Archive for the 'Einwurf' Category

Schwarzweißmalerei im Namen der Tröte

“Zuschauerrekord im WM-Stadion Soccer City” stand Montag in der Zeitung. Und irgendwie beschleicht mich das Gefühl, dass dies nicht der eigentlich Kern der Nachricht ist, den die Rheinische Post (bzw. der SID) da loswerden wollte.

Südafrika spielte gegen Neuseeland, der Ball war ein Ei, Rugby hieß die Sportart und 90 000 kamen, um sich das 22:29 anzusehen. Zu den meistgehörten Dingen der WM – bei der an sich viele Hintergrundinfos das Potenzial hatten, den Titel der meistgehörten zu erringen – gehörte sicherlich der Hinweis, dass Fußball in Südafrika bekanntlich der Sport der schwarzen, Rugby der Sport der weißen Bevölkerung sei.

“Bemerkenswert” fand es der SID, dass im Stadion “nicht eine einzige Vuvuzela” ertönte – die Veranstalter hatten die Tröten des Trommelfelltodes kurzerhand verboten. Halbwegs aufmerksamen Fernsehzuschauern und Stadionbesuchern werden die wohlklingenden Geräusche vom ersten Bundesligaspieltag nicht entgangen sein. Kein Geräusch ist manchmal eben auch ein Geräusch. Sechs Vereine haben offizielle Verbote ausgesprochen, viele andere hoffen auf einen Trend zum Trötenverzicht. So sang man vergangenes Wochenende lediglich die Freude über die Rückkehr des Fußballs gepflegt in die Welt hinaus, nüchtern, kalt und emotionslos wie man in Deutschland eben so ist.

Fehlpässe aus dem Stand wurden wieder mit einem entnervten Raunen bedacht, Tore mit einem entfesselten “Jaaaa!” bejubelt und der gegnerische Torwart als masturbierende Gesäßöffnung mit einer im Rotlichtmilieu tätigen Mutter bezeichnet. Und auch wenn die Notwendigkeit letzterer Nebenerscheinung angezweifelt werden darf: Man kann Raphael Schäfer und alle anderen Keeper der Liga ja gerne mal fragen, ob ihnen 12 000 Vuvuzelas lieber sind.

Die Revolution frisst ihre Großväter

Warum die WM uns hoffentlich mehr gebracht hat als Platz drei.

Der Fußball ist zurück. Ja klar, werden sich viele denken, heute Abend eröffnen Bayern München und der VfL Wolfsburg die 48. Bundesliga-Saison. Doch so ist es nicht gemeint. Der Fußball ist zurück. Soll heißen: Das, was auf dem Platz geschieht, rückt wieder in den Mittelpunkt. Endlich. Bye bye, „Schland“. Tschüss, „Wer sind eigentlich die Gelben? Ach, scheißegal, ich hol’ noch ‘ne Runde Kurze“.

Oliver Fritsch diagnostiziert auf Zeit Online „eine puristische Reaktion auf die Boulevardisierung in der Vergangenheit“. Auf die Ran-Generation, aufgewachsen mit Beckmann, Kerner und Co., sollen die Kinder folgen, die mit ihrer fußballerischen Sozialisierung Jürgen Klopp und 3D-Analysen verbinden. “Reden wie Joachim Löw” lautet die Überschrift des Titels auf zeit.de. Dieses Löw’sche Pfeifen, die Reduzierung von “auch” zu “au” meint er damit Gott sei Dank nicht.

Fritsch verlinkt auf die Kontextschmiede, wo bereits vor ein paar Tagen ein 90-sekündiges Video erschienen ist, in dem Jakob sowohl pathetisch als auch pragmatisch appelliert: „Respektiere das Spiel.“ Dass die meisten Blogger, Blogleser und Blogleserfreunde das bereits tun, streitet niemand ab. Dass ganz offen und breiter als sonst über die Hinwendung zu 90 Minuten, 22 Spieler und einem Ball geschrieben wird, mag hoffentlich ein Zeichen sein, dass wenigstens Bruchstücke davon auch die „Schland“-Fraktion erreichen.

Und wenn die Buchstaben auf dem Dach meines siebenstöckigen Redaktionsgebäudes schon die Mahnung „Entscheidend is auf‘m Platz“ in die Welt hinausposaunen, dann will ich mich Oliver Fritsch und Jakob ohne Zögern anschließen. Gebt mir, gebt uns, gebt den ungläubigen Schwarz-rot-gold-Irokesen-Trägern Fußball. Mögen die Spiele beginnen – 306 und noch viele mehr.

Syn-des-mo-se: Ballack, Boateng und Bänderriss

ZDF spezial, Sportschau Extra, Titelthema: Die WM-Absage von Michael Ballack hat ein Echo verursacht, das in seinem Ausmaß letzten Endes beängstigend wirkte. Genauso beängstigend wie 100 000, die sich im Netz gegen Kevin-Prince Boateng verbünden. Und genauso beängstigend wie eine DFB-Elf ohne ihren Kapitän.

Binnen einer Stunde war es dunkel geworden in Sciacca auf Sizilien. Noch im Gespräch mit Michael Steinbrecher hatte die Sonne im Rücken von Oliver Bierhoff schöne Grüße nach Deutschland geschickt. Jetzt, um kurz vor halb neun, passte das Verschwinden des Tageslichts schon eher zur düsteren Stimmung, die sich um die Mittagszeit über ein Land gelegt hatte, das auf einmal den Eindruck machte, es sei in die tiefste Krise seines Bestehens gerissen worden. Und Schuld war nicht der Euro.

Screenshot: youtube.com

„Syndesmose“ mag zwar klingen wie eine biblische Plage mit Mord, Totschlag und anschließendem Weltuntergang. Dabei bedeutet ein Riss der Bänder im Sprunggelenk, die, wie der Name verrät, etwas zusammenhalten sollen, lediglich acht Wochen Pause und beschert dem Betroffenen einen Gips. Grund genug waren die Bänder von Michael Ballack jedoch für ein ZDF spezial und eine Extra-Sendung der Sportschau. Der Tod von Lech Kaczinsky, die Staatshilfe für Griechenland und die Aschewolke über Europa waren den Öffentlich-Rechtlichen zuletzt ein vergleichbarer Anlass, um heilige TV-Kühe zu schlachten und das Programm um jeweils gut zehn Minuten zu verschieben. Montagabend nun: die Syndesmose. Nur zweieinhalb Millionen schauten im ZDF zu, knapp drei in der ARD. Viel Lärm um wenig?

Frings, Ribéry, Boateng: Schlimm, schlimmer, am schlimmsten

Die Geschichte nahm am Samstagnachmittag ihren Lauf. Kevin-Prince Boateng – Berlin-Wedding, Hertha BSC, Tottenham, Dortmund, Portsmouth, Deutschland, Ghana, Klose, Hasebe, Lamborghini, Glitzer-Ohrring, Tattoos, Assoziationen ohne Ende – kam zu spät. Zu seinem, Michaels Ballacks und Fußball-Deutschlands Unglück war es nicht die Bahn, die er verpasste, sondern der Ball im Finale des FA-Cups. Man hat vor ein paar Wochen Franck Ribéry gegen Lisandro Lopez gesehen, sollte ein paar Stunden später Zeuge von Torsten Frings gegen Bastian Schweinsteiger werden. Schnell stand die Reihenfolge fest: Boateng am schlimmsten, Ribéry nicht annähernd so rüde, Frings erst Recht nicht. Während die Härte der Fouls und die Folgen für die Spieler in dieser Reihenfolge abnehmen, gilt dies nicht für die Bestrafung. Ribéry sah Rot, für Frings war es die zweite Verwarnung. Boateng kam mit Gelb davon.

Screenshot: youtube.com

Für Michael Ballack hatte es nach Absicht ausgesehen, wie er noch am gleichen Abend im Sportstudio verkündete. Ähnlich urteilten Millionen Hobby-Bundestrainer zwischen Flensburg und Berchtesgaden. Dass es danach aussah, bedeutet noch nicht, dass Kevin-Prince Boateng tatsächlich mutwillig auf den rechten Knöchel des 33-Jährigen gesprungen ist. Doch es geht unfassbar schnell: Man hat Boateng vor Augen, bemalt am ganzen Körper, mit funkelndem Stecker im Ohr. Man denkt an Klose, man denkt an Hasebe, an Berlin-Wedding, an Autospiegel. Es ist vielleicht nicht richtig, ohne besseres Wissen davon auszugehen, es sei Absicht gewesen, aber durchaus legitim. So ist der Mensch eben: auch im Kopf ein Demokrat, der im Mehrheitsprinzip denkt.

Die Reaktion im Netz: Parolen und Beschwichtigungen

Nicht ganz so legitim ist die Welle von Reaktionen im Netz. Während die einen sich redlich Mühe geben, die Sache mit Humor zu verarbeiten (@GNetzer: „Im Flutlicht sah der Knöchel aus wie ein Autospiegel“), schlagen andere über die Stränge. Knapp 100 000 versammeln sich mittlerweile in der Facebook-Gruppe „82 000 000 gegen Boateng“. Kategorie: „Nur zum Spaß“. Doch sehen es beileibe nicht alle so. „Das ist eine Seite für Fußballfans, nicht für Rassisten“, ermahnt der Gründer deshalb diejenigen, die einen wiederum daran erinnern, dass mittlerweile nicht nur Leute bei Facebook sind, die das Apostroph, Groß- und Kleinschreibung sowie Kommasetzung zumindest auf dem Stand eines 11-Jährigen beherrschen. Zwischen Parolen und Beschwichtigungen geht es online zu wie im echten Leben: Es gibt solche und solche. Den, der fordert, man möge Boateng im Gruppenspiel gegen Ghana die Beine brechen. Und den, der sich augenzwinkernd fragt, ob Philipp Lahm im Falle eines WM-Titels überhaupt in der Lage wäre, den Pokal in die Luft zu stemmen.

Screenshot: ZDF Mediathek

Der landesweite Aufruhr machte den Eindruck, die Missbrauchs-Fälle in der katholischen Kirche, Margot Kässmanns Alkohol-Fahrt, die Pleite der Lehman Brothers, das Ende der Regierung Schröder und die Clinton-Lewinsky-Affäre seien in einer einzigen Tagesschau verkündet worden. Dabei hatte sich ein 98-maliger Fußball-Nationalspieler in seiner letzten Vereinspartie der Saison kurz vor einer Weltmeisterschaft einen Innenbandriss und einen Teilriss der Syndesmose im rechten Sprungelenk zugezogen. So mögen diejenigen die Angelegenheit klein reden, die den Aufruhr für übertrieben halten.

Wer einen halbwegs klaren Blick auf die Realität behielt, der sah einen herben Rückschlag für eine deutsche Mannschaft, die auch mit Michael Ballack nicht nach Südafrika gereist wäre, um sich den Pokal so lässig zu holen wie ein Eis am Strand von Cancún. Nun setzt sie sich Anfang Juni zwar ohne ihren Captain in den Flieger. Ohne die Leitfigur, die die meisten ihrer 98 Länderspiele mit körperlicher Präsenz, Durchschlagskraft und Torgefahr bereichert hat. Doch die Sache müsste einen noch viel mehr mitnehmen, wenn Fußball nicht gleichzeitig ein Mannschaftssport wäre, in dem der Einzelne nur im Kollektiv funktioniert. Eine deutsche Basketball-Mannschaft ohne Dirk Nowitzki bräuchte dagegen gar nicht erst mit Ambitionen bei einem großen Turnier antreten.

Ohne Ballack schwächer als mit

Die Zahlen geben durchaus Aufschluss darüber, wie wichtig Michael Ballack seit seinem ersten Länderspiel im April ‘99 gegen Schottland gewesen ist. 141 Länderspiele hat die DFB-Elf seitdem absolviert. In den 98 Partien mit dem gebürtigen Görlitzer holte sie im Schnitt exakt 2,0 Punkte, verlor nur 20,4 Prozent aller Spiele. Wenn Ballack, wie in insgesamt 43 Fällen, einmal nicht mit dabei war, sank der Punkteschnitt auf 1,65 und 27,9 Prozent gingen verloren. Mit ihm gewann Deutschland einmal in Wembley. Ohne ihn gewann Deutschland einmal in Wembley. Mit ihm verlor Deutschland ein großes Endspiel. Ohne ihn verlor Deutschland ein großes Endspiel. Mit ihm ging Deutschland 1:5 gegen England unter. Ohne ihn ging Deutschland 1:5 gegen Rumänien unter. Wie sehr der Ausfall des 33-Jährigen die Nationalmannschaft trifft, wird sich so wohl erst in Südafrika zeigen.

Seit Beginn dieses Textes, hat die Boateng-Gruppe 5000 Mitglieder hinzu gewonnen. Jeder Hobby-Bundestrainer hat eine Lösung parat. Und wenn sich darunter Stimmen finden, die nun lauthals Kevin Großkreutz fordern (der am Montag auf dem OP-Tisch lag), dann ist es wohl gut, dass am Ende nur einer entscheidet. Egal wie. Auch ohne ZDF spezial und völlig undemokratisch.

Medien-Echo:
Süddeutsche Zeitung: “Diagnose: Achsenbruch”
Taz: “Der Führer ist tot, es lebe das Team!”
FAZ: “Boatengs Tritt, volle Absicht?”
Zeit Online: Endlich Zeit für neue Alphatiere
Und, als hätten sie es geahnt: Das Zeit-Dossier über Kevin-Prince Boateng

Die Egalheit der Egalheit

Manchester oder Bayern: Entscheiden fällt schwer.

Man könnte einen Fußballfan an den Rand eines Spielfeldes an jedem Ort dieser Welt stellen. Man könnte zwei Mannschaften spielen lassen, die er gar nicht kennt. Mannschaften, die vielleicht gar keine Mannschaften sind. Unter Umständen ließe man sie sogar ohne Trikots spielen. Farben können ablenken. Trotz mangelnder Anhaltspunkte für Sympathien und Antipathien würde es nicht lange dauern, bis der Fußballfan sich sicher wäre: Das Team in den, äh ja, hautfarbenen Trikots sollte die Nase vorn behalten. Das Team, das gerade von links nach rechts spielt. Er wüsste nicht, warum. Aber er wüsste es.

Nun sind Spiele in modernen Fußball-Tempeln wie der Allianz-Arena oder Old Trafford, von der Größe eines vorstädtischen Wohngebietes, damit kaum zu vergleichen. Doch wenn Bayern München und Manchester United aufeinandertreffen, dann kann wohl nur der dieses Duell gelassen und ohne Vorlieben verfolgen, der es gar nicht verfolgt. Letzten Dienstag war ich hin und her gerissen zwischen den Roten und den Weißen, die ansonsten ja auch Rote sind – da fängt die Verwirrung ja schon an. Ich war so hin und her gerissen, dass ich mir eigentlich schon wieder sicher war, die Bayern dürften das Viertelfinal-Hinspiel der Champions League auf keinen Fall gewinnen. Die Verwirrung war so groß, dass ich mir in Wirklichkeit nämlich gar nicht mehr so sicher war. Wer den Sinn jetzt nicht versteht, hat ihn kapiert.

Der Anpfiff in München kam. Ich saß noch in der U-Bahn zu einem Kumpel, als mein Handy klingelte. Manchester führte bereits nach 64 Sekunden mit 1:0, Rooney hatte getroffen und ich glaubte es dem Informanten, weil der Ausrutscher von Demichelis zu glaubwürdig klang, um ausgedacht zu sein. Ich saß noch nicht vor dem Fernseher, doch schon machte sich Zufriedenheit breit. Denn vor den wirklich bedeutenden Spielen im Fußball-Kosmos beginnt man nicht erst nach 18 Minuten Spieldauer, sich über Sympathiepunkte Gedanken zu machen. Das Brainstorming beginnt früher. Doch eigentlich brauchte ich vor Bayern-Manchester gar kein Brainstorming. Eigentlich.

Man United hätte das Spiel bereits in Hälfte eins entscheiden können. „Wenn nicht sogar müssen“, würde ein gewiefter Kommentator jetzt entgegnen. Ich witterte bereits ein Barcelona reloaded für den deutschen Rekordmeister (das von 2009, nicht 1999). Doch es blieb aus. In Hälfte zwei musste ich mehrmals einem anderen Kumpel in die Parade fahren, weil der partout nicht damit aufhörte, immer wieder „Boah, ist Ribéry stark!“ in den Raum zu werfen. Als der nach 76 Minuten auch noch Rooney in der Freistoß-Mauer anschoss und der Ball sich irgendwie ins Tor duselte, schwoll mein Hals langsam aber sicher an. Warum sollte ich mich über 0,166 Punkte für die Fünfjahreswertung freuen, wenn mein Verein am Europacup seit Jahren so nah dran ist wie ein Zuschauer in der letzten Reihe in Camp Nou am Spielgeschehen?

Dann hatte sich das Spiel mit sich selbst eigentlich schon auf das undankbarste, weil so furchtbar diplomatische Ergebnis geeinigt, ein Unentschieden, als der „Geist von Solskjaer“ plötzlich Ivica Olic heimsuchte. Auf einmal sah ich eine Kurve wild durch die Luft hüpfen, die sich ansonsten so träge bewegt wie Algen in der sanften Strömung am Meeresboden. Egal, wer in Szenen wie dieser durch die Luft hüpft, egal welche Farbe die Trikots und Schals haben – man kann als Fußball-Fan nicht anders, man ist mitgerissen, beeindruckt, irgendwie bewegt. Noch viel mehr als die Algen am Meeresboden. Innerlich zerreißt es einen, weil man nach draußen lauthals flucht, der Körper jedoch unfreiwillig Glückshormone ausschüttet. Gefühlskombinationen dieser Art hält wohl kaum ein anderer Lebensbereich bereit.

Nun läuft das Brainstorming für heute Abend bereits auf Hochtouren. Das 2:1 der Bayern auf Schalke hat gezeigt, dass große Champions-League-Erfolge den Rekordmeister doch nicht so sehr lähmen und ablenken, wie angenommen. Demnach ergibt es wenig Sinn, ihnen für heute Abend Schlechtes zu wünschen, auf dass es in Leverkusen am kommenden Samstag ähnlich aussehe. In der Fünfjahreswertung könnte ein Weiterkommen des FC Bayern mehr als nur wegweisend sein, da die Runden angebrochen sind, in denen Konkurrent Italien nur noch Inter Mailand dagegen zu setzen hat. Unterm Strich spricht also mehr dafür, den Bayern ernsthaft die Daumen zu drücken. Zumal ich Manchester United von all den englischen Mannschaften, die man potentiell lieben könnte, am allerwenigsten mag. Und es außerdem so gut getan hat, erstmals seit dem 9. April 2002, erstmals seit Bayer Leverkusens 4:2 gegen den FC Liverpool wieder eine deutsche Mannschaft im Viertelfinale der Champions League siegen zu sehen. Fußballerisches Selbstvertrauen ist eben nicht vereinsgebunden.

Es ist merkwürdig, dass ich jede Jahr aufs Neue alle Pros und Contras einer erfolgreichen Europacup-Spielzeit des FC Bayern auf die Waagschale lege, ohne mich ein für allemal, definitiv und mit finaler Sicherheit entscheiden zu können. So wird es wohl auf ewig bleiben und irgendwie gibt es ja auch etwas her. Fest steht, dass ich mit jedem Ergebnis heute Abend auf irgendeine Weise leben kann. Was noch lange nicht heißt, dass es mir egal wäre. Wir, die sich das Woche für Woche und manchmal Tag für Tag antun, haben es einfach nicht leicht.

Sitzen und sitzen bleiben

Die schreibende Zunft produziert bisweilen Kampagnen, egal ob pro oder contra, die jeden Bundestagswahlkampf vor Neid erblassen lassen. Derzeit ist es wohl einzig und allein der Quote 37 aus 69 zu verdanken, dass selten jemand die Nationalelf-Tauglichkeit von Kölns Nummer 10 in Frage stellt.

Fünfzehn deutsche Stürmer haben in dieser Spielzeit bislang häufiger getroffen als Lukas Podolski. Hinzu kommen sogar etliche Abwehrspieler. Das spricht weniger für einen Angriffs-Boom im deutschen Fußball, sondern vielmehr für eine absolut gebrauchte Saison, die der 24-Jährige erwischt hat. Momentan bleibt es ihm zwar versagt, seiner Flaute noch mehr Minuten hinzuzufügen (die elende Zählerei wollen wir ihm an dieser Stelle ersparen). Doch während der „verlorene Sohn“, der in der Hinrunde bisweilen noch verlorener wirkte als seinerzeit in München, seit nunmehr drei Wochen ausfällt, hat seine Mannschaft plötzlich das Toreschießen für sich entdeckt. Zehn Treffer in 17 Hinrundenpartien, zehn Treffer in vier Rückrundenpartien – Köln hat die Podolski-Hemmschwelle überwunden.

Niemand zweifelt ernsthaft daran, dass Podolski zur WM nach Südafrika fährt. Miroslav Klose wird dann mit ihm im Flieger sitzen. Zwei Stürmer, zwei Tore, zwei Wildcards. Auf der Bank wird dann ein Angreifer sitzen, der nach dem 21. Spieltag 13 Treffer auf dem Konto hatte. Ein ebenfalls schon zweistelliger Kandidat wird ebenfalls Platz nehmen – auf dem heimischen Sofa. Weil er einst ein Stadion verließ, ohne „Tschüss“ zu sagen. Lukas Podolski ohrfeigte einst den Kapitän der Nationalmannschaft vor den Augen aller Welt auf dem Spielfeld. In der Disziplin Nahkampf ist Jogi Löws Leistungsprinzip wenigstens noch das, was es niemals war.

„Lutscher“ muss bittere Pille schlucken -
oder: Jogi Löw und sein Leistungsprinzip

Wer auf jeden Fall zur WM fährt, darüber lässt sich nur mutmaßen. Fest steht jetzt schon, wer definitiv nicht dabei sein wird: Torsten Frings.

Wer bei Google nach „Jogi Löw+Leistungsprinzip“ sucht, der wird dieser Tage gleich 88 000-mal fündig. Zum Vergleich: Die viel diskutierte Frisur des Bundestrainers kommt nur auf ein Fünftel dieser Treffer. Immerhin. Dabei dürfte es spätestens seit dieser Woche einfacher sein, die Frage „gefärbt oder nicht gefärbt?“ zu beantworten, als festzuhalten, was es mit diesem ominösen Leistungsprinzip überhaupt auf sich hat.

Allzu überraschend kam die Ausbootung von Torsten Frings – etwas euphemistisch auch als „Nicht-Berücksichtigung“ bezeichnet – in dieser Woche nicht mehr. Doch verständlicher wird sie dadurch auch nicht. Bevor das Tischtuch zwischen Frings und Löw im Laufe der letzten Monate Stück für Stück zerschnitten wurde, zog es bereits im Oktober 2008 erste Fäden. Beim 2:1 gegen Russland war der Bremer erst kurz vor dem Ende eingewechselt worden, kurz darauf gegen Wales spielte er gar nicht.

Manch einer hätte die bittere Pille ohne Widerrede geschluckt. Nicht so der „Lutscher“, der im Februar 2009 beim 0:1 gegen Norwegen sein letztes von 79 Länderspielen absolvierte. Frings fühlte sich nicht respektiert, fand seine Verdienste um die Nationalmannschaft nicht ausreichend gewürdigt. Und die direkte Konkurrenz um den Platz in der Doppel-Sechs neben Michael Ballack – Simon Rolfes und Thomas Hitzlsperger – sah er schlichtweg nicht auf einem besseren Leistungsniveau. Auch wenn die Kicker-Noten trotz zahlreicher Schein-Petitionen noch immer nicht den WM-Kader zusammenstellen, sticht Frings’ aktueller Schnitt von 3,03 ins Auge. Nur zweimal fehlte der 33-Jährige verletzungsbedingt in der Bundesliga, spielte bei 18 von 24 Pflichtspieleinsätzen über die volle Distanz.

Und die direkte Konkurrenz um einen Platz im Flieger nach Südafrika? Simon Rolfes hatte sich in der ersten Hinrundenhälfte als Anwärter Nummer eins präsentiert und in allen Belangen überragt. Die zweite Hälfte verpasste der Leverkusener jedoch nach einer Knie-OP vollständig, wird jetzt langsam an die Startelf herangeführt. Thomas Hitzlsperger steckt derzeit im größten Tief seiner Karriere, hat beim VfB die Kapitänsbinde abgeben müssen und ist nicht mehr erste Wahl. Teamkollege Sami Khedira überzeugte zu Saisonbeginn nur phasenweise, fiel dann lange aus. Der 22-Jährige gehört nach der Entlassung von Markus Babbel nun aber zu den großen Stützen der Stuttgarter Aufholjagd.

Für acht Mittelfeldspieler dürfte in Jogi Löws WM-Aufgebot Platz sein. Michael Ballack, Bastian Schweinsteiger und Mesut Özil haben ihr Ticket sicher. Ansonsten tummeln sich viele Neulinge, Youngster und Wackelkandidaten auf der Liste. An Toni Kroos dürfte Löw kaum vorbei kommen, wenn der Bayer-Bayer seine Form halbwegs bis zum Saisonende hält. Für Marko Marin dürften die Chancen dann sinken. Özil, Kroos, Marin – das wäre wohl zu viel des Wirbels. Marcell Jansen befindet sich im Aufwind. Der Hamburger lebt davon, dass er variabel einsetzbar ist und es von seinem Typus nicht viele gibt. Gleiches könnte für Sami Khedira gelten. Für Thomas Hitzlsperger und Piotr Trochowski müsste es getreu dem vielzitierten Leistungsprinzip mehr als eng werden, weil Simon Rolfes in jeder Hinsicht die Nase vorn hat. Doch wovon kann man auf dem Personalkarussell schon ausgehen?

Jener Simon Rolfes wäre in diesem Fall mit 28 Jahren, nach Michael Ballack, der Oldie im deutschen Mittelfeld. Mit Abstand. Warum ein 33-Jähriger, der in 79 Länderspielen selten enttäuscht und an allen Nationalelf-Erfolgen des 21. Jahrhundert maßgeblich mitgewirkt hat, in diesem System keine Rolle spielen soll, bleibt schleierhaft. Sind etwa nur noch Nationalspieler gefragt, die selbst bei einer Pleitenserie auf der Playstation stets die Contenance bewahren? Nur damit im WM-Quartier Friede, Freude, Eierkuchen herrscht? Ein Vereinskamerad von Torsten Frings könnte sich ähnliche Fragen stellen. Seit Jahren überzeugt Tim Wiese mit Werder Bremen sowohl auf nationaler als auch internationaler Ebene. Dennoch bleiben Zweifel, ob der exzentrische Keeper jemals eine faire Chance haben wird, den Platz auf Torlinie einzunehmen.

Jogi Löw wandelt in der Vor-WM-Monaten auf einem schmalen Grat – und das nicht nur in sportlicher Hinsicht. Seine Personalentscheidungen sollen die Leistung in den Vordergrund rücken. Was war und was mal sein kann, spielt eine untergeordnete Rolle. In Wirklichkeit jedoch propagiert der Bundestrainer das Bild vom aalglatten Nationalspieler, der formbar ist wie Pizzateig und jegliche Entscheidungen stumm akzeptiert. Die Zeit der Aufklärung liegt mehrere Jahrhunderte zurück. Im Jahr 2010 wird es gern gesehen, wenn Fußballer in
eine Art Schockstarre der Mündigkeit fallen. Beim Fall Frings dürften sich Kant und Voltaire im Grabe umdrehen.

PS: Torsten Frings darf sich freuen – denn ihm ist der 500. Beitrag dieses Blogs gewidmet. Der Konfettiregen wird nachgereicht, Kanapees entfallen aus Kostengründen.

Drin im Klub – Bayer Leverkusen und die Tradition

Warum die „Werkself“ in ihrem 31. Bundesliga-Jahr so langsam dazu gehört.

Panorama of LeverkusenFlickr: leisergu

Eigentlich war der 15. Mai 2002 das unwürdige Ende einer Ära – und irgendwie passte er dann doch wie die Faust aufs Auge. Denn die sechs erfolgreichsten Jahre in der Vereinsgeschichte von Bayer Leverkusen blieben letztendlich ungekrönt. Einmal Vierter, einmal Dritter, viermal Vizemeister, Pokalfinalist, Einzug ins Champions-League-Endspiel – unterm Strich jedoch, titellos.

An jenem Abend in Glasgow war es, als zeichnete Leverkusen, erst vier Tage zuvor im DFB-Pokalendspiel dem FC Schalke unterlegen, selbst eine Karikatur der Spielzeiten von 1996 bis 2002. Real Madrid ging früh in Führung, Lucio glich aus. Dann brach Zinedine Zidane der Werkself kurz vor der Pause vermeintlich das Genick – mit einem Tor, das in keinem Video fehlen darf, in dem die Schönheit des Fußballs thematisiert wird. Doch Bayer gab nicht auf, spielte die damals noch wahrhaftig „Galaktischen“ in der Schlussphase regelrecht an die Wand.

Das Happy End blieb aus. Ballack, Butt und Co. mussten hinnehmen, dass sie an der dritten Trophäe Fingerabdrücke hinterlassen hatten, ohne sie am Ende in Händen halten zu dürfen. Ein paar Wochen zuvor hatte sich Old Trafford von den Sitzen erhoben und die Mannschaft nach dem Halbfinal-Hinspiel gegen Manchester United (2:2) mit stehenden Ovationen verabschiedet. Eine Champions-League-Spielzeit genügte, um den „Pillenklub“ zu einem wohlklingenden Namen für Fußball-Fans in ganz Europa zu machen.

Hierzulande hatte der Klub, vor 105 Jahren als „Turn- und Spielverein 1904 der Farbenfabrik vormals Friedrich Bayer Co. Leverkusen“ gegründet, lange Zeit mit Imageproblemen zu kämpfen. Ganz verschwunden sind sie noch immer nicht. Vor einigen Jahren noch als „Werkself“ verpönt, spielt der Verein mittlerweile jedoch mit seinem Image. Wer die Homepage besucht, sieht zunächst ein Intro, in dem die Kamera durch die Stadt fährt. Rauchende Schornsteine, das wuchtige Bayer-Logo, unscheinbare Wohngebiete – und zu guter Letzt natürlich die BayArena, nach dem erneuten Umbau eines der modernsten und schönsten Stadien Deutschlands. Liegt es an den aktuellen Erfolgen, der Tabellenführung, dem herzerfrischenden Fußball? Oder ist Bayer Leverkusen etwa angekommen im Kreis der Vereine, die ihre Daseinsberechtigung aus einem einzigen, vielzitierten Wort schöpfen? Tradition.

31 Jahre Bundesliga in Folge – nur der HSV, die Bayern, Borussia Dortmund und der VfB Stuttgart können das ebenfalls von sich behaupten. Alle anderen mussten sich in der Zwischenzeit zumindest für ein Jahr verabschieden. Manche kehrten gar nicht zurück. Man kann Leverkusen bescheinigen, dass es sich nicht nur gehalten, sondern etabliert hat. In 23 von 30 Spielzeiten belegte der Klub einen einstelligen Tabellenplatz, landete gleich elfmal unter den ersten Fünf. Das macht im Schnitt Platz 6,9. Nur dreimal schrammte Bayer knapp am Abstieg vorbei. 1982 rettete die Relegation gegen die Kickers Offenbach. Dann war Markus Münch 1996 der Held im letzten Saisonspiel gegen Kaiserslautern, schoss die Pfälzer wiederum zum ersten Mal in Liga Zwei. Und 2003, im Jahr nach der schrecklich-schönen Saison mit dem Beinah-Triple, blieb man ebenfalls drin. Irgendwie. Leverkusen gewann zwei Quasi-Endspiele gegen 1860 und Nürnberg. Spötter mögen sagen, die einzigen beiden in den letzten 16 Jahren.

Doch es gibt trotzdem Fußball-Trophäen auf dieser Welt, die der Vereinsname des Elften der Ewigen Bundesliga-Tabelle ziert. 1988 gewann Bayer den UEFA-Cup dank eines legendären 3:0 plus Sieg im Elfmeterschießen gegen Espanyol Barcelona. Fünf Jahre später verlief das Pokalfinale in Berlin gegen Herthas Amateure weitaus weniger legendär: 1:0. Doch gewonnen ist bekanntlich gewonnen. Werden sie sich in Leverkusen noch das eine oder andere Mal gedacht haben. Ein einziges Adjektiv in diesem Absatz taugt bereits als schlagkräftiges Argument für die Aufnahme in den erlauchten Kreis der Traditionsklubs: „legendär“. Vereine, die Legenden verfasst haben – Geschichten, die sich Fußball-Deutschland von Flensburg bis Garmisch erzählt, um ins Schwärmen zu geraten -, Vereine wie diese bringen wenigstens ein Mindestmaß an Tradition mit. Ein Startkapital sozusagen.

Neben den legendären Spielen kommen die legendären Spieler hinzu. Leverkusen hat Arbeiter wie Nowotny, Ramelow und Kirsten auf der einen Seite gesehen, Ball-Künstler wie Zé Roberto, Emerson und Bernd Schneider auf der anderen – und über allem Weltklasse-Leute wie Ballack, Völler und Schuster, wenn auch Letztere erst im Herbst ihrer Karriere. Hinzu kommen Namen wie Cha, Tita, Lucio, Butt, Juan, Paulo Sérgio, Berbatov und die Kovac-Brüder. Die Liste bleibt höchst unvollständig.

Doch der aktuelle Tabellenführer der Bundesliga hat in all den Jahren nicht nur Erinnerungen an Namen und Spiele unter dem Bayer-Kreuz angehäuft. Vor allem die Spielweise der „Werkself“ aus den erfolgreichen Jahren der Ära Daum/mit Abstrichen Vogts/Toppmöller hat nachhaltigen Eindruck hinterlassen. Zuverlässige Arbeiter gepaart mit Ballvirtuosen und Durchschlagskraft machten Bayer in jener Zeit zweimal zur Torfabrik der Liga, dreimal zur zweitbesten Offensive. Nur die Saison 2000/2001 brachte keinen Spitzenplatz in dieser Statistik. Kein Wunder, dass in den vergangenen 13 Spielzeiten nur Werder Bremen und Bayern München ähnlich viele Treffer erzielt haben. Erstere sind ebenfalls dafür bekannt. Letztere mischen nun einmal immer vorne mit.

Namen, Spiele, Erfolge, Philosophie – ein fünfter Gradmesser in puncto Tradition darf natürlich nicht fehlen: die Fanbasis. Bayer Leverkusen gehört seit jeher zu den Vereinen, die in deutschen Büros, Schulen und Kneipen chronisch unterrepräsentiert sind. Was nicht zuletzt an der – fantechnisch gesehen – starken Konkurrenz im Westen liegt. Der 1. FC Köln ist in dieser Hinsicht unumstritten die Nummer eins am Rhein. Düsseldorf ist ebenfalls in und um die Stadt tief verwurzelt. Leverkusen wird quasi eingekesselt von den Karnevalshochburgen rheinauf- und abwärts. Links des Rheins genießen etwas südlicher die Alemannen aus Aachen die Vorherrschaft, am Niederrhein regieren die Gladbacher Borussen. Im Norden drückt das Ruhrgebiet das Leverkusener Fanpotential mit insgesamt sieben aktuellen oder ehemaligen Bundesliga-Vereinen, von denen je zwei knapp vor und knapp hinter Bayer in der Ewigen Tabelle des Oberhauses platziert sind. Wer an Rhein und Ruhr keinem der genannten Klubs die Daumen drückt, kann noch immer so tun, als sei er Fan des Rekordmeisters. Oder aber er ist aus dem Norden oder Süden zugezogen und dahingehend geprägt. Östlich von Leverkusen ist fußballtechnisch wenig los. Doch da liegt bekanntlich auch das Sauerland.

Der Traditionsfaktor Fanbasis fällt jedoch bei so manchem Verein weg. Wer im Schwarzwald nach Eintracht Braunschweig fragt, an der Nordseeküste nach 1860 München und im Ruhrpott nach dem 1. FC Kaiserslautern, der wird viele irritierte Gesichter zu sehen bekommen. Obwohl alle wenigstens einmal Deutscher Meister geworden sind. Einige Traditionsvereine sind, wie gesagt, ausschließlich in und um ihre Stadt verwurzelt. Außerhalb der Region kümmern sich nur wenige um ihre Belange. Warum also Bayer Leverkusen zum Vorwurf machen, dass seine Anhängerschaft ein überschaubares Grüppchen ist?

Zu guter Letzt heilt ein banales wie einleuchtendes Argument alle Traditionswunden: die Zeit. Wer die 31. Saison in Folge in der Bundesliga spielt, der könnte sich schon alleine darauf berufen, wenn Kritiker wieder einmal die Werksverein-Keule schwingen. Wir kennen das aus dem alltäglichen Leben: Das Neujahrsgrillen mit den Freunden wird zur Tradition, weil es nun einmal jedes Jahr stattfindet – nächsten Januar schon zum fünften Mal. Gleiches gilt für den Abistreich, bei dem der Schulleiter in einem Einkaufswagen sitzend durch die Stadt gefahren wird – seit 2003 fest im Programm.

Bayer Leverkusen ist dabei und wird so schnell wohl auch nicht verschwinden. Weil Tradition ja irgendwie verpflichtet.

Wenn eine Schublade fehlt

Zum Tod von Robert Enke.

Unsere Lebenserfahrungen sind ein Aktenschrank. Mehr oder minder sorgfältig ordnen wir sie in Schubladen ein, beschriften sie – und greifen darauf zurück, wenn es notwendig wird. Entweder übernehmen wir die Erfahrungen dann als Leitfaden, hangeln uns an ihnen entlang wie an einem Seil auf einer wackligen Hängebrücke. Oder aber wir setzen den Tipp Ex an, radieren hier und da ein bisschen herum, machen Notizen am Rand, um es dieses Mal noch einen Tick besser zu machen.

Fußball-Fans, der DFB, die Medien, prinzipiell alle, die sich in irgendeiner Weise betroffen fühlen, haben am Dienstagabend die Erfahrung gemacht, dass ihnen eine wichtige Schublade fehlt. Eine Schublade, in die sie den Tod von Robert Enke irgendwie einordnen könnten. Eine Schublade, die ihnen konkret mitteilt, was nun richtig, falsch oder auf gewisse Weise beides ist. Denn es gibt keinen vergleichbaren Fall. Und so musste eine Fußball-Nation, in weiten Teilen eine ganze Gesellschaft nun wie wild im Aktenschrank ihrer Lebenserfahrungen wühlen. Sie musste sich notdürftig einen Flickenteppich aus möglichen Verhaltensweisen zusammennähen, um sich letztendlich zu großen Teilen doch auf ihre Intuition und ihren – zumeist gesunden – Menschenverstand zu verlassen.

Als im März 15 Menschen beim Amoklauf von Winnenden starben, sah das anders aus. Fast genau sieben Jahre zuvor hatten die Ereignisse am Gutenberg-Gymnasium in Erfurt in unseren Köpfen eine Schublade kreiert, aus der wir uns nun wieder bedienen konnten. Dieselben Fragen und Erklärungsversuche wurden erneut aufgewühlt. Dieselbe Art der Erschütterung ging durchs Land. Und erneut mussten wir feststellen, wie hilflos wir doch sind.

Was 2002 in der Berichterstattung über Erfurt falsch gelaufen war, konnte in Winnenden korrigiert werden. Johannes B. Kerner wird realisiert haben, dass er diesmal besser keinen 11-jährigen Augenzeugen in seine Sendung einlädt. Andererseits sorgten gewisse Handlungen in der Medienbranche für heftige Kritik. Fotos der Opfer wurden ohne Rücksicht auf Persönlichkeitsrechte aus sozialen Netzwerken kopiert und – noch gravierender – ohne Zustimmung in der Zeitung veröffentlicht.

Die Tragik des Selbstmords von Robert Enke mag zwar in einem anderen Verhältnis stehen. Die Mechanismen, die in der Folge eines solch überraschenden wie erschütternden Ereignisses in Gang gesetzt werden, unterscheiden sich jedoch nicht allzu sehr. Wo endet der Informationsbedarf der Öffentlichkeit? Wo beginnt die Sensationslust? Die Grenzen verschwimmen. Alle Welt tappt durch eine neblige Grauzone, sieht kaum die Hand vor Augen. Wer Woche für Woche, oder besser Spieltag für Spieltag eine gewisse Form der Sehnsucht auf einen Torwart wie Robert Enke, eine Person des öffentlichen Lebens, projiziert hat, der besitzt zumindest ein oberflächliches Recht auf Erklärung. Ohne anmaßend zu sein, ist die Stellung eines Nationalspielers in der Gunst des öffentlichen Interesses eine andere als die unserer Nachbarn, Metzger oder Briefträger. Neustadt-Eilvese, Suizid, schwere Depressionen, 2003, Abschiedsbrief – das sind die Oberbegriffe dessen, was wir wissen, und worauf wir ein Anrecht haben. Insofern es so etwas überhaupt gibt. In etwa hier dürfte die besagte Grenze verlaufen.

Die letzten knapp 48 Stunden haben gezeigt, dass es einfach keinen goldenen Weg der Bewältigung gibt. Wir wissen, dass der Handlungsspielraum die Absage eines Länderspiels beinhaltet. Gleichzeitig endet er ein paar Meter vor dem, was beispielsweise Johannes B. Kerner gestern Abend in einer überflüssigen Sondersendung fabrizierte. Doch auch Gegenteiliges stößt nicht nur auf Zustimmung. Für seine wohltuende Berichterstattung – oder auch Nicht-Berichterstattung – musste sich „11Freunde“ Vorwürfe der Doppelmoral gefallen lassen. Kritik stößt wiederum selbst auf Kritik. Die Meinungen prallen aufeinander, weil jeder eine Erklärung sucht. Möglichst die beste von allen.

Wir sollten uns, zumindest bevor überhaupt auch nur ein einziger Grashalm über die Ereignisse gewachsen ist, eingestehen: Wir haben keine Erklärung dafür. Ähnlich lauteten die Worte von Johannes Rau auf der Trauerfeier zum Amoklauf von Erfurt. Einfach inne halten, das mag zunächst den Eindruck erwecken, dass man verdrängt. Dabei ist es an Tagen wie diesen die angemessenste aller Lösungen. Ruhe in Frieden.