Monthly Archive for November, 2008

Mission 40/15: Apocalypse Now

Gladbach erreicht beim 1:3 gegen Cottbus einen Tiefpunkt à la Rudi Völler und fällt zurück auf einen Relegationsplatz. Was ein Strandkorb in Abidjan, Hulk Hogan und Katja Ebstein dabei für eine Rolle spielten und warum die neonfarbenen Trikots von Cottbus kein triftiger Grund waren, solch eine Offenbarung abzuliefern.

Knapp eine Stunde vor Anpfiff ist der Borussia-Park spärlich bis gar nicht gefüllt. Im weiten Rund dominiert allein das neongrün der zahlreichen Ordnerwesten, die sich von der besitzschalten Leere kontrastreich abheben. Der Oberrang des Gästeblocks könnte indes das Platzproblem einer jeden Hochschule im Nu aus der Welt schaffen. BWL-Vorlesung am Samstag um 15:30 Uhr im Stadion – wäre mal etwas anderes. Den paar hundert Cottbussern, die sich in den Stehblock im Unterrang verirrt haben, würde es mit Sicherheit nichts ausmachen.

Eben jene treuen Anhänger in rot-weiß führen uns gleich zur ersten bestimmenden Frage eines wegweisenden Nachmittages: Warum in aller Welt pilgern zu solch einem wichtigen Spiel gegen einen direkten Konkurrenten um den Klassenerhalt nur knappe 37.000 Zuschauer in den Borussia-Park? Gladbach gegen Cottbus, das riecht – aus Borussensicht traurig, aber wahr – geradezu nach Abstiegskampf in Reinkultur. Dazu ist es ein arschkalter Samstagnachmittag Ende November, der uns einmal mehr vor Augen führt, was die Outdoor-Austragung von Fußballspielen zur Faszination dieses Sports beiträgt. Zudem liegt ein Sieg gegen Cottbus eher in Reichweite als ein Dreier gegen Bremen, Bayern oder Schalke, die in der Regel für ausverkauftes Haus sorgen. Eigentlich müsste all das auf einen gelegentlichen Stadiongänger noch viel reizvoller wirken als der Lockruf von Toni, Ribéry und Klose. Zumal man in diesem Fall ja auch noch hofft, dass dieses Bayern-Trio einen verdammt schlechten Tag erwischt und plötzlich genauso reizvoll erscheint wie Radeljic, Rangelov, Rost und Konsorten.

Bereits nach zwei Minuten hat Bradley ein weiteres gutes Argument für einen Stadionbesuch gegen Cottbus auf der Stirn: Ein frühes Tor. Doch sein harmloser, geradezu lustloser Kopfball aus vier Metern landet genau in Tremmels Armen. Hans Meyer hat seine Truppe im Vergleich zum impotenten Auftritt auf Schalke diesmal nur auf zwei Positionen verändert. Bezeichnenderweise rückt Voigt schnurstracks vom Wartezimmer des Orthopäden für van den Bergh in die Startelf. Levels macht Platz für Ndjeng, der zuletzt Ende September beim HSV von Beginn an und danach nur noch ganze 50 Minuten auf dem Platz gestanden hatte. Rotation ad absurdum geführt.

Bradleys Großchance kurz nach dem Anpfiff ist lange Zeit das letzte Lebenszeichen der Borussia, die danach in eine Lethargie verfällt, die selbst Hans Meyer nach eigenem Bekunden in seiner 134-jährigen Trainerlaufbahn noch nicht gesehen hat. Cottbus‘ neonorange Trikots werden es wohl kaum gewesen sein, die Gladbach in der Folge jegliche Vitalität raubten – obwohl diese verstrahlte Trikotfarbe eigentlich eine Horde von Atomkraftgegnern auf den Plan rufen müsste. Doch die Fohlen warten vergeblich auf den Castor-Transport aus La Hague. Vielleicht haben sie die radioaktiv anmutenden Cottbusser auch für eine Fraktion der Stadtwerke gehalten, die auf dem Rasen ein wenig aufräumen soll. Nur so lässt sich erklären, warum die Lausitzer eine ganze Halbzeit lang nach Belieben walten dürfen.

Das Spiel der Borussia versprüht zu Beginn so viel Feuer wie ein ausgebrannter Adventskranz. Folglich bahnen sich schon bald Konsequenzen an. Sörensen nutzt Daems‘ großzügigen Begleitservice und sorgt erstmals für Gefahr im Gladbacher Strafraum. Kurz darauf muss Gospodarek einen Kopfball von Rangelov mit einem guten Reflex über die Latte lenken. Und da aller guten Dinge bekanntlich drei sind, ist das Unheil bereits nach 17 Minuten perfekt: Marin springt hinten rechts für Gohouri ein, der sich in Gedanken am Strand von Abidjan sonnt. Sicher nicht freiwillig, aber dennoch gekonnt verbildlicht der Youngster an der Außenlinie Hans Meyers Kritik an seinen Defensivqualitäten. Sein lässiger Befreiungsversuch wird von Rost abgeblockt. Binnen einer Sekunde sind Marin und Gohouri per Doppelpass düpiert, Iliev zieht mutterseelenallein in Richtung Tor. Die harte Hereingabe befördert Bradley hinter dem hochgesprungenen Rangelov ins Tor. Eine gute Viertelstunde ist vorbei und schon rauscht die Borussia in den größten anzunehmenden Unfall, wenn man zuhause gegen Cottbus spielt: Ein früher Rückstand.

Die Cottbusser Bundesligahistorie hat durchaus schon Spiele erlebt, die die Lausitzer in dieser Konstellation am eigenen Strafraum verharrend über die Bühne gebracht haben. Doch die andauernde Gladbach Passivität lädt sie einfach dazu ein, jegliche Mauertaktiken über den Haufen zu werfen. Andernfalls würden die 37.000 bis zur Halbzeit nämlich ein Revival des Nichtangriffspakts von Gijón erleben. Denn Gladbacher Angriffsversuche machen sich weiterhin rar.

Eine gute halbe Stunde ist rum, als Gospodarek mit einer Glanzparade Stufe zwei der Offenbarung verhindert. Erst kurz vor der Pause meldet sich die Borussia zurück. Ndjeng rappelt sich vom Strandkorb auf, in dem er zuvor mit Gohouri Cocktails am laufenden Band geschlürft hatte. Seine Flanke landet schließlich bei Baumjohann, dessen Schuss gerade so neben das Tor gelenkt wird.

Mit dem Halbzeitpfiff beginne ich bereits die Rückseite des Zettels zu beschreiben, auf dem ich in den letzten 45 Minuten sämtliche Gründe notiert habe, die anders als zuvor erwartet gegen einen Stadionbesuch sprechen, wenn der Gegner am 29.11. Cottbus heißt und die eigene Mannschaft auf Platz 15 weilt. Die Eiseskälte im Borussia-Park ist nur einer von vielen. Vor allen Dingen können die Lausitzer nichts dafür, dass die Temperaturen gefühlte -5 Grad Fahrenheit erreichen. Was jedoch nichts daran ändert, dass ich die Halbzeit auf der Toilette verbringe, die zumindest Raumtemperatur vorweisen kann – reine Erfrierungstodpräventivmaßnahmen. Doch so wohlig es zwischen den Pissoirs und Waschbecken auch gewesen sein mag, umso kälter ist es daraufhin im Block. Alte Schwimmbadregel: Vor dem Sprung ins kalte Becken warm zu duschen, ist vollkommen kontraproduktiv.

Als es um kurz nach halb fünf weiter geht, sind einige nicht mehr mit von der Partie – sowohl auf als auch neben dem Platz. Hunderte strömen bereits in Richtung der Parkplätze. Dabei ist Polen Gladbach wider Erwarten längst noch nicht verloren. Vielleicht stehen auf ihrem virtuellen Zettel aber auch schlichtweg dieselben Argumente wie auf meinem. Solch ein Krampf auf dem Rasen ist eben nichts für leichte Gemüter. Stephen Kings „Shining“ wirkt dagegen wohltuend therapeutisch. Marcel Ndjeng und Gal Alberman haben sich demnach ebenso auf die Wohnzimmercouch zum DVD-Gucken verzogen. Matmour beackert jetzt die rechte Seite. Paauwe rückt auf die Sechserposition, während der 18-jährige Tony Jantschke ein undankbares Bundesligadebüt feiert und die Position in der Innenverteidigung besetzt. Erstmals steht damit ein Borusse in der ersten Mannschaft, der jünger ist als ich. Dass die 37.000 neben und die elf auf dem Platz an diesem Nachmittag verdammt alt aussehen, liegt dennoch nicht am jungen Dresdener.

Hans Meyers voradventliches „Ave Maria“ in der Kabine scheint gleich Früchte zu tragen. Die Borussia spielt plötzlich auf, als habe der Trainer fünfzehn Minuten lang mit dem Defibrillator sein Unwesen getrieben und der Mannschaft neues Leben eingehaucht. Erst vergibt Bradley. Dann findet Baumjohann in Tremmel seinen Meister, nachdem Marin ihn mit einem vergnügungssteuerpflichtigen Pass freigespielt hatte, der fast darüber hinwegsehen lässt, wie dilettantisch er sich vor dem 0:1 verhalten hat.

Doch wie so oft trotzt die Borussia fast im Gegenzug jeglicher Logik. Das Oberwasser ist schlagartig passé. Gohouri scheint nun gar nicht mehr zu wissen, wo er eigentlich ist und was die ganzen Leute hier machen – besonders die in den orangen Trikots. Und bevor es ihm dämmert, ist Sörensen nach Ilievs Steilpass schon in einer anderen Hemisphäre unterwegs und schickt sich an, das 0:1 zu kopieren. Doch diesmal muss er es alleine richten, denn ein Gladbacher Abnehmer ist weit und breit nicht in Sicht. Gegen seinen Lupfer ist Gospodarek vollkommen machtlos. Noch sind 39 Minuten auf der Uhr, was angesichts dieser indiskutablen Leistung der Borussia eher einer Drohung gleichkommt.

Einen einzigen Vorwurf darf man der Borussia jedoch nicht machen: Dass sie nach dem 0:2 vollkommen aufgibt und gänzlich das Gesicht verliert. Ganz im Gegenteil liegt der Anschlusstreffer binnen Minuten in der Luft. Die Cottbusser Abwehr wirkt wie ein vielzitiertes gallisches Dorf, das sich tapfer den Angriffen der römischen Legionen entgegenstemmt und zunächst unterlegen scheint. Nach einer Ecke bekommt Baumjohann eine zweite Chance und flankt auf Gohouris Kopf, der aus dem Kurzurlaub zurückgekehrt ist. Das 1:2 löst zwar noch keine Jubelstürme aus. Doch in dem einen oder anderen Hinterkopf blitzt bereits eine grelle 137 auf. Weitere Parallelen zum Bayern-Spiel sind danach aber nicht mehr auszumachen. Die Cottbusser lassen in Asterix-und-Obelix-Manier nichts anbrennen.

Für Aufregung sorgt ohnehin erst einmal ein ungleiches Tête-à-tête zwischen Cottbus-Keeper Tremmel und Marko Marin. Der schmächtige Gladbacher verpasst dem Torwart fahrlässig einen Bodycheck, als er in vollem Lauf in ihn hineinläuft. Die gelbwürdige Attacke quittiert der Cottbusser Schlussmann mit einem Hulk-Hogan-Gedächtnisangriff, der letztendlich dieselbe Bestrafung erhält wie Marins Eishockey-Ausflug. Nicht gerade eine Szene der Kategorie „spielentscheidend“. In der Folge mussten jedoch gleich zwei Hauptdarsteller wütenden Protesten von den Rängen ins Gesicht blicken. Tremmel hätte mit dem Pfandgeld der fliegenden Plastikbecher die gesamte Mannschaft zum Essen einladen können. Schiri Sippel ist nach dem Wrestling-Match zwischen Tremmel und Marin ebenso der Buhmann, wobei die Cottbusser zu der gleichen Ansicht gelangen könnten. Schließlich hatte er ihnen in der ersten Hälfte einen glasklaren Elfer verwehrt.

Der Ausgleich liegt lange Zeit in der Luft. Rob Friend vergibt dabei gleich ein halbes Dutzend Torchancen. Dass er so viele Gelegenheiten erhält, spricht nicht unbedingt gegen ihn. Dass er so wenige nutzt, dagegen schon. Doch wer notorische Defensivspezialisten wie Energie Cottbus mit einer Taktik zum Mitspielen einlädt, die eher auf die Bayern oder Bremen zugeschnitten wäre, muss sich letztendlich nicht wundern, wenn der Schuss nach hinten losgeht. Friend ist deshalb zu entlasten, weil ihm ein beweglicher Sturmpartner fehlt. Lange Bälle auf den Kanadier haben sich zuletzt nicht gerade als Erfolgsrezept einen Namen gemacht. Und auch gegen Cottbus kommt noch am meisten dabei herum, wenn sich die Borussia auf schnelles Spiel am Boden besinnt.

In der 85. Minute holt Energie jedoch zum Todesstoß aus. Diesmal ist auch Filip Daems einer der Hauptakteure im Gladbacher Pannenkabinett. Offensichtlich hat sich der Belgier von der Desorientierung seiner Nebenleute anstecken lassen. Auch er gab gestern ein erschreckend schwaches Bild ab. An der Außenlinie lassen sich also Daems und Voigt düpieren. Pavicevic zieht in die Mitte und legt ab auf Jula, der zum 1:3 einschiebt. Nachdem das 0:2 noch eine Kopie des ersten Treffers war, trifft Cottbus zum Abschluss – weil’s so schön einfach ist – auch noch spiegelbildlich: Geplänkel an der rechten Außenlinie, ein entschlossener Zug in die Mitte, Querpass, Tor. Zum Glück trifft Tony Jantschke daran keine Schuld. Der 18-jährige lieferte ein ordentliches Debüt ab und darf gerne wieder kommen. Einerseits ist das eine gute Nachricht, andererseits verursacht Jantschkes gelungene Premiere Sorgenfalten: Unter Umständen kommen Meyer, Ziege und Eberl nun auf die Idee, die Defensivmisere mit Leuten aus der eigenen Jugend zu bekämpfen.

Der Kuchen ist also fünf Minuten vor dem Ende endgültig gegessen. Mit Julas Treffer setzt ein wahrer Exodus auf den Rängen ein. Die Zuschauer strömen frustriert und entsprechend bedient zu den Ausgängen, als habe die Borussia eine freiwillige Evakuierungsübung für 17:11 Uhr angesetzt. Alle meine Nebenleute ziehen von dannen. Selbst meine Mutter verlässt mich, so dass ich die letzten Minuten als fußballerischer Halbwaise erlebe. Keine Ahnung, warum ich überhaupt bleibe. Vermutlich, weil ich für diese fünf Minuten vor der Saison umgerechnet einen Euro bezahlt habe. Man muss ja nicht gleich Geschenke verteilen.

Die Reliquien dessen, was sich kurz zuvor noch Nordkurve nannte, stimmen unterdessen in tiefstem Galgenhumor ein nettes Liedchen zur Melodie von „Country Roads“ an: „VfL, wir sind da. Jedes Spiel, ist doch klar! Zweite Liga – tut schon weh. Scheißegal, wird schon geh’n!“ Sozusagen das musikalische Sahnehäubchen (und damit das einzig treffende) auf einem vollkommen angebrannten Kuchen, verseucht von Salmonellen. Unter den Sängern mit dem schwarzen Humor: Meine Mutter, die sich in den Unterrang verzogen hat, um sich dort „mal umzusehen“.

Als Schiri Sippel kurz darauf abpfeift und damit den Deckel des provisorischen Gladbacher Sarges zuschlägt, hält sich das Pfeifkonzert überraschend bedeckt. Dennoch pfeift wohl jeder Zweite – geschätzte 5000 also. Um mich herum herrscht gähnende Leere. Dagegen fühlt man sich in den Weiten der russischen Taiga geradezu eingeengt. Spätestens jetzt wird mir klar, dass ein Spiel gegen Cottbus so ziemlich das letzte ist, was man sich wünschen kann. Daran ist nicht unbedingt das Erscheinungsbild von Cottbus Schuld, sondern die Tatsache, dass eine Niederlage – besonders eine derart verdiente – deutlich schmerzvoller ist als eine einkalkulierte Pleite gegen einen Meisterschaftsanwärter. Eiseskälte, null Punkte, Untergangsstimmung, Fanblockade vor der Geschäftsstelle, Rolle rückwärts auf den Relegationsplatz – so sieht wohl das Gegenteil des Wortes „gelungen“ in Bezug auf einen Nachmittag aus. Wenigstens hat draußen kein Schneefall eingesetzt und die Temperaturen halten sich weiter im niedrigen Minusbereich.

Hans Meyer wirkt im Interview nach dem Spiel überraschend konsterniert. So perplex erlebt man ihn selten. Vermutlich merkt er erst jetzt, wie sehr er die prekäre Lage der Borussia bei seinem Amtsantritt unterschätzt hat. In den Medien ist eigentlich unentwegt von einem Trainer zu lesen, der das Unvermögen seiner Mannschaft beklagt, sich den Kopf zerbricht über nunmehr 30 Gegentore und scheinbar keinen Ausweg weiß. Nach nur sieben Spielen wirkt Meyer bereits aufgebraucht, demotiviert und desillusioniert.

Auf der Gegenseite muss ich an dieser Stelle meine Aussagen von letzter Woche revidieren: Cottbus ist längst nicht dem Untergang geweiht. Die Lausitzer haben gekämpft, gespuckt, gebissen, gefoult und dazwischen ausreichend Fußball gespielt, so dass sie am Ende trotz negativer Torschussbilanz verdient mit drei Zählern nach Hause fahren. Wer bereits nach 68 Minuten Wadenkrämpfe simuliert, um sich dem Abpfiff zu nähern, wer sich permanent vor den Ball stellt oder diesen unauffällig wegkickt, nachdem längst gepfiffen ist, der gewinnt zwar keine Sympathien, aber immerhin Spiele. Und darauf kommt es an. Diese Essenz des Abstiegskampfes ist in Gladbach längst noch nicht angekommen.

Meyers Bilanz weist sieben Zähler aus sieben Spielen auf. Der Trend geht demnach in Richtung 30 Punkte bis zum Saisonende. Diese Zahl scheint momentan zwar zu genügen. Historischen Wert hätte sie jedoch schon. Seit es die Drei-Punkte-Regel gibt, hat das Team knapp über dem Strich nie weniger als 34 Punkte geholt. Uerdingens 32 Zähler aus der Saison 94/95 sind absoluter Negativrekord in 45 Jahren Bundesliga. Bitter genug, dass die Borussia sich derzeit wohl in rekordverdächtigen Sphären bewegen muss, um die Klasse zu halten.

Cottbus schießt zum ersten Mal seit Anfang Februar drei Treffer in einem Bundesligaspiel. Das letzte Drei-Tore-Erlebnis in einem Pflichtspiel gab es Ende September im DFB-Pokal. Über den Gegner von damals ist in diesem Text schon genug geschrieben worden.

Die Gründe für Gladbachs Pleite sind zwar vor allem in der Abwehr zu suchen. Doch trotz zahlreicher Torchancen hat sich auch die Offensive keineswegs mit Ruhm bekleckert. Das Angriffs-Quartett der ersten Hälfte – Friend, Marin, Ndjeng, Baumjohann – brachte lediglich 32 seiner 77 Pässe zum Mitspieler – eine erstaunlich erschreckende Fehlpassquote von 58 Prozent. Ein Armutszeugnis ohne Abstriche.

Das Programm vor und nach der Winterpause weckt indes keine allzu großen Hoffnungen: Leverkusen, Dortmund, Stuttgart, Hoffenheim, Bremen. Zuhause gegen Leverkusen hat die Borussia zu meinen Lebzeiten noch nie gewonnen, in Dortmund das letzte Mal vor zehn Jahren. Den letzten Sieg in Stuttgart gab es 1994, gegen Hoffenheim setzte es in drei Aufeinandertreffen zwei Pleiten. Und auch in Bremen sah es zuletzt meist düster aus: Der letzte Erfolg datiert aus der Saison 1986/87 – immerhin ein 7:1 und damit der höchste Auswärtssieg der Gladbacher Bundesliga-Geschichte. Trotzdem könnte die Borussia, um ganz schwarz zu malen, am Karnevalssamstag Hannover 96 mit weiterhin 11 Punkten empfangen. Selbst 15 Zähler auf dem Konto wären Ende Februar zu wenig. Dass im Schnitt bislang 47.000 Zuschauer in den Borussia-Park gepilgert sind, hat Gladbach wohl allein seiner Historie, seinen leidgeprüften Fans und seinem gefestigten Umfeld zu verdanken. Diese Faktoren sind derzeit das, was diesen Verein am Leben hält.

Allein Katja Ebstein nährt indes die Hoffnungen auf ein anderes Ende als im Abstiegsjahr 2007. Dass die Borussia ihr Schicksal notgedrungen in die Hände eines Schlagers legt, verdeutlicht die vermeintliche Ausweglosigkeit. Doch „Wunder“ gibt es bekanntlich „immer wieder“.

Vedads Vitrine

Als Fredi Bobic in der Saison 95/96 mit 17 Treffern Torschützenkönig wurde, stellte er ironischerweise gleichzeitig einen Negativrekord ein. Zuvor waren nur Thomas Allofs und Roland Wohlfahrt mit so geringer Trefferzahl erfolgreich gewesen.

Heute traf Vedad Ibisevic zum 17. Mal in dieser Saison. Mit Bobic, Allofs und Wohlfahrt ist er gleichgezogen. Die Kanone hat er deshalb aber noch längst nicht sicher in der Vitrine, geschweige denn die Meisterschale. Denn: Nur 14-mal stellte der Deutsche Meister bislang auch den Torschützenkönig, sogar nur fünfmal in den letzten 26 Jahren. Was einen Herrn U. H. aus M. gewiss freuen wird.

Besinnlichkeit in Europa: Fehlanzeige

Die letzten drei Tage standen ganz im Zeichen des Europapokals. In der Champions League sind die meisten Tickets fürs Achtelfinale verteilt. Auch im UEFA-Cup haben die ersten Vereine bereits für die Runde der letzten 32 gebucht. Zu jenen 32 will auch Werder Bremen gehören – denn mehr ist nicht drin.

In der UEFA-Fünfjahreswertung dominiert mittlerweile die Farbe rot, die alle Länder kennzeichnet, die keinen Starter mehr in der CL-Vorrunde oder der Gruppenphase des UEFA-Cups im Rennen haben. 29 von 53 Mitgliedsverbänden sind bereits nicht mehr international vertreten. Allein Spanien und die Niederlande können noch mit voller Mannschaftsstärke prahlen.

Wenn die Champions League vor Weihnachten die Gruppenspiele beendet, werden weitere renommierte Länder des europäischen Fußballs die Segel streichen. Schottland hat unter der Woche Celtic Glasgow verloren. Die Schweiz wird nach dem Ausscheiden des FC Basel nicht mehr in Europa mitmischen. Derartiges Verhalten kennt man ja von dort – immer schön neutral bleiben und aus den gesamteuropäischen Angelegenheiten brav raushalten. Und auch die Rumänen, Senkrechtstarter der letzten Jahre, werden unter Umständen nicht mehr mit von der Partie sein, da Cluj und Steaua Bukarest vor dem totalen Aus stehen.

Ähnliches hat die Bundesliga zwar nicht zu fürchten. Aber nach dieser Europacup-Woche sieht es für einige der sieben im Rennen verbliebenen Kandidaten nicht gerade gut aus. Werder braucht einen Sieg gegen Inter, während Famagusta zeitgleich nicht gegen Panathinaikos gewinnen darf. Ansonsten bedeutet dies nicht nur das dritte Vorrunden-Aus in Folge, sondern es wäre zudem das erste Mal seit fünf Jahren, dass der Europapokal nach der Winterpause ohne Werder stattfindet.

Die Bayern (souverän) und Wolfsburg (in letzter Sekunde) hielten die Fahnen wenigstens etwas hoch, während Schalke und der HSV sich zwar nicht blamierten, aber dennoch bittere Pleiten einstecken mussten. Stuttgarts Punktgewinn in Genua darf durchaus positiv gewertet werden. Zumal er dem VfB den alleinigen dritten Rang in der internen Bundesliga-Fünfjahreswertung einbrachte. Schalke rutscht auch hier in die Krise. Nach der 0:2-Pleite zuhause gegen Manchester “United” City belegen die Königsblauen nur noch den geteilten vierten Rang. Wolfsburg ist derweil auf dem Vormarsch, der HSV in Abstiegsnöten.

Die Königsklasse vergibt die letzten Achtelfinaltickets in knapp zwei Wochen am 9. und 10. Dezember. Im Cup der Verlierer geht es schon nächste Woche weiter. Die letzten Entscheidungen fallen dann 14 Tage danach kurz vor Weihnachten. Damit folgen nun drei Europacupwochen aufeinander. Festtagsstimmung sucht man auf Schalke, in Bremen und beim HSV dennoch vergeblich.

Zwischenstand Ende November:

Absturz mit Ansage

Anderthalb Jahre nach dem Titelgewinn von 2007 ist der VfB Stuttgart im Mittelmaß der Bundesliga versunken. Keineswegs ein Einzelfall in der Vereinsgeschichte der Schwaben, wie die Statistik untermauert.

558 Tage ist es her, dass ganz Stuttgart von einem rot-weißen Meer der Glückseligkeit verschluckt wurde. In Anbetracht der tristen Gegenwart erscheint der 19. Mai 2007 beinahe unwirklich, wie aus einem anderen Zeitalter, geradezu vorsintflutlich. Der VfB weilt im November 2008 mit 18 Punkten aus 14 Spielen auf Platz 11. Offiziell genau zwischen Europacup und Abstiegsrängen – „gefühlt auf Rang 19“, wie Armin Veh vor ein paar Tagen Einblicke in das enttäuschte schwäbische Seelenleben gewährte. Dass eben jener Armin Veh mittlerweile Ex-Trainer des Meisters von 2007 ist, bleibt eine andere Geschichte. Der VfB ist tief gefallen und weiß nicht so richtig, wo er hingehört. Das Mittelmaß scheint derzeit prädestiniert.

Als Schwaben-Sympathisant wird man aktuell aus dem Kopfschütteln nicht raus kommen und sich fragen, wie auf den Überraschungscoup von damals anderthalb derart ertraglose Jahre folgen konnten. Die Meistermannschaft war jung, spielte einen herzerfrischenden Fußball und hatte die Zukunft scheinbar auf ihrer Seite. Aktuell dümpeln die Reste der Erfolgstruppe haltlos im Mittelmaß herum. Meira und Hildebrand sind weg. Hilbert und Hitzlsperger nicht wiederzuerkennen. Ein Cacau ist zurückgerudert auf sein altes Niveau. Allein Mario Gomez hält sporadisch bis regelmäßig die Fahnen hoch. Erklärungsnot macht sich breit.

Dabei gehört das post-meisterliche Versagen zum Schwabenland wie Spätzle, Mercedes und ein Dialekt, der im Privatfernsehen regelmäßig mit Untertiteln versehen wird. Betrachtet man die ersten 48 Spiele eines jeden Bundesligameisters nach seinem großen Triumph, dann fällt auf: Der VfB Stuttgart heimst in dieser Rangliste gleich die ersten drei Plätze ein – von hinten wohlgemerkt.

Nach dem Titelgewinn 1984 unter Helmut Benthaus holte der VfB im darauffolgenden Jahr schlappe 47 Zähler. Nur der 1. FC Nürnberg konnte das in seiner Abstiegssaison 68/69 unterbieten. Aus den ersten 48 Partien nach der Meisterschaft standen schließlich 70 Punkte zu Buche. Erfolgscoach Benthaus war schon nach Platz zehn im Sommer ‘85 aussortiert worden.

Doch die mickrigen 70 Zähler aus den post-meisterlichen Spielen von damals waren noch lange nicht das Ende der schwäbischen Fahnenstange: Auf den Last-Minute-Titelgewinn ‘92 unter Christoph Daum folgten 66 Punkte aus 48 Spielen – Minusrekord in 45 Jahren Bundesliga. Den hat logischerweise selbst der 1. FC Nürnberg nicht inne, der als erster und bislang einziger amtierender Meister aus der Bundesliga abstieg. Denn eine zweite Saison nach dem Titelgewinn erlebten die Franken damals nun einmal nicht. Daum hielt sich nach dem Titelgewinn noch drei Halbserien in Stuttgart. In der Winterpause der Saison 93/94 wurde die Ehe Daum-VfB geschieden. Der VfB musste auf Rang dreizehn überwintern.

Anno 2008 sieht es nicht viel besser aus. Auch der dritte Meistertrainer kam nicht über die dritte Halbserie hinaus. Dass Veh mit seinen läppischen 1000 Tagen im Amt drauf und dran war, den Vereinsrekord als längster VfB-Coach am Stück zu eliminieren, spricht für die enorme Fluktuation auf der Trainerbank. Vehs Bilanz in den ominösen 48 Partien: 76 Tore, 78 Gegentore, 70 Punkte. Zum ersten Mal taucht damit ein negatives Torverhältnis in der langen Liste auf. Für (Negativ-)Rekorde ist der VfB momentan eben empfänglich.

Alle Stuttgart-Anhänger dürfen sich gerne aussuchen, wie sie diese Statistik interpretieren. Ich würde sie ihnen eher als Muntermacher mit auf den Weg geben. Schließlich ging es nach jeder Durststrecke auch wieder bergauf. Und der VfB ist trotz allem der einzige Klub neben Bayern und Bremen, der sowohl in den 80ern als auch in den 90ern und 00ern einen Meistertitel erringen konnte. Bis zum nächsten sind es somit nicht einmal mehr 12 Jahre.

Und wo ich die Buchstaben- und Zahlensuppe schon einmal im Schoß habe, natürlich auch der Blick auf die vorderen Ränge in dieser Tabelle, die einmal mehr herzerfrischend sinnlos und doch so vielsagend ist. Die ersten vier Plätze gehen – einen Überraschungstusch, bitte – an den FC Bayern, der insgesamt sieben Mal in den Top 10 auftaucht. Neben dem Rekordmeister sind nur der HSV und Gladbach noch vorne mit dabei. Bayerns Rekordbilanz in Folge des Meisterjahres 1986 liest sich wie folgt: 106 Punkte, 102 eigene Treffer stehen 48 Gegentoren gegenüber. Aus Schwabensicht momentan reine Utopie.

Die zehn erfolglosesten Meister im Überblick:


Die zehn Meister, die auch danach noch für Furore sorgten:

*Die vierte und fünfte Spalte beziehen sich auf die Saison unmittelbar nach dem Titelgewinn. Spalte sechs und sieben sind für die restlichen Spiele der darauffolgenden Saison, die bis zur Vollendung der 48 noch fehlten.

Ascheplatz 2.0

Studenten, Schüler, Hausfrauen, Hartz-4-Empfänger, Rosenzüchter, Busfahrer – die Welt vernetzt sich. Bolzklub.de bietet nun allen Amateurfußballern ein virtuelles Zuhause.

Seit ein paar Jahren macht das World Wide Web seinem Namen ja mehr denn je alle Ehre. Die VZs, die Verzeichnisse, schießen wie Pilze aus dem Boden. Alles und jeder ist irgendwie vernetzt. Das StudiVZ ist da nur der große Patriarch der wachsenden VZ-Familie. Jemand war sogar so frei, sich die Domain fürs NuttenVZ vorsichtshalber unter den Nagel zu reißen. Fragt mich nicht, warum ich ausgerechnet danach bei Google suche. Reinste Verbalerotik. Das Penner-Verzeichnis gibt es derweil wirklich. Einer der Locksprüche lautet ohne Witz: „Finde Partner für gemeinsames Betteln, Gespräche und Wochenendausflüge!“

Doch ab heute gibt es auch etwas für die (primäre) Zielgruppe dieses Blogs: Bolzklub.de, von nun an das Netzwerk aller Amateur- und Hobbyfußballer. Unter anderem werben die Macher mit der elementarste aller elementaren Fragen: „Macht der Franz eigentlich immer noch alle nass?“. Gute Frage. Kalle, Uli und Jürgen werden es wissen.

Auf Bolzklub.de soll ich bestenfalls also all meine ehemaligen Mitspieler wiederfinden. Rein vereinstechnisch sieht das bei mir schon schlecht aus: Kein Ex-Verein, keine Ex-Mitspieler. Gehe zudem nicht davon aus, dass ich dort den Sechstklässler von damals wiederfinde, der mich im Freundschaftsspiel mit der Schulmannschaft schwindelig gespielt hat. Auch das Schicksal des um zwei Köpfe kleineren Gegenspielers aus den USA, der noch heute schweißgebadet in der Nacht aufwacht, weil ihm im Traum der Hüne aus Deutschland erscheint, der beim 0:13-Debakel seiner Mannschaft gleich zweimal eingenetzt hat.

Bei der Registrierung war ich dann erst einmal verwirrt. Etwas umnachtet konnte ich den SC Viktoria Anrath nicht finden, der seine Heimspiele in 400 Meter Luftlinie der Redaktionsbüros von Entscheidend is auf’m Platz austrägt und sich somit trotz fehlender Verbindungen als Stammverein anbietet. Und so bin ich jetzt erst einmal beim ESV TuS Altenbeken 98 untergekommen. Klingt rein namenstechnisch so, als könnte die 3. Herren Verstärkung gebrauchen.

Mission 40/14: Impotent auf Schalke

Zwei Spieltage zeigte die Formkurve nach oben. Nach dem sang- und klanglosen 1:3 auf Schalke macht sich jetzt wieder Ernüchterung breit. Warum Manni Breuckmann gestern Gott sei Dank wenig zu sagen hatte, die Borussia bestenfalls die Premiere-Regie schwindelig spielte und nun den Nanga Parbat fürchtet.

Um 16:45 Uhr, in der 58. Minute, verlasse ich das Wohnzimmer. Gezwungenermaßen, aber – anders als ich zuvor gedacht hatte – keineswegs schweren Herzens. Schuld an meiner Fluchtaktion ist nämlich nicht primär der enttäuschende Auftritt der Borussia auf Schalke, sondern ein sportlicher Widerspruch, der mich seit mittlerweile 12 Jahren begleitet. Jedes dritte Wort, das ich in den Mund nehme, dreht sich zwar um Fußball. Gut ein Viertel aller Gedankengänge widme ich einem runden Leder, das mit dem Fuß getreten wird. Doch ironischerweise führe ich 80 Prozent meiner aktiven sportlichen Betätigung mit den Händen aus. Es ist zwar nicht zwingend vorgeschrieben, dass ein passiver Fußballverrückter auch Wochenende für Wochenende die Ascheplätze der Republik beackern muss. Unlogisch wäre es dennoch nicht.

Doch ganz ehrlich: Wenn ich einmal aktiv gegen einen Ball trete, dann geschieht das mit großer Wahrscheinlichkeit beim Handballtraining. Die Vorbereitungsphase eines D-Ligisten im Sommer besteht zu neunzig Prozent aus rumpligen Fußballeinheiten auf dem dorfeigenen Bolzplatz, dem Gomorrha aller Bänder und Sprunggelenke. In meinen 19 Lebensjahren war ich keine Minute lang in einem Fußballverein angemeldet und habe vielleicht acht, neun Spiele bestritten, die mit einem korrekten Anstoß begannen, von einem Schiedsrichter angepfiffen und auch wieder abgepfiffen wurden.

Vor circa sieben Jahren habe ich in einem Freundschaftsspiel mit der Schulmannschaft mein Waterloo als Manndecker erlebt. Während meines Austauschjahres in den USA durfte sich das High-School-Team im Vorfeld daran ergötzen, einen echten Legionär vom Mutterkontinent des Fußballs in seinen Reihen zu begrüßen – um kurz darauf anhand meiner Person den Untergang der europäischen Vorherrschaft in diesem Sport zu konstatieren. Zwei Treffer beim 13:0 gegen die Zweitvertretung von Liberty-Eylau sind alles, was ich an Erfolgen vorzuweisen habe. An meinen verunglückten Befreiungsschlag aus 45 Metern, der wie ein desorientierter Feuerwerkskörper im Tor einschlug, erinnert man sich jedoch noch heute im Nordosten von Texas. Nach drei Monaten war das Intermezzo als Amerika-Legionär beendet (wobei man ja kaum von einem Intermezzo sprechen kann, wenn nach dessen Beendigung nichts mehr folgte). Länger als ein paar Wochen im Winter will man die Ei-verliebten Menschen im Land der unbegrenzten Möglichkeiten nicht mit diesem seltsamen Sport quälen.

Und so breche ich nach einer knappen Stunde Gladbacher Trostlosigkeit auf, um mir im Zweitrundenspiel des Kreispokals eine 20:36-Klatsche abzuholen, mit der man als Elfligist gegen einen Landesligisten ganz gut leben kann. Die Angst, irgendetwas Weltbewegendes vor dem Fernseher zu verpassen (und seien es nur drei weitere Schalker Tore), erweist sich im Nachhinein als vergeudet. Als hätten beide Mannschaften in der Veltins-Arena etwas geahnt, ist der Halbzeitstand gleichzeitig das Endresultat. Trotzdem spaziere ich beim Warmmachen mit einem Knopf im Ohr durch die Halle. Manni Breuckmann kommt in der WDR2-Schlusskonferenz nur noch selten zu Wort. Angesichts des dürftigen Gladbacher Auftritts alles andere als ein schlechtes Zeichen. Kurz vor Schluss vermeldet er, dass Rob Friend knapp einem Platzverweis entging, als er den Ball in der Manier eines Handballtorwarts auf der Linie klärte. „Gott sei Dank“ oder „Schade“ – ganz so sicher bin ich mir noch immer nicht.

Schließlich hatte der einsame Rob für den einzigen Glücksmoment an diesem abgespeckten Bundesliga-Samstag gesorgt. Sein Anschlusstreffer zum 1:2 nach klasse Vorarbeit von Baumjohann stand dabei symbolisch für die Probleme der Borussia. Unter Meyer läuft es offensiv mittlerweile gar nicht mehr so schlecht. Mit dem Offensiv-Duo Baumjohann-Marin ist die Kreativität zurückgekehrt. Und wenn der monatelange Torasket Friend tatsächlich zu alter Stärke zurückfinden sollte, schrumpfen die Sorgenfalten gleich einmal um 50 Prozent. Da jedoch hinten weiterhin das Wir-können-gar-nicht-so-viele-Tore-schießen-wie-wir-kassieren-Prinzip Einzug hält, hätte selbst eine Botox-Kur ihre Probleme, die Stirn zur faltenfreien Zone zu machen.

Was Tobias Levels sich gestern geleistet hat, sozusagen als Sinnbild für die Gladbacher Abwehrmisere, hatte mit viel Wohlwollen höchstens Drittliganiveau. Den neunten Elfer gegen die Borussia in dieser Saison verschuldete er persönlich. Beim 1:3 hebelte er die eigene Abseitsfalle aus und feierte seinen Geistesblitz, indem er kniend auf dem Rasen verharrte. „Offense wins games, defense wins championships“ – da die „Meisterschaft“ in diesem Jahr aus Gladbacher Sicht Klassenerhalt heißt, dürfte klar sein, auf welchen Positionen im Winter Handlungsbedarf besteht. Filip Daems ist derzeit der einzige Innenverteidiger, der wenig bis gar kein Kopfzerbrechen bereitet. Dass er gleichzeitig der beste Linksverteidiger ist, erleichtert die Situation nicht unbedingt. Vermutlich wäre er auch auf rechts die beste Lösung. Doch anstatt den Belgier zu klonen, muss die Borussia schlichtweg in die Tasche greifen und in der Winterpause auf dem Transfermarkt Abhilfe schaffen.

Hans Meyer bescheinigte seinen Jungs im Sportstudio gewisse „Potenzen“ im Spiel mit dem Ball. In Bezug auf die Abwehrarbeit nahm er es zwar nicht in den Mund, aber es ist unumgänglich: War Schalke am Ball, präsentierte sich die Borussia schlichtweg „impotent“. Man könnte die Wortspielerei noch fortführen und feststellen, dass den Fohlen gerade in der Defensive einer mit “Eiern” fehlte. Ein echter Leader, der seine Nebenleute aufweckt und wach hält. Zudem hat Gladbach jeglicher psychologischer Logik getrotzt. Wer den Bayern innerhalb von 137 Sekunden einen sicher geglaubten Sieg aus der Hand nimmt und eine derart orgastische Stimmung im Stadion miterlebt, der müsste logischerweise mit geschwellter Brust nach Schalke reisen – mit dem Ziel, dort dank eines engagierten Auftritts wenigstens einen Punkt zu erobern. Doch stattdessen fiel man zurück in die alte Auswärts-Lethargie und unterlag einer alles andere als selbstbewussten Schalker Mannschaft sang- und klanglos mit 3:1. Wer hier einen Sinn sucht, kann lange suchen. Zumal mit Kevin Kuranyi ein Königsblauer die Verunsicherung seiner Kollegen geradezu personifizierte. Gleich zweimal wandelte er auf den Spuren von Frank Mill. Letztendlich verlor die Borussia also mit 1:3(+2).

Die Regie von Premiere war bei Altintops zweitem Treffer sogar so verwirrt, dass sie anstelle seines zweiten Saisontores die Einblendung „2. Gelbe Karte“ zeigte. Borussia Mönchengladbach – trotz ansteigender Formkurve noch immer die Wohlfahrtsanstalt der Liga, der Aufbaugegner für geschundene Seelen von Nord bis Süd.

Heribert Bruchhagen revolutionierte unter Woche die Arithmetik des Abstiegskampfes, indem er prophezeihte: „In dieser Saison reichen 30 Punkte für den Klassenerhalt.“ Keine ganz so vage These, wenn man bedenkt, dass Gladbach als Fünfzehnter der Tabelle nach 14 Spieltagen Kurs auf 27 Punkte nimmt. Ein Dreier im ominösen Sechs-Punkte-Spiel gegen Cottbus könnte damit schon fast die halbe Miete bedeuten. Sechs Mannschaften befinden sich momentan unmittelbar in der Abstiegsregion. Hätte dieses Bild Bestand, würde sich die Hälfte retten, zwei müssten sofort den Gang in Liga Zwei antreten, einem zu bemitleidenden Team böte sich ein letzter Strohhalm in der Relegation. Nach gestern weiß einmal mehr nicht ganz genau, woraus ich diesen Optimismus schöpfe. Aber ich bin mir relativ sicher, dass es möglich sein müsste, mindestens drei Mannschaften zu finden, die schwächer sind als die Borussia.

Denn Cottbus ist im dritten Bundesligajahr in Folge einfach reif. Schon die Erstligaperiode zu Beginn des Jahrtausends fand nach drei Spielzeiten ein Ende. Der VfL Bochum, 2006 gemeinsam mit den Lausitzern aufgestiegen, erlebte zwei seiner letzten drei Abstiege ebenfalls in der scheinbar ominösen dritten Saison. Nach zwei sorglosen Jahren ist der sechste Niedergang der einst Unabsteigbaren wahrscheinlich. Arminia Bielefeld, die dritte „graue Maus“ im Bunde, hat sich mit dem unverhofften Dreier gegen Leverkusen zwar etwas freigeschwommen. Doch auch die Ostwestfalen werden es nicht gerade leicht haben, die Klasse zu halten. Der Abstiegskampf gehört für sie zwar zum Geschäft wie das Titelrennen für die Bayern. Die Arminia spielt jedoch das fünfte Jahr in Folge im Oberhaus – ein sechstes wäre Vereinsrekord. Auch der KSC ist erprobt im Kampf um den Klassenerhalt. Das zweite Jahr nach dem Aufstieg erweist sich als hammerhart. Schon zum Ende der letzten Saison ging es für die Überraschungsmannschaft der letzten Spielzeit bergab. Zu guter Letzt hinkt Hannover 96 seinen Ansprüchen meilenweit hinterher. 13 Punkte, Platz 13 – zu wenig für die ambitionierten „Roten“. Ein Befreiungsschlag lässt weiter auf sich warten. Mit zwei läppischen Abstiegen ist die Borussia somit das unbeschriebenste Blatt in diesem Kreis. In ihrem Umfeld zehrt sie von der größten Substanz aller Abstiegskandidaten. Als einziger Vertreter hat sie jedoch schon einen Trainerwechsel hinter sich, der bei ihren Konkurrenten womöglich die Wende bringen könnte.

Unterm Strich ist all das jedoch höchst hypothetisch. Samstag gegen Cottbus gilt es, das Punktekonto irgendwie auf 14 zu schrauben. Unter Umständen könnte das bereits eine Winterpause auf einem Nichtabstiegsplatz bedeuten. Doch Spiele wie das der Arminia gegen Leverkusen zeigen: Jeder kann jeden schlagen, jede Prophezeiung bewegt sich auf einem verdammt schmalen Grat. Ähnlich könnte es bei einem Misserfolg der eigentlich gestärkten Borussenbrust ergehen: Sie könnte ganz schnell ganz schmal werden. Die Luft würde schlagartig wieder dünn wie auf dem Nanga Parbat.

Der rätselhafte Bomber

27-mal hat Marc Janko bislang in Österreich getroffen. Damit ist er zumindest zahlenmäßig der derzeit beste Stürmer Europas. Eine Weltkarriere scheint dennoch nicht in Reichweite.

„Wer ist dieser Janko eigentlich und warum explodiert der in dieser Saison derartig?“, wunderte sich jüngst ein User im Forum von weltfussball.de. Bis heute hat er keine Antwort erhalten und das wohl nicht ohne Grund – denn eine Erklärung hat anscheinend niemand so richtig parat. Marc Janko ist Österreicher in Diensten von Red Bull Salzburg, 25 Jahre alt, 7-facher Nationalspieler für die Alpenrepublik und 1,92 Meter groß. Dreimal hat er für Österreichs U21 gespielt und dabei unter anderem den 2:1-Sieg gegen England fast im Alleingang herbeigeführt. Soviel zur Frage „wer?“ dieser Janko eigentlich ist. „Warum?“ er schon 27 Tore in 18 Saisonspielen erzielt hat und damit auf den Spuren Hans Krankls wandelt, lässt sich dagegen nicht ganz so einfach feststellen.

Jankos Arbeitsplatz, die tipp3-Bundesliga powered by T-Mobile, ist nicht gerade als Aushängeschild des europäischen Fußballs bekannt. Sie ändert nicht nur so beständig ihren Namen wie manch anderer seine Unterwäsche. Hier darf auch Carsten Jancker noch immer – und das recht erfolgreich – seinen Ring küssen. Und Ailton setzt beim Cashpoint SC Rheinpoint Altach seine unnachahmliche Europatournee fort – Österreich ist das sechste Land in gut drei Jahren, das der Brasilianer mit Toren, Abseitsstellungen und vagen Treuebekundungen bereichert. Angesichts dieser Liste des Schreckens voller Ex-Abrissbirnen und namentlichen Ungeheuern kann einem leicht angst und bange werden. Jankos Torrausch verliert reflexartig an Reiz.

Ein gewisser Edi Glieder traf einst zu Saisonbeginn achtmal in sechs Partien und tauschte prompt die oberösterreichische Bergidylle gegen Gelsenkirchener Hochofenbeschaulichkeit. Auf Schalke verdiente er sich anschließend ein eindeutiges Prädikat: Fehleinkauf. So überrascht es wenig, dass Jankos Leistungsexplosion häufig dem überschaubaren Niveau seines Arbeitsumfeldes zugeschrieben wird. Und nicht nur das: Den Sprung ins Ausland traut dem 27-fachen Torschützen dieser Saison nicht einmal sein Coach in Salzburg, Co Adriaanse, zu. Der Niederländer spricht ihm aktuell noch die Reife ab und räumt ihm allemal Chancen in Ungarn ein.

Dennoch haben einige Klubs aus der „großen“ Bundesliga aus dem Nachbarland angeklopft: Schalke erhofft sich von ihm anscheinend mehr Fortune vor dem Tor als von Kevin Kuranyi. Die Hertha plant unter Umständen mit Janko als Pantelic-Ersatz. Und der VfB will womöglich vorsorgen, falls Mario Gomez im Sommer nicht zu halten sein sollte. Neben dem ausgeprägten Torriecher weckt derweil auch Jankos Körperbau Reminiszenzen an Stuttgarts Nationalstürmer.

Sechzehn seiner 25 Hinrundentreffer hat er mit dem starken Linken erzielt, war fünfmal mit dem Kopf, viermal mit rechts und – das heutige Spiel Rückrundenauftakt mitberücksichtigt – fünfmal vom Elfmeterpunkt erfolgreich. Kein einziger Treffer fiel von außerhalb des Strafraums. Ein Schuss aus 13 Metern Entfernung genießt bei Janko schon Seltenheitswert. Und irgendwie sind alle seine Tore ziemlich austauschbar. Kaum eins ist dabei, das im Gedächtnis bleibt und ein „Oh“ oder „Ah“ hervorruft. Viele sehenswerte Ballannahmen und Abschlüsse sind zwar darunter – jedoch genauso wie zahlreiche Auszeichnungsmöglichkeiten als Abstauber. Selten trifft Janko nach einer Einzelleistung, meist muss er die gute Vorarbeit seiner Mitspieler nur noch verwerten und den Platz, den ihm seine Mitspieler weiterhin großzügig bieten, schlichtweg ausnutzen.

Man traut es sich in Anbetracht seiner 27 Saisontore kaum auszusprechen: Aber noch hapert es bei Janko ein wenig an der Konstanz. In sieben Spielen blieb er ohne Treffer, fünfmal gewann Salzburg trotzdem. Die Abhängigkeit hält sich also überraschenderweise in Grenzen. Ohne Janko-Tore holte die Red Bull-Truppe sogar mehr Punkte als mit seinen Treffern, die insgesamt 12 Punkte brachten. Ein Bomber, dessen Wert überschätzt wird?

Das Rätsel um Jankos Leistungsexplosion ist zwar nicht vollständig gelüftet. Unterm Strich bleibt dennoch festzuhalten, dass der 25-jährige es allzu häufig verdammt leicht hat, Hans Krankls Torrekord von 41 Treffern einer Spielzeit Schritt für Schritt näherzukommen. Hält er seinen Schnitt von 1,5 Toren pro Spiel, könnte es in bereits in zehn Spieltagen so weit sein.

Ob er auch im Ausland Fuß fasst oder doch nur als eines dieser Torjägerphänome der kleinen Ligen in die Annalen eingeht, die plötzlich auftauchen, sich den „Goldenen Schuh“ unter den Nagel reißen und bald wieder verschwinden, wird sich erst zeigen, wenn er den Sprung letztendlich wagt. Dass es ihn dann nach Deutschland und nicht nach Ungarn zieht, ist wahrscheinlich. Dass Janko außerhalb der Alpenrepublik einen schweren Stand haben wird, scheint so gut wie sicher.

Jankos 25 Hinrundetore im Schnelldurchlauf:

Zurück in die Zukunft

Die deutsche Nationalmannschaft läuft Gefahr, sich im Nebel eines vermeintlich guten Länderspieljahres zu verlaufen. Denn vor lauter Warnschildern sieht sie derzeit die Baustelle nicht mehr.

Béla Réthy ist eigentlich kein Münchhausen. Was er sagt, hat meist Hand und Fuß – und man kann sich so sehr wie bei kaum einem anderen Kommentator darauf verlassen, dass es stimmt. Als er gestern die Zuschauerzahl von 74244 im Olympiastadion verkündet, widerfährt es ihm dann doch einmal. Réthy dreht einem Millionenpublikum Halbwahrheiten an. Denn seine 74244 Zuschauer sind nicht ganz korrekt: Es fehlen genau 11. Besondere Erkennungsmerkmale: weißes Trikot, Adler auf der Brust.

Dabei liegt es über fast die gesamte Spielzeit auf der Hand, dass diese deutsche Mannschaft nicht voll auf der Höhe sein kann. Aufgrund ihrer Anlagen sozusagen zum Zuschauen verdammt. Statistisch gesehen verliert die Nationalmannschaft nur knapp jedes fünfte Spiel. Und wenn wir uns schon jeden Sonntagabend fragen, warum das Wochenende wieder rum ist, müssen wir erst Recht hinterfragen, was da gestern in Berlin schief gelaufen ist.

Schwarzmaler könnten sich nun problemlos in Weltuntergangsszenarien retten. Die eher nüchterne Fraktion wird vermutlich darauf verweisen, dass die Jungs mit dem Adler auf der Brust seit 2004 das letzte Länderspiel einer Saison nicht mehr gewonnen haben. Zuletzt hatte es zwar stets noch ein Remis gegeben. Jetzt setzte es mal wieder eine Pleite – wie immer eigentlich, wenn es gegen die „Großen“ geht. Doch wer sich gestern über Heiko Westermann den Kopf zerbrochen hat, Jermaine Jones‘ Abrissqualitäten im Aufbauspiel mit ansah und Mario Gomez‘ Non-Existenz im Angriff beobachtete, wird sich damit kaum zufrieden geben. Denn was bislang als Perspektive für die Zukunft galt, erscheint im Licht der gestrigen Offenbarung von Berlin vielmehr als apokalyptische Vorahnung.

Selbst René Adler menschelte. Und deutsche Torhüter, die Fehler machen, kommen einem von Natur aus verdammt englisch vor. Zum Glück ließ sich sein Kollege Carson auf der anderen Seite nicht lumpen und erinnerte den verzweifelten Zuschauer prompt daran, dass selbst ein menschelnder Adler immer noch ein wahrer Segen ist. Doch der Fauxpas, der Patrick Helmes sein erstes Tor im neunten Länderspiel ermöglichte, war letztlich nur Augenwischerei, hätte uns fast noch einen Punkt beschert, die wir nie und nimmer verdient hatten.

Die Gewinner aus deutscher Sicht verfolgten das Spiel weder auf dem Platz noch auf der Tribüne, sondern vermutlich auf der Wohnzimmercouch. Im Nachhinein sind die Lautsprecher der vergangenen Wochen, Ballack und Frings, stärker denn je aus der Sache hervorgegangen. Simon Rolfes hat von seiner Zuverlässigkeit und Souveränität aus Leverkusen kaum etwas ins DFB-Trikot retten können. Von Jermaine Jones will ich eigentlich gar nicht reden. Es gab Zeiten, da brauchte jedes Team einen echten „Zerstörer“. Doch damals war der Zement der Berliner Mauer noch feucht und keiner der heutigen Protagonisten geboren. Ohne Ballack und Frings geht (noch) nichts. Soviel haben wir gestern gelernt.

Die nächste Baustelle wäre die Innenverteidigung. Die Nominierung von Marvin Compper verhieß bessere Zeiten. Doch anstatt sein Können in der Mitte zeigen zu dürfen, erlebte er auf links ein Debüt à la Westermann in Österreich – mit viel Luft nach oben. Als Compper nach der Ära Jansen die linke Außerverteidigerposition in Gladbach bekleidete, habe ich ehrlich gesagt daran gezweifelt, dass der Mann überhaupt nochmal Bundesligaluft schnuppern wird. 100.000 Euro und eine Umschulung später spielt er im Nationalmannschaftsdress in Berlin gegen England.

Und so schaukelten sich Westermann und Mertesacker in ihrem ewig jungen Duell gegenseitig hoch – der größere Grobmotoriker ist dennoch nicht gefunden worden. Arne Friedrich hat dagegen in bewährter Manier dieselbe Kassette eingelegt wie in seinen ersten 63 Länderspielen und die rechte Außenbahn weitgehend von aufsehenerregenden Vorstößen verschont. Als sitze ihm der Nutella-Fluch im Nacken, spielte er getreu dem Motto „Wer nicht anwesend ist, kann nichts kaputt machen“. Der größte Gewinner ist auch in der Abwehr einer, der gar nicht mit von der Partie war: Mister Zuverlässig Philipp Lahm, der Unersetzliche.

Die Tatsache, dass es zum Jahresabschluss zuletzt nie richtig rund lief, soll nicht als Ausrede dienen. Da darf natürlich auch die zahlenmäßig gute Bilanz des Länderspieljahres 2008 nicht ganz so gut wegkommen, wie sie es auf den ersten Blick verdient hätte. Los ging es mit einer grottenschlechten ersten Halbzeit in Österreich. Am Ende stand ein 3:0 zu Buche, dessen Zustandekommen genauso rätselhaft bleibt wie das darauffolgende 4:0 in der Schweiz. Die Vorbereitungsspiele vor der EM zeigten ebenfalls eine wenig berauschende deutsche Mannschaft, die sich in den folgenden Wochen dennoch bis ins Endspiel arbeitete. Was gut begann, zeitweise erschreckende Züge annahm, um uns kurzzeitig wieder zu begeistern, endete schließlich mit der Feststellung, dass wir gegen Spanien schlichtweg keine Chance hatten. I just can’t help it: Aber irgendwie fühle ich mich unweigerlich ans Jahr 2002 erinnert, als eine in Vorhinein alles andere als hoch gehandelte deutsche Mannschaft Vizeweltmeister wurde, sich im Oktober gegen die Färöer blamierte und zum Jahresausklang von den Niederlanden vorgeführt wurde.

Ich gehe beileibe nicht als Teufel-an-die-Wand-Maler durchs Leben. Aber wenn eine englische B-Elf unverhofft an den Tempofußball ihrer heimischen Liga anknüpfen kann und ihren Gegner in den Rumpelfußball längst vergangener Tage zwingt, kann selbst ich dem Abend wenig Positives abgewinnen. Bleibt nur zu hoffen, dass Jogi Löw den gestrigen Abend ähnlich gesehen hat und sich nicht im Nebel des vermeintlich sehr guten Länderspieljahres verläuft. Baustellen gibt es genug: Gesucht wird weiterhin das optimales Innenverteidigerduo, Philipp Lahm braucht ein Gleichgewicht auf der gegenüberliegenden Seite, im Mittelfeld ist der Platz neben Michael Ballack weiter umkämpft, die Trochowski-Position längst nicht vergeben und ganz vorne betreiben die Herren Stürmer viel zu häufig ein freudiges Versteckspiel im gegnerischen Strafraum.

Die schnellstmögliche Qualifikation für Südafrika hat dennoch oberste Priorität. Denn je früher das Ticket in der Tasche ist, desto mehr Zeit bleibt, in bester „Jugend forscht“-Manier ein Team zusammenzustellen, das nicht den Weg der Vizeweltmeister von 2002 einschlägt. Und vielleicht darf man Béla Réthy dann auch wieder glauben, wenn er die Zuschauerzahl verkündet.