Monthly Archive for Mai, 2009

In fünf Etappen nach Europa

Fünf Siege sind zwar nicht genug, um den Pokal zu gewinnen. Wer sich mit einem Startplatz im Europacup jedoch schon zufrieden gibt, der hat sein Soll damit häufig erfüllt.

Denn in der Regel genügen fünf Siege, verteilt auf rund sieben Monate. Der erste ist meist so gut wie geschenkt. Danach schadet ein bisschen Losglück nicht, um den Einzug ins DFB-Pokalfinale zu besiegeln. Selbst Formschwankungen werden verziehen. Die Schwächephasen sollten nur nicht mit fünf expliziten Daten kollidieren, die sich wild über eine Saison verteilen.

Vor zehn Jahren, am 19. Mai 1999, standen sich Lazio Rom und Real Mallorca im letzten Endspiel des Europapokals der Pokalsieger gegenüber. Gut drei Wochen später ging es im Berliner Olympiastadion also erstmals nicht mehr um einen Startplatz in jenem Wettbewerb, der nun der Geschichte angehörte. Ab jenem Aufeinandertreffen von Werder Bremen und Bayern München, das die Hanseaten im Elfmeterschießen für sich entschieden, qualifizierte sich der DFB-Pokalsieger für den UEFA-Cup.

Falls er sich vorher schon über die Bundesliga ein Ticket für Europa gesichert hatte, fiel dem unterlegenen Verein die unverhoffte Ehre zu, auf europäischer Bühne anzutreten. Falls beide Finalisten auf den ersten fünf (bzw. anfangs sechs) Plätzen gelandet waren, durfte der erste Verein hinter den Europacuprängen das Ticket übernehmen.

Genau zweimal in zehn Jahren war dies bislang der Fall. 2002 trafen Schalke, Fünfter des Bundesliga, und Leverkusen, Vizemeister, aufeinander. Bremen profitierte. Drei Jahre danach hieß das Endspiel Bayern (Meister) gegen Schalke (Zweiter). Leverkusen zog in den UEFA-Cup ein. Ansonsten besaß der Pokalsieger in acht von zehn Fällen ohnehin schon ein Ticket für Europa.

Bislang durfte sich sechsmal selbst der Verlierer freuen. Und so feierten unter anderem ein Zweitligist (Alemannia Aachen) und ein sogar Regionalligist (Union Berlin) den Einzug in den Europacup. Außerdem gehörte je zweimal der 13. und 14. der abgelaufenen Bundesliga-Saison zu den Glücklichen.

Das elfte DFB-Pokalendspiel, seitdem Rom und Mallorca den Pokalsiegerwettbewerb zu Grabe trugen, bietet heute Abend also eine ganz neue und viel reizvollere Konstellation als in den Jahren zuvor. Weder Bremen noch Leverkusen hat sein Europacup-Ticket sicher. Zum ersten Mal in zehn Jahren treffen zwei Vereine aufeinander, für die es um alles oder nichts geht. Beide können einige Wunden heilen. Einen Lucky Loser wird es aber definitiv nicht geben.

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Wenn der letzte Pfiff ein Anpfiff ist

Manch einer scheint nach einer intensiven Saison die Sommerpause herbeizusehnen. Doch wollen wir wirklich, dass das Gastspiel von Ängelholms FF in Trollhättan im Vakuum, das 08/09 hinterlässt, ein echtes Highlight ist?

Paderborn gegen Osnabrück, China gegen Deutschland – das wirkt nach Bremens 5:4 gegen Hoffenheim, dem 4:4 zwischen Liverpool und Arsenal, Barcelonas berauschendem Kurzpassspiel und packendem Titelkampf wie ein Abstieg. Doch dieser Freitag, 29. Mai 2009, hatte nun einmal nichts anderes zu bieten. Also nimmt man mit, was sich irgendwie mitnehmen lässt. Pokalfinale, Relegationsrückspiele und Episode II der unnützesten Reise seit meiner Konfirmationsfahrt nach Ameland liegen vor der Brust. Wenn in Abu Dhabi am Dienstag der letzte Pfiff ertönt, dann ist jedoch noch lange nicht Schluss. Zwölf Tage später beginnt der Confed-Cup 2009. Und welche Partie könnte einen fulminanteren Auftakt bescheren als Südafrika gegen Irak?

Doch selbst die Zwischenzeit lässt keine Ruhe. Wenn Schweden und Dänemark im direkten skandinavischen Duell um ein WM-Ticket kämpfen, dann klingt das nicht wirklich nach Sommerloch. Montag, der 8. Juni, ist so ziemlich der erste Tag, an dem der Matchkalender nicht einmal mehr die 2. Bundesliga der Frauen oder Qualifikationsspiele in Südamerika zu bieten hat. Trollhättans FK empfängt Ängelholms FF am 11. Spieltag der schwedischen “Superettan” (2. Liga). Im anderen Spiel des Tages hat Södertäljes Gegner Sundsvall als einziges involviertes Team tatsächlich keinerlei Umlaute im Vereinsnamen vorzuweisen.

Irgendjemand ist auf die glorreiche Idee gekommen, die U21-EM in Schweden zeitgleich mit dem Confed-Cup in Südafrika auszutragen. Den Irakern, Neuseeländern oder Ägyptern wird es ziemlich egal sein. Die Überschneidungen halten sich jedoch in Grenzen (ganz so unbedarft scheinen der Rahmenterminkalendermacher dann doch nicht zu sein). Alleine Deutschlands Duell mit Spanien (U21-EM) kollidiert mit der Partie Italien gegen USA (natürlich nicht U21-EM).

Seit ein paar Tagen streikt der Premiere-Decoder. Immer wieder hakt das Bild. Das Signal der Fernbedienung ist ihm dann plötzlich fremd. Oft bringt nur ein Neustart die Rettung. Wenn eine derartige Gefühlsregung nicht so unwahrscheinlich wäre, könnte man glatt zu dem Schluss kommen, der silberne Kasten habe nach 34 Spieltagen, einer ganzen Europacupsaison und etlichen Länderspielen schlichtweg die Nase voll.

Man könnte deshalb also genauso gut konstatieren, dass der geneigte Fernsehgucker eine Pause braucht. Doch wer ihn auf dem Boden hocken und den Decoder mit entschlossen-sanften Schlägen traktieren sieht, mit Schweißperlen auf der Stirn und Schimpftiraden auf der Zunge, der merkt ganz schnell: Genug vom Fußball bekommt man nie.

Denn Fußball ist – entgegen aller Behauptungen – kein saisonales Ereignis wie Weihnachten, von dem man nach 27 Kilo Lebkuchen auch gehörig die Nase voll hat. Fußball ist ich, du und wir – und das an 365 Tagen. Sätze wie “jetzt hab’ ich erstmal die Schnauze voll und freu’ mich auf die Pause” muten deshalb stets etwas Münchhausen’esk an.

Die Jugend von heute

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Keinen Respekt mehr. Wahrscheinlich auch keine Ahnung, was die ganzen Sterne eigentlich auf dem Trikot zu suchen haben. Und Roel Brouwers? Der lacht. Gute Miene zum bösen Spiel – oder noch nicht nach links geguckt?

Screenshot: borussia.de

Nord-Süd-Gefälle

Es ist viel geunkt worden. Nach Abschluss der ersten Drittligasaison steht fest: nicht ohne Grund. Die Regionalliga Nord war stärker als der Süden.

Die Abschlussplatzierungen in drei Gruppen

Ehem. Regionalliga Nord: 1., 2., 6., 9., 10., 13., 14., 17. (Schnitt 9.)
Ehem. Regionalliga Süd: 4., 5., 8., 11., 15., 18., 19., 20. (12,5.)
Absteiger 2. Liga: 3., 7., 12., 16. (9,5.)

Die beiden direkten Aufsteiger, Union und Düsseldorf, spielten bis zu dieser Saison nördlich des Amateur-Äquators. Die drei Absteiger – Burghausen, Aalen und die Stuttgarter Kickers - dagegen im Süden.

Fünfter aus Leidenschaft

Eine Zahl, ein Trauma.

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Durchaus verständlich wäre es, wenn in Fürth niemand mehr in ein Haus mit der Nummer fünf einziehen würde. Die bezeichnende Sitzreihe wird aus den Privatfliegern der städtischen Multimillionäre in geraumer Zeit ebenso verbannt werden wie die Ziffer von allen Kennzeichen mit “FÜ” am Anfang. Und niemand wird mehr im August Kinder zeugen wollen. Im Mai sind die Kreißsäle demnächst auf Kurzarbeit.

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Statistik-Zusammenklauben 08/09 -
Dortmund und das Schlusslicht

Vielleicht ist es dem BVB ein Trost: Der sechste Platz in dieser Saison hat ihm einen Bundesligarekord beschert. Die Tatsache, dass man mit Platz fünf denselben Rekord auch eingeheimst hätte, wird dem Trostpflaster jedoch sofort wieder die Klebekraft rauben.

Dortmund hat in der Saison 2008/2009 nur fünf Niederlagen kassiert – die wenigsten der Liga. Bei zwei Pleiten Vorsprung vor Wolfsburg und den Bayern ist man fast geneigt, ein “mit Abstand” hinzuzufügen. Dennoch steht die Klopp-Elf am Ende mit leeren Händen da. Rang sechs ist nach dem Wegfall des UI-Cups so hölzern wie ein vierter Platz im Olympischen Weitsprungwettbewerb.

Noch nie zuvor hat es eine Mannschaft geschafft, die wenigsten Niederlagen zu erleiden und gleichzeitig den Europacup zu verpassen. Kaiserslautern wurde 94/95 mit fünf Niederlagen nur Vierter. Bis letzten Samstag unerreicht – bis der BVB kam und in Gladbach zum 14. Mal in der abgelaufenen Spielzeit mit dem Gegner die Punkte teilte.

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Vierzehn Unentschieden sind übrigens nicht rekordverdächtig: Bielefeld ist diese Saison gleich 16-mal weder als Sieger noch als Verlierer vom Plazt geschlichen (zumindest auf dem Spielberichtsbogen). Vor dreizehn Jahren stellte der FCK mit 18 Remis einen Bundesligarekord auf, der bis heute Bestand hat. Genau wie jetzt für die Arminia bedeutete die Flut der Unentschieden auch für Lautern den Abstieg. Beide werden die Abschaffung der alten Zwei-Punkte-Regel verfluchen.

Bielefeld ist übrigens verdient auf dem letzten Platz gelandet (wenn man das Attribut an dieser Stelle überhaupt benutzen kann). Beim Pendant zu den “Meister-Machern”, den acht Schlusslicht-Kriterien, hat die Arminia viermal die Nase hinten:

Wenigste Siege (87% aller Schlusslichter): ja (4)
Meiste Niederlagen (82%): nein (14; Karlsruhe 21)
Schlechtestes Heimteam (71%): ja (14/51 Pkt.)
Schlechteste Rückrunde (69%): ja (14/51 Pkt.)
Schlechtestes Auswärtsteam (58%): nein (11.; Hannover 18.)
Meiste Gegentore (47%): nein (56; Hannover 69)
Wenigste Tore (36%): ja (29)
Schlechteste Hinrunde (33%): nein (14.; Gladbach 18.)

Zuhause und auswärts, Hin- und Rückserie – Bielefeld hat in jeder dieser vier Kategorien exakt vierzehn Zähler geholt.

Wer vor dem letzten Spieltag, vor einem machbaren Heimspiel gegen die auswärtsschwächste Mannschaft, für die es zudem um nichts mehr geht, den Trainer entlässt, der bringt das Schicksal eben gegen sich auf.

Mission 40/34: Dringeblieben

Gladbach erfüllt mit einem 1:1 gegen Dortmund seine Mission und hält die Klasse. Warum ein Eisdielenbesitzer jetzt doch nach Kalabrien fahren darf, Logan Bailly ein echter Teufelskerl ist und der Fußballgott höhnische Dortmunder eiskalt bestrafte.

immer-noch-zuhause

Das „Best of Aberglaube 08/09″ beginnt mit einem Anruf um kurz vor elf. „Was sagt die Ampel?”, frage ich so wach wie möglich in mein Handy. „Rot, aber nur ganz kurz”, versucht mein Vater die Geschichte wenigstens auf ein Unentschieden runterzuhandeln. Ein Punkt, das würde ja schon genügen, um diese Mission zu Ende zu bringen, die im August 2008 mit dem Beinamen „40″ begann und sich nun nicht sicher ist, ob aus der 40 letztendlich eine 30, eine 31 oder bestenfalls sogar eine 33 werden soll.

Der Handball-Saisonabschluss am Abend zuvor hat zum Glück keine Spuren hinterlassen. Nils ist um viertel nach eins am Boisheimer Bahnhof ebenfalls bestens in Schuss, so dass einer beschwerdefreien Hinfahrt zum Stadion zumindest nichts im Weg steht. Der 34. Spieltag musste kommen, damit ich mit dem Zug zu einem Heimspiel reise. Doch im Aberglauben ist von Zeit zu Zeit auch Platz für Anarchie.

Bei der Einfahrt des Maas-Wupper-Express steckt ein braun gebrannter Sonnenbrillenträger, der sicher nicht des Kaffees wegen in Venlo einkaufen war, seinen Kopf aus dem Fenster und grölt lauthals in die niederrheinische Provinz: „Wat is’ dat denn hier für’n Scheißkaff?”. Nils, tief im Herzen so etwas wie der heimliche Ortsvorsteher der 2000-Seelen-Gemeinde zwischen Nettetal und Viersen, ist so verdutzt, dass ihm nicht einmal ein beherztes „Wat willst Du denn?” über die Lippen kommt. Die Mittagssonne scheint so prall vom Himmel, dass mir nach wenigen Minuten bereits ein Bach zwischen den Schulterblättern herunterläuft. Erinnerungen an Bremen, das bisherige Hitze-Hoch der Saison, werden wach.

Ein älteres Ehepaar mit Rauhaardackel und frisch erworbenen Orchideen wünscht im Zug viel Glück und verspricht, jeweils beide Daumen zu drücken. Selina, gemeinsam mit Nils im Unterrang der Nordkurve zuhause, wirft ein, dass das doch Unglück bringe (beide Daumen auf einmal zu drücken). Das Ehepaar scheint sich dran gehalten zu haben.

Erdbeereis, Beck’s und Babybel für den Klassenerhalt

Der erste Weg vom Bahnsteig in Mönchengladbach führt schnurstracks zur Abhandlung zweier Saisonrituale, die vielmehr kurze Episoden gewesen sind. Bei Kaiser’s kaufen wir Beck’s, Diebels und ein Netz Babybel ein. Damals für die Reise nach Köln hatte Nils’ Mutter zwar die Light-Variante ins Lunchpaket gepackt. Doch leichte Änderungen im Protokoll werden am Ende hoffentlich wenigstens den einen Punkt bringen. Anders als an jenem ruhigen Samstagvormittag Mitte März pulsiert auf der Hindenburgstraße das pralle Einkaufsleben. Vermutlich sind es die Massen in Schwarz-Weiß-Grün und Schwarz-Gelb, die das ansonsten eher triste Bild mit lebendigen Farbtupfern versehen.

Spätestens auf der Fahrt ins Stadion mit dem Shuttle-Bus ist klar, dass aus der geplanten Wiederholung aller glückbringenden Handlungen dieser Saison eher die Geburt einiger neuer Rituale werden könnte. Zwischen meinen Schultern zeichnet sich mittlerweile eine Jahrhundertflut ab. Auf den Straßen geht es ungefähr so schnell voran wie mit einer brechend vollen Bimmelbahn in Kambodscha. Als der Bus geschätzte zwei und gefühlte fünf Kilometer vor dem Borussia-Park seine Türen öffnet, purzeln schwitzende Fans aus den Türen wie Kartoffeln aus einem löchrigen Sack. Die gefühlte Lufttemperatur halbiert sich innerhalb weniger Sekunden. Bereits nach fünf Minuten Fußweg haben wir mehr Meter zurückgelegt als der Bus in der Viertelstunde zuvor.

Da Laufen anscheinend den Harndrang belebt, ist nach kurzer Zeit ein kleiner Zwischenstopp vonnöten. Ein Eisdielenbesitzer zeigt so viel Verständnis für unsere Bedürfnisse, dass wir ihm aus Dankbarkeit sogar ein paar Kugeln Eis abkaufen. Ab diesem Punkt hoffen Nils und ich inständig, dass das Spiel nicht gewonnen wird – die ganze nächste Saison, also auch von November bis Februar, zu Fuß zum Stadion laufen und dabei jedesmal ein Eis kaufen, das klingt nicht besonders verlockend. Zumal der Eisdielenbesitzer wohl kaum seinen viermonatigen Winterurlaub bei der Famiglia in Kalabrien für uns ausfallen lassen würde.

Elektrisierende Atmosphäre erinnert an Stuttgart 2005

Nach einer knappen halben Stunde ist Mekka tatsächlich erreicht. Trotz Erdbeereis, Bier und Babybels fühle ich mich sechs Kilo leichter. Neben der Tatsache, dass ich das Stadion noch nie aus dieser Perspektive, aus östlicher Richtung, gesehen habe, fällt mir auf, wie armselig sich das Areal rund um den Borussia-Park eigentlich präsentiert. In Köln haben sich randalierende Schmalhirne am fein herausgeputzten Schlachtfeld vor Alt-Müngersdorf erfreut. Wer die Sahelzone vor dem Gladbacher Stadion mit all ihren Sträuchern, dem hohen Gras und den wurfbereiten Steinen sieht, dem könnte aus deeskalationstechnischer Sicht angst und bange werden. Eine Frau Ende 20 sitzt alleine auf einem der größeren Steine und hält ein Stück Pappe mit der Aufschrift „Wir suchen noch Karten” in der Hand. Von einem Partner, Freund oder Bekannten keine Spur. Abstiegskampf macht eben manchmal schizophren. Finden wir übrigens auch.

Bevor sich unsere Wege trennen, breche ich – weil ja ohnehin alles kurios gelaufen ist bisher – mit der nächsten Gewohnheit und gebe einen mehr oder minder genauen Ergebnistipp ab. „Irgendein Unentschieden”, rufe ich Nils hinterher, während der zu den Eingängen für ermäßigte Karten verschwindet. Ich selbst nehme die Nummer vier. Sicher ist sicher.

Im Inneren erinnert das Gemisch aus fingernagelschädlicher Anspannung und geballter Vorfreude schwer an jenes Spiel gegen den VfB Stuttgart vom Ende der Saison 2004/2005, dessen elektrisierende Stimmung alle Anwesenden noch heute ins Schwärmen geraten lässt. Die Borussia lag damals, vier Spieltage vor Saisonende, nur zwei Punkte vor einem Abstiegsplatz und konnte gegen die Schwaben, selbst noch mit Champions-League-Aussichten angereist, zum Befreiungsschlag ausholen. Neuville und Sverkos stellten die Weichen früh auf Sieg. Der Funke der eisern kämpfenden Borussen auf dem Rasen sprang sofort auf die Zuschauer über, die den Borussia-Park erstmals in seiner Geschichte in einen wahren Hexenkessel verwandelten.

Tage wie diesen hat das inzwischen fünf Jahre alte Stadion nun schon häufiger erlebt – mit dem unumstrittenen Höhepunkt vor zwei Wochen bei Colauttis Last-Minute-Treffer gegen Schalke, als die Eruption des Borussia-Parks die Premiere-Mikrofone bersten ließ. Die „Elf vom Niederrhein” birgt am letzten Spieltag einer Saison auch immer einen Moment der Wehmut. Trotzdem bin ich in diesen dreieinhalb Minuten Gänsehaut nicht wirklich darauf aus, die „Nationalhymne” des VfL bereits am kommenden Donnerstag wieder zu hören – beim Hinspiel der Relegation.

Bei vollem Bewusstsein und ohne Anästhesisten ins Stadion

Immerhin haben die unbezahlbaren Erfolge gegen Schalke und Cottbus die Weichen bereits so auf Klassenerhalt gestellt, dass ich das Stadion ohne Anästhesisten an meiner Seite betreten konnte. Einer ambulanten Vollnarkose für den Fall, dass sich die Lage doch noch zuspitzen sollte, haben die Verantwortlichen aus Sicherheitsgründen einen Riegel vorgeschoben. Es gibt kein Bier im Borussia-Park – demnach heißt es „Augen zu und durch”, als Schiedsrichter Felix Brych um 15:30 Uhr anpfeift.

Der Pfiff ist kaum ertönt, der Stecker noch nicht ganz im Gehörgang – da sendet WDR2 bereits die erste Hiobsbotschaft über den Äther. Bielefeld führt nach knapp zwei Minuten gegen Hannover. Jetzt drei Gegentore und ein weiterer Treffer auf der „Alm”… gar nicht erst weiterrechnen. In Richtung Cottbus ist das rechte Ohr nicht mehr wirklich ausgerichtet. Bei drei Punkten und acht Toren Vorsprung traut der arg gebeutelte Borusse seiner Mannschaft dann doch ein wenig Rücksicht auf Herzkranke, Schwangere, Fingernägelkauer und notorisch Nervöse zu. Sabine Töpperwien, die ungefähr achtzig Meter weiter südlich auf der Pressetribüne hockt, malt zwar bereits den Teufel an die Wand. Doch was soll man von Radioreportern erwarten, für die saloppe Verben wie „krakeelen” überhaupt erst erfunden wurden?

In den ersten Minuten besinnt sich die Borussia ganz auf die Vorgehensweise „wenn wir hier 0:0 spielen, kann Bielefeld unseretwegen 22:0 gewinnen”. Valdez durchbricht gleich zweimal die Wasseroberfläche des gepflegten Sommerfußballs. Doch Logan Bailly ist zur Stelle und beweist in seinem 17. Einsatz für Gladbach einmal mehr, dass er wohl einer der besten, wenn nicht gar der beste Neueinkauf der Ära Königs gewesen ist. Dieser Torwart ist athletisch, flink, hat titanische Reflexe, fängt, faustet und fischt heraus, was die menschliche Anatomie auch nur irgendwie mit dem Prädikat „haltbar” versehen hat – und er ist, mit Verlaub, einfach ein verrückter Hund. Gegen diese Strahlkraft ist Christofer Heimeroth eine Sonnenfinsternis gewesen.

Im Angriff, natürlich zum neunten und letzten Mal ohne Rob Friend, macht Alexander Baumjohann in seinem letzten Einsatz derweil keine Anstalten, irgendetwas am lethargischen Auftreten der letzten Wochen zu ändern. Seine Pässe landen reihenweise überall, nur nicht beim Mitspieler. Was immer er sich bei der zu erwartenden Einkaufstour des FC Bayern eigentlich in München vorgenommen hat, es kann eigentlich nur bescheiden enden. Jan Schlaudraff verkündete vor zweieinhalb Jahren nach einer starken Hinrunde für Alemannia Aachen ebenfalls in der Winterpause seinen Wechsel zum Rekordmeister. Der erlebte daraufhin eine Schmach von Rückrunde und holte im Sommer zum großen Rundumschlag auf dem Transfermarkt aus. Schlaudraff spielt bekanntlich längst in Hannover – wenn überhaupt.

Ende der Diplomatie in der Halbzeit

Chancen machen sich bis zur Pause relativ rar. Wolfsburgs Ritt zur Meisterschaft in meinem rechten Ohr ist noch am interessantesten. So langsam versuche ich, mich mit dem Gedanken anzufreunden, dass irgendwo in Niedersachsen gerade Tausende in Titelstimmung versetzt werden, denen der rollende Ball bis vor kurzer Zeit so viel bedeutete wie ein turnusmäßiger Besuch beim Orthopäden. Das Leben ist nicht fair. Aber damit habe ich mich – zumindest, was den Fußball angeht – längst abgefunden.

Dante sorgt unmittelbar vor dem Halbzeitpfiff für den ersten Paukenschlag vor der Südkurve. Nach Baumjohanns Ecke – Schande über mein Haupt – steigt der Brasilianer am höchsten. Sein Kopfball hoppelt an den rechten Pfosten. Weidenfeller hätte nie und nimmer eine Chance gehabt. Doch der Konjunktiv ist auf seiner Seite. Die Pause wird dennoch zu einer der gelasseneren in dieser Saison, da Gladbach weiterhin einen Punkte und vier Tore über der Relegation prangt.

Mit der Schmach von Düsseldorf im Rücken und Dortmunds Kantersieg gegen Bielefeld im Hinterkopf hatte ich mich die ganze Woche über ungewohnt diplomatisch gegeben. Der BVB dürfe sogar gewinnen und in die Europa League einziehen – aber nur mit einem Tor, weil die Arminia zeitgleich wohl kaum mit deren vier gewinnen würde. Doch das Selbstvertrauen einer torlosen ersten Hälfte lässt mich in der Halbzeit Morgenluft wittern. Hamburg führt nämlich in Frankfurt, Dortmund liegt in der virtuellen Tabelle nur noch auf dem hölzernen sechsten Platz. Wenn dem Borussen neben der Aussicht auf den eigenen Klassenerhalt noch das Europacup-Aus der Namenscousine winkt, dann nimmt er eben mit Vorliebe alles auf einmal mit.

Dortmunds Santana wird gerade draußen behandelt, als Dante sich dieses Bonbon zu Herzen nimmt. Gladbachs Fels muss nicht einmal mehr am höchsten springen, um nach Baumjohanns Ecke (ja, schon gut) an den Ball zu kommen. Dem Brasilianer wird sein drittes Saisontor so leicht gemacht, dass er den Kopfball beinahe als Aufsetzer über das Tor setzt. Doch Dante zeigt das feierliche seiner zwei Gesichter und netzt ein zum Führungstreffer. Der Torschrei des Borussia-Parks strahlt ekstatische Erleichterung aus – ein Tor, das erst zum wilden Rumspringen, dann jedoch zum Seinem-Nachbarn-erleichtert-um-den-Hals-fallen animiert.

Keine Lust auf Geschichtsschreibung -
der Konsonanten-Verfechter gleicht aus

Auf dem Knopf in meinem Ohr ist in diesem Moment vor lauter Lärm nur ein dumpfes Geschrei zu vernehmen – und es ist nicht Sabine Töpperwien, die Gladbachs Tor zum 1:0 verkündet. „Tor”, „Hannover”, „Ausgleich” gleiten die Worte fetzenweise in Richtung Trommelfell. Ein sanfter Druck auf den Knopf lässt Armin Lehmann in Bielefeld ganze Sätze formulieren und das Glück Gewissheit werden: 96 hat das 1:1 erzielt, der Klassenerhalt ist uns nur noch durch eine historische Schlussphase zu nehmen. So heiß auf Geschichtsschreibung bin ich dann jedoch nicht.

Fast im selben Atemzug hat Hamburg das 2:0 in Frankfurt erzielt. Gladbach und der HSV haben also die Nadel an Dortmunds Luftballon voller Träume von Europa gesetzt. Doch Frankfurt und der BVB können sich mit diesem Szenario offenbar nicht anfreunden. Am Main fällt innerhalb weniger Minuten der Ausgleich. Und am Niederrhein outet sich Paul Stalteri in der 64. als eindeutiges Mitglied der Opposition: Als wolle er elegant über einen Stacheldrahtzaun steigen, tritt der Kanadier über den Ball. In seinem Rücken rast Blaszczykowski, der alte Konsonanten-Verfechter, heran und lässt Bailly keine Abwehrmöglichkeit. Die gelbe Wand im Südosten des Borussia-Parks baut sich plötzlich wieder auf und „döpt” parodistisch vor sich hin – doch der Fußballgott kann Hohn nicht leiden.

In der Nordkurve keimt währenddessen wieder der Charme der (momentan) kleineren, aber nach eigenem Bekunden sympathischeren und einzig wahren Borussia auf. „Lieber Hamburg als der BVB”, wird eine sporadische Fanfreundschaft mit dem HSV ins Leben gerufen. Wahre Eifersuchtsdramen im Borussia-Park, der sich nun voll und ganz dem Projekt „Europapokal ohne Dortmund” verschrieben hat. Der VfL selbst macht jedoch kaum noch Anstalten, die gegnerischen Träume mit dem 2:1 eigenhändig zu begraben. Bochum hält zu diesem Zeitpunkt ein Unentschieden – vermutlich will sich die Borussia mit aller Passivität die Titel „Rekord-Fünfzehnter” und „Minusrekord-Nichtabsteiger” unter den Nagel reißen. Für Punktlandungen ist man ja bekannt.

“Dann ist es vollbracht. Die Mission ist erfüllt.”

In der 84. Minute bricht zum drittletzten Mal in dieser Spielzeit Jubel aus. Hannover ist in Bielefeld in Führung gegangen, Cottbus, das zuhause mit 3:0 gegen Leverkusen führt, damit plötzlich der „ärgste” Widersacher der Borussia im Tabellenkeller. Sechs Tore in sechs Minuten bis zum Verderben, die auch noch geschickt aufgeteilt werden müssten – selbst beim Handball wäre der Klassenerhalt nun schon in trockenen Tüchern.

Doch eine weitere Mission hält die circa 47.000 Gladbacher bis zum Abpfiff in Atem. Dann ertönt ein Torschrei aus Frankfurt – Trochowski, 2:3. Plötzlich springt die Dortmunder Bank auf wie ein Deutschlehrer, dem seine Schüler Reißzwecken auf den Stuhl gelegt haben. Hände werden vehement in Richtung Südkurve geschwungen und sollen totale Offensive signalisieren. Dem BVB fällt in diesem Augenblick auf, dass er sein Schicksal eigentlich selbst in der Hand hatte und nun hilflos vor den eigenen Trümmern steht.

Dann ist es vollbracht. Die Mission ist erfüllt. Offizieller Beiname: 31. Die lästigen Steine von 34 Spielen voller Untergang und Wiederauferstehung, Aufgabe und Hoffnung, Leid und Freude fallen auf einmal ab. Es ist geschafft – die Borussia hat tatsächlich drei Vereine gefunden, die am Ende – so ehrlich muss man sein – noch schlechter gewesen sind.

“Ein Triumph für Genießer, einer um sich hinzusetzen
und den Film der Saison mit ein paar kühlen Bieren
noch einmal vor dem inneren Auge ablaufen zu lassen.”

Auf der einen Seite kauern gelbe Spieler konsterniert auf dem Rasen, auf der anderen herrscht ausgelassene Festtagsstimmung. Logan Bailly mimt vor der Nordkurve einen afrikanischen Bodenturner und legt einen astreinen Flickflack hin. Daraufhin buchstabiert er die „Humba” in einer wallonischen Fantasiesprache, der Teufelskerl. Alexander Baumjohann und Tomas Galasek sagen „Servus”. Ein anderer sagt nichts, steht auf Kommando nur kurz auf, um sich einen ebenso kurzen Applaus abzuholen – die Zeichen in puncto Marko Marin stehen wohl auf Abschied.

„Aber eins, aber eins, das ist gewiss – vor Borussia Mönchengladbach ham se alle Schiss”, falle ich Nils voller Sarkasmus entgegen. Doch ohne Selbstironie lässt sich solch eine Spielzeit weder verarbeiten noch überleben. Die neuntbeste Saison meines 14-jährigen Fandaseins endet – auf das Gros des letzten Jahres bezogen – wider Erwarten mit einem Happy End. (Um auf Rang neun zu kommen, muss ich die drei Zweitligajahre mit jeweils weit über 50 Zählern übrigens schlechter werten als die Abstiege.)

Auf dem Alten Markt (nicht „Alter Markt”, der korrekte Gladbacher Dativ macht den Unterschied) herrscht zwar ausgelassene Stimmung. Doch es ist niemanden nach Balkonempfang und Rumhüpfen zumute. Dieser Triumph, hauchdünn vor dem erneuten Niedergang, ist eher einer für Genießer, einer um sich hinzusetzen und den Film der Saison mit ein paar kühlen Bieren noch einmal vor dem inneren Auge ablaufen zu lassen. Die Erkenntnis dieses Tages beschränkt sich auf ein einziges Wort, das dennoch so viel bedeutet, dass man es kaum in Worte fassen kann: Dringeblieben.

Statistik-Zusammenklauben 08/09 – der Meister

Trainer Baade hat am vergangenen Wochenende den ehrwürdigen Titel des “größten Statistik-Zusammenklaubers, seit es Zivildienstleistende gibt” an meine Adresse verschickt. Diskussionsgegenstand damals: Das Wolfsburger Sturmduo. Heute gratis dazu: Erleichterte Hundertjährige und bedeutungsschwangere “Meister-Macher”.

Dass Dzeko und Grafite die Herren Müller und Hoeneß als treffsicherstes Duo der Bundesliga-Geschichte abgelöst haben, dürfte jedem, der gestern nur für ein paar Sekunden ein halbes Auge und bestenfalls ein ganzes Ohr auf einen Fernseher geworfen hat, nicht entgangen sein. Der “Bomber” und die “Systolische 180″ trafen in der Saison 71/72 zusammen 53-mal, wenn auch um ein Vielfaches unausgewogener auf vier Schultern verteilt (Müller 40, Hoeneß 13).

Da Mario Gomez sich gestern zurückgehalten und zeitweise in Nationalmannschaftsform präsentiert hat, fallen “Dzefite” bzw. “Grafeko” auch die ersten beiden Plätze in der Torjägerliste zu. Ohne das Dazwischenfunken anderer Spieler hat es das in 46 Jahren Bundesliga noch nie gegeben. Vor dreizehn Jahren sicherte sich Fredi Bobic mit 17 Treffern die Torjägerkrone. Auf Platz zwei: Sturmpartner Giovane Elber, gemeinsam mit Sean Dundee und Jürgen Klinsmann. Hätte Elber einmal häufiger getroffen, wäre er mit Bobic zusammen auf dem ersten Rang gelandet – die “Krone” hätten sich zum ersten und bislang einzigen Mal zwei Spieler einer Mannschaft teilen müssen.

Grafite ist mit seinem 28 Toren der beste Top-Torjäger seit 28 Jahren. 1980/81 traf Kalle Rummenigge 29-mal, Ailton gelangen vor fünf Jahren ebenfalls 28 Treffer. Wolfsburgs Nummer 23 hat sich die Krone zudem als vierter Brasilianer nach seinen Landsleuten Amoroso, Elber und Ailton gesichert. Die Quote von 1,12 Toren pro Einsatz ist absolut Gerd-Müller-würdig.

Nach einer Spielzeit geht man ja traditionell eine Liste mit so genannten Meister-Kriterien durch. Für den VfL Wolfburg ergibt sich demnach folgendes Bild:

Wenigste Niederlagen (84% aller Meister von ‘64-’08): nein (7; Dortmund 5)
Meiste Siege (82%): ja (21)
Beste Hinrunde (69%): nein (9.; Herbstmeister Hoffenheim 7.)
Beste Auswärtsmannschaft (62%): nein (8.; FC Bayern 1.)
Wenigste Gegentore (58%): nein (41; Schalke 35)
Beste Rückrunde (49%): ja (43/51 Pkt.)
Beste Heimmannschaft (44%): ja (49/51 Pkt.)
Meiste Tore (42%): ja (80 Tore)

Vier von acht “Meister-Machern” hat der VfL demnach für sich entschieden, jedoch nur einen der wichtigsten fünf. In einer Saison, in der der Hinrunde-Neunte Meister wird, der Hinrunden-Zehnte in die Champions-League-Quali einzieht und der Herbstmeister auf Platz sieben fällt, gewinnt das Kriterium “Beste Rückrunde” jedoch gehörig an Bedeutung. Auch die Heimbilanz wird durch die Tatsache aufgewertet, dass die ersten Fünf in der Heimtabelle die ersten fünf Plätze im Gesamttableau ebenfalls unter sich ausgemacht haben.

Wolfsburg stellt übrigens den ersten neuen Bundesligameister seit 1995, als Borussia Dortmund seinen ersten Titel seit der Ligagründung holte. Und erstmals seit Borussia Mönchengladbach im Jahre 1970 feiert eine Stadt ihren erste Meistertitel überhaupt. Sprich, in den letzten 39 Jahren hat irgendein ein Fan, der bereits Anfang des 20. Jahrhunderts das Licht der Welt erblickte, stets behaupten können: “XY ist Meister? Das gab’s doch schonmal!”.

Da das Erinnerungsvermögen der Jahrgänge 1903 und älter nicht ewig währen wird, kommt das Ende dieser Serie einigen Bewohnern deutscher Altenheime wohl ganz recht. Ob dies auch auf die Rezeption des Wolfsburger Meistertitels im Allgemeinen zutrifft, darüber scheiden sich bekanntlich die Geister. Zumindest all jene, die nicht von sportlichen oder journalistischen Codices ihrer Arbeitgeber zu höflichen Glückwunschbekunden verpflichtet werden.