platz zwei. Seine drei Last-Minute-Tore werden übertroffen von Oliver Neuville, der viermal erfolgreich war. Während seine Treffer zum 1:2 in der Türkei und das 6:0 sowie das 7:0 gegen Luxemburg weitgehend wertlos blieben, machte er sich am 14. Juni 2006 geradezu unsterblich. Neuville rutschte in David Odonkors Flanke und erzielte das 1:0 gegen Polen. Mit einer derartigen Prominenz kann wohl nur Karl-Heinz “Ausgerechnet” Schnellingers Ausgleich im WM-Halbfinale von 1970 mithalten – auch wenn einige bekannte Treffer in der Liste sind.

Die häufigsten Ergebnisse

75x 1:1
73x 1:0 und 2:1
72x 2:0

Platzverweise

22 deutsche Nationalspieler flogen in 838 Länderspielen bislang vom Platz. Thomas Berthold, Christian Wörns und Carsten Ramelow hatten die üppigen und weniger üppigen Duschräume der Welt gleich zweimal ganz für sich alleine. Knapp drei rote oder gelb-rote Karten auf 100 Länderspiele wirken verschwindend gering, natürlich. 1928 gab es erst den ersten Platzverweis, die gelb-roten Karten wurden 1991 eingeführt und eine beachtliche Anzahl Länderspiele ging unter dem Namen “Freundschaftsspiel” in die DFB-Geschichte ein. Repräsentativer ist da der Vergleich mit den Gegnern: Gleich 39 von ihnen flogen vom Platz. Was vielleicht damit zu erklären ist, dass man früher seltener gegen Argentinien oder Uruguay spielte. Mit je drei Hinausstellungen halten die nämlich den Rekord.

Länderspielgegner

Albanien ist Deutschlands Rekordgegner in EM-Qualis (8x), wird im Oktober jedoch von der Türkei überboten werden. Was Qualispiele zu Weltmeisterschaften angeht, liegt Albanien schon auf Platz zwei (6x) hinter Finnland mit neun Duellen. Insgesamt 14-mal hat die DFB-Elf gegen Albanien gespielt. Wer kurz zusammenrechnet, wird schnell merken: Ein Freundschaftsspiel war noch nie dabei. Zum Vergleich: Elf von 13 Duellen mit Rumänien gingen zumindest auf dem Papier freundschaftlich über die Bühne

Schreckgespenster

Nach 1954 ist es Hristo Stoichkov als einzigem gegnerischen Spieler gelungen, mindestens vier Tore (in mehreren Partien) gegen die deutsche Nationalmannschaft zu erzielen. Ungarns Sturmlegende Imre Schlosser hat mit insgesamt acht Treffern in dieser Wertung Deutschland die Nase vorn.

Und Aserbaidschan?

War lediglich einer von 14 Länderspielgegnern, gegen die Deutschland noch nie ein Tor kassiert hatte. Dass das nicht so blieb, verursachte der Keeper wenig überraschend selbst…

Der posttraumatische Pfaff

Es ist eine dieser Stellungnahmen aus der Kategorie “Wir befragen verdiente Ex-Spieler einer (National-)Mannschaft, auch wenn die wahrscheinlich nur Floskeln loslassen”. Nachzulesen im ZDF-Videotext:

Auf jeden Fall sollten die DFB-Kicker das Team aus dem Nachbarland besser nicht unterschätzen. Die Belgier könnten ebenfalls mit dem Ball umgehen und seien vor allem bei Einwürfen und Freistößen gefährlich, so Pfaff, der auf ein 1:1-Unentschieden hofft.

Es ist ein einziges Wort in diesen beiden Sätzen, an dem man hängen bleibt: an den “Einwürfen”. Jean-Marie Pfaff hat sechs Jahre für den FC Bayern gespielt und 61 Länderspiele für sein Heimatland Belgien absolviert. Bundesligageschichte schrieb er bekanntlich bereits bei seinem Debüt im Bayern-Tor. Bei einem Einwurf von Werder-Stürmer Uwe Reinders bewies Pfaff, dass man tatsächlich sogar auf diese Weise – wenn auch auf Umwegen – ein Tor erzielen kann.

Eine besondere Stärke der Belgier bei Einwürfen hat sich selbst ins grenznahe Gebiet nicht herumgesprochen. Da Eckbälle nicht explizit erwähnt werden, ist davon auszugehen, dass Pfaff diese angebliche belgische Spezialität namens Pommes, Pralinen Einwürfe wortwörtlich ausgesprochen hat. An die Adresse von Joachim Löw sei deshalb nur gerichtet: Das angefügte Video anschauen und Pfaffs Warnung in die Schublade mit den posttraumatischen Störungen ehemaliger Fußballer stecken.

Rückpass Leverkusen: Einsen für die Offensive

Das unglaubliche 6:3 in Leverkusen hat auch den “Kicker” nicht kalt gelassen. Mit Roel Brouwers, Marco Reus, Mo Idrissou und Patrick Herrmann haben es gleich vier Borussen in die “Elf des Tages” geschafft. Letzterer schwang sich mit seinem ersten Bundesliga-Doppelpack sogar zum “Mann des Tages” auf.

Logan Bailly (Kicker-Note 3): War bei Kießlings erstem Kopfball hellwach, beim Tor durch Derdiyok machtlos und hatte anschließend viel Glück, als Kießling die Latte traf. Zwei schwache Aktionen sorgten für Punktabzüge. Als er Brouwers‘ riskanten Rückpass Barnetta in die Füße spielte, verfehlte der das Tor nur knapp. Beim 3:6 sah Bailly schlecht aus – über ein Foul könnte man jedoch reden. Die 3 ist meines Erachtens zu gut, eine 4 wäre der Gegenvorschlag.

Filip Daems (Kicker-Note 3): Verlor das Kopfballduell gegen Derdiyok (1:1), als aber allgemeine Unordnung in der Defensive herrschte. Ansonsten mal wieder mit nur wenigen Akzenten nach vorne, die beim Offensivspektakel um Reus, Herrmann und Co. auch kaum gefordert waren. Gegen zugegeben schwierige Gegenspieler wie Renato Augusto und Castro selten zweiter Sieger. Die 3 geht in Ordnung.

Roel Brouwers (Kicker-Note 2): Bei einigen Hereingaben in der ersten Hälfte wie schon gegen Aue und Nürnberg nicht Herr der Dinge. Brachte Bailly mit seinem Rückpass mächtig in die Bredouille. Dafür traf er auf der anderen Seite zum ersten Mal in dieser Saison, als er bei Adlers Abpraller so wach war wie keiner der Bayer-Verteidiger. Bei drei Gegentoren ist die 2 trotz des Tores etwas zu hoch gegriffen – deshalb hier nur eine 3.

Dante (Kicker-Note 2): Ausflüge nach vorne waren diesmal kaum gefordert, Standards wurden entweder direkt verwandelt oder aber es glänzten Andere. Dafür machte Dante hinten stets den Eindruck, eher die Kontrolle zu haben als Brouwers. Meldete zum Beispiel Michael Ballack bei gegnerischen Standards vollkommen ab. Dass es gegen Nürnberg eine 2,5 gab und nun eine glatte 2, erscheint nicht richtig nachvollziehbar – deshalb geringfügige Abstufung auf eine 2,5.

Tobias Levels (Kicker-Note 3): Schlug sich wacker gegen Barnetta, ließ wenig zu. Wenn er sich nach vorne einschaltete, mangelte es manchmal an der Genauigkeit. In Erinnerung blieb sein sagenhafter Einsatz vor dem 2:5, als er halb im Liegen, halb im Sitzen Marco Reus auf Außen bediente. Überhaupt: vorbildlich geackert wie immer. Dass aus Levels kein technisch versierter Außenverteidiger mehr wird, ist bekannt. Die 3 ist gerechtfertigt.

Michael Bradley (Kicker-Note 2): Man hofft und hofft und glaubt es kaum – aber es könnte tatsächlich sein, dass da mittlerweile der Michael Bradley das weiße Trikot trägt, auf den man seit nunmehr zwei Jahren wartet. Stark in der Balleroberung, sicherer im Passspiel, mit viel Zug zum Tor. So wird es auch bald klappen mit dem ersten Saisontor. Die 2 ist richtig für den Amerikaner in WM-Form.

Thorben Marx (Kicker-Note 2,5): Gleiches wie für Levels gilt auch für Marx: seine Grenzen bei der Technik macht er mit Einsatz wett. Brachte manch einen Leverkusener zur Verzweiflung, weil er dem Gegner Ball um Ball abknüpfte. Seinen Schuss konnte Adler nicht festhalten, Brouwers staubte zum 2:1 ab. Marx verursachte später den Elfer und hatte nicht mehr die Fülle auffälliger Szenen in der Offensive. Eine 2,5 geht dennoch in Ordnung.

Juan Arango (Kicker-Note 2): Als er dann plötzlich sogar in Kopfballduelle ging und diese auch noch gewann, war klar, dass Juan Arango einen echten Sahnetag erwischt hatte. Sein Freistoß aus 29 Metern, passenderweise das Ende der 29 Spiele dauernden Torflaute, hat es leider nur auf Platz zwei der schönsten Treffer des Tages geschafft. Ansonsten brillierte Arango zusätzlich mit zwei Assists: Einmal nutzte Idrissou den Abpraller nach dem sehenswerten Volleyschuss des Venezolaners, anschließend überließ er Marco Reus vor dem 6:2 das Leder. Hier war der Kicker einmal sogar zurückhaltend: Wir erhöhen auf 1,5.

Marco Reus (Kicker-Note 1): Man ist Standardnoten eher gewohnt, wenn es darum geht, besonders schwache Teamleistungen abzustrafen. Genau am Gegenpol bewegte sich der Kicker bei Gladbachs Offensive. Marco Reus, mit einem Tor und ohne Vorlage vergleichsweise zurückhaltend auf dem Spielberichtsbogen, wirbelte in altbekannter Manier, glänzte mit großen Laufpensum und war wieder ganz und gar der Spieler, der sich bis in den Dunstkreis der Nationalmannschaft gespielt hat. Trotzdem geht‘s um 0,5 runter auf eine 1,5.

Patrick Herrmann (Kicker-Note 1): Nach Matmours glattem „mangelhaft“ in der vergangenen Woche, bewegt sich der 19-jährige Hermann in ganz anderen Sphären. Allein sein 3:1 – wie ein Tippkick-Spieler in den Winkel – war ein Treffer der Marke „das Eintrittsgeld wert“. Und wer in der 78. Minute noch auf den Torhüter geht und ihn in arge Nöte bringt, der hat eine glatte 1 rundum verdient.

Mo Idrissou (Kicker-Note 1): Pass auf Bradley, kein Tor, leider Abseits; langer Atem, noch längere Schritt, ein Schuss am Tor vorbei; starker Einsatz, Ball zu Herrmann, 3:1; Volleyschuss Arango, Parade Adler, Tor Idrissou – die Liste der tollen Aktionen des Neuzugangs ist lang gewesen. Dass er das Laufpensum tatsächlich 90 Minuten durchhielt – erstaunlich. Dass er Ende der Partie noch die Abgezockheit besaß, mit einem kleinen Lupfer einen Eckball rauszuholen – eine 1 wert.

Raul Bobadilla (75. eingew., keine Note): Hatte es nach seiner Einwechslung für den starken Arango beileibe nicht leicht, ebenso zu brillieren wie seine Nebenleute. Doch der Argentinier gab sich redlich Mühe, versuchte Fehler, die ihm unterliefen, gleich wieder gut zu machen. Etwas ungeschickt beim Versuch, einen Elfer zu schinden.

Sebastian Schachten (80. eingew., keine Note): Holte in seinem vierten Ligaspiel für die Borussia seinen ersten Sieg. Durfte ansonsten die blendende Stimmung genießen und fügte sich ordentlich ein in eine Mannschaft, der einfach alles gelang.

Roman Neustädter (85. eingew., keine Note): Half wie Schachten, das 6:3 über die Runden zu bringen. Zeigte noch einmal ein paar Minuten vollen Einsatz. Insgesamt eine dankbare Aufgabe, wenn jeder erfolgreiche Pass mit einem „Heeey“ von den eigenen Anhänger gefeiert wird.

Kicker-Schnitt: 2,05
Mein Schnitt: 2,27

Leverkusen – Gladbach: Spiel, Satz und Sieg

Man glaubt immer wieder, schon alles erlebt, alles gesehen zu haben. Doch wer soll auch einen 6:3-Sieg in Leverkusen für möglich halten? Niemand. Und genau deshalb gehört dieser Trip in die Stadt ohne Hauptbahnhof zweifellos zu den großartigsten in diesem Jahrtausend.

Mein Bruder lächelt. Nachdem die gute, alte Stecktabelle auch nicht mehr das ist, was sie mal war, gehört dieses Stück Pappe mit 38 Zentimetern Durchmesser zu den besten Beilagen des Kicker-Sonderheftes seit Jahren. Am Niederrhein bekommt man beigebracht, dem Gastgeber eine kleine Aufmerksamkeit als Dankeschön für die Einladung mitzubringen. Da bot sich das Meisterschalen-Imitat geradezu mit Nachdruck an. Frei nach dem Motto: Wollt Ihr auch mal anfassen, liebe Leverkusener?

Ganz nett: Die renovierte BayArena.

Es ist 12:26 Uhr. Der RE 13 nach Mönchengladbach fährt ein am Viersener Bahnhof. Nils sitzt schon drin. Er, mein Bruder und ich – die Kombination ist neu bei der 17. Auswärtsfahrt meines Lebens. Mit meinem Bruder im Alleingang ist die Quote geradezu sagenhaft. Ein Sieg in Cottbus, einer in Frankfurt und ein Fast-Sieg beim 2:2 in Hoffenheim. Waren neben den beiden Leverkusen-Mitfahrern noch andere Menschen wie meine Eltern mit dabei, sah es stets düster aus: Drei Niederlagen in drei Spielen, 1:11 Tore, jedesmal traf der Gegner mindestens dreifach. Was genau uns das auf dem Weg über Düsseldorf in die Stadt ohne Hauptbahnhof sagen soll, weiß zu diesem Zeitpunkt niemand so richtig. Erst Stunden später werden leise Vorahnungen deutliche Konturen annehmen.

Leverkusen präsentiert sich von seiner eher tristen Seite. Zu Fuß geht es vom Bahnhof Mitte zur BayArena. Die Dhünn ist voll von den Regenfällen der vergangenen Tage und Wochen. Gleiches gilt im übertragenen Sinne für unsere Hosen. 16 Jahre lang hat die Borussia nicht mehr gegen Bayer gewonnen. Warum sich das gerade an diesem Tag ändern sollte? Schlagkräftige Argumente haben wir kaum. Freitagabend stand ich mit einer Flasche Bier in der Hand neben Nils und philosophierte in alter Manier über das, was uns am Sonntag in Leverkusen wohl blühen würde. 40 Euro hatten wir überwiesen. Womöglich 40 Euro für eine ordentliche Klatsche. Ein Besuch im Dominastudio dürfte ähnlich schmerzhaft und mindestens so teuer sein.

5000 bis 6000 Gladbacher in Leverkusen

Nachdem ich früher ohne jede Erwartung zu Auswärtsspielen fuhr und die Wünsche mit der Zeit auf ein selbst erzieltes Tor steigerte, heißt die Losung nun: Wenigstens zwischendurch mal führen. Was die Zuschauer angeht, ist den Borussen knapp eine Stunde vor Anpfiff bereits der Führungstreffer gelungen. Die immer noch ziemlich neue BayArena ist so gut wie leer. Geschätzte 5000 bis 6000 Gladbacher werden bis zum Anpfiff einiges dazu beitragen, dass es doch noch voll wird. Derweil wirkt der kleine Stehplatzblock der Leverkusener in der gegenüberliegenden Ecke wie ein Gästeblock im eigenen Stadion.

Eine Stunde vor Anpfiff herrscht gähnende Leere.

Igor de Camargo hatte Anfang der Woche noch Hoffnungen auf ein Debüt am Wochenende geweckt. Ein Kapselriss im Sprunggelenk stoppte den belgischen Brasilianer erneut, der derzeit die Verletzungs- und sonstigen Querelen vergangener Millionen-Neuzugänge auf die Spitze treibt. Gleichzeitig streikte Karim Matmours Achillessehne, was bei allem Respekt so wenig Sorgenfalten auf die Stirn der Allgemeinheit zauberte wie Geschenke unterm Weihnachtsbaum. Für Matmour kommt Patrick Herrmann in die Startelf. Marco Reus rückt in die Mitte, so dass die Borussia beinahe so beginnt wie die deutsche Nationalmannschaft in ihren sieben WM-Spielen.

Von Reihe 9 aus macht das Spielfeld den Eindruck, es genüge nicht unbedingt offiziellen FIFA-, sondern lediglich den Bestimmungen des Deutschen Handballbundes. Auf gefühlten 40×20 Metern belassen es beide Mannschaften in der Anfangsviertelstunde bei zaghaftem Beschnuppern und geduldigem Tempo. In der 13. Minute steht Mo Idrissou im Abseits, seinen Querpass hat Michael Bradley ohnehin nicht im Tor unterbringen können. Nach dem Abseitsfestival von Nürnberg befürchte ich gleich die nächste Fahnen-Orgie. Um auf Nummer sicher zu gehen, holt sich Idrissou den Ball daraufhin erst am gegnerischen Strafraum. Vidal lässt sich mit der Nachlässigkeit eines faulen Kindes bei den Hausaufgaben den Ball abnehmen. Idrissou stakst an ihm vorbei. In der Mitte rauscht Herrmann heran und tippt den Ball über die Linie, bevor René Adler und Co. überhaupt realisiert haben, dass es gefährlich werden könnte. Das Mindestziel, die Führung, ist erreicht. Stolz reckt mein Bruder die Meisterschale in die Luft. Da ist das Ding. 1:0 für Gladbach.

Idrissou in Usain-Bolt-Manier

Nach einer Standardsituation verpasst Bradley das 2:0 und zeigt Gnade, wie sie an diesem Nachmittag Seltenheitswert hat. Nur vier Minuten nach dem Führungstreffer kommt es dann, wie es bei der Borussia eigentlich immer kommt. Arango verteidigt auf Außen nachlässig, Castro darf flanken und Derdiyok gegen die indisponierten Daems und Brouwers zum Ausgleich einköpfen. Ich bin gelassen wie selten bei einem Gegentor und wundere mich selbst, dass ich die Bescheidenheit so verinnerlicht habe. Wer mit wenig rechnet, darf schließlich nicht viel erwarten.

Ganz nah dran in der BayArena, Block F4, Reihe 9.

Doch diesmal ist es anders. In den Folgeminuten wird deutlich, dass die Borussia das Konterspiel der vergangenen Saison keineswegs verlernt, sondern lediglich vertagt hat. Idrissou spaziert in Usain-Bolt-Manier mit nur vier Schritten von der Mittellinie in den Leverkusener Strafraum. Dabei übersieht er zwar Marco Reus, bringt jedoch immer noch einen gefährlichen Flachschuss zustande. Gut eine halbe Stunde ist rum, als es mit der Herrlichkeit anscheinend ein für allemal vorbei ist. Kießling bogenlampt einen Kopfball von der Strafraumgrenze an die Latte. Bailly hat dabei Glück, dass ihm der Ball nicht auf den Rücken fällt. Noch hat niemand einen blassen Schimmer, dass die letzten ruhigen Minuten laufen, bevor diese Partie für dreißig Minuten plus Halbzeit zum ballgewordenen Wahnsinn auf Erden wird.

In der 39. Minute ist Bradley nah dran an seinem ersten Saisontor. Adler hält. Die anschließende Ecke verdient sich keineswegs das Sportschau-Prädikat „brachte nichts ein“. Stattdessen stellt Reus den Bayer-Keeper mit einer Direktabnahme in Robben-Manier (gemeint ist der Spieler, nicht das Tier) vor die nächste Herausforderung. Als Marx einen Abpraller direkt wieder in Richtung Tor befördert sind aller guten Dinge tatsächlich einmal drei. Der Ball bahnt sich seinen Weg durch die Abwehr hindurch wie ein Auto im Mont-Blanc-Tunnel. Adler lässt abprallen und Roel Brouwers sorgt mit seinem ersten Saisontor für jede Menge Licht am Ende der Betonröhre. Schale in die Luft, Becker-Faust, 2:1 für den VfL.

Tippkickfigur Herrmann in den Winkel

Direkt im Anschluss zeichnet sich ab, dass dieses Fußballspiel keineswegs einen Platz in der Economy Class gebucht hat, sondern so mitreißend ist wie ein Fallschirmsprung ohne Fallschirm. Brouwers prüft Bailly mit einem riskanten Rückpass. Der Belgier kann mit Rechts nur halbhoch klären. Barnettas Schuss aus 35 Metern verfehlt das Tor nur hauchdünn.

Gedränge im Gästeblock, Logenplätze für die Bundespolizei - für beide ein schöner Tag.

Wer nach so vielen Turbulenzen ausgelaugt den Halbzeitpfiff herbeisehnt, wird enttäuscht und entschädigt zugleich. Arango und Idrissou werden gleich zwei mögliche Elfer versagt. Während die Leverkusener Hintermannschaft mit den beiden Opfern und Schiri Stark eine Diskussionsrunde à la „Hart, aber fair“ eröffnet, hat Patrick “Frank Plasberg” Herrmann keinerlei Interesse an halbherzigen Debatten. Wie eine Tippkickfigur zieht er mit dem Außenrist aus 17 Metern ab. Als das Ding im linken Winkel einschlägt, ist der Gästeblock endgültig völlig losgelöst von der Erde. Tags zuvor habe ich noch aufgeschlüsselt, dass die meisten „Tore des Jahres“ im Oktober und November fallen. Der August darf nun wieder Hoffnung schöpfen. Denn es ist ja bekannt: Wenn Borussen ein „Tor des Monats“ erzielt haben, ist die Abstimmungfreudigkeit am Niederrhein Ende des Jahres kaum aufzuhalten.

Zur Pause führt die Borussia mit 3:1 und ich muss kurz überlegen, wann sie zuletzt drei Tore in einer Halbzeit auf fremdem Platz geschossen hat. Mir fällt es schnell wieder ein und im selben Zug weiß ich, wann sie am gleichen Tag auch drei in einer Hälfte kassiert hat. Auf ein Bochum-Revival hat keiner der gut 5000 Borussen Bock. Also lautet die Devise für die zweiten 45 Minuten: Aufs vierte Tor spielen und das nicht für möglich Gehaltene möglich machen.

Arango und ich – erfolgreich im jeweils 700. Versuch

Bis auf einen Schuss von Reus, der übers Tor geht, gewähren beide Mannschaften den 30 000 in der ausverkauften BayArena zunächst eine zehnminütige Ruhepause. Dann gibt es Freistoß für die Borussia, halbrechte Position, 29 Meter Torentfernung – Arango-Time. Ich zücke meine Kamera und denke an meine Festplatte, auf der circa 700 Videos von Freistößen rumlungern, die ich in der Hoffnung, einmal einen Treffer zu filmen, in den vergangenen Jahren aufgenommen habe. Doch ich bleibe hartnäckig, drücke auf „Rec“. Die rote Lampe leuchtet, Marx und Arango diskutieren noch mit Stark über den Abstand der Mauer. „Mach’ einfach, den machse doch so drübber!“, ist auf nun in dem Video zu hören, als Arango anläuft. Sechs Schritte, zwei Sekunden Flug – und eine halbe Minute im Delirium. Es steht 4:1, mein Bruder präsentiert die Meisterschale. Da ist Ding. Und langsam beginnen wir im Rausch der Auswärtsfreude dran zu glauben.

Größenwahnsinn und Selbstironie gehen manchmal Hand in Hand.

Nach der wahrhaftigen Welle der Begeisterung sind gerade erst alle Fans wieder im richtigen Block auf dem richtigen Platz angekommen, da dreht ein Foul von Marx an Vidal die Uhr zwei Minuten zurück. Den berechtigten Elfer verwandelt der Chilene selbst. Wieder zwei Tore Vorsprung, wieder keine Entscheidung. Doch zum Glück darf man manchmal Texte schreiben, in denen Absätze so sinnlos sind wie ein Kreuz bei der FDP. Auf der Gegenseite ist der Ball schon wieder weg, als Levels sich ihn zurückholt. In einer Mischung aus Liegen, Sitzen und Stehen bedient er Reus auf der rechten Seite. Dessen Flanke mit sagenhafter Übersicht nimmt Arango Volley. Adler lässt den brillanten Angriff mit einer Riesenparade nicht mehr ganz so einseitig wirken. Aber Idrissou stellt den Satz „Da muss ein Stürmer stehen“ pantomimisch dar und drückt den Ball zum 5:2 über die Linie.

Mittlerweile erreichen mich die ersten SMS von Freunden, die eigentlich anderen Vereinen anhängen. Darin wimmelt es von Wörtern wie „Wahnsinn“ und „unglaublich“. Bevor überhaupt klar ist, wann die Borussia letztmals fünf Auswärtstore in der Bundesliga erzielt hat (1998 in Karlsruhe, by the way), geht es in der 69. schon weiter. Arango sieht Reus, der mit so einer Leichtigkeit mit links in den Winkel trifft, dass man sich schon sehr heftig zwicken muss, um sich einen Fohlen-Vergleich zu verkneifen. Schnell die Kamera raus und auf der Anzeigetafel ein Stück Vereinsgeschichte festgehalten. Denn sechs Treffer in der Fremde hat es zuletzt vor mehr als 23 Jahren, am 21. März 1987, beim 7:1 in Bremen gegeben. Ligaübergreifend kann das ebenso legendäre 7:1 in Offenbach kurz vor der Rückkehr in die Bundesliga noch mithalten. „Alter, was geht denn da ab?“, fragt Studienfreund und Schwabenfan Sebastian per SMS. Meine Antwort: „Ich weiß es nicht. Und dabei passiert das alles 20 Meter vor meinen Augen.“

Die Top 5 des Tages

Vermutlich kürzer als das Schreiben dieser Zeilen nach dem 2:6 dauert es jedoch, bis Kießling den Anschluss-Anschluss-Anschlusstreffer für die Gastgeber erzielt. Bailly sieht schlecht aus, aber über ein Foul könnte man selbst acht Meter vor dem Tor reden. Nils hat plötzlich wieder das Bochum-3:3-Gesicht aufgelegt und will den Drops noch nicht als gelutscht verkünden. Nach sieben Treffern in nur 30 Spielminuten sind alle fertig wie nach einer Zugfahrt von Gladbach bis zum Nordkap. Zwischendurch wird es sogar kurz ein paar Minuten still, als müsse der Gästeblock die Geschehnisse erst einmal sacken lassen. Dann blüht der Gesang wieder auf. Hier die Top 5 des Tages:

5. „Philipp La-ahm“ – eine Ode an Michael Ballack
4. „Ein Schuss, ein Tor, Borussia“ – in sechsfacher Ausgabe
3. „…und wir werden Deutscher Meister“ – Grüße aus dem Auswärtssieg-Delirium
2. „Ihr werdet nie Deutscher Meister“ – mit Schalen-Choreo meines Bruders
1. „Die Nummer eins am Rhein sind wir“ – oh ja, so ist es

In der Schlussviertelstunde liegt ein 5:7 oder gar ein 6:8 noch immer im Rahmen des Möglichen. Doch bis auf eine schier endlose Passstaffette der Borussia, bei der jedes Abspiel mit einem „Heeey“ bedacht wird, passiert nicht mehr viel. Nach dem 3:6 hieß es demnach: Spiel, Satz und Sieg, Borussia. Ganz großes Damentennis, was sich 90 Minuten lang in der BayArena abgespielt hat.

Angst vor Edith Piaf

Mit meinem fünften Auswärtssieg in anderthalb Jahren (Köln, Cottbus, Hamburg, Frankfurt, Leverkusen) wird gleichzeitig die Tatsache untermauert, dass die Borussia in der Bundesliga keine Auswärtssiege mehr einfahren kann, wenn ich nicht dabei bin. Seit dem 2:0 in Bundesliga im November 2008 hat der VfL in 18 Auswärtsspielen ohne mich gerade einmal drei Unentschieden geholt. Ich kann ja nichts dafür. Fest steht: Meine Eltern sind fürs Erste von Auswärtsfahrten verbannt und mein Bruder bekommt den Auftrag, sein Taschengeld besser an die Seite zu legen.

Ein Stück Gladbacher Vereinsgeschichte - die Anzeigetafel nach 72 Minuten.

Nach dem Spiel darf Mo Idrissou (nunmehr drei Treffer in drei Pflichtspielen) seine erste „Humba“ anstimmen. Was er genau nach einem beherzten Sprung in den Stehblock ins Megaphon buchstabiert, ist nicht zu hören. Es müssen jedoch mehr als ein H, U, M, B und A gewesen sein. Auf dem Rückweg gießt es aus Eimern, die Dhünn ist noch voller geworden. Doch es ist, als perlten die Tropfen einfach so von unseren Regenjacken ab. Wir schweben zum Bahnhof und steigen in den Sonderzug nach Hause. Plötzlich taucht der Dom in der Ferne auf, der Zug fährt am Colonius, dem Kölner Fernsehturm vorbei. Offensichtlich dreht der Lokführer eine Ehrenrunde durch die Stadt des Tabellenschlusslichts, das erst in jenem Minuten die rote Laterne an den VfB Stuttgart abgibt.

Man glaubt immer wieder, abgesehen von großen Titeln, schon alles erlebt zu haben. Wer soll denn bitte auch ein 6:3 in Leverkusen auf dem Schirm haben? In Führung gehen – ein realistischer Wunsch. Einen Punkt entführen – selten gesehen. Den ersten Sieg nach 16 Jahren einfahren – warum ausgerechnet an diesem Tag? So wie die Borussia in Leverkusen, 6:3, spielt man vielleicht Eishockey. Nachdem ich letztens „Inception“ im Kino gesehen habe, fürchte ich noch immer, dass Edith Piaf mich mit „Non, je ne regrette rien“ gleich aus diesem unfassbaren Traum holt. Und selbst wenn, dann wäre es der beste aller Zeiten gewesen.

Hier gibt’s Fotos von der Auswährtsfahrt auf Facebook.

Tor des Jahres: Zur richtigen Zeit am richtigen Ort

Fußballfakten sind wie Prominente: Man kann sie problemlos in die Kategorien A, B, C oder D einteilen. Eine lebenswichtige Portion D-Wissen gibt’s diesmal zum Thema “Tor des Jahres”. In welchen Stadien und in welchen Monaten sind die meisten gefallen?

Am richtigen Ort:
4x Olympiastadion (München)
2x Bökelberg (Mönchengladbach), Neckarstadion (Stuttgart), Fritz-Walter-Stadion (Kaiserslautern), Giuseppe-Meazza-Stadion (Mailand), Veltins-Arena (Gelsenkirchen), Waldstadion (Frankfurt), Ulrich-Haberland-Stadion (Leverkusen)
1x insgesamt 21 Stadien

Noch nie ein Tor des Jahres ist damit gefallen in den aktuellen Bundesligastädten (und -dörfern) Hamburg, Hannover, Nürnberg, Mainz, Freiburg und Hoffenheim. Stand Ende Juli ist eine Änderung noch nicht in Sicht.

Zur richtigen Zeit:
8x Oktober
7x November
5x August
4x April, September
3x Juni
2x Juli, Dezember
1x Januar, Februar, März, Mai

Mit beinahe 50-prozentiger Wahrscheinlichkeit ist das Tor des Jahres 2010 also noch gar nicht gefallen. Seit 1992 scheint sich das allgemeine Befinden des Gedächtnisses enorm verbessert zu haben: Von 17 Auszeichnungen fielen in diesem Zeitraum nur drei in die Monate Oktober bis Dezember. Zuvor waren es 14 von 22.

Geordnet nach Jahren, Schützen, Stadien und Monaten: Alle 39 Tore des Jahres.

Gastspiel auf spox.com

Wer einen Blick nach rechts in die Sidebar wirft, dem wird direkt über dem Logo des Sportbloggernetzwerks eine Neuerung auffallen: Seit Saisonbeginn bin ich nicht mehr nur hier im Blog aktiv, sondern steuere regelmäßig etwas zur neuen User-Redaktion auf spox.com bei.

Für das Treiben hier auf “Entscheidend is auf’m Platz” bedeutet das keinerlei Änderungen. Dafür findet man bei Spox von nun an beispielsweise wöchentlich einen Beitrag “Zur Lage der Rautennation” am Niederrhein.

Wer neben der Borussia auch an kenntnisreichen Einwürfen zu anderen Vereinen interessiert ist, dem seien die Texte der User dort besonders ans Herz gelegt. Kress.de berichtet von 60 000 Mitgliedern in der Spox-Community, täglich würden 8 000 Kommentare abgegeben – das ist ein ziemlich großes Fußballstadion mit viel lebhafter Diskussion.

Die Gladbach-Gruppe ist derzeit noch eher ein Grüppchen. 24 Mitglieder werden gleich von neun anderen Bundesligisten überboten. Doch das soll sich ändern. Neben einem Forum bietet Spox jedem User auch die Möglichkeit, selbst in Form eines Blogs seinen Senf zu einem beliebigen Thema abzugeben – schnell und unkompliziert. Schaut’s Euch an: Vielleicht ist für den einen oder anderen ja etwas dabei.

Schwarzweißmalerei im Namen der Tröte

“Zuschauerrekord im WM-Stadion Soccer City” stand Montag in der Zeitung. Und irgendwie beschleicht mich das Gefühl, dass dies nicht der eigentlich Kern der Nachricht ist, den die Rheinische Post (bzw. der SID) da loswerden wollte.

Südafrika spielte gegen Neuseeland, der Ball war ein Ei, Rugby hieß die Sportart und 90 000 kamen, um sich das 22:29 anzusehen. Zu den meistgehörten Dingen der WM – bei der an sich viele Hintergrundinfos das Potenzial hatten, den Titel der meistgehörten zu erringen – gehörte sicherlich der Hinweis, dass Fußball in Südafrika bekanntlich der Sport der schwarzen, Rugby der Sport der weißen Bevölkerung sei.

“Bemerkenswert” fand es der SID, dass im Stadion “nicht eine einzige Vuvuzela” ertönte – die Veranstalter hatten die Tröten des Trommelfelltodes kurzerhand verboten. Halbwegs aufmerksamen Fernsehzuschauern und Stadionbesuchern werden die wohlklingenden Geräusche vom ersten Bundesligaspieltag nicht entgangen sein. Kein Geräusch ist manchmal eben auch ein Geräusch. Sechs Vereine haben offizielle Verbote ausgesprochen, viele andere hoffen auf einen Trend zum Trötenverzicht. So sang man vergangenes Wochenende lediglich die Freude über die Rückkehr des Fußballs gepflegt in die Welt hinaus, nüchtern, kalt und emotionslos wie man in Deutschland eben so ist.

Fehlpässe aus dem Stand wurden wieder mit einem entnervten Raunen bedacht, Tore mit einem entfesselten “Jaaaa!” bejubelt und der gegnerische Torwart als masturbierende Gesäßöffnung mit einer im Rotlichtmilieu tätigen Mutter bezeichnet. Und auch wenn die Notwendigkeit letzterer Nebenerscheinung angezweifelt werden darf: Man kann Raphael Schäfer und alle anderen Keeper der Liga ja gerne mal fragen, ob ihnen 12 000 Vuvuzelas lieber sind.