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Die Wohnzimmer-Weltmeister

Über Fußballer, die im Stadion ihres Vereins den WM-Titel holten.

Manchmal reicht einziger Satz, eine kurze Notiz, um Anreize für einen neuen Post zu bekommen. Es war Sonntagabend, Kanada eiferte im Eishockey-Endspiel der “Mission Gold” nach. Und im Tor der Ahornblätter stand Roberto Luongo – Keeper der Vancouver Canucks, für den der Canada Hockey Place alias General Motors Place so etwas wie das eigene Wohnzimmer ist. Die Mission wurde erfolgreich zu Ende gebracht und Luongo durfte bei der Siegerehrung natürlich in einer Extraportion Beifall baden.

Was muss das für ein Gefühl sein? Den größten Erfolg des eigenen Sportlerlebens in der eigenen Halle erringen. Dort, wo man die intimsten Winkel kennt – die Massagebank, das Ermüdungsbecken, das stille Örtchen in der Kabine. Man hat schon so oft unter diesem Dach gespielt, kennt die Atmosphäre, das Blinken der Anzeigetafel, den Sound aus den üppigen Boxen.

Dieser schweifende Blick, das Heimatgefühl und der Extra-Applaus war bislang nicht vielen Fußballern bei Weltmeisterschaften gegönnt. Die Liste umfasst 18 Spieler aus drei Ländern, darunter befinden sich nur zwei Legionäre: Rudi Völler und Thomas Berthold, die 1990 bei AS Rom unter Vertrag standen, als Franz Beckenbauer gedankenverloren durch die römische Nacht schlenderte.

Immerhin sechs Mannschaften holten bislang den Titel im eigenen Land. Den Uruguayern von CA Penarol und Nacional Montevideo wird ihr eigenes Stadion 1930 noch ziemlich fremd gewesen sein – schließlich wurde es erst im Laufe des Turniers fertig gestellt. Ein Eintrag in der Liste hätte demnach keinen Sinn. Vier Jahre später nahmen drei Italiener von AS Rom im Stadio Nazionale del PNF den Coupe Jules Rimet entgegen. Lazio-Spieler liefen im Endspiel gegen die Tschechoslowakei nicht auf, einer war im Kader.

1966 gab es ebenfalls keinen Zuwachs – schließlich war Wembley die Heimat der “Three Lions”, Vereinsmannschaften gaben sich nur in Pokalendspielen die Ehre. Anders sah es dann 1974 in Deutschland aus. Gleich sechs Bayern-Spieler standen im Finale auf dem Platz, Jupp Kapellmann kam nicht zum Einsatz. Wobei fraglich ist, wie warm der (damals ja noch nicht) Rekordmeister nach zwei Jahren mit seiner neuen Betonschüssel war. O-Ton Franz Beckenbauer in späteren Jahren: “Es wird sich doch ein Terrorist finden, der das Olympiastadion wegsprengt”.

Vier Jahre nach dem zweiten deutschen WM-Triumph bestand der Kern der argentinischen Sieger-Manschaft aus Spielern von River Plate. Austragungsort des Finales war deren Estadio Antonio Vespucio Liberti. Der letzte Heim-Weltmeister, Frankreich, hatte 1998 nur sieben Spieler aus dem französischen Oberhaus im Kader. Keiner spielte in Paris. Sowieso egal: Schließlich wird das Stade de France eher durch Länderspiele und Leichtathletik “ausgelastet”.

Zuwachs wird die Liste also frühestens 2014 erhalten. Und diese tollkühne Prognose ist beileibe nicht auf die vergleichsweise laue März-Sonne zurückzuführen.

1934 in Rom – Stadio Nazionale del PNF – AS Rom, Lazio Rom
Attilio Ferraris, Enrique Guaita, Guido Masetti (alle AS Rom), Anfilogino Guarisi (Lazio Rom)

1974 in München – Olympiastadion – Bayern München, 1860 München
Sepp Maier, Paul Breitner, „Katsche“ Schwarzenbeck, Franz Beckenbauer, Gerd Müller, Uli Hoeneß, Jupp Kapellmann (alle Bayern München)

1978 in Buenos Aires – Estadio Antonio Vespucio Liberti – River Plate
Norberto Alonso, Ubaldo Fillol, Daniel Passarella, Leopoldo Luque, Oscar Alberto Ortiz (alle River Plate)

1990 in Rom – Stadio Olimpico – AS Rom, Lazio Rom
Thomas Berthold, Rudi Völler (beide AS Rom)

Je ein halber Titel für Bremen und den HSV

Der UEFA-Pokal : Cup der Verlierer? Zweite Liga der Champions League? Donezk und Bremen haben Mittwochabend eine relativ eindeutige Antwort gegeben.

Vor allen Dingen war zu sehen, dass im Finale die zwei besten Mannschaftes eines Wettbewerbs aufeinander treffen können, aber noch lange nicht müssen. Wer weiß, vielleicht wäre Milan beispielsweise bis ins Endspiel durchmarschiert, wenn Pizarro nicht kurz vor Schluss noch getroffen hätte. Der Konjunktiv - Türöffner für alle möglichen Szenarien.

Bremen wirkte über weite Strecken nervös, konnte die Ausfälle von Diego, Mertesacker und Hugo Almeida nicht annähernd kompensieren und ließ den letzten Willen vermissen, aus dieser großen Chance auch etwas Großes zu machen, die berüchtigte Diese-Nacht-wird-die-geilste-unserer-Karriere-Mentalität. Werder bekam in der 35. Minute ein Tor geschenkt, das man vielleicht nie geschossen hätte, egal wann. Doch das Präsent schien nicht wirklich gelegen zu kommen, konnte für keine Befreiung sorgen.

Da die UEFA nicht das Prinzip anwendet, bei dem eine Entscheidung in der Verlängerung offiziell als Unentschieden gewertet wird, kann Bremen also nicht einmal den alleinigen Titelgewinn in der ultimativen Bundesliga-Fünfjahreswertung bejubeln. Geteilt wird – natürlich – mit dem HSV. Ein zusätzliches Entscheidungskriterium, um einen eindeutigen Sieger zu bestimmen, macht nicht wirklich Sinn und würde wohl den HSV vorne sehen, der mit neun Siegen und zwei Unentschieden 20 Punkte errungen hat (im Gegensatz zu Bremen, das seine Spitzenposition unter anderem drei Bonuspunkten für die Teilnahme an der Königsklasse zu verdanken hat). Letztendlich verließ Werder den Platz nur in vier von 15 Partien als Sieger – nicht gerade des Prädikats „titelreif” würdig.

Aus deutscher Sicht ist der Europacup also seit Mittwochabend beendet. Mit 12,687 Punkten wird die Bundesliga die Saisonwertung hinter England, Spanien und Sieger Ukraine auf Rang vier beenden. Italiens vierter Startplatz in der Champions League ist schon für 2011/12 in Reichweite, falls in der kommenden Saison rund 2,7 Punkte aufgeholt werden. Falls sich die Bundesliga bis 2012 gedulden kann, würde es sogar genügen, in der Addition der nächsten zwei Spielzeiten höchstens zwei Zähler hinter der Serie A zu liegen – bei der anhaltenden Krise der italienischen Mannschaft alles andere als Utopie.

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Pantomimenschule mit Pepe
Heute: Kurzschlussreaktion

Ein Schubser, zwei Tritte und zu guter Letzt ein handlicher Ausflug ins Gesicht des Gegners, den die Kameras vor lauter Schaum vorm Mund bei Real Madrids Pepe hier gar nicht eingefangen haben.

Genügt auch so, um festzuhalten: Wer jüngst bei Andrey Voronin eine Rote Karte gesehen hat, wie sie glasklarer nicht hätte sein können, der muss nun wohl kreativ werden und zu einer Wortneuschöpfung greifen.

Fragt sich nur, was klarer ist als glasklar? Sowas schafft höchstens ein 34 in 1-Tab. Dass Pepe es sich bei 0:25 verkneift, seinem Opfer Casquero auch noch den Ball an den Rücken zu schießen, wird mit Sicherheit beim Strafmaß wohlwollend berücksichtigt werden. Eine Minderung von einem Spiel steht im Raum – zehn statt elf.

Manche Leute haben ihren Hormonhaushalt echt nicht im Griff. Da lobt man sich doch unsere Konfirmanden-Verteidiger um Mertesacker, Friedrich und Metzelder.
 

Dreimal X-Taste, Schuss, Tor

Barcelona trumpfte auf wie an der Spielkonsole und lieferte eine formvollendete Inkarnation der Leichtigkeit ab. Zu Füßen der Katalanen lag 90 Minuten lang ein demontierter Respektverein, dessen Authorität mit jeder Unzulänglichkeit weiterbröckelte.

Der Reporter kam gar nicht mehr heraus aus dem Präteritum: „Er hatte wenige Chancen, etwas zu verändern”, „er konnte letztendlich wenig bewirken”. Und dann sogar ein wenig Perfekt – wo die Gegenwart vollendet ist, gibt es bekanntlich selten eine Zukunft.

Um kurz vor halb eins auf WDR 2 – ich hatte mitten in den Bericht über Jürgen Klinsmann hinein geschaltet – hatte es zunächst ganz den Anschein, als sei eine sofortige Trennung bereits beschlossenen Sache. Doch die Ehe auf Zeit rennt zwar unaufhaltbar auf ihre Scheidung zu, hat aber vorerst Bestand. Klinsmann und der FC Bayern haben ihre Hand schon an der Klinke des Standesamtes – und diesmal wird kein Reis fliegen, es wird keinen Brautstrauß und auch keinen Sektempfang geben. Wohl spätestens nach Saisonende wird der „Klub der Ex-Trainer” um Rehhagel, Trappatoni, Magath und Hitzfeld einen Neuzugang begrüßen. So dürfte die Zukunft aussehen.

„Offenbarung” nennen es die einen, „Waterloo” die anderen. Doch gegen das, was sich gestern vor allem vor der Pause abspielte, kann Napoleons epische Niederlage in Belgien noch als Achtungserfolg bezeichnet werden. Man hatte das Gefühl, Messi, Eto’o und Henry würden mit jedem ihrer Geistesblitze einen dicken Stein vom Fels der Bayern-Aura abbröckeln lassen. Der Respekt floss mit jeder gelungenen Aktion des Gegners und jedem stümperhaft geführten Zweikampf von Lell, Breno und Co. dahin wie ein „After Eight” bei 30°C in der Hosentasche.

1995 war ich zum ersten Mal im Stadion, vor nunmehr fast 14 Jahren habe ich mein erstes Fußballspiel im Fernsehen geguckt, an das ich mich heute noch erinnern kann. Nimmt man alle Wettbewerbe zusammen, an denen der FC Bayern in dieser Zeit teilgenommen hat, kommt man auf insgesamt 51 Auftritte – Bundesliga (13x), DFB-Pokal (13x), Ligapokal (11x), Champions League (10x), UEFA-Cup (3x), Weltpokal (1x). In dieser Epoche stehen acht Meisterschaften, sechs DFB-Pokal- und sechs Ligapokal-Siege, je ein Erfolg in der Champions League, im UEFA-Cup und im Weltpokal zu Buche. Bedeutet für mein Fußball-Leben: Wenn der Sieger eines Wettbewerbes geehrt wurde, in dessen Starterfeld der FC Bayern München vertreten war, war es in 23 von 51 Fällen eben jener FCB, der den Pokal entgegennahm. Macht 45 Prozent.

Über die Jahre häuft sich dadurch einiges an Respekt an – in erster Linie traumatischer Natur, Hochachtung ist wenig dabei. Gestern in Nou Camp konnte man 90 Minuten lang den Eindruck gewinnen, ein alter Gegner liege altersschwach, demontiert und entwürdigt am Boden. Es war so schlimm, dass neben all der Schadenfreude sogar ein Anflug von Mitleid dabei war. Wenn sogar Udo Lattek weint, muss es ja wirklich hart sein.

Barça dagegen vermittelte eine Leichtigkeit, wie man sie sonst nur von der PlayStation kennt. Dreimal X-Taste, Schuss, Tor – so ging das insgesamt viermal. Sogar das Raunen der Zuschauer im Hintergrund wirkte animiert, wie von der Konsole. Am Ende spielten sie sogar Fußballtennis im Strafraum des Gegners, mit Jörg Butt als Netz.

Kalle Rummenigge fand nach dem Spiel nicht einmal mehr die Muße, eine bessere bzw. weniger apokalyptische zweite Hälfte hervorzuheben. Vielleicht wollte er sich auch einfach nur nicht ausmalen, wie das Ergebnis hätte lauten können, wenn Barcelona den Controller bis zum Ende entschlossen in der Hand behalten und nicht nach der Pause allmählich beiseite gelegt hätte. Bis zur Zweistelligkeit – und noch viel weiter.

Wenn jetzt Ende 2009 wär’ …

… würden folgende Länder sicher nach Südafrika fahren oder zumindest eine zweite Chance in der Relegation erhalten:

Europa (13):

Dänemark (2002)*
Griechenland (1994)
Nordirland (1986)
Deutschland (2006)
Spanien (2006)
England (2006)
Serbien (2006)
Italien (2006)
Niederlande (2006)

Relegation Europa:
Ungarn (1986)
Schweiz (2006)
Slowakei (–)
Russland (2002)
Bosnien-Herzegowina (–)
Kroatien (2006)
Litauen (–)
Irland (2002)
Island (–)

Afrika (6):

Südafrika (2002)
Gabun (–)
Ägypten (1990)
Tunesien (2006)
Ghana (2006)
Elfenbeinküste (2006)

Asien (4,5):

Australien (2006)
Japan (2006)
Südkorea (2006)
Nordkorea (1966)

Ozeanien (0,5):

Neuseeland (1982) oder Neukaledonien (–)

Relegation Asien-Ozeanien:
Bahrain (–)/Saudi-Arabien (2006) vs. Neuseeland/Neukaledonien

Südamerika (4,5):

Paraguay (2006)
Argentinien (2006)
Chile (1998)
Brasilien (2006)

Nord- und Mittelamerika (3,5):

USA (2006)
Costa Rica (2006)
Mexico (2006)

Relegation Nord- und Mittelamerika/Südamerika:
El Salvador (1982) – Uruguay (2002)

* letzte Teilnahme an einer WM

Von den 26 Mannschaften, die derzeit einen direkten Quali-Platz belegen, waren 19 bei der WM 2006 am Start. Von diesen 19 wiederum würden gleich 10 zum dritten Mal in Folge zur WM fahren.

Nur Gabun wäre als Debütantmit von der Partie, 2006 gab es noch gleich sieben auf einen Streich. Nordkorea könnte erst zum erst zweiten Mal nach 1966 dabei sei. Mehr Überraschungspotential steckt in den Relegationsspielen. Mit Litauen, Island, der Slowakei und Bosnien-Herzegowina stehen derzeit gleich vier Neulinge in Spe auf dem zweiten Platz ihrer Europa-Gruppe. Nordirland, Ungarn, Ägypten, Neuseeland und El Salvador träumen derweil vom ersten WM-Ticket seit mindestens zwanzig Jahren. Apropos El Salvador: Die Lateinamerikaner könnten in Südafrika den letzten Platz der Ewigen WM-Tabelle loswerden. Ein Punktgewinn würde einen Sprung um zwölf Plätze bedeuten – auf Rang 63.

In Europa stehen noch mindestens fünf Spieltage auf dem Programm – den heutigen eingeschlossen -, in Afrika gehen ebenfalls noch fünf über die Bühne. Bis die Entscheidung in Südamerika fällt, sind noch sieben Spiele zu absolvieren, in Asien noch mindestens zwei und in Nord- und Mittelamerika deren acht. Obwohl sich so einige Blätter noch wenden können und auch werden, dürfen einige Mannschaften so gut wie sicher für Südafrika planen. Andere wie Frankreich, Portugal und Schweden müssen derweil noch bangen. Und vielleicht bangt manch einer der Arrivierten ja sogar vergeblich. Ohne XY fahr’n wir zur WM.

Zwei-Klassen-Gesellschaft

Zwei Sachen hat uns diese Europacup-Saison aus deutscher Sicht bislang gelehrt: Bremen spielt dauernd unentschieden und kämpft sich dennoch von Runde zu Runde, der HSV gewinnt jedes Spiel auf fremdem Platz. Demnach liegt nicht nur eine erfolgreiche, sondern auch beispielhafte Woche hinter uns.

Der Norden sitzt dem Süden in der internen Bundesliga-Fünfjahreswertung im Nacken. Der Blick auf die aktualisierte Tabelle zeigt, dass der HSV nur noch zwei, Bremen nur noch drei Zähler hinter den Bayern liegt. Scheitert der Rekordmeister also am FC Barcelona, könnten sich gleich zwei Titelträume in Luft auflösen, falls die beiden Nordlichter im UEFA-Cup weiter bestehen.

Hamburg empfängt zuerst Manchester City. Die “Citizens” könnten zwar mit ein paar “Wenn-wir-wollen-kaufen-wir-euch-auf”-Plakaten in der HSH Nordbank-Arena auftauchen. Die sportliche Strahlkraft wird jedoch von den finanziellen Mitteln des aktuellen Tabellenzehnten der Premier League in den Schatten gestellt. Das Halbfinale ist für den HSV ein realistisches Ziel. Auf dem Weg nach Hamburg erlebte ManCity zuletzt dänische Wochen: Erst hieß der Gegner Kopenhagen. Gestern war der Einzug ins Viertelfinale erst nach einem Erfolg im Elfmeterschießen gegen Aalborg perfekt. Kopenhagen, Aalborg – da vervollständigt Hamburg die Reihe weitaus besser als Donezk oder Marseille es getan hätten.

Schafft auch Bremen den Sprung in die Vorschlussrunde, kommt es definitiv zum Bundesliga-Duell/Nordderby in der Vorschlussrunde. Mit Udinese Calcio hat Werder zwar ein unliebsames, aber machbares Los gezogen. Udine rangiert in der Serie A auf Platz 11 – das ringt Bremen, seines Zeichens Zehnter, natürlich nur ein müdes Lächeln ab. Die letzten Italiener auf europäischem Parkett wären in Runde eins beinahe an Borussia Dortmund, Schlusslicht der Bundesliga-Fünfjahreswertung, gescheitert. Nach dem Weiterkommen im Elfmeterschießen zogen in der Gruppenphase unter anderem die Tottenham Hotspurs und Spartak Moskau den Kürzeren. Nach Posen und St. Petersburg ist Bremen nun Udines nächster Gegner in der K.o.-Runde.

Überhaupt wirkt der UEFA-Cup wie eine Deutsch-Französisch-Ukrainische Meisterschaft, bei der je ein englischer und ein italienischer Verein aus reiner Kulanz mitmischen darf. Wer in den letzten Wochen also mitbekommen hat, wie Premier League und Primera División als Nonplusultra des europäischen Fußball angepriesen wurden, fragt sich nicht zu Unrecht, warum die beiden dann nicht auch den UEFA-Cup dominieren.

Die Antwort liegt auf der Hand: Engländer und Spanier tummeln sich lieber in gehobeneren Gefilden, in der Champions League zum Beispiel. Verhältnisse wie man sie sonst nur aus Mallorca kennt. Engländer: In den Sternehotels der Insel – betrunken, aber gut dafür bezahlt. Spanier: Gar nicht mehr da. Deutsche: Bevölkern die preiswerten Neckermann-/TUI-/Alltours-Prachtbunker – und feiern die 24/7-Happy-Hour.

Hier die Zimmeraufteilung für Champions League und UEFA-Cup:

Business Class:
FC Barcelona – Bayern München
FC Liverpool – Chelsea London
Manchester United – FC Porto
FC Villareal – Arsenal London

Economy Class:
Hamburger SV – Manchester City
Werder Bremen – Udinese Calcio
Paris St. Germain – Dynamo Kiew
Schachtjor Donezk – Olympique Marseille

Die 16 verbliebenen Teilnehmer kommen aus sieben verschiedenen Ländern, den ersten Fünf der Fünfjahreswertung, dazu gesellen sich der Neunte, die Ukraine, und der Zehnte, Portugal. Russland wird in den nächsten beiden Jahren definitiv zwei Fixstarter in die Champions League schicken. Portugal hat dagegen mächtig an Boden verloren, während die Bundesliga mittelfristig wieder auf einen zweiten Startplatz in der Quali für die Königsklasse hoffen darf. Dafür muss sie der Serie A in den nächsten beiden Jahren auf den Fersen bleiben und darf in der Addition der Spielzeiten 09/10 und 10/11 nicht mehr als 0,600 Punkte dahinter liegen.

Von hinten hat der deutsche Fußball vorerst niemanden zu fürchten. In Anbetracht dieser Tatsache wirken die ewigen Diskussionen um die Konkurrenzfähigkeit der Bundesliga in Europa immer unglaubwürdiger und machen langsam den Eindruck, einzig und allein ökonomischen Interessen zu überspielen. Man hat ja sonst keine Probleme.

Wie eine verschleppte Erkältung

Inter Mailand – raus. Juventus Turin – ausgeschieden. AS Rom – auch nicht mehr dabei. Das Viertelfinale der Champions League findet zum dritten Mal in seiner Geschichte ohne Vereine der Serie A statt. Auch im UEFA-Cup sieht es kaum besser aus

Mitte September letztens Jahres ging die Bombe hoch. Die große Blase auf dem Finanzmarkt platzte, als die amerikanische Bank „Lehman Brothers” pleite ging und den Stein der weltweiten Krise zum Rollen brachte. Den Arbeitslosenzahlen war es zunächst bis Jahresende egal. Mittlerweile ist jedoch auch die Beschäftigungsrate unsanft auf dem Boden der Tatsachen angekommen.

Ein kleines Stirnrunzeln an dieser Stelle ist durchaus nachvollziehbar. Finanzkrise, Lehman Brothers, Arbeitslosenzahlen – was hat das, mehr als nur oberflächlich, mit Fußball gemein?

Zwischen Turin und Sizilien wird man vielleicht schon eher drauf kommen. Denn im übertragenen Sinne durchläuft der italienische Vereinsfußball derzeit dieselbe Krise wie die Weltwirtschaft: Die Infrastruktur, das Funktionärsgeschäft und die Entwicklung der Gewalt haben schon in den letzten Jahren gehörig Aufsehen neben dem Platz erregt. Jetzt, ein paar Jahre nach dem Auffliegen des Wettskandals und einige Zeit hinter dem Zenit der Ausschreitungen, ist der italienische Fußball auch zwischen den Torlinien arg gebeutelt und aktuell nur noch ein Schatten seiner selbst. Die Krise ist auf dem Platz angekommen.

Es gab eine Zeit, da wurde der Serie A ein Götterstatus zuteil, wie es heute nur die Premier League gewohnt ist. In Italien wurde ein Transferrekord nach dem anderen gebrochen. Was Rang und Namen hatte, tummelte sich auf der Apenninen-Halbinsel. Von 1991 bis zur Jahrtausendwende verdienten sieben von zehn Weltfußballern ihr Geld in der Serie A. Der Anteil ist seit Zidanes Ehrung im Jahr 2000 von einst 70 Prozent auf 37,5 gesunken.

In den 90ern gewannen italienische Vereine sechsmal den UEFA-Cup. Seitdem hat es kein einziger mehr geschafft. Was die Champions League angeht, steht es wenigstens unentschieden zwischen der Zeit vor der Jahrtausendwende und den Jahren danach. Dafür standen in der Blütezeit der Serie A zusätzlich vier Teams in den Endspielen der Königsklasse. In den letzten acht Jahren waren es dagegen nur noch zwei, die im Finale unterlagen.

Der sportliche Niedergang der einst besten Liga der Welt ist gestern an seinem vorläufigen Tiefpunkt angelangt. Alle drei verbliebenen Mannschaften mussten im Achtelfinale der Königsklasse die Segel streichen – ausgerechnet gegen die neuen Mächte aus England waren sie machtlos. Für Juve, Inter und die Roma war es zwar teilweise knapp. Unterm Strich findet die Champions League von nun an jedoch ohne italienische Beteiligung statt.

Kaum anders sieht es im UEFA-Cup aus. Für Genua, die Fiorentina und Milan war in der Runde der letzten 32 bereits Endstation. AC Mailand, in diesem Jahrtausend immerhin zweimal Champions-League-Sieger und ein weiteres Mal im Endspiel, gab gegen Werder einen Zwei-Tore-Vorsprung aus der Hand, der lange einer Wildcard fürs Achtelfinale gleichkam. Das Ende ist bekannt.

Udinese Calcio hält damit heute Abend die Fahnen einer ganzen Fußballnation alleine hoch. Der einstige Glanz des viermaligen Weltmeisters auf den Schultern eines Underdogs, der weder aus Mailand noch aus Rom noch aus Turin kommt. Sieben Nationen sind es, die derzeit mehr als eine Mannschaft unter den verbliebenen 24 im Europacup haben. Das stolze Italien muss sich in dieser Hinsicht hinten anstellen.

Marode Stadien, schwindende Zuschauerzahlen, korrupte Funktionäre, gewaltbereite Fans und jetzt auch noch eine handfeste sportliche Krise. Jahrelang hat der italienische Fußball gehüstelt. Jetzt liegt er flach mit einer hartnäckigen Grippe, deren Inkubationszeit endgültig vorbei ist. Heilung ungewiss.

Unentschieden ins Achtelfinale

Über Bremer Remiskönige, das rigorose K.o.-System und rekordverdächtige Bayern

Die Tabelle lügt nicht. Immer noch nicht. Die Bundesliga hat am Donnerstag zwei ihrer fünf nach der Winterpause verbliebenen Starter verloren – die drei letzten Mohikaner führen folgerichtig die interne deutsche Fünfjahreswertung an.

Der VfL Wolfsburg, nach einer starken Gruppenphase noch als potentieller UEFA-Cup-Sieger gehandelt, musste nach seinen beiden ersten Niederlagen im laufenden Wettbewerb prompt die Segel streichen. In der K.o.-Runde ist eben kein Platz mehr für Ausrutscher.

Von den besagten Ausrutschern hat sich Werder Bremen im Laufe der Saison eigentlich schon so viele geleistet, dass der Achtelfinaleinzug der Grün-Weiß beinahe die Züge der berüchtigten “Wunder von der Weser” trägt. Acht Europacupspiele hat Werder absolviert und nur eines gewonnen (gegen Inter Mailand).

Weil der Tabellenelfte der Bundesliga jedoch auch nur einmal verloren hat (gegen Panathinaikos Athen), steht er jetzt in der Runde der letzten Sechzehn und wird dort auf AS St.-Etienne treffen. Der Dominator der 60er- und 70er-Jahre in Frankreich weilt in der Ligue 1 derzeit nur auf Platz 18 – Werder winkt mit nicht allzu geringer Wahrscheinlichkeit der Einzug ins Viertelfinale.

Aus deutscher Sicht übernimmt der Hamburger SV bislang die Rolle des FC Bayern im UEFA-Cup: Sechs Siege, ein Unentschieden und nur eine Niederlage brachten den souveränen Durchmarsch und aktuell Rang zwei in der ultimativsten aller ultimativen Tabellen. Auch hier ist der Titel greifbar – neben der Bundesliga, dem DFB-Pokal und dem UEFA-Cup tanzt der HSV demnach auf vier Hochzeiten.

Und die gerade schon erwähnten Bayern? Fertigen Sporting Lissabon auswärts mit 5:0 ab, landen den höchsten Sieg ihrer Champions-League-Historie und müssen sich ausnahmsweise man dafür rechtfertigen. Der Kantersieg in Portugal war gleichzeitig der dritthöchste in allen K.o.-Spielen der Champions League seit 1993 – Manchester United gewann einst mit 7:1 gegen AS Rom, Werder Bremen unterlag Olympique Lyon mit 2:7.

Das Titelrennen an dieser Stelle ist demnach weiterhin offen. Bremen müsste den UEFA-Cup jedoch wohl schon gewinnen, um am Ende ganz vorne zu landen.


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