Monthly Archive for Juli, 2008

1860 + 39 = 1899

Sogar der kicker fällt auf die intensive Traditionshascherei der (ehemaligen) TSG Hoffenheim rein, die sich inzwischen lieber mit der Jahreszahl 1899 vor dem Städtenamen präsentiert.

Jedes Kind kennt Gladbach, S04, den BVB, Bayer, die Hertha, Hansa, den HSV, den VfL, den VfB und 1860 bzw. die Sechz’ger. Letztere verlieren gerade augenscheinlich ihren Status als einer der wenigen Vereine, die allein schon bei Nennung ihres Gründungsjahres jedem ein Begriff sind.

PS: Diesen Post lesen Sie übrigens auf www.entscheidend-is-aufm-platz.de – Traditionsblog seit 2007 (!).

Schwer geirt

Das freudige Farbenvertauschen bei Nationalfahnen hat jetzt auch die Sport Bild erreicht – alles abgekupfert von den Tagesthemen. Dort rollen jetzt erneut Köpfe. Erst mussten die Geograpghienulpen dran glauben, nun sind die Maulwürfe an der Reihe, die die Idee mit den Farben den Hamburger Kollegen gesteckt haben.

Die Sport Bild trägt nicht umsonst ihren Namen. Besonderes Augenmerk wird da auf den Teil nach dem Leerzeichen gelegt. Den Herren von der sportlichen Springer-Tochter ist somit eine übernatürliche Auffassungsgabe samt stark ausgeprägter Phantasie in die journalistische Wiege gelegt worden. Da wird häufig im übertragenen Sinne von Geburten berichtet, deren Hauptdarsteller noch nicht einmal gezeugt sind.

Währenddessen wird Diskretion dort aber besonders groß geschrieben. Auch deshalb fallen sie im neuen Sonderheft nicht mit der Tür ins Haus, sondern lassen ganz leise und schwer erkennbar verlauten, was bislang niemand, noch nicht einmal Uli Hoeneß, wusste:

Luca Toni ist jetzt Ire!


Und wer’s nicht glaubt: Das ist doch wohl eine andere Fahne?


Gut, dass sich in Wolfsburg neuerdings gleich zwei Italiener tummeln. Da liegt die Vergleichsmöglichkeit nur ein paar Seiten hinter den Bayern. Was wiederum auch nicht so toll ist – schließlich steht der VfL so verdammt weit vorne. Als Fünfter der Vorsaison.

Wenn Sportsfreund Sarkozy seine Demontage der Iren in Sachen EU fortsetzt und das Inselvolk in geraumer Zeit der Union den Rücken kehren sollte, könnte der Nationalitätenwechsel für die Bayern sogar problematisch werden. Nicht dass wie einst beim FCK irgendwann zu viele Nicht-EU-Ausländer für den Rekordmeister auf dem Platz stehen. Otto Rehhagel kann da ein Lied von singen.

Für alle Farbfetischisten: So sollte es aussehen. Und nicht so.

Grundlegend und überhaupt überbewertet

Testspielniederlagen sind genauso bedeutungslos wie Testspielsiege. Und eigentlich scheint das Ergebnis wirklich zweitrangig zu sein. Schließlich predigen die Trainer stets irgendetwas von wegen “die Leistung zählt/hat gestimmt”, egal welches Ergebnis schlussendlich (Urs Meier wird mir zustimmen) auf der Anzeigetafel auftauchte.

Dennoch können uns Pleiten im Vorfeld einer Saison sowohl nachdenklich stimmen als auch eindringlich für Beruhigung sorgen – obwohl doch eigentlich frei nach Kai Pflaume “nur die Leistung zählt”. Erschreckend, dass die Borussia ihre ersten fünf Partien nach Trainingsbeginn gewonnen hatte, schließlich befanden sich unter den Gegnern Schwergewichte wie Arminia Bielefeld oder der SC Heerenveen aus den Niederlanden.

In der Regel bedeutet eine Vorbereitung wie am Schnürchen nämlich großes Unheil. Peter Neururer erlebt traditionell sein geschnäuztes Waterloo, nachdem er mal wieder die Arbeit vor der Spielzeit als “beste aller Zeiten” über den grünen Klee gelobt hat.

2006 – nach der WM im eigenen Land – lief es derweil sowas von rund im Vorfeld der neuen Bundesligaspielzeit bei Borussia Mönchengladbach, dass ein paar Wochen und Monate danach sowas der Wurm drin war. Am Ende stand der zweite Abstieg von Gladbach aus dem Unterhaus.

Doch im letzten Jahr ging es ähnlich los wie heuer: Vier Siege zum Auftakt, dann aber der erste Dämpfer bei der Pleite gegen den Namensvetter aus dem Bergischen, Bergisch-Gladbach eben. Es folgte eine deftige 0:3-Niederlage in Bochum, der knappe Pokalerfolg in Osnabrück, danach der holprige Start in Liga Zwei. Der letzte Tiefpunkt, bevor es schnurstracks zurück in die Bundesliga ging.

Ergo sieht der Fahrplan am Niederrhein folgendermaßen aus: Valencia großzügig den Sieg im Saisoneröffnungsspiel überlassen, Fichte Bielefeld die Tannen nicht ganz so doll von den Ästen schießen, zum Auftakt nicht zu viele Punkte holen – der Rest kommt eh von alleine. Und wenn nicht, dann werden Ergebnisse ja grundlegend und überhaupt “überbewertet”.

Wie Ödipus vor der Sphinx

Der deutsche Fußball verirrt sich momentan in einem dichten Dschungel voller Grundsatzentscheidungen: Olympia oder Bundesliga? Geld oder Tradition? Sportschau oder keine Sportschau? Wir stehen gleich mehrfach am Scheideweg.

Die diesjährige Ausgabe des allseits bekannten Sommerlochs erweist sich als besonders hartnäckig. Denn wann gehörten die Worte „Olympia“ und „IOC“ zuletzt zu unserem Fußball-Wortschatz? Wann durften wir schon einmal so intensiv darüber diskutieren, ob die Bundesliga Vorrang vor den Olympischen Spielen hat? Alles äußerst brisant, alles aber auch sowas von sommergelöchert. Die Frage nach der Abstellungspflicht für das Turnier in Peking wird zur Grundsatzfrage hochstilisiert. Die beiden Schwergewichte im Sport – das IOC und die FIFA – liefern sich ein beeindruckendes Muskelspiel in freundschaftlicher Feindschaft.

Die Olympische Charta schlüpft derweil in die Rolle der Bibel des Weltsports – jeder will aus ihr die unmissverständliche und unverrückbare Wahrheit lesen. FIFA-Boss Blatter behauptet auf der einen Seite, eine Ablehnung der Abstellungspflicht widerspreche „dem Geist der olympischen Bestimmung“. Auf Schalke spricht man im Fall Rafinha auf der anderen Seite von „Vertragsbruch“. Das gefalle der berüchtigten Charta wiederum auch nicht. Sprich, Rafinha dürfte unter diesen Umständen nicht bei den Spielen antreten, so die Königsblauen. Wie im „echten Leben“ soll jetzt der Gang vors (Sport-)Gericht für Klarheit sorgen.

Dirk Nowitzki hat jüngst mit seinem offenen und überwältigten Bekenntnis zu Olympia viele Sympathien auf sich gezogen. Kein Wunder, wenn ein millionenschwerer 2,14-Meter-Hüne mit Tränen in den Augen seiner Freude über die erfolgreiche Olympia-Quali freien Lauf lässt. Nicht einmal das Turnier selbst fasziniere ihn am meisten. Nowitzki blickt nämlich vor allen Dingen auf das einzigartige olympische Feeling im Athletendorf mit geradezu rührender Vorfreude. Äußerungen dieser Art hat man bislang von den Herren Diego, Rafinha und Obasi nicht in dieser Form gehört. Was zieht sie überhaupt mit derartiger Nachhaltigkeit nach China? Warum sind plötzlich alle so heiß auf eine Medaille, die sie sich in der Regel gleich vom Hals reißen und in einer Schublade verschwinden lassen, wenn das Hauptobjekt der Begierde ein Pokal ist?

Einer Aufwertung des olympischen Fußballturniers ist meiner Meinung nach zwar nichts entgegenzusetzen. Sei es durch eine Aufnahme in den vielzitierten Rahmenterminkalender der FIFA und eine gleichzeitige Verschiebung des Ligastarts in Europa, oder durch den Wegfall der Altersbegrenzung. Doch eins ist klar: Ein derartiges Hickhack darf es 2012 nicht mehr geben. Sowohl das IOC als auch die FIFA haben es versäumt, mit klaren Aussagen im Vorfeld für Ruhe zu sorgen.

Nicht nur im Hinblick auf den Status des Fußballs bei Olympia sind derzeit einige Grundsatzentscheidungen zu treffen. Eigentlich außergewöhnlich, dass ausgerechnet die UI-Cup geprägte Sommerpause für diese Diskussionen herhalten muss.

Das Bundeskartellamt hat dem neuen Spieltagsmodell der DFL vor ein paar Tagen einen kräftigen Schuss vor den Bug verpasst. Die Sportschau bleibt voraussichtlich erhalten. Die Bundesliga soll also nicht im Pay-TV oder in den späten Abendstunden verschwinden. Auch ich will nicht auf die Aufbereitung der Samstagsspiele vor 20 Uhr verzichten. Obwohl ich mir ein vergleichbares Format direkt nach Abpfiff auf Premiere reinziehen könnte. Alle zwei Wochen steht am Samstag sowieso der Stadionbesuch, was bedeutet, dass „Alle Spiele, alle Tore“ wegfällt. Die Warterei bis zum Sportstudio ist mir dann zu lang. Zumal der Samstagabend eines 18-jährigen sich allzu oft nicht zuhause abspielt und das ZDF die Bundesliga in einer anderen Form angeht als das öffentlich-rechtliche Pendant im Ersten. Wer nach 22 Uhr das Zweite einschaltet, will nicht nur Tore sehen. Sportstudio-Gucker interessieren sich für die Hintergründe, für Reaktionen und Entwicklungen, die unmittelbar nach Spielende noch nicht abzuliefern sind.

Trainer Baade hat dagegen heute ein Statement von Kalle Rummenigge zur Entscheidung der Wettbewerbshüter aus Bonn abgeliefert:

„Der Tag ist gekommen, wo wir der Wahrheit ins Auge sehen müssen und diese Wahrheit dem Fan mitzuteilen haben. Und diese Wahrheit tut weh. Einen Champions-League-Sieger sehe ich im deutschen Vereinsfußball angesichts der herrschenden Knebelungen in den nächsten Jahren nicht.“

Da kommt mir spontan eine Flashmob-Idee: Heute Abend, 22 Uhr, Bahnhofsvorplatz in Krefeld – einmal herzhaft im Kollektiv über den paranoiden Vorstandsvorsitzenden aus München lachen? Komischerweise lief und läuft auf Premiere heute den ganzen Tag über der Weg seines Vereins zum Champions-League-Titel 2001. Wenn ich mir die Mannschaft der Bayern von damals anschaue, frage ich mich ernsthaft, wie diese Truppe damals Europas Thron besteigen konnte. Ich sage nur: Jancker, Jeremies, Zickler und Kuffour. Oder spielte man damals in England etwa noch mit Blechbüchsen auf Bänderriss fördernden Plätzen? Das würde einiges erklären.

Wir stehen derzeit wie Ödipus vor der Sphinx – gezeichnet von der Angst, die falsche Antwort auf die Frage nach „Geld, Gier und Erfolg“ oder „Tradition, Konstanz und Mittelmaß“ zu geben. Dank Christian Seifert – jawohl, ausgerechnet ein hohes Tier von der DFL – wissen wir jetzt wenigstens, dass die Bundesliga keineswegs zu klein, sondern ihre Gegner schlichtweg zu groß sind.

Alle Bundesliga-Klubs haben die Saison 2006/07 im schwarzen Zahlenbereich beendet. Ein Grund zur Freude wird dabei zur tonnenschweren Bürde: Während in Deutschland Kontinuität und wirtschaftliche Gesundheit auf der Prioritätenliste ganz oben rangieren, stürzen sich die Topklubs aus dem europäischen Ausland laut 11Freunde in neunstellige Verbindlichkeiten, ohne dadurch irgendeinen (sportlichen) Schaden zu erleiden – im Gegenteil. Für die Bundesliga werde diese Situation zur unüberwindbaren Hürde, „solange die UEFA ihr Lizensierungsverfahren so fährt, dass es international Klubs gibt, die 200 Millionen Euro Verlust machen können und in der Champions League gegen deutsche Klubs antreten, deren Anspruch es ist, schwarze Zahlen zu schreiben“, sagt DFL-Geschäftsführer Seifert im 11Freunde-Sonderheft.

Also Herr Rummenigge: Sind sie zu stark, sind wir nicht unbedingt zu schwach.

PS: Word kennt das Wörtchen “Topklub” nicht, bietet mir stattdessen “Atomklub” an. Ein Zeichen?

Von Kindesbeinen an

Die deutsche U19 steht vor dem ersten Titelgewinn für den DFB im Juniorenbereich seit 1992. Ein Erfolg, der zur Last werden kann für eine verheißungsvolle Generation.

In Jablonec spielt die deutsche U19-Nationalmannschaft derzeit im Finale gegen Italien. Eine 16 Jahre andauernde Durststrecke, was Titel bei Juniorenturnieren der angeht, soll dabei ihr Ende finden. Wir erinnern uns, auch damals verloren die Senioren ein EM-Endspiel – gegen Dänemark beim Turnier in Schweden. Vonwegen gutes Omen und so…

Lars Bender hat gerade den richtigen Weg eingeschlagen: Mit links in den Winkel, nicht schlecht. Der 89er-Jahrgang schimmert in einem dezenten Gold. Von einer gleichfarbigen Generation muss man jetzt nicht gleich anfangen. Doch Bender, Bender, Gebhart, Nsereko, Sukuta-Pasu, das sind mit Sicherheit nur ein paar von vielen, deren Weg nicht abrupt bei diesem Turnier enden wird. Die jüngeren 90er haben letztes Jahr bei der U17-WM Platz drei belegt, geführt von einem überragenden Toni Kroos. Und selbst wenn in sechs Jahren nur fünf Spieler aus diesen beiden Jahrgängen die Nationalmannschaft bevölkern werden, wäre das noch immer überproportional.

Bei der EM in Österreich und der Schweiz hieß der vergleichbare „Doppeljahrgang“ 1984/1985 – je vier Spieler sind in diesen Jahren geboren worden (Odonkor, Trochowski, Schweinsteiger, Mertesacker, Adler, Podolski, Gomez, Jansen). Sechs davon könnten in geraumer Zeit den Stamm des Teams bilden.

Nationalmannschaften leben von dieser Blockbildung der anderen Art, von Spielern, die sozusagen schon zusammen gespielt haben, bevor sie in den Stimmbruch gekommen sind. Aber der Ruf einer „goldenen Generation“ kann auch zur schweren Last werden. Einfach mal nachfragen bei Figo, Rui Costa, Poborsky oder Nedved.

“In de Kull” war “in de Zeitung”

Die Rheinische Post druckt auf ihrer Opinio-Seite, die jeden Dienstag erscheint, eigentlich mit Vorliebe herzzerreißende Katzengeschichten, Stories von Leuten, denen eine Holzlatte durch die Windschutzscheibe geflogen ist, oder Urlaubsberichte aus Taka-Tuka-Land. Man will dem werten Leser das eigene Autorenportal schmackhaft machen.

Jetzt ist es mir gelungen, ihr Herz mit meiner “Reise” an die Reliquienstätte des altehrwürdigen Bökelbergs zu erweichen. Danke, Opinio! Auch dafür, dass genau jenes Foto neben dem Artikel steht, das nach einer durchzechten Abiballnacht um 9:30 Uhr beim Frühstück aufgenommen wurde.

Das Ganze ist in diesem nur begrenzt ehrwürdigen Blog am 5. Juli unter dem Titel “In de Kull” erschienen. Die Älteren unter uns werden sich vielleicht erinnern.

Kahê lässt grüßen?

Man könnte meinen, Gladbachs Recken in der letzte Reihe auf dem Mannschaftsfoto wollten Borussen-Legende Kahê Konkurrenz machen.

“Alarm in Gladbach: Spieler mit Plautze auf dem Mannschaftsfoto”
- wär’ doch etwas für die Bild-Zeitung.

Dabei war es Gott sei Dank nur der Wind, der augenscheinlich eine dicke Wampe unter Friends, Callsen-Brackers und Kleines Trikot zauberte.

Quelle: borussia.de

Ruhe im Schacht(en)

Es gibt Fußballer, die ziehen das Pech magisch an. Sebastian Schachten, 2007 von den Bremer Amateuren an den Niederrhein zur Borussia, gewechselt, gehört zweifellos dazu.

Irgendein Nachmittag Anfang Juli: Es regnet in Strömen. Auf dem Rasen drehen alle gesunden Borussen ihre Runden. Gleich hinter Karim Matmour, der mit seinen langen, dünnen Beinen ein wenig an 1500-Meter-Weltrekordler Hicham El Guerrouj erinnert, läuft Sebastian Schachten. Der Außenbahn-Allrounder hat im Aufstiegsjahr nur zweimal gespielt. Doch jetzt will er endlich angreifen.

„Der setzt sich durch, pass‘ auf“, versichert mir mein Leidensgenosse Nils. Ich traue mich nicht so ganz, zu widersprechen. Schließlich hatte er Mitte Mai vorausgesagt, dass Spanien Europameister werden würde. Ich habe gelacht damals. Deswegen halte ich mich jetzt zurück.

Heute, ein paar Wochen später, läuft Schachten mit Krücken durch die Gegend. Der Mann bleibt sich treu und das Verletzungspech auf seiner Seite. Im Freundschaftsspiel gegen West Bromwich riss er sich den Außenmeniskus – voraussichtlich zwei Monate Pause. Reha, keine Bundesliga. Wie sagte Andi Brehme doch einst: „ Haste Scheiße am Fuß, haste Scheiße am Fuß“. Sebastian Schachten hat wohl eine besonders große „Tretmiene“ erwischt.