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Violett auf Schwarz – eine Ode an den Videotext

Er ist ein Retter im Ferienloch, eine Brücke im Werbeblock. Jeder Fußballfan weiß mit den Seiten 251 und 253 etwas anzufangen. Und das vielleicht noch sehr, sehr lange. Denn der Videotext ist nicht klein zu kriegen.

VideotextNicht wenige von uns werden mit violetter Schrift auf schwarzem Grund ein paar nervenaufreibende Nachmittage verbinden. 2-5-1, 2-5-1. Immer wieder. Der ARD-Videotext kennt keine F5-Taste zum Aktualisieren und Malträtieren. So ein Durchlauf kann lang sein. Und wenn im entlegensten Fischerdorf von Griechenland die Sonne vom Himmel brennt, weit und breit keine Fußball-Kneipe zu sehen ist und die hellenische Gastfreundlichkeit gegenüber Deutschen sich auf den Empfang des ARD-Fernsehprogramms beschränkt, dann darf man durchaus verzweifeln. 2-5-1, 2-5-1.

Die neuesten Fernseher ersparen zwar größtenteils den elendig langen Suchlauf, Klappseiten können manuell umgeblättert werden. Doch in Zeiten des Internets ist der Videotext, gerne auch Teletext genannt, eigentlich ein Medium von gestern. Wer es will, der wird heutzutage fast minütlich mit neuen Feeds aus der Welt des Fußballs gemästet. Wer dafür nicht einmal vor dem PC sitzen, sondern am liebsten auch in der U-Bahn gefüttert werden möchte, der trägt ein iPhone mit sich herum.

100 Videotext-Seiten haben jedoch noch immer nicht ihren Reiz verloren. Vier Seiten genügen, um die wichtigsten Meldungen übersichtlich zu präsentieren. Zweideutige Angebote von „reifen Hausfrauen“ bleiben dem treuen VT-Nutzer auf den Öffentlich-Rechtlichen zudem erspart. Der Videotext schöpft seine Schönheit aus seiner Bescheidenheit. Dennoch kann man sich sicher sein, dass das, was sich auf meist nur 30 Seiten findet, wirklich am wichtigsten ist im Sport. Und weil das Fernsehprogramm selten für eine Eilmeldung unterbrochen wird, wenn Jan Simak nun doch nicht nach Bielefeld geht, ist der „Text“ meist schneller als das Medium, ohne das er gar nicht existieren würde. Paradox, aber wahr.

Während im Internet der Klick näher ist als das Eintippen dreier Zahlen auf der Fernbedienung, während Radio und Fernsehen einer Schlagzeile meist sofort die Nachricht folgen lassen, besitzt der Videotext ein Monopol auf ein kleines Spiel mit unserer Fantasie. Denn bei wem wecken Überschriften wie „Mutti trainiert Bergamo“ oder „Schalke: Spielabsage wegen Dachschadens“ keine Assoziationen? Außer bei Coach Bortolo Mutti und allen königsblauen Anhängern vielleicht.

Der Videotext ist eine Brücke im Werbeblock, ein Retter im Ferienloch – nicht der aber immerhin ein Nabel der Welt. „Teletext – ein Masseninformationsmedium mit Zukunft“ hieß eine Vorlesung an der Universität des Saarlandes. Im Wintersemester 1999/2000. Zehn Jahre später gibt es ihn immer noch, sogar im Internet. Der nächste Sommerurlaub am Arsch der Welt kann kommen. Solange Griechen, Portugiesen, Finnen mitspielen – und ihre Satellitenschüssel richtig justieren.

Definiere: Wir – Definiere: Ewigkeit

Man kann Fremdwörter einfach auf Deutsch übersetzen, zur Not ein Fremdwörterbuch zur Hand nehmen. Man kann ratlosen Kindern aber auch einfach ein You-Tube-Video zeigen. Vermutlich können sie damit ohnehin mehr anfangen als mit antiken Druckerzeugnissen.
In der heutigen Unterrichtsstunde auf dem Plan: Paradoxon, das. Kinder, schlagt bitte Minute 1:28 bis 1:33 auf. Eure Aufgabe: Definiert die Bedeutung von “Wir” und “ewig” mithilfe des Videos. Danke.

Lösung: “Wir” ist neuerdings nicht mehr Pronomen der 1. Person sondern rückt in die 3. Person. Derweil wird “ewig” in seiner Konnotation auf eine Stufe gesetzt mit “öh.. pff… ömm… so lange eigentlich noch gar nicht beziehungsweise gar nicht”.

„Graues Sakko, grauer Rolli“ – Twitter und der DFB

Seit „Deutschland. Ein Sommermärchen“ kann man der Nationalmannschaft nur noch begrenzt einen Mangel an Transparenz vorwerfen. Doch das „Ja“ zu Twitter bedeutet nun einen weiteren Schritt der Öffnung – exklusiv und mit Selbstironie.

Twitter+DFBMarcel Schäfer stehen in den nächsten Monaten einige schlaflose Nächte bevor. Und das nicht, weil der 25-jährige um einen Platz im Kader für Südafrika kämpft. Nein, der Mann vom VfL Wolfsburg ist Vater geworden. Wer nicht mit im Kreißsaal war, muss schon im Raum Aschaffenburg Zeitung lesen, den „Kicker“ am Kiosk kaufen – oder neuerdings dem Twitter-Account „@DFB_Team“ folgen.

Glückwünsche zur Geburt gab es demnach auch vom Captain, genau gesagt am 12. Oktober um 20:48 Uhr. „Ansprache beim Abendessen: Kapitän Ballack gratuliert Schäfer nachträglich zur Vaterschaft“, zwitscherte es um exakt diese Zeit. Dahinter steckt nicht Pressesprecher Harald Stenger, sondern DFB-Chefredakteur Ralf Köttker. „@voegi79“ wollte es Sonntagabend um 22:05 Uhr wissen. Die Antwort kam rund 16 Stunden später. So sieht Öffentlichkeitsarbeit an der Basis anno 2009 aus.

Doch was will der DFB, oder genauer gesagt seine Webvertretung, genau mit dieser neuen Art der Transparenz, diesem Sprung auf den rasenden Zug der sozialen Netzwerke bewirken? Auch hier ließ die Antwort nicht lange auf sich warten. „Hinter der Idee steckt die grundsätzliche Überlegung, aktiver auf die User zuzugehen. Wir wollen mit dem Fan in Interaktion treten, ihn unmittelbarer erreichen und dabei die neuen Kommunikationswege nutzen“, erklärt Köttker auf Anfrage. „Innovativen Entwicklungen“ wolle auch der DFB sich nicht verschließen. „Im Gegenteil“, sagt Köttker. „Mit der Einrichtung unserer Twitter-Accounts wollen wir eigene Erfahrungen sammeln.“

Alle Follower sitzen von nun an sozusagen gleich an der Quelle. Letzten Samstag erschien die Aufstellung so schnell auf Twitter wie in keinem anderen Medium. Nebenbei wird der Account als Feed für die DFB-Seite genutzt, wenn dort neue Hintergrundberichte oder Interviews erscheinen. Interessanter sind jedoch die kleinen Anekdoten und Tipps, für die normalerweise in keiner Meldungsspalte dieser Welt ein paar Zeilen übrig wären. Bei Twitter dagegen genügen 140 Zeichen, um der Gefolgschaft mitzuteilen, dass „Maultaschen, Filet, Hamburger zum Selbermachen“ auf dem Speiseplan standen. Wer es denn will, kann gleich ein „Guten Hunger“ hinterherschicken.

Desweiteren hat ein Auto des Fahrdienstes einen Kratzer erlitten. Arschawin trug beim Training „eine weiße Pudelmütze“, Jogi Löw hatte sich bei der Pressekonferenz für die Kombination „graues Sakko, grauer Rolli“ entschieden. Es sind nicht immer die wesentlichen Dinge, über die berichtet wird. Aber ein wenig Menschlichkeit hat dem Geschäft noch nie geschadet – gerade, wenn es weniger boulevardesk ausfällt als bei Sat.1 und Konsorten. Ohne Pelz tragende Spielerfrauen und ohne Oliver Pocher.

757 Follower zählte „@DFB_Team“ Dienstagabend kurz vor Mitternacht, Tendenz weiter steigend. Mangelnde Transparenz ist spätestens seit „Deutschland. Ein Sommermärchen“ kein typisches Nationalelf-Problem mehr gewesen. Der Sprung auf den Twitter-Zug bedeutet, wenn man so will, die Fortführung des Wortmann-Prinzips. Und das lässt sogar Platz für Selbstironie. Vom öffentlichen Training in Hamburg zwitscherte Köttker augenzwinkernd: „Die Spieler machen sich beliebt, weil sie jede Menge Bälle auf die Tribüne dreschen. Mittwoch gibt es dafür Pfiffe.“

Denn sie wissen genau, was sie tun

„Ran“ erlebt auf Sat.1 seine Renaissance. Das Konzept ist alt(-bewährt), das Personal nicht gealtert, weil runderneuert. Man muss es nicht mögen, kommt im Free-TV jedoch kaum daran vorbei.

Wolf Fuss musste sich hörbar bemühen, seinem neuen „Kollegen“ am Spielfeldrand mit Achtung zu begegnen. Auch wenn es ihm schwer fiel. Sat. 1 hatte einen neuen Field-Reporter engagiert, der sich offenbar warm moderieren durfte, bevor er heute Abend nach ein paar Wochen der Abstinenz seine Premiere beim “Ran”-Sender feiert. Oliver Pocher berichtete ungewohnt nüchtern von Louis van Gaal an der Seitenlinie oder Mario Gomez beim Warmlaufen. Und wenn Pocher nicht einmal mehr versucht, lustig zu sein, dann sinkt sein Nährwert ins Unterirdische.

Das „Ran“ der 90er-Jahre erlebt derzeit seine Renaissance. Das Konzept ist alt(-bewährt). Das Personal dagegen runderneuert. Reinhold Beckmann und Monica Lierhaus sind bei den Öffentlich-Rechtlichen untergekommen. Johannes B. Kerner wagt jetzt den Weg zurück. Lou Richter ist längst nicht mehr so präsent wie früher, Werner Hansch mittlerweile über 70 und Gaby Papenburg moderiert unter anderem ein Magazin für Fernfahrer auf N24. Einzig Oliver Welke wird demnächst das dritte „Ran“-Jahrzehnt erleben. Wobei man sich beim 43-jährigen Bielefelder nie so sicher ist, ob da jetzt der Sport-Welke, der “Wixxer”-Welke oder der Sieben-Tage-Sieben-Köpfe-Welke hinter dem Pult auf dem Rasen steht.

Gaby Papenburg heißt jetzt Andrea Kaiser und verleiht den Übertragungen einen Hauch FHM, Disko und DSF. Das Dekolleté gestern Abend in Lissabon sollte wohl den tiefen Fall der Hertha in ein Bilderrätsel packen. Ansonsten bedient sich Sat. 1 aus dem üppigen Pool der Ex-Kommentatoren von Premiere, Arena und DSF, die nun beim Sky-Konkurrenzprodukt „Liga Total“ untergekommen sind. Das beschert dem Zuschauer einerseits Jörg Dahlmann, andererseits Wolf Fuss, der sich nach Jahren der Lorbeeren für seine Arbeit bei Premiere nun öfters im Free-TV bewähren darf. Die Klasse von Fuss lässt sich nur schwer in Worte fassen. Er ist wie Fontane für Oberstufenschüler: Man weiß nicht so recht, was an ihm gut ist. Aber immerhin steht er unverdrossen im Lehrplan, muss also seine Daseinsberechtigung haben.

Fußball auf Sat. 1 ist vor allem eines geblieben: durchschaubar und oberflächlich. Wer sich fragt, ob Luca Toni die Partie gegen Juventus Turin wohl von der Tribüne beobachtet, erhält die Antwort nach nur 8 Minuten und 37 Sekunden. Ja, er war da. Zu einer Stilkritik des Stürmer-Outfits ließ sich Kommentator Fuss Gott sei Dank nicht hinreißen. Abgesehen von Länderspielen genießt Sat.1 mit beiden europäischen Wettbewerben derzeit ein regelrechtes Live-Monopol im Fokus der Free-TV-Zuschauer. Der Weg führt kaum dran vorbei.

Obwohl eine ganze Generation Fußballfans mit der Berichterstattung auf Sat.1 aufgewachsen ist, muss man sich nun erst wieder daran gewöhnen. Zumal sich die Spieler damals in den 90ern noch nicht selbst vorstellen durften: „Daniel van Buyten – Torjäger“.

Laissez les abonnements rouler

Am 4. Juli wurde aus Premiere Sky. Im Programm hat sich nur wenig geändert. Das Hickhack um Kündigungen, Neu-Abonnements und treue Kunden sorgt dagegen für Verwirrung.

Da soll noch einer der vielen Pay-TV-Gebeutelten wettern, bei Sky bekäme man rein gar nichts geschenkt. Wer jetzt abonniert, bekommt bis Ende Januar den Europacup für – umsonst. Macht ab heute rund viereinhalb Monate mal zwölf Euro Ersparnis plus einen möglichen Bonus von 20 Euro bei Online-Bestellung. Auf ein 24-Monats Abo gerechnet sind das, alleine auf das Champions- und Europa-League-Geschenk bezogen, mehr als zwei Euro weniger im Monat. Klingt jetzt zwar nicht gerade nach einem Geldregen für Neu-Abonnenten. Aber wer es so dicke hat, sich darüber nicht freuen zu müssen, der wird sich ja auch vorher nicht aufgeregt haben.

In den sprichwörtlichen Arsch beißen sich mal wieder all die treuen Premiere/Premiere digital/Premiere World/Premiere-Pendler, die seit mehr als 18 Jahren all das Hickhack über sich ergehen lassen, weil sie im Prinzip nur eines wollen: Fußball gucken – live. Treueprämien, Werbegeschenke, Wechselerleichterungen sind Fehlanzeige. Stattdessen quälen sich frustrierte Alt-Abonnenten mit undurchsichtigen (auf Papier für die Generation Ü40 kaum lesbaren) Geschäftsbedingungen herum. Oder senden Stoßgebete zum Himmel, um bei der Kundenhotline endlich ein persönliches Gespräch zu erhalten.

Letzten Sommer, im Juli 2008, erfolgte in den heimischen vier Wänden die Rückkehr vom dahinsiechenden Arena zurück zu Premiere. „Wie einst in Fátima“ fühlte ich mich, als es das Sport-All-Inclusive-Paket für nur 19,99 pro Monat gab. Ein freundlicher Vertrag über 12 Monate ließ alle Optionen offen für den Fall, dass die Übertragungsrechte in diesem Jahr erneut den Besitzer wechseln sollten. So kam es nicht, Premiere alias Sky blätterte die Kohle hin. Das Abo lief Mitte Juli trotzdem aus. Die heimische Oberfinanzdirektion ließ die Kündigungsfrist verstreichen. Schließlich wollten wir bleiben. Was passieren würde, war aufgrund der Namens- und Paketänderung jedoch ungewiss. Am 4. Juli 2009 wurde aus Premiere Sky.

In Punkt 7.1 der alten Premiere-AGB heißt es:

„Der Vertrag […] verlängert sich automatisch um weitere 12 Monate, wenn nicht entweder der Abonnent oder Premiere jeweils sechs Wochen vor Ablauf der Vertragslaufzeit schriftlich kündigt.“

Das geschah schließlich, war auch so beabsichtigt.

Weiter steht dort:

„Die Verlängerung erfolgt zu den vereinbarten oder, soweit zwischenzeitlich eine Preiserhöhung stattgefunden hat, zu den zum Zeitpunkt der Verlängerung gültigen erhöhten Abonnementgebühren für ein 12-Monats Abonnement. Soweit eine Verlängerung zu erhöhten Preisen erfolgt, wird Premiere den Abonnenten rechtzeitig, aber mindestens 8 Wochen vor Beginn der neuen Vertragslaufzeit über die Preiserhöhung individuell.“

Am 3. August wurde die Abo-Gebühr erstmals zu den neuen Konditionen abgebucht. 39,99 Euro für ein 2er-Paket, das es so bei Sky eigentlich gar nicht gibt: Sport-All-Inclusive – jedoch ohne das leidige „Sky Welt Extra“ mit seinen Krimi-, Heimat-, Kinder- und Dokukanälen. Der Preis hat sich also gleich verdoppelt. Jenes jetzt abonnierte Paket kostete seinerzeit im Sommer 2008 39,99 Euro – heute, wie gesagt, existiert es gar nicht mehr. Im alten Vertrag kann man lesen, was nach Ablauf der Kündigungsfrist konkret geschehen sollte:

„Sie zahlen für ihr Abonnement monatlich den dann gültigen Standardpreis.“

Doch was zahlt man für ein Abo, das es so gar nicht mehr gibt?

Wie sind 39,99 Euro also einzuordnen? Als Preiserhöhung oder als Angleichung an im August 2008 vereinbarte Preise? „Vereinbart“ wurde damals eine Angleichung an „den dann [im Sommer 2009 gültigen] Standardpreis“ – den es nicht mehr gibt. Nun ist es nicht zu verhehlen, dass es kein Nachteil ist, sich „Sky Welt“ zu sparen. Doch für 39,99 Euro erhalten wir, auf den einzelnen Euro gerechnet, weitaus weniger als für 44,99. Bundesliga und 2. Bundesliga kosteten bei Premiere 19,99 Euro. Für 32,90 Euro gibt es aktuell die beiden höchsten Spielklassen und zusätzlich das Paket „Sky Welt“, das einzeln 16,90 Euro kostet.

Wem jetzt schwindelig ist, dem sei das verziehen. Schließlich weiß ich ja selbst nicht mehr, wo und wie letztendlich was gilt. Eine schriftliche Benachrichtigung hat es seitens Sky übrigens niemals gegeben. Egal wie man es jetzt dreht – wer letztendlich der Glückliche, wer der Gelackmeierte ist, lässt sich nicht endgültig sagen.

Armer Anekdotenreichtum

Der Fußball lebt von seinen Legenden. Doch so manche Anekdote wird fahrlässig überstrapaziert. In Hamburg wird man derweil andere Probleme haben – eine der besten Spielzeiten seit Jahrzehnten steht vor einem unrühmlichen Ausgang.

Niemand darf mehr die Unterkante der Latte treffen, kein Ball darf auf die Linie titschen, ohne dass Erinnerungen ans „Wembley-Tor” geweckt werden. Kein Fallrückzieher ohne Klaus Fischer, kein Hinterkopfball ohne Uwe Seeler, kein Torwart, der eine Weltklasse-Leistung auf den Platz zaubert, ohne als „Titan” zu gelten.

Logisch ist es deshalb auch, dass kein Trainer dieser Welt nach einem großen Erfolg über den Platz schlendern darf, so ganz ohne Begleitung, mit weniger als 2 km/h. Beim Bundespatentamt liegt für diesen Fall eine Mappe mit der Aufschrift „Beckenbauer, Franz” im Aktenschrank. Der Anekdotenreichtum des Fußballs ist schier unerschöpflich und in der Regel sind wir ja auch dankbar für Momente, die Reminiszenzen an Sternstunden dieses Sports wecken.

Doch wenn Thomas Schaaf über den Rasen in Hamburg marschiert (keineswegs schlendernd und gedankenverloren wie Beckenbauer in Rom 1990), sich auf dem Weg zum Premiere-Interview befindet und ausgerechnet Patentinhaber B. neben Moderator W. steht, dann darf die Anekdotenkiste gerne geschlossen bleiben. Vor allen Dingen wird selbst in der häufig so aufgesetzten Welt des Fußballs niemand so unauthentisch sein und sich nach dem Einzug ins Uefa-Cup-Finale denken: „So, jetzt noch schnell ‚den Beckenbauer machen‘ und dann ans Buffet”.

Die vom DFB anerkannte Parodistenschule steht bekanntlich in Gelsenkirchen.

PS:

Die Entscheidung in der ultimativen Bundesliga-Fünfjahreswertung fällt tatsächlich erst im Endspiel. Bremen benötigt einen Zähler, um den derzeit punktgleichen HSV hinter sich zu lassen. In Hamburg ist man also nicht nur in Liga, Pokal und Uefa-Cup zum Zuschauen verdammt.

Eine der besten Spielzeiten seit Jahrzehnten, mit Titelchancen in – zählt man diesen hier mit – vier Wettbewerben, könnte sich am Ende ganz unspektakulär in den Annalen verewigen: kein Titel, Quali fürs internationale Geschäft. Alles nordisch-nüchtern. (Positive) Legendenbildung sieht anders aus in Hamburg, wo man neuerdings bei fliegenden Papierkugeln Schreikrämpfe, Bluthochdruck und Schüttelfrost bekommt.

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Krösus im Robin-Hood-Kostüm

Zwei Euro mehr im Monat, 24 im Jahr, fast eine Milliarde für die Bundesliga – Uli Hoeneß hat mit seinem Vorschlag für die logischen Reaktionen gesorgt und wirft die Frage auf, ob sein “Traum” wirklich den “kleinen Mann” in den Vordergrund rückt.

Wir schicken unseren Liebsten Kurznachrichten mit dem knappen Inhalt „Komme drei Minuten später” oder „bin gleich da”. Kostenpunkt: 11 Cent. Wir fahren mit dem Auto zum Briefkasten, 300 Meter Fußweg. Kostenpunkt: 18 Cent. Wir springen mal eben beim Bäcker rein und holen uns ein Käse-Speck-Brötchen, obwohl wir uns zuhause zwei Brote mit Wurst für die Arbeit schmieren könnten. Kostenpunkt: 80 Cent.

Wenn man sie klein reden will, dann sind zwei Euro tatsächlich eine Lappalie, ein kleiner Zusatz, den von 37 Millionen TV-Haushalten in Deutschland sicherlich die Mehrheit entbehren könnte. Uli Hoeneß’ Argument mit dem kleinen Bier und der halben Schachtel Zigaretten setzt also keineswegs an der falschen Stelle an. Es bleibt nur eine Frage: Was, wenn jeder so argumentieren würde, wenn wir uns am Monatsende wundern müssten, warum auf einmal 80 Euro weniger da sind? Weil 39 andere Vereine, Gruppen, Ämter mit demselben Hinweis angekommen sind, dass zwei Euro doch nun wirklich zu entbehren seien…

Aus der Sicht des fußballverrückten Premiere-Abonnenten wäre die Fleischwerdung von Uli Hoeneß’ „Traum” dagegen ein finanzieller Segen. Zwei Euro anstelle von 19,90 – macht im Monat 90 Prozent weniger für Fußball im Fernsehen. Die Erhöhung in Sachen GEZ würde bei 11,1 Prozent liegen.

Der Fußball ist es seit Jahrzehnten gewohnt, um seine Anerkennung als Kulturgut und Nationalsport zu kämpfen. Von daher überraschen die Reaktionen auf keinen Fall. Hoeneß kam auf Rosamunde Pilcher, Vorabendserien und Volksmusikabende zu sprechen. Nicht zu Unrecht. Alle drei Formate fahren zwar Sendung für Sendung gute Marktanteile ein. Doch das kann der Fußball erst Recht von sich behaupten. Eine Fußball-Free-TV-Pauschale würde zudem in Sachen GEZ den ungewohnten Effekt mit sich bringen, dass man centgenau wüsste, wofür eigentlich jeden Monat Geld abgebucht wird.

Hoeneß hat bei seinem Vorschlag jedoch explizit von einem „Traum” gesprochen. Träume bergen im Gegensatz zu konkreten Zielen die Problematik, dass man sie bewusst in die Traumschublade scheibt, weil man selbst nicht zu 100 Prozent an ihre Erfüllung glaubt und sie letztendlich vollkommen realitätsfern sind. Zumal der Fußball seine Vorbildsfunktion in der jüngeren Vergangenheit nicht immer beherzigt und sich so in der öffentlich Wahrnehmung eher einen kontraproduktiven Ruf erarbeitet hat. Ausschreitungen, Korruption, Habgier – all das spielt der Pilcher- und Telenovela-Fraktion in die Karten. Und da hat man diese Worte kaum ausgeschrieben, schon veranstalten Bremer Fans im Gästeblock ein wahres Inferno. Wasser auf die Mühlen des Musikantenstadls.

Unterm Strich gelangt man also zwangsläufig zu dem Fazit, dass geschätzte und gefühlte 89 Prozent der Leser dieses Blogs einer Fußball-Pauschale zustimmen und womöglich auch noch drei bis fünf Euro auf den Tisch legen würden. Doch selbst die Sportschau-Gucker aus der Pensionärsfraktion werden angesichts ihrer dauerknappen Rente „Rote Rosen” den „Roten Karten” vorziehen.

Bei fast einer Milliarde an Fernseheinnahmen durch das Hoeneß’sche Finanzierungsmodell gegenüber aktuell gut 400 Millionen könnte man vielleicht noch darüber verhandeln, nur 1,58 Euro zu erheben und die Vereine in Zukunft die Polizeikosten selbst tragen zu lassen. Doch so verlockend der Vorschlag des scheidenden Bayern-Managers auch klingen mag: Die von ihm propagierte Win-Win-Situation erscheint in einem gewissen Zwielicht. Einerseits soll der Fußball im Fernsehen für den „kleinen Mann” zugänglich gemacht werden. Andererseits schweben im Hintergrund der Wettbewerbsgedanke und die allgegenwärtige, völlig überzogene Torschlusspanik, bis zum Untergang der Welt den Ligen aus England und Spanien hinterher zu hecheln. Eine einfache Formel: Üppigere Fernsehgelder, verlockendere Angebote für Weltstarts, höhere Gehälter – fragt sich, wer hier wen subventionieren soll.

Wort mit D, acht Buchstaben?

Kevin-Prince Boateng ist beileibe kein Kind von Traurigkeit. Manch einem genügen schon seine Vornamen und seine Tätowierungen für dieses Fazit. Und ehrlich gesagt konnte ich mir bis gestern Abend kaum vorstellen, mich in irgendeiner Situation einmal schützend vor den Ex-Berliner, Ex-Londoner und Neu-Dortmunder zu stellen.

Aber so bin ich. Ein Herz für die Kleinen, die Untergebenen – besonders, wenn sie von der (Fußball-)Obrigkeit haltlos und vorschnell verurteilt werden. Franz Beckenbauer wird von den einen ehrfürchtig als „Lichtgestalt“ bezeichnet. Andere dagegen füllen ganze Blog-Kategorien damit, den unbestritten bekanntesten deutschen Fußballer aller Zeiten als „Dummschwätzer“ zu deklarieren. Spätestens seit gestern stehe ich vorbehaltslos auf der Dummschwätzer-Seite. Gebetsmühlenartige Plädoyers à la „Der hat uns doch die WM ins Land geholt“ hin oder her.

Man kann schon darüber streiten, ob es die feine englische Art ist, selbst bei der eindeutigsten aller nicht geahndeten Tätlichkeiten eine Sperre zu fordern. Ganz Rafinha-like. Ich denke, wer Diego Karlsruhes Eichner würgen sieht, der darf ohne schlechtes Gewissen und ohne eine Stellungnahme des DFB abzuwarten sein Urteil fällen.

Boateng hat niemanden gewürgt, per Tritt zu Fall gebracht, geohrfeigt, geschubst, gecheckt oder geirgendwast. Er ist Klose lediglich und irgendwie unvermeidlich auf den Oberschenkel getreten. Genauso unvermeidlich, wie wir alle im Laufe des heutigen mit Sicherheit drei bis fünf Staubmilben totgetreten haben. Boateng konnte einfach nicht anders, weil er a) zum freistehenden Ribéry eilen und damit b) ein Tor verhindern wollte, c) im Affekt höchstens registriert hat, dass Klose vor ihm liegt und deshalb d) sein Hirn an die Nervenstränge im Bein nur das Signal „langer Schritt, genaue Schrittlänge unbekannt“ weitergeleitet hat.

Zum Glück hat Klose sich dann doch noch von diesem schweren Attentat erholt und seine Torchancen sieben und acht verwandelt. Nachher hätte die „Lichtgestalt“ mit der Auffassungsgabe eines 128MB-USB-Sticks noch ein Wiederholungsspiel gefordert. Patrick Wasserziehr wäre erst Recht nicht mehr aus dem Staunen heraus gekommen. Und Jürgen Klopp hätte seinen Schützling Boateng nicht nur aufs Blut verteidigt, sondern vermutlich die deutsche Staatsbürgerschaft abgegeben.


Die Gräueltat gibt es ab 5:30 min. in Zeitlupe.