Monthly Archive for Juni, 2008

EM-Tagebuch (42) -Abschlussprüfung

Es gab nicht viel zu holen für die Nationalelf im Endspiel gegen Spanien. Dementsprechend fallen die Koptnoten aus – nur einer ragt heraus. Jens Lehmann hielt uns lange im Spiel, am Ende waren seine Paraden umsonst.

Lehmann: Sein vielleicht letzter Auftritt im DFB-Dress war richtig gut. Vereitelte viele spanische Chancen – unter anderem ein Eigentor von Metzelder und einen Kopfball von Ramos – und verhinderte, dass das Finale bereits früh für Deutschland gelaufen war. Über seine Rolle beim Gegentreffer lässt streiten – er muss nicht unbedingt raus, wenn, dann nach der Devise „den Ball haben oder drin bleiben“. Ansonsten starker Rückhalt – zum Abschluss eine 2.

Lahm: Erneut Hauptbeteiligter bei einem Gegentor. Nach ordentlichem Beginn mal wieder mit ungewohnten Patzern in der Defensive. Erhielt diesmal keine Chance auf Wiedergutmachung, zur Pause verletzt raus. Sehr schwacher Auftritt – 5.

Mertesacker: Die Zweikampfwerte sprechen mal wieder eine andere Sprache als die Realität. Leistung fügte sich nahtlos ein in eine schwache EM des eigentlich sonst immer souveränen Bremers. Defizite im Sprint und im Aufbauspiel offenbarten sich erneut. Verlor wichtige Zweikämpfe wie z.B. das Kopfballduell gegen Torres, als der den Pfosten traf. Unsicherheitsfaktor – mangelhaft, in Zahlen 5.

Metzelder: Seine Vorstöße sorgten für viel Gefahr – in der eigenen Hälfte, weil er nach den Ballverlusten vorne in der Abwehr fehlte. Nur 44% gewonnene Zweikämpfe. Sinnbildlich eine Szene in Hälfte eins, als Torres ihm auf 30 Metern gefühlte zehn abnahm. Absoluter Wackelkandidat nach der EM, obwohl er immer noch besser spielte, als lange erwartet. Gestern unterirdisch – 5,5.

Friedrich: Gewann kaum einen Zweikampf (nur 2 von 7), unbrauchbar im Spiel nach vorne. Begann stark gegen Österreich und Portugal, danach sehr schwach, gestern nicht besser als 5.

Frings: Mit Kampf wie immer, doch allein das reicht nicht. Zwar mit den meisten Ballkontakten im deutschen Team (68), jedoch ziemlich uneffektiv und blass im Spiel nach vorne. Nicht seine EM. Wie auch, nach dieser Bundesligasaison? 4,5.

Hitzlsperger: Spielte mehrere Fehlpässe, die für viel Gefahr im und am deutschen Strafraum sorgten. Wirkte nervös und der Aufgabe nicht ganz gewachsen. Hatte eine gute Chance auf dem Fuß in Hälfte eins, Ball erreichte gerade das Tor. Stach jedoch nicht heraus aus einer – bis auf Lehmann – sehr schlechten deutschen Mannschaft. Unterm Strich auch für ihn eine 5.

Ballack: Die Wade hielt, Ballack aber nicht das, was er versprach. Wird langsam zum ewigen Zweiten – zwei Champions League-Finals, ein WM-Endspiel, ein DFB-Pokalendspiel, nun auch ein EM-Finale, alle verloren. Gab zwar 2 der nur 4 Torschüsse ab, aber selbst seine Versuche, die Mitspieler mit Aggressivität aufzuwecken, scheiterten kläglich. Sehr wechselhafte EM für ihn, mit keinem guten Ende – 4,5.

Podolski: Schwächste EM-Leistung des kölschen Jungs, ausgerechnet im Finale. Tauchte in der ersten Hälfte wenigstens ab und zu auf, danach wie vom Erdboden verschluckt – 5.

Schweinsteiger: In Hälfte eins noch etwas aktiver als der Rest, fand jedoch über 90 Minuten nicht zu seinem Spiel. Nachdem die letzten Spiele Besserung verhießen, diesmal wieder grausam bei den Standards. Mit so vielen Totalausfällen im Angriff lässt sich kein Titel gewinnen. Auch für Schweinsteiger nicht mehr als eine 4,5.

Klose: Verstolperte die beste Gelegenheit der ersten Hälfte fahrlässig. Mit nur 13 Ballkontakten und ohne Durchsetzungsvermögen im Zweikampf – zu wenig für einen alleinigen Stürmer im 4-2-3-1. Sein Warten auf Fehler der Spanier wurde nicht belohnt, nichts zu holen diesmal für Klose – 5.

Jansen ab 46.: Brachte nach der Pause frischen Wind. Eroberte zwei Bälle mit viel Einsatz. Blieb leider wirkungslos im Spiel nach vorne, auch wenn er es immer wieder versuchte. Später auch hinten nicht mehr ganz so sicher, am Ende noch eine 4.

Kuranyi ab 58.:
Mit unfassbaren 4 Ballkontakten in 35 Minuten Spielzeit. Bekam gar nichts auf die Reihe. Im Gegenteil – noch mit einem üblen Foul gegen Marcos Senna. Darf Gott sei Dank noch bewertet werden – glatte 6.

Gomez ab 79.: Anders als Kuranyi ohne Note. Genauso ohne Ballkontakt! 14 Minuten auf dem Platz und nicht einmal den Fuß ans Leder bekommen. Sinnbildlich für sein verkorkstes Turnier. Braucht noch viel, viel Zeit auf internationaler Ebene.

Aufstellung:
Lehmann – Lahm (46. Jansen), Mertesacker, Metzelder, Friedrich – Frings, Hitzlsperger (58. Kuranyi) – Podolski, Ballack, Schweinsteiger – Klose (79. Gomez)

Tore:
0:1 Fernando Torres (33.)

Gelbe Karten: Ballack, Kuranyi – Fernando Torres, Casillas

EM-Tagebuch (41) -6:7

Am Ende viel Moll, ein wenig Dur – die EM ist vorbei. Was für die deutsche Mannschaft gut begann, zwischenzeitlich erschreckend schlechte Züge annahm, um dann wieder in voller Blüte zu stehen, endete gestern mit einer Niederlage. Es war die siebte im 13. großen Endspiel der Geschichte. Deutschland wartet seit 12 Jahren auf einen großen Titel. Die längste Durststrecke, seitdem Beckenbauer, Netzer und Co. 1972, 18 Jahre nach dem Wunder von Bern, den ersten EM-Titel holten.

Es war alles angerichtet gewesen. Besonders der Pott strahlte in seinem neuen Glanz, mit rot-gelben Bändern am einen und schwarz-rot-goldenen am anderen Henkel wunderbar in Szene gesetzt. Die UEFA hatte dahingehend leichtes Spiel – bei einem deutschen Sieg einfach noch ein, zwei schwarze Bänder dranpappen und bei einem spanischen… Als ich heute Morgen um kurz nach fünf für ein paar Minuten wach lag, schwirrte mir Michèl Platini durch den Kopf. Mit zufriedenem, leicht diabolischem Lächeln riss er die schwarzen Bänder um 22:38 Uhr vom Pokal. Der Traum war geplatzt, die dritte Pleite im sechsten EM-Endspiel perfekt. Die Veranstalter hätten symbolisch nur noch die Requisiten der Abschlussfeier herankarren und auch die schwarz-rot-goldenen Ballons in den Wiener Abendhimmel steigen lassen müssen.

Die Griechen müssen derweil ein glückliches Volk sein. Ein einziges großes Finale erreicht und prompt gewonnen. Ich bezweifle, dass Griechenland in den nächsten fünfzig Jahren noch einmal Ähnliches vollbringen wird. Das heißt im Umkehrschluss, dass sie zusammen mit Dänemark und – ausgerechnet – England zu den drei glücklichen Nationen in Europa zählen, die alle großen Endspiele ihrer Länderspielgeschichte für sich entschieden haben. Kein Vize-Gerede, kein Rumgeschnulze von wegen „Welt-/Europameister der Herzen“. Finalniederlagen sind so bitter, dass sie die Freude über fast ebenso viele Titel beinahe eliminieren. Die deutsche Mannschaft hat nicht unverdient verloren. Doch wie kann man so forsch und überlegen die ersten zehn, fünfzehn Minuten bestreiten, und dann so den Faden verlieren? Die Spanier spielten bereits lange Pässe ohne Ende, wirkten nervös, spielten Fehlpässe. In den letzten 75 Minuten war man Derartiges allein von der deutschen Mannschaft gewohnt.

Spanien ist zweifelsohne der Sieger, den dieses Turnier verdient hat, doch inwiefern soll das trösten? Wer ins Finale kommt, will verdammt noch mal auch gewinnen, Rumpelfußball, Glück, technische Unterlegenheit hin oder her. Wer im Halbfinale scheitert, ist ganz konform ausgeschieden. Der Unterlegene im Endspiel ist und bleibt der Verlierer, der so leicht der große Gewinner hätte sein können.

Die Spanier brauchten nicht einmal eine überragende Leistung, um uns zu schlagen. Kaum großartige Geistesblitze waren vonnöten, um den Pott erstmals seit 44 Jahren auf die iberische Halbinsel zu holen. Fabregas, Ramos, Silva – allesamt vergleichsweise blass, keiner mit positiver Zweikampfbilanz, alle drei mit für ihre Verhältnisse wenigen Ballkontakten. Letzterer leistete sich sogar noch eine Tätlichkeit, einen Kopfstoß gegen Podolski, der von Schiedsrichter Rosetti ungeahndet blieb. Doch unsere Fehler waren einfach zu eklatant, um hinten sicherer zu stehen und vorne mehr zu reißen. Mit einem Metzelder und einem Mertesacker in dieser Verfassung lassen sich wohl keine Turniere gewinnen. Ich dachte bis vor einiger Zeit, wir hätten da ein Duo parat, dass die Hand an der Klinke der Tür zur Weltklasse postiert hat. Jemand muss da übelste Augenwischerei betrieben haben. Dann ein Lahm, der sich Böcke leistet, die man Mr. Zuverlässig nie zugetraut hätte und ein Arne Friedrich, der mit seinen Fertigkeiten allenfalls in die Geisterbahn gehört oder in den Wald zum Holzhacken.

Wenn dann das vermeintliche Prunkstück des deutschen Turniers, unsere Offensive, auch noch einen kollektiven Betriebsausflug nach Nirgendwo unternimmt, sinkt selbst die Hoffnung darauf, mit einem Tor aus heiterem Himmel die Verlängerung zu erzwingen, auf den Nullpunkt. Wir müssen jetzt nicht zum Rundumschlag ausholen, von irgendwelchen Neuanfängen sprechen. Den Erfolg, das Finale erreicht zu haben, nimmt uns keiner. Wenn wir behaupten, die zweitbeste Mannschaft des Kontinents zu sein, haben wir wenigstens ein schlagkräftiges Argument im Ärmel und können stolz die Eintrittskarte vom Endspiel vorzeigen, auf der neben der Flagge des Siegers auch unsere eigene abgebildet ist. Wir brauchen keine Verjüngungskur. Die „Alten“ sind entweder so alt, dass sie hoffentlich von alleine gehen werden (Lehmann), oder noch die Frische für mindestens zwei weitere Jahre Führungsarbeit besitzen (Ballack, Frings, Klose). Mit wem sollten wir auch aufs Neue etwas säen, nachdem wir den Wald gerodet haben?

Lahm, Mertesacker, Schweinsteiger und Podolski sind allesamt noch nicht einmal 25 Jahre alt, werden sich demnach erst nach der EM 2012 langsam ihrem Zenit annähern. Wir müssen einfach das „Material“ hegen und pflegen, das uns zur Verfügung steht: Einem lernfähigen Thomas Hitzlsperger noch einiges beibringen, Mario Gomez die Zeit geben, die er augenscheinlich noch braucht, einen erfrischenden Techniker wie Marko Marin ganz behutsam und geduldig ans große Geschäft heranführen und eine Abwehrhoffnung wie Heiko Westermann irgendwie von außen in die Schalker Innenverteidigung lotsen.

Doch der Länderspielzirkus bietet Gott sei Dank ohnehin keine Gelegenheit, langfristig in irgendwelche Löcher zu fallen. Am 6. September beginnt das Rennen um die Plätze für Südafrika 2010, ganz sachte mit einem Spiel in Liechtenstein. Die Pflichterfolge gegen Finnland, Wales, Aserbaidschan und Liechtenstein wird es schon brauchen, um gegen Russland nicht unter riesigem Zugzwang zu stehen. Denn nur der erste qualifiziert sich direkt. Die Quali wird also kein Zuckerschlecken.

Die Niederlage von gestern hat mich nicht fürs Leben gezeichnet. Die Konstellation, dass Spanien einfach besser war, wir trotzdem nur 0:1 verloren haben, ist dennoch nicht wirklich wohltuender gewesen als eine bittere Niederlage mit 2:3 in der Nachspielzeit. Auf die gute Miene zum bösen Spiel vor dem Brandenburger Tor freue ich mich nicht wirklich. So schön das Leben eines Menschen auch gewesen sein mag, auf seiner Beerdigung wird nie jemand in Jubelstürme ausbrechen, keiner wird jemals freudetrunken Fahnen schwenken. Es wird standesgemäß getrauert. So wie es sich gehört. Die deutsche Mannschaft hat gestern zwar nur ein EM-Endspiel verloren, es ist niemand gestorben. Doch „Danke“ sagen kann man auch mithilfe eines Statements im Fernsehen, dafür braucht es kein Eventfan-Event mit geschminkten Wangen und Oliver Pocher. Und wenn ich an Jens Lehmanns offensichtliche Enttäuschung denke, die er im Interview nach dem Spiel nicht annähernd verbergen wollte und konnte, kann ich mir vorstellen, dass nicht nur einer der 23 heute Mittag gerne etwas anderes tun würde, als mit gestelltem Lächeln in Berlin über den Catwalk zu laufen. Verständlich.

Doch diese Abhandlung soll nicht ganz in Moll enden, fürs Erste genug Trübsal geblasen. Wir haben gestern unser 13. großes Finale gespielt (wobei das noch ein schlechtes Omen gewesen ist). In Europa kann das niemand auch nur annähernd von sich behaupten. Nach uns folgt Italien – mit acht Endspielteilnahmen. Wir haben Platz eins in der ewigen EM-Tabelle behauptet. Man klammert sich ja krampfhaft an alles Aufmunternde. Auch wenn’s schwer fällt.

Die Kopfnoten gibt’s später. Denn obwohl ich es nicht befürworte, werde ich mir die gut gemeinte Leichenschau in Berlin anschauen.

EM-Tagebuch (40) -Nervenspiel

Finale in T minus 78 Minuten und ich halt’s nicht mehr aus.

Ich bin eigentlich zu alt dafür. Sonntagmittags raus gehen, auf den Fußballplatz, alle deutschen EM-Tore nachspielen bis zum Umfallen und vorsichtshalber schon mal die Treffer aus dem Endspiel einstudieren. Aber genau für diese Anlässe hält die deutsche Sprache schließlich das Wörtchen „eigentlich“ bereit. Die zwei türkischen Jungs um die 12,13 Jahre haben komisch geguckt. Etwas befremdet, als ich das Elfmeterschießen simulierte, meinen Bruder im Ballack-Trikot zum entscheidenden Elfer antreten ließ und das ganze kommentiert habe, als säße nicht Tom Bartels heute Abend in Wien auf der Pressetribüne, sondern ich selbst.

Mein Bruder hat das Down-Syndrom, ist geistig behindert. Ich weiß nicht, ob das etwas mit der Geduld und Muße zutun hat, die ihn durchs Leben trägt. Jedenfalls bewundere ich diese Geduld fast täglich. Besonders an Tagen wie diesen, die mich um Jahre altern lassen, allein schon, weil es so anstrengend ist, 15:23 von 20:45 abzuziehen, das Ergebnis in Minuten umzuwandeln und den Countdown zu aktualisieren, der seit heute Morgen in meinem Kopf gen Null läuft.

Auch beim zehnten Versuch, einen authentischen Ballack-Elfer in die Tormitte zu produzieren, lief er ohne Murren an, nur um mich, den hypernervösen kleinen Bruder zufrieden zu stellen. Man könnte jetzt denken, in diesem Gemütszustand – ruhig und geduldig – ginge der Tag irgendwann nach 22:30 Uhr für meinen Bruder zu Ende. Doch spätestens wenn der Ball dann rollt – ich finde, er könnte jetzt langsam mal damit anfangen, der Ball –, wirft er all diese Muße über den Haufen, ist Feuer und Flamme und zeigt, dass er das Temperament von seiner Mutter geerbt hat. Nicht von seinem Vater, dessen Gene haben sich da bei mir eher durchgesetzt. Spätestens ab der 78. Minute, es sei denn wir führen mit drei Toren oder liegen klar zurück, werde ich das erste Couchkissen verspeisen. Die Fingernägel sind radikal gekürzt, unabbeißbar. Dabei wachsen sie ja nach. Anders als Couchkissen.

Es ist bereits das fünfte Endspiel meines Lebens, circa alle 3,79 Jahre eins – aber nicht wirklich, denn 1990 war ich elf Monate alt, 1992 nicht einmal drei. Ich kann also behaupten, meine Endspiel-Bilanz ist ausgeglichen – ein Sieg 96, eine Pleite 2002, die mich nicht allzu sehr getroffen zu haben scheint. Denn außer Kahns Patzer und Neuvilles Pfostenschuss haben sich alle Details des Spiels innerhalb der letzten sechs Jahre aus meinem Gedächtnis verabschiedet. Vielleicht war es ein Verdrängungsreflex.

Das heißt, dieser Finaltag heute ist der erste seiner Art, den ich mit der ihm gebührenden Intensität wahrnehme – mit Sekundenzählen und sinnlosen Gedanken, vor lauter Nervosität einen Schnaps zur Beruhigung zu vertilgen. Wembley vor zwölf Jahren war schön. Ich saß auf dem Boden vor dem Fernseher, weiß noch, dass mein Vater die 95 Spielminuten fast ausschließlich damit verbrachte, meine neugeborene Cousine halbwegs ruhig zu stellen. Oliver Bierhoffs Torjubel ist seitdem allgegenwärtig, Béla Réthys Stimme ebenso. Ich finde, es ist an der Zeit, dass diese Szenen in den Hintergrund rücken, dass sich neue Jubelarien in den Vordergrund drängen, dass ich unseren Loréal-Managers endlich einmal vergessen kann. Obwohl er heute Abend auch wieder irgendwo rumschwirren wird.

Ich konnte in den letzten Jahren nicht wirklich auf die Vereinsmannschaft meines Herzens zählen. Das letzte Finale der Borussia liegt sogar schon 13 Jahre zurück, da war Wembley ’96 noch nicht einmal gezeugt. Die Nationalmannschaft hat demnach ein Monopol auf die Gefühle, die mich momentan auf Trab halten und um den Verstand bringen. Sie soll sich geehrt fühlen. Schließlich steht sie jährlich nur an 12-16 Tagen im Mittelpunkt, abhängig davon, ob die Jahreszahl durch zwei Teilbar ist oder nicht.

Der Klub des Vertrauens spielt dagegen mindestens 35-mal im Jahr die erste Geige. Wenn er Gladbach heißt, selten häufiger als das. Wir heißen ja nicht Manchester. Jedenfalls gibt es da mitunter Spiele, die vorbeigehen, ohne dass sie bleibende Eindrücke hinterlassen haben. Bei großen Turnieren der Nationalelf bleiben derartige Spiele Seltenheit. Es sei denn, einer der Gruppengegner hieße Österreich UND man wäre vor dem Aufeinandertreffen bereits fürs Viertelfinale qualifiziert.

Momentan sehe ich schlechte Omen überall: Das Ballack-Trikot meines Bruder löst sich auf, tut es der Wadenmuskulatur des Captains gleich. Aus „Ballack“ auf dem Rücken ist „alla h“ geworden. Dessen christliches Pendant wird uns heute beistehen müssen, wenn das etwas werden soll gegen schier übermächtige Spanier. Übrigens kann Ballack vermutlich spielen, derweil hat die Firma Edding das B, das C und den Bogen des K auch wieder zum Leben erweckt. Die Hoffnung lebt. Dann hat meine Großmutter Pudding gekocht – schwarz-rot-gold bzw. Schokolade-Rote Grütze-Vanille. Im Prinzip sehr nett, nur leider hat sie das bei dieser EM bislang genau einmal getan: Am 16. Juni vor dem Kroatienspiel.

Auf dass es diesmal gut gehe!

Zum Schluss will ich der Nachwelt einfach nicht das Produkt meines Sonntagnachmittages vorenthalten. Dank an meinen Bruder für den strammen Schuss in die Mitte, für den, der am Tor vorbeiging und für alle anderen Versuche, die es leider nicht in dieses Video geschafft haben. Das Tor ist übrigens ein Modell der Größe 2×5 – ich bin also nicht 2,38m groß, wie es den Anschein hat. Drehort ist der Kunstrasenplatz der Anrather Donkkampfbahn. Schade, dass das Vogelzwitschern im Hintergrund nicht mehr zu hören ist. Es hatte genau den beruhigenden Effekt, den ich jetzt dringend bräuchte.

EM-Tagebuch (39) -Flashback

Friedrichs Schläfrigkeit, Lahms Siegtor, Terims Fast-Gesichtsfraktur, Rüstüs Pannenshow und Lehmanns Kunststück, den Ball “durch die Unterhose” ins Tor zu lassen – nochmal zum Genießen und Haareraufen.

Bislang ging ich davon aus, dass nur die Tore anderer Teams mit „Samba de Janeiro“ beschallt werden. Tatsächlich gibt’s auch bei unseren Treffern was auf die Ohren. Wusste ich noch nicht, hatte bei unseren zehn EM-Treffern schließlich meist was anderes zu tun.

Alle preisen den Doppelpass von Hitzlsperger und Lahm. Das Video zeigt, dass es sogar ein doppelter Doppelpass war. War mir total entgangen. Hitze auf Lahm, Lahm auf Hitze, Hitze in die Gasse, Lahm ins Tor. Bis vor ein paar Minuten glaubte ich auch, die deutschen Spieler hätten sich – wie das bei späten, entscheidenden Toren so üblich ist – freudetrunken auf Philipp Lahm geschmissen und den Gotthard auf dem Rasen nachgebildet. Dabei zeigte Lahm nur kurz seine Bauchmuskeln, danach reckte die Kanzlerin die Arme in Wangenhöhe – nicht höher, das wäre ja ein Wunder – und die deutsche Bank scharte sich um den Siegtorschützen. Alles im Stehen.

Also, hier ist es, weil’s so schön war und irgendwie auch wieder nicht – das Wichtigste aus dem Halbfinale gegen die Türken zum Aufwärmen fürs Finale und für eindringliche Fehleranalysen:

EM-Tagebuch (38) -Mit dem Zweiten feiert’s sich besser

Wie die ZDF-Delegation an spielfreien Tagen so richtig die Sau rauslässt.

Lafer und Lichter kochen mit Béla Réthy auf der Seebühne. Immerhin etwas Fußball am spielfreien Tag vor dem Finale. Das Kribbeln hält sich derweil noch in Grenzen, kein nervöses Rumwippen mit dem Fuß, Löw’scher Ruhepuls, prä-finale Gelassenheit. Patrick Lindner ist beim Kochen auch dabei, aber der singt bekanntlich Schlager, spielt deshalb keine Rolle hier. Oder doch – später vielleicht.

Frau Müller-Hohenstein und Herr Steinbrecher moderieren von dort aus, aus Bregenz, heute Abend auch das Sportstudio – das ZDF scheint die Anlage in Bregenz bis Monatsende gebucht zu haben und muss sie zum Ende noch einmal richtig ausschlachten. Trotzdem verwunderlich, dass sich das Zweite heute überhaupt EM-technisch zu Wort meldet. Fußballfreie Tage scheinen im Lager der EM-Reporter nämlich sonst eher unkonventionell zu verlaufen, wie „Frau KMH“ im EM-Blog des ZDF berichtet: Fußballmatch, Bootstour und eine deftige Schlagersause mit Drafi Deutscher, Michael Holm und – wenn’s ganz dicke kommt – vielleicht auch Patrick Lindner.

Am Tag danach war ja Gott sei Dank wieder kein Spiel. Leider hat sich das ZDF den falschen Experten für solche Anlässe ausgesucht. Christoph Daum wäre ein besserer Griff gewesen – der hätte sicher ’ne Alka Seltzer in der Kulturtasche gehabt.

EM-Tagebuch (37) -Metzes EM-Demenz

Christoph Metzelder kann sich nicht mehr genau daran erinnern, wo und wie er das EM-Endspiels 1996 verfolgt hat.

Bleibt nur zu hoffen, dass er in 12 Jahren noch weiß, wie das Finale von 2008 verlaufen ist. In Anbetracht der Abwehrleistung in den letzten beiden Spielen hege ich da aber ernsthafte Zweifel. Unsere Innenverteidigung erweckte da nämlich zeitweise den Eindruck, den Platz nur physisch betreten zu haben.

Ist ein großes Endspiel nicht so etwas wie ein 11. September: Jahre später weiß jeder noch haargenau, was er gemacht bzw. wie er das Spiel erlebt hat, denn die Beschäftigung an jenem Abend wird bei 80% der Bevölkerung nahezu identisch ausgesehen haben.

Jogi Löw sagte heute, der Druck sei weg. Da hat er einerseits recht: Bei einer Niederlage mit Anstand wird ihm keiner den Kopf abreißen. Doch den Druck, zumindest eben jene Anstandsniederlage auf die Beine zu stellen, sollten alle schon noch intensiv wahrnehmen. Und mal ganz ehrlich, auch wenn nicht jeder 100%-ig davon überzeugt ist: Den Pott wollen wir doch alle.

EM-Tagebuch (36) -Mut zum Unmut

Kurz vor Mitternacht – Spanien steht im Endspiel. Wir auch und deshalb geht’s jetzt schon los mit dem mutigen Gerede. Auch wenn es gar nicht so klingen mag.

Nachdem wir uns tagelang den Kopf darüber zerbrochen haben, ob wir die Türkei nun 2:0, 3:0 oder gar 4:0 wegputzen, begeben wir uns aus gegebenem Anlass ab jetzt schön brav zurück in die Rolle des Außenseiters. Spanien ist die beste Mannschaft der Welt – mindestens. Die Russen zweimal vernichten geschlagen – die Spanier sind damit so gut wie unbesiegbar. Zumal das Gesetz der Serie gleich mehrfach gegen uns spricht:

EM-Finale 1972: Sieg
EM-Finale 1976: Niederlage
EM-Finale 1980: Sieg
EM-Finale 1992: Niederlage
EM-Finale 1996: Sieg
EM-Finale 2008: Na?

Zudem verliefen unsere siegreichen Halbfinals bei einer EM eher weniger torreich, wenn wir anschließend den Titel holten. 1976 gab’s ein 4:2 gegen Jugoslawien, 1992 ein 3:2 gegen Schweden – wie’s weiterging, siehe oben.

Im Halbfinale bei diesem Turnier haben sich außerdem beide Mannschaften durchgesetzt, die im selben Stadion auflaufen durften wie im Viertelfinale. Na, und wer muss zum Endspiel umziehen? Und wer darf auch sein drittes K.o.-Rundenspiel in Wien bestreiten?

Wir können also nur verlieren. Das ist gut, denn wenn wir nur verlieren können, tun wir’s meistens nicht.

PS: Spanien ist Favorit. Ich glaub’ aber, das hab’ ich schon gesagt.

EM-Tagebuch (35) – Mit Monita ins Endspiel

Schüler, die gestern mit einem Schnitt von 3,9 nach Hause gekommen sind, dürften keinen schönen Tag verlebt haben. Für die deutsche Nationalmannschaft heißt es dennoch “bestanden” – und ab ins Endspiel.

Lehmann: Strahlte nicht annähernd die Sicherheit des Portugalspiels aus. Orientierungslos bei beiden Gegentoren. Wollte den Ball beim 2:2 schon aufnehmen, sah Semih nicht heranrauschen. Hat den guten Trend nicht bestätigt – 4,5.

Lahm: Bis zur 90. Minute eindeutiger 5er-Kandidat. Dann mit beherztem Vorstoß und dem goldenen Tor. Spielte haarsträubende Fehlpässe, an beiden Gegentoren mitschuld. Ließ sich von Sabri geradezu überlaufen. Genie und Wahnsinn treffen sich bei einer 3,5.

Mertesacker: Machte erneut einen ganz schlechten Eindruck. Neben den bekannten, eklatanten Mängeln in der Spieleröffnung auch erneut unsicher in der Defensive. Verlor entscheidende Zweikämpfe vor beiden Gegentoren. Ein Wunder, dass trotzdem am Ende der Finaleinzug stand. Glatte 5.

Metzelder: Wie gegen Portugal insgesamt einen Tick besser bzw. weniger schlecht als Mertesacker. 80% gewonnene Zweikämpfe sind überragend, täuschen jedoch über den Gesamteindruck hinweg. Wirkte insgesamt etwas abgeklärter als sein Nebenmann, deshalb noch eine 4.

Friedrich: Nicht annähernd mit der Souveränität des Viertelfinals, zu wenig Entschlossenheit, fand vorne überhaupt nicht statt. Leistete sich anders als der Rest der Abwehr jedoch keine haarsträubenden Fehler, deshalb wie Metzelder noch eine 4. Edit: Mir ist sein komatöses Verhalten vor dem 0:1 entgangen, als er sich wie in einer anderen Zeitzone bewegte und Ugur widerstandslos einschieben ließ. Deswegen keine 4, sondern eine 4,5.

Hitzlsperger: Schoss dreimal aufs Tor, wirkte vorne präsenter als hinten. Ab und zu haperte es an der Genauigkeit. Schickte Podolski klasse auf die Reise zum 1:1. Nach seinem guten Zuspiel hätte Podolski kurz danach selbst treffen können. Hitzlsperger spielte mit Lahm den Doppelpass, der zum Siegtor führte. Vorne gut, hinten mit Defiziten, aber noch in Ordnung – 3,5.

Rolfes: Unglücksrabe des Spiels – jedoch bezeichnend, dass ausgerechnet er mit einer Platzwunde zur Pause raus musste. Fand nicht so sehr ins Spiel wie gegen Portugal, sehr nervös und fehlerhaft im Aufbauspiel. Keine Empfehlung fürs Finale – 5.

Podolski: Wie gegen Portugal als Vorlagengeber erfolgreich. Hätte wenig später bei einem Konter die Führung besorgen können, wenn nicht müssen. Blasser als in den letzten Partien, jedoch wie immer mit Kampf und Einsatz. Erst bei der Humba richtig auffällig – 3,5.

Ballack: Nur 40 Ballkontakte sind viel zu wenig, auch wenn ihm Mehmet 90 Minuten lang auf den Füßen stand. Ging sicherlich wieder viele Wege, jedoch wirkungslos im Angriffsspiel. Wurde eher hinten rein getrieben. Stark abgebaut gegenüber den letzten Spielen – 4,5.

Schweinsteiger: Bester Deutscher – traf nach einer Beinahe-Kopie aus dem Portugal-Spiel zum 1:1. Ackerte unermüdlich, fand als einziger schnell ins Spiel. Ging in die meisten Zweikämpfe und schlug sich sehr wacker – 2,5.

Klose: Stand im richtigen Moment am richtigen Ort und schlug eiskalt zu. Das 2:1 war sein einziger Torschuss und einer von nur 14 Ballkontakten. Sein 41. Länderspieltreffer mildert einiges, auch für ihn eine gnädige 4.

Frings ab 46.: Kam für den verletzten Rolfes. Ohne Fehlversuch bei 20 gespielten Pässen, tadellose Zweikampfbilanz. Machte die Mitte wenigstens weitgehend zu, blieb aber absolut unauffällig im Spiel nach vorne. Aus diesem Grund „nur“ eine 3.

Jansen ab 90.+2.: In der Nachspielzeit ins Spiel gebracht. Ohne Ballkontakt. Ohne Wertung.

Aufstellung:
Lehmann – Lahm, Mertesacker, Metzelder, Friedrich – Rolfes (46. Frings), Hitzlsperger – Podolski, Ballack, Schweinsteiger – Klose (90.+2 Jansen)

Tore:
0:1 Ugur (22.), 1:1 Schweinsteiger (26.), 2:1 Klose (79.), 2:2 Semih (86.), 3:2 Lahm (90.)

Gelbe Karten: Semih

Danke an den ZDF-Videotext!