Monthly Archive for August, 2008

Mission 40/3:Wenn Aberglaube Bremer versetzt

Literweise Schweiß in den Klamotten, aufopferungsvoller Kampf auf dem Platz und auf den Rängen, Nervenkitzel bis zum Schluss – Gladbach hat sich den ersten Sieg der Saison redlich verdient. Gegen enttäuschende Bremer reichten drei Tore Vorsprung am Ende für einen Erfolg per Fotofinish.

Omen sind die Evangelien des Aberglaubens. Ereignisse, Geschichten und Zusammenhänge, die uns ans scheinbar Unmögliche glauben lassen. Sie bestärken uns in dem Glauben, dass das, was wir tun, genau richtig ist. Vom Fußballgott gesegnet sozusagen.

Läuft es wie am Schnürchen, werden akribisch alle noch so nebensächlichen Umstände analysiert, die irgendwie mit dem Erfolg in Verbindung stehen könnten. Im Umkehrschluss leitet andauernder Misserfolg ebenso sorgfältige Ermittlungen ein. Mit dem Unterschied, dass nicht hinterfragt wird, wie genau das altbewährte Netz der Rituale aussah, sondern vielmehr wie es auszusehen hat.

Und so bedurfte es vor Spiel Nummer drei der Mission 40, dem zweiten Heimspiel gegen Bremen, eines tiefgehenden Brainstormings. Omen numero uno schien eigentlich schon auszureichen: Im Borussia-Park hatte es noch nie eine Pleite gegen Werder gegeben. Aber der Abergläubige gibt sich hier traditionell längst nicht zufrieden. Denn auf irgendwelche Serien, die vor Jahren begannen, hat er gemeinhin wenig Einfluss gehabt. Es sei denn, und hier beginnt Punkt Nummer zwei, er hat bei vorhergehenden Erfolgen in Form von raffinierten Ritualen mitgewirkt. Das heißt, er muss in seinem Gedächtnis wälzen und sich erinnern, wie das damals war, als es noch wie am Schnürchen lief.

Ein vier Jahre altes, weißes Jever-Trikot, das sich stets mit dem neusten Trikot darüber blicken ließ, hatte letztes Jahr bekanntlich maßgeblichen Anteil am Wiederaufstieg. Erstmals eingesetzt wurde die lange bewährte Glückskombo im zweiten Heimspiel der Saison 2007/2008, nachdem die Partien zuvor allesamt keinen Dreier gebracht hatten. Hieß für das Spiel gegen Bremen, das zweite Heimspiel dieser Spielzeit: Jever-Trikot raus, das neue Heim-Dress im 70er-Look drüber.

Da ganz und gar nichts dem Zufall überlassen wird – Fußball ist zwar keine Mathematik, aber ebenso wenig Spiel 77 oder 6 aus 49 – ist die letzte Schlaufe jenes Netzes der Rituale an dieser Stelle längst noch nicht gehäkelt. Weiter geht’s mit Punkt drei, den kleinen, aber feinen Gewohnheiten. Erstens wird das Stadion durch den dritten oder auch vierten Ticketautomaten von links betreten (beide haben sich bewährt, ganz so eng wird das nun auch wieder nicht gesehen). In den Block selbst geht es durch den Eingang des Nebenblocks. Zweitens, jetzt wird’s kulinarisch, gilt es, jegliche Fisch- und Pizzabuden genauso wie den Stand einer rheinländischen Großbäckerei elegant zu umkurven. Irgendwann hat Oma schließlich wieder Geburtstag, dann bleibt genug Zeit für Streuselkuchen. Der Gaumen verlangt indes nach einer traditionellen Bratwurst mit Senf. Zu guter Letzt, nihilistisch veranlagt ist der Fan bisweilen auch, wird vehement ein Unentschieden oder gar eine Niederlage vorausgesagt, um das Gegenteil eintreten zu lassen.

Fertig ist ein verflochtenes, verworrenes und verwirrtes Netz der Verrücktheiten. Kostprobe gefällig, dass wirklich kein Weg dran vorbeiführt? Im Aufstiegsjahr setzte es genau zwei Heimniederlagen. Gegen Mainz war ich in zivil unterwegs, ohne Doppeltrikot. Gegen Freiburg war mir alles egal, gefressen wurde wie an Thanksgiving. Gegen Stuttgart hatte ich blasphemistisch daran geglaubt, Aberglaube sei Schwachsinn und egal, was ich auch täte, es würde sowieso nichts bewirken. Die Strafe folgte innerhalb von 90 Minuten.

Um halb vier wird tatsächlich angepfiffen und Fußball gespielt. Wobei das Spektakel da unten auf dem Platz längst nur noch für die Galerie stattfindet. Zumindest die Frage nach Sieg, Remis oder Niederlage ist bereits beantwortet worden. Der Borussia-Park ist ausverkauft, nicht nur das Wetter heiß, sondern alle 54.067 Zuschauern im Stadion. Keine Spur mehr von Anfeindungen, wie sie in Mannheim bei Hoffenheim für Aufsehen gesorgt hatten. Sogar Tim Wieses Haare kommen unbesungen davon.

Allein Jos Luhukays Taktik sorgt für Verwirrung. Allem Anschein nach lässt er drei Dreierketten plus Rob Friend im Sturm auflaufen. Nach dem „Mainzer Tannenbaum“ wird das Verzeichnis der Fußballsysteme um das „Empire State Building“ bereichert: gerade und gleichmäßig hoch, mit Spitze drauf.

Nach zwölf Minuten versetzt die 64. Etage des Gladbacher Wolkenkratzers die Masse erstmals in Wallung. Nach einem feinen Pass von Marin aus den unteren Stockwerken taucht Matmour frei vor dem unbesungenen Wiese auf. Der ist gegen den wuchtigen Schuss des Algeriers machtlos. Gladbach führt, der Borussia-Park bebt. Unter meinen Trikots fließt mittlerweile ein reißender Strom voller Schweiß. Doch das ominöse frühe Tor bestärkt mich in meinem Glauben, dass doppelt nunmal besser hält.

Bremen spielt wie wir in den ersten beiden Partien. Wir dagegen treten auf, wie man es eigentlich von Bremen gewohnt ist: Technisch hochwertig, mit blitzschnellen Kombinationen und der nötigen Portion Leidenschaft. Eine knappe Stunde ist vorbei, als Rob Friend zweimal allein aufs Tor zuläuft. Beide Male reckt der Linienrichter seine Fahne in die pralle Mittagssonne. Zweimal hat er Recht, wie mir mein Vater per SMS bestätigt. So sieht er aus, der Stadionfußball anno 2008. Ich habe das Handy noch in der Hand, als die Nordkurve zum zweiten Mal eine emotionale 360°-Drehung vollführt. Wiese wirft Matmour den Ball genau vor die Füße. Den Pass des Algeriers auf die rechte Außenbahn bringt Ndjeng hoch in den Strafraum, wo Friend mit seiner Stirn als erster am Ball ist und die Kirsche zum 2:0 in die Maschen wuchtet.

Langsam wird es unheimlich. Bremen versprüht noch immer den Elan einer rüstigen Rentnertruppe auf der städtischen Bouleanlage in Avignon. Eine erste Halbzeit wie aus dem Bilderbuch geht zu Ende und ich frage mich, ob ich es mit dem Aberglauben nicht fast schon übertrieben habe. So verdammt gut sieht es derzeit aus. Konsterniert schreite ich in der Pause zum Getränkestand – besorgt, dass mir plötzlich ein brennender Dornbusch erscheint oder sich vor mir die Warteschlange teilt.

Nach der Halbzeit lässt die Wirkung von Bremens Narkosemittel stetig nach. Die Schüsse der Norddeutschen fliegen Heimeroth nicht mehr genau in die Arme. Gladbachs Schlussmann muss sich sogar bewegen und gibt dabei erneut eine klasse Figur ab, so dass ich nach einer Stunde mit dem Gedanken spiele, ein Entschuldigungsschreiben an unseren Keeper zu verfassen. Und wenn Heimeroth einen seiner augenscheinlich acht Arme einmal nicht am Ball hat, steht noch immer ein Borusse auf der Linie und klärt die brenzlige Situation.

In Minute 70 vertändelt Bremen wie so oft an diesem Nachmittag den Ball. Baumjohann schnappt sich das Leder und weckt innerhalb der nächsten neun Sekunden Reminiszenzen an einen gewissen Diego Armando Maradona. Siebzig Meter nach der Eroberung schlägt der Schuss des 21-jährigen zum 3:0 ein. Mehrmals war er schon so gut wie weg (sowohl der Ball als auch Baumjohann selbst, schließlich sollte er im Sommer verkauft werden). Am Ende bleibt eine unmissverständliche Bewerbung fürs Tor der Woche/des Monats/des fügen-sie-beliebige-Zeiteinheit-ein. Auf der Anzeigetafel erscheint ein Einspieler, in dem Baumjohann ganz cool einen Schuss versenkt und daraufhin ebenso lässig den Rauch vom Gewehrlauf des Zeigefingers pustet. „Was war das denn?“, fragt Stadionsprecher Knippertz ungläubig. Ich wünschte, ich könnte dem Mann eine brauchbare Antwort geben.

‚Wow, was ein Spiel‘, denke ich mir. ‚Und anders als damals in Liga Zwei, beim ersten Heimsieg gegen Osnabrück, sparen wir uns sogar die nervenaufreibende Schlussphase‘. Sekunden danach segelt ein Eckball in den Gladbacher Strafraum. Nach einer kleinen Runde Dreiband fällt Pizarro der Ball vor die Füße. Der Rückkehrer netzt ein zum 1:3. Noch nicht der Anschlusstreffer, aber an den will ich da gar nicht denken.

Gladbach versäumt es in der Folge, endgültig für die Entscheidung zu sorgen. Luhukay bringt Levels und Coulibaly, die nicht wirklich ins Spiel finden. Eine Minute vor dem Ende bekommt Werder einen Freistoß. Ein entnervter, verwarnter und scheinbar ge-jetlag-ter Diego zeigt zum ersten Mal seine immense Klasse und setzt den Schuss so nah an den Pfosten heran, wie es nur irgendwie geht. Heimeroth hat keine Chance und schon ist sie da, die Zitterpartie, die keiner mehr brauchte.

Die Sekunden verrinnen anschließend im Minutentakt. Drei Minuten gibt es oben drauf. Die Nachspielzeit wird zum Drahtseilakt. Werder drückt unermüdlich. Die Borussia erhöht durch Matmour zwar fast noch auf 4:2. Doch am Ende erscheint die Spielzeit von 90 Minuten für ein Fußballmatch goldrichtig gewählt. Fünf bis zehn Minuten länger und am Ende hätte Gladbach den ersten Punktegewinn anstelle des ersten Dreiers gefeiert. Wobei sich die Feierstimmung dann mit Sicherheit in Luft aufgelöst hätte.

Gladbach schlägt am Ende schwache Bremer mit seinen vereinstypischen Tugenden, mit Kombinationsspiel, Konterfußball, Leidenschaft und keinem Erbarmen bei Patzern des Gegners. Die ersten beiden Saisonspiele hatten beinahe vergessen lassen, dass die Nachfolger einer gewissen Fohlenelf am Ball sind.

Erschöpft falle ich nach La Ola und Humba in den Shuttle-Bus. Der reißende Fluss an Rücken und Beinen hat längst die Ausmaße eines Jahrhunderthochwassers angenommen. Schweiß, Müdigkeit – alles liebend gerne geduldete Umstände ein einem Tag, wie er nicht besser hätte laufen können. Am Ende bleibt neben einer Borussia, die endlich im Oberhaus angekommen ist, vor allen Dingen eines zu vermerken: (Aber-)Glaube kann nicht nur Berge, sondern manchmal sogar Bremer versetzen.

0 – 1 + 2 = 1

Lehmann nach Stuttgart, Borowski nach Bayern – Marcell Jansen ist der dritte EM-Fahrer im Bunde, der den Verein und die Fronten gewechselt hat. 17-mal hat er für den Rekordmeister in der Bundesliga gespielt, durchgesetzt hat er sich nie. Nach der verpatzten EM und der Degradierung zum Ersatzspieler ist der Wechsel nach Hamburg ein weiterer Schritt zurück, ein Eingeständnis, dass es für die großen Bayern nicht ganz gelangt hat. Noch bleibt den 22-jährigen Gladbacher die Chance, auf den einen Schritt zurück zwei nach vorne folgen zu lassen.

Aus gegebenem Anlass heute ein Eintrag aus dem “Wörterbuch der Sport-Anglizismen”:

overrated: eng. überschätzt, überbewertet (vgl. “auf dem absteigenden Ast”)

“Das Geld, sie wissen schon, das Geld”

“Einige Leute halten Fußball für einen Kampf um Leben und Tod.” – Andere augenscheinlich für ein Gewinnspiel, bei dem der Sieger finanziell absahnt und der Verlierer seinem Namen alle Ehre macht.

Plötzlich wird das Flutlicht im Vicente Calderón gedimmt. Ruhige, aber dennoch schwere Töne drücken aus den Boxen aufs Trommelfell. Der vierte Offizielle zeigt die Nachspielzeit an – zwei Minuten zu gehen. Atlético Madrid führt mit 2:0, Schalke wäre draußen. Dann ertönt ein Pfiff, Rakitic ist kurz vor dem Sechzehner gelegt worden. Der Kroate legt sich gerade den Ball zurecht, als auf einmal Günther Jauch erscheint. Er hat zwei Sessel mitgebracht.

„Sie wissen, es geht um alles“, versichert der Quizmaster in bewährter Manier. „Ich fasse noch einmal zusammen: Wenn sie treffen, gewinnen sie 15 Millionen Euro. Ansonsten bleibt ihnen unser Trostpreis, der UEFA-Cup.“

Da greift Rakitic zum letzten Joker. Jauch reicht ihm ein Handy, schnell haut der Schalker Youngster in die Tasten. Bruchteile später ertönt eine tiefe Stimme am anderen Ende der Leitung. „Eine Sekunde“, vertröstet der Telefonjoker den nervösen Kandidaten. Im Hintergrund zischt eine Bierflasche, zwei kurze Schlücke, dann ist Rudi Assauer wieder da.

„Nabend, Herr Assauer“, begrüßt Jauch den alten Reliefflaschen-Vergötterer. „Bei mir sitzt der Rakitic, kurz vor dem Sechzehner. Sie ahnen es vielleicht schon, es geht um eine Frage aus dem Gebiet der Freistoßschützen.“
„Um wie viel geht’s denn?“
„Fünfzehn Millionen“, wiederholt Jauch die ominöse Summe. „Sie sind seine letzte Chance.“
„Fuffzehn Millionen Ocken? Manno man, dann schieß‘ mal los, Jung.“
„Ok, Herr Rakitic wird ihnen jetzt die Frage stellen. Gut zuhören, wie immer 30 Sekunden und die laufen ab… jetzt!“
„Hallo Rudi, hier is‘ Ivan. Also: Wer soll den alles entscheidenden Freistoß für Schalke in der zweiten Minute der Nachspielzeit schießen, aus halblinker Position 17 Meter vor dem Tor? – A: Ich selbst, B: Stan Libuda, C: Josef Schnusenberg, D: Marcelo Bordon.“
„Och komm, willste mich auf’n Arm nehmen, Jung? Dat is’ ganz klar der Marcelo. Boah, der Wumms, unfassbar, lass den bloß schießen. Weiße noch dat Ding damals, als der noch in Stuttgart war, gegen Bremen? Ach quatsch, bisse viel zu klein für. Aber der Mann hat ‘ne Keule wie’n…“

Dann macht es „möp-möp“. Die Zeit ist um, die Würfel gefallen. Der Lichtstrahl auf der Ehrentribüne ist auf Andreas Müller gerichtet. Angstschweißperlen kullern seine Schläfen hinunter. Es riecht nach UEFA-Cup.

„Ich schaue noch einmal, was ihre Begleitung meint“, sagt Jauch. „Herr Müller, was denken Sie?“

Von rechts fährt ein Ellbogen dem Schalker Manager erbarmungslos in die Rippen. Müller signalisiert hörig ein spiegelverkehrtes C und ringt mit den Schmerzen.

„Interessant. Wie auch immer, ich brauche eine Entscheidung, Herr Rakitic. Antworten oder Aufhören?“, lässt Jauch nicht locker.
„Ich nehm D, der Rudi wird schon Recht haben“, antwortet Rakitic. „Der Fall in den UEFA-Cup ist zwar tief. Auf Kayserispor, Setúbal und Nordsjaelland hab’ ich keinen Bock. Ich geh’ aufs Ganze.“

Dann läuft Bordon an. Wie ein Strich bahnt sich der Ball seinen Weg. Ujfalusi, ausgerechnet Ujfalusi, der Ujfalusi mit dem Rückpass dreht sich ein wenig ab. Der Schuss streift haarscharf an seiner Hüfte vorbei, genau durch die Mauer. Dann schlägt er ein.

Goldener Konfettiregen verwandelt das Spielfeld in El Dorado. Auf dem Fernsehbildschirm erscheint die Zahl 15.000.000, hell leuchtend, goldig umrandet.

Andreas Müller stürmt den Platz, bildet das Gipfelkreuz auf einem schier unendlich großen Haufen Schalker Spieler, die den großen Hauptgewinn feiern. Dann kommt Schnusenberg angetapst. Plötzlich ist die Spielertraube verschwunden.

Was er nun mit dem Geld anstellen wolle, fragt ein Reporter den Schalker Manager. Gute Frage. Müller stutz, faselt dann irgendetwas von „den Rückstand auf die anderen Ligen reduzieren… in die Jugend investieren… Schulden an-… äh, pardon, abbauen.“

Zu guter Letzt möchte der Reporter wissen, was denn jetzt aus der Reise nach Manchester, Madrid oder Mailand werde. „Ach ja, stimmt“, erinnert sich Müller. „Ganz vergessen. Vor lauter Aufregung. Das Geld, sie wissen schon, das Geld…“

Jaja, wir wissen schon. Das Geld.

Mission 40/2:Vor die Hunde gegangen

Eine Serie reißt, eine andere hat Bestand. Auch der zweite Spieltag mit dem ersten Auftritt auf fremdem Platz sorgt für wenig Erheiterung. Letztes Jahr noch Leidgenossen im Unterhaus, drei Monate später spielt Hoffenheim scheinbar in einer anderen Liga.

Keine Abiturprüfung hatte das vollbracht, keine Sportstunde bis viertel nach fünf, kein 18. Geburtstag. Und jetzt, nach fast zwei Jahren und 65 Ligaspielen in Folge, sorgte ausgerechnet ein Haufen herumtobender Hunde dafür, dass ich ein Spiel der Borussia erstmals nicht über 90 Minuten verfolgen konnte. Gut, das waghalsig gesetzte Ziel, mit der Schreiberei oder dem Reden über Sport später Geld zu verdienen, sprich Sportjournalist zu werden, sollte man auch nicht außer Acht lassen. Die agilen Vierbeiner auf der Wiese vor der Grundschule im illustren Örtchen Oedt waren da eher Mittel zum Zweck. Aber ausgerechnet Hunde halten mich vom Fußballgucken ab. Ich kann’s noch immer nicht fassen. Wenn ich Hunde wenigstens gut leiden könnte. Doch nicht einmal das ist ja der Fall.

Wie auch immer, die Vierbeiner ließen mich in Ruhe meine „Arbeit“ verrichten. Nicht unklug von ihnen, schließlich ging es ja um ihre Sportart Agility, das Vielseitigkeitsreiten für Hunde – freilich ohne Reiter auf dem Rücken. Seit April bin ich öfter fürs Radio unterwegs, arbeite an einer Sendung mit, die im Bürgerfunk auf Welle Niederrhein läuft. „InForm“ heißt das Magazin der Sportjugend Viersen – erst ein Interview mit Ex-Eisschnellläufer und Olympiateilnehmer Christian Breuer, jetzt innige Gespräche mit und über Hunde, so läuft das Geschäft.

Als ich die nette Dame von der Hundeschule gerade über Kontaktzonenfelder, Spaß an der Freud‘ und Doping im Hundesport ausquetsche, vibriert auch schon das Handy in meiner Hosentasche. Ein paar Fragen und Antworten später bekomme ich dann endlich die Gelegenheit, die frohe oder unter Umständen weniger frohe Botschaft zu lesen: „1 0 Hoffenheim Ibisevic“ schreibt der notariell geprüfte Ergebnisdienst von der Wohnzimmercouch, der mich schon vor zwei Jahren in der Berliner U-Bahn auf dem Laufenden hielt und auch damals wenig Erfreuliches zu vermelden hatte (Gladbach verlor 2:4 in Aachen). Ernüchtert wende ich mich wieder den Hunden zu und nehme noch ein paar Bellgeräusche für die Hintergrundbeschallung des Beitrages auf. Irgendwann haben sich die Fellknäuel dann ausgebellt. Ich mache mich vom Acker, in der Hoffnung, das Grauen von Hoffenheim noch für ein paar Minuten miterleben zu dürfen.

Auf der Heimreise werde ich im Namen der Borussia einmal mehr “kriminell”. Mit ein paar Stundenkilometern zu viel auf dem Tacho vorbei an Clörath und Vennheide, die Kühe sind brav und bleiben da, wo sie sind und hingehören. In der 67. Minute betrete ich das Wohnzimmer. Die Stimmung erinnert an Barcelona im Mai 1999, eine Minute nach Abpfiff – und das schon am zweiten Spieltag (zugegeben, der Gladbach-Bezug fehlt, aber warum einfach sagen, dass die Stimmung “gedrückt” ist?). Sheringham heißt Demba Ba, zum Glück stellt er sich vor dem Tor etwas ungeschickt an. Und während vorne trotz Ollis Rückkehr rein gar nichts zusammenläuft, erhält Keeper Heimeroth zahlreiche Gelegenheiten, sein scheinbar doch vorhandenes Können zu zeigen. So oft kann man sich nicht innerhalb weniger Minuten anschießen lassen, so viel Zufall kann und darf es nicht geben – der Mann hat sich seine 2 vom kicker redlich verdient. Der Rest der Truppe schlittert gerade so am Sitzenbleiben vorbei – oder eben auch mitten hinein. Zum Glück werden die Abschlusszeugnisse nicht gleich nach dem ersten Vokabeltest vergeben.

Hoffenheim müsste längst mit drei oder vier Toren führen. Um das sagen zu können, reichen Eindrücke aus 15 Minuten. Gladbach spielt bis zum Ende des Spiels einen einzigen vernünftigen Angriff. Ausgerechnet der feinfüßige Tobias Levels ist daran beteiligt – Ironie pur. Im Prinzip hätte es ausgereicht, nur die Nachspielzeit anzugucken. Sinnbildlicher können drei Minuten kaum sein. Hoffenheim führt jede Ecke kurz aus, die Borussen machen nicht einmal Anstalten, sich nur annähernd in die Klimazone des Balls zu bewegen und die Sekunden verrinnen. Irgendwann sieht Hoffenheim dann ein, dass das so auch keinen Spaß macht und bugsiert den Ball scheinbar unabsichtlich ins Toraus. Es hatte den Anschein, da wäre eine Portion Mitleid im Spiel gewesen. Im Anschluss bekommt Gladbach den Ball noch immer nicht aus der eigenen Hälfte, verliert ihn ein weiteres Mal. Erneut zeigt ein Hoffenheimer seine soziale Ader und läuft ins Abseits. Der fällige Freistoß landet im Seitenaus. Kurz danach ist Spiel aus. Zwischen Ring- und Mittelfinger sehe ich, wie der Schiedsrichter den Spielball einkassiert und fleißig Hände schüttelt. So ganz wollte ich mir die Augen dann doch nicht zuhalten.

Mittlerweile weht mir schon der Wind des Mitleids kräftig ins Gesicht. Wäre Gladbach ein chronisch verhasster Verein, würde die Fußball-Welt mich bereits mit Häme überschütten. Stattdessen heißt es von allen Seiten „40 Punkte braucht ja keiner mehr“ – alles schön und gut, aber bis zum Erreichen der 36 sind es auch noch stolze 36 Punkte. Für Schwarzmalerei ist es dennoch wohl etwas zu früh. Letztes Jahr standen wir nach drei Spieltagen und einem Debakel in Mainz mit einem Fuß in der Dritten Liga. Wir erinnern uns an das Ende. Im Abstiegsjahr war nach sieben Spieltagen und vier Heimsiegen der Europacup so gut wie unter Dach und Fach. Wir erinnern uns an das Ende.

Diese ersten beiden Spieltage sind also ein wahres Exerzierfeld für all die, die verbissen an Omen glauben, besonders an die gute Sorte. Da will ich mich nicht ausschließen. Und wo wir schon bei Omen sind: Gladbach hat im Borussia-Park noch nie gegen Bremen, den nächsten Gegner, verloren, zwei Siege und ein Remis auf dem Konto. Der erste Erfolg war gleichzeitig der erste im Borussia-Park überhaupt. Einer Jahr später dann drehten Broich und Baumann, mit einem Eigentor, eine Bremer Führung. Gladbach startete eine Serie und belegte aufgrund dieser angesammelten Platz zehn. Andernfalls wäre die Borussia wohl schon 2006 abgestiegen. Zu guter Letzt weckte ein 2:2 im März des Abstiegsjahres vage Hoffnungen auf den Klassenerhalt. Nando Rafael traf in der 94. Minute zum Ausgleich (ok, der Torschütze versaut selbst das beste aller Omen).

Doch kein Omen dieser Welt wird uns da unten herausholen. Nur ein schleunigstes Abstellen der haarsträubenden Fehler und vor allem Tore können Abhilfe schaffen. Die zwei Euro fürs Phrasenschwein werden nachgereicht. Derweil hat eine leidige Serie weiterhin Bestand. In Liga Eins ist Gladbach seit sieben Auswärtsspielen ohne Punkt und – noch gravierender – ohne Torerfolg. Eine neue Liga ist wie ein neues Leben? Oberhaus ist nicht mehr Unterhaus? So wird es sein, aber hoffentlich nicht bleiben.

Olympischer Vierkampf

Seit 1900 ist Fußball olympisch – an Weltmeisterschaften war damals noch gar nicht zu denken. Und dennoch gehört Fußball bei den Spielen zu den vergleichsweise wenig beachteten Entscheidungen. Gold in Peking ging übrigens an Argentinien – vielleicht hat’s ja jemand mitbekommen. Aus Mitleid bekommt das olympische Fußballturnier hier einen eigenen Post, fünf Minuten Aufmersamkeit und dann geht’s ab ins Körbchen für die nächsten vier Jahre.

1) Die erste Goldmedaille im Fußball ging einerseits an Großbritannien, andererseits aber auch an den Upton Park FC. Der Londoner Klub trat stellvertretend als britisches Team an, weil er zwei wichtige Voraussetzungen erfüllte: Erstens beheimatete er ausschließlich britische Spieler und zweitens hatte das Profitum beim UPFC noch nicht Einzug gehalten.
Upton Park trug seine Heimspiele übrigens im West Ham Park aus, während West Ham United bekanntlich im Upton Park spielt. Klingt komisch, is’ aber so.

2) (West-)Deutschland und Brasilien konnten in 108 Jahren nie den Titel erringen – die beiden tragen zusammen immerhin acht Weltmeistersterne auf der Brust. Rekordolympiasieger ist analog dazu das chronisch erfolglose Ungarn, knapp vor den Briten.

3) Ottmar Hitzfelds Spielerkarriere ist irgendwie höchst merkwürdig verlaufen: Titel gewann er ausschließlich in der Schweiz, Tore in Deutschland erzielte er fast nur in Liga Zwei (33 von 38), davon gleich sechs in einem Spiel, was bis heute unerreicht ist. Ein A-Länderspiel kann Hitzfeld nicht aufweisen, dafür fünf Auftritte in der Olympiaauswahl bei den Heimspielen in München ‘72 – und ebenso viele Tore, in jedem Spiel exakt eins. Gold holte die DDR, Torschützenkönig wurde wie zwei Jahre danach bei der WM im eigenen Land ein Pole. Kazimierz Deyna heißt der Gute.

4) Anders als bei Weltmeisterschaften hat der schwarze Kontinent Afrika bei Olympia längst den vielmals prognostizierten Durchbruch gepackt – 1996 ging der Titel an Nigeria, vier Jahre später hieß der Sieger Kamerun. Ghana holte immerhin einmal Bronze.

PS: Der Post fällt passenderweise in die Kategorie “Sonstiges”.

Nächster Halt: Cottbus

Der Weihnachtsmann ist taub, Analphabet oder sogar beides. Wenigstens herrscht jetzt Gewissheit.
Letzte Hoffnung: Christkind.

Kehrtwende zur Romantik?

Kaum hat der Streit um die Abstellungen von Nationalspielern in Richtung Peking zumindest ein kleines Nickerchen eingelegt, schon meldet sich das Geltungsbedürfnis der FIFA wieder zu Wort. Die Herren können es einfach nicht lassen. Jetzt haben sie der Arithmetik den Kampf angesagt, stürzen sich auf die Unendlichkeit: Rückennummern jenseits der 20 gehören in internationalen Spielen vorerst der Vergangenheit an.
1 bis 18 – mehr geht nicht in Pflichtspielen.

Bezüglich der Spielernamen in Höhe des dritten Brustwirbels äußert die FIFA jedoch gar keine Einwände. Beim DFB laufen die Beflockungsmaschinen demnächst wohl dennoch auf Sparflamme. Für jedes der circa 12-15 Länderspiele einen Trikotsatz bedrucken, das ist dem Verband augenscheinlich zu viel. Wobei es ja keineswegs so ist, dass das Trikot von Marko Marin jedem beliebigen anderen Spieler passt. Und dass in gut zwei Wochen ein Trikot im Einsatz sein wird, das bereits Mittwoch gegen Belgien getragen wurde, das soll mir mal jemand erzählen.

Was die FIFA zu dieser Entscheidung getrieben hat, bleibt weiter offen. Falls der Weltverband nun tatsächlich einen Feldzug in Sachen Dekommerzialisierung starten sollte, frage ich mich jedoch, warum er ausgerechnet bei den Rückennummern ansetzt. Zu den Romantikern wird man in Zürich wohl kaum übergesiedelt sein.

Das Trikot der eigenen Nationalmannschaft samt Rückennummer zu besitzen, kann nicht gerade als Essenz des Fandaseins bezeichnet werden. Doch es gehört für viele einfach dazu wie Bratwurst und Bier. Warum sollte man sich mit der Nationalmannschaft nicht identifizieren dürfen, wie man es seit mittlerweile mehr als einem Jahrzehnt mit seinem Verein des Vertrauens tut? Schließlich ist die DFB-Elf für viele das Nonplusultra in Sachen Fußball. Nicht jeder läuft samstags um halb vier Amok, weil “sein” Klub in der Bundesliga unterwegs ist.

So ein Trikot ist nicht billig. 85 Euro muss man für ein Exemplar samt Beflockung hinblättern – es gibt Kinder, die dafür einen erheblichen Teil ihres Taschen-, Geburtstags- oder Weihnachtsgeldes opfern. Das ist jetzt keineswegs ein Pochen auf den ominösen Kindereffekt, der ja angeblich das Herz eines jeden erweichen soll. Doch auch die Fankultur besitzt einen Nachwuchsbereich, ob wir wollen oder nicht – die gehören dazu wie Trainingskiebitze und wir selbst. Und die Kinder zu vergraulen, ist nicht unbedingt Priorität.

Möglicherweise wäre mir dieses Thema schnuppe, wenn ich jene Zeit annodazumal erlebt hätte, als Spielernamen auf Trikots so fremd waren wie Elche in der Sahara. Vielleicht würde ich sogar laut „Hurra!“ schreien. Und ich bin ja nicht gerade unromantisch in Sachen Fußball – was Sepp Blatters Hirnsynapsen da wieder angestellt haben, darauf kann ich mir trotzdem keinen Reim bilden. Seine kleinen Brüder vom DFB stellen sich auch keinen Deut besser an.

LinienUNtreu

Beim DFB-Schiedsgericht wird bisweilen mit zweierlei Maß gemessen, das lässt sich nicht anders sagen. Notbremse, einmal den Ball mit der Grätsche verfehlen, nur das Bein des Gegners treffen – das wird mitunter auf eine Stufe gestellt mit Tätlichkeiten, die niemand sehen will und die dennoch im Landschaftsbild verankert sind.

Die Saison 95/96 war das Beste, was Gladbach in den letzten 20 Jahren gesehen hat. Platz vier bedeutete die Qualifikation für den UEFA-Cup. Im Europapokal der Pokalsieger kam erst im Viertelfinale gegen Feyernoord Rotterdam das Aus. Einer der Hauptakteure im Erfolgsensemble der Fohlen hieß Martin Dahlin, damals auf dem Höhepunkt seiner Karriere. Wobei er das tragischerweise erst kurze Zeit später einsehen musste.

Nach dem 28.Spieltag stand die Borussia auf Rang drei, der Konkurrenz weit enteilt und mit einem Spiel in der Hinterhand. Dahlin hatte in den ersten 20 Saisonspielen 14-mal getroffen. Dann fiel er vier Partien aus, blieb drei Spiele ohne Erfolgserlebnis. Es folgte das Nachholspiel gegen Kaiserslautern am heimischen Bökelberg. Der Schwede erzielte das 1:0. Es war sein Geburtstag und nach einer halben Stunde ein rundum gelungener Abend.

Doch dann gingen die Pferde mit ihm durch, brannten auf einmal die Sicherungen durch. Ein wuchtiger Ellbogencheck war zu viel für Axel Roos‘ Nasenbein. Dahlin flog folgerichtig vom Platz. Die Tätlichkeit war vorerst seine letzte Amtshandlung beim VfL. Der Stürmer wurde bis zum Saisonende gesperrt, musste sechs Spiele aussetzen und verließ Gladbach in Richtung Rom. Nach einer verkorksten Hinserie in Italien kehrte er zwar zurück an die alte Wirkungsstätte, war in der Rückrunde in der Bundesliga noch zehnmal erfolgreich. Doch seine Tage auf dem Fußballplatz waren bald gezählt. 1999 endete das Kapitel Profifußball für Dahlin, den schwedischen Helden der WM 94, der mit 31 den bitteren Weg in die Sportinvalidität antreten musste.

Warum ich die Geschichte ausgerechnet jetzt hervorkrame? Letzten Samstag sorgte Pierre Womé für Aufruhr in der jungen Saison, als er Ashkan Dejagah, selbst beileibe kein Kind von Traurigkeit, mit einem selten so gesehen, brutalen Ellbogencheck niederstreckte. Allein der Schaum vorm Mund fehlte, um das Bild des heran rauschenden Womés noch zu verstärken. Dejagah erlitt eine Schädelprellung, musste kurz zur Behandlung ins Krankenhaus – es gibt mit Sicherheit angenehmere Verletzungen. Womé spielte die Partie unbestraft zu Ende – Schiri Brych hatte nichts gesehen. Noch das kleinste Übel, im Gegensatz zur Entscheidung des DFB-Schiedsgerichts, den Ex-Bremer Womé für nur drei Spiele aus dem Verkehr zu ziehen.

Notbremser bekommen in der Regel ein oder zwei Spiele, wer – nicht einmal in böser Absicht – schlichtweg zu spät kommt, riskiert per „grobem Foulspiel“ ebenso eine Drei-Spiele-Sperre. An Tagen wie diesen denke ich unweigerlich an jenen Ellbogencheck im April ’96, der Gladbachs Höhenflug stoppte – die Borussia holte nur noch fünf Punkte aus den letzten sechs Spielen – und Martin Dahlins Karriere auf den Scheideweg brachte. Drei Spiele für Womé sind schlichtweg lächerlich. Und im Hinblick auf all die Jugend- und Amateurspieler, die sich irgendwo in Deutschland fast jedes Wochenende gegenseitig auf die Mappe hauen, zudem höchst fahrlässig.