Monthly Archive for Oktober, 2008

Einer wie keiner

Schon vor einigen Monaten hat Manni Breuckmann seinen Abschied vom Mikro bekannt gegeben. Jetzt naht das Jahresende und damit der Moment, in dem es endgültig wird: Die aktuell bekannteste Stimme der ARD-Samstagskonferenz sagt “bye bye Bundesliga, willkommen Altersteilzeit”. Eine Hommage an den Mann, der den Fußball im Radio personifiziert, seit ich denken kann.

Neuss gegen Wattenscheid, Regionalliga West, 1972 – mittlerweile haben sich die Eckdaten von Manni Breuckmanns erstem Live-Kommentar im Radio herumgesprochen. Wenn im Dezember vollendet wird, was vor mittlerweile 36 Jahren begann, werden die Protagonisten auf dem Platz jedoch nicht mehr für ein Anhängsel von Düsseldorf und einen Bochumer Vorort spielen. Mit Neuss und Wattenscheid muss er sich höchstens noch auf der Autobahn rumschlagen, wenn es ihn samstags in eines der großen NRW-Stadien zieht, wo Schalker ihn dann wieder als BVB-Fan abstempeln und wo er in Dortmund als Königsblauer durchgeht.

Die “Stimme des Westens” – obwohl dieser Titel ja eher Kurt Brumme gebührt – ist längst zur Legende am Mikro aufgestiegen. Breuckmann reiht sich ein in den erlauchten Kreis jener Reporter, die mit ihrer Stimme noch posthum CDs verkaufen und verkaufen werden. Der 57-jährige WDR-Mann hängt seine Stimme an den Nagel – “bye bye Bundesliga, willkommen Altersteilzeit”. Da kennt auch der WDR kein Erbarmen.

Man vergisst leicht, dass Leute, die ihr Geld verdienen, indem sie über Fußball reden, irgendwann auch älter werden. Es ist zwar längst noch nicht zu befürchten, dass Manni Breuckmann mit seinen 57 Lenzen in geraumer Zeit hinter dem Mikro kollabiert. Doch sein Abschied aus dem aktiven Geschäft scheint ihn ebenso wenig in eine Lebenskrise zu stürzen. Er nimmt es relativ gelassen, obwohl sein Angebot, die passive Zeit etwas aktiver als rechtlich vorgesehen zu gestalten, den WDR nicht gerade in Jubelstürme versetzt hat. „DerWesten“ sagt, Sabine Töpperwien habe bei dieser Entscheidung eine tragende Rolle gespielt. Ausgerechnet die Frau, die wie Breuckmann ebenfalls mit von der Partie ist, seitdem der Fußball für mich überhaupt existiert. Mit beiden bin ich also groß geworden. Doch allein „Manni“ hat sich in mein Herz geredet. Und ich kann nicht behaupten, dass viele Reporter, sei es im Radio oder im Fernsehen, solch einen bleibenden Eindruck hinterlassen haben.

Der Mann hat es mit seinen Reportagen sogar so weit gebracht, dass er den Job des Radiokommentators für mich geradezu personifiziert. Breuckmann ist das Tempo-Taschentuch seiner Zunft. Die Nivea-Crème unter den Sportreportern. Wie ein Haribo-Goldbär am Mikrofon – einzigartig, authentisch und geradezu stilbildend. Einfach „Kult“ eben. Ein würdiger Nachfolger ist jedoch nicht in Sicht. Wie auch? Schon vor mehr als vier Jahren hat Breuckmann selbst bemängelt, dass die neue Generation kaum Chancen habe, ein eigenes Profil zu entwickeln. Kürzere Schaltungen, kompaktere Berichterstattung. Alles eher gebündelt wie eine Platte mit Canapés. Nicht mehr das üppige Buffet alter Tage mit Buletten und Bockwürsten. „Wir sind Roboter geworden“, sagte er damals dem „Spiegel“.

Verdiente Fußballer erhalten zum Abschluss ihrer Karriere ein echtes Abschiedsspiel – mit einer Mannschaft namens „XY & Friends“ auf der einen, dem Stammverein auf der anderen Seite, mit Andrea Bocelli und einem bombastischen Feuerwerk. Manni Breuckmann sollte dieselbe Ehre zuteil werden. Er am Mikrofon, irgendwer auf dem Platz, vielleicht auch niemand. Denn einer wie Breuckmann könnte mit Sicherheit ein ganzes Spiel improvisieren.

Mission 40/10: Zahnlos in Wolfsburg

Gladbach geht saftlos in Wolfsburg unter und spielt dabei über weite Strecken wie unter Vollnarkose. Was Bradley zu einem echten Friend noch fehlt und warum eine Weisheitszahn-OP im Vergleich zu Gladbachs Auftritten in der Fremde wahres Zuckerschlecken bedeutet.

Gerade in Krisenzeiten klammert man sich ja gerne an alles, was auch nur im Entferntesten positiv erscheint. Und sei es der gute, alte Galgenhumor, der jede noch so demoralisierende Schmach halbwegs erträglich macht. Auf diese Art und Weise geht selbst nach einem 0:3 in Wolfsburg am nächsten Morgen die Sonne wieder auf. Man mag es kaum für möglich halten.

Im Prinzip bin ich sogar ein wenig dankbar für Gladbachs saftlosen Auftritt in der VW-Stadt. Wer sich das für 90 Minuten angetan hat, den kann eine Weisheitszahn-OP am darauffolgenden Morgen kaum aus den Latschen hauen. Selbst ohne Vollnarkose, ach, sogar ohne jegliche Betäubung und im Handstand bei -20°C auf dem Pitztaler Gletscher wäre das Entfernen von Einsacht, Zweiacht, Dreiacht und Vieracht noch besser auszuhalten gewesen als die neunte Gladbacher Auswärtspleite in den letzten 10 Spielen. Das Remis in Bochum besitzt bereits jetzt historischen Wert, denn wer weiß schon, wann die Borussia auswärts überhaupt einmal wieder punkten wird.

Nach Hans Meyers erfolgreichem Einstand gegen Karlsruhe – zumindest auf dem Papier – wollte ich mich noch nicht so recht zu Jubelarien hinreißen lassen. Heute, zwei Tage nach Meyers zweitem Auftritt, haben wir eine ähnliche Situation, nur in Grün: Trotz einer enttäuschenden Leistung, einem Spiel praktisch ohne jede Torchance ist das Kind nicht gleich in den Brunnen gefallen. Doch wer schon einmal einen Eimer vor den Kopf bekommen hat, wird wissen, dass der tiefe Sturz in den Schacht nicht viel schlimmer sein kann.

Wolfsburg mag zwar eine Spitzenmannschaft sein, gegen die ein Punktgewinn nicht unbedingt Pflicht ist. Doch es wird mit Sicherheit nicht genügen, allein gegen die derzeit sechs unmittelbaren Konkurrenten im Abstiegskampf zu punkten. 6×2x3 ergibt nämlich nur 36. Und gegen Hannover und Bochum hat die Borussia bereits fünf Zähler liegen gelassen. Rechnet man den Sieg gegen die Bremer hinzu, die momentan ja scheinbar jeder schlägt, stünden am Saisonende 34 Punkte zu Buche, falls die zahnlosen Fohlen jeden ihrer Konkurrenten konsequent schlagen und den Rest der Spiele verlieren. Dass das nicht zwangsläufig genügt, muss eigentlich niemandem gesagt werden. Allein ein Eilschreiben an die Hennes-Weisweiler-Allee 1 in 41069 Mönchengladbach erscheint lohnenswert.

Bei der Borussia unterliegt mittlerweile selbst die Rotation dem Rotationsprinzip. Nach nur einer verletzungsbedingten Änderung gegen Karlsruhe, tauschte Meyer gegen Wolfsburg zweimal aus. Nicht Christofer Heimeroth kehrte für den angeschlagenen Gospodarek zurück zwischen die Pfosten, sondern U23-Keeper Frederik Löhe wurde von Meyer ins kalte Wasser geworfen. Dazu feierte Johannes van den Bergh sein Startelf-Debüt in der Bundesliga. Beide waren nicht maßgeblich für die Niederlage verantwortlich, sie waren aber auch nicht in der Lage sich in irgendeiner Weise dagegen zu stemmen. Der 20-jährige Keeper Löhe brachte seinem Trainer immerhin die Erkenntnis, dass er einer für Zukunft sei, aber keiner, den die Borussia in der Gegenwart gebrauchen kann. Van den Bergh begann ordentlich, tauchte spätestens nach der Pause jedoch vollkommen unter. Gladbachs eingesetzte Spieler Nummer 25 und 26 in dieser Saison werden in den nächsten Wochen wohl wenig Gelegenheit bekommen, sich in den Mittelpunkt zu spielen.

Warum ein Mann wie Marko Marin mehr als eine Stunde auf der Bank schmorrte und warum Oliver Neuville wieder nur gegen Ende der Partie, als alles längst gegessen war, ran durfte, den Fragen muss sich Meyer stellen. Der dreimalige Nationalspieler Marin mag zwar in der Defensive Defizite aufweisen. Unterm Strich wiegen seine Offensivqualitäten diese Schwächen jedoch mehr als auf. Neuvilles Zeit mag genauso gut abgelaufen sein, was einen Einsatz über 90 Minuten angeht. Doch warum darf er nicht mehr von Beginn an zeigen, dass seine Erfahrung gepaart mit dem immer noch im Überfluss vorhandenen Spielwitz Gold wert sein kann? Wohl dem, der es sich leisten kann, ohne zwei Nationalspieler aufzulaufen. Da kommt es auch nicht darauf an, dass die Zeit des einen noch kommen wird und die des anderen langsam verrinnt.

Stattdessen stolpert Rob Friend weiter durch den Angriff wie ein Elch mit Hüftprothese in der kanadischen Prärie. Zu allem Übel ging die Variante mit den langen Bällen auf den langen Kanadier zuletzt gegen Karlsruhe auch noch auf. Friend steht demnach bis zur Winterpause unter Naturschutz. Spätestens dann werden Colautti und Neuville die Flinte im Anschlag haben. Neuzugang Bradley absolviert derweil ein Praktikum beim einsamen „Ranger Rob“. Dem US-Amerikaner fehlen allein sechs Zentimeter Körpergröße zum perfekten Friend-Double. Immerhin sorgte er am Dienstag für den so ziemlich einzigen wohltuenden Adrenalinausstoß beim leidenden Beobachter. Man munkelt, er habe eine Torchance gehabt.

Wo wir vorhin schon beim Thema Galgenhumor waren, sei noch angefügt, dass die Borussia immerhin der vierten 0:1-Pleite dieser Saison entging. Wird sich auch Michael Bradley gedacht haben, als er Madlung so frei zum Kopfball kommen ließ. Gal Alberman entschied sich kurz danach ausnahmsweise für das Bein des Gegners anstatt für den Ball. Es folgte der zweite Elfer der Partie, der insgesamt siebte gegen die Borussia im 12. Pflichtspiel. So manch einer wird nun wie das quengelnde Kind an der Wursttheke erwähnen, dass wir dagegen nie einen Elfmeter zugesprochen bekommen. Stimmt sogar. Doch es sei an Regel 14 des DFB erinnert: „Ein Strafstoß ist gegen eine Mannschaft zu verhängen, deren Spieler im eigenen Strafraum und während der Ball im Spiel ist, eine der zehn Regelübertretungen begeht, die mit direktem Freistoß zu bestrafen sind.“ Welche zehn Regelübertretungen hier relevant sind, ist vollkommen irrelevant. Wer nicht in des Gegners Strafraum kommt, kann keinen Elfmeter rausholen. Und wer keine Schinkenwurst auf die Hand möchte, der bekommt beim Metzger eben gar nichts.

„Dass wir bis zum Tor ein ordentliches Spiel gemacht haben“, möchte man Alex Voigt gar nicht absprechen. Doch genau hier liegt das Problem: Sobald die Borussia auswärts das 0:1 kassiert, ist die Partie so gut wie gelaufen. Ich sagte ja bereits: Vom 2:2 in Bochum, als Gladbach nach dem 1:2-Rückstand postwendend zurückschlug, werden wir noch unseren Enkeln erzählen. 39-mal hat die Borussia in den letzten 107 Auswärtsspielen gepunktet, macht eine Quote von 36%. Das ist selbst für die CSU in Bayern zu dürftig. Der Siegesanteil sieht noch um einiges schlechter aus: Wer zu zehn Auswärtsspielen fährt, darf nicht davon ausgehen, zwangsläufig einem Dreier in der Fremde beizuwohnen.

Die Borussia hatte in Wolfsburg wenig zu verlieren. Geschafft hat sie es dennoch. Somit sorgte ein Interview nach Spielende für den einzigen Lichtstrahl am Ende des Tunnels: Alex Voigt wurde kurzerhand als Herr Vogts vorgestellt. Für einen Moment wähnte ich mich im Jahr 1975, sah Gladbachs alten Abwehr-Haudegen den UEFA-Pokal in die Luft recken. Dann schlief ich ein. Das Narkosemittel hatte zugeschlagen.

Hierarchie der (Schaden-)Freude

Wenn es für den eigenen Klub ums nackte sportliche Überleben geht, dann rücken selbst tief verwurzelte Rivalitäten manchmal in den Hintergrund. Nicht bei jedem ist das bislang angekommen.

Anhänger eines Bundesligavereins gehen einen Spieltag mit einer konkreten Prioritätenliste an. Über allem steht der Erfolg des eigenen Teams – wer hätte es gedacht? Danach folgt in der Hierarchie – und hier besteht bei einigen augenscheinlich noch Nachholbedarf – nicht der Misserfolg der größten Rivalen an zweiter Stelle. Zunächst einmal kommt es einzig und allein darauf an, dass die direkten Konkurrenten um was auch immer – Klassenerhalt, UEFA-Cup, Meisterschaft, Platz im Niemandsland – Punkte liegen lassen.

Dementsprechend stößt es bei mir auch auf Unverständnis, wenn 40.000 im Stadion aufspringen und sich vor Freude beinahe ihrer Kleidung entledigen, weil Bochum bei den Bayern zum 3:3 ausgleicht, während die Borussia auf dem Platz einen Offenbarungseid abliefert. Rivalitäten müssen nicht gleich unter den Teppich gekehrt, sondern dürfen gerne berücksichtigt werden. Jedoch tauchen sie erst auf Platz drei der Prioritätenliste auf, weshalb Siege gegen Erzfeinde, mit denen man sich in ähnlichen Tabellenregionen bewegt, auch am meisten wert sind.

Aus den gerade genannten Gründen war es bis zur 63. Minute heute Abend eine – mit Verlaub gesagt – beschissene Bundesliga-Konferenz. Der neutrale Betrachter konnte sich zwar an einem Rückstand der Bayern in Frankfurt ergötzen und Traditionalisten und sich über das lange währende 1:0 von Bochum gegen Hoffenheim freuen. Fans von Mannschaften, die gegen den Abstieg kämpften, mussten dagegen festhalten, dass so ziemlich nichts nach Plan lief. Doch dann brach die 63. Minute an und damit neun Minuten, in denen sich das Blatt sozusagen von jetzt auf gleich wendete.

Hertha ging gegen Hannover in Führung (gut so, obwohl man der Hertha selten Tore wünscht). Dann drehte Hoffenheim in der ihm mittlerweile eigenen Manier das Spiel in Bochum zu seinen Gunsten. Die Bayern benötigen fünf Minuten, um aus einem 0:1 bei der Eintracht ein 2:1 zu machen. Dazu gesellte sich Dortmunds Führungstreffer in Köln, der ausnahmsweise zwei Fliegen mit einer Klatsche schlug – von wegen Rivalitäten und Abstiegskampf.

Und so ist es für Gladbach weiterhin nur ein Punkt zum rettenden Ufer anstelle von zwischenzeitlich zwei Zählern. Hinzu kommt, dass Frankfurt mit einem Sieg im nächsten Heimspiel in der Tabelle zu überflügeln ist. Das „beste“ abstiegsbedrohte Team bleibt also in Reichweite, die Liga zweigeteilt. Und wehe, jemand springt am Sonntag auf, falls Bochum in Dortmund ein Tor erzielt.

Pride & Prejudice

Wenn das Aufeinandertreffen von Werder Bremen II und Dynamo Dresden abgebrochen wird, dann setzt niemand ausgiebige Brainstormings-Sitzungen an, sondern wird den jüngsten und auch nicht mehr so jungen Ereignissen zufolge konsequente Schlüsse ziehen.

Ist dann zusätzlich von “Nebel” die Rede, ergeben 1 und 1 ganz fix 2. Ganz so einfach war es dann wohl doch nicht.
Deshalb ein kleiner Auszug aus der Wikipedia: “Stereotype sind des Weiteren [...] vor allem dadurch gekennzeichnet, dass sie oft besonders distinkte und offensichtliche Eigenschaften karikierend hervorheben und z. T. falsch verallgemeinern.”

Wahre Lügen

“Wir haben ein gutes Team, die Liga ist sehr ausgeglichen. Ich denke, dass viele Mannschaften die Chance haben, Meister zu werden, und für mich gehört Köln auch dazu.”

Kölns Neuzugang Armando Goncalves Teixeira Petit, der auf dem Trikot ganz bescheiden mit dem französischen Adjektiv vorlieb nimmt, zeigt sich im Interview mit spox.com weitaus weniger bescheiden. Manchmal ist die Wahrheit eben nicht mehr das, was sie einmal war.

Themenwoche Kokain – Fortsetzung folgt

In Deutschland werden Bundestrainer in spe nach einer Kokain-Affäre ihres Amtes enthoben, das sie noch nicht einmal angetreten hatten. In Argentinien läuft das genau andersherum. Erst koksen, dann auf den Trainerstuhl.

Dementsprechend bricht auf der Südhalbkugel auch gerade der Sommer an – alles auf links gedreht. Den Kalauer, dass der winterliche Niederschlag Maradona eher auf den Leib geschneidert wäre, verkneife ich mir an dieser Stelle. Das Leben ist eben keine Metapher.

Übrigens hat George Best nach seiner aktiven Serie nie als Trainer gearbeitet. Nicht einmal seine Nordiren durfte er coachen. Selbst bei den trinkfesten Briten kommt Pädagogik scheinbar noch vor Prestige. Nur in Argentinien nicht.

Sogar die Tagesthemen reichen fix noch die Meldung rein, dass Maradona zukünftig die Albiceleste coacht. Im Wetterbericht soll Claudia Kleiner uns nun mitteilen, dass bald schon Schnee fallen könne. Kein Witz. Aber das Thema hat derzeit ohnehin Hochkonjunktur.

Mission 40/9: Hans im Glück

Gladbach zwingt den KSC per Raum-Zeit-Kontinuum in die Knie. Wie die Borussia auf dem Phrasenschwein den zweiten Saisonsieg feiert, Patrick Paauwe der Verblüffung trotzt und Thomas Kleine den Quarterback mimt.

Hans Meyer überlässt vor dem Spiel wirklich nichts dem Zufall. Selbst Maskottchen Jünter wird per Handschlag begrüßt. Vorsichtshalber schaut er dem Gaul gleich ins Maul, um sicherzugehen, dass wirklich nicht Jos Luhukay, der viel zitierte „junge Mann“ der letzten Tage, im Fohlenkostüm steckt. Meyer scheint alles im Griff zu haben. Allein das Blitzlichtgewitter lässt er ungern über sich ergehen. Ansonsten jedoch genießt der 65-jährige das Bad in der Menge, die ihn empfängt wie einen Sibirien-Heimkehrer anno ´53: Mit offenen Armen und letzten Zweifeln, ob der Heilsbringer im Ruhestand wirklich der Richtige ist. Skeptische Vorfreude, erwartungsfrohe Skepsis – ganz nach Belieben und Weltbild.

Spiel eins der Gladbacher Retro-Ära soll schließlich gleich einmal den Weg in eine bessere Zukunft weisen. Niemand erwartet stürmischen Angriffsfußball gepaart mit solider Defensivarbeit. Das Ziel heißt kurz und knapp: Drei Punkte. Fußball könnte ja so einfach sein, wenn das Ziel nicht diesen lästigen Weg hätte, der zu ihm hinführt. Der KSC kommt mit zwei Last-Minute-Pleiten im Gepäck an den Niederrhein. Selbstbewusstsein macht sich also rar auf dem Rasen im Borussia-Park. Von Beginn an zeigen beide Teams auch nur bedingten Willen, diesen Eindruck zu widerlegen.

Die Borussia geht mit nur einer Änderung in die Partie. Steve „Günter“ Gohouris Verletzung verhindert die Einstellung des bisherigen Negativrekordes dieser Saison. Nur nach dem Sieg gegen Bremen hatte Jos Luhukay die Fohlenelf unverändert gelassen. Der Mann war offenbar Fan altbekannter Parolen: „Never change a winning team“ interpretierte er nihilistisch als „Change a losing team“. Kettenhund und Diplom-Ballabluchser Alberman ersetzt also den Heilsbringer von der Elfenbeinküste. Svärd macht dafür Platz im defensiven Mittelfeld und rückt auf die rechte Abwehrseite – nach Ndjeng, Levels und Gohouri bereits die vierte Variante der Saison für hinten rechts. Kein Wunder, wenn Meyers Vorgänger die Startelf im Schnitt auf 3,3 Positionen umkrempelten.

Nach einer Viertelstunde wähne ich mich irgendwie beim American Football: Massierte Abwehrreihen so weit das Auge reicht, lange Bälle en masse und viele verzweifelte Versuche, die gegnerische Defensive in der Manier eines Runningbacks zu überlisten. Allein die Cheerleader fehlen. Doch dafür haben wir ja jetzt Pat & Patachon an der Linie, die bereits zu Beginn in ihrer Coaching-Zone mehr Meter machen als Bradley, Paauwe und Co. zusammen. Wenn die Spielkultur sich also weiterhin nicht blicken lässt, dann haben Meyer und Ziege der Trainerbank wenigstens wieder Leben und Energie eingehaucht. Man kann ja ohnehin nicht alles haben.

Nachdem sich VfL und KSC in der Anfangsphase so angriffslustig gezeigt hatten wie Neutronen im Atomkern, sorgen wenigstens die Badener nach knapp 20 Minuten für Alarm im Gladbacher Strafraum. Svärd lässt sich zum ersten, aber gewiss nicht letzten Mal von Iashvili ins Kino schicken. Die Flanke des Georgiers setzt Freis so kompliziert neben das Tor, dass man dem 23-jährigen beinahe schon wieder Weltklasse unterstellen will. Das muss man erst einmal nachmachen.

Der Weckruf zeigt lange Zeit keinerlei Wirkung bei der Borussia, die weiter agiert, als habe man die Uhren im Borussia-Park einen Tag zu früh auf Winterzeit gestellt. In der 26. Minute wähnt sich mit Matmour erstmals ein Gladbacher in der richtigen Zeitzone. Allein an der Zielgenauigkeit hapert es noch. Sein Schuss nach forschem Dribbling macht es sich im Außennetz gemütlich. Geschätzte 25.000 springen trotzdem auf und ballen schon siegessicher die Becker-Faust. Man muss die Tore eben feiern, wie sie (nicht) fallen. In Bremen wäre das nicht passiert. Da springt man mittlerweile nur noch bei jedem zweiten Tor auf. Solch ein Torjubel geht eben auf die Knochen.

Kurz vor der Pause ist der provisorische Freudenschrei dagegen schon angebrachter. Friends Facharbeit mit dem Titel „Die Geheimnisse der Motorik – für 1,95-Hünen verständlich gemacht“ verdient sich jedoch keine Bestnoten – im Gegenteil. Der Kanadier schlittert unaufhaltsam einem blauen Brief entgegen, Versetzung arg gefährdet. Wenn das so weiter geht, werde ich bald den ersten Buchstaben auf meinem Rücken entfernen, stetig so weitermachen und in der Winterpause mit schwarzem Edding „Gohouri“ draufkritzeln. Zu Saisonbeginn hat er wenigstens noch ab und zu einen reingewürgt. Jetzt gelingt ihm nicht einmal mehr das. Es bleibt unerklärlich, wie man in Liga Zwei 18 Tore schießen und dann im Oberhaus derart herum stolpern kann. Wenn ich allein vor dem Tor stehe und den Ball nur hineinschieben muss, ist es doch vollkommen irrelevant, ob ich Kreis- oder Bundesliga spiele. Oder nicht? Zumal sich Ascheplätze und Schlaglöcher, die so manchem Kreisligisten ein Bein stellen, im Oberhaus eher rar machen.

Wie im Raum-Zeit-Kontinuum trägt diese Ansprache, am Sonntag um 21:21 Uhr verfasst, bereits am Samstag um 16:37 Uhr Früchte: Kleine mimt den Quarterback und sucht in 50 Meter Entfernung Wide Receiver Friend. Der macht ausnahmsweise alles richtig (zunächst einmal fängt er den Ball nicht mit den Händen) und leitet per Kopf weiter. Wo letztes Jahr in der Regel Oliver Neuville lauerte und nun selten jemand steht, wenn der Kanadier diese Variante wählt, findet sich diesmal Patrick Paauwe wieder. Der Holländer erstarrt Gott sei Dank nicht vor Verblüffung, weil ihn die Karlsruher Abwehr sträflich allein lässt. Stattdessen zieht er aus vollem Lauf ab und trifft den Ball irgendwie mit Schienbein und Spann zugleich. Schon ist der Ball im Tor.

Gladbachs Treffer über zwei Stationen, der ungefähr fünfte Torschuss der Partie, erweckt erstmals den Eindruck, dass sich doch etwas geändert hat. Normalerweise ist es der Gegner, der gegen den VfL mit derartiger Leichtigkeit zum Erfolg kommt, während die Borussia sich vorne die Zähne ausbeißt. Irgendjemand hat den Spieß umgedreht. Es wäre blauäugig, nach einer Woche im Amt allein Hans Meyer die Verantwortung dafür zu geben. Vielmehr dürfen sich gut 40.000 Zuschauern daran erfreuen, einmal mehr Zeuge des berühmten Effekts eines Trainerwechsels zu werden. Schließlich ist in Wirklichkeit alles beim Alten – bis auf das Ergebnis. Vielleicht hat sich Hans Meyer auf dem DFB-Seniorenkaffee intensiv mit Otto Rehhagel unterhalten und ist ebenso zu dem Schluss gekommen: „Modern ist, wenn man gewinnt“.

Man kann der Borussia nicht einmal vorwerfen, sich in der Folge aufs Kontern zu verlegen. Denn nicht einmal das gelingt ihr. Stattdessen rührt die Fohlenelf Beton an und mauert gewaltig. Für Gospodarek bieten sich daraufhin die ersten richtigen Bewährungschancen. Freis‘ Schuss aus 16 Metern lenkt er glänzend über die Latte. Als ihn der KSC-Stürmer erneut prüft, ist der Heimeroth-Ersatz mit Stammambitionen wieder auf dem Posten und pariert mit einem tollen Reflex. Den Abpraller köpft Iashvili über den Kasten. Allein der eingewechselte Coulibaly sorgt auf der anderen Seite für Furore. Seinen Freistoß zu unterschlagen, würde die Chronistenpflicht arg in Mitleidenschaft ziehen. Schließlich wackelt die Latte noch heute.

Die nächste durchgekaute Fußballweisheit reiht sich also ein in die Gladbacher Liste der Schlüssel zum Erfolg. Nach Rehhagel ist nun Stevens an der Reihe. „Die Null steht“ – bis zum Ende und zum ersten Mal im 11. Pflichtspiel der Saison. Selbst bei Fichte Bielefeld hatte die Borussia einen Treffer kassiert. Eigentlich ein Armutszeugnis, wenn Rehhagels und Stevens‘ Weisheiten als Zutaten des eigenen Erfolgsrezeptes fungieren. Das ist, als würden mit der BILD-Zeitung und Wikipedia nur zwei Einträge im Quellenverzeichnis einer Doktorarbeit auftauchen – die am Ende dennoch mit „befriedigend“ benotet wird.

Seine Worte im Interview nach dem Spiel wählt Hans Meyer so behutsam wie Barack Obama im Fernsehduell. Auch der Rückkehrer will seine Wähler nicht vergraulen. Für die Anhänger sachlicher, fundierter Analysen rattert er die Erkenntnisse des Spiels mit verschwitztem Antlitz herunter. Sein Fazit: „Wir müssen einfach punkten, alles andere kommt später.“

Doch der Meister der Ironie lässt das humoristische Lager freilich nicht im Stich und gibt mit einem Augenzwinkern zu Protokoll: „Ich habe vor ein paar Tagen gesagt, wir müssen einfach gewinnen, wenn nötig mit einem Krampfspiel. Dabei hätte ich nicht gedacht, dass meine Mannschaft das wörtlich nimmt.” Falsch waren seine Antworten ja noch nie. In all den Spitzen und Seitenhieben, die Hans Meyer in seiner langen Laufbahn losgelassen hat, steckte eben fast immer ein Fünkchen Wahrheit. Wenn er in Zukunft weiter so geschickt den Spagat zwischen inflationärer Ironie und sachlicher Analyse findet, kann ich durchaus damit leben. Zum-Lachen-in-den-Keller-Geher und Phrasenschweinfetischisten sind mir weitaus weniger lieb.

Realist und Pragmatiker ist Hans Meyer mit Sicherheit. Bleibt er jetzt auch noch „Hans im Glück“ und gewinnt weiter Spiele, die wir sonst stets verloren haben, dann könnte das „i.R.“ hinter dem Heilsbringer mit der Zeit verblassen. Und wer vor einer Woche Bochum und am Samstag Karlsruhe gesehen hat, der glaubt schon wieder eher daran, dass die Borussia auf Teufel komm‘ raus drei Mannschaften finden wird, die am Ende schlechter dastehen. Doch wo wir schon den internationalen Floskel- und Phrasentag feiern, zum Schluss noch eine Warnung, die zugleich ein Hoffnungsschimmer sein könnte: Abgerechnet wird wie immer am Schluss. Drei Euro werden nachgereicht.

Im Clinch mit der deutschen Sprache

„Normalerweise ist das eine Verletzung, wo vier Wochen braucht. Aber der Riss hat sehr gut geheilt.“

- Sami Khedira tritt gleich in zwei sprachliche Fettnäpfchen.

Dass Relativsätze im Schwabenland immer etwas mit Geografie zutun haben, dürfte ja bekannt sein. Aber mittlerweile ist der Stuttgarter Raum sogar Schauplatz von medizinischen Wunderleistungen. Kapselrisse verheilen dort nicht mehr mit viel Geduld. Sie heilen sich einfach selbst. Kompliment an den Riss! Der VfB hat kurzerhand die gesamte medizinische Abteilung wegrationalisiert. Nur der Psychologe ist weiterhin angestellt: Der Fortschritt ist nämlich noch nicht im Hirn angekommen.