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Rückpass Leverkusen: Einsen für die Offensive

Das unglaubliche 6:3 in Leverkusen hat auch den “Kicker” nicht kalt gelassen. Mit Roel Brouwers, Marco Reus, Mo Idrissou und Patrick Herrmann haben es gleich vier Borussen in die “Elf des Tages” geschafft. Letzterer schwang sich mit seinem ersten Bundesliga-Doppelpack sogar zum “Mann des Tages” auf.

Logan Bailly (Kicker-Note 3): War bei Kießlings erstem Kopfball hellwach, beim Tor durch Derdiyok machtlos und hatte anschließend viel Glück, als Kießling die Latte traf. Zwei schwache Aktionen sorgten für Punktabzüge. Als er Brouwers‘ riskanten Rückpass Barnetta in die Füße spielte, verfehlte der das Tor nur knapp. Beim 3:6 sah Bailly schlecht aus – über ein Foul könnte man jedoch reden. Die 3 ist meines Erachtens zu gut, eine 4 wäre der Gegenvorschlag.

Filip Daems (Kicker-Note 3): Verlor das Kopfballduell gegen Derdiyok (1:1), als aber allgemeine Unordnung in der Defensive herrschte. Ansonsten mal wieder mit nur wenigen Akzenten nach vorne, die beim Offensivspektakel um Reus, Herrmann und Co. auch kaum gefordert waren. Gegen zugegeben schwierige Gegenspieler wie Renato Augusto und Castro selten zweiter Sieger. Die 3 geht in Ordnung.

Roel Brouwers (Kicker-Note 2): Bei einigen Hereingaben in der ersten Hälfte wie schon gegen Aue und Nürnberg nicht Herr der Dinge. Brachte Bailly mit seinem Rückpass mächtig in die Bredouille. Dafür traf er auf der anderen Seite zum ersten Mal in dieser Saison, als er bei Adlers Abpraller so wach war wie keiner der Bayer-Verteidiger. Bei drei Gegentoren ist die 2 trotz des Tores etwas zu hoch gegriffen – deshalb hier nur eine 3.

Dante (Kicker-Note 2): Ausflüge nach vorne waren diesmal kaum gefordert, Standards wurden entweder direkt verwandelt oder aber es glänzten Andere. Dafür machte Dante hinten stets den Eindruck, eher die Kontrolle zu haben als Brouwers. Meldete zum Beispiel Michael Ballack bei gegnerischen Standards vollkommen ab. Dass es gegen Nürnberg eine 2,5 gab und nun eine glatte 2, erscheint nicht richtig nachvollziehbar – deshalb geringfügige Abstufung auf eine 2,5.

Tobias Levels (Kicker-Note 3): Schlug sich wacker gegen Barnetta, ließ wenig zu. Wenn er sich nach vorne einschaltete, mangelte es manchmal an der Genauigkeit. In Erinnerung blieb sein sagenhafter Einsatz vor dem 2:5, als er halb im Liegen, halb im Sitzen Marco Reus auf Außen bediente. Überhaupt: vorbildlich geackert wie immer. Dass aus Levels kein technisch versierter Außenverteidiger mehr wird, ist bekannt. Die 3 ist gerechtfertigt.

Michael Bradley (Kicker-Note 2): Man hofft und hofft und glaubt es kaum – aber es könnte tatsächlich sein, dass da mittlerweile der Michael Bradley das weiße Trikot trägt, auf den man seit nunmehr zwei Jahren wartet. Stark in der Balleroberung, sicherer im Passspiel, mit viel Zug zum Tor. So wird es auch bald klappen mit dem ersten Saisontor. Die 2 ist richtig für den Amerikaner in WM-Form.

Thorben Marx (Kicker-Note 2,5): Gleiches wie für Levels gilt auch für Marx: seine Grenzen bei der Technik macht er mit Einsatz wett. Brachte manch einen Leverkusener zur Verzweiflung, weil er dem Gegner Ball um Ball abknüpfte. Seinen Schuss konnte Adler nicht festhalten, Brouwers staubte zum 2:1 ab. Marx verursachte später den Elfer und hatte nicht mehr die Fülle auffälliger Szenen in der Offensive. Eine 2,5 geht dennoch in Ordnung.

Juan Arango (Kicker-Note 2): Als er dann plötzlich sogar in Kopfballduelle ging und diese auch noch gewann, war klar, dass Juan Arango einen echten Sahnetag erwischt hatte. Sein Freistoß aus 29 Metern, passenderweise das Ende der 29 Spiele dauernden Torflaute, hat es leider nur auf Platz zwei der schönsten Treffer des Tages geschafft. Ansonsten brillierte Arango zusätzlich mit zwei Assists: Einmal nutzte Idrissou den Abpraller nach dem sehenswerten Volleyschuss des Venezolaners, anschließend überließ er Marco Reus vor dem 6:2 das Leder. Hier war der Kicker einmal sogar zurückhaltend: Wir erhöhen auf 1,5.

Marco Reus (Kicker-Note 1): Man ist Standardnoten eher gewohnt, wenn es darum geht, besonders schwache Teamleistungen abzustrafen. Genau am Gegenpol bewegte sich der Kicker bei Gladbachs Offensive. Marco Reus, mit einem Tor und ohne Vorlage vergleichsweise zurückhaltend auf dem Spielberichtsbogen, wirbelte in altbekannter Manier, glänzte mit großen Laufpensum und war wieder ganz und gar der Spieler, der sich bis in den Dunstkreis der Nationalmannschaft gespielt hat. Trotzdem geht‘s um 0,5 runter auf eine 1,5.

Patrick Herrmann (Kicker-Note 1): Nach Matmours glattem „mangelhaft“ in der vergangenen Woche, bewegt sich der 19-jährige Hermann in ganz anderen Sphären. Allein sein 3:1 – wie ein Tippkick-Spieler in den Winkel – war ein Treffer der Marke „das Eintrittsgeld wert“. Und wer in der 78. Minute noch auf den Torhüter geht und ihn in arge Nöte bringt, der hat eine glatte 1 rundum verdient.

Mo Idrissou (Kicker-Note 1): Pass auf Bradley, kein Tor, leider Abseits; langer Atem, noch längere Schritt, ein Schuss am Tor vorbei; starker Einsatz, Ball zu Herrmann, 3:1; Volleyschuss Arango, Parade Adler, Tor Idrissou – die Liste der tollen Aktionen des Neuzugangs ist lang gewesen. Dass er das Laufpensum tatsächlich 90 Minuten durchhielt – erstaunlich. Dass er Ende der Partie noch die Abgezockheit besaß, mit einem kleinen Lupfer einen Eckball rauszuholen – eine 1 wert.

Raul Bobadilla (75. eingew., keine Note): Hatte es nach seiner Einwechslung für den starken Arango beileibe nicht leicht, ebenso zu brillieren wie seine Nebenleute. Doch der Argentinier gab sich redlich Mühe, versuchte Fehler, die ihm unterliefen, gleich wieder gut zu machen. Etwas ungeschickt beim Versuch, einen Elfer zu schinden.

Sebastian Schachten (80. eingew., keine Note): Holte in seinem vierten Ligaspiel für die Borussia seinen ersten Sieg. Durfte ansonsten die blendende Stimmung genießen und fügte sich ordentlich ein in eine Mannschaft, der einfach alles gelang.

Roman Neustädter (85. eingew., keine Note): Half wie Schachten, das 6:3 über die Runden zu bringen. Zeigte noch einmal ein paar Minuten vollen Einsatz. Insgesamt eine dankbare Aufgabe, wenn jeder erfolgreiche Pass mit einem „Heeey“ von den eigenen Anhänger gefeiert wird.

Kicker-Schnitt: 2,05
Mein Schnitt: 2,27

Leverkusen – Gladbach: Spiel, Satz und Sieg

Man glaubt immer wieder, schon alles erlebt, alles gesehen zu haben. Doch wer soll auch einen 6:3-Sieg in Leverkusen für möglich halten? Niemand. Und genau deshalb gehört dieser Trip in die Stadt ohne Hauptbahnhof zweifellos zu den großartigsten in diesem Jahrtausend.

Mein Bruder lächelt. Nachdem die gute, alte Stecktabelle auch nicht mehr das ist, was sie mal war, gehört dieses Stück Pappe mit 38 Zentimetern Durchmesser zu den besten Beilagen des Kicker-Sonderheftes seit Jahren. Am Niederrhein bekommt man beigebracht, dem Gastgeber eine kleine Aufmerksamkeit als Dankeschön für die Einladung mitzubringen. Da bot sich das Meisterschalen-Imitat geradezu mit Nachdruck an. Frei nach dem Motto: Wollt Ihr auch mal anfassen, liebe Leverkusener?

Ganz nett: Die renovierte BayArena.

Es ist 12:26 Uhr. Der RE 13 nach Mönchengladbach fährt ein am Viersener Bahnhof. Nils sitzt schon drin. Er, mein Bruder und ich – die Kombination ist neu bei der 17. Auswärtsfahrt meines Lebens. Mit meinem Bruder im Alleingang ist die Quote geradezu sagenhaft. Ein Sieg in Cottbus, einer in Frankfurt und ein Fast-Sieg beim 2:2 in Hoffenheim. Waren neben den beiden Leverkusen-Mitfahrern noch andere Menschen wie meine Eltern mit dabei, sah es stets düster aus: Drei Niederlagen in drei Spielen, 1:11 Tore, jedesmal traf der Gegner mindestens dreifach. Was genau uns das auf dem Weg über Düsseldorf in die Stadt ohne Hauptbahnhof sagen soll, weiß zu diesem Zeitpunkt niemand so richtig. Erst Stunden später werden leise Vorahnungen deutliche Konturen annehmen.

Leverkusen präsentiert sich von seiner eher tristen Seite. Zu Fuß geht es vom Bahnhof Mitte zur BayArena. Die Dhünn ist voll von den Regenfällen der vergangenen Tage und Wochen. Gleiches gilt im übertragenen Sinne für unsere Hosen. 16 Jahre lang hat die Borussia nicht mehr gegen Bayer gewonnen. Warum sich das gerade an diesem Tag ändern sollte? Schlagkräftige Argumente haben wir kaum. Freitagabend stand ich mit einer Flasche Bier in der Hand neben Nils und philosophierte in alter Manier über das, was uns am Sonntag in Leverkusen wohl blühen würde. 40 Euro hatten wir überwiesen. Womöglich 40 Euro für eine ordentliche Klatsche. Ein Besuch im Dominastudio dürfte ähnlich schmerzhaft und mindestens so teuer sein.

5000 bis 6000 Gladbacher in Leverkusen

Nachdem ich früher ohne jede Erwartung zu Auswärtsspielen fuhr und die Wünsche mit der Zeit auf ein selbst erzieltes Tor steigerte, heißt die Losung nun: Wenigstens zwischendurch mal führen. Was die Zuschauer angeht, ist den Borussen knapp eine Stunde vor Anpfiff bereits der Führungstreffer gelungen. Die immer noch ziemlich neue BayArena ist so gut wie leer. Geschätzte 5000 bis 6000 Gladbacher werden bis zum Anpfiff einiges dazu beitragen, dass es doch noch voll wird. Derweil wirkt der kleine Stehplatzblock der Leverkusener in der gegenüberliegenden Ecke wie ein Gästeblock im eigenen Stadion.

Eine Stunde vor Anpfiff herrscht gähnende Leere.

Igor de Camargo hatte Anfang der Woche noch Hoffnungen auf ein Debüt am Wochenende geweckt. Ein Kapselriss im Sprunggelenk stoppte den belgischen Brasilianer erneut, der derzeit die Verletzungs- und sonstigen Querelen vergangener Millionen-Neuzugänge auf die Spitze treibt. Gleichzeitig streikte Karim Matmours Achillessehne, was bei allem Respekt so wenig Sorgenfalten auf die Stirn der Allgemeinheit zauberte wie Geschenke unterm Weihnachtsbaum. Für Matmour kommt Patrick Herrmann in die Startelf. Marco Reus rückt in die Mitte, so dass die Borussia beinahe so beginnt wie die deutsche Nationalmannschaft in ihren sieben WM-Spielen.

Von Reihe 9 aus macht das Spielfeld den Eindruck, es genüge nicht unbedingt offiziellen FIFA-, sondern lediglich den Bestimmungen des Deutschen Handballbundes. Auf gefühlten 40×20 Metern belassen es beide Mannschaften in der Anfangsviertelstunde bei zaghaftem Beschnuppern und geduldigem Tempo. In der 13. Minute steht Mo Idrissou im Abseits, seinen Querpass hat Michael Bradley ohnehin nicht im Tor unterbringen können. Nach dem Abseitsfestival von Nürnberg befürchte ich gleich die nächste Fahnen-Orgie. Um auf Nummer sicher zu gehen, holt sich Idrissou den Ball daraufhin erst am gegnerischen Strafraum. Vidal lässt sich mit der Nachlässigkeit eines faulen Kindes bei den Hausaufgaben den Ball abnehmen. Idrissou stakst an ihm vorbei. In der Mitte rauscht Herrmann heran und tippt den Ball über die Linie, bevor René Adler und Co. überhaupt realisiert haben, dass es gefährlich werden könnte. Das Mindestziel, die Führung, ist erreicht. Stolz reckt mein Bruder die Meisterschale in die Luft. Da ist das Ding. 1:0 für Gladbach.

Idrissou in Usain-Bolt-Manier

Nach einer Standardsituation verpasst Bradley das 2:0 und zeigt Gnade, wie sie an diesem Nachmittag Seltenheitswert hat. Nur vier Minuten nach dem Führungstreffer kommt es dann, wie es bei der Borussia eigentlich immer kommt. Arango verteidigt auf Außen nachlässig, Castro darf flanken und Derdiyok gegen die indisponierten Daems und Brouwers zum Ausgleich einköpfen. Ich bin gelassen wie selten bei einem Gegentor und wundere mich selbst, dass ich die Bescheidenheit so verinnerlicht habe. Wer mit wenig rechnet, darf schließlich nicht viel erwarten.

Ganz nah dran in der BayArena, Block F4, Reihe 9.

Doch diesmal ist es anders. In den Folgeminuten wird deutlich, dass die Borussia das Konterspiel der vergangenen Saison keineswegs verlernt, sondern lediglich vertagt hat. Idrissou spaziert in Usain-Bolt-Manier mit nur vier Schritten von der Mittellinie in den Leverkusener Strafraum. Dabei übersieht er zwar Marco Reus, bringt jedoch immer noch einen gefährlichen Flachschuss zustande. Gut eine halbe Stunde ist rum, als es mit der Herrlichkeit anscheinend ein für allemal vorbei ist. Kießling bogenlampt einen Kopfball von der Strafraumgrenze an die Latte. Bailly hat dabei Glück, dass ihm der Ball nicht auf den Rücken fällt. Noch hat niemand einen blassen Schimmer, dass die letzten ruhigen Minuten laufen, bevor diese Partie für dreißig Minuten plus Halbzeit zum ballgewordenen Wahnsinn auf Erden wird.

In der 39. Minute ist Bradley nah dran an seinem ersten Saisontor. Adler hält. Die anschließende Ecke verdient sich keineswegs das Sportschau-Prädikat „brachte nichts ein“. Stattdessen stellt Reus den Bayer-Keeper mit einer Direktabnahme in Robben-Manier (gemeint ist der Spieler, nicht das Tier) vor die nächste Herausforderung. Als Marx einen Abpraller direkt wieder in Richtung Tor befördert sind aller guten Dinge tatsächlich einmal drei. Der Ball bahnt sich seinen Weg durch die Abwehr hindurch wie ein Auto im Mont-Blanc-Tunnel. Adler lässt abprallen und Roel Brouwers sorgt mit seinem ersten Saisontor für jede Menge Licht am Ende der Betonröhre. Schale in die Luft, Becker-Faust, 2:1 für den VfL.

Tippkickfigur Herrmann in den Winkel

Direkt im Anschluss zeichnet sich ab, dass dieses Fußballspiel keineswegs einen Platz in der Economy Class gebucht hat, sondern so mitreißend ist wie ein Fallschirmsprung ohne Fallschirm. Brouwers prüft Bailly mit einem riskanten Rückpass. Der Belgier kann mit Rechts nur halbhoch klären. Barnettas Schuss aus 35 Metern verfehlt das Tor nur hauchdünn.

Gedränge im Gästeblock, Logenplätze für die Bundespolizei - für beide ein schöner Tag.

Wer nach so vielen Turbulenzen ausgelaugt den Halbzeitpfiff herbeisehnt, wird enttäuscht und entschädigt zugleich. Arango und Idrissou werden gleich zwei mögliche Elfer versagt. Während die Leverkusener Hintermannschaft mit den beiden Opfern und Schiri Stark eine Diskussionsrunde à la „Hart, aber fair“ eröffnet, hat Patrick “Frank Plasberg” Herrmann keinerlei Interesse an halbherzigen Debatten. Wie eine Tippkickfigur zieht er mit dem Außenrist aus 17 Metern ab. Als das Ding im linken Winkel einschlägt, ist der Gästeblock endgültig völlig losgelöst von der Erde. Tags zuvor habe ich noch aufgeschlüsselt, dass die meisten „Tore des Jahres“ im Oktober und November fallen. Der August darf nun wieder Hoffnung schöpfen. Denn es ist ja bekannt: Wenn Borussen ein „Tor des Monats“ erzielt haben, ist die Abstimmungfreudigkeit am Niederrhein Ende des Jahres kaum aufzuhalten.

Zur Pause führt die Borussia mit 3:1 und ich muss kurz überlegen, wann sie zuletzt drei Tore in einer Halbzeit auf fremdem Platz geschossen hat. Mir fällt es schnell wieder ein und im selben Zug weiß ich, wann sie am gleichen Tag auch drei in einer Hälfte kassiert hat. Auf ein Bochum-Revival hat keiner der gut 5000 Borussen Bock. Also lautet die Devise für die zweiten 45 Minuten: Aufs vierte Tor spielen und das nicht für möglich Gehaltene möglich machen.

Arango und ich – erfolgreich im jeweils 700. Versuch

Bis auf einen Schuss von Reus, der übers Tor geht, gewähren beide Mannschaften den 30 000 in der ausverkauften BayArena zunächst eine zehnminütige Ruhepause. Dann gibt es Freistoß für die Borussia, halbrechte Position, 29 Meter Torentfernung – Arango-Time. Ich zücke meine Kamera und denke an meine Festplatte, auf der circa 700 Videos von Freistößen rumlungern, die ich in der Hoffnung, einmal einen Treffer zu filmen, in den vergangenen Jahren aufgenommen habe. Doch ich bleibe hartnäckig, drücke auf „Rec“. Die rote Lampe leuchtet, Marx und Arango diskutieren noch mit Stark über den Abstand der Mauer. „Mach’ einfach, den machse doch so drübber!“, ist auf nun in dem Video zu hören, als Arango anläuft. Sechs Schritte, zwei Sekunden Flug – und eine halbe Minute im Delirium. Es steht 4:1, mein Bruder präsentiert die Meisterschale. Da ist Ding. Und langsam beginnen wir im Rausch der Auswärtsfreude dran zu glauben.

Größenwahnsinn und Selbstironie gehen manchmal Hand in Hand.

Nach der wahrhaftigen Welle der Begeisterung sind gerade erst alle Fans wieder im richtigen Block auf dem richtigen Platz angekommen, da dreht ein Foul von Marx an Vidal die Uhr zwei Minuten zurück. Den berechtigten Elfer verwandelt der Chilene selbst. Wieder zwei Tore Vorsprung, wieder keine Entscheidung. Doch zum Glück darf man manchmal Texte schreiben, in denen Absätze so sinnlos sind wie ein Kreuz bei der FDP. Auf der Gegenseite ist der Ball schon wieder weg, als Levels sich ihn zurückholt. In einer Mischung aus Liegen, Sitzen und Stehen bedient er Reus auf der rechten Seite. Dessen Flanke mit sagenhafter Übersicht nimmt Arango Volley. Adler lässt den brillanten Angriff mit einer Riesenparade nicht mehr ganz so einseitig wirken. Aber Idrissou stellt den Satz „Da muss ein Stürmer stehen“ pantomimisch dar und drückt den Ball zum 5:2 über die Linie.

Mittlerweile erreichen mich die ersten SMS von Freunden, die eigentlich anderen Vereinen anhängen. Darin wimmelt es von Wörtern wie „Wahnsinn“ und „unglaublich“. Bevor überhaupt klar ist, wann die Borussia letztmals fünf Auswärtstore in der Bundesliga erzielt hat (1997 in Karlsruhe, by the way), geht es in der 69. schon weiter. Arango sieht Reus, der mit so einer Leichtigkeit mit links in den Winkel trifft, dass man sich schon sehr heftig zwicken muss, um sich einen Fohlen-Vergleich zu verkneifen. Schnell die Kamera raus und auf der Anzeigetafel ein Stück Vereinsgeschichte festgehalten. Denn sechs Treffer in der Fremde hat es zuletzt vor mehr als 23 Jahren, am 21. März 1987, beim 7:1 in Bremen gegeben. Ligaübergreifend kann das ebenso legendäre 7:1 in Offenbach kurz vor der Rückkehr in die Bundesliga noch mithalten. „Alter, was geht denn da ab?“, fragt Studienfreund und Schwabenfan Sebastian per SMS. Meine Antwort: „Ich weiß es nicht. Und dabei passiert das alles 20 Meter vor meinen Augen.“

Die Top 5 des Tages

Vermutlich kürzer als das Schreiben dieser Zeilen nach dem 2:6 dauert es jedoch, bis Kießling den Anschluss-Anschluss-Anschlusstreffer für die Gastgeber erzielt. Bailly sieht schlecht aus, aber über ein Foul könnte man selbst acht Meter vor dem Tor reden. Nils hat plötzlich wieder das Bochum-3:3-Gesicht aufgelegt und will den Drops noch nicht als gelutscht verkünden. Nach sieben Treffern in nur 30 Spielminuten sind alle fertig wie nach einer Zugfahrt von Gladbach bis zum Nordkap. Zwischendurch wird es sogar kurz ein paar Minuten still, als müsse der Gästeblock die Geschehnisse erst einmal sacken lassen. Dann blüht der Gesang wieder auf. Hier die Top 5 des Tages:

5. „Philipp La-ahm“ – eine Ode an Michael Ballack
4. „Ein Schuss, ein Tor, Borussia“ – in sechsfacher Ausgabe
3. „…und wir werden Deutscher Meister“ – Grüße aus dem Auswärtssieg-Delirium
2. „Ihr werdet nie Deutscher Meister“ – mit Schalen-Choreo meines Bruders
1. „Die Nummer eins am Rhein sind wir“ – oh ja, so ist es

In der Schlussviertelstunde liegt ein 5:7 oder gar ein 6:8 noch immer im Rahmen des Möglichen. Doch bis auf eine schier endlose Passstaffette der Borussia, bei der jedes Abspiel mit einem „Heeey“ bedacht wird, passiert nicht mehr viel. Nach dem 3:6 hieß es demnach: Spiel, Satz und Sieg, Borussia. Ganz großes Damentennis, was sich 90 Minuten lang in der BayArena abgespielt hat.

Angst vor Edith Piaf

Mit meinem fünften Auswärtssieg in anderthalb Jahren (Köln, Cottbus, Hamburg, Frankfurt, Leverkusen) wird gleichzeitig die Tatsache untermauert, dass die Borussia in der Bundesliga keine Auswärtssiege mehr einfahren kann, wenn ich nicht dabei bin. Seit dem 2:0 in Bundesliga im November 2008 hat der VfL in 18 Auswärtsspielen ohne mich gerade einmal drei Unentschieden geholt. Ich kann ja nichts dafür. Fest steht: Meine Eltern sind fürs Erste von Auswärtsfahrten verbannt und mein Bruder bekommt den Auftrag, sein Taschengeld besser an die Seite zu legen.

Ein Stück Gladbacher Vereinsgeschichte - die Anzeigetafel nach 72 Minuten.

Nach dem Spiel darf Mo Idrissou (nunmehr drei Treffer in drei Pflichtspielen) seine erste „Humba“ anstimmen. Was er genau nach einem beherzten Sprung in den Stehblock ins Megaphon buchstabiert, ist nicht zu hören. Es müssen jedoch mehr als ein H, U, M, B und A gewesen sein. Auf dem Rückweg gießt es aus Eimern, die Dhünn ist noch voller geworden. Doch es ist, als perlten die Tropfen einfach so von unseren Regenjacken ab. Wir schweben zum Bahnhof und steigen in den Sonderzug nach Hause. Plötzlich taucht der Dom in der Ferne auf, der Zug fährt am Colonius, dem Kölner Fernsehturm vorbei. Offensichtlich dreht der Lokführer eine Ehrenrunde durch die Stadt des Tabellenschlusslichts, das erst in jenem Minuten die rote Laterne an den VfB Stuttgart abgibt.

Man glaubt immer wieder, abgesehen von großen Titeln, schon alles erlebt zu haben. Wer soll denn bitte auch ein 6:3 in Leverkusen auf dem Schirm haben? In Führung gehen – ein realistischer Wunsch. Einen Punkt entführen – selten gesehen. Den ersten Sieg nach 16 Jahren einfahren – warum ausgerechnet an diesem Tag? So wie die Borussia in Leverkusen, 6:3, spielt man vielleicht Eishockey. Nachdem ich letztens „Inception“ im Kino gesehen habe, fürchte ich noch immer, dass Edith Piaf mich mit „Non, je ne regrette rien“ gleich aus diesem unfassbaren Traum holt. Und selbst wenn, dann wäre es der beste aller Zeiten gewesen.

Hier gibt’s Fotos von der Auswährtsfahrt auf Facebook.

Rückpass Nürnberg: Licht und Schatten

Mit dem „Rückpass“ bringt die neue Saison auch eine neue Rubrik bei „Entscheidend is auf‘m Platz“. Da die Kicker-Noten in der Regel so ausgiebig diskutiert werden wie das neueste ZDF-Politbarometer, dienen sie hier als Ausgangspunkt. Zustimmung? Zu streng? Zu gutmütig? All das wird von nun an jeden Dienstag hier Thema sein. Los geht‘s mit dem Nürnberg-Spiel.

Logan Bailly (Kicker-Note 2): Bekam bei Pinolas erstem Warnschuss die ganze Flatter-Wucht des runden Kollegen „Torfabrik“ zu spüren. Machte das Beste draus und rettete wenig später erneut gut gegen Gündogan. Ihn beim Herauslaufen zu beobachten, glich wie immer einem DVD-Abend mit vier Psychothrillern. Seine Parade gegen Schieber hielt in der 73. den Punkt fest – da geht die 2 schon in Ordnung.

Filip Daems (Note 3,5): Man kramt rum im Kopf und überlegt, was haften geblieben ist. Überraschend für den Captain: Sowohl positiv als auch negativ kann ich mich nur an seinen Vorstoß samt Schussversuch kurz nach dem 1:1 erinnern. Spricht für eine wenig aufsehenerregende, solide Leistung. 48 Ballkontakte sind etwas wenig für einen Linksverteidiger, aber da kann er nicht unbedingt am meisten für. 3,5 – passt schon.

Roel Brouwers (Note 4,5): Wie er unter der Flanke zum 0:1 durchsegelte, verdiente sich schon das Prädikat „kapitaler Schnitzer“. Ansonsten sehr hölzern in der Spieleröffnung und auch im Zweikampf nicht immer souveräner Herrscher. Macht gefühlt nach dem ebenso schwachen Aue-Spiele ein „mangelhaft“, ohne Vereinsbrille ist die 4,5 gerechtfertigt.

Dante (Note 2,5): Ob der Kicker so etwas wie besonderen Einsatz beim Zetern, Ärgern und Aufregen berücksichtigt? Da war Dante, den die dürftige Leistung offensichtlich wurmte, stets ganz vorne dabei. Gegeben hat er, wie immer, alles. Traute sich zudem einige Vorstöße zu. Leider fiel ihm häufiger nichts anderes ein als der lange Pass in die Spitze, „bereitete“ so einige Abseitsstellungen vor. Trotzdem souveräner Auftritt mit verdienter 2,5.

Tobias Levels (Note 3): War in der Offensive wie gewohnt präsenter als Daems, wagte aber noch zu selten einen Vorstoß zur Grundlinie. Hinten ohne große Blöße, aber auch wenig gefordert. Was macht der Kicker da? Zückt die berühmte Standard-3. Irgendwas wird er sich dabei ja denken.

Michael Bradley (Note 3): Stets bemühte Leistung des WM-Fahrers. Wobei das nicht immer das beste Zeugnis ist. Schlüpfte merkwürdigerweise häufiger in die Marx-Rolle als defensiver Part der Doppelsechs. Nicht immer genau bei Zuspielen, dafür mit zwei feinen Offensivaktionen (Heber und Schuss). Guter Auftritt minus einiger Fehler macht eine gerechtfertigte 3.

Thorben Marx (Note 3,5): Traute sich einiges nach vorne zu, während er sich neben dem offensiveren Bradley sonst eher zurückhält. Dabei gelang ihm leider nicht allzu viel. Dass aus der Distanz zu viele Schüsse aufs Tor kommen, ist in der Regel seiner und Bradleys „Verdienst“. Abgestellt ist die Krankheit aus der vergangenen Saison noch nicht. Fand ihn vielleicht sogar mehr als eine Nuance schwächer als Bradley. 4 wäre auch in Ordnung gewesen.

Juan Arango (Note 5): „Ich dachte, der wär‘ in Topform“, sagte mir meine Mutter im Stadion mehr als nur einmal und schaute mich fragend an. Seinen Auftritt gegen Liverpool, endlich als Aran-Go, hatte sie leider nicht gesehen. Jetzt schlüpfte er wieder in die alte Rolle von Aran-Stand. Schwache Standards, kaum Einsatz, legte das Flügelspiel so leider lahm. Da geht nur eine 5.

Marco Reus (Note 3): Beim Kicker gehen Torbeteiligungen scheinbar über alles und katapultieren die Note in ansonsten unverdiente Sphären. Marco Reus kam bis auf seinen Pass auf Mo Idrissou 90 Minuten lang nicht in Fahrt, wirkte beinahe vom Arango-Syndrom infiziert und versteckte sich auf der Außenbahn. Zog es ihn nach innen, fehlten Genauigkeit und Durchschlagskraft. Eine 4 hätte es besser getroffen – und da wäre der Assist noch immer anerkennend berücksichtigt.

Karim Matmour (Note 5): Auch zu Beginn des dritten Jahres hat man weder das Gefühl, dass Matmour in Gladbach angekommen ist, noch dass er es überhaupt jemals sein wird. Verschwindend wenige Ballkontakte, brachte nur vier von neun Pässen zum Mann. Der Applaus des Publikums bei seiner Herausnahme schien Dankbarkeit zu signalisieren – für die Auswechslung selbst. Eine 5 aus dem Lehrbuch.

Mo Idrissou (Note 2): Der Kicker scheint sich ganz in den Überschwang einzureihen, dass der VfL – man mag es noch gar nicht glauben – da vielleicht wirklich einen mit Torjägerqualitäten verpflichtet hat. Zum Tor und großem Bemühen gesellten sich zwar noch einige Abstimmungsprobleme. Macht unterm Strich aber eine verdiente 2.

Raul Bobadilla (64. eingew., keine Note): Womöglich konnte der wieder genesene Argentinier froh sein, nicht vier Minuten früher und damit rechtzeitig für eine Kicker-Bewertung eingewechselt worden zu sein. Sein Nicht-Tor (aus sieben Metern fünf Meter über den Kasten) sorgte für eine angenehme Mischung aus blankem Entsetzen und Erheiterung. Wir warten – auf den Knoten.

Patrick Herrmann (83. eingew., keine Note): Seinen frischen Wind hätte es vielleicht etwas früher gebraucht. So brachte er nur noch den feinen Linksschuss in Richtung Winkel zustande, den Schäfer glänzend rausfischte. Defizite im körperlichen Bereich wird er weiterhin haben. Aber derzeit gehört er sicher zu den ersten 14.

Kicker-Schnitt: 3,36
Mein Schnitt: 3,50

Gladbach – Nürnberg: Diesälbe Scheiße

1:1 gegen den 1. FC Nürnberg – 1:1 Idrissou (31.)

Nun hat das Kind doch einen Namen bekommen. 2008/2009 wurde die “Mission 40″ mit dem Klassenerhalt tendenziell erfüllt, “Im Zweiten” wurde es 2009/2010 wirklich “besser”. Und jetzt: “Es führt ein Weg nach Irgendwo”. Wo genau das liegt, werden wir sehen. Knapp nördlich von Platz 12 wäre schwer in Ordnung.

„Lebenslang“ – länger geht’s nicht. Bekanntlich muss in Deutschland kein Straftäter, der dieses Urteil erhält, automatisch bis ans Ende seines Lebens einsitzen. Ähnlich wird es hoffentlich im Borussia-Park sein. Denn erst, als ich das kleine Schildchen mit meinem Namen auf meinem Sitz erblicke, wird mir klar, dass ich die Allgemeinen Geschäftsbedingungen dieser „Lebensdauerkarte“ in etwa so gut durchgelesen habe wie damals die Texte im Religionsunterricht der Oberstufe.

Meinen vermeintlichen Wohnort haben sie ebenfalls unter dem Namen eingraviert. Wobei „Willich“ seit einem Jahr bestenfalls Zweitwohnsitz ist. Letztendlich wird es jedoch effektiv den Vandalismus im Borussia-Park eindämmen, dass dort nicht „Dortmund“ steht. Ansonsten ist im Block alles beim Alten – die Sitznachbarn, die Atmosphäre, das Wohnzimmer-Gefühl.

“Die Seele brennt”

103 Tage Abstinenz haben ein Ende und ein Hauch von Champions-League liegt in der Luft. Dass es da erst 15:26 Uhr ist und die Herrlichkeit nur zehn Minuten anhält, muss man ja nicht so laut erzählen. Zum 110-Jährigen macht die Nordkurve ihrer Borussia ein nachträgliches Geburtstagsgeschenk – eine Choreo vom Allerfeinsten. Damit nichts schief geht, sind im Stadion Flyer verteilt und Plakate aufgehängt worden. Inmitten eines schwarzen Pappmeeres werden im Unterrang die vier Logos der Vereinsgeschichte gehisst. Im Oberrang wird zwischen weißem Zeichenblockpapier in Übergröße an die Gründungszeit und die größten Erfolge erinnert.

„Die Seele brennt“ hallt es durch den Borussia-Park. Und jeder, der in einem Fußballstadion schon einmal Gänsehaut in Ausmaßen eines Tennisballes, einen Kloß im Hals und feuchte Augen bekommen hat, der weiß, wie sich solch eine brennende Seele anfühlt. „Du, die Sonne unserer Heimat“ – mutet sehr pathetisch an, aber wer den Niederrhein kennt, der weiß, dass das Wetter hier wirklich besser ist, wenn es für die Borussia läuft. Die Regenmenge ist übrigens ganz ordentlich. Weiter heißt es im Lied: „Wenn dich einer fragt, woher Du kommst, dann sag‘ ,Borussia‘.“ So ist es eben. Diese „City near Düsseldorf“ kennt in Spanien, Italien und England niemand. Sehr wohl aber einen Fußballverein namens Borussia Mönchengladbach.

Nach so viel Gänsehaut, Pathos und Vergangenheitshudelei kommt der Boden der Tatsachen schneller als gedacht. Er heißt Hegeler und trägt ein weinrotes Trikot. Der VfL hat ordentlich begonnen, früh das Heft in die Hand genommen. Doch die Führung für Nürnberg kommt nach einer Viertelstunde nicht unverdient. Pinola, Ekici und Gündogan haben zuvor bereits Bailly und den Pfosten geprüft, als Hegelers Kopfball im langen Eck einschlägt. Keine Chance für Bailly, sehr wohl aber für Brouwers, der unter Judts Flanke durchsegelt wie ein Drachen, der im Kunst- und Textilunterricht nur eine 4+ bekommen hat.

Idrissou: Doch ein Knipser?

Ginge es nach meinen stets präzisen und wohlfundierten Vorhersagen, würde das 1:0 für den „Club“ gleichzeitig das Endergebnis bedeuten. Schließlich hat der Wechsel von Mo Idrissou vom SC Freiburg an den Niederrhein so manch ein Fragezeichen auf meine Stirn gezaubert. Ein 30-Jähriger mit dürftiger Torquote, der mal öffentlich äußerte, keinen Bock mehr auf seine minderbemittelten Mitspieler im Breisgau zu haben? Sollte der uns wirklich weiterbringen? Wer Idrissous Dreierpacks gegen Luxemburg und Union Berlin gesehen hat, der glaubt schon eher dran. Wer von seinem Treffer in Aue gehört hat, der beginnt, noch mehr zu hoffen. Und wer in der 31. Minute beobachten darf, wie er nach Pass von Marco Reus gleich mehrere Nürnberger zu Litfaßsäulen degradiert, den überkommt ein Gefühl, das bei Gladbacher Neueinkäufen für den Sturm schon längst verloren schien. Ein Knipser? Im Borussia-Park? Man würde es so gerne glauben. Abwarten. Erstmal.

Damit auch wirklich alles klappt: Genauste Anweisungen zur Durchführung der Choreo.

Daems mit einem Linksschuss und Bradley mit einem Heber katapultieren die Kreativität und Entschlossenheit im Gladbacher Spiel kurzzeitig auf Kunst-Leistungskurs- und Lumberjack-Niveau in Personalunion. Dann ist Pause und der zuvor schon unruhige Borussia-Park einigermaßen beschwichtigt.

Ich gönne mir ein Eis in der Halbzeit, zur Feier des Sommerfußballs. Kurz muss ich es mir jedoch ans Ohr halten, weil in Hälfte eins schräg hinter mir die Cholerik ein ungeahntes Comeback gefeiert hat. Die Stimmung bei Saisonauftaktspielen hat Frank Goosen einst mehr als treffend in Worte gepackt: „Es dauert fünf Minuten im ersten Heimspiel, da schreit der Typ vor mir im Stadion: ,Dat is‘ doch diesälbe Scheiße wie inner letzten Säsong!“ (Das Video dazu – sehenswert!) Ähnlich lässt der Sportsfreund in Reihe 13 seinem Unmut über eine eher dürftige Leistung freien Lauf. Mein Trommelfell und ich verkriechen uns bis zum Wiederanpfiff in ein Stoßgebet, dass der an für sich unscheinbare Mittvierziger keine Dauerkarte hat. Zuhause gibt der Blick in den Ticketshop Entwarnung: Er ist Tageskartenbesitzer. Kein Wunder. Denn solch ein Tempo und solch eine Lautstärke würde er wohl kaum bis zur Winterpause durchhalten. Das wird ihm sein Hausarzt schon erzählen.

Abseitsfestival der Borussia

Zum Glück bieten die ersten Minuten nach der Pause kein gefundenes Choleriker-Fressen. Die Borussia weckt kurzzeitig Erinnerungen an vergangene Saison (was für Außenstehende jetzt so klingen mag, als sei sie damals ins Champions-League-Endspiel vorgeprescht). In der Folgezeit ist es nur Schiedsrichter Gagelmann, der den Unmut der 42 000 auf sich zieht. Dreizehn Mal stellen er, seine Assistenten und die Nürnberger Viererkette die Borussia ins Abseits. Zeitweise hat man das Gefühl, Idrissou, Matmour und Co. würden es sogar bei Eckbällen und in der eigenen Hälfte fertigbringen, näher am Tor zu stehen als der vorletzte Gegner. Doch wie es aussieht, liegen Gagelmanns Assistenten stets richtig.

Nach 64 Minuten kommt Bobadilla für Matmour, der nach einer non-existenten Leistung mit überraschend begeistertem Applaus bedacht wird. Unter Umständen können die Zuschauer ihren Beifall als Spende von der Steuer absetzen. Der wieder genesene Argentinier macht es jedoch wenig besser. Schäfer lässt einen Schuss nach vorne abprallen. In einer an für sich geschmeidigen Bewegung legt Bobadilla den Ball am Nürnberger Keeper vorbei – um ihn dann aus der Luft und sieben Metern Entfernung beinahe ebenso hoch übers Tor zu setzen. Die Fahne des Linienrichters bewahrt ihn, zu seinem Glück, vor der Favoritenrolle beim Nicht-Tor des Jahres.

Ein Schuss von Bradley bringt die Borussia derweil nah ans Siegtor. Der Amerikaner, mit einer bärenstarken WM in Südafrika, und Kollege Marx auf der Doppelsechs schlüpften allzu häufig in die Rolle des jeweils anderen. Marx versucht, in der Offensive Impulse zu setzen, während Bradley meist den Ball von der tiefstehenden Innenverteidigung annimmt. Ohne die Energie von Reus, der es sich auf seiner rechten Außenbahn allzu oft allzu gemütlich macht, verpuffen viele Angriffe. Auf der Gegenseite heißt das Duell plötzlich Bunjaku gegen Bailly, das Gott sei Dank mit einem belgischen Sieg endet. Um ein Haar wäre der Saisonauftakt völlig in die Hose gegangen.

Wenn das Vorspiel besser ist als der Sex

Ansonsten ist die Borussia weitaus näher dran am zweiten Treffer. Der eingewechselte Herrmann legt sich den Ball auf den linken Fuß, der Einschlag im Winkel ist schon vorbereitet – doch Torwart Schäfer hat beileibe nicht nur beim Zeitschinden ein glänzenden Tag erwischt. So endet das erste Spiel der neuen Saison eher mit einer Enttäuschung.

Schon gegen Liverpool hatte das Geschehen vor dem Spiel mit der Live-Version von „You‘ll never walk alone“ mehr zu bieten als die gesamten 90 Minuten. Assoziationen, die die Wörter “Vorspiel” und “Sex” enthalten, bieten sich an. Nun trotte ich erneut zum Bus und habe das Gefühl, die Momente vor dem Anpfiff – mit Choreo und „Die Seele brennt“ – hätten das Leben mehr bereichert als das, was anschließend folgte. Die deutlichste Erkenntnis des Tages folgt wiederum erst auf dem Nachhauseweg. Die Shuttle-Busse kommen so schleppend an wie die meisten Angriffe der Borussia. Ist eine Mannschaft also doch nur so gut wie das ÖPNV-System ihres Vereins?

Aue – Gladbach: Ein Faible für Zweitligisten

Das erste Pflichtspiel der Saison hat das erwünschte Resultat gebracht. Nach einem verdienten Sieg und einigen ansehnlichen Szenen, die Mut machen, steht die Borussia in der zweiten Pokalrunde – und wird sich dort erneut einem Fluch stellen. Am besten zuhause.

Wer die Borussia derzeit von außen betrachtet, könnte schnell darauf kommen, es gehe angenehm unspektakulär zu am Niederrhein. Nach Rang 12 in der vergangenen Saison kommt diesmal bestenfalls ein einstelliger Tabellenplatz als konkretes Saisonziel in Frage. Alle Leistungsträger sind geblieben, neue – man weiß ja nie – unter Umständen hinzugekommen. 39 Punkte aus 2009/2010 sollten zu überbieten sein. Mit dem vielzitierten Wort Konstanz dürfte es zu packen sein. Inzwischen fragt man sich, warum Mönchengladbach und die größte Stadt am Bodensee noch keine Partnerschaft eingegangen sind – Max Eberl, Michael Frontzeck und Co. rühren schließlich kräftig die Werbetrommel.

Doch es hat beileibe mehr Vorteile als Nachteile, weder vehement gegen den Abstieg noch um einen Platz im Europacup kämpfen zu müssen. Man kann sich den kleinen Zielen widmen, größtenteils ohne Druck. Vereine wie Frankfurt, Hannover und eben auch die Borussia haben in den letzten Jahren den DFB-Pokal als heimlichen Liebling entdeckt. Allzu oft ist die Liebe dabei unerwidert geblieben. Gladbach schied in sagenhaften sieben der letzten neun Spielzeiten in der zweiten Runde aus, sechsmal davon auswärts. Allein 2003/2004 ging es mit dem Halbfinaleinzug hoch hinaus, wobei das 0:1 in Aachen letzten Endes eher in einer bitteren Schublade des Gedächtnisses abgelegt ist. Immerhin gab es in der ganzen Zeit auch nur eine handfeste Pokalblamage, als 2004 in Runde eins gegen die Zweitvertretung der Bayern das Ende kam.

Grillparty statt Pokal

Nun also der Auftakt einer Deutschland-Tour, die bestenfalls in Berlin endet, in Aue: Die Borussia (beziehungsweise die Loskugeln) haben in den letzten Jahren ein regelrechtes Faible für Zweitligisten entwickelt, die auf dem Papier bekanntlich die härtesten Brocken sind, die potentiell in der ersten Runde warten können. 2007 ging es nach Osnabrück, 2009 zum FSV Frankfurt und nun eben ins Erzgebirge.

Nachdem ich letztes Jahr im Zug von Mainz nach Köln saß, als die Borussia 2:1 in Frankfurt gewann, kam diesmal ein Geburtstagsgrillen im Park dazwischen. Mittags hatte ich aus einer BVB-Kneipe in der Nachbarschaft dreimal halbwegs erregten Applaus vernommen – was bis Montagnachmittag die intensivste Berührung mit der ersten Pokalrunde darstellte. Vom 3:1 des VfL in Aue bleibt mir als Erinnerung nur der SMS-Ticker aus der Heimat, von meiner Mutter in die Stadt der größeren, aber nicht ganz so sympathischen Borussia gesendet.

19:11 Uhr
So, wir laufen uns warm. Bailly verletzt, Herrmann für Arango. Rasen sieht scheiße aus.

19:44 Uhr
10 Minuten gespielt. 20:80 Ballbesitz, jetzt gerade das erste Mal etwas über der Mittellinie, keine drei Pässe angekommen.

20:12 Uhr
1:0 Bradley, 38. Minute. Haben 30 Minuten gebraucht, um ins Spiel zu kommen. Jetzt aber verdient. Papa hat mit einem Bolten nachgeholfen. (Woraus wir den Schluss ziehen: Mehr Bier für den Vater!)

20:37 Uhr
46. Minute Riesenchance Reus. Im Gegenzug 1:1, Brouwers nur halbherzig beim Kopfball.

20:53 Uhr
2:1 Mo. Vorher Glück gehabt, Brouwers klärt auf der Linie.

21:14 Uhr
So, das war‘s wohl. 3:1

21:22 Uhr
Alles in allem dann doch souverän. Da ist schon Qualität, fehlten ja noch einige. Bundesliga kann kommen – und nächste Runde ein Heimspiel.

Und sonst so?

Der Heimspielwunsch im DFB-Pokal ist seit Jahren so intensiv wie das Lechzen nach Auswärtssiegen (was in gewisser Weise zusammenhängt, weil die chronische Schwäche in der Fremde für so manches Scheitern verantwortlich war). Letztes Jahr brachte das Heimspiel gegen Duisburg jedoch ebenso wenig den Einzug ins Achtelfinale, weshalb man geneigt ist, einen allgemeinen Zweitrundenfluch zu konstatieren. Dass sich das ändern möge: einer der großen Wünsche für dieses Jahr.

Und sonst so? Die Mission 40 wartet nach zwei Jahren noch immer auf ihre Erfüllung. 60 Gegentore in der letzten Saison waren viel zu viele. „Gibt doch eh so ein 3:1“, orakelte Kumpel Stefan am Samstagnachmittag – und behielt Recht. Ich hatte ihm noch geantwortet, mir sei ein 2:0, so ganz ohne Gegentor, lieber. Aber vermutlich verinnerlicht die Mannschaft ihren offensivfreudigen, torhungrigen Stil so sehr, dass ein 3:1 in Zukunft stets wahrscheinlicher sein wird als ein 2:0.

Mo Idrissou – sieben Tore in drei Spielen

Des Weiteren wäre ein Spieler, der wieder einmal zweistellig trifft, eine nette Angelegenheit. Mo Idrissou hat sieben Treffer bei den Tests gegen Luxemburg und Union Berlin sowie in Aue erzielt. Sollte der Neuzugang vom SC Freiburg – anders als in meinen Träumen der letzten Wochen, als ich so manches Mal schweißgebadet aufgewacht bin – tatsächlich einschlagen an der Hennes-Weisweiler-Allee, dann hätten Eberl und Frontzeck nach den Kollegen Sonck, Heinz, Skoubo, Elber, Kahê und wie sie nicht alle hießen einen Transfercoup gelandet, der gar nicht hoch genug einzuordnen wäre.

Seit 1998 hat Gladbach in neun Bundesligaspielzeiten nie mehr als drei Auswärtssiege eingefahren. Logisches – und für die geschundene Gastspielseele recht ambitioniertes – Ziel für 2010/2011: vier. Von allen 17 Gegnern hat die Borussia bei unglaublichen elf in diesem Jahrtausend noch kein Erstliga-Auswärtsspiel gewonnen. Bayern, Bremen, Hoffenheim, Lautern, St. Pauli, Hannover, Schalke, Mainz, Stuttgart, Dortmund und Leverkusen sollten sich demnach warm anziehen.

Wir lassen uns überraschen – das dürfte ohnehin die Devise sein für die kommende Spielzeit.

Wühltisch (3) – aus den Fanshops dieser Welt

In Gladbach hat die Verrücktheit das nächste Level erreicht.

Quelle: Borussia E-Shop

Vorbei sind die Zeiten, als noch ein Raunen durch jede Gesprächsrunde ging, wenn jemand beichtete, sich jetzt eine Zahnbürste im Design seines Herzensklubs zugelegt zu haben. Wer in den neuen Katalog der Borussia schaut, dem hakt beim Blick auf Seite 145 glatt der Kiefer aus. DN 600, Klasse B 125 kN, Vollguss ohne Betonanteil – was ein Exemplar von Gullydeckel. 199 Euro kostet das gute Stück, das manch eine friedliche Wohngegend bald in einen Hort für Nachbarschaftsstreitigkeiten verwandeln könnte. Vielleicht erbarmen sich Kölner, Schalker und Dortmunder ja und übernehmen die 25 Euro Versandkosten.

Vielen Dank an Stamm-Kommentator Si für den Hinweis!

Borussia – Liverpool: “Wer nicht hüpft, ist eingeschlafen”

Borussia Mönchengladbach schlägt zum 110. Geburtstag den FC Liverpool. Außer seinem großen Namen brachte der englische Rekordmeister kaum Berauschendes an den Niederrhein – so dass der Höhepunkt des Tages singend daherkam.

Da liest man im Videotext, dass Kaiserslautern den FC Liverpool geschlagen hat und denkt sich: „Wow, nicht schlecht.“ Da höre ich wenige Tage später im Radio, dass Gladbach gegen Liverpool gewonnen hat und denke mir: „Wow, es gibt wirklich keine Kleinen mehr.“ Als ich aus meinen kurzen Tagtraum erwache, wird mir klar, dass ich eben jenes Spiel gerade live gesehen habe. Und dass das Ergebnis sensationeller klingt, als es in Wirklichkeit war.

Um halb drei am Sonntagnachmittag schloß sich im Borussia-Park ein Kreis. Fünfmal hatten Gladbach und der FC Liverpool im Europacup gegeneinander gespielt. Die beiden Duelle in der Heimat entschied die Borussia für sich, an der Anfield Road zog sie zweimal den Kürzeren. Ebenso an jenem Abend im Mai 1977 im Olympiastadion von Rom, als die Reds das Landesmeisterfinale mit 3:1 gewannen. Nun also der 1. August 2010, der 110. Geburtstag des VfL – erneut sollte der Heimvorteil ziehen.

Gänsehautmoment bei “You’ll never walk alone”

Über ein Fußballspiel ist viel erzählt, wenn der bewegendste Moment sich vor dem Anpfiff abspielt. Erst einmal, beim Spiel Celtic gegen Liverpool, hatte Gerry Marsden die legendärste aller Fußball-Hymnen live im Stadion gesungen. Im Borussia-Park entstand nun der Eindruck, die 51 000 hätten den Text von „You’ll never walk alone“ extra zuhause geübt. Wenn Gerry und seine Pacemakers ansonsten aus den Lautsprechern ertönen und noch vom goldenen Himmel und dem silberhellen Lied einer Lerche erzählen, gleicht der Gesang in der Kurve meist einem dezenten Gegrummel. Wer den Text nicht kennt, schweigt. Wer ihn kennt, traut sich vielleicht nicht, weil es den sangestechnisch weniger Begabten erschreckt, die eigene Stimme zu hören.

Sonntagnachmittag war es jedoch anders: Tausende Schals und noch mehr Kehlen, die spätestens beim Refrain für Gänsehaut-Exzesse sorgen. Wer den müden Kick im Anschluss gesehen hat, wird sagen, diese drei Minuten waren es so oder so wert, den FC Liverpool zu einem Freundschafts-, beileibe zu ernsten keinem Testspiel an den Niederrhein zu holen.

Nach acht Minuten sah es dann so aus, als stünde der Borussia-Park im Laufe des Spiels vor noch größeren Momenten. Daniel Ayala zeigte, warum er als einer der wenigen Liverpool-Profis keinen deutschen Wikipedia-Eintrag vorweisen kann. Selbst Karim Matmour konnte anschließend nicht anders, als den verunglückten Querpass mit der Fußspitze ins Tor zu befördern.

Vier Engländer plus U20-Auswahl

Der englische Immer-noch-Rekordmeister trat in der Startelf lediglich mit vier Namen an, die der breiten Masse bekannt gewesen sein dürften. Glen Johnson, Jamie Carragher, Joe Cole und Steven Gerrard gehörten zu den „Three Lions“, die mit einem 1:4 gegen Deutschland aus dem WM-Turnier evaporisiert wurden. Bloemfontein lässt grüßen. Fernando Torres, Pepe Reina oder Dirk Kuijt waren zuhause geblieben. Eine Art U20-Auswahl füllte die Mannschaft auf. Unterm Strich also ein Gegner so stark wie Hoffenheim? Frankfurt? Wolfsburg? Egal.

Logan Bailly und Christofer Heimeroth, das zweite Geburtstagskind neben der Borussia, mussten kaum einen ernsthaften Ball halten. Roel Brouwers und Dante räumten weg, was überhaupt wegzuräumen war. Vorne wiederum nährte Juan Arango die Hoffnungen, dass er nach einem guten ersten Jahr mit Elan und Lächeln auf den Lippen zum absoluten Leistungsträger wird. Allein Mo Idrissou konnte noch keine Antwort liefern, was Max Eberl und Co. genau mit seinem Transfer bewirken wollen. Wir haben Zeit.

„Hey, Hey“, stimmte die Nordkurve kurz vor Schluss an. „Wer nicht hüpft, ist eingeschlafen.“ Spätestens als sich kaum einer regte, war klar, dass 51 000 den Nachmittag halbwegs dösend verbrachten. Für einen 110. Geburtstag ist das beileibe keine Schande. In Gladbach ist man schließlich froh, wenn die alten Leistungsträger den Trend des letztens Jahres bestätigen. Wenn die Jungen weitere Schritte nach vorne machen. Wenn die Neuzugängen sich nahtlos einfügen. Damit wäre endgültig das Ende jener Zeit eingeläutet, in der man fürchten musste, die Vereinsbosse würden einen übergewichtigen Brasilianer ausgraben, der zur Saisoneröffnung mit dem Fallschirm im Mittelkreis landet.

Das Ende des Zaubers

Chucks, Jeans, V-Ausschnitt – den Mut zur Eigenwilligkeit in Form von Schnäuzern und Vokuhilas haben die Profis von heute längst verloren. Es regiert die Eintönigkeit. Wobei sie nicht einmal etwas dafür können.

Es gibt einen neuralgischen Punkt im Leben eines Fußball-Fans. Denn irgendwann kommt der Tag, an dem ein Spieler für den Klub des Herzens aufläuft, der jünger ist als man selbst. Fast zwei Jahre liegt dieser Knackpunkt nun schon hinter mir. Am 29. November 2008 debütierte Tony Jantschke für Gladbach in der Bundesliga.

Kinder und Jugendliche neigen dazu, besonders zu heroisieren. Man stellt sich eine Stunde lang in eine Schlange, damit ein Spieler, der für 1,2 Millionen Euro von irgendeinem mittelmäßigen Verein aus Belgien kam, seine Unterschrift auf den Rücken des Trikots setzt. Seine Unterschrift, von der er selbst wohl nicht einmal weiß, wie das kryptische Gekritzel einst zustande kam. Auf der Saisoneröffnung durchbricht der Puls bereits die Schallmauer zur Dreistelligkeit, wenn sich der Neueinkauf aus Paraguay auch nur drei Meter neben einem bewegt, man ihm beim Foto womöglich den Arm über die Schulter legt.

Irgendwann ist das vorbei. Das ist auch gut so. Was nicht heißt, dass es schlecht war, als es noch anders war. Irgendwann im Alter von 18 oder 19 Jahren, wenn einen der Hausarzt schon lange siezt und die Bäckersfrau gerade damit begonnen hat, gewinnt die sportliche Komponente des Fanlebens an Bedeutung. Doppelsechs statt Autogrammkartensätze, vertikaler Fußball statt in die Horizontale zu gehen, wenn der 26-Jährige Mittelfeldspieler aus Skandinavien Bälle auf die Tribüne schießt.

Gestern Abend war wieder so ein Moment der Entzauberung. Ich stelle gerade das Auto im Parkhaus ab, in 30 Minuten beginnt der Film zum 110-jährigen Vereinsjubiläum der Borussia, als eine Gruppe junger Männer in meinem Alter um die Ecke biegt. Ohne Trikot und Stutzen dauert es sagenhafte drei Sekunden, bis ich realisiere, wer da gerade geparkt hat. Man muss hinzufügen: Der junge Profifußballer im Jahr 2010 ist in zivil beileibe nicht leicht zu erkennen. Irgendwo in der Stadt muss es einen Laden geben, in dem sie alle ihre Klamotten kaufen, einen H&M für Jungprofis, in den ein eigener Friseursalon integriert ist, der sich auf einheitliche Haarschnitte spezialisiert hat. Marco Reus, Tony Jantschke, Fabian Bäcker – Stammkunden.

Der Jungprofi 2010 trägt Chucks, dazu eine Jeans mit mindestens einem Loch und vorzugsweise ein T-Shirt mit V-Ausschnitt. Bei mir: keine Chucks, womit ich jedoch ziemlich alleine bin. Im Kleiderschrank: Moment, kein V-Ausschnitt, auch eine Seltenheit. Bei den Hosen: Ok, da ist doch tatsächlich ein Loch – weil ich, ungeschickt wie eh und je, letztens an einem Zaun hängen geblieben bin. Reus, Bäcker und Co. sind es nicht, die die Individualität haben sterben lassen. Sie geben nur fein gefiltert wider, dass sie irgendwo anders gestorben ist – oder auch gestorben wurde.

Juan Arango und Raúl Bobadilla haben deshalb an Sympathie gewonnen, als sie Mittwochabend ins Kino spazierten. Arango sah aus, als sei er noch immer verärgert darüber, dass Javier Bardem damals die Rolle im Coen-Meisterwerk „No Country for Old Men“ erhielt. Und Bobadilla: Der trug Flip Flops zur kurzen Jeans, wie man im Sommer eben so ins Kino geht.

Die Ironie dieses Abends ist es ja, dass ich behaupte, mein Fandasein sei sportlicher geworden, seitdem es Spieler gibt, die nicht nur einen Kopf kleiner, sondern auch jünger sind als ich. Die ich beim Zivildienst eingearbeitet hätte, wenn sie meine Nachfolger beim freudigen Mensch-ärgere-Dich-nicht-Spielen gewesen wären. Und was geht mir nach dem Film, der im Übrigen dem zum 100-Jährigen ähnelte und ansonsten lediglich um den Stadionneubau bereichert wurde, nicht aus dem Kopf? Bilder 20- bis 23-jähriger Fußballer, denen der Mut zum Eigenwilligen scheinbar völlig abgeht. Es muss ja nicht immer Mike Werner sein, kein Vokuhila, kein Schnäuzer. Aber vermutlich können die Jungs nicht einmal etwas dafür – sondern geben die Welt nur wieder, wie sie eben ist.