Archive for the 'Die mit dem Adler' Category

Deutschland – Aserbaidschan: Kurz vor zehn Uhr

Die deutsche Nationalmannschaft dringt in kantersiegähnliche Sphären vor. Manuel Neuer legt sich ein Ei ins Netz, das seinesgleichen sucht. Und eine Mannschaft mit dem Trainer Berti Vogts bietet sich im Antiquitäten-Laden selbst zum Verkauf an.

Zwischen dem erhobenen und dem gesenkten Daumen liegen genau 180 Grad. Wo genau ordnet man da ein 6:1 gegen 105. der FIFA-Weltrangliste ein? Es dürfte mehr Menschen auf diesem Planeten geben, die einen Rubik-Würfel in weniger als zehn Sekunden lösen können, als solche, die das Zustandekommen dieser Rangliste überhaupt fehlerfrei erklären können – ohne Zeitdruck. Aber ja, Aserbaidschan liegt zwischen Thailand und dem Kongo. Schlauer macht uns das nicht.

Da war zum einen ein Fußballer, dem manch einer schon das Präfix „Anti“ verliehen hat. „Anti“, um zu sagen: Lukas Podolski übt die falsche Sportart aus. Dieser unorthodoxe Typ traf am Dienstag zum 41. Mal in seinem 81. Länderspiel. Damit wird sich Podolski – komme, was wolle – im nächsten Kalenderjahr an Namen wie Rummenigge, Völler und Klinsmann heranpirschen. Im Grunde genommen hat dieser 25-Jährige mit dem Hang zu ungewollt philosophischen Aussagen im Vereinsfußball geleistet, was folgt: eine halbe Bundesligasaison mit rasantem Durchbruch bei einem Absteiger, eine überragende Zweitligasaison, ein gutes Jahr in der Bundesliga, drei verschenkte Jahre bei Deutschlands größtem Fußballverein und eine Spielzeit, in der er bei einem unterdurchschnittlichen Klub exakt zwei Tore erzielte.

Ab und zu tritt man Lukas Podolski in den Arsch, um ganz ernsthaft die Drohung an ihn zu richten, dass seine Zeit in der Nationalmannschaft in Kürze und dann zumindest kurzzeitig ablaufen könnte. In Köln passiert das nie, weil man Podolski lediglich damit drohen könnte, an seiner Stelle niemanden aufzustellen. Bei den Bayern passierte es nie, weil der Rekordmeister weder Zeit noch Grund hat, auf jemanden zu warten. Unter Jürgen Klinsmann und Jogi Löw lässt sich eine Mischung aus beiden Verhaltensweisen beobachten – Lukas, wir könnten Dich draußen lassen, aber zeig‘ erstmal gegen Aserbaidschan, was selbst ein Anti-Fußballer Großartiges vollbringen kann. Und es reichte, um Toni Kroos für die nächsten beiden Länderspiele wieder die Trainingsjacke anzuziehen – bis zum nächsten Tief.

Dienst nach Vorschrift

Nach den „Wir schießen entweder vier Tore oder fast gar keins“-Festspielen von Südafrika musste man sich geradezu fragen, wie die Differenz gegen eine Mannschaft, nach der hiesige Discounter offenbar ihre Billig-Wodkas benennen, nur um ein Tor höher ausfallen konnte als gegen Argentinien. Tatsächlich nahm sich der eine oder andere in Köln eine Auszeit und verabschiedete sich in die Unauffälligkeit. Bastian Schweinsteiger, Sami Khedira, Philipp Lahm, Mesut Özil, Manuel Neuer – allesamt anwesend, ein paar davon auch an Toren beteiligt (für Neuer eher kein Ritterschlag), aber über weite Strecken mit Dienst nach Vorschrift.

Vor fast auf den Tag genau einem Jahr kamen 35 000 Zuschauer zu einem Quali-Heimspiel gegen Aserbaidschan. 2009 hatte man bis dahin eine eher unmotivierte, uninspirierte Nationalmannschaft gesehen, die manchen Pflichtsieg einfuhr, gegen Norwegen jedoch verlor und gegen China nicht gewinnen konnte. Das Endspiel von Moskau stand kurz bevor. Man musste sich ernsthaft fragen, wie das gut gehen und wie anschließend in Südafrika überhaupt etwas gehen sollte. Gelb-Rot für Innenverteidiger Abbasow und ein Miroslav Klose mit Wut im Bauch retteten die DFB-Elf vor was auch immer. 4:0 ging die spaßlose Angelegenheit in Hannover aus.

Wer die Partie am Dienstag gesehen hat, könnte mit dem 4:0 vor einem Jahr im Kopf denken, die Austragungsorte von Länderspielen hätten einen erheblichen Einfluss auf die Leistung. 2009 spielte die DFB-Elf wie die Stadt Hannover, wie Christian Wulff. In Köln dann, vor 44000 Zuschauern: nicht über weite, aber über viele Strecken rheinischer Frohsinn, wie die Bläck Föös, spaßig, aber zielorientiert. Mer bruche keiner, dä uns sät, wie mer Fossball spille deit.

Videokassette raus und vergleichen

Selbst wenn man bedenkt, dass Manuel Neuer den Baku-Boys ein Tor so lustig wie eine Büttenrede schenkte und dass ein wahrer Kamelleregen in Sachen eigene Treffer drin gewesen wäre, neigt sich der Daumen immer noch nach oben. Es sah anders aus als bei früheren Auftritten gegen, nun ja, Aserbaidschan und Konsorten. Wie schwer solche Siege einzuordnen sind, zeigt allein schon die Tatsache, dass man überhaupt danach fragt. Daumen hoch? Daumen runter? Wenn oben 12 Uhr ist, dann war das am Dienstag in etwa 10.

Vor einem Jahr war Aserbaidschan übrigens 137. der Weltrangliste. Die Länder, von denen es damals eingerahmt wurde, werden kaum anders geklungen haben als Thailand und der Kongo. Ein 6:1 klingt nur um Nuancen anders als ein 4:0. Aber es sah anders aus. Wer kann, hole die Videokassette vom 9.9.2009 raus – Deutschland gegen Aserbaidschan, in Hannover.

PS: Den Rubik-Rekord hält übrigens ein Niederländer mit 7,08 Sekunden.

Wikipedia-Wissen III: Nationalelfrundumschlag

Ja, ich liebe Auflistungen, Zahlen und Statistiken. Am besten ist es, wenn alle drei Dinge irgendwie zusammen kommen. Der Wikipedia-Artikel Deutsche Fußballnationalmannschaft/Statistik hat zwar schon zwei Jahre auf dem Buckel, übersehen habe ich ihn jedoch bis heute. Hier eine Art EEG von mir, das während des Stöberns in Zahlen aus 102 Jahren Nationalelf-Geschichte angefertigt wurde.

Die jüngsten Spielführer

Beim LänderBei irgendeinem Fußballspiel, das im August in Kopenhagen stattfand, trug Serdar Tasci ab der 66. Minute die Kapitänsbinde. Damit war er der jüngste seit Stanislaus Kobierski – der im Dezember 1933 in seinem elften von insgesamt 26 Länderspiel zum ersten und einzigen Mal die Ehre hatte.

Viererpacks

Was haben ein heute knapp 38-Jähriger und ein I-Dötzchen gemeinsam?

Beide wurden am 27. Mai 2004 erstmals Zeuge des seltenen Ereignisses, dass ein deutscher Nationalspieler mindestens vier Tore erzielt. Neben Michael Ballack beim 7:0 gegen Malta gelang dies außerdem Lukas Podolski und Mario Gomez in diesem Jahrtausend. Vor Ballack war Gerd Müller 1972 gegen die Schweiz der letzte vierfache Torschütze gewesen.

Tore gegen “Topteams”

Die Anführungszeichen bei den “Topteams” sind ganz bewusst gesetzt. Schließlich ist es doch ziemlich fragwürdig, nur Mannschaften in diesen Kreis aufzunehmen, die am Tag der Torerfolges +/- fünf Jahre wenigstens das Halbfinale einer WM oder EM erreicht hatten. Miroslav Klose, der mit einer Quote von vier aus 53 Treffern ziemlich schlecht abschneidet, kann sich somit glücklich Schätzen, dass sein Tor gegen Griechenland im Jahr 2001 dadurch berücksichtigt wird. Außerdem traf der 32-Jährige bei der EM 2008 gegen Portugal und die Türkei sowie vergangenes Jahr in Russland.

Bemerkenswert in dieser Statistik: Andreas Brehme, der alle seine acht Länderspieltore gegen so genannte “Topteams” erzielt hat.

Tore in der 1. Spielminute

Loréal-Model und Banner-Verteiler Oliver Bierhoff ist hier der einzige, der sich gleich zweimal in die Liste eintragen konnte. Zwischen 1942 und 1985 hat es übrigens keinen einzigen Frühstart dieser Art gegeben.

Tore in der letzten Spielminute und in der Nachspielzeit

Bierhoff bleibt diesmal nur Platz zwei. Seine drei Last-Minute-Tore werden übertroffen von Oliver Neuville, der viermal erfolgreich war. Während seine Treffer zum 1:2 in der Türkei und das 6:0 sowie das 7:0 gegen Luxemburg weitgehend wertlos blieben, machte er sich am 14. Juni 2006 geradezu unsterblich. Neuville rutschte in David Odonkors Flanke und erzielte das 1:0 gegen Polen. Mit einer derartigen Prominenz kann wohl nur Karl-Heinz “Ausgerechnet” Schnellingers Ausgleich im WM-Halbfinale von 1970 mithalten – auch wenn einige bekannte Treffer in der Liste sind.

Die häufigsten Ergebnisse

75x 1:1
73x 1:0 und 2:1
72x 2:0

Platzverweise

22 deutsche Nationalspieler flogen in 838 Länderspielen bislang vom Platz. Thomas Berthold, Christian Wörns und Carsten Ramelow hatten die üppigen und weniger üppigen Duschräume der Welt gleich zweimal ganz für sich alleine. Knapp drei rote oder gelb-rote Karten auf 100 Länderspiele wirken verschwindend gering, natürlich. 1928 gab es erst den ersten Platzverweis, die gelb-roten Karten wurden 1991 eingeführt und eine beachtliche Anzahl Länderspiele ging unter dem Namen “Freundschaftsspiel” in die DFB-Geschichte ein. Repräsentativer ist da der Vergleich mit den Gegnern: Gleich 39 von ihnen flogen vom Platz. Was vielleicht damit zu erklären ist, dass man früher seltener gegen Argentinien oder Uruguay spielte. Mit je drei Hinausstellungen halten die nämlich den Rekord.

Länderspielgegner

Albanien ist Deutschlands Rekordgegner in EM-Qualis (8x), wird im Oktober jedoch von der Türkei überboten werden. Was Qualispiele zu Weltmeisterschaften angeht, liegt Albanien schon auf Platz zwei (6x) hinter Finnland mit neun Duellen. Insgesamt 14-mal hat die DFB-Elf gegen Albanien gespielt. Wer kurz zusammenrechnet, wird schnell merken: Ein Freundschaftsspiel war noch nie dabei. Zum Vergleich: Elf von 13 Duellen mit Rumänien gingen zumindest auf dem Papier freundschaftlich über die Bühne

Schreckgespenster

Nach 1954 ist es Hristo Stoichkov als einzigem gegnerischen Spieler gelungen, mindestens vier Tore (in mehreren Partien) gegen die deutsche Nationalmannschaft zu erzielen. Ungarns Sturmlegende Imre Schlosser hat mit insgesamt acht Treffern in dieser Wertung Deutschland die Nase vorn.

Und Aserbaidschan?

War lediglich einer von 14 Länderspielgegnern, gegen die Deutschland noch nie ein Tor kassiert hatte. Dass das nicht so blieb, verursachte der Keeper wenig überraschend selbst…

Der posttraumatische Pfaff

Es ist eine dieser Stellungnahmen aus der Kategorie “Wir befragen verdiente Ex-Spieler einer (National-)Mannschaft, auch wenn die wahrscheinlich nur Floskeln loslassen”. Nachzulesen im ZDF-Videotext:

Auf jeden Fall sollten die DFB-Kicker das Team aus dem Nachbarland besser nicht unterschätzen. Die Belgier könnten ebenfalls mit dem Ball umgehen und seien vor allem bei Einwürfen und Freistößen gefährlich, so Pfaff, der auf ein 1:1-Unentschieden hofft.

Es ist ein einziges Wort in diesen beiden Sätzen, an dem man hängen bleibt: an den “Einwürfen”. Jean-Marie Pfaff hat sechs Jahre für den FC Bayern gespielt und 61 Länderspiele für sein Heimatland Belgien absolviert. Bundesligageschichte schrieb er bekanntlich bereits bei seinem Debüt im Bayern-Tor. Bei einem Einwurf von Werder-Stürmer Uwe Reinders bewies Pfaff, dass man tatsächlich sogar auf diese Weise – wenn auch auf Umwegen – ein Tor erzielen kann.

Eine besondere Stärke der Belgier bei Einwürfen hat sich selbst ins grenznahe Gebiet nicht herumgesprochen. Da Eckbälle nicht explizit erwähnt werden, ist davon auszugehen, dass Pfaff diese angebliche belgische Spezialität namens Pommes, Pralinen Einwürfe wortwörtlich ausgesprochen hat. An die Adresse von Joachim Löw sei deshalb nur gerichtet: Das angefügte Video anschauen und Pfaffs Warnung in die Schublade mit den posttraumatischen Störungen ehemaliger Fußballer stecken.

Photoshop till You Drop

Investigativjournalismus am Mittwochabend: Wie der Kicker sich das deutsche Mannschaftsfoto fürs WM-Sonderheft zusammenschustert.

Man kann sich ausmalen, wie es gewesen sein wird: Beim Kicker in Nürnberg suchte man händeringend ein passendes Foto, um die deutsche Mannschaft im WM-Sonderheft zu bebildern. Wer schon einmal ein solches Exemplar in der Hand hatte, der weiß, wie es in der Regel aussieht. Fünf Männer hocken in der ersten Reihe, die restlichen sechs stehen dahinter. Hocktechniken und brüderliche Umarmungen variieren dabei von Land zu Land. Meist findet man den Keeper in Reihe zwei. (Diese Fotostrecke zeigt: nur ein Keeper hockt und Portugal hat eines seiner Länderspiele scheinbar nur mit zehn Mann begonnen). Überaus selten mischt sich zudem ein Fan in voller Mannschaftsmontur in die Szenerie (wobei die Verteilung vier plus sieben und ein sitzender Torhüter hier ja sowieso ungewöhnlich ist).

Jedenfalls begab sich der Kicker auf die Suche nach einem adäquaten Bild der deutschen Nationalmannschaft, auf dem sie bestenfalls das neue weiße WM-Dress tragen sollte. Nun gestaltete sich die Lage diesmal anders als in alle den Jahren zuvor. Der angesetzte Doppelspieltag im November 2009 brachte nach dem Tod von Robert Enke lediglich eine einzelne Partie gegen die Elfenbeinküste. Im Frühjahr stand nur ein Länderspiel gegen Argentinien auf dem Programm (im neuen Schwarzen). Das Aufeinandertreffen mit Malta dürftevor zwei Wochen nach Redaktionsschluss stattgefunden haben.

Die Wahl war für den Kicker also eine vermeintlich einfache. Das Exemplar vom 2:2 gegen die Elfenbeinküste würde das Rennen machen. Doch Moment: Was trug die Elf denn da am Arm? Richtig – beim ersten Spiel nach dem Tod von Robert Enke liefen alle mit Trauerflor auf. Was tun? Ein Foto im alten Trikot nehmen, wie es das Hamburger Abendblatt vormachte? ‚Nein‘, dachte sich der zuständige Redakteur und nahm den Praktikanten an der Kaffeemaschine ins Visier. Der 21-Jährige hatte sich bereits im Vorfeld seine Photoshop-Meriten verdient. Jetzt würde er die Chance für sein Meisterstück erhalten.

Also wurden die schwarzen Armbinden kurzerhand wegradiert. Ein Kinderspiel, besonders bei den Feldspielern. Nicht umsonst dürfte Adidas seine drei Streifen unterbrochen haben, um den Tragekomfort einer Kapitänsbinde oder eines Trauerflors zu optimieren. Kurz noch den Pinsel bei Tim Wiese ausgepackt und mit Rot über den Ärmel seines Torwarttrikots gemalt, schon war es fertig – das Mannschaftsfoto fürs WM-Sonderheft. Immerhin haben sie in die teils angespannten Gesichter kein künstliches Lächeln gezaubert.

Syn-des-mo-se: Ballack, Boateng und Bänderriss

ZDF spezial, Sportschau Extra, Titelthema: Die WM-Absage von Michael Ballack hat ein Echo verursacht, das in seinem Ausmaß letzten Endes beängstigend wirkte. Genauso beängstigend wie 100 000, die sich im Netz gegen Kevin-Prince Boateng verbünden. Und genauso beängstigend wie eine DFB-Elf ohne ihren Kapitän.

Binnen einer Stunde war es dunkel geworden in Sciacca auf Sizilien. Noch im Gespräch mit Michael Steinbrecher hatte die Sonne im Rücken von Oliver Bierhoff schöne Grüße nach Deutschland geschickt. Jetzt, um kurz vor halb neun, passte das Verschwinden des Tageslichts schon eher zur düsteren Stimmung, die sich um die Mittagszeit über ein Land gelegt hatte, das auf einmal den Eindruck machte, es sei in die tiefste Krise seines Bestehens gerissen worden. Und Schuld war nicht der Euro.

Screenshot: youtube.com

„Syndesmose“ mag zwar klingen wie eine biblische Plage mit Mord, Totschlag und anschließendem Weltuntergang. Dabei bedeutet ein Riss der Bänder im Sprunggelenk, die, wie der Name verrät, etwas zusammenhalten sollen, lediglich acht Wochen Pause und beschert dem Betroffenen einen Gips. Grund genug waren die Bänder von Michael Ballack jedoch für ein ZDF spezial und eine Extra-Sendung der Sportschau. Der Tod von Lech Kaczinsky, die Staatshilfe für Griechenland und die Aschewolke über Europa waren den Öffentlich-Rechtlichen zuletzt ein vergleichbarer Anlass, um heilige TV-Kühe zu schlachten und das Programm um jeweils gut zehn Minuten zu verschieben. Montagabend nun: die Syndesmose. Nur zweieinhalb Millionen schauten im ZDF zu, knapp drei in der ARD. Viel Lärm um wenig?

Frings, Ribéry, Boateng: Schlimm, schlimmer, am schlimmsten

Die Geschichte nahm am Samstagnachmittag ihren Lauf. Kevin-Prince Boateng – Berlin-Wedding, Hertha BSC, Tottenham, Dortmund, Portsmouth, Deutschland, Ghana, Klose, Hasebe, Lamborghini, Glitzer-Ohrring, Tattoos, Assoziationen ohne Ende – kam zu spät. Zu seinem, Michaels Ballacks und Fußball-Deutschlands Unglück war es nicht die Bahn, die er verpasste, sondern der Ball im Finale des FA-Cups. Man hat vor ein paar Wochen Franck Ribéry gegen Lisandro Lopez gesehen, sollte ein paar Stunden später Zeuge von Torsten Frings gegen Bastian Schweinsteiger werden. Schnell stand die Reihenfolge fest: Boateng am schlimmsten, Ribéry nicht annähernd so rüde, Frings erst Recht nicht. Während die Härte der Fouls und die Folgen für die Spieler in dieser Reihenfolge abnehmen, gilt dies nicht für die Bestrafung. Ribéry sah Rot, für Frings war es die zweite Verwarnung. Boateng kam mit Gelb davon.

Screenshot: youtube.com

Für Michael Ballack hatte es nach Absicht ausgesehen, wie er noch am gleichen Abend im Sportstudio verkündete. Ähnlich urteilten Millionen Hobby-Bundestrainer zwischen Flensburg und Berchtesgaden. Dass es danach aussah, bedeutet noch nicht, dass Kevin-Prince Boateng tatsächlich mutwillig auf den rechten Knöchel des 33-Jährigen gesprungen ist. Doch es geht unfassbar schnell: Man hat Boateng vor Augen, bemalt am ganzen Körper, mit funkelndem Stecker im Ohr. Man denkt an Klose, man denkt an Hasebe, an Berlin-Wedding, an Autospiegel. Es ist vielleicht nicht richtig, ohne besseres Wissen davon auszugehen, es sei Absicht gewesen, aber durchaus legitim. So ist der Mensch eben: auch im Kopf ein Demokrat, der im Mehrheitsprinzip denkt.

Die Reaktion im Netz: Parolen und Beschwichtigungen

Nicht ganz so legitim ist die Welle von Reaktionen im Netz. Während die einen sich redlich Mühe geben, die Sache mit Humor zu verarbeiten (@GNetzer: „Im Flutlicht sah der Knöchel aus wie ein Autospiegel“), schlagen andere über die Stränge. Knapp 100 000 versammeln sich mittlerweile in der Facebook-Gruppe „82 000 000 gegen Boateng“. Kategorie: „Nur zum Spaß“. Doch sehen es beileibe nicht alle so. „Das ist eine Seite für Fußballfans, nicht für Rassisten“, ermahnt der Gründer deshalb diejenigen, die einen wiederum daran erinnern, dass mittlerweile nicht nur Leute bei Facebook sind, die das Apostroph, Groß- und Kleinschreibung sowie Kommasetzung zumindest auf dem Stand eines 11-Jährigen beherrschen. Zwischen Parolen und Beschwichtigungen geht es online zu wie im echten Leben: Es gibt solche und solche. Den, der fordert, man möge Boateng im Gruppenspiel gegen Ghana die Beine brechen. Und den, der sich augenzwinkernd fragt, ob Philipp Lahm im Falle eines WM-Titels überhaupt in der Lage wäre, den Pokal in die Luft zu stemmen.

Screenshot: ZDF Mediathek

Der landesweite Aufruhr machte den Eindruck, die Missbrauchs-Fälle in der katholischen Kirche, Margot Kässmanns Alkohol-Fahrt, die Pleite der Lehman Brothers, das Ende der Regierung Schröder und die Clinton-Lewinsky-Affäre seien in einer einzigen Tagesschau verkündet worden. Dabei hatte sich ein 98-maliger Fußball-Nationalspieler in seiner letzten Vereinspartie der Saison kurz vor einer Weltmeisterschaft einen Innenbandriss und einen Teilriss der Syndesmose im rechten Sprungelenk zugezogen. So mögen diejenigen die Angelegenheit klein reden, die den Aufruhr für übertrieben halten.

Wer einen halbwegs klaren Blick auf die Realität behielt, der sah einen herben Rückschlag für eine deutsche Mannschaft, die auch mit Michael Ballack nicht nach Südafrika gereist wäre, um sich den Pokal so lässig zu holen wie ein Eis am Strand von Cancún. Nun setzt sie sich Anfang Juni zwar ohne ihren Captain in den Flieger. Ohne die Leitfigur, die die meisten ihrer 98 Länderspiele mit körperlicher Präsenz, Durchschlagskraft und Torgefahr bereichert hat. Doch die Sache müsste einen noch viel mehr mitnehmen, wenn Fußball nicht gleichzeitig ein Mannschaftssport wäre, in dem der Einzelne nur im Kollektiv funktioniert. Eine deutsche Basketball-Mannschaft ohne Dirk Nowitzki bräuchte dagegen gar nicht erst mit Ambitionen bei einem großen Turnier antreten.

Ohne Ballack schwächer als mit

Die Zahlen geben durchaus Aufschluss darüber, wie wichtig Michael Ballack seit seinem ersten Länderspiel im April ‘99 gegen Schottland gewesen ist. 141 Länderspiele hat die DFB-Elf seitdem absolviert. In den 98 Partien mit dem gebürtigen Görlitzer holte sie im Schnitt exakt 2,0 Punkte, verlor nur 20,4 Prozent aller Spiele. Wenn Ballack, wie in insgesamt 43 Fällen, einmal nicht mit dabei war, sank der Punkteschnitt auf 1,65 und 27,9 Prozent gingen verloren. Mit ihm gewann Deutschland einmal in Wembley. Ohne ihn gewann Deutschland einmal in Wembley. Mit ihm verlor Deutschland ein großes Endspiel. Ohne ihn verlor Deutschland ein großes Endspiel. Mit ihm ging Deutschland 1:5 gegen England unter. Ohne ihn ging Deutschland 1:5 gegen Rumänien unter. Wie sehr der Ausfall des 33-Jährigen die Nationalmannschaft trifft, wird sich so wohl erst in Südafrika zeigen.

Seit Beginn dieses Textes, hat die Boateng-Gruppe 5000 Mitglieder hinzu gewonnen. Jeder Hobby-Bundestrainer hat eine Lösung parat. Und wenn sich darunter Stimmen finden, die nun lauthals Kevin Großkreutz fordern (der am Montag auf dem OP-Tisch lag), dann ist es wohl gut, dass am Ende nur einer entscheidet. Egal wie. Auch ohne ZDF spezial und völlig undemokratisch.

Medien-Echo:
Süddeutsche Zeitung: “Diagnose: Achsenbruch”
Taz: “Der Führer ist tot, es lebe das Team!”
FAZ: “Boatengs Tritt, volle Absicht?”
Zeit Online: Endlich Zeit für neue Alphatiere
Und, als hätten sie es geahnt: Das Zeit-Dossier über Kevin-Prince Boateng

Neuer, Wiese, Adler: Two and a Half Men

René Adlers Rippen machen ihm den größten aller Striche durch die Rechnung: Es geht ohne den Bayer-Keeper nach Südafrika. Und erneut fällt Schatten auf eine Bilderbuchkarriere. Doch gleichzeitig schließt sich womöglich ein Kreis.

Auf den ersten Blick hat René Adler mit seinen 25 Jahren eine Bilderbuchkarriere hingelegt. Als Bayer Leverkusen im Frühjahr 2002 zum Vize-Hattrick ansetzte, trainierte er, gerade 17, bereits mit den Profis. Bei der U20-WM 2005 hielt er überragend und spielte sich erstmal so richtig in den Fokus. Das Bundesligadebüt folgte in der Rückrunde der Saison 2006/2007. Adler beendete die Ära Butt bei Bayer und brachte es fertig, in vier seiner ersten fünf Spiele Noten im Einserbereich zu kassieren. Das Jahr 2008 brachte die EM-Teilnahme und die überragende Länderspielpremiere bei der wichtigen Quali-Partie gegen Russland. 2009 hielt er das WM-Ticket in Moskau fest. Einmal mehr: Bestnoten. Anfang dieses Jahres kürte ihn Jogi Löw zur Nummer eins für Südafrika. Wahrlich aus dem Bilderbuch, so scheint es.

Doch spätestens seit Dienstagmorgen ist die Profilaufbahn von René Adler um ein trauriges Kapitel reicher. Vor vier Jahren stand der Leipziger kurz vorm Karriereende: Rippenprobleme. Nun sind es erneut die Rippen, die ihn diesmal an seiner ersten WM-Teilnahme hindern. Noch am Samstag war er maßgeblich am Ende aller Berliner Bundesligaträume beteiligt. Man kann durchaus behaupten, die deutschen Nationaltorhüter stünden seit einiger Zeit unter keinem guten Stern. Die Verletzung von René Adler ist zwar ein rein sportliches Einzelschicksal. Doch sie bedeutet einmal mehr einen gravierenden Einschnitt auf der Position, die stets unter Beobachtung steht und auf der es um Deutschland traditionell gut bestellt ist. Nach dem Tod von Robert Enke schienen die Rollen im Tor der Nationalmannschafts verteilt, die Tickets für Südafrika vergeben. Jetzt warten zwei Männer, Neuer und Wiese, auf einen dritten, weil die Nummer eins nur halb zur Verfügung steht.

Jörg Butt und Roman Weidenfeller sind die derzeit meistgenannten Namen. Obwohl der dritte Torwart aus sportlicher Sicht bei einer WM höchstens so bedeutsam ist wie eine Tischtennisplatte und eine Spielkonsole im Mannschaftsquartier, wird diese Entscheidung am Donnerstag eine der meistbeachteten sein. Butt müsste der lachende Vierte, Fünfte, Sechste, Siebte sein. Denn zwei Vertreter der Gerry-Ehrmann-Schule würden dem WM-Kader genauso wenig gut tun wie ein Lautsprecher und Veteran Lehmann auf der Bank. Und so würde sich der Kreis schließen: René Adler kam 2007 zu seinem Bundesligadebüt, weil Jörg Butt im Bayer-Tor die rote Karte gesehen hatte. Drei Jahre später ist Butt Meister, gehört zu den souveränsten Keepern der Saison und könnte nun denjenigen ersetzen, dem er – grob gesehen – seinen ersten Titel zu verdanken hat.

Sitzen und sitzen bleiben

Die schreibende Zunft produziert bisweilen Kampagnen, egal ob pro oder contra, die jeden Bundestagswahlkampf vor Neid erblassen lassen. Derzeit ist es wohl einzig und allein der Quote 37 aus 69 zu verdanken, dass selten jemand die Nationalelf-Tauglichkeit von Kölns Nummer 10 in Frage stellt.

Fünfzehn deutsche Stürmer haben in dieser Spielzeit bislang häufiger getroffen als Lukas Podolski. Hinzu kommen sogar etliche Abwehrspieler. Das spricht weniger für einen Angriffs-Boom im deutschen Fußball, sondern vielmehr für eine absolut gebrauchte Saison, die der 24-Jährige erwischt hat. Momentan bleibt es ihm zwar versagt, seiner Flaute noch mehr Minuten hinzuzufügen (die elende Zählerei wollen wir ihm an dieser Stelle ersparen). Doch während der „verlorene Sohn“, der in der Hinrunde bisweilen noch verlorener wirkte als seinerzeit in München, seit nunmehr drei Wochen ausfällt, hat seine Mannschaft plötzlich das Toreschießen für sich entdeckt. Zehn Treffer in 17 Hinrundenpartien, zehn Treffer in vier Rückrundenpartien – Köln hat die Podolski-Hemmschwelle überwunden.

Niemand zweifelt ernsthaft daran, dass Podolski zur WM nach Südafrika fährt. Miroslav Klose wird dann mit ihm im Flieger sitzen. Zwei Stürmer, zwei Tore, zwei Wildcards. Auf der Bank wird dann ein Angreifer sitzen, der nach dem 21. Spieltag 13 Treffer auf dem Konto hatte. Ein ebenfalls schon zweistelliger Kandidat wird ebenfalls Platz nehmen – auf dem heimischen Sofa. Weil er einst ein Stadion verließ, ohne „Tschüss“ zu sagen. Lukas Podolski ohrfeigte einst den Kapitän der Nationalmannschaft vor den Augen aller Welt auf dem Spielfeld. In der Disziplin Nahkampf ist Jogi Löws Leistungsprinzip wenigstens noch das, was es niemals war.

„Lutscher“ muss bittere Pille schlucken -
oder: Jogi Löw und sein Leistungsprinzip

Wer auf jeden Fall zur WM fährt, darüber lässt sich nur mutmaßen. Fest steht jetzt schon, wer definitiv nicht dabei sein wird: Torsten Frings.

Wer bei Google nach „Jogi Löw+Leistungsprinzip“ sucht, der wird dieser Tage gleich 88 000-mal fündig. Zum Vergleich: Die viel diskutierte Frisur des Bundestrainers kommt nur auf ein Fünftel dieser Treffer. Immerhin. Dabei dürfte es spätestens seit dieser Woche einfacher sein, die Frage „gefärbt oder nicht gefärbt?“ zu beantworten, als festzuhalten, was es mit diesem ominösen Leistungsprinzip überhaupt auf sich hat.

Allzu überraschend kam die Ausbootung von Torsten Frings – etwas euphemistisch auch als „Nicht-Berücksichtigung“ bezeichnet – in dieser Woche nicht mehr. Doch verständlicher wird sie dadurch auch nicht. Bevor das Tischtuch zwischen Frings und Löw im Laufe der letzten Monate Stück für Stück zerschnitten wurde, zog es bereits im Oktober 2008 erste Fäden. Beim 2:1 gegen Russland war der Bremer erst kurz vor dem Ende eingewechselt worden, kurz darauf gegen Wales spielte er gar nicht.

Manch einer hätte die bittere Pille ohne Widerrede geschluckt. Nicht so der „Lutscher“, der im Februar 2009 beim 0:1 gegen Norwegen sein letztes von 79 Länderspielen absolvierte. Frings fühlte sich nicht respektiert, fand seine Verdienste um die Nationalmannschaft nicht ausreichend gewürdigt. Und die direkte Konkurrenz um den Platz in der Doppel-Sechs neben Michael Ballack – Simon Rolfes und Thomas Hitzlsperger – sah er schlichtweg nicht auf einem besseren Leistungsniveau. Auch wenn die Kicker-Noten trotz zahlreicher Schein-Petitionen noch immer nicht den WM-Kader zusammenstellen, sticht Frings’ aktueller Schnitt von 3,03 ins Auge. Nur zweimal fehlte der 33-Jährige verletzungsbedingt in der Bundesliga, spielte bei 18 von 24 Pflichtspieleinsätzen über die volle Distanz.

Und die direkte Konkurrenz um einen Platz im Flieger nach Südafrika? Simon Rolfes hatte sich in der ersten Hinrundenhälfte als Anwärter Nummer eins präsentiert und in allen Belangen überragt. Die zweite Hälfte verpasste der Leverkusener jedoch nach einer Knie-OP vollständig, wird jetzt langsam an die Startelf herangeführt. Thomas Hitzlsperger steckt derzeit im größten Tief seiner Karriere, hat beim VfB die Kapitänsbinde abgeben müssen und ist nicht mehr erste Wahl. Teamkollege Sami Khedira überzeugte zu Saisonbeginn nur phasenweise, fiel dann lange aus. Der 22-Jährige gehört nach der Entlassung von Markus Babbel nun aber zu den großen Stützen der Stuttgarter Aufholjagd.

Für acht Mittelfeldspieler dürfte in Jogi Löws WM-Aufgebot Platz sein. Michael Ballack, Bastian Schweinsteiger und Mesut Özil haben ihr Ticket sicher. Ansonsten tummeln sich viele Neulinge, Youngster und Wackelkandidaten auf der Liste. An Toni Kroos dürfte Löw kaum vorbei kommen, wenn der Bayer-Bayer seine Form halbwegs bis zum Saisonende hält. Für Marko Marin dürften die Chancen dann sinken. Özil, Kroos, Marin – das wäre wohl zu viel des Wirbels. Marcell Jansen befindet sich im Aufwind. Der Hamburger lebt davon, dass er variabel einsetzbar ist und es von seinem Typus nicht viele gibt. Gleiches könnte für Sami Khedira gelten. Für Thomas Hitzlsperger und Piotr Trochowski müsste es getreu dem vielzitierten Leistungsprinzip mehr als eng werden, weil Simon Rolfes in jeder Hinsicht die Nase vorn hat. Doch wovon kann man auf dem Personalkarussell schon ausgehen?

Jener Simon Rolfes wäre in diesem Fall mit 28 Jahren, nach Michael Ballack, der Oldie im deutschen Mittelfeld. Mit Abstand. Warum ein 33-Jähriger, der in 79 Länderspielen selten enttäuscht und an allen Nationalelf-Erfolgen des 21. Jahrhundert maßgeblich mitgewirkt hat, in diesem System keine Rolle spielen soll, bleibt schleierhaft. Sind etwa nur noch Nationalspieler gefragt, die selbst bei einer Pleitenserie auf der Playstation stets die Contenance bewahren? Nur damit im WM-Quartier Friede, Freude, Eierkuchen herrscht? Ein Vereinskamerad von Torsten Frings könnte sich ähnliche Fragen stellen. Seit Jahren überzeugt Tim Wiese mit Werder Bremen sowohl auf nationaler als auch internationaler Ebene. Dennoch bleiben Zweifel, ob der exzentrische Keeper jemals eine faire Chance haben wird, den Platz auf Torlinie einzunehmen.

Jogi Löw wandelt in der Vor-WM-Monaten auf einem schmalen Grat – und das nicht nur in sportlicher Hinsicht. Seine Personalentscheidungen sollen die Leistung in den Vordergrund rücken. Was war und was mal sein kann, spielt eine untergeordnete Rolle. In Wirklichkeit jedoch propagiert der Bundestrainer das Bild vom aalglatten Nationalspieler, der formbar ist wie Pizzateig und jegliche Entscheidungen stumm akzeptiert. Die Zeit der Aufklärung liegt mehrere Jahrhunderte zurück. Im Jahr 2010 wird es gern gesehen, wenn Fußballer in
eine Art Schockstarre der Mündigkeit fallen. Beim Fall Frings dürften sich Kant und Voltaire im Grabe umdrehen.

PS: Torsten Frings darf sich freuen – denn ihm ist der 500. Beitrag dieses Blogs gewidmet. Der Konfettiregen wird nachgereicht, Kanapees entfallen aus Kostengründen.