Monthly Archive for März, 2008

Fohlengeflüster (21):Geduldsspiel ins Glück

Ein Spiel dauert Gott sei Dank nicht immer neunzig Minuten, sondern meist einen Tick länger. Und so hat ein schwaches Spiel in letzter Sekunde die Gelegenheit, mit einer einzigen Aktion zum großen Fingerzeig in Richtung Bundesliga zu mutieren. Auch wenn man eigentlich sauer sein will, wird man am Ende vom Jubelsturm einfach umgeweht.

Als ich fünfzehn Minuten vor dem Ende mit auf die Hände gestütztem Kinn und resignierendem Blick das Geschehen auf dem Platz verfolge, droht der letzte Ferientag meiner Schullaufbahn zum enttäuschenden Sonntagsausflug zu werden. Das „Geschehen auf dem Platz“ hat seinen Namen bis zu diesem Zeitpunkt nämlich kaum verdient.

Gladbach bemüht sich redlich gegen elf Koblenzer, die mit dem einen Punkt allem Anschein nach – wie man so schön sagt – „ganz gut leben können“. Ihr einziger Stürmer Daham hat die Mittellinie seit Minuten so oft überquert wie ich den Ärmelkanal in einem Schlauchboot (es dürfte nicht vonnöten sein, hier die genaue Anzahl zu benennen). Nur leider entspricht das Ergebnis auf der Anzeigetafel ziemlich genau derselben Größenordnung – die Null schwingt sich auf zur Zahl des Tages im Borussia-Park.

Auf den anderen Plätzen geht es derweil etwas bunter zu. Paderborn schießt St. Pauli mit 4:1 nach Hause und der trotzige Satz „wär’n wir doch bloß nach Paderborn gefahren“ ist eigentlich schon fest als Überschrift für dieses Kapitel des Abenteuers Zweite Liga eingeplant.

Bereits in Hälfte eins hatten die Ereignisse auf dem Videoscreen für mehr Unterhaltung und Abwechslung gesorgt als das meist trübselige Schauspiel unten auf dem Feld. In der fünften Minute waren 38830 zahlende Zuschauer erstmals, und für lange Zeit letztmals, in Hochstimmung versetzt worden – Offenbach führte gegen Köln mit 1:0.

Zwei Weitschüsse und ein Heber von Rösler, die allesamt das Tor verfehlten, und ein sanfter Kopfball von Friend mitten in die Arme von Koblenz’ Keeper Eilhoff klingen zunächst vielleicht nach zufrieden stellender Quantität, was die Torchancen im ersten Durchgang angeht. Doch ich kann beruhigen – der Eindruck täuscht. Forkel ist dem ersten Tor noch vergleichsweise nah, als er durchaus aussichtsreich vor Heimeroth auftaucht. Sein Schuss mit dem schwachen Linken landet jedoch dankbar in dessen Armen.

Der Stadionsprecher nimmt’s in der Halbzeit mit Humor und gibt sich verwundert, als ihm über den Stecker im Ohr angekündigt wird, dass die Highlights nun der nächste Programmpunkt der Pausenberieselung seien. Sarkasmus, Klobesuche, Bratwurstexzesse – der Fan weiß sich Gott sei Dank aus der gähnenden Langeweile zu helfen. Die überflüssigen Pfiffe, mit dem das Publikum die Mannschaft in die Pause begleitet hatte, spiegeln das Niveau ganz gut wieder. Es gab einfach keins und wenn, dann wandelte es irgendwo zwischen „konnte nicht gegen wollte nicht“, Mauerversuchen und chronischer Ideenlosigkeit.

Die Berichterstattung über die zweite Halbzeit bei „Hattrick“ im DSF untermauert den Eindruck, dass Koblenz die südliche Spielhälfte im Borussia-Park nach der Pause nur selten bis gar nicht verlässt. Und so bietet sich einmal mehr die Gelegenheit, über den Sinn dieses Spiels zu philosophieren. Wer hat eigentlich den genialen Einfall gehabt, dass Fußballspiele torlos enden können?

Über die Existenz des Unentschiedens muss man sich ja gar nicht mehr beschweren. Unsere deutsche Nüchternheit und unser sozial geprägtes Denken haben sich längst damit abgefunden, befürworten es sogar. Warum sollten wir jedes Spiel im Elfmeterschießen entscheiden? Übung benötigen wir darin ohnehin nicht mehr.

Allein die Amerikaner werden von dieser Eigenheit des Fußballs bis heute davon abgehalten, diesem Sport ein größeres Maß an Sympathie entgegenzubringen und ihn aus dem Randsportartendasein zu befördern. Aber damit haben wir schließlich nichts am Hut. Es sei denn wir gucken Eishockey oder Basketball – seit jeher nordamerikanische Domänen. Denn dort sind Unentschieden so verpönt wie Rülpsen in der Kirche. Weshalb man die Spieler gerne auch 168 Minuten auf dem Feld bzw. Eis lässt, bis dann endlich eine Entscheidung gefallen und der Energieriegelhaushalt einer ganzen Großstadt geplündert worden ist.

Handballer dagegen kennen das Gefühl, nach dem Spiel weder als Sieger noch als Verlierer vom Platz zu gehen, ebenso wie Hockeyspieler. Doch im Prinzip geht es dabei nie gänzlich torlos zu. Unterm Strich ist Fußball also eine der wenigen Sportarten, die man neunzig Minuten verfolgen kann, ohne dabei seinen Standort (egal ob stehend oder sitzend) merklich zu verändern, weil praktisch nichts passiert.

Um der dritten Erscheinung dieses sportlichen Phänomens, dem 0:0, einen Riegel vorzuschieben, bringt Jos Luhukay nach einer knappen Stunde Jungspund Marko Marin in die Partie. Ndjeng muss weichen, was den gelangweilten Beobachter um einiges weniger überrascht als die Tatsache, dass er überhaupt von Beginn an auf dem Platz stand. Ich muss zugeben, dass es sich aus stilistischen Gründen ab und zu als nützlich erweist, ein paar Torchancen auszulassen, um dadurch auf ihre Seltenheit hinzuweisen. Doch das ist heute bis auf wenige Ausnahmen nicht einmal nötig.

Kurz bevor Marin eingewechselt wird, hat Neuville eine der besten Gladbacher Gelegenheiten bis zu diesem Zeitpunkt. Sein halb selbst abgegebener, halb abgefälschter Schuss streift Zentimeter am rechten Pfosten vorbei. Auch Touma nähert sich dem 1:0 erst aus der Distanz, dann mit dem Kopf. Marins Hereinnahme erweist sich als guter Schachzug, denn der quirlige Mittelfeldmann wirbelt die Koblenzer Abwehr mit seinen Dribblings wenigstens einige Male durcheinander.

Während in der Hinrunde scheinbar klare Siege, die durch blöde Gegentreffer doch noch knapp ausfielen, zu den Gladbacher Lieblingsszenarien zählten (es sei an Osnabrück, Aue, Augsburg oder Aachen erinnert), bietet sich inzwischen vermehrt ein anderes Bild, mit Vorliebe im eigenen Stadion. Zwar sind alle Gegner scheinbar heiß darauf, dem Favoriten ein Bein zu stellen. Nur bringen sie das selten zum Ausdruck, indem sie selbst ein Tor erzielen wollen, sondern rühren stattdessen kräftig Beton an. Und somit erinnert das Gladbacher Spiel ein wenig an Handball: Zehn Koblenzer umzingeln ihr Tor im Halbkreis und stemmen sich Angriff um Angriff tapfer entgegen. Meist schaffen nur lange Bälle und Flanken aus dem Halbfeld etwas Abhilfe.

Ständig schwankt die eigene Stimmung zwischen der Einsicht, dass es Leichteres gibt, als neunzig Minuten lang gegen eine Mauer anzulaufen, und den Zweifeln, ob der Tabellenführer der zweiten Liga nicht irgendwann irgendwie irgendein probates Mittel dagegen finden müsste. Meine Mutter beschwört neben mir „einen unberechtigten Elfmeter, meinetwegen auch ein Eigentor“ herbei. Ich selbst wünsche mir „nach langer Zeit mal wieder einen glücklichen Sieg in der Nachspielzeit“.

Nachdem die Borussia kurz vor Schluss selbst drei halbwegs hochkarätige Chancen nicht zum erlösenden 1:0 verwerten kann, verkommen unsere Prophezeiungen schon zu reinen Wunschgedanken und purer Illusion. Rösler setzt den Ball aus kurzer Distanz knapp über den Kasten. Ähnlich hält er es danach mit einem Kopfball nach einer Hereingabe von Marin. Und auch Roel Brouwers kann eine weitere Vorlage des agilen 19-jährigen nicht im Tor unterbringen. Richter klärt in letzter Sekunde vor dem einköpfbereiten Niederländer.

Das torlose Remis nimmt langsam schärfere Konturen an. Meine Mutter verfrachtet ihre Brille schon einmal resignierend im Rucksack, als wolle sie sofort aufbrechen. Die drei Männer vor uns setzen den Gedanken in die Tat um und verabschieden sich nach 89 Minuten und 17 Sekunden kopfschüttelnd aus dem Block, als hätte man sie heute mit der Aussicht auf ein aufregendes 5:3 ins Stadion gelockt und bitter enttäuscht. Im Nachhinein werden sie jedoch zu den wenigen Zuschauern gehören, die unglücklich nach Hause gefahren sind.

Der aufmerksame und konsequente Schiedsrichter Meyer benötigt fast seine ganze Hand, um die Nachspielzeit anzuzeigen – vier Minuten signalisiert er mit gestreckten Fingern den 38000, die weiterhin sehnsüchtig auf ein Tor warten. Koblenz würde sich im Falle eines Falles selbst bestrafen, denn allein ihr überflüssiges Zeitschinden und langwierige Simulationseinlagen können Herrn Meyer zu dieser großzügigen Entscheidung getrieben haben.

Voigt legt den Ball an der linken Seitenauslinie noch einmal zurück auf Marin, der Forkel aussteigen lässt und das Leder erneut lang und hoch in den Strafraum bringt. Es ist der geschätzte 87. Versuch dieser Art, ein Tor zu erzielen. Warum sollte es dann ausgerechnet in der zweiten Minuten der Nachspielzeit klappen?
Die Flanke senkt sich, ein Kopf ist dran, einen Wimpernschlag später sehe ich nur noch das Netz wackeln und höre einen tosenden Jubelsturm aufbranden. Die Elf auf dem Platz, der gesamte Kader, das ganze Team versammelt sich in einer Jubeltraube an der Ersatzbank. Jos Luhukay landet vor lauter Freude auf dem Hosenboden. Marko Marin muss seine achte Torvorlage der Saison beinahe mit dem Erstickungstod bezahlen.

Eigentlich verraten mir das im Nachhinein nur die Fernsehbilder. Ich selbst befinde mich zum selben Zeitpunkt in einem ähnlichen Pulk. Wie Tentakeln greifen aus allen Richtungen Arme nach mir. Meine eigenen tun dasselbe und vor lauter platztechnischer Unordnung landet mein Unterarm im Gesicht meiner Mutter, die nur knapp einem Nasenbeinbruch entgeht. Sie hätte nach eigenem Bekunden gut damit leben können.

Neunzig Minuten Ideenlosigkeit, Tristesse, Krampf und Kampf sind vergessen. Ein einziges Tor macht ein harmloses Spiel zum Heilsbringer einer ganzen Saison. Drei Punkten wird im Rausch des Augenblicks die Wichtigkeit eines ganzes Dutzends verliehen. Dabei gewinnt Gladbach am Ende, ohne selbst überhaupt ein Tor geschossen zu haben. Der Kopf, der den Ball ins Tor bugsierte, gehörte nämlich zum Koblenzer Bajic. Ausgerechnet Bajic – im Hinspiel hatte er mit seinem Platzverweis den Grundstein zum späteren Gladbach Kantersieg gelegt. Es gibt Spieler, die ziehen das Unglück irgendwie magisch an.

Unsere Wünsche, zunächst mit einem Unterton voller Hoffnungslosigkeit ausgesprochen, waren erfüllt worden. Ein Eigentor in der 92. Minute versetzt den Borussia-Park in letzter Sekunde in kollektiven Freudentaumel. Der Vorsprung auf Platz vier ist auf acht Punkte angewachsen. Es sind so viele wie seit dem 16. Spieltag nicht mehr.

Eine weitere Eigenheit des Fußballs ermöglicht nach einer schwierigen Partie ohne Ideen im Angriff und ohne Probleme in der Abwehr die optimistischsten Prophezeiungen: „Wer solche Spiele gewinnt, der steigt am Ende auf“. Denn nicht nur torlose Unentschieden findet man scheinbar ausschließlich beim Fußball, sondern auch etwas anderes, das diesem Sport einen Teil seiner einzigartigen Anziehungskraft verleiht: Die Nachspielzeit.

Willkommen im Klub (2/2)

Warum die TSG 1899 Hoffenheim auf dem besten Weg ist, zum neuen Hassobjekt des deutschen Fußballs aufzusteigen. Warum dabei keinerlei Neid im Spiel ist und ein Elch im Kraichgau als Sinnbild für einen Fußballverein herhalten muss, den keiner braucht. Teil 2

Dietmar Hopp spült nicht erst seit letztem Sommer gehörige Geldsummen in die Kassen des Vereins. Doch wer seinen Kopf einmal genauer in der Hoffenheimer Fluktuation der letzten Jahre vergräbt, dem wird auffallen, dass sich dort ein Wandel vollzogen hat. 2001 führte der Weg der TSG in die Regionalliga, die damals gerade erst ein Jahr bahnbrechender und unprovinzieller Zweigleisigkeit hinter sich gebracht hatte.

Zweieinhalb Jahre später schaffte man die Sensation im DFB-Pokal und zog durch einen 3:2-Sieg gegen Bayer Leverkusen ins Viertelfinale ein, wo gegen den VfB Lübeck erst einmal Endstation war. Stefan Sieger, Heiko Throm und Kai Herdling lauteten die illustren Namen der Torschützen an diesem Abend. Ein gewisser Christian Möckel, den es nach einer schweren Knieverletzung vom 1.FC Nürnberg in den Kraichgau verschlagen hatte, gehörte 2003 noch zu den arriviertesten Namen im Hopp’schen Imperium, das an diesen Tagen noch jede Menge provinziellen Charme versprühte. Von den jungen deutschen Talenten hat sich bis heute eigentlich nur Martin Lanig aus Fürth Lorbeeren im Profifußball verdient.

Die Spieler aus der Zeit, die scheinbar biblisch lang zurückliegt, taugten damals allenfalls zu regionalen Heroen. Ihr sportlicher Ursprung fand sich in Bammental, Zuzenhausen oder Kirchheim. Keine Spur von den klangvollen Namen gestandener Bundesligaprofis und Supertalenten aus Brasilien. Noch im Jahr 2005, ein Jahr vor Beginn der Ära Rangnick, zählte der Hoffenheimer Kader ganze drei Ausländer – den Türken Gülbas aus Pforzheim, den Serben Paljic mit fußballerischen Wurzeln in Laupheim und einen Schweizer namens Zukic. Heute trägt jeder Zweite dort einen ausländischen Pass mit sich. Bosnien, Nigeria, Ghana, Schweden oder Brasilien sind ihre Heimatländer. Ohnehin haben nur sieben der 28 Spieler im derzeitigen Kader die Zeit vor Ralf Rangnick im blau-weißen Trikot von 1899 erlebt. Und die liegt nicht einmal zwei Jahre zurück.


Die TSG Hoffenheim hat einen langen Weg zurückgelegt. Als die Mauer fiel, als BRD und DDR sich vereinten, da kickte der Provinzklub aus Nordwest-Baden-Württemberg noch in den Tiefen der Kreisliga. Nach dem Aufstieg in die siebthöchste Klasse, die Bezirksliga, war man anscheinend langsam auf den Geschmack gekommen. Es folgte der Durchmarsch in die Landesliga im Jahr 1992. Die nächsten acht Jahre bis zur Jahrtausendwende verliefen überraschend ereignis- und vor allen Dingen aufstiegslos. Je vier Saisons in der Landes- und der Verbandsliga, aber dann ging es wieder los. Als vier Regionalligen zu Beginn des dritten Jahrtausend zu zweien verschmolzen, gelang der TSG der Sprung in die Oberliga. Es folgte der zweite Doppelaufstieg nach 1992.

In Anbetracht der Tatsache, wie lange Hoffenheim sich schon einen Namen als dörflicher Mäzen-Klub macht, erscheinen sechs Spielzeiten am Rande des Vollprofitums in der Regionalliga in geradezu epischer Länge. Häufig war man nah dran. Meist dümpelte das Konstrukt aus einheimischen Nachwuchsspielern und namenslosen Regional-Kicker beachtlich zwischen Rang drei und sieben. Doch der Sprung ins Profibecken der zweiten Liga blieb aus.

Ende der Saison 2005/2006 hatte Dietmar Hopp scheinbar die Nase voll. Kurzerhand wurde der geschasste Schalke-Coach Rangnick verpflichtet – nicht nur als „Fußball-Professor“ bekannt, sondern auch als Diplom-Durchmarsch-Helfer (1999 führte er den SSV Ulm sensationell von Liga Drei in die Bundesliga). Mit ihm kamen Leute wie Denis Lapaczinski (früher eines der größten Talente des deutschen Fußballs), Zsolt Löw und Sejad Salihovic, die bereits über Bundesligaerfahrung verfügten. Im Laufe der Saison gesellte sich mit Francisco Copado ein ehemaliger Torschützenkönig aus Liga Zwei dazu.

Dass ein einst hoch gehandelter Mann wie Denis Lapaczinski derweil ein trauriges Dasein in der Oberliga-Truppe Hoffenheims fristet, zeugt davon, in welche Sphären sich die Transferpolitik und der Anspruch von Hopp, Rangnick und Co. innerhalb kurzer Zeit begeben haben. Die Summe von zwanzig Millionen Euro, die seit letztem Sommer für neue Spieler in die Welt gesetzt wurde, verursacht allerorten noch immer Augenreiben und Kopfschütteln zugleich. Dabei ist Dietmar Hopp wohl alles andere als ein Abramowitsch-Verschnitt, der hinter Panzerglas und mit Pelz tragenden russischen Topmodels in den Logen des FC Chelsea weilt.

Man sieht ihm seine Milliarden nicht an. Hopp spielt sich nicht noch mehr in den Mittelpunkt als es ohnehin schon der Fall ist. Man möchte ihn fast sympathisch finden, vielleicht tut man es sogar innerlich, aber dafür hat er sich einfach die falsche Nebenbeschäftigung ausgesucht. Dass Erfolg eine Ware ist, die für einen bestimmten Preis auch im Sport zugänglich wird, hat er mittlerweile bewiesen. Hoffenheim wird nächstes Jahr wohl Bundesliga spielen – gegen Bayer, Bremen und Schalke. Pfullendorf, Elversberg und Ingolstadt adé. Derzeit fallen keinerlei Gründe ins Auge, die hoffen lassen, dass Hoffenheims Weg (warum muss nur das Verb „hoffen“ in diesem Dorfnamen stecken?) bald zu Ende ist, dass sich der Verein irgendwo im Mittelfeld der Liga einpendeln und auf spartanische Bescheidenheit anstelle von gierigem Größenwahnsinn besinnen wird. Das ganze Unternehmen würde einfach keinen Sinn machen.

Hoffenheim wird in einigen Jahren alles haben, nur eines nicht: Tradition. Damit steigen sie zwangsläufig zum Magnetfeld des Unmutes auf. Denn selbst dem FC Bayern kann man vielleicht alle gutmenschlichen Eigenschaften absprechen, nur eben seine Tradition nicht. Somit erscheint Maskottchen „Hoffi“ geradezu als Sinnbild für das Scheitern, zu dem der Klub verdammt ist, obwohl ihm unter Umständen in der Zukunft der Makrokosmos „deutscher Fußball“ gehören könnte (was davon abhängt, wie weit Hopp zu gehen wagt).

Hoffi ist ein Elch. Aufgrund der begrenzten Verbreitung dieser Tierart in der Kraichgauer Fauna kann man das durchaus als lachhaft bezeichnen. Satiriker werden diese Wahl allein damit begründen, dass Hoffenheim so beliebt sein dürfte wie einst die Mercedes A-Klasse in ihren Anfängen, nachdem sie dem Elchtest in apokalyptischer Manier zum Opfer gefallen war.

Wir haben Fohlen, Dinos, Bergarbeiter, Wölfe, Bären – im Prinzip schon alles – in deutschen Stadien gesehen. Sie alle haben eines gemeinsam: Entweder haben sie ihr zuhause im Vereinswappen der jeweiligen Stadt, halten als Namensgeber für den Spitznamen des Vereins her oder stiften aus lokalen Gründen Identifikation. „Jünter“ ist nach Gladbachs Idol Günther Netzer benannt, „Hermann“ nach Hamburgs legendärem Masseur mit dem Nachnamen Rieger und Stuttgarts „Fritzle“ heißt so, weil sein Namensvetter Fritz Walter von 1987-1994 einhundert Treffer für den VfB erzielte. Hoffenheims Suche nach einem passenden Identifikationsobjekt in übergroßer Plüschtierform könnte man das Prädikat “gescheitert” verleihen.

In Hoffenheim selbst wird’s wahrscheinlich niemanden kümmern. Nicht einmal 6000 Seelen pilgern alle zwei Wochen ins Dietmar-Hopp-Stadion, das „Schmuckkästchen“ mit Sportplatzcharakter. Wobei „pilgern“ die Sache ohnehin suboptimal umschreibt. Darunter stelle ich mir mitunter etwas anderes vor. Demnach begrüßt man in Hoffenheim zu Heimspielen ein Viertel der Fanschar, die sich beim BVB traditionell auf der Südtribüne einfindet.
Das neue Stadion, das bis Anfang 2009 direkt an der A6 in Sinsheim fertig gestellt werden soll, verdient die Bezeichnung „Schmuckkästchen“ schon eher. Bleibt nur die Frage zu beantworten, wo Hoffenheim bis dahin 30000 Zuschauer auftreiben soll, die die Arena dann alle 14 Tage füllen werden.

Den Heidelbergern fehlt zwar ein großer Verein, an den sie ihr Fußballherz verschenkt haben. Mannheim ist fußballerisch mit der Talfahrt von Aushängeschild Waldhof zwar ziemlich geschädigt. Die eingefleischten Fans wird die TSG Hoffenheim jedoch kaum von dort weglotsen können. Restbaden gehört dem KSC, dahinter beginnt das Revier des VfB Stuttgart. Weiter im Süden hat der SC Freiburg seine regionale Anhängerschaft. Die Meisterfeier 2018 könnte demnach vor halbwegs leeren Rängen stattfinden.

11Freunde vertreibt seit geraumer Zeit die T-Shirt-Serie „Fab Four“, in der je vier Idole eines Vereins gemeinsam auf einem Dress gewürdigt werden, das in den Vereinsfarben gehalten ist. So ziemlich jeder Verein, der in Deutschland auf eine Fangemeinde zurückgreifen kann, die die des VfL Wolfsburg übertrifft, hat ein eigenes. Aus zunächst unerklärlichen Gründen sogar die TSG Hoffenheim. Mit einem gravierenden Unterschied: der Platz zwischen den Et-Zeichen (&) bleibt diesmal leer. Großartig!

Auch die Widerstandfähigkeit eines Sascha Rösler spendet Hoffnung. Kein Geld der Welt konnte ihn von Aachen nach Hoffenheim locken. Er ging nach Gladbach, zum fünfmaligen deutschen Meister, um dort bei einem ambitionierten Traditionsklub vor im Schnitt knapp 40000 Zuschauern zu spielen. Geld kann Gott sei Dank nicht alles erreichen. Sein Teamkollege Sedad Ibisevic bekam dagegen weiche Knie. Er stürmt nun für mehr Geld vor weniger Zuschauern mit weniger Zufriedenheit.

Geld schießt mitunter und entgegen aller Behauptungen zwar Tore, wie Hoffenheim selbst beweist, genauso wie Ribéry, Klose und Toni bei den Bayern es tun. Aber Geld wird nie Tradition, Herzblut und Leidenschaft, alles, was irgendwie mit steigendem Puls, Aufopferung und Treue zutun hat, dahin verfrachten können, wo auf Gras Kühe weiden und keine Fußballer grätschen. Sprich, Geld kann nicht alles kaufen.
Nur fast. Es könnte ein Trost sein.

Teil 1

Willkommen im Klub (1/2)

Warum die TSG 1899 Hoffenheim auf dem besten Weg ist, zum neuen Hassobjekt des deutschen Fußballs aufzusteigen. Warum dabei keinerlei Neid im Spiel ist und ein Elch im Kraichgau als Sinnbild für einen Fußballverein herhalten muss, den keiner braucht. Teil 1

Der deutsche Fußball kennt eigentlich genügend Feindbilder. Wobei man es etwas exakter ausdrücken müsste: Die einzelnen Mitglieder des Makrokosmos „Deutscher Fußball“ – sprich Fans, Spieler, Trainer, Funktionäre, Journalisten – kennen genügend Feindbilder. Zwar sind sie sich dabei selten im Kollektiv einig. Doch sobald sich zumindest drei Sphären der Fußballwelt gemeinsam auf ein Objekt der Begierde eingeschossen haben, kann man getrost von einem Neuzugang im erlauchten Kreis der personae non gratae sprechen.

Häufig entlädt sich der Unmut auf die Nationalmannschaften Englands und Hollands, was jedoch eher hämischer Natur entstammt (ihre Stärke beim Elfmeterschießen und Sommerurlaube an allerlei Orten, nur nicht bei Welt- und Europameisterschaften, zeigen sich vermehrt verantwortlich dafür).

Dann polarisiert der FC Bayern als Rekordmeister nun einmal so sehr wie kein anderer Verein. Wenn Uli Hoeneß den Mund öffnet, knien sie seit der legendären Wutrede auf der letzten Jahreshauptversammlung nicht einmal mehr an der Säbener Straße nieder. Sobald der fränkische Wurstverkäufer wieder eine Verschwörung heraufbeschwört (worin sein Berliner Bruder sich ebenfalls sehr ansehnlich behauptet) oder im Gegensatz dazu persönlich eine Revolte anzetteln will, versetzt sein hochroter Kopf ganz Deutschland in Kopfschütteln, Fieberträume und Lachanfälle zugleich.

Fifa-Präsident Sepp Blatter erfreut sich ebenfalls stark eingeschränkter Beliebtheit. Goleo VI. ist in diesem erlauchten Kreis der angesagtesten Empfänger kollektiver Unbeliebtheit in deutschen Fußballlanden dagegen eher ein wehrloser Sandsack, der im Prinzip doch niemanden ernsthaft stört bzw. gestört hat. In ähnlichen Regionen hausieren das Golden Goal und sein silberner Kollege, an die allein eingestaubte Einträge in Geschichtsbüchern (und Oliver Bierhoff) lobend erinnern. Tofik Bachramows Namen kann kein Mensch buchstabieren. Trotzdem kennt ihn jeder als den Mann, der Fußballgeschichte schrieb, als er England zum bisher einzigen Titel verhalf, Deutschland einen weiteren verwährte und ein Tor nach dem Stadion benannte.

Zu guter letzt raufen sich Fans, Spieler, Trainer und Medienkollegen einhellig die Haare, wenn die BILD-Zeitung einmal mehr durch ihre reflektierte Berichterstattung besticht, die vor allen Dingen der Spielerfraktion Sonntag für Sonntag den Angstschweiß in die Stirn treibt, wenn nach einem Grottenkick einmal mehr durch die Bank die Note 6 vergeben wird.

Holland, England, Bayern, Hoeneß, Blatter, Golden Goal, Bachramow, Goleo, Bild – genau wie der Nordpol einen Südpol braucht, benötigt die Welt der Fußballliebhaber Raum für Unmutsbekunden, Spott und Rivalität. Menschen, Länder, Vereine und Dinge, die mit den Buchstaben B, H oder G beginnen, spielen sich dabei anscheinend vermehrt ins Rampenlicht.
Irgendwo zwischen diesen teils mehr, teils weniger geschichtsträchtigen Feindbildern, die ironischerweise die „Liebe zum Spiel“ in Form ihres Gegenteils metaphorisieren, postiert sich seit geraumer Zeit ein aussichtsreicher Neuling. Dem Alphabet nach wäre er zwischen Hoeneß und Holland anzusiedeln. Einmal mehr also das verflixte H.

Dabei könnte Hoffenheim auch Sauensiek oder Lüttelbracht heißen. Und vielleicht würde es das auch, wenn sich Dietmar Hopps Mutter auf einer Pfadfinderreise in den Landkreis Stade oder an den Niederrhein unsterblich in einen Dorfjungen aus einer fremden Region verliebt hätte. Dann wäre in einem dieser winzigen Dörfer ein zukünftiger Milliardär aufgewachsen und nicht in eben jenem Hoffenheim im Rhein-Neckar-Kreis, einem 3272 Einwohner zählenden Stadtteil von Sinsheim bei Heidelberg.

Der Aufstieg der TSG 1899 Hoffenheim erscheint so ziemlich im Licht des Zufalls (nie umschrieb das Wort „Aufstieg“ passender eine rasante Reise von 0 auf 98, von der Kreisliga A in die Zweite Bundesliga). Hoffenheim ist im Vergleich zu Uli Hoeneß und zum holländischen Fußball im wahrsten Sinne ein (dem Fußballfan sehr böhmisch wirkendes) Dorf. Dennoch ist der ortsansässige Fußballklub samt SAP-Gründer Dietmar Hopp auf bestem Wege, sich zum Vizemeister in der „Liga der Vereine, die man eigentlich nur hassen kann“ aufzuschwingen. Vorerst.

In meiner persönlichen Rangliste rangieren sie zwar noch auf Platz drei, aber der 1.FC Köln wird sich bald warm anziehen müssen. Vor allen Dingen, wenn Hoffenheims Coach Ralf Rangnick seine Diplomarbeit mit dem Titel „Von drei nach eins“ fertig stellt und mit der TSG den zweiten Verein nach dem SSV Ulm schnurstracks von der Regional- in die Bundesliga führt, während die Geißböcke unter Umständen ein weiteres Jahr im ungeliebten Unterhaus versauern (müssen/sollen/dürfen).

Doch warum zieht ein Dorfklub, der keine Fans, kein richtiges Stadion, keine Tradition, keinen Wert, sondern einzig und allein Geld hat, derart die Verwünschungen einer ganzen Fußballnation auf sich? „Neid“, würde ein Bayern-Fan wie aus der Pistole geschossen antworten. „Purer Neid, genauso wie sie auch uns alle beneiden.“
Dabei verfehlt das Verhältnis eines x-beliebigen Fußballfans (jedoch vorzugsweise Anhänger eines Traditionsklubs im bezahlten Fußball) zur TSG Hoffenheim all das, was auch nur annähernd auf ein gehöriges Maß an Neid schließen lässt. Diese Debatten habe ich schon zigmal aufs Verderben geführt. Jedoch noch einmal: Neid impliziert für mich, dass ich dem Beneideten seinen Status nicht nur nicht gönne, sondern auch danach strebe, denselbigen zu erreichen.

Wollte ich, dass mein Verein zum Abbild des FC Bayern mutiert, dann hätte ich mein Zimmer längst rot streichen, mir ein Toni-Trikot besorgen und eine Bayern-Fahne im Garten hissen können. Sprich, ich hätte 13 Jahre Borussia hinter mir lassen können und wäre der Einfachheit halber übergelaufen zum früheren Feind. Ich verachte den FC Bayern (wie ich ihn seit 13 Jahren kenne) nicht wegen seines beachtlichen Festgeldkontos, sondern vielmehr aufgrund der Art und Weise, wie er damit umgeht. Wie er seinen unangefochtenen Status als Branchenführer erreicht hat, das ist mir mittlerweile schnuppe. Die Geschichte von der geschenkten Goldmine Olympiastadion, während die Borussia samt veraltetem Bökelberg nach den glorreichen 70ern langsam aber sicher dem Abgrund entgegenschlitterte, ist doch längst alter Tobak.

Vielleicht ertönt Gleiches auch in zwanzig Jahren aus meinem Mund, wenn ich mich über den sechsmaligen deutschen Meister und aktuellen Champions-League-Sieger Hoffenheim auslasse. Vielleicht werde ich trotzig und salopp sagen, Dietmar Hopp und seine Milliarden seien mir im Prinzip egal, Hoffenheim gehöre einfach grundlegend zu den „Scheißvereinen“. Vielleicht werde ich eine Hand voll deutscher Nationalspieler dann ebenfalls an 351 Tagen im Jahr nicht ausstehen können, weil sie berufsbedingt ein blaues Trikot mit dem SAP-Schriftzug tragen und sie nur vergöttern, wenn die Nationalmannschaft eines ihrer jährlich circa vierzehn Länderspiele bestreitet. (Wobei ich Lahm, Podolski, Klose, Schweinsteiger und Jansen eigentlich ganz gut leiden kann, sie teilweise sogar ausgesprochen mag. Früher mit Tarnat, Nerlinger, Kahn, Effenberg und Strunz verhielt sich das ganz anders.)

Doch anders als heutzutage beim FC Bayern werde ich dann den Anfang des Weges kennen, der einen Klub zum Minuspol der einen Hemisphäre einer Fußballnation und zum Pluspol der anderen mutieren lässt. Viele Dinge im Leben erscheinen erst aus der Nähe in einem schlechten Licht. Immer wieder muss man das bei Menschen erkennen, für die man aus der Ferne noch Sympathien empfunden hatte. Bei genauerem Hinsehen verlieren sie ihre Anziehungskraft jedoch vollständig. Im übertragenen Sinne ist die TSG 1899 Hoffenheim eine jener Personen.

Teil 2

Auf gut Deutsch (2)

Rubén de la Red: spanisch; auf dt. Rubén aus dem Internet

Ähnliche Einträge:
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- Oscar de la Basura , auf dt. Oskar aus der Mülltonne
- Iván de la Peña, auf dt. Ivan aus dem Fels

E(c)kball mit Folgen

Gehen wir mal davon aus, dass Marc Hindelang kein Märchenerzähler ist. Selbst wenn, dann ist folgende Geschichte, die er heute beim Spiel Freiburg gegen Aachen zum Besten gegeben hat, auch so nicht von schlechten Eltern:

Freiburg hat einen Co-Trainer – Damir Buric (hat mal bei Gladbach gespielt, tut aber nichts zur Sache). Freiburg hat auch einen 18-jährigen Jungspund aus Nigeria namens Eke Uzoma in seinen Reihen. Bekanntlich spielen E(c)ken beim Fußball von Zeit zu Zeit eine tragende Rolle. Sie werden gegeben oder verwährt. Der Torwart greift daneben. An besonderen Tagen findet ein Exemplar gar den direkten Weg ins Tor.

So begab es sich also, dass Co-Trainer Buric seinem Schützling Eke pausenlos Anweisungen mit auf den Weg gab (verständlich, der Junge ist achtzehn), die sich – in Lautschrift – ungefähr wie folgt angehört haben müssen: „Ecke!!! Ecke!!!“

Dies missfiel dem Schiedsrichter samt Assistenten gehörig. Denn der arme Mann mit der Pfeife ging permanent davon aus, dass Buric lautstark einen Eckball fordere und somit stets etwas an seiner Leistung auszusetzen habe. Also ließ er sich die Meckerei nicht lange gefallen und wies Buric freundlicherweise einen Platz auf der Tribüne zu (irgendwie verständlich, wenn jemand sogar einen Eckball fordert, obwohl sich der Ball gerade im Mittelkreis befindet). Der Co-Trainer verstand wiederum die Welt nicht mehr.

Klar, so was hätte es früher nicht gegeben. Da hießen die Jungs noch Jupp, Herbert, Sepp und wurden nicht nach Fußballbegriffen benannt. „Selbst Schuld“, Herr und Frau Uzoma, möchte man da sagen. Dabei zählt Eke in Nigeria doch möglicherweise zu den schönsten Namen des Landes und heißt soviel wie „gesegneter Junge, von Gott geschickt, der Frieden in die Welt bringen und den SC Freiburg zum Champions-League-Sieger machen wird“. Wer weiß.

Die kuriose Geschichte hätte für Damir Buric jedoch auch schlimmer enden können. Nicht auszumalen, die Breisgauer hätten im Winter einen Georgier mit dem scheinbar harmlosen Namen Aschloch Erschiesdenvili verpflichtet. Oder einen gewissen Eyduh Pfeiffe aus Somalia. Er hätte nicht drüber lachen können und vermutlich den Rest der Saison auf der Tribüne verbracht. Wir hätten uns dennoch amüsiert.

Korpulente Macht

Viel sagen, wenig zu sagen haben, viel zerstören, wenig machen– scheinbar das Credo einiger Vereinspräsidenten.

Sie befinden sich in ihren 60ern, sind kurz vor dem Krieg, mittendrin oder unmittelbar danach geboren. Sie brauchen eigentlich ein Handy mit übergroßen Tasten – Anwälte, Steuerberater, Unternehmensmanager kurz vor oder bereits nach der Pensionierung. Sie lieben die Macht, klopfen sich gerne selbst auf die Schulter und stehen einem Bundesliga-Klub vor. Sie alle, sofern die vorher genannten Voraussetzungen erfüllt sind, scheint eines zu vereinen: Sie haben alles, nur keine Ahnung.

Schalkes Präsident Josef Schnusenberg bringt sich kurzerhand ins Gespräch, indem er seinem Trainer verbal und virtuell die Entlassungspapiere ausstellt. Als es dann tatsächlich um Slomkas Job geht, beim Achtelfinal-Rückspiel in Porto, verschwindet Schnusenberg Mitte der zweiten Hälfte in den Katakomben, weil er die Spannung angeblich nicht mehr ertragen könne. Rückgrat und vor allen Dingen Rückendeckung sehen anders aus.

Karl-Heinz Wildmoser, Ex-Präsident der Münchner Löwen, sitzt selbst nicht im Knast. Das Schicksal seines Juniors muss er nicht teilen. Dessen entlastende Aussagen und eine Kaution in sechsstelliger Höhe schufen den Vorwurf der Untreue und Bestechung bei der Auftragsvergabe zum Bau der neuen Allianz-Arena kurzerhand aus der Welt. Schon 2003 war Wildmoser wegen Steuerhinterziehung zu einer Geldstrafe verurteilt worden.

Sein Nachfolger Auer und Vize Zehetmair machten es danach nicht viel besser, stellten sich höchstens noch blöder an. Auer glitt im Frühjahr 2004 langsam aber sicher das Ruder des sinkenden Schiffes aus der Hand. Die Sechz’ger stürmten dem Abstieg entgegen. Der ehemalige Landesminister Zehetmair, mit ausgeprägtem Hang zur Profilneurose ausgestattet, verkündete kurz nach der Partie gegen den HSV vor laufenden Kameras, vor aller Welt, nur nicht vorm Coach selbst, dass Falko Götz seines Amtes als Löwen-Trainer enthoben worden sein. Nur hatte der selbst noch keinen blassen Schimmer von seiner bereits vollzogenen Entlassung und sah auf der Pressekonferenz ziemlich alt aus – mindestens so alt wie Auer und Zehetmair zusammen. Die nächsten, die ihren Hut nehmen mussten, waren die bayerischen Stan Laurel und Oliver Hardy selbst. Politik und Fußball – das hat noch nie geklappt.

Michael A. Roths Trainerverschleiß erreicht das Niveau der Reifenverschwendung an einem Formel-Eins Wochenende. Das ist nicht neu. Ein gemachter (Teppich-)Mann wird Vorsitzender eines Fußball-Klub: Das ist ebenso wenig neu. Noch im Mai 2007 hätte er sich bei der Siegerehrung nach dem Nürnberger Pokalsieg wohl am liebsten ganz nach vorne gedrängelt, sich alle Medaillen um den Hals gehängt und den Pokal persönlich als Erster in die Höhe gereckt. Gut, dass er sich allein auf die Schulter geklopft hat. Nachher wäre Icke Häßler am Ende noch einen ganzen Kopf größer gewesen. Heute, kein Jahr später, eilt der „Club“ übrigens dem Abstieg entgegen.

Der VfL Bochum ist seit jeher eine graue Maus, die sich in den letzten beiden Jahren jedoch mit einer herausragenden Transferpolitik und erfrischendem Fußball ohne großes Budget ein edles Fell verdient hat (man ist fast geneigt, den VfL in das „graue Hermelin“ der Bundesliga umzutaufen). Jetzt hat die graue Maus ihren frisch verdienten Pelz jedoch leichtfertig in den Dreck geworfen, als laste der gute Ruf zu sehr auf den schmächtigen, grauen Schultern. Manager Stefan Kuntz geht mit großer Wahrscheinlichkeit zum 1.FC Kaiserslautern (d.h.: unter Umständen in die Regionalliga). Man unkt, er gehe nicht selbst, sondern werde gegangen. Denn Kuntz und Präsident Altegoer sind zwei Männer im Graue-Maus-Verein, mit denen gemeinsam zuletzt anscheinend nicht gut Käse essen war.

Alt, manchmal korrupt, häufiger korpulent, eigentlich immer an Profilneurose leidend und von Beruf [setze gut bezahlten Job ein, der mit Fußball soviel zu tun hat wie England mit der Euro 2008]: Wer weiß, was diese Männer in den Profifußball führt. Es kann nichts Gutes sein.

Hut ab, Herr Gomez

Eiskalt vor dem Tor, auch als Vorbereiter glänzend – derzeit gibt es wenig auszusetzen an Mario Gomez, wie seine Ausbeute nach der Winterpause eindrucksvoll untermauert.

Horst Heldt ist Realist und weiß, dass Gomez kaum bis 2012 (er wäre dann fast 27) beim VfB bleiben wird (wenn er sich normal weiterentwickelt und von Verletzungen verschont bleibt). Wenn er die Torquote bis zum Saisonende auf ähnlichem Niveau halten kann und auch bei der EURO zu überzeugen weiß, könnten Heldt schon im Sommer die Argument ausgehen. (An einem vorzeitigen Wechsel dürfte bei entsprechender Entlohnung des VfB nichts Verwerfliches dran sein. Wenn ein Fernando Torres sich in Liverpool – mit bahnbrechendem Erfolg – versucht, dann darf ein Mario Gomez sein Glück durchaus in [...] suchen. Und abwerben können ihn die Spanier aus der Nationalelf sowieso nicht mehr, weshalb wir uns diese Ängste sparen können.)
Aber bis dahin wächst das Gras noch ein ganzes Stück. Die schöne Momentaufnahme wollen wir dem Jungen dennoch gönnen.


M(etzelder)+M(ertesacker) in der Innenverteidigung,
M(iroslav)+M(ario) im Sturm, M(ercedes) als Sponsor – hoffen wir, das Jogi Löw noch mindestens acht Jahre Bundestrainer bleibt. Sonst sagt sich nachher noch jemand anders mit M an.

Wortspielzirkus “Kommentatori” (2)

“Frei kommt frei zum Kopfball.”

- Jürgen Klopp konnte es sich wohl nicht verkneifen, nachdem Bela Réthy noch elegant ausgewichen war: “Frei steht ganz allein.”