Archive for the 'Innenrist - Bundesliga & Co.' Category

Die Liga der Anderen (II): Leverkusener Laien

In der “Liga der Anderen” kommen jeden Freitag Fans diverser Profiklubs zu Wort, die über ihr aktuelles Seelenleben erzählen. Mit dabei: Bremen, St. Pauli, Schalke, Leverkusen, Dortmund, Duisburg und Bochum. Grenzen sind ihnen dabei keine gesetzt. Heute schreibt Kerstin von einem aus ihrer Sicht schlechten Remake eines torreichen Spiels ihrer Leverkusener. Michael Ballack gibt sie die Zeit, die er anscheinend noch braucht – und hofft, dass sich die eigenen Gesetze des DFB-Pokals auf ganz neue Weise zeigen.

Von Kerstin (Leverkusen)

Leverkusen liegt zur Halbzeitpause mit 1:3 hinten. Die Zuschauer runzeln die Stirn. Das letzte Spiel wurde doch noch so souverän zu Null gewonnen. Eine lange Serie von ungeschlagen Spielen gegen diesen Gegner in diesem Stadion scheint sich dem Ende zuzuneigen. Doch vielleicht stemmt sich die rot-schwarze Elf in der zweiten Halbzeit gegen die Niederlage. 45 Minuten später erfolgt die Ernüchterung. Auch noch drei weitere Leverkusener Tore durch Dimitar Berbatov, Andrej Voronin und Jacek Krzynowek reichen nicht aus, um die Partie zu drehen. Kevin Kuranyi, Sören Larsen, Lincoln und Gerald Asamoah schießen die Gastgeber zum Kantersieg.

Der kleine Mathematiker, der vom Fußball nichts versteht, aber durch Zufall mitgekriegt hat, dass Leverkusen letzten Sonntag 3:6 gegen Mönchengladbach untergegangen ist, beginnt nach dieses ersten Sätzen nervös mit den Fingern zu schnippsen. Er hat Einwände. Ein Leverkusener Tor in der ersten Halbzeit und drei weitere Treffer in der zweiten Hälfte ergeben höchstens bei Pippi Langstrumpfs Rechnungen nur drei Tore.

Bevor sich jetzt auch noch fachkundige Leute melden, denen auffällt, dass Berbatov doch längst englische Bänke deutschen Strafräumen vorzieht, Krzynowek momentan vereinslos ist, Voronin seit Anfang 2010 im Fußballerparadies Russland kickt und Kuranyi, Larsen, Lincoln und Asamoah zudem relativ wenig mit Mönchengladbach zu tun haben, löse ich schnell das Missverständnis. Bei dem eingangs beschriebenen Spiel handelte es sich um die Begegnung von Schalke 04 und Bayer Leverkusen am 21. Spieltag der Saison 2005/2006. Sie endete 7:4 und war eine der torreichsten und kuriosesten Partien in der Bundesligageschichte. Es war ein Spiel nach dem selbst die unterlegenen Fußballer schmunzelten und der damalige Trainer Michael Skibbe zu Protokoll gab, dass so ein Ergebnis ja auch seine positiven Seiten hätte. Schließlich hätten seine Mannen vier Tore geschossen.

Brutal von der schönen Wolke geholt

So sehr der torreiche Spielverlauf vom 11.02.2006 dem vom letzten Sonntag auch ähnelt – meine Gefühlswelt nach den Spielen könnte kaum unterschiedlicher sein. Nach der Niederlage gegen Schalke hat man gelacht. Man hatte das Gefühl bei etwas Einzigartigem dabei gewesen zu sein. Als hätte man nicht für ein Fußballspiel bezahlt, sondern für ein durchgeplantes Theaterstück, das nach mehrfacher Probe endlich die Vorhänge für das Publikum geöffnet hat. Das unerhoffte 3:6 fiel dann eher unter die Kategorie “schlechtes Remake”.
Gladbach stellte die Hauptakteure und die Männer um Kapitän Hyypiä wirkten wie kleine Laienschauspieler. Die große Zahl an Fehlpässen und die gruseligen Fehler im Defensivverhalten waren nach dem 2:0 in Dortmund erschreckend. Ich wurde ganz langsam und brutal von meiner schönen Wolke geholt, auf der ich seit dem Auftaktsieg saß und in der Ferne schon die Meisterschale blitzen sah.

Und dann war da noch ein Mann, der sich nicht einmal das Prädikat Laienschauspieler verdiente: Michael Ballack. Die zwanzig großen und kleinen Ballacks um mich herum zeigten mehr Präsenz auf den Rängen, als ihr Idol auf dem Platz es tat. Er fand keine Bindung zum Spiel und hatte vermutlich weniger Ballkontakte als der Balljunge hinterm Tor, der René Adler nach den Gladbacher Angriffen den Ball reichte. Aber ich finde es gut, dass Heynckes Ballack Spielpraxis gibt. Natürlich kann der Kapitän der deutsche Nationalmannschaft nicht von Spiel zu Spiel von den zehn Spielern um ihn herum mitgeschleppt werden, nur damit er Spielpraxis erhält. Aber ich denke und hoffe, dass er bald wieder zu alter Form und Fitness findet und dann, wie schon bei seinem Einstand gegen Simferopol, der Mannschaft enorm helfen kann. Alle, die mich jetzt schon wieder auf der schönen, rosaroten Wolke sehen, sollen mit ihren Vorwürfen bitte ein paar Wochen und weitere Ballackspiele abwarten.

Ballack holte übrigens in der Saison 2005/2006 das Double mit Bayern München. Leverkusen reihte sich hinter Schalke auf dem fünften Platz ein. Alles unschöne Dinge, die diese Saison so nicht unbedingt passieren müssen. Um sich jetzt nicht in Vorzeichen, Sternkonstellationen und Rechenspielen zu verlieren, lenke ich den Blick schon einmal auf das nächste Spiel gegen Mönchengladbach. Ich bin mir sehr sicher, dass die Leverkusener, wenn der Vorhang sich am 27. Oktober öffnet, eine ganz andere Vorstellung als noch letzten Samstag zeigen werden. Denn der Pokal hat seine eigenen Gesetze, da kann auch mal eine Mannschaft gewinnen, die wenige Wochen vorher noch gänzlich gegen eine übermächtige Mannschaft untergegangen ist.

Die Liga der Anderen (I): Grün-brauner Zwiespalt

In der “Liga der Anderen” kommen jeden Freitag Fans diverser Profiklubs zu Wort, die über ihr aktuelles Seelenleben erzählen. Mit dabei: Bremen, St. Pauli, Schalke, Leverkusen, Dortmund, Duisburg und Bochum. Grenzen sind ihnen dabei keine gesetzt. Den Anfang macht Dennis – 24-jähriger Lüneburger, Ex-Hamburger und Wahl-Dortmunder – mit einem kleinen Exkurs: Wie wird man eigentlich Anhänger einer bestimmten Fußballmannschaft? Und wie gleich von Zweien?

Von Dennis (Bremen und St. Pauli)

Ich denke, ausschlaggebender Faktor sind oft prägende Erlebnisse in frühen Kindstagen. Du wirst als kleiner Bub mit ins Stadion geschleppt; als Anhängsel eines Verwandten, behangen mit Fanschals, die länger sind als du selbst. Die Viren, die sowohl auf den Rängen als auch in der Luft grassieren, sie infizieren dich mit der Fan-Krankheit. Unerwartet trifft sie dich, volle Breitseite, und ergreift Besitz von dir, ehe du auch nur zwei Spieler kennst (klar, einen Spieler kennst du sofort: meistens ist es der eine da, der gerade das erste Tor geschossen hat. Dein neuer Lieblingsspieler). So beginnt sie oft, diese angenehme Besessenheit, die dich bei Wind und Wetter ins Stadion lockt und Wörter rufen lässt, für die deine Mutter dir den Mund mit Seife auswaschen würde.

Ein anderer, wesentlich banalerer Grund, sind Farben. Lieblingsfarben. Wer kennt das nicht; Kinder, die auf Blau stehen, tingeln wahlweise im Hamburg-, Bochum- oder Schalke-Trikot umher. Freunde der Sonne pflastern ihr Zimmer mit Postern gelber Dortmund-Stars.

Ich für meinen Teil, der weder Kot noch Nazis mag, bin St. Pauli-Fan. Kastanien fand ich früher zwar super, doch mit der Farbe Braun hat mein Sympathisantentum nichts zu tun. Es ist vielmehr eine Trotzreaktion gewesen, ein prägendes Erlebnis in der Kindheit. Lange Zeit bevor ich offensichtlich richtig denken konnte, mit elf Jahren, war ich Bayern-Anhänger. Ich glaube, weil das Logo so schwierig zu malen war. Eine klasse Herausforderung war das. So stand ich da, in meinem Zimmer. Klinsmann-Trikot, Schal, Bettwäsche, Wimpel, Wecker, bescheiden gemaltes Logo – das komplette Programm. Klinsi war für mich der Größte. Ich kann mich an einen Zeitungsausschnitt erinnern „Klinsmann erzielt 100. Bundesligator“, den ich über mein Bett hing. Ein toller Tag.

Die doppelte Liebe

Ein Treffen mit dem unsagbar unfreundlichen Thomas Strunz änderte jedoch alles. Keine Beachtung, kein Autogramm, nur Pöbelei des platinblonden Miesepeters. Ein gebrochenes Fanherz und einen Bayern-Hassschwur auf Lebenszeit später zog es mich zum Club mit den bewiesenermaßen geilsten Fans der Welt – den St. Paulianern. Keine erfolgsverwöhnten, überbezahlten Proleten, weder auf dem Platz noch auf den Rängen. Das war meine Welt. Allesamt ehrliche Arbeiter (zumindest auf dem Rasen). Schnell begann die Abgrenzung zum HSV, dem anderen Verein der Stadt. Ich fragte mich, wie ein Verein, der seit Jahrzehnten nichts geleistet hat, immer wieder solche Ansprüche an sich stellen konnte. Geld war da, ok. Aber ansonsten?

Nun ist es so, dass sich im Laufe der Zeit eine zweite Liebe entwickelt hat. Anfangs war es nur ein schüchternes Hinübergucken, doch nach und nach wurde daraus ein heißer Flirt. Dieser Flirt hieß SV W. aus B. Auch eine tolle Truppe. Andreas Herzog (das Ausrutsch-Jahr im Süden sei ihm verziehen) und Konsorten.

Jetzt kann ich auch endlich die vielmals gestellte Frage beantworten: Wie kann man zwei Vereine lieben? Hier gingen die beiden oben genannten Aspekte einher. Die Antipathie zum HSV und die Vorliebe für die Farbe Grün. Was lag da näher als die Kicker von der Weser? Dazu gesellte sich die Tatache, dass der Abstieg Paulis aus der Zweiten in die Regionalliga auch mediales Desinteresse nach sich zog. So wurde es für mich, der nicht oft die Option zu Stadionbesuchen hatte, schwierig, meinem Verein wenigstens am Fernseher die Daumen zu drücken. In den Folgejahren war dieser Fanzwiespalt auch immer leicht zu vereinbaren. Die beiden Mannschaften trafen ja selten aufeinander.

Teufelskerl Martin Driller

In der vergangenen Saison spitzte sich die Angelegenheit zusehends zu. Das Szenario ist bekannt. Die „Kiez-Kicker“ legten los wie die Feuerwehr. Eine starke Saison, die mit dem ultimativen Höhepunkt gekrönt wurde: Zum 100-jährigen Bestehen beschenkten sich Ebbers und Co. selbst und stiegen nach knapp zehnjähriger Abstinenz wieder in die Bundesliga auf. Endlich! Nach den Feierlichkeiten trat jedoch meine Bredouille auf den Plan: Für wen gröle ich denn nun lauter? Pauli oder Bremen?

Auf den ersten Blick: klar, St. Pauli. Sie haben mich zwar des Öfteren im Stich gelassen; auch ich habe sie oft verflucht. Damals, 6:0 in Bochum verloren. Richtig, Bochum. Das Bochum. (Da fällt mir gerade dieses Lied ein… mit der „zweiten Liga“ und „nie mehr“. Aber das ist eine andere Geschichte. Die weiß Max zu einem späteren Zeitpunkt sicherlich besser zu erzählen.) Es gab aber andererseits auch viele schöne Momente. „Weltpokalsiegerbesieger“ oder was habe ich beim 4:4 gegen Schalke gefeiert. Ich sage nur: Martin Driller, der Teufelskerl.

Generell bin ich eher der Underdog-Sympathisant, daher schien die Marschroute klar: Daumen drücken am Millerntor, wenn ich es denn mal nach Hamburg schaffe. Ansonsten gebe ich aus der Ferne mein Bestes. Oder halt im Auswärtsblock sämtlicher Pott-Städte.

Verkehrte Welt zum Auftakt

Bremen braucht meine Unterstützung weniger. Es wird auch ohne Özil angreifen und versuchen, seinen Ansprüchen gerecht zu werden. So dachte ich zumindest bisher. Doch siehe da: Pustekuchen. Freiburg 1, Pauli 3. Bedeutet vorübergehend Tabellenplatz Drei. Ausgezeichnet, ein guter Anfang!

Auf der anderen Seite: Hoffenheim vier, Bremen eins. „Willst du Bremen oben sehen, musst du die Tabelle…“. Ja, danke. Und wenn man einmal ins Klo gegriffen hat, warum dann nicht noch gründlich herumwühlen. Zack, Bayern im DFB-Pokal. Und dann die ersten 92 Minuten beim Rückspiel in Genua. Es schien, als hätte sich der Zonk hinter jedem Tor versteckt. Gut, Paulis Pokalschreck Chemnitz ist jetzt auch keine Fußballübermacht. Aber wie gesagt, zwischen den Ansprüchen beider Teams liegen Welten. Hier haben wir die Champions League und ein schielendes Auge Richtung Tabellenspitze. Beim FC St. Pauli steht “Mission Nichtabstieg” auf der Agenda.

Aber das war ja erst der Anfang. Nun bin ich gespannt, wie es in den kommenden Wochen und Monaten weitergeht. Ich denke mal, dass sich „meine“ Teams schnell wieder annähern werden und wahrscheinlich auch die Plätze tauschen. Bremen hat gegen Genua noch einmal die Kurve bekommen, die Bundesliga wird es ihnen im Hinblick auf die Fünfjahres-Wertung danken. Am Wochenende empfängt St. Pauli die Hoppenheimer, Bremen darf Köln versohlen. Mir soll’s letztlich gleich sein. Solange Pauli nicht absteigt und Neuzugang Wesley gegen Wolfsburg Diego wegledert, bin ich zufrieden. Bremen in den CL-Rängen wäre wünschenswert; abwarten, was die Konkurrenz aus Dortmund, Leverkusen und Schalke macht.

Was kann man letztlich mehr wollen, als seine zwei Lieblingsteams in einer Liga? Und die Tatsache, dass ich gerade nicht genau weiß, wen ich mehr anfeuern soll, kann ich getrost als Luxusproblem bezeichnen. Alles ist besser, als den Bayern die Daumen zu drücken. Danke, Thomas Strunz.

18 Trikots, drei Meinungen, ein Sieger

Der Focus und die Mediadesign Hochschule haben bereits ihren Senf zu den Bundesliga-Trikots der Saison 2010/2011 abgegeben – mit höchst unterschiedlichen Ergebnissen. Beispielsweise küren beide die Borussia aus Mönchengladbach zum Ersten der Textiltabelle – die einen jedoch von vorne, die anderen von hinten. “Entscheidend is auf’m Platz” mischt sich ein und hat sein eigenes Urteil gefällt. Der Gesamtsieger hat deutlich den Hemdkragen vorne.

Das Prinzip ist einfach: Der Erste bekommt 18 Punkte, der Zweite 17 usw.

Bayer vs. Schalke – Tagebuch des Titelkampfs oder:
Zweiter konnt’ nur Schalke werden (Teil XII)

03. Mai 2010 – 5 Tage bis zum letzten Spieltag

Lisa gibt auf, hadert, möchte sich aufregen, kann sich nicht aufregen, sucht nach einer Belohnung – und wird weiter warten. Das Ende sei unspektakulär über Schalke 04 hergefallen, findet sie. Und liegt damit nicht so falsch. Königsblau wird wieder auf Platz zwei landen, zum sechsten Mal in der Bundesliga-Historie. Überbieten können das nur die Bayern und Werder Bremen. Doch die werden damit leben können – schließlich haben sie zusammen 25 von 47 Titeln geholt.

Von Lisa S.

Vielleicht ist es nicht die beste Idee, meinen letzten Tagebucheintrag jetzt schon zu schreiben. Es ist nämlich 19:46 Uhr am Samstagabend und der Abpfiff des 33. Spieltags ist erst knappe zweieinhalb Stunden her. Aber im Grunde ist es doch egal, wann ich mir das hier von der Seele schreibe. Denn das Gefühl, welches Resignation heißt, wird in nächster Zeit nicht besser werden.

Es ist schon komisch: Nach all dem, was ich in dieser Spielzeit mitgemacht habe – Höhen und Tiefen, Erfolge und Rückschläge, Hoffnung, Enttäuschung, Genugtuung, Fassungslosigkeit, Euphorie – kommt das Ende seltsam unspektakulär. Und genauso unspektakulär ist auch meine Gefühlslage. Keine Wut und kein Hass (weder auf meine, noch auf andere Mannschaften), keine wirkliche Trauer, keine Schadenfreude über die Misserfolge anderer (Gladbach, Leverkusen, Dortmund), einfach nur Resignation.

Dabei möchte ich mich so gerne aufregen, über vertane Großchancen, über unfähige Schiedsrichter, über mangelnde Abwehrarbeit. Über irgendetwas. So wie ich es eigentlich immer mache nach einer Niederlage der Königsblauen. Denn so lenke ich mich ab, so verarbeite ich das Spiel und bereite mich gleichzeitig vor auf das nächste Wochenende, auf die nächste Chance.

Das nächste Wochenende gibt es noch – nur die nächste Chance nicht mehr.

Und so schließt sich das Kapitel Meisterschaft für mich – wieder einmal. Wieder einmal waren andere besser, oder glücklicher oder was auch immer. Wieder einmal steht am Ende der zweite Platz für den S04 zu Buche und obwohl ich öfter Anderes verkündet habe, kann ich mich nicht darüber freuen. Wieder einmal stehen wir nach der Saison mit leeren Händen da und trauern, während andere feiern. Und wieder einmal hat Schalke die Meisterschaft nicht mit der letzten Partie verspielt. Gegen Bremen kann man nun mal verlieren. Was viel mehr wehtut, sind die Gedanken an Niederlagen und Unentschieden gegen Freiburg, Gladbach, Hannover und Bochum.

Trost suche ich vergeblich, auch wenn die Tatsachen, dass diese Mannschaft Perspektive hat, dass sie Teams wie Bremen, Hamburg und Leverkusen locker hinter sich gelassen hat und dass Magath weiter in die richtige Richtung arbeiten wird, eigentlich tröstlich sind. Aber es ist nun mal nicht Trost, den wir suchen, sondern Belohnung. Belohnung in Form von Titeln, von Meisterschalen und Pokalen und nicht von zweiten Plätzen.

Also bleibt im Moment nicht mehr, als abzuwarten. Zu warten, bis das altbekannte Gefühl der Resignation verfliegt und wir, die Fans des FC Schalke 04, wieder aufstehen und uns hinter unsere Mannschaft stellen – und es zusammen noch einmal versuchen. Denn was immer auch passiert, wir werden es wieder versuchen, wieder und wieder. Bis wir eines Tages endlich belohnt werden.

Und somit sage ich „Tschüss“, „Macht’s gut“, „Auf Wiedersehen“ – man liest sich… vielleicht im nächsten Jahrhundert.

Glückauf!

Bayer vs. Schalke – Tagebuch des Titelkampfs oder:
Zweiter kann nur Schalke werden (Teil XI)

28. April 2010 – 10 Tage bis zum letzten Spieltag

Elfter Teil des Titelkampf-Tagebuchs – wer mitzählt, dem fällt auf: Teil 13 wird am letzten Spieltag geschrieben. Nur so am Rande. Lisa ist froh, dass Schalke die Meisterschaft nicht bei der Hertha vergeigt hat und hofft jetzt, dass es den Bayern anders ergehen wird. Zum Abschied zeigt sie sich sogar milde mit Kerstin. Die wiederum packt jetzt ihre Koffer, geht nach draußen in die Sonne und singt ein wenig: “Europapokaaal, Europapokaaal!” Immerhin.

Von Lisa S.

Es heißt, Aufregung schadet dem Herz, macht es schwächer und anfälliger für Infarkte und sonstige Späße. Wenn das wirklich so ist, weiß ich nicht, wie viele Jahre meines Lebens ich schon dadurch verloren habe, dass Schalke es immer so spannend machen muss. Gesund ist das sicher nicht.

Auch letzten Samstag machte S04 keine Ausnahme und ließ mich lange 87 Minuten zappeln. Zu allem Überfluss musste ich die zweite Halbzeit übers Autoradio verfolgen, war also der willkürlichen Hin- und Her-Schalterei von NDR2 gnadenlos ausgeliefert. Und das, was dann circa alle sechs Minuten über den Äther kam, hörte sich größtenteils auch noch so an: „Und wieder Riesenchance für Hertha! Schalke kann sich erneut bei Manuel Neuer bedanken, dass es hier noch 0:0 steht!“

Als dann schon alles danach aussah, dass die Königsblauen die Meisterschaft tatsächlich beim Tabellenletzten verspielen, kam uns der Dusel zur Hilfe. Vollkommen erschöpft und erleichtert sank ich in meinen Sitz zurück, dachte zufrieden bei mir: „Glück muss man eben haben“ – und stutzte. Ein überragender Torhüter, keine konstant überzeugende Leistung und dann derart mit Fortuna im Bunde? Das kam mir doch irgendwie bekannt vor. Richtig, hatten die Bayern nicht sechs ihrer letzten sieben Meisterschaften auf diese Art gewonnen? Kein schlechtes Omen, wenn ihr mich fragt.

Achja, die Bayern. Karl-Heinz Rummenigge und Uli Hoeneß zeigten sich zwar arrogant und selbstsicher wie eh und je. Aber je mehr sie betonen, dass ihnen Schalke keine Angst macht, desto weniger glaubwürdig wird es irgendwie. Der lächerliche Vorstoß, Schalke fehle ja der Balkon für die Meisterfeier, wirkt zum Beispiel mehr gezwungen als alles andere. Als wenn es an dem Balkon scheitern würde. Den ziehen wir bis zum 8. Mai schon noch hoch. Magier Magath macht’s möglich.

Und auch das Restprogramm, das angeblich für die Münchener spricht, wird uns wohl keine Probleme machen. Schalke zeigt immer gegen stärkere Gegner auch bessere Leistungen und dass Bayern sich gegen die Kleinen der Liga gerade diese Saison schwertut, sieht man nicht nur am 1:1 gegen Gladbach.

Achja, Gladbach. Jannik ist sicherlich der Meinung, dass ich ihm eine Entschuldigung, zumindest aber Anerkennung schulde. Na schön, das Tor von Reus war schon nicht schlecht. Ein Remis gegen den Rekordmeister ist grundsätzlich natürlich auch aller Ehren wert. Aber mal ehrlich: Das war doch jetzt diese Art von Schützenhilfe, die uns nicht wirklich weiterhilft, die mich aber zwingt, zähneknirschend anzuerkennen, dass es nicht an Gladbach lag, wenn die Bayern es doch schaffen. Ganz schön hinterhältig nenne ich das. [Anm. d. Red.: Durchschaut!]

So, Schalke, Bayern, Gladbach… Moment, da fehlt doch noch einer… achja, Leverkusen. Auch wenn die Werkself mit der Meisterschaft ja nun schon länger nichts mehr zu tun hat, richte ich doch noch eine letzte Bitte an Kerstin: Reißt euch am Riemen! Lasst bitte nicht zu, dass Lüdenscheid-Nord es in die Champions League schafft! Ihr würdet damit auch zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: Zum einen würdet ihr nächste Saison in der Königsklasse spielen und zum enderen hättet ihr das perfekte Geschenk zur königsblauen Meisterschaft gefunden.

Glückauf!

Von Kerstin B.

Vor ein paar Wochen hab’ ich mal gesagt, dass ich Zahlen nicht gut leiden kann. Daran hat sich nichts geändert. Klar, in der letzten Zeit haben sie durchaus versucht, sich bei mir einzuschleimen. Die Konstellation 4:2 oder auch die Zahlenkombination 3:0 verleitete mich zu Luftsprüngen. Nach solchen Siegen war ich immer wieder kurz davor, mit den bebrillten Eckenrechnern aus meiner Grundschulzeit Frieden zu schließen.

Aber leider hinderte mich dann doch immer wieder ein fieses 0:3 oder ein ernüchterndes 1:1 an diesem Vorhaben. Und auch wenn Kießling gegen Hannover am Wochenende mal wieder für positive Zahlen gesorgt hat, dominieren in meinem Kopf momentan ganz andere Ziffern: der mächtige, unaufholsame Abstand von sieben Punkten auf die Teams ganz oben und die Zahlen 4 und 5, die immer wieder die 3 verdrängen.
Zumindest die Entlassung von Bruno Labbadia hat bei mir erst mal ein Gefühl der Genugtuung ausgelöst: „Ha, es lag also in der letzten Saison gar nicht an der Mannschaft. Wegen Labbadia hat das in der Rückrunde und im Pokalfinale nicht so richtig geklappt!“

Aber als mir dann Jannik vor Augen geführt hat, dass Leverkusen in der aktuellen Rückserie nur fünf Punkte mehr als Gladbach geholt hat und damit in der Rückrundentabelle erschütternde 15 Punkte hinter Stuttgart auf dem sechsten Platz rangiert, habe ich dann doch ganz schnell den gehässigen Finger in Richtung Hamburg wieder demütig in meiner Hosentasche verschwinden lassen. Aber ich bin mir sicher, dass ich ihn spätestens am 8. Mai wieder herausholen und ihn in voller Inbrunst in Richtung Dortmund und Bremen zeigen kann.

Lisa, vielleicht kannst Du mir mit deinen Schalkern schon am kommenden Samstag etwas unter die Arme greifen. So eine kleine Demütigung der Schaaf-Truppe würde Dir möglicherweise sogar ein Mensa-Essen bescheren. Und dass, obwohl ich dank teils sehr blauäugiger Wetten in dieser Saison schon genug Mensa-Menüs, Bierkästen und Geld verloren habe und vielleicht noch verlieren werde. Aber verstehe mich jetzt bitte nicht falsch: Dass ihr gegen Bremen gewinnen sollt, heißt nicht, dass ich möchte, dass ihr am Ende auch ganz oben stehen sollt.

Ich als Außenstehende (mein Unwort der letzten Tage) will Dich jetzt aber auch nicht mit bösen Flüchen belegen. Es reicht doch einfach der Witz, den wir letztens zusammen im Radio gehört haben: „Was ist der Unterschied zwischen Schalke und einem Ei…?” [Anm. d. Red.: Kenn' ich nicht. War der etwa gut? Sonst hättest Du ihn ja sicher erzählt.]

Bayer vs. Schalke – Tagebuch des Titelkampfs oder:
Zweiter kann nur Schalke werden (Teil X)

21. April 2010 – 17 Tage bis zum letzten Spieltag

Kerstin hoffte auf sechs Punkte aus zwei Spielen, dann auf sechs aus einem und musste sich letztlich mit drei aus drei begnügen. Lisa lehnt sich weit aus dem Fenster und vergisst, dass ihr Verein auf dem Weg zum Titel noch gehörige Schützenhilfe benötigt – zum Beispiel aus Gladbach.

Von Kerstin B.

Samstag sollte mein 6-Punkte-Tag werden. Vorsicht, jetzt bitte keine vorschnellen Schlüsse. Vor drei Tagen war Stuttgart für mich natürlich noch längst kein Kontrahent um internationale Plätze. Der dritte Platz war doch immer noch in Stein gemeißelt und das komische neue Ausdruck “Europa League” klang irgendwie nach Hoffenheim oder Wolfsburg. Die sechs Punkte hatte ich mir auf zwei Partien aufgeteilt. Wuppertal sollte seinen Aufwärtstrend nach dem Sieg gegen Offenbach auch zu Hause gegen Ingolstadt fortsetzen und Leverkusen sollte dann ganz souverän die anderen drei Pünktchen aus dem Schwabenland nach Hause bringen.

Allerbestes Fußballwetter ließ jegliche Zweifel an dieser Milchmädchenrechnung im Keim ersticken und das Ingolstädter 1:0 hielt ich für einen verspäteten Aprilscherz. Dass dieser fröhliche Optimismus wohl die Folge der stechenden Sonne über dem Stadion war, habe ich dann spätestens nach dem zweiten Ingolstädter Tor gemerkt. Ein wenig schulternzuckend aber mit immer noch hoffnungsvollen trotzigen Worten habe ich dann die ersten 90 Minuten an diesem Tag hinter mich gebracht: „Pff, dann zählt Leverkusens Sieg halt so viel wie 6 Punkte!“

Erst schien ja auch alles wie am Schnürchen zu laufen. Kießlings Tor erreichte mich via SMS noch auf dem Weg aus dem Stadion. Doch Barnettas dämliche gelb-rote Karte und Cacaus Doppelpack befreiten mich ganz plötzlich und vollkommen erbarmungslos von allen Träumereien, die noch irgendwo herumschwirrten. Sind die Jungs jetzt doch zu unerfahren? Ist der Kader doch nicht breit genug? Ist es das übliche Versagen in den letzten Spielen? Alles was in der Hinrunde gelobt wurde, kann jetzt mal wieder überall und von jedermann in Frage gestellt werden. Dass dann auch noch Schalke letztlich so souverän den Sieg einfuhr machte meine Stimmung auch nicht besser. Einzig und allein der Blick nach Hamburg zum wieder mal herrlich strauchelnden Bruno Labbadia bedeutete etwas Genugtuung. Dank den Nordlichtern fällt Max Mustermann und Otto-Normalverbraucher und auch dem gemeinen Bürger beim Stichwort „Rückrundenabsturz“ wohl am ehesten der HSV ein.

Für den Sonntag gab es dann mehrere Varianten: vergraben und alles vergessen, Claudio Pizarro entführen und bis zum Saisonende auf einer einsamen Insel verstecken, oder doch Ablenkung suchen. Ich habe mich dann trotz der äußerst verführerischen zweiten Variante für die Ablenkung entschieden. Und auch wenn es als Wuppertalerin und als Leverkusen-Fan sehr verwerflich ist, bin ich mit anderen leidenden Fußballfans nach Düsseldorf gefahren und habe mir ganz entspannt das 2:0 der Fortuna gegen 1860 angeguckt. Und als ich dann später noch in einer Kneipe mit Alt, Sonne und einem Sieg im Rücken [Anm. d. Red.: Alt im Rücken?] Dortmunds Remis hautnah miterlebte, war ich doch glücklich. Zwar war auch dieser Tag keiner mit 6 Punkten, aber er hat mir doch wieder Hoffnung gegeben, dass ich mich nicht an diese komische Europa League gewöhnen muss.

Von Lisa S.

Bevor ich diesmal mit dem Schreiben meines kleinen Tagebucheintrags begann, musste ich mir über eines klar werden: Ist es moralisch vertretbar, den Unterlegenen in einem Duell die Niederlage hinterher noch richtig unter die Nase zu reiben? Ich habe darüber lange nachgedacht und bin, vor allem unter Berücksichtigung zahlreicher Schmähungen in der vergangenen Woche, zu dem Schluss gekommen, dass es das ist.

Also, lieber Jannik, liebe Bine59, ich muss Euch hiermit mitteilen, dass ihr nicht mehr ward, als ein Gegner wie jeder andere auf unserem Weg zum Meistertitel. Ihr habt ganz nett mitgehalten, für ein bisschen Spannung gesorgt, aber im Endeffekt hattet ihr doch keine Chance gegen die meisterlichen Königsblauen aus Gelsenkirchen. [Anm. d. Red.: Ja aber...]

Hart sowas zu hören, was? Vor allem, wenn man selber im Mittelmaß der Liga feststeckt und der einzige Grund zum Freuen in dieser Saison der relativ früh gesicherte Klassenerhalt war. Man spricht nicht über Gladbach in diesen Tagen. Der Verein geht unter in der Aufzählung der Teams, die dieses Jahr in keinen der spannenden Kämpfe verwickelt sind. [Anm. d. Red.: Es war lange nicht mehr so schön, unterzugehen.] Dabei gibt es doch gerade in dieser Spielzeit davon so viele: den um die Meisterschaft, den um die CL-Plätze, den um die EL-Plätze und natürlich den um den Abstieg.

Über Schalke hingegen spricht die ganze Fußballwelt. Unglaublich, was diese junge Mannschaft geleistet hat, heißt es. Gerätselt wird über die Zukunft von Kevin Kuranyi, sowohl was die Nationalmannschaft, als auch was die Bundesliga angeht. Hitzige Diskussionen löst die Torhüterfrage um Manuel Neuer und René Adler aus. Ausgewiesene und selbsternannte Experten streiten sich über die defensive Spielweise der Knappen, Scouts aus aller Welt streiten sich um die vielversprechenden Talente, die der Magier Magath nach Schalke holte und Bayern und die DFL streiten sich sogar über das königsblaue Geläuf.

Und mittendrin in diesem Trubel stehe ich und genieße einfach nur. Genieße die Aufmerksamkeit und Anerkennung, die meinem Verein endlich wieder zuteil wird. Genieße Traumtore, wie das von Ivan Rakitic am vergangenen Samstag. [Anm. d. Red.: Jens Lehmann sagt, diese neuen Bälle, die flattern aber auch wie Sau.] Und vor allem genieße ich das Kribbeln, das sich langsam breit macht. Denn nun wird es ernst. Noch drei Spieltage liegen vor uns und dann werden wir sehen, wer den längsten Atem hatte und die Meisterschale in den Himmel recken darf.

Dass ich an den großen S04 glaube, ist wohl deutlich geworden. Und alle, die mir jetzt wieder Überheblichkeit vorwerfen wollen, sollen das ruhig tun. Denn mir ist eure Kritik mittlerweile ziemlich egal. Ich weiß ja wir ihr euch fühlt, im Niemandsland der Liga, wenn man sich so sehr wünscht um die Spitzenplätze mitspielen zu können, dass man es sich nicht verkneifen kann wenigstens mitzureden. [Anm. d. Red.: Irgendjemand vergisst hier, dass die Bayern noch einmal verlieren müssen - am besten doch schon nächsten Samstag, oder? Vielleicht sollten wir uns das noch einmal überlegen.]

Also redet euch ruhig euren Frust von der Seele, ob ihr jetzt Gladbach- Leverkusen- oder Dortmund-Fans sein. Ich werde hier einfach sitzenbleiben und weiter genießen. [Anm. d. Red.: Frust? Kerstin? Meint Sie nicht nur Dich?]

Glückauf!

Bayer vs. Schalke – Tagebuch des Titelkampfs oder:
Zweiter kann nur einer werden (Teil IX)

15. April 2010 – 23 Tage bis zum letzten Spieltag

Lisa füllt das Phrasenschwein, so dass sie beinahe Pleite geht. Eine Bankrotterklärung der Schalker Titelträume soll ihr Post jedoch nicht sein. Kerstin hadert mit allem und jedem – den Bayern, den vergebenen Chancen, dem Schiedsrichter -, blickt jedoch optimistisch… nach unten.

Von Lisa S.

Man kennt das ja. Wenn die Oma zum Kuchenessen am Sonntagnachmittag zu Besuch ist, hört man, öfter als einem lieb ist, den Satz „Früher war alles besser“. Man nickt still und denken sich sie wird es schon wissen, sie war im Gegensatz zu uns früher schließlich auch schon da.

Aber auch wenn ich noch nicht zu alt bin, weiß ich eine Sache, die früher definitiv besser war: Die Anforderungen an einen Torhüter nämlich. Der sollte schlicht und einfach seinen Kasten sauber halten, auf der Linie gut sein, sowie in der Strafraumbeherrschung.

Und was ist heute? Heute ist der Typ des modernen Torhüters gefragt. Einer der mitspielt. Wunderbar. Und dann wundern sich alle, wenn so etwas passiert, wie mit Manuel Neuer am vergangenen Samstag. Er wollte doch nur den Maßstäben von Jogi Löw gerecht werden, wollte mitspielen. Verteidigen muss eben die ganze Mannschaft und nicht nur die Verteidiger.
Auch René Adler hatte das gegen Hamburg versucht, auch bei ihm war es nicht gut ausgegangen. Er hatte nur das Glück, dass damals zehn andere Spieler Normalform hatten und die Sache wieder ausbügelten.

Mal abgesehen von fragwürdigen Torhüterausflügen ist mir beim Spiel des großen S04 gegen Hannover 96 etwas passiert, was schon lange nicht mehr vorgekommen ist. Ich hatte schon nach 45 Minuten die Schnauze voll. Und das will schon was heißen, denn ich habe bei einem Spiel meiner Knappen noch nie vorzeitig den Fernseher ausgemacht. Weder bei zahlreichen unrühmlichen Auftritten im UEFA-Cup, noch bei grottenschlechten Pokalpartien gegen irgendwelche Drittligisten. So was mache ich nicht.

Aber nach dieser ersten Halbzeit war es genug. Ich sehnte mich zurück nach diesem schönen Abend in Leverkusen, nach der Elf die damals auf dem Platz stand und eine Leistung sondergleichen ablieferte. Denn diese Mannschaft war anscheinend gegen den HSV verhindert. Ich weigere mich einfach, zu glauben, dass das wirklich Heiko Westermann da in der Innenverteidigung war, oder Jefferson Farfán im Angriff, oder Ivan Rakitic als Spielmacher.

Kurz dachte ich über die altbewährte Methode nach, einige dieser Arbeitsverweigerer zu entführen und in einen dunklen Keller irgendwo in Gelsenkirchen zu sperren. Dann fiel mir aber ein, dass Felix Magath sich wahrscheinlich etwas Fieseres ausdenken würde. Gut so.

Was bleibt also nach so einer deprimierenden Niederlage? Der tröstende Gedanke, dass weder Bayern noch Leverkusen noch Dortmund wesentlich gepunktet haben? Oder ganz einfach die Tatsache, dass es nächste Woche auf keinen Fall schlechter laufen kann.

Also, Mund abwischen und weitermachen. Nach dem Spiel ist schließlich vor dem Spiel und gegen Gladbach gibt es dann einen Kantersieg. Nur jetzt aus einer Mücke keinen Elefanten machen. Und bevor ich mich hier in die Schuldenfalle phrase, sei noch eins gesagt: Eigentlich ist ja nichts passiert. Zwei Punkte Rückstand ist geradezu lächerlich, wenn man bedenkt, dass die Roma in Italien zum Beispiel 15 aufgeholt hat. Und wichtig ist schließlich nur, wer nach 34. Spieltagen oben steht. Wir lauern einfach weiter…

Glückauf!

Von Kerstin B.

Woran erkennt man ganz flott, dass man sich auf dem Weg zu einem Spiel gegen Bayern München befindet? Richtig. Es steigen einfach an jeder Haltestelle des Zugs Fans der gegnerischen Mannschaft ein und keiner von ihnen weiß, wie man eine Weißwurst schlürft oder ein „r“ ordentlich bayerisch rollt. Zudem sucht man erfolglos den Sonderzug aus München. Denn später entpuppt sich der Möchtegern-Süddeutsche am Bierstand als Metzger von der Bahnhofstraße um die Ecke, ehemaliger Religionslehrer aus dem Nachbarort und im schlimmsten Fall steht man auch noch in verwandtschaftlicher Beziehung zu ihm.

Es ist, als ob sie alle aus ihren Löchern kriechen. Mit jeder Person, die zwar Schweinsteiger auf dem Rücken trägt, aber zu einem Brötchen keinesfalls “Semmel” sagt, melden sich in mir langsam aber sicher die Aggressionen. Das unbedingte Verlangen nach einem Sieg steigt ins Unermessliche. Beim Spiel selbst fordert dann selbst der geruhsamste Opi lauthals einen roten Karton nach dem Anderen. Das Schwarz-Weiß-Zeichnen ist bei Duellen mit dem Serienmeister auf seinem Saison-Höhepunkt. Auch beim Rückblick auf den letzten Samstag könnte ich immer wieder unterschreiben, dass der Schiri viel zu mild war im Umgang mit den Tretern um Sympathisant Louis van Gaal. Da hilft es auch nicht, wenn mir jemand ruhig zu erklären versucht, dass alles rechtens war und man aufgrund des nicht gegebenen Elfers in den Schlussminuten eher von einem milden Mann an der Pfeife sprechen könne.

Nö, dass will weder der Opi mit seinem Schnupftabak noch ich hören. Lieber hadert man mit dem unverschämten bayerischen Glück, das mal wieder zugeschlagen hat, oder sucht halt seinen Trost in der Leistung des Schiedsrichters. Zwischen diesen hilfreichen Abwehrmethoden schleichen sich dann aber doch immer wieder andere Bilder: Ein Barnetta zum Beispiel, der treffsicher den Pfosten anvisiert; ein Kroos, der kurz vorm Tor, den Ball nicht richtig unter Kontrolle bekommt; oder auch ein Derdiyok, der einen artistischen Fallrückzieher ins Leere setzt.

Man wagt ja doch nicht drüber nachzudenken, was gewesen wäre, wenn einer der Schweizer oder der junge Kroos getroffen hätte. Ohne phantastische Träumereien und aberwitzige Milchmädchenrechnungen hätte sich Leverkusen wieder voll im Meisterschaftskampf befunden. Und sei ehrlich Lisa, auch dich hätte das gefreut. So schwelge ich dann eher weiter in eben diesen Träumen und freue mich beim Blick nach unten, dass Dortmund mal wieder Punkte gelassen hat.

Bayer vs. Schalke – Tagebuch des Titelkampfs oder:
Zweiter kann nur einer werden (Teil VIII)

07. April 2010 – 31 Tage bis zum letzten Spieltag

Kerstin weigert sich nach der vierten Pleite in fünf Spielen, jetzt schon die weiße Fahne zu schwenken. Lisa weigert sich, das 1:2 von Königsblau gegen die Bayern haargenau zu rekapitulieren. Stattdessen widmet sie sich lieber vergangenen Erfolgen ihrer Mannschaft gegen den Rekordmeister. Verdrängungskünstler eben.

Von Kerstin B.

Wieso fallen bei Sky-Konferenzen die Tore eigentlich nie in dem Spiel, das gerade gezeigt wird? Es ist einfach unerträglich, in einer vollgepröfften Kneipe vor einer Leinwand zu sitzen und nur anhand des Schreis des Kommentators zu erahnen welche Mannschaft da gerade ein Tor geschossen hat.

Fünfmal musste ich am letzten Samstagnachmittag dieses Szenario durchleben. Fünfmal schrie der Kommentator „Tor in Frankfurt“ und fünfmal habe ich wild hin und her geguckt und zwischen den Menschenmassen denjenigen gesucht, der mit einem freundlichen, wissenden Nicken mir mitteilt, dass Kießling oder Derdiyok erfolgreich war. Leider gab es diesen herbeigesehnten Zauberer nicht und so musste ich mit meinem breit grinsenden Kumpel im neon-gelben Trikot Vorlieb nehmen. Schon beim ersten Frankfurter Tor (was macht ein Stürmer im eigenen Strafraum?) glänzten die Augen meines Gegenübers. Als dann auch noch sein Team die drei Punkte gegen Bremen über die Runden gebracht hatte und Adler vom Frankfurter Fallrückzieher geschockt wurde, blinkten Barcelona, Manchester und Madrid in Leuchtbuchstaben auf seiner Stirn.

Vielleicht war es auch diese wachsende Antipathie gegen die Jungs um Jürgen Klopp, die mich während der 90 Minuten immer mehr zum Schalker machten. Ja, da hörst Du richtig, Lisa. Ich möchte jetzt natürlich nicht alle bösen Worte der letzten Woche zurücknehmen. Schließlich wollte ich wirklich Eure Niederlage. Mit sechs Punkten aus den Partien gegen Frankfurt und München und Rurer Niederlage wären wir nun mal wieder voll im Geschäft gewesen. Aber als ich mich dann in der Kneipe so umguckte und auf der einen Seite die Bayern-Sympathisanten sah, die die Nase erheblich höher trugen, ein Polohemd anhatten und wahlweise Cola-light oder Johannesbeerschorle tranken, wurde mir klar, dass ich mich nicht mit ihnen freuen konnte. Also ärgerte ich mich lieber mit den Bier trinkenden, Schal schwenkenden Schalkern über den Sieg der Bayern. Vielleicht wollte ich mich auch einfach nicht freuen an diesem Tag.

So ganz will ich jetzt aber auch nicht die weiße Fahne herausholen. Denn gegen Bayern werden wir am Samstag nicht für Dich und Deine Schalker gewinnen, sondern für die allerletzten Meisterschaftsträume, die neben der neu entfachten Angst um den dritten Platz noch irgendwo in den Köpfen herumirren. Diese neue Angst um die Champions-League war wohl auf ihrem Höhepunkt, als mein neon-gelber Kumpel nach dem Spiel seinen Schal aus dem Autofenster hing und albern hupte. Vergebens habe ich versucht gegen das Gehupe anzuschreien und ihm zu erklären, dass meine Hoffnung auf einen der ersten drei Plätze seit dem Untergang am Main auch wieder einen Namen hat: Stefan Kießling. Wenn es dann trotz des imposanten Rückkehrers am nächsten Spieltag nicht klappen sollte, können wir uns ja immer noch auf den Kampf um die Torjägerkanone konzentrieren, oder Lisa? Die zwei großartigen K’s kriegt da oben ja wohl keiner mehr weg [Anm. d. Red.: An Kießling und Kuranyi kommt keiner vorbei - außer Edin Dzeko]. Und wenn Herr Löw das nicht bald einsieht, dann sollten die zwei wohl einen Salto nach jedem Torerfolg einüben.

Von Lisa S.

Lange ließ es sich vermeiden, heute aber ist es soweit: Ich feiere eine traurige Premiere. Seit Einführung unseres kleinen Tagebuchs muss ich nämlich zum ersten Mal von einer Niederlage berichten. Zu allem Überfluss ist es nicht nur eine ärgerliche und vermeidbare Niederlage, es ist vor allem eine gegen die Mannschaft, gegen die Niederlagen doppelt wehtun und doppelt wütend machen.

Ja richtig, ich rede natürlich vom FC Bayern München, vom Stern des Südens, vom deutschen Rekordmeister und -pokalsieger und dem wahrscheinlich unsympathischsten Club der Geschichte. Was eine Niederlage gegen diesen Verein bedeutet, lässt sich vielleicht am Besten erklären, wenn man einige Gegenbeispiele hört, wenn man also weiß, was für die Fans ein Erfolg gegen die selbsternannte beste deutsche Mannschaft bedeutet. Hier kommen also meine Top Drei der schönsten königsblauen Siege gegen den FCB.

Platz 3: Es begab sich zu der Zeit, als Schalke noch einen Spielmacher hatte. Dieser hieß Cássio de Souza Soares oder kurz einfach nur Lincoln. Eine brasilianische Diva zugegeben, aber eine, die, was Technik und Spielübersicht anging, unglaubliche Fähigkeiten hatte. Am 13. März 2005 zeigte Lincoln also wieder einmal, was er kann, und zirkelte einen Freistoß aus 20 Metern ins linke obere Eck. Oliver Kahn flog wie einst die Bananen durch seinen Strafraum, aber auch der selbsternannte beste Torhüter Deutschlands konnte diesen wunderbaren Schuss nicht erreichen. Es war das goldene Tor der Partie und Schalke war Tabellenführer. Jaja, Herr Sorgatz, schon klar, nicht für lange. Keine Anmerkung der Redaktion nötig.

Platz 2: Ein 2:2 passt zwar nicht in die Kategorie „schönste Siege“, aber ich tue an dieser Stelle einfach einmal so, als wäre die fragliche Partie nach 45 Minuten abgepfiffen worden und Schalke wäre mit 2:1 als Sieger vom Platz gegangen. Denn was ich zu erzählen habe, ist so schön, dass es nicht verschwiegen werden darf. Es war der 10. Spieltag der Saison 2006/07 (übrigens die erste Partie von Anfang an für den zurzeit besten deutschen Torhüter) und die Fans waren sauer. Sauer über die Leistungen der Knappen in den vergangenen Wochen, über zu wenig Kampfgeist und zu viel Gerede. 19 Minuten und 04 Sekunden schwieg deshalb das ganze Stadion, bis auf einen sehr kurzen Jubel bei der Schalker Führung. Als die Anzeigetafel also 19 Minuten und 04 Sekunden anzeigte, brandete der Jubel mit der Lautstärke eines startenden Düsenjets auf. Und bei 19 Minuten und 07 Sekunden hämmerte Levan Kobiashvili den Ball ins linke obere Eck des Bayerntors. Gänsehaut, meine Freunde, ist kein Ausdruck.

Platz 1: Der 19. Mai 2001 war genau 252 Tage her, als der Tag der Rache kam. Bayern war das allererste Mal zu Gast in der Arena AufSchalke und natürlich waren vor der Partie aus München wieder große Töne zu hören gewesen. Was dann geschah hielt die Westdeutsche Allgemeine Zeitung mit der Überschrift „Lehrstück für den Fußball-Kindergarten“ fest. Ein rauschendes Fußballfest, eine 5:1-Klatsche für die Bayern, eine Demonstration der Überlegenheit, die uns knapp acht Monate zuvor fast zum Meister gemacht hätte. Ein überragender Emile Mpenza, Jörg Böhme und Andi Möller mit allen Freiheiten im Mittelfeld und eine stabile Defensive um die beiden Torschützen Marco van Hoogdalem und Niels Oude Kamphuis, die sich immer wieder mit nach vorne einschaltete, nahmen die Münchener nach allen Regeln der Kunst auseinander. Manchmal habe ich das Gefühl, ich kann die Gesänge noch hören: „Und ihr wollt deutscher Meister sein?!“ Genugtuung. Nicht so viel, wie wir verdient hatten, aber ein Anfang.

So einen Sieg werde ich diese Saison leider nicht mehr erleben. Allerdings wird mir das am 34. Spieltag, wenn die Knappen diesen Meisterschaftszweikampf für sich entschieden haben, auch herzlich egal sein. Woher ich den Optimismus schon wieder nehme? Nach den Pleiten gegen Frankfurt und Stuttgart und den Unentschieden gegen Nürnberg und Köln bin ich mir sehr sicher, dass Bayern jetzt keinen Durchmarsch starten wird. Und in der Verfolgerrolle fühlen wir Schalker uns ja eh viel wohler. Also, liebe Fans des großen S04, gebt die Hoffnung nicht auf! Wir holen uns die Schale noch!

Anhänger von Bayer 04 Vize… äh, Leverkusen wird das Wort „Meisterschaftszweikampf“ eben wahrscheinlich sauer aufgestoßen sein. Aber keine Sorge, liebe Kerstin. Dir sei gesagt: Bayer wird seine Rolle im Meisterschaftskampf schon noch spielen – als eventueller Stolperstein für die Münchener nächsten Samstag. Da drücke ich dann auch ausnahmsweise mal die Daumen.

Und ich habe auch gar nichts dagegen, wenn du hier weiter deine Texte schreibst. Ist sicherlich ganz interessant zu hören, wie ein Unbeteiligter das Meisterschaftsrennen so erlebt.

Glückauf!