Monthly Archive for Februar, 2009

Unentschieden ins Achtelfinale

Über Bremer Remiskönige, das rigorose K.o.-System und rekordverdächtige Bayern

Die Tabelle lügt nicht. Immer noch nicht. Die Bundesliga hat am Donnerstag zwei ihrer fünf nach der Winterpause verbliebenen Starter verloren – die drei letzten Mohikaner führen folgerichtig die interne deutsche Fünfjahreswertung an.

Der VfL Wolfsburg, nach einer starken Gruppenphase noch als potentieller UEFA-Cup-Sieger gehandelt, musste nach seinen beiden ersten Niederlagen im laufenden Wettbewerb prompt die Segel streichen. In der K.o.-Runde ist eben kein Platz mehr für Ausrutscher.

Von den besagten Ausrutschern hat sich Werder Bremen im Laufe der Saison eigentlich schon so viele geleistet, dass der Achtelfinaleinzug der Grün-Weiß beinahe die Züge der berüchtigten “Wunder von der Weser” trägt. Acht Europacupspiele hat Werder absolviert und nur eines gewonnen (gegen Inter Mailand).

Weil der Tabellenelfte der Bundesliga jedoch auch nur einmal verloren hat (gegen Panathinaikos Athen), steht er jetzt in der Runde der letzten Sechzehn und wird dort auf AS St.-Etienne treffen. Der Dominator der 60er- und 70er-Jahre in Frankreich weilt in der Ligue 1 derzeit nur auf Platz 18 – Werder winkt mit nicht allzu geringer Wahrscheinlichkeit der Einzug ins Viertelfinale.

Aus deutscher Sicht übernimmt der Hamburger SV bislang die Rolle des FC Bayern im UEFA-Cup: Sechs Siege, ein Unentschieden und nur eine Niederlage brachten den souveränen Durchmarsch und aktuell Rang zwei in der ultimativsten aller ultimativen Tabellen. Auch hier ist der Titel greifbar – neben der Bundesliga, dem DFB-Pokal und dem UEFA-Cup tanzt der HSV demnach auf vier Hochzeiten.

Und die gerade schon erwähnten Bayern? Fertigen Sporting Lissabon auswärts mit 5:0 ab, landen den höchsten Sieg ihrer Champions-League-Historie und müssen sich ausnahmsweise man dafür rechtfertigen. Der Kantersieg in Portugal war gleichzeitig der dritthöchste in allen K.o.-Spielen der Champions League seit 1993 – Manchester United gewann einst mit 7:1 gegen AS Rom, Werder Bremen unterlag Olympique Lyon mit 2:7.

Das Titelrennen an dieser Stelle ist demnach weiterhin offen. Bremen müsste den UEFA-Cup jedoch wohl schon gewinnen, um am Ende ganz vorne zu landen.


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Mission 40/21: Jecker Befreiungsschlag

Gladbach setzt das verzweifelt erwartete Zeichen mit einem 3:2 gegen Hannover und lässt wieder Hoffnung im Tabellenkeller aufkeimen. Was Marko Marin mit Alberto Tomba verbindet, warum die Kathedrale des Aberglaubens stabiler dasteht als je zuvor und Logan Bailly (noch) kein Uwe ist.

Ein Jahr ist bekanntlich so voll gepackt mit Festen, Feiertagen und sonstigen Abzweigungen vom Alltag, dass man manchmal nicht weiß, wo einem der Kopf steht. Man schleppt sich von Weihnachten über Silvester bis Karneval, um irgendwie bis Ostern zu kommen, und reißt ein Kalenderblatt nach dem anderen ab, als sei es dreilagiges Klopapier.

„Tanz in den Mai“, Christi Himmelfahrt, Fronleichnam – freie Tage, schönes Wetter, alles wunderbar. Irgendwann hat der Mensch dann auch noch Geburtstag, begeht die Gedenkfeiertage im Oktober und November, bastelt Laternen zu St. Martin und stellt am 6. Dezember seine Stiefel, Sneaker, Adiletten vor die Tür. Und schon geht alles wieder von vorne los.

Den Fußball juckt es in der Regel nicht allzu sehr, ob nun Tannen mit brennenden Kerzen oder Birken mit buntem Krepppapier die Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Er steckt voll und ganz in seinem Trott, feiert Anfang August die neue Saison, schickt die alte Ende Mai in den Urlaub und rückt nur davon ab, wenn die Jahreszahl durch zwei teilbar ist. Mit Weihnachten hat er gemeinhin ausschließlich in seinem Mutterland etwas am Hut. Ansonsten haben sich die Feste nach ihm zu richten. Fällt der eigene Geburtstag auf einen Samstag, stellt sich demnach nicht die Frage, wie sich neben den Geburtstagsfeierlichkeiten noch ein Stadionbesuch einrichten lässt, sondern wie zum Teufel man die Sahnetorte durch die Abtastkontrolle bekommt, ohne dass die Marzipanglasur Risse davonträgt.

Nun hatte ich am Wochenende leider nicht Geburtstag. Dafür kam die Zeit von Donnerstag bis Dienstag aber in etwa dem gleich, was mir vorschwebt, wenn Leute behaupten, Weihnachten und Ostern würden auf einen Tag fallen: Karneval. Wortwörtlich übersetzt „Fleisch, lebe wohl!“ und beim Stadionbesuch am Nelkensamstag in der Regel mit der Nebenbedeutung „her mit den drei Punkten!“ behaftet. Nach einer guten halben Stunde sah es im Borussia-Park jedoch noch nicht unbedingt danach aus, dass die bislang genau ein Spiel andauernde Heimsiegesserie am Karnevalssamstag ausgebaut werden würde (am 24. Februar 2001 hatte es eine 6:1-Demontage für Alemannia Aachen gegeben, by the way).

Dabei hatte ich – wie so oft – nichts dem Zufall überlassen und gleich mehrere erfolgsversprechende Grundsteine gelegt, so dass die Kathedrale des Aberglaubens auf einem unerschütterlichen Fundament stand. Das Ritual, stets Eingang Nummer drei oder vier zu benutzen, hatte nach fünf sieglosen Heimspielen in Folge ausgedient. Dafür ging es zum zweiten Mal in dieser Saison und zum fünften Mal überhaupt seit der Eröffnung des Borussia-Parks mit dem Auto ins Stadion (zuvor 4:2 gegen Augsburg, 2:0 gegen Aue, 4:2 gegen Valencia und 1:0 gegen Karlsruhe). Eine Petition für freies Parken auf Lebenszeit ist in Arbeit. Zu guter Letzt hatte ich diesmal in der Nacht vor dem Spiel auf das 1:1-bringende Trikot verzichtet. Dass es – mal wieder – funktioniert hat, mag manch einer Glück nennen – je nach Konfession vielleicht sogar Hartnäckigkeit.

Hinzu kam ein kleines Jubiläum: Mein 50. Heimspiel in Folge, also ein weiterer Grund zum Anstoßen. Marin und Matmour setzten gleich einmal ein Zeichen und fingen auf Pfiff des Schiedsrichter an damit.

Nach den besagten gut dreißig Minuten vor Geisterkulisse im Borussia-Park bin ich also bereits ein wenig desillusioniert in meinem Sitz zusammengesackt. Das Spiel plätschert vollkommen unkarnevalistisch vor sich hin. Hans Meyer hat bereits einmal gewechselt, oder vielmehr wechseln müssen. Christian Dorda ist von Jiri Stajner mehrfach schwindelig gespielt worden wie ein Bonbon in der Kamellekanone. Sein Vorgesetzter tut das einzig Richtige und erlöst ihn nach 24 Minuten. Obwohl es vom „kicker“ die Note 6 gibt, keineswegs eine Schande für Dorda, sondern wohl eher ein Erlebnis der Kategorie „extrem lehrreich“ – solange er sich bei der nächsten Gelegenheit geschickter anstellt. Erste Schlüsselszene.

Die Borussia hat sich bislang weitestgehend von Robert Enkes Tor ferngehalten, als Alexander Baumjohann etwas unmotiviert 30 Meter vor dem Tor die Strecke des Veilchendienstagszuges abschreitet. Die Aufforderung „schieß doch“ kommt so uninspiriert von den Rängen, dass es sich nicht einmal lohnt, ein Ausruhezeichen dahinter zu setzen. Doch der Bayer in spe fasst sich einmal mehr ein Doppelherz und sorgt für einen Paukenschlag, der die gut 36.000 im Nu von Toten- in Tulpensonntagsstimmung versetzt. Der Ball dreht sich höchstens zweimal um die eigene Achse, bevor er unhaltbar im Winkel einschlägt – ein Strich wie aus dem Lehrbuch. Und weil sich Weitschusstore Baumjohanns kurz vor der Halbzeit mittlerweile häufen, auch diesmal für alle gelangweilten Mathe-Grundkursler die Funktion seines Tores: f(x)=0,091x. Weil’s so schön war, ausnahmsweise keine Hausaufgaben. Zweite Schlüsselszene.

Drei Tore hat Alexander Baumjohann damit in dieser Saison erzielt – allesamt auf die Südkurve, allesamt Marke „Tor des Monats“. Es hat ganz den Anschein, dass der 22-jährige, den der Stadionsprecher beim Freundschaftsspiel in Schiefbahn letzten Mai noch mit unnachahmlicher Penetranz „Baumjosef“ nannte, sich seinen Once-in-a-lifetime-Vertrag beim FC Bayern nachträglich verdient. Nicht nur seine Tore sorgen für Furore. Mittlerweile nimmt er sichtlich das Heft in die Hand und schwingt sich zum absoluten Führungsspieler in der Offensive auf. Eine Qualität, mit der Marko Marin – bei aller Lobhudelei an anderer Stelle – bislang noch nicht aufgetrumpft hat. Das Alter taugt im Vergleich zu Baumjohann diesmal eben nicht als Ausrede.

Dennoch ist es eben jener Marko Marin, der sich nicht lange bitten lässt und nur sieben Minuten nach dem Führungstreffer nachlegt. Wie Alberto Tomba im Slalom-Dschungel windet er sich durch die 96-Abwehr und vollendet mit einem Schlenzer, der so trocken-kunstvoll ist wie ein Picasso-Gemälde in Mauretanien. Egal ob er in der Zweiten oder der Ersten Bundesliga, im DFB-Pokal, in der U21 oder in der A-Nationalmannschaft trifft – jedes seiner zehn Tore, die ich aus dem Stehgreif zusammenbekomme, war sehenswert. Die Tatsache, dass ich überhaupt zehn zusammenbekomme, dürfte diese These zu Genüge untermauern. Dritte Schlüsselszene – und der erste Nicht-Baumjohann-Treffer auf die Südkurve in dieser Saison.

Bei aller Unberechenbarkeit in der Defensive sollte die Borussia meines Erachtens sowieso mehr Wert legen auf das Hauptsache-vorne-einen-mehr-schießen-als-hinten-reinkriegen-Prinzip. Mit sechs Gegentoren in vier Rückrundenspielen – das Hannover-Spiel schon eingeschlossen – sieht der Schnitt inzwischen zwar etwas besser aus. Dennoch zeigt vor allem die Anfälligkeit bei Standards, dass ein halbwegs kapitaler Bock immer drin ist – Logan Bailly hin oder her.

Die vierte Schlüsselszene, Pintos Anschlusstreffer zum 1:2, holt Gladbachs Teufelskerl im Tor zudem wieder auf den Boden des Menschlichen zurück und versinnbildlicht das ständige In-der-Luft-Liegen eines folgenschweren Fehlers. Den Schuss mit der bumerangförmigen Flugbahn wollte der Belgier scheinbar in Uwe-hat’s-geseh’n-Manier vorbeigucken – mit 23 Jahren wohl ein zu gewagtes Unternehmen. Doch hinter dieser Feststellung soll in keinster Weise ein Vorwurf stecken. Lieber 745 vereitelte Chancen in Bremen und eine zu wenig gegen Hannover, als 744 gegen Werder und dafür eine mehr gegen „die Roten“. Für derartige Kompromisse wäre unsere Lage nämlich weiterhin viel zu prekär. Außerdem war es erst Marko Marins Nachlässigkeit im Zweikampf gegen Pinto, die diesen fulminanten Schuss an den Innenpfosten ermöglichte.

Die nächste Schlüsselszene (Nummer fünf – für alle, die nicht mitzählen) liefert jedoch nicht sofort Klarheit, ob sie nun den Schlüssel zum Erfolg darstellen oder das Tor zum Niedergang öffnen wird. Nach 71 Minuten ist Marko Marins Arbeitstag beendet. Es kommt Oliver Neuville – 16 Jahre älter und zum zweiten Mal in Folge unter gellenden Pfiffen im Borussia-Park eingewechselt. Doch niemand hat seine Hände wegen einer grünen 27 auf der Anzeigetafel des vierten Mannes zwischen die Finger gelegt, sondern ausschließlich aufgrund einer roten 11. Ich kann bekanntlich nicht pfeifen. Und wenn, dann hätte ich es nicht getan, weil ich der Meinung gewesen wäre, Marin hätte um alles in der Welt durchspielen müssen, sondern weil ich langsam nicht mehr durchblicke, mit welcher Berechtigung Karim Matmour schon acht Saisonspiele über die volle Distanz und vierzehn über mindestens 75 Minuten absolviert hat. Einem Tor steht kein einziger Assist gegenüber. Auch enorme Laufbereitschaft und Defensivarbeit können bei einem etatmäßigen Außenstürmer nicht über diese Bilanz hinwegtrösten.

An der sechsten Schlüsselszene tragen jedoch weder das Drinbleiben Matmours, noch die Hereinnahme Neuvilles und die Auswechslung Marins eine Schuld. Es ist Michael Bradley, in Bremen noch Heilsbringer mit der Brust, der nach einer Ecke von Bruggink nicht nah genug bei Schulz ist und den damit die Hauptschuld am Ausgleich der Hannoveraner trägt. Im vierten Rückrundenspiel setzt es den vierten Treffer nach einer Standardsituation. Doch ausgerechnet Schlüsselszene sechs hält gleichzeitig so etwas wie den Schlüssel zum Erfolg bereit.

Denn nach dem 2:2 steht die Borussia vor einer richtungsweisenden Schlussphase, einer wahren Hopp-oder-Top-Situation. Entweder sie bäumt sich auf und holt sich die drei Punkte, die ihr nach einer ordentlichen Leistung zustehen, oder sie gibt zwei bzw. gar drei Zähler aus der Hand, deren Verlust die Fohlenelf in eine Lage mit Tendenz zur Aussichtslosigkeit versetzen würde.

Gladbach, allen voran Oliver Neuville, entscheidet sich für „Tor 1“ und setzt damit ein Zeichen, wie es im Abstiegskampf bitter vonnöten gewesen ist: Nach einem Abpraller von Friend und einer Kerze von Fahrenhorst wuchtet Neuville den Ball mit aller Kraft und Macht ins Tor. 36.000 jubeln für 63.000. Der Sieg ist perfekt und wird in den verbleibenden sieben Minuten kaum noch in Frage gestellt. Schlüsselszene Nummer sieben ist es, die aus zuvor acht Partien ohne Sieg eine Serie von drei Spielen ohne Niederlage werden lässt – zum ersten Mal in dieser Saison. Ein lang ersehnter Befreiungsschlag mitten hinein ins jecke Treiben, der die Borussia wieder atmen lässt. Die Talsohle der schwarzen November-, Dezember- und Januarwochen scheint erst einmal durchschritten. Im Februar ist die Borussia noch unbesiegt.

Aus durchschnittlich drei Punkten Abstand zu den Plätzen 15, 16 und 17 sind innerhalb eines Wochenendes zwei geworden. Mit einer beherzten Leistung, einer guten Chancenauswertung und etwas Trotz hat die Borussia ihr Leid sozusagen um ein Drittel verringert. Dennoch zeigt der Trend, dass die Vermutung, 30 Punkte könnten zum Klassenerhalt reichen, sich langsam aber sicher als Trugschluss erweist. Nach der Hinrunde hatte der Fünfzehnte Kurs genommen auf 26 Punkte. Von Spieltag zu Spieltag hat sich die Kurve seitdem nach oben gearbeitet. Die aktuellen Hochrechnungen für den ersten Nichtabstiegsplatz stehen bei 30,8 Punkten nach 34 Spieltagen, was aufgerundet 31 macht.

Dafür müsste die Elf vom Niederrhein 15 Punkte aus den verbleibenden 13 Spielen holen – und dazu wäre nicht einmal der Schnitt vonnöten, den sie in den ersten vier Partien nach der Winterpause vorgelegt hat. Die Hoffnung keimt am Horizont.

Schale zu verleihen

Bayern München wird nicht Deutscher Meister. Nehmen wir jetzt einfach mal an.

Und um die Sache etwas philosophisch anzugehen: Es muss demnach ein anderer werden.

Die heißesten Kandidaten, mit jeweils höchstens sechs Punkten Rückstand zur Tabellenspitze, wären:

1899 Hoffenheim: im Falle einer Meisterschaft der zweite Aufsteiger in 46 Bundesliga-Spielzeiten, dem der Titelgewinn gelingt

Hertha BSC Berlin: zuletzt 1931, vor 78 Jahren, Deutscher Meister – die zweitlängste Durststrecke aller aktuellen Bundesligisten, die in ihrer Geschichte schon einmal den Titel holten (12); führend ist der Karlsruher SC, der 1909 jedoch noch den Vor- und Zunamen “Phönix” trug

Hamburger SV: seit mehr als einem Vierteljahrhundert ohne Schale, seit 1987 ohne Titel

Bayer Leverkusen: bekanntlich noch ohne Meisterschaft in der 105-jährigen Vereinsgeschichte, dafür mehrfach nah dran

VfL Wolfsburg: die Wikipedia notiert bei “Erfolge” unter anderem Wolfsburgs Errungenschaft,”Gründungsmitglied der 2. Bundesliga: 1974″ gewesen zu sein; mehr sei an dieser Stelle nicht gesagt

Sollten die Bayern also tatsächlich nicht den Titel holen – obwohl Christoph Daum gestern ja angeblich beim “kommenden deutschen Meister” gewonnen hat -, dürfte der stellvertretende Titelträger auf jeden Fall die Adjektive “überraschend” und “unerwartet” auf sich ziehen, vielleicht sogar “sensationell”. In einigen Fällen könnte auch ein seufzendes “endlich” zu vernehmen sein.

Falls ein anderer, an dieser Stelle nicht genannter Verein am Ende die Nase vorn hat, gilt der erwähnte Adjektivkatalog übrigens erst Recht. Nach 21 Spieltagen sieben und mehr Punkte im Hintertreffen? Da wird dann doch eher die Hertha Meister.

Mannschaft der Stunde (15)

Manchester United

Eigentlich ist der FC Barcelona – am 26. Oktober, also vor fast vier Monaten, zur „Mannschaft der Stunde“ gekürt – noch immer nicht endgültig weg vom Fenster in dieser Kategorie. Seit nunmehr 22 Ligaspielen sindwaren die Katalanen ungeschlagen, der Vorsprung auf Platz zwei liegt bei sieben Punkten, obwohl Real Madrid als Verfolger einen ebenfalls überragenden Lauf erwischt hat. Barca hat das Stadtderby gegen Espanyol heute jedoch mit 1:2 verloren, weshalb es an der Zeit ist, den Status einer Mannschaft vom anderen Stern erst einmal ad acta zu legen.

Mit mittlerweile neun Siegen in Serie bei einem Torverhältnis von 22:2 wäre der „königliche“ Erzrivale aus Madrid ein würdiger Nachfolger – wenn es nicht eine Mannschaft in England gäbe, die derzeit sowas wie die oberste aller Übermannschaften repräsentiert. Manchester United hat nicht nur die letzten zehn Premier-League-Spiele allesamt für sich entschieden (was an sich schon genügen würde, um Real Madrids Argumente zu überbieten), sondern wettbewerbsübergreifend nur eines der letzten 24 Pflichtspiele verloren und 13 von 15 Ligapartien gewonnen.

„Nur“ 26 erzielte Tore in jener Zeit beeindrucken in Relation zu den anderen Errungenschaften nicht unbedingt. Vielmehr ist es die United-Defensive, die seit November 2008 für Furore gesorgt und Rekorde am laufenden Band gebrochen hat. Roque Santa Cruz sorgte heute mit dem 1:1-Ausgleich seiner Blackburn Rovers in Old Trafford dafür, dass das dominierende Thema in Sachen ManU von nun an wieder ein anderes sein kann.

1334 Minuten, mehr als 22 Stunden oder fast genau 15 Partien hat es gedauert, bis das Team von Sir Alex Ferguson wieder einen Anstoß ausführen durfte, der weder zu Beginn der ersten noch zu Beginn der zweiten Halbzeit stattfand. Der Europarekord von Dany Verlinden – jawoll, der „Riese“ oder auch „die Wand“ aus Belgien – wurde damit auf den ersten Blick um 56 Minuten verfehlt. Doch Edwin van der Sar hat trotz des Gegentores durch Santa Cruz weiterhin die Möglichkeit, sich zum kontinentalen Rekordhalter aufzuschwingen: Heute Abend wurde er geschont und vom Polen Tomasz Kuszczak vertreten – als habe es Ferguson drauf angelegt, die Minutenzählerei zu beenden, ohne gleichzeitig Punkte liegen zu lassen.

Premier League, England, Großbritannien und demnächst vielleicht ganz Europa – Edwin van der Sars Feldzug in Sachen Gegentorlosigkeit ist noch nicht vorbei. Zur Belohnung gibt es einen Platz in der ehrwürdigen Sidebar dieses Blogs für ihn und seinen Verein als „Mannschaft der Stunde“.

Mission 40/20: Mehr Bailly als Verstand

Gladbach holt in Bremen einen Punkt und wird sich noch lange fragen, wie das nur passieren konnte. Warum Rolf Zuckowski es diesmal ernst meint, Deo-Roller nur bedingt zum Telefonieren taugen und Logan Bailly nicht allein für einen sauberen Kasten, sondern für SED-Verhältnisse im Internet sorgt.

Halbzeit in Krefeld. Der TV Boisheim liegt gegen die Gastgeber aus Oppum mit 8:9 im Hintertreffen. Vierzehn Handballer zwischen 19 und 52 Jahren schleppen sich japsend zur Bank, während die geschätzten 18 Zuschauer sich auf eine schnelle Pausen-Kippe nach draußen verziehen. Auch in der Kreisliga D herrscht in Sporthallen striktes Rauchverbot, selbst in kargen Gebäuden wie der Halle an der Schmiedestraße, gegen die jedes halbwegs in Schuss gehaltene Gefängnis noch einladend wirkt.

Plötzlich stiehlt sich der Spieler mit der Nummer 9 unbemerkt davon. Erst wühlt er ein paar Sekunden lang scheinbar desorientiert in seiner Tasche, dann zückt er ein kleines, schwarzes Handy und legt beim Entriegeln der Tastensperre eben jene Schnelligkeit an den Tag, von der in den dreißig Spielminuten zuvor rein gar nichts zu sehen war. „Mama“ hat geschrieben, um 16 Uhr 12 und 34 Sekunden. „Meyer merkt nach 40 Minuten, dass man nur mit einem Tor gewinnen kann und nimmt Jantschke raus. Olli kommt“, vermeldet der heimische Ergebnisdienst von der Wohnzimmercouch die Neuigkeiten aus Bremen. Zur Pause steht es 0:0.

Schon dreizehn Minuten zuvor hatte es geheißen: „Bisher ermauern wir uns einen Punkt – ohne Marin, mit Colautti, Jantschke und viel, viel Glück“. Um sieben nach vier, nach einer guten halben Stunde im Weserstadion, dann ein erster Hinweis auf den Hauptdarsteller eines merkwürdigen Fußballspiels: „Ohne Bailly könnten wir schon nach Hause fahren“. Wohl dem, der eine Mutter hat, die man nicht vor den Fernseher zerren und mit Instruktionen über die Funktionsweise eines Premiere-Decoders versorgen muss. Im Gegenteil.

Klingt irgendwie nach einer schnulzigen Hommage aus einem Rolf-Zuckowski-Lied (‚Wenn ihr so eine Mami habt, dann nehmt sie in den Arm…‘), spiegelt aber aufrichtige Dankbarkeit gegenüber meiner temperamentvollen Sitznachbarin aus dem Stadion wider, ohne die ich sicherlich nie so verrückt geworden wäre, sonntagabends nach Rouladen mit Sauerkraut seitenlange Abhandlungen über die Spiele meiner, ihrer und unserer Borussia zu verfassen.

Immerhin wären die ersten Absätze dieses Textes ohne sie nie zustande gekommen (die folgenden im Prinzip auch nicht). Und ausführliche Beschreibungen der zweiten Halbzeit aus der Gefängnishalle in Krefeld-Oppum will nun wirklich niemand lesen. Auch wenn der TV Boisheim trotz seines motorisch wenig begabten Linkshänders im rechten Rückraum das Spiel mit 21:19 für sich entscheiden und damit auf einen vorderen Mittelfeldplatz springen wird – als Dritter von sieben.

Es ist durchaus als positives Zeichen zu werten, dass der besagte Spieler mit der Nummer 9 keine weitere SMS auf seinem Handy vorfindet, als er ein paar Minuten vor Schluss völlig entkräftet den Platz verlässt und erneut in seiner Tasche kramt. Um 16:47 Uhr ist das Festival des feinen Kreisligahandballs vorbei. An der Weser nichts Neues.

In der Kabine vibriert es erst wieder um 17:01 Uhr. Die Nummer 9 kommt gerade vom Duschen und zeigt sich erleichtert über die anhaltende Torlosigkeit im hohen Norden. Die Idee vom mit Klebeband am Körper befestigten Mini-Radio war relativ schnell verworfen worden. Ein wenig Schwitzen war ja doch nicht verkehrt, worüber sich das Radio nicht allzu sehr gefreut hätte.

Bremen hat laut Ergebnisdienst mittlerweile 20:3 Torschüsse und nähert sich auch beim Eckenverhältnis unaufhaltsam der Dreistelligkeit. Nur zwei Minuten später heißt es erneut „Sie haben Post“ und diesmal kippt unser Hauptdarsteller beinahe aus den Adiletten. Zwei Zahlen, getrennt durch ein Leerzeichen, erscheinen auf dem Bildschirm. Alleine die Reihenfolge sorgt für Entsetzen: „1 0“. Es musste ja so kommen. Nach 67 Minuten in Stuttgart dürfte das antike Bollwerk um Mittelläufer Galasek diesmal bis eine Viertelstunde vor dem Ende standgehalten haben. Das Zu-Null in der Fremde lässt demnach noch mindestens zwei Gastspiele oder auch 82+8+90 Minuten auf sich warten.

In Bremen scheint die Partie um 17 Uhr also gelaufen zu sein. Bei bislang drei Torschüssen wird wohl kaum der vierte zum postwendenden Ausgleich führen. Doch nur weitere zwei Minuten später vibriert es erneut in der ominösen Sporttasche. Die Nummer 9 sucht zunächst völlig entgeistert die grüne Taste und merkt erst nach wenigen Sekunden, dass sie den Deo-Roller in der Hand hält. Aber der Griff zum kleinen Schwarzen erfolgt gerade noch rechtzeitig, um die frohe Botschaft in Kabine und Dusche zu verbreiten: „Bradley, Brust, Ausgleich“. Selten war ein Trikolon so wohltuend. Die Fernsehbilder am Abend lassen den Konservatismus dreimal hochleben. Denn zum Glück ist Bradley Brustwarze nicht gepierct – der Ball wäre unter Umständen vorbei gegangen.

Noch acht Minuten sind im Weserstadion zu spielen, als die Nummer 9 im Auto Platz nimmt und sich der Schlusskonferenz auf WDR 2 widmet – mit der Gewissheit, erstmals seit September 2006, erstmals seit 83 Ligaspielen weder im Stadion noch vor dem Fernseher sitzen zu können. Nicht einmal für wenige Sekunden. Seinerzeit hatte der Ergebnisdienst die Botschaft von einer 2:4-Pleite in Aachen überbracht – in der Berliner S1, irgendwo zwischen Potsdamer Platz und Friedrichstraße.

Wenige Augenblicke vor dem Schlusspfiff taucht Steve Gohouri – angeblich – frei vor dem Tor von Tim Wiese auf. So richtig will ich es dem Mann im Radio nicht abnehmen. Selten habe ich mich so blind und hilflos gefühlt. Die offizielle Kunde vom endgültigen Abpfiff gibt es erst nach ein bisschen WDR-Weichspülmusik, als Sven Pistor die Ergebnisse verliest. Ein Punkt in Bremen – allem Anschein nach mit mehr Bailly als Verstand. Selbst ohne herausragende Reflexe wäre es bemerkenswert, sich gleich im Dutzend anschießen zu lassen. Doch Gladbachs neuer Keeper hat eine Leistung auf den Rasen gezaubert, für die sogar Hans Meyer das Prädikat „Weltklasse“ zückt.

Zur Sicherheit kann man die titanische Leistung des Belgiers auf der Borussia-Homepage noch offiziell absegnen. Die Frage nach dem besten Defensivspieler gegen Bremen beantworteten bis Sonntag, 20:25 Uhr, genau 13471 Besucher mit „Logan Bailly“. Die anderen drei Kandidaten kommen zusammen auf 426 Stimmen – SED-Verhältnisse mit der Glaubwürdigkeit eines notariell geprüften Lügendetektors. Den Hochrechnungen zufolge schwankte Baillys Stimmanteil zwischen 97,0 und 98,7 Prozent und hat sich mittlerweile bei ordentlichen 97,4 eingependelt. Steve Gohouri, derzeit Zweitplatzierter, plant dennoch eine millionenschwere Kampagne, um bis Donnerstag 20.000 Stimmen zu sammeln.

Bochums Sieg gegen Schalke und Karlsruhes Punktgewinn in Köln dämpfen die Freude über den geschenkten Auswärtszähler jedoch gehörig. Das 1:1 hat somit den Wert eines Brotlaibs für einen Ausgehungerten: Zum Sterben zu viel, zum Überleben zu wenig.

Auf Premiere lässt man zunächst in aller Seelenruhe die fünf anderen Partien Revue passieren, bevor das Gastspiel der Ausgehungerten bei den Durstigen auf dem Programm steht. Man munkelt, es sei im Ü-Wagen vor dem Weserstadion zu mehreren Kollapsen beim Schnitt der Zusammenfassung gekommen sein. Gut Ding will Weile haben. Doch sowohl dem Pay-TV als auch der Sportschau gelingt es nicht annähernd, das Duell „Bailly gegen den Rest der Welt“ greifbar zu machen.

Erst eine Art Schnelldurchlauf des Bremer Torchancentaifuns im Sportstudio lässt erahnen, was die Borussia sich in der Winterpause für einen Teufelskerl geangelt hat. Fans aus Genk werden demnächst die ganze Südkurve des Borussia-Parks annektieren, um die Wundertaten Baillys weiterhin zu bestaunen. Bleibt die Frage, ob sich zu sehr ausgeprägte Reflexe nicht nachteilig auf die Gesundheit auswirken können?

Am Sonntag gelingt es Bielefeld (bzw. Hamburg) wenigstens halbwegs, den Spieltag aus Borussensicht noch zum Guten zu wenden – trotz eines Punktgewinns in Bremen aus dem heitersten aller heiteren Himmel fällt das ziemlich schwer. Denn das Unentschieden von Cottbus in Dortmund vergrößert die Lücke zum Tabellensiebzehnten zeitgleich auf vier Zähler. Optimistisch stimmt es, dass Platz 17, 16 und 15 gleich weit weg sind. Dennoch verdunkelt sich der Himmel am Niederrhein von Spieltag zu Spieltag. Zwei Zähler zum rettenden Ufer haben sich in drei Spielen verdoppelt. Aus Punktgleichheit mit dem Siebzehnten ist ein Rückstand von vier Punkten geworden.

Jetzt kommt mit Hannover 96 eine Mannschaft in den Borussia-Park, die in dieser Saison eine Auswärtsseuche am Fuß hat, von der selbst der VfL in „besten“ Tagen nur hätte träumen können: ein Punkt, 4:24 Tore – was den Druck auf den gebeutelten Fohlenschultern nicht unbedingt in Luft auflöst. Für die Borussia geht es am Nelkensamstag um mehr als nur drei Zähler. Gefühlte zwölf stehen auf dem Spiel. Dazu lockt die Aussicht, mit Hannover einen weiteren Verein in unmittelbare Abstiegssorgen zu stürzen.

Auf das Trikot als Schlafanzugersatz werde ich nächsten Freitag getrost verzichten. Gegen Hoffenheim und Bremen brachte die kleine Reform des Aberglaubens jeweils ein 1:1. Und das würde gegen Hannover den Anfang vom Ende bedeuten. Samstag geht es schon fast um alles – am 21. Spieltag.

Franck und frei

25 Millionen Euro hat der FC Bayern im Sommer 2007 für Franck Ribéry überwiesen – ein Haufen Geld, der sich absolut bezahlt gemacht hat und dennoch seine Schatten wirft.

Und so hat er es mittlerweile geschafft, in den Mittelpunkt zu rücken, auch wenn er mal nicht einen seiner Über-Tage erwischt hat, an denen ihn kein Abwehrspieler der Welt so richtig zu stoppen vermag. Denn ein Ribéry, der nicht auffällt: das fällt auf.

Deshalb gilt beim 25-jährigen Franzosen durchaus die Faustregel “je mehr Erwähnungen im Spiel, desto herausragender seine Leistung”. Solide Leistungen im Verborgenen, im Stile eines Didi Hamann oder Frank Baumann, sind beileibe nicht sein Ding.

In den letzten anderthalb Jahren ist er bei den Bayern der personifizierte Erfolg geworden und hat seinen Verein in ein gewisses Abhängigkeitsverhältnis gebracht. Die Lichtgestalt hat es schon immer gewusst, aber es wollte ja mal wieder keiner auf ihn hören: Der Rekordmeister ist ohne seine Nummer sieben nicht ein und derselbe.

Die Statistik zeigt sogar, dass ein wirkungsloser Ribéry für die Bayern schlechter ist als ein verletzter oder gesperrter. Dabei treffen sie ohne ihn noch häufiger, kassieren aber 50 Prozent mehr Gegentore.

Ohne Ribéry:
6 Sp. – 2S 3U 1N – 14:11 Tore – 9 Punkte – 1,5 Pkt. pro Spiel

Mit Ribéry:
14 Sp. – 9S 2U 3N – 29:17 Tore – 29 Punkte – 2,07 Pkt. pro Spiel

Mit Torbeteiligung von Ribéry:
8 Sp. – 7S 1U 0N – 22:9 Tore – 22 Punkte – 2,75 Pkt. pro Spiel

Mit Ribéry, aber ohne Torbeteiligung:
6 Sp. – 2S 1U 3N – 7:8 Tore – 7 Punkte – 1,17 Pkt. pro Spiel

Leverkusen, wie es singt und lacht…

…und warum der moderne Fußball in Hoffenheim sich selbst ein Bein stellt.

Die TSG “1899″ Hoffenheim liegt 1:4 zurück, in der Rhein-Neckar-Arena herrscht Totenstille – und das nicht erst seit dem vierten Treffer der Gäste durch Gonzalo Castro. Leverkusens Fans werden selbst verblüfft gewesen sein – zum ersten Mal in der 105-jährigen Vereinsgeschichte kam die Welt in den Genuss längerer Auszüge aus dem Bayer-Gesangskanon. Danksagungen nach Sinsheim-Hoffenheim!

Dafür gab es aber auch Aufruhr bei der DFL: Alle Zuschauer, die das Konfirmationsalter noch nicht erreicht haben, warfen heute hektisch verfasste Protestschreiben in den Briefkasten, weil sie noch nie davon gehört hatten, dass Bayer (04) Leverkusen den Vornamen “TSV” im Personalausweis trägt und nun einen Fanputsch witterten.

Das Wunder vonProjekt Hoffenheim steckt abseits des Platzes noch gehörig in den Kinderschuhen. Die beinahe ungeteilte Aufmerksamkeit Fußball-Deutschlands wird dem Retortenbaby dennoch zuteil. Selbst beim Länderspiel in Düsseldorf, in der Montagsdemo-artigen Menschenmasse auf dem Weg zum Parkplatz, versuchen sich die Leute einen vermiesten Abend mit ein wenig Hoffenheim-Bashing schönzulachen.

(Jetzt bitte nicht mit Eiern werfen, ich halte mich nur an die gängige Chronistenpflicht.)

Ein Mittzwanziger in grauer Michelinmännchen-Gedächtnisdaunenjacke zu seinem Freund (Ende 20, gleiche Jacke, andere Farbe): “In Hoffenheim ist wirklich gar nichts echt, alles gekauft.”
Michelin-Jacke II: “Warum das denn?”
Michelin-Jacke I: “Da schmuggelt niemand Bengalos ins Stadion, dafür haben die extra Nebelmaschinen.”

Und selbst die Anhänger des fleischgewordenen modernen Fußballs tun sich mit den Gepflogenheiten desselbigen noch etwas schwer, wie ein Video im 11Freunde-Blog beweist.

Das Retortenkind ist also neben dem Platz und inzwischen sogar auf dem Platz etwas wacklig auf den Beinen. In der Regel ist es nur so, dass Retortenbabys mit ihrer Geburt von “traditionell” und völlig “romantisch” gezeugten Kindern nicht mehr zu unterscheiden sind.

Rekordmeister im Sechserpack – von Leipzig über Nürnberg bis München

Die Geschichte kaum eines anderen Fußballverbandes dieser Welt dürfte sich so zerstückelt lesen wie die des DFB. Politische, gesellschaftliche und sportliche Veränderungen gab es in den letzten 109 Jahren zu Hauf. Seit 1900 hat der größte Sportverband der Welt alleine sechs verschiedene deutsche Staatsformen miterlebt und überlebt (nach 1945 dauerte es jedoch vier Jahre, bis er seine Wiedergeburt feierte).

Die Antwort auf die Frage nach dem Rekordmeister ist so bekannt wie die Bundeskanzlerin. Doch wer dominierte eigentlich zu Kaisers Zeiten – nein, nicht in den 60ern und 70ern, sondern von der Gründung bis 1918? Wer hatte in der Weimarer Republik eine sportlich herausragende Zeit? Wer war oben auf von 1933 bis 1945, als auch der Fußball dunkle Jahre durchmachte? Wer hatte in den Nachkriegsjahren vor der Gründung der BRD die Nase vorn? An wem kam im geteilten Deutschland bis 1989 niemand vorbei? Und wer ist seit der Wiedervereinigung das Nonplusultra? Sechs Abschnitte in der Geschichte Deutschlands – sechs Rekordmeister.

Jahreszahlen beziehen sich auf die Meisterschaftsentscheidungen in jener Zeit

Deutsches Reich (1903-1914):
VfB Leipzig (3x)
Berliner FC Viktoria 1889 (2x)

1. Weltkrieg
keine Austragung von 1915-1919

Weimarer Republik (1919-1932):
1. FC Nürnberg (5x)
SpVgg Fürth, Hamburger SV, Hertha BSC (je 2x)

Drittes Reich (1933-1944):
Schalke 04 (6x)
Dresdner SC (2x)

2. Weltkrieg und Nachkriegszeit
keine offizielle Austragung von 1945-1947

Besatzungszeit (1948):
1. FC Nürnberg (1x)

Bundesrepublik Deutschland (1949-1989):
Bayern München (10x)
Borussia Mönchengladbach (5x)
Hamburger SV (4x)
VfB Stuttgart, 1. FC Köln, Borussia Dortmund (je 3x)
Werder Bremen, 1.FC Kaiserslautern (2x)

Wiedervereinigtes Deutschland (1990-2008):
Bayern München (10x)
Borussia Dortmund (3x)
VfB Stuttgart, 1. FC Kaiserslautern, Werder Bremen (je 2x)

PS: Demnach habe ich in meinem Leben erst fünf verschiedene Vereine mit der Schale in der Hand gesehen. In den letzten 40 Jahren holten gar nur acht verschiedene Klubs den Titel – alle mindestens zweimal. Da beschwere sich nochmal einer über die Top Four in England. Seit 1968 gab es dort übrigens gleich zehn verschiedene Meister.