Monthly Archive for November, 2009

Im Zweiten wird’s wohl besser – 14. Akt:
Wer anderen eine Serie bricht, fällt selbst hinein

Gladbach Motivbild

Gladbach 1:0 Schalke – Konversation im Zug, Freude im Stadion, Lob im Fernsehen, Einheit auf dem Platz, Demut im Kopf, Anerkennung überall.

„Und wenn dann noch ein Fußballspiel ist, dann geht gar nichts mehr.“ Bis dahin waren wir uns absolut einig gewesen, im Regionalexpress kurz hinter Duisburg. Wenig Platz, volle Waggons am Wochenende und vor allem diese unnützen Gepäckablagen, auf die „vielleicht ein kleines Handköfferchen passt, mehr aber auch nicht.“ Doch dann schwenkt sie – Mitte 50, in Krefeld zugestiegen – plötzlich auf Fußball. Ich erwarte eine Abhandlung über das Benehmen von Fußballfans auf Reisen, eine Petition, den Unsinn einfach abzuschaffen. Schnell fixieren meine Augen das Display schräg über ihrem Kopf. Fünf Minuten bis Mülheim. Da geht einiges in Sachen Tacheles. Innerlich wappne ich mich gegen das Schlimmste.

„Aber da hat Gladbach gestern doch tatsächlich diese blöden Schalker geschlagen“, entfährt es ihr. Ohne Übergang, ohne Vorwarnung. Hätte ich in diesem Moment heiße Suppe im Mund gehabt, ich hätte mich böse verschluckt. Keine Suppe aber, Gott sei Dank. Bevor ich ihr überhaupt mitteilen kann, wie sehr mich das 1:0 gefreut hat, fährt sie unverzagt fort. „Dieses Tor in der 5. Minute, dann dieses Zittern. Und auch noch drei Minuten Nachspielzeit. Die Gladbacher haben sich ja echt wieder gefangen, die standen ja am Rande zur 2. Bundesliga. Von den Schalkern erwartet man ja eigentlich mehr, aber gestern…“

„Und ich war da“, klinke ich mich in die Konversation ein, von der ich bereits seit zwei Minuten ein Teil bin, ohne sie wirklich voran gebracht zu haben. Mehr fällt mir erst einmal nicht ein, sie hat ja alles gesagt. Mir gegenüber blickt das blonde Mädchen, vielleicht zwölftes, dreizehntes Schuljahr, kurz hoch, lächelt mitleidig-schön wie ein sonniger Tag im Juli und widmet sich wieder ihren Griechisch-Unterlagen. Viel könnte ich ihr darüber nicht erzählen. Alpha, Beta, Gamma, ok, so viel weiß ich auch. Aber dann hört es schon auf. Obwohl – Delta, Omega, Pi, Lambda, Epsilon, Iota. Mein Griechisch ist praktisch fließend. Zwei Minuten noch bis Mülheim. Das Fußball-Pulver ist scheinbar verschossen. Schweigen im Viererabteil, Fußball-Frau, Griechisch-Mädchen, mein Koffer und ich. Ein „hoffentlich geht es so weiter“ bin ich noch losgeworden. Freudiges Nicken. Dann Ausstieg in Fahrtrichtung rechts.

Smalltalk kann eine feine Sache sein. Solange man das „small“ beherzigt und beide Parteien an einem „talk“ interessiert sind. Das Wetter geht immer. Betrifft alle, die das Haus verlassen und sogar die, die drinnen verharren – wegen des Wetters. Fußball ist da etwas heikler. Die Sportschau hat längst keinen Marktanteil von 97 Prozent mehr. Es strömen zwar jedes Wochenende rund 380.000 Leute in die Bundesliga-Stadien. Damit bleiben gleichzeitig aber auch 81,52 Millionen zuhause. Doch wenn Fußball geht, dann geht er richtig. Und aus „small“ wird schnell „big“ – wenn man sich sicher sein kann, dass der Gesprächspartner sein Wissen nicht aus dem Videotext angehäuft hat, oder anhand der gelegentlichen Grunzlaute des Partners aus dem Wohnzimmersessel. Doch dieser frappierende Detailreichtum, diese authentische Leidenschaft – sowas findet man nicht auf Textseite 267. Auch sie wohl nicht, die Frau im Regionalexpress.

Textsicherheit trotz Torabstinenz

Fußball kann manchmal so ironisch sein, fast schon zynisch. Wie ein Sammelband mit Hans-Meyer-Zitaten. Gefühlte 700 Torchancen gegen Stuttgart, Anrennen über die gesamte Spieldauer, kein Tor am Ende. Gegen Schalke dagegen war der Weg zum Glück nur fünf Minuten lang – in Zeit gemessen. Langenmäßig lag die Strecke bei circa fünfzig Metern in Richtung Süden, einem kurzen Abstecher Richtung Osten, bevor es die restlichen Meter gen Süden ging – hinein ins Tor, zum 1:0. Stadionsprecher „Knippi“ meinte es womöglich nicht einmal scherzhaft, als er sich fragte, ob er den Text der Tormusik überhaupt noch kann. Um dann unverdrossen loszudöppen, als hätte es 438 Minuten Torlosigkeit im Borussia-Park nie gegeben.

Man muss sich nach dem Spiel nur das „Sportstudio“ angesehen haben, um eine Ahnung davon zu bekommen, wer oder was am Ende entscheidend war: Fünf Wiederholungen von Dantes Pass bis zur Unendlichkeit, Arangos Einverleibung des Balles aus drei Perspektiven, der Laufweg von Reus zum Abmalen, das konfuse Abwehrverhalten von Bordon, Westermann, Höwedes und Rafinha zum Staunen. Es war, als hätte in der Regie beim ZDF ein Borusse gesessen, der gar nicht genug bekommen konnte. Vielleicht war es ein Dortmunder Borusse, was an seiner Zuneigung für dieses Tor wohl wenig ändern würde.

Sieges-Pogo und Pleiten-Turnen in einem Bild

„Wir wurden mit unseren eigenen Waffen geschlagen, würde ich sagen“, meint ein Studienkollege, selbst so königsblau wie ein Superman-Anzug, nach dem Spiel per SMS. Was er damit wohl sagen wollte? Von Kopfballtoren nach einem Freistoß aus dem Halbfeld war schließlich wenig zu sehen. Vermutlich hat er auf die Tatsache angespielt, dass die Borussia den Gegner so lange einlullte, bis der selbst aus Verzweiflung zum Einlullen überging. Schalke hatte nur 53 Prozent Ballbesitz. Das Empfinden im Stadion war ein anderes. Was wiederum wohl daran lag, dass man jeden Ballkontakt von S04 über 85 Minuten so haargenau beobachten musste. Schließlich hätte er, oder spätestens sein Nachfolger, dem frohen Treiben stets ein jähes Ende bereiten können. Doch letztendlich blieb reiner Ballbesitz bis zum Ende die größte Schalker Errungenschaft. Zur Belohnung kitzelte Felix Magath bei einer fröhlichen Gymnastik-Runde die letzten Reserven aus seiner Mannschaft. Im Vordergrund Gladbacher beim Sieges-Pogo, im Hintergrund Schalker beim Pleiten-Turnen – demnächst als Poster erhältlich. 90×60.

Wenn sonntagmorgens in der Tagesschau von einer „starken Heimmannschaft“ die Rede ist und gleichzeitig das 1:0 von Marco Reus über den Bildschirm flimmert, dann hat sich grundlegend etwas geändert. So demütig uns die letzten Jahre auch gemacht haben, umso mehr macht sich derzeit ein „Wir sind wieder wer“-Gefühl breit. Letzte Saison fuhr die Borussia den 18. Punkt erst am 23. Spieltag ein. Nach dem 14., einem hoffnungslosen 1:3 auf Schalke, waren es elf Zähler gewesen – dabei blieb es bis Ende Januar. Nur einmal in den vergangenen elf Bundesliga-Spielzeiten, also immerhin seit 1996, hatte Gladbach zum selben Zeitpunkt mehr Punkte auf dem Konto. Fünf Spiele in Serie ungeschlagen blieb man zuletzt vor vier Jahren im Herbst. Erst musste Hamburg dran glauben (erste Heimniederlage der Saison, erster Sieg in Hamburg seit 15 Jahren, erstmals auswärts einen Rückstand gedreht seit 2004). Dann folgten in Frankfurt drei Punkte (zum ersten Mal seit 13 Jahren zwei Auswärtssiege in Folge). Nun vollendet ein 1:0 gegen Schalke die Wochen des Serienbrechens (erste Auswärtsniederlage für S04 unter Felix Magath). Und wie das so ist: Wer andauernd anderen eine Serie bricht, fällt am Ende selbst hinein.

Zufriedenheit hat dementsprechend Konjunktur. Dreizehn Punkte auf die Hertha, sieben auf Stuttgart, sechs auf den Relegationsplatz – wer derzeit tief nach unten blickt, kann genauso gut nach oben schauen. Manch einer peilt bereits die obere Tabellenhälfte an. Doch Fallen war schon immer einfacher als Fliegen. Also wird nun, ganz demütig, Platz eins als Ziel ausgegeben. Ja, richtig gelesen. Irgendwie hätte es ja schon etwas, die Borussia ganz oben zu sehen – wenn die Tabelle auf Sky, in der ARD oder im ZDF umgeblättert wird.

Einziges Makel in einer Zeit, die im Prinzip wenig Wünsche übrig lässt: Das letzte Heim-Tor liegt schon wieder 85 Minuten zurück. Aber wir wollen ja demütig bleiben, wie gesagt. Man könnte aus dem Glas, in dem ein paar Schlücke fehlen, auch einfach ein beinahe volles machen: Denn ein Gegentor im Borussia-Park gab es seit nunmehr 322 Minuten nicht. Prost!

Im Zweiten wird’s wohl besser – 13. Akt:
Damals, 1996

Gladbach Motivbild

Frankfurt 1:2 Gladbach – Nüchternheit, Schnitzelbrötchen, Seltenes, Nachtschicht, ein gescheitertes Jahrhunderttor, Partyhütchen, Partytröten.

Heiners Nachtschicht ist erst um sieben zu Ende gegangen, erzählt er selbst. Der Zug in Richtung Süden fuhr bereits ein Fußballspiel später. Ein Bett hat Heiner also nicht gesehen, geschweige denn eine Dusche. Wasser finde man samstagmorgens in Gladbach ja üblicherweise nicht auf der Straße, versichert er. Jetzt hat der kleine Zeiger auf der Uhr eine ganze Runde hinter sich, es ist erneut sieben. Von Bett und Dusche ist Heiner zu diesem Zeitpunkt jedoch rund 250 Bahnkilometer entfernt. Mit roten Augen und gezeichnetem Gesicht – über das sich dennoch ein Schleier der Zufriedenheit gelegt hat – umklammert er im McDonald’s am Mainzer Hauptbahnhof seine leere Bierflasche.

Heiners innerer Countdown arbeitet aber keineswegs auf Bett und Dusche hin. Nein, nein, zur Feier des Tages soll es dann natürlich noch die Altstadt sein. In Mönchengladbach. In circa fünf Stunden. 250 Bahnkilometer rheinabwärts. Dann klopft es an der Scheibe. Draußen stehen Heiners Freunde und deuten gestenreich auf einen Einkaufskorb voller Bierflaschen. Reiseration. Nach einer herzlichen Verabschiedung macht er sich aus dem Staub. Wie eine Karikatur des allgemeinen Zustandes aller Reisenden: Kaputt, aber vollends freudetrunken. Der Wert von Auswärtsreisen lässt sich eben nicht am Verhältnis von Aufwand und Ertrag messen. Alleine der Ertrag zählt – und rangiert in der Regel auf einer eingeschränkten Skala von 0, 1 und 3 Punkten.

Derweil kaut mein Bruder ebenso zufrieden auf seinem Big Mac wie Heiner seine Bierflasche umklammert hat. Mein Bruder und ich sind um diese Zeit in Mainz zwei äußerst rare Erscheinungen – und das nicht unbedingt nur im Vergleich zum Alkoholpegel aller Anwesenden im Umkreis von 300 Metern. Auf der einen Seite Kai, 23 Jahre, Down-Syndrom, Raute im Herzen, keine Anzeichen von Müdigkeit. Auf der anderen Seite ich, 20 Jahre, nüchtern wie ein Spielkommentar von Ernst Huberty, Raute im Herzen, gezeichnet von drei kurzen Nächten in Folge nach Länderspiel auf Schalke, Phoenix-Konzert in Dortmund und Ehemaligenabend an der alten Schule.

Hoffen auf Historisches

Auswärtsreisen mit meinem Bruder sind auch immer ein aussagekräftiger Gradmesser, um die Toleranz im Fußball gegenüber Behinderten zu beziffern. Wie so oft wird eine Fahrt in irgendeinen Teil der Republik somit auch zum soziologischen Ereignis. Was es im Prinzip bereits ohne diesen Teilaspekt ist – man denke nur an das Ausleben menschlicher Triebe, die Gruppendynamik oder die leichten Anflüge animalischer Auswüchse. Alles an einem Tag. Diesen Mai in Cottbus hat sich die Reise bereits gelohnt. Und so stellte sich mir gar nicht die Frage, ob eine Fahrt mit dem Zug nach Frankfurt machbar wäre, als ich meinem Bruder eine Karte fürs Spiel in der Commerzbank-Arena zum Geburtstag geschenkt habe.

Gladbach liegt noch im Halbschlaf, als wir am Samstagmorgen aufbrechen. Ein paar Frühaufsteher schlendern im Trainingsanzug zum Bäcker. Ansonsten ist es still in der diesigen Morgenluft. Die ersten Fußball-Pilgerer sind bereits unterwegs, haben sich aufgemacht, um in Frankfurt den zweiten Auswärtssieg in Folge zu bejubeln. Die Wahrscheinlichkeit, Zeuge dieses Ereignisses zu werden, lag in den letzten 13 Jahren bei rund Null Prozent. Letztmals gab es so viel Glückseligkeit in der Fremde in so kurzen Abständen im März 1996. Erst siegte die Borussia mit 2:0 in St. Pauli (bekanntlich ein Stadtteil von Hamburg). Dann ging die Reise nach Frankfurt und führte mit demselben Resultat zurück an den Niederrhein. (Ja, ruhig herzhaft lachen, vor Ungläubigkeit an den Kopf schlagen und ganz laut „Dat darf doch wohl nich wahr sein“ in den Tag, die Nacht oder den Morgen schreien).

Auf der Hinfahrt beneide ich meinem Bruder außerordentlich für seine stoische Ruhe. Vor zwei Wochen in Hamburg ist es geradezu heimelig und familiär zugegangen. Diesmal liegt jedoch irgendwie eine aggressive Grundstimmung in der Luft. Alle paar Minuten schwirrt ein Bundespolizist durchs Abteil. Auf der Zugtoilette hat sich anonymen Angaben zufolge dennoch jemand „ein halbes Fußballfeld reingezogen“. Ein paar Sitze weiter präpariert ein anderer derweil eine beachtliche Ration eines weißen Pulvers, das sich bestens für die Spielfeldmarkierungen eignen würde. Wiederum ein paar Sitze weiter wird ein tatkräftiges Aufeinandertreffen in der Nähe des Kölner Hauptbahnhofs rekapituliert und mit viel Liebe ausgeschmückt. Haschisch, Koks, Randale – mein Bruder bekommt von all dem Gott sei Dank nichts mit. Er weiß ja nicht einmal, was Drogen sind. Und überhaupt hat bei Kai die Devise „Entscheidend is auf’m Platz“ eindeutig Vorfahrt. Auf keinen Fall unklug.

Als wir am Frankfurter Stadion aus der prall gefüllten S-Bahn steigen, wird es kurz unruhig. Unten im Bahnhofstunnel zerspringen Glasflaschen. Die Polizei antwortet mit dem Zischen von Pfefferspraydosen. Der Rest ist Kopfkino, denn mehr bekommen wir nicht mit. Dennoch habe ich draußen das Gefühl, dass es sich durchaus offen mit schwarz-weiß-grünem Schal herumlaufen lässt. Das hessische Gemüt erweist sich zumindest auf dem Fußweg zum Stadion als weitgehend tolerant. Kurz zuvor war die S-Bahn noch ein willkommenes Exerzierfeld für Konfrontation auf beiden Seiten gewesen. Ob es auf anderen Auswärtsfahrten in der Vergangenheit einfach anders war oder ob sich die Wahrnehmung mit ein paar Bier im Blut so grundlegend ändert, kann ich nicht sagen.

Fremdschämen bei der Schweigeminute

Erst eine Viertelstunde vor Anpfiff erblicken wir die Commerzbank-Arena von innen. Während draußen klar wurde, warum das Waldstadion früher Waldstadion hieß, erschließt sich die Bedeutung des Namens Commerzbank-Arena ebenso schnell. Bis auf wenige Ausnahmen erfolgt die Bezahlung an den Bier- und Fressbuden mit einer Prepaid-Karte à la Schalke. Also schlendere ich minutenlang durch die Katakomben, sehe die Zahlen der Blöcke an mir vorbeischlendern – 22, 23, 24, 25 –, um dann endlich auf das sehnlichst gesuchte Wörtchen „Bar“ zu treffen. Zwei Schnitzelbrötchen: 6,20 Euro. Eine Cola: 3,70 Euro. Die Erkenntnis, dass ich meinen Bruder zehn Minuten lang allein im Block sitzen lassen kann, ohne dass er sich auf Erkundungstour durchs Stadion macht: unbezahlbar.

Nicht ganz so wertvoll ist das, was sich am Ende der Schweigeminute für Robert Enke abspielt. Irgendwo im Gästeblock stellt jemand entsetzt fest, wie lang 60 Sekunden sein können und beendet das andächtige Schweigen kurzerhand selbst. „Schala-la-Schala-la-Schala-la“, grölt es durch die Stille. „Gladbach!“, stimmen ein paar mehr mit ein. Die Frankfurter pfeifen sich die Seele aus dem Leib. Ich schäme mich in Grund und Boden. Und es gibt nicht einmal Anlass, die kurze Halbwertzeit von Werten wie Anstand und Sitte bei der heutigen Jugend zu beklagen. Hinter dieser grölenden Stimme steckten mehr als nur fünf Jahre Bier und Nikotin, ganz sicher. Irgendwie umso beschämender.

Zufrieden kann man jedoch mit der Anfangsphase der Borussia sein. Vielleicht liegt es nur an der optischen Ähnlichkeit der beiden Stadien, jedenfalls erinnern die ersten Minuten an die guten Abschnitte des Spiels in Hamburg. Früher war es, als werde auf dem Platz eine ganz andere Sportart praktiziert, wenn Gladbach in der Fremde das Feld betrat. Mittlerweile hat diese Mischung aus Angriffslust und Kontrolle etwas von einem Heimauftritt mit leicht angezogener Handbremse. Dieselbe Anfangself wie gegen Stuttgart knüpft zu Beginn gleich an den Elan des letzten Spiels an. Reus passt quer in den Strafraum und hofft inständig darauf, dass wie aus dem Nichts ein Abnehmer für seine Hereingabe erscheinen möge. Arango unternimmt einen ersten Versuch und beamt den Ball nur knapp am Tor vorbei.

Etwas beleidigt zieht sich die Borussia daraufhin zurück. Womöglich kommen die Erinnerungen an gefühlte 700 vergebene Torchancen gegen den VfB wieder hoch. Der VfL entscheidet sich gegen eine Konfrontationstherapie und lässt die Devise walten „Keine Chancen, keine versemmelten Chancen“. In Sachen Gegentorprävention fällt neben der Allgegenwärtigkeit in Person, Dante, Dauer-Daems-Vertreter Jaurès ins Auge, der weiter den aufsteigenden Ast hochklettert. Oben drein rettet er am kurzen Pfosten, als Meier vor der Pause das 1:0 auf dem Kopf hat. Es bleibt vorerst beim 0:0. Was die Tendenz angeht alles wie in Hamburg, und die ist für Fußball-Wetten ja in der Regel relevant.

Die Parallelen zum Hamburg-Spiel schwinden

In der Halbzeit unternehme ich das nächste Schnitzelbrötchen-Experiment, das mein Bruder erneut mit Bravour meistert. Vor der Abfahrt in der Heimat hat er noch gefragt, in welchem Hotel wir eigentlich diesmal – wie damals in Cottbus – übernachten würden. Obwohl ich ihn abrupt vom hohen Ross des Auswärtsreisen-Luxus herunterholen musste, waren am Ende keine Überredenskünste vonnöten, damit Kai trotzdem in den Zug nach Frankfurt stieg.

Die Schnittmenge Hamburg-Frankfurt würde an dieser Stelle eigentlich einen Gegentreffer gleich nach der Halbzeit erfordern. Ich würde drohen, einen BierCola-Becher zu schmeißen und dann wutentbrannt auf dem stillen Örtchen verschwinden. Doch dann verlassen die Parallelen ihre schnurgeraden Bahnen – um sich am Ende, so hoffen wir, im Schnittpunkt A wie Auswärtssieg zu treffen.

In der 54. Minute erlebt Dauer-Ersatzkapitän Tobias Levels einmal mehr den Höhepunkt seiner berüchtigten „fünf Minuten“. Es scheint, als liefe da ein Deal zwischen ihm und dem Fußballgott. Als habe er wie die Formel-Eins-Fahrer einen Knopf am Lenkrad, um einmal pro Runde zusätzliche Energie freizusetzen. Nach einem Zuspiel vom beschwingten Matmour meistert Levels Kurve 14 mit Bravour. Seine flache Hereingabe will Russ eigentlich entschlossen in den Main befördern. Doch Keeper Nikolov macht kurzerhand den Schleusenwärter und verhängt ein Samstagsfahrverbot für Fußbälle. Von seinem Kopf springt der Ball ins Tor. Gladbach führt und in der Umlaufbahn für dieses Spiels, die kurz zuvor wie gesagt noch parallel zu Hamburg verlief, ist plötzlich ein Kringel.

Zehn Minuten später gibt sich Roel Brouwers Mühe, die Gemeinsamkeiten mit dem Auswärtssieg beim HSV auf eben jenes Wörtchen „Auswärtssieg“ zu beschränken. Arango lässt eine Volleyabnahme nach einem Eckball so genial misslingen, dass der Ball über Umwege auf der rechten Seite bei Reus landet. Die Flanke des 20-Jährigen findet den Kopf von Gladbachs Top-Torjäger. Dass der nach dem 2:0 nun Roel Brouwers heißt, ist schon lustig. Dass der Niederländer mit seinen drei Saisontoren nur vier weniger erzielt hat als der gesamte 1. FC Köln, noch lustiger. Bester Vorlagengeber zusammen mit Arango ist übrigens Tobias Levels. Defensivstärke mal anders.

Das Fast-Tor des Jahrhunderts plus Regelkunde

Es ist schon erstaunlich, mit welcher Souveränität die Borussia dem zweiten Auswärtssieg in Folge entgegen schwebt. Vielleicht liegt es in diesem Moment an den Null Tropfen Alkohol in meinem Blut, dass ich das Geschehen auf dem Platz so viel ruhiger verfolge als noch in Hamburg. Jetzt schon von Routine zu sprechen, was das Siegen auf fremdem Platz angeht, dürfte wohl zu viel des Guten sein.

Erst die Schlussminuten reißen die mitgereisten Borussen aus einer Art positiven Selbstzufriedenheit. Rob Friend fürchtet bei einem Frankfurter Freistoß um seine Frisur und überbietet Thierry Henrys Auftritt vom Mittwoch im wahrsten Sinne im Handumdrehen. Schiri Sippel hat jedoch keine Lust auf eine Frankreich-Persiflage und zeigt auf den Punkt. Den Elfer setzt Schwegler genau in die Mitte, nur noch 1:2.

Die Nachspielzeit läuft, Oka Nikolov ist in die gegnerische Hälfte gestürmt, als ich für ein paar Sekunden in eine merkwürdige Mischung aus Wachen und Träumen falle. Den Frankfurter Freistoß, Grund für Nikolovs Ausflug, fängt Logan Bailly sicher ab. Erster Blick nach vorne: Das Tor ist leer. Zweiter Blick: Wen kann ich anspielen? Dritter Blick: Da ist niemand. Also legt sich Bailly den Ball einfach selbst vor, stürmt unaufhaltsam aus dem Strafraum, hinein in die Zone, wo Torhüter keine Torhüter mehr sind, sondern einfach nur Fußballer. Mein Kopf ruft blitzschnell ein YouTube-Video auf und mit jedem Schritt, den sich Bailly der Mittellinie nähert, läuft auch Bremens Diego näher aufs Aachener Tor zu, im April 2007. Ich sehe ihn 62,5 Meter vor dem Kasten abziehen. Vor meinen Augen, in der Commerzbank-Arena, macht sich auch Logan Bailly bereit. Noch fünf Sekunden bis zum Tor des Jahrhunderts. Noch fünf Sekunden bis zum ersten 40-Meter-Solo eines Keepers, das er mit einem Schuss von der Mittellinie ins leere Tor vollendet. Doch die Landung in der Realität fällt hart aus. Womöglich hatte Logan Bailly dasselbe YouTube-Video im Kopf und war abgelenkt. Sein Schussversuch erinnert an das Halbzeitspiel, bei dem Frankfurt-Fans vom Mittelkreis ohne Bodenberührung des Balles ins Tor treffen mussten und sich dabei höchst suboptimal anstellten.

Also fahre ich die Erwartungshaltung eine Schiene runter und blicke stattdessen auf Karim Matmour, der sich liebevoll um Baillys verunglückten Versuch eines Jahrhunderttores kümmert. Zuvor hatte er noch liebevoller darauf geachtet, bloß hinter dem letzten Frankfurter zu bleiben, um nicht im Abseits zu stehen. Als er den Ball nach langem Sprint über die Linie des leeren Tores drückt, holt ihn Regel 11 jedoch abrupt auf den Boden der Tatsachen zurück. Genau wie Tausende Fans, die lauthals Dinge wie „Abseits? Nie im Leben!“ durch die Gegend schreien. Hier nochmal zur Erinnerung (auch für mich selbst, einer von Tausenden): „Ein Spieler befindet sich in einer Abseitsstellung, wenn er der gegnerischen Torlinie näher ist als der Ball und der vorletzte Gegenspieler.“ So ist es.

“Falling down” – das Ende einer Erfolgsfahrt

Nach einem kurzen Schlag vor die Stirn à la „Wie konnte ich das vergessen?“ rückt jedoch schlagartig die Freude in den Vordergrund, als der Schlusspfiff ertönt. Nach 13 Jahren siegt die Borussia wieder zweimal hintereinander auswärts. Bekanntlich schreibt man Zahlen nur bis zur Zahl zwölf Buchstabe für Buchstabe aus. Dass das bei der Spanne zwischen 1996 und heute schon nicht mehr angebracht ist, zeigt bestens, wie lange 1996 eigentlich her ist.

Ich war damals sieben, mein Bruder zehn. Jetzt sitzen wir gemeinsam im Zug von Mainz nach Koblenz. In Koblenz steigen wir in den Zug nach Köln und haben das große Glück, mit all denen zu reisen, die sich am Samstagabend ins Kölner Nachtleben stürzen. Zwei Jungs, zwei Mädchen treiben mich mit ihren Tröten und Partyhütchen zur Weißglut. Wobei Partyhütchen zum Glück keine Geräusche machen, die Michael Douglas, säße er in diesem Zug, mit Sicherheit an seinen Film „Falling Down – Ein ganz normaler Tag“ erinnern würden. Aber mit drei Punkten im Gepäck ist Michael Douglas ganz weit weg, das Fell trotz Müdigkeit so dick wie die Stapel von Teppichen im Möbelhaus.

In Köln, die letzte Etappe steht kurz bevor, muss der Zug ein paar Minuten warten bis zur Abfahrt. Drei Kumpels stehen wartend an der Tür. Über ihnen blinkt alle paar Sekunden das rote Licht. Die Tür will zu, doch Kumpel Nummer vier fehlt noch. Dann hechtet er endlich die Treppen hoch, rettet sich mit einer McDonald’s-Tüte unterm Arm in den Waggon. Es ist Heiner. Sein innerer Countdown steht mittlerweile bei einer Stunde. Dann ist die Altstadt erreicht. Das Ende des Tages oder vielmehr der Nacht noch lange nicht. Hoffentlich genauso wenig wie der Lauf, der der Borussia etwas beschert hat, das man vielleicht nicht „historisch“ aber zumindest „äußerst selten“ nennen kann: zwei Auswärtssiege in Folge.

Es dreht sich weiter

Ein unnormal-normaler Abend in der Veltins-Arena.

Zu den meistzitierten Sätzen der letzten Tage gehörte zweifellos einer, den Bischöfin Margot Käßmann erstmals in der Marktkirche von Hannover in den Mund nahm, und den DFB-Präsident Dr. Theo Zwanziger in seiner Trauerrede am darauffolgenden Sonntag wiederholte: „Fußball ist nicht alles“. Kaum jemand hätte dies nicht unterschrieben.

Ortswechsel, gestern Abend auf Schalke. Der Novemberwind vor der Veltins-Arena bläst nicht frostig, aber äußerst kräftig. Krampfhaft verstecken ein paar Zeitschriftenverteiler ihre Köpfe zwischen den hochgezogenen Schultern. In ihren Händen halten sie das offizielle Programmheft des DFB. Stapelweise. Auf dem Titel finden sich keinerlei Hinweise auf ein Länderspiel, das in wenigen Minuten im vergleichsweise wohligen Inneren der Arena angepfiffen wird. Ganz in schwarz-weiß blickt Robert Enke vom Cover. Ebenfalls etwas fröstelnd, aber dennoch ziemlich zuversichtlich.

Auch die ersten Seiten des Heftes stehen ganz im Zeichen der Ereignisse, die mit dem Abend des 10. November begannen und am Vormittag des 15. so etwas wie einen Abschluss fanden. Zumindest ist seitdem eine Art Abebben zu vermerken. Langsam, aber sicher. Ein Übergang von Trauer zu Verarbeitung. Wie so oft hat der Abschied von einem Menschen am Tag seiner Beisetzung genauso aufgerüttelt wie die Nachricht von seinem Tod. Ähnlich stark, aber dennoch anders.

Auf Seite drei begrüßt DFB-Präsident Zwanziger die Zuschauer. Viermal fällt der Name Robert Enke, zweimal ist von der Elfenbeinküste die Rede. Doch Nachzählen taugt in diesem Fall kaum, um realistisch darzustellen, in welchem Verhältnis die beiden Schwerpunkte wirklich stehen. Auf der einen Seite ein Fußballspiel, auf der anderen der Tod eines Mannes, der zu den aussichtsreichsten Kandidaten gehörte, in Südafrika für die deutschen Nationalmannschaft im Tor zu stehen.

Auf Seite sieben hat der DFB den Abschiedsbrief der Mannschaft an Robert Enke gedruckt. Schon mittags war er beispielsweise im Videotext zu lesen. Worte, die erneut aufrütteln. Die Seiten acht, neun, zehn und elf – eine Zusammenfassung der Ereignisse; Michael Ballack und Per Mertesacker; Oliver Bierhoff, Joachim Löw und Jürgen Klinsmann; ein Meer aus Kerzen; Franz Beckenbauer, Steffi Jones und Wolfgang Niersbach; Robert Enkes Mannschaftskameraden von Hannover 96. Auf Seite zwölf steht es erneut: „Fußball ist nicht alles“. Zwanzigers Rede im Wortlaut. Und auf den Seiten 14 und 15 sagt Landesbischöfin Margot Käßmann sinngemäß: „Fußball ist nicht alles“.

Dann weht der erste Hauch von Normalität durchs Schalker Stadion. Viele Anhänger der Königsblauen haben es wohl noch nie so leer gesehen. Gegen den FC Gomel in der ersten Runde des UEFA-Cups kamen einst 52.400. Nur 33.000 Zuschauern schweigen diesmal vor dem Spiel in Gedenken an Robert Enke. Allein die Klänge von „You’ll never walk alone“ sind zu hören. Auf dem Videowürfel läuft so etwas wie ein Best of Robert Enke. Paraden gegen Bayern, Paraden gegen Schalke, Paraden gegen Berlin – in diesen drei Minuten wirkt der Torwart unbezwingbar.

Nach den Nationalhymnen und dem Anpfiff äußert sich die endgültige Rückkehr der Normalität auf ganz banale Weise. Es ist, als habe sich jemand mit Schwung den Fußball-Globus gegriffen, auf dass er sich wieder drehen möge. Philipp Lahm empfängt von den Rängen ersten Hohn, als sein Rückpass mit dem Kopf viel zu kurz gerät und der Heber der Ivorers auf der Latte landet. Manch einer im Publikum scheint auf primitive Weise signalisieren zu wollen, dass es weitergeht. Kehrtwenden klappen wohl am besten, wenn sie abrupt und entschlossen erfolgen. Zu diesem Zeitpunkt steht es bereits 1:0 für Deutschland. Als sollte Fußball-Deutschland behutsam an den ersten offiziellen Moment der Freude seit Tagen herangeführt werden, musste es ein Elfmeter richten. Vom Punkt ist der Erfolg schließlich absehbar und jeder darf ein paar Sekunden lang stumm für sich abwägen, wie er diesen Moment begehen will.

Eines der kuriosesten Tore der letzten Jahre beschert Manuel Neuer in Hälfte zwei den Applaus der eher bescheidenen Masse, sobald einer seiner Abschläge nicht irgendwo an einem Ivorer landet, so dass dieser trotz des Erfolgserlebnisses behandelt werden muss, sondern der Ball es bis an die Mittellinie schafft. Toleranz und Zurückhaltung äußern sich anders. Und so wird Manuel Neuer zum leidtragenden Ventil von Tausenden, die die Tristesse der vergangenen Tage auf eigenartige Weise entweichen lassen. Spätestens als die Elfenbeinküste in Führung geht und sich die nächste Enttäuschung des Länderspieljahres anbahnt, droht die Stimmung auf wenig erheiternde Art und Weise zu kippen. Die Nachspielzeit läuft und in der Veltins-Arena herrscht dicke Luft, die voll und ganz auf ein Pfeifkonzert hindeutet. Mal wieder. Das erste hat es da bereits gegeben. Mario Gomez kam und vermutlich wollte er schon Sekunden später wieder gehen.

Doch wie schon vor einem Monat gegen Finnland wendet Lukas Podolski das größte Unheil ab. Vielfach wird er dafür kritisiert, dass ihm wenig gegen die Großen des Weltfußballs gelingt. Gefühlt besitzt sein Tor zum 2:2 in der dritten Minute der Nachspielzeit jedoch einen ähnlichen Wert wie ein goldener Treffer im Viertelfinale einer WM. Was Sekunden zuvor noch unaufhaltsam in die eine Richtung schwappte, schwappt nun ebenso so heftig zurück. Die 33.000 applaudieren. Im Hintergrund beschwichtigt die Unplugged-Version von „54, 74, 90, 2010“ die Unzufriedenheit. Es hat den Anschein, als falle mit dem Abpfiff von allen eine Last ab. Als seien sie davon übermannt worden, wie schnell und vehement sich die Fußball-Welt weiterdreht, sobald man ihr den ersten Anstoß verpasst.

Auf Seite 86 hat das Portal “fussball.de” eine große Anzeige geschaltet. Rechts daneben fliegen Amateurkeeper durch die Luft, bugsieren schier unhaltbare Bälle noch über die Latte. Das Programmheft hat seinen Kondolenzcharakter an dieser Stelle längst abgelegt. Dennoch verstört ein Slogan auf der Werbeanzeige gewaltig. In Großbuchstaben, weiß auch schwarz ist dort zu lesen: „Weil Fußball alles ist“. Wahrscheinlich muss man an diesem Abend nicht alles verstehen.

Wenn eine Schublade fehlt

Zum Tod von Robert Enke.

Unsere Lebenserfahrungen sind ein Aktenschrank. Mehr oder minder sorgfältig ordnen wir sie in Schubladen ein, beschriften sie – und greifen darauf zurück, wenn es notwendig wird. Entweder übernehmen wir die Erfahrungen dann als Leitfaden, hangeln uns an ihnen entlang wie an einem Seil auf einer wackligen Hängebrücke. Oder aber wir setzen den Tipp Ex an, radieren hier und da ein bisschen herum, machen Notizen am Rand, um es dieses Mal noch einen Tick besser zu machen.

Fußball-Fans, der DFB, die Medien, prinzipiell alle, die sich in irgendeiner Weise betroffen fühlen, haben am Dienstagabend die Erfahrung gemacht, dass ihnen eine wichtige Schublade fehlt. Eine Schublade, in die sie den Tod von Robert Enke irgendwie einordnen könnten. Eine Schublade, die ihnen konkret mitteilt, was nun richtig, falsch oder auf gewisse Weise beides ist. Denn es gibt keinen vergleichbaren Fall. Und so musste eine Fußball-Nation, in weiten Teilen eine ganze Gesellschaft nun wie wild im Aktenschrank ihrer Lebenserfahrungen wühlen. Sie musste sich notdürftig einen Flickenteppich aus möglichen Verhaltensweisen zusammennähen, um sich letztendlich zu großen Teilen doch auf ihre Intuition und ihren – zumeist gesunden – Menschenverstand zu verlassen.

Als im März 15 Menschen beim Amoklauf von Winnenden starben, sah das anders aus. Fast genau sieben Jahre zuvor hatten die Ereignisse am Gutenberg-Gymnasium in Erfurt in unseren Köpfen eine Schublade kreiert, aus der wir uns nun wieder bedienen konnten. Dieselben Fragen und Erklärungsversuche wurden erneut aufgewühlt. Dieselbe Art der Erschütterung ging durchs Land. Und erneut mussten wir feststellen, wie hilflos wir doch sind.

Was 2002 in der Berichterstattung über Erfurt falsch gelaufen war, konnte in Winnenden korrigiert werden. Johannes B. Kerner wird realisiert haben, dass er diesmal besser keinen 11-jährigen Augenzeugen in seine Sendung einlädt. Andererseits sorgten gewisse Handlungen in der Medienbranche für heftige Kritik. Fotos der Opfer wurden ohne Rücksicht auf Persönlichkeitsrechte aus sozialen Netzwerken kopiert und – noch gravierender – ohne Zustimmung in der Zeitung veröffentlicht.

Die Tragik des Selbstmords von Robert Enke mag zwar in einem anderen Verhältnis stehen. Die Mechanismen, die in der Folge eines solch überraschenden wie erschütternden Ereignisses in Gang gesetzt werden, unterscheiden sich jedoch nicht allzu sehr. Wo endet der Informationsbedarf der Öffentlichkeit? Wo beginnt die Sensationslust? Die Grenzen verschwimmen. Alle Welt tappt durch eine neblige Grauzone, sieht kaum die Hand vor Augen. Wer Woche für Woche, oder besser Spieltag für Spieltag eine gewisse Form der Sehnsucht auf einen Torwart wie Robert Enke, eine Person des öffentlichen Lebens, projiziert hat, der besitzt zumindest ein oberflächliches Recht auf Erklärung. Ohne anmaßend zu sein, ist die Stellung eines Nationalspielers in der Gunst des öffentlichen Interesses eine andere als die unserer Nachbarn, Metzger oder Briefträger. Neustadt-Eilvese, Suizid, schwere Depressionen, 2003, Abschiedsbrief – das sind die Oberbegriffe dessen, was wir wissen, und worauf wir ein Anrecht haben. Insofern es so etwas überhaupt gibt. In etwa hier dürfte die besagte Grenze verlaufen.

Die letzten knapp 48 Stunden haben gezeigt, dass es einfach keinen goldenen Weg der Bewältigung gibt. Wir wissen, dass der Handlungsspielraum die Absage eines Länderspiels beinhaltet. Gleichzeitig endet er ein paar Meter vor dem, was beispielsweise Johannes B. Kerner gestern Abend in einer überflüssigen Sondersendung fabrizierte. Doch auch Gegenteiliges stößt nicht nur auf Zustimmung. Für seine wohltuende Berichterstattung – oder auch Nicht-Berichterstattung – musste sich „11Freunde“ Vorwürfe der Doppelmoral gefallen lassen. Kritik stößt wiederum selbst auf Kritik. Die Meinungen prallen aufeinander, weil jeder eine Erklärung sucht. Möglichst die beste von allen.

Wir sollten uns, zumindest bevor überhaupt auch nur ein einziger Grashalm über die Ereignisse gewachsen ist, eingestehen: Wir haben keine Erklärung dafür. Ähnlich lauteten die Worte von Johannes Rau auf der Trauerfeier zum Amoklauf von Erfurt. Einfach inne halten, das mag zunächst den Eindruck erwecken, dass man verdrängt. Dabei ist es an Tagen wie diesen die angemessenste aller Lösungen. Ruhe in Frieden.

Biermanns Suche nach dem perfekten Spiel

Im Rahmen seiner Lesereise zum Buch „Die Fußball-Matrix“ war Christoph Biermann zu Gast im Dortmunder FZW. Mit Spieleanalytiker Christofer Clemens holte sich der Journalist und Autor einen starken Partner ins Boot. Doch trotz dessen Hilfe bleibt das perfekte Spiel weiter unentdeckt.

Ein Ordner für den „Spiegel“, ein Ordner für die „taz“, ein Ordner für „11Freunde“. Im Laufwerk des Laptops von Christoph Biermann geht es wohlgeordnet zu. Kein Wunder, denn „einer der besten deutschen Fußballautoren“, als den ihn das Magazin „11Freunde“ Ausgabe für Ausgabe unter seiner Kolumne preist, muss irgendwie den Überblick behalten. Von Krise ist keine Spur. Derzeit befindet sich der 49-Jährige auf Lesereise und „auf der Suche nach dem perfekten Spiel“. So lautet der Untertitel seines neuesten Werkes „Die Fußball-Matrix“, das er am Montagabend im Dortmunder FZW vorgestellt hat.

Während andere Fußballautoren virtuos über ihre Liebe zum Spiel schreiben, wie echte Zehner, die scheinbar mit dem Ball über das Spielfeld schweben, dann ist Christoph Biermann ein Typ Sechser. Bis aufs Detail seziert er – mit nicht minder großer Zuneigung – die Seele des Sports. Er verteidigt und er greift an. Eine Schaltzentrale zwischen den Genres. Eben einer der besten. Mit einem Zitat von Martin Walser pfeift Biermann die Partie im FZW an. „Sinnloser als Fußball ist nur noch eins: Nachdenken über Fußball“, hat der Schweizer einmal gesagt. Anlass genug, diese Aussage 90 Minuten lang beherzt zu revidieren. Denn exakt so lang dauert ein Leseabend mit dem Spiegel-Mitarbeiter, Taz-Kolumnisten, Süddeutsche-Korrespondenten, Einslive-Experten und 11Freunde-Autor, der „Fast alles über Fußball“ weiß.

Da Biermann kein Mann für ausschweifende Monologe ist, dafür blendend Fragen stellen und noch besser zuhören kann, hat er sich Besuch auf die Bühne geholt. Christofer Clemens arbeitet für den Fußball-Dienstleister „Mastercoach International“ und ist Mitglied des DFB-Trainerstabs. Der Name der Firma umschreibt seine Aufgaben eigentlich zu Genüge. „Coachen“ ist seine Aufgabe – also verbessern, anregen und analysieren. Das alles auf „Master“-Niveau und international, also weit über die Grenzen des deutschen Fußballs hinausgehend.

Wenn die Nationalmannschaft sich ab heute auf die letzten beiden Länderspiele des Jahres vorbereitet, bedeutet das für Clemens wieder haufenweise Arbeit. „Die Spieler schauen sich prägnante, kurze Ausschnitte an, die zeigen, was die gegnerische Mannschaft ausmacht“, erzählt der Spieleanalytiker. Böse Überraschungen sollen so minimiert werden. Was jedoch nicht immer funktioniert, siehe das Russland-Spiel. „Auch Arne Friedrich und Jerome Boateng war klar, was ein Bystrov auf der linken Seite bewirken kann“, sagt Clemens. Dass man Erfolg nie garantieren, aber die Wahrscheinlichkeit erhöhen kann, darin sehe er den Reiz seiner Arbeit.

Gemeinsam mit Biermann gewährt der DFB-Coach Einblicke in die Errungenschaften der Spielanalyse. Einmal wuseln rote und weiße Kreise wie elektrisierte Oblaten über den Platz. Plötzlich landet die kleinste Oblate im Tor. Bayern hat gegen Bayer getroffen, oder doch Bayer gegen Bayern? So genau muss man das erst einmal feststellen. Wenig später lässt Clemens die Zahlen spielen. Während manch einer es liebt, die Zusammenhänge des Brotverzehrs einer Stadt in Relation zum Erfolg des heimischen Teams zu stellen, hat das Wirrwarr in den Tabellen des „Mastercoaches“ einen sittlichen Nährwert. Beim Spiel der Argentinier in Frankreich befand sich Lionel Messi exakt 2 Minuten und 12 Sekunden in Ballbesitz. „Ein überragender Wert“, weiß Clemens. Woher er das weiß? „Ein durchschnittlicher Bundesligastürmer kommt pro Spiel gerade einmal auf 40 bis 50 Sekunden.“

Die Abspiele pro Schuss, der Abstand zwischen zwei Läufen hoher Intensität – nichts bleibt mehr ungewiss. Knapp drei Minuten bleiben einem Spieler nach einer Tempoverschärfung bis zur nächsten. Ob das nun viel oder wenig ist, wird wohl allein eine Einheit auf dem Sportplatz beantworten können. Schnell laufen, drei Minuten Pause, schnell laufen und das über 90 Minuten. Selbst ein Amateur komme auf acht, neun Kilometer pro Partie, verrät Clemens, bei der WM 2006 Co-Autor von Jens Lehmanns legendärem Zettel.

Ob die ganzen Daten nicht irgendwann einen „Overkill“ bei den Spielern verursachen würden, will Biermann wissen. „Nein“, meint sein Gesprächspartner. „Die sind alle im digitalen Zeitalter aufgewachsen.“ Im Gegenteil seien es die Profis selbst, die nachhaken und ihre Werte anschauen. Anders als Karl-Heinz Rummenigge es in die Welt gesetzt hat, ist Fußball auf diese Weise manchmal doch Mathematik. „Früher, also vor zwei Jahren“, erklärt Clemens schmunzelnd, „brauchte ein Bundesligaspieler 1,6 bis 2 Sekunden, um den Ball weiterzuspielen. Arsenal dagegen nur 1,0.“ Wenn man bedenke, dass 0,05 Sekunden genügen, um eine Fußspitze schneller am Ball zu sein, sei das schon ein Quantensprung.

Zum Schluss kommen sogar Verschwörungstheoretiker auf ihre Kosten. Eine simple Excel-Tabelle bringt den Stein ins Rollen. Biermann zeigt den Kader der deutschen U15-Nationalmannschaft, nach Geburtsdaten geordnet, und verweist nach ganz unten. Dort steht der Name von Kevin Holzweiler, Borussia Mönchengladbach, geboren am 16. Oktober 1994. Damit ist der 15-Jährige der einzige, der im letzten Quartal des Jahres das Licht der Welt erblickt hat. „Siebzig Prozent aller Spieler bei der U17-WM sind sogar im ersten Quartal geboren“, wirft Clemens, gerade erst zurück aus Nigeria, die nächste Zahl in den Raum, die nur auf den ersten Blick ein Fall für das NEON-Buch „Unnützes Wissen“ zu sein scheint. Denn tatsächlich sorgt der Jahresbeginn als Stichtag für die frappierende Ungerechtigkeit. Früher wurden die Jahrgänge parallel zum Saisonbeginn getrennt. Drei von vier Ehrenspielführern des DFB seien im letzten Quartal geboren, sagt Biermann. Nur ein Lothar Matthäus tanzt im März aus der Reihe.

In letzter Instanz fündig geworden „auf der Suche nach dem perfekten Spiel“ sind die beiden auch an diesem Abend nicht. 2006 hätten mit Deutschland, Italien, Frankreich und Portugal durchweg gut organisierte Mannschaften das WM-Halbfinale erreicht, blickt Clemens zurück. Spanien habe deshalb bei der EM 2008 Handlungsmöglichkeiten in der Offensive geschaffen und sei dafür belohnt worden. Wer nach dem perfekten Spiel sucht, muss also auch immer berücksichtigen, was er bereits vor ein paar Jahren gefunden hat. Somit variieren die Erkenntnisse von Zeit zu Zeit. Und wir stellen erleichtert fest: Der Fußball-Globus wird sich weiterdrehen. Trotz Wusel-Oblaten und Messis 132 Sekunden.

Im Zweiten wird’s wohl besser – 12. Akt:
Ein Schuss, kein Tor, Borussia

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Gladbach 0:0 Stuttgart – keine Tore, eine Wunderheilung, eine Chronik des Nichts, viel Licht, wenig Schatten und ein Deal mit dem Schicksal.

Die Nordkurve steht, unten wie oben. Minutenlang peitscht das „Mönchengladbach Olé“ von den Rängen wie bei einer Bahnhofsdurchfahrt eines ICE in Mülheim-Styrum. Es ist wieder Leben drin bei der Borussia. Gegen Köln sei das phasenweise auf den Rängen schon so gewesen, sagen die, die da waren. In Hamburg wurde die Hansestadt binnen 90 Minuten zur niederrheinischen Jubel-Exklave. 6000 erlebten es hautnah. Nun stimmt das Verhältnis von Sturm und Drang wieder auf beiden Seiten – am Samstagnachmittag bei 47000 neben und elf auf dem Platz.

Das Spiel gegen den VfB Stuttgart hat bloß einen einzigen, aber dennoch entscheidenden Haken: Für den DFB sind bei der Erstellung der Bundesliga-Tabelle ausschließlich Tore relevant. Fallen keine, hätte man es sich praktisch sparen können, die Stadiontore aufzuschließen. All die Bratwürste wären nicht verkauft worden. Kein Busfahrer hätte sich hinters Steuer setzen und zwischen Bahnhof und Borussia-Park pendeln müssen. Niemand hätte sich an irgendwelche Ritualketten gehalten, um sich im Notfall keine Vorwürfe zu machen. Kein Medienvertreter wäre gekommen. Thomas Gottschalk hätte noch ungenierter überziehen können, weil das Aktuelle Sportstudio weniger Sendezeit benötigt hätte.

Doch paradoxerweise macht ja genau dies den großen Reiz des Fußballs aus. Man investiert fünf Stunden seines Lebens, freut sich tagelang auf ein Spiel, fährt am Ende schweißgebadet und völlig aufgewühlt nach Hause – obwohl letztendlich rein gar nichts passiert ist. Auf ein 0:0 hätte man sich schließlich bereits im Vorfeld einigen können. Weniger Ausstoß von Treibhausgasen durch den VfB-Bus. Größere Lebenserwartung. Kein Müll auf den Straßen. Aber das wollen wir nicht. Wir wollen leiden, zur Not auch für nichts. Es ist Fußball mit 90 Minuten, ein bisschen Nachspielzeit und einem absehbaren Ende. Kein Eishockey, wo in den Playoffs unter Umständen so lange gespielt wird, bis Kinder, die in der ersten Drittelpause gezeugt wurden, noch vor dem Sudden Death das Licht der Welt erblicken.

Und so sieht sie dann aus – die Chronik der Null auf beiden Seiten:

0. Minute
Es pfeift Schiedsrichter Günter Perl. Dreht er sich nach rechts, hat er den Schalk im Nacken – und schaut seinem anderen Assistenten Maier ins Gesicht.

7. Minute:

Dante macht den Long-Distance-Colautti und schickt Reus auf die Reise. Der 20-Jährige hat keine Lust auf eine Kopie seines Treffers zum 1:1 beim HSV. Kein Lupfer diesmal, dafür ein Schlenker und ein Linksschuss, der am rechten Pfosten vorbeitrudelt.

8. Minute:
Friend probiert sich als Reus-Double, kommt nicht in den Recall. Stattdessen schnappt sich Matmour – für den verletzten Bobadilla in der Startelf – den Ball und kopiert die vorhergegangene Chance mit Bravour. Hält den gelben Zettel mit Honigkuchenpferd-Grinsen in die Kameras.

9. Minute:
Eine Arango-Ecke vollendet den Chancen-Hattrick zum Auftakt. Brouwers verlängert auf den langen Pfosten. Dort sind sich Bradley und Friend uneinig, berufen einen Nordamerika-Gipfel ein. Bradley, Amerikaner, behauptet, dass Friends Heimatland, Kanada, in Wirklichkeit doch nur der 51. US-Bundesstaat sei. Stalteri soll schlichten, trifft verletzungsbedingt jedoch erst in der 11. Minute am Ort des Geschehens ein. Mittlerweile ist die Kopfballverlängerung von Brouwers dahingesiecht.

17. Minute:
Levels hat seine berüchtigten fünf Fußballgott-Sekunden. Lässt nach einem langen Ball Boka stehen, der ihm hinterher blickt wie ich zu Schulzeiten der Buslinie 071. Erst nach sechs Sekunden erreicht er den Strafraum, wird wieder geerdet und passt schlampig auf Friend zurück. Immerhin Ecke.

18. Minute:
Reus kommt nach der Hereingabe von Außen zum Schuss, zieht sich im Zuge einer Luftverwirbelung eine Blessur zu. Wenn Spieler am Boden liegen und vor Schmerzen auf den Rasen schlagen, dann ist das entweder kein gutes Zeichen oder eine neuartige Marotte. Reus plädiert für Ersteres und humpelt vom Platz. Sieht nicht gut aus. Frontzeck schickt Neuville, Lamidi und Colautti zum Warmmachen.

19. Minute:
Pogrebnyak hat nach Vorarbeit von Hitzlsperger die VfB-Führung auf dem Fuß. Der Russe nimmt den rechten statt den linken und sieht dementsprechend schlecht aus. Als Reus zurückkehrt, hat sich an seinem lädierten Laufstil noch nichts geändert.

21. Minute:
Reus winkt mit schmerzverzerrtem Gesicht in Richtung Bank wie Frank-Walter Steinmeier nach der Bundestagswahl im Willy-Brandt-Haus in die Menge.

22. Minute:
Frontzeck droht mit Colautti.

23. Minute:
Im Fuß von Marco Reus spielt sich ein Wunder der Medizin ab. Humpelnd wagt er den Antritt gegen drei Stuttgarter. Delpierre will sich aus Mitleid schon mustern lassen und Zivildienst leisten, da hört das Humpeln plötzlich auf. Reus ist vorbei an Gott und der Welt, zieht von der Strafraumgrenze ab. Haarscharf vorbei! Drohung geglückt. Colautti zieht sich wieder an.

36. Minute:
Die Wunderheilung aus der 23. Minute lähmt scheinbar das Spielgeschehen. Stuttgart tendiert zu Parteiball, Gladbach hält sich politikverdrossen aus der Angelegenheit raus. Es passiert wenig.

41. Minute:
Hitzlsperger stellt seinen Spitznamen „The Hammer“ pantomimisch dar. Um mehr Eindruck zu schinden, tätowiert er ihn obendrein auf Friends Allerwertesten, der den Schuss in höchster Not abblockt.

43. Minute:
Der VfB arbeitet sich in der Torschuss-Statistik vor. Da darin alles vermerkt wird, was mit der Intention abgegeben wurde, ein Tor zu erzielen, fließen auch die etlichen Field-Goal-Versuche ein. Das Netz wackelt ein ums andere Mal. Zumindest das Fangnetz.

45. Minute:
Reus arbeitet nach langer Zeit wieder am Chancenkonto. Marin-like zieht er von links in den Strafraum, in der Mitte lauert Matmour. Boka klärt in letzter Sekunde von der Torlinie in Lehmanns Arme (der sich mit Sicherheit über seine erste Erwähnung freut). Manch einer fordert einen indirekten Freistoß. Doch noch ist es nicht strafbar, es in Kauf zu nehmen, dass ein Klärversuch rein zufällig die Arme des Torhüters findet.

45. Minute +1:
Jens Lehmann, dem Fast-Vierziger, passt es gar nicht, dass er in Hälfte eins so selten erwähnt wird. Nachdem Reus im Strafraum zu Boden gegangen ist, ergreift der Zettelkönig der Nation kurzerhand ein paar Erziehungsmaßnahmen. Das asyndetische Trikolon aus der Nordkurve ist ihm sicher. Hier in der FSK 12-Version: „Afteröffnung, Masturbierender, Sohn einer Prostituierten“.

48. Minute:
Und immer wieder Marco Reus. Die Borussia beginnt wie in der ersten Halbzeit – druckvoll, erobert schnell den Ball und spielt noch schneller nach vorne. Genauso schnell wie Matmour auf Arango gepasst hat und dessen Flanke in den Strafraum gesegelt ist, hat sich Reus für den falschen Fuß entschieden. Mit rechts ist ihm das 1:0 sicher. Mit links macht er dagegen den Pogrebnyak und vergibt die bislang dickste Gelegenheit des Spiels.

50. Minute:
Arango mit einem feinen Pass auf sich selbst – Bradley hatte im Abseits gestanden und zuvorkommend verzichtet. Die butterweiche Hereingabe des Venezolaners will Friend mit dem Kopf verwerten. Doch Lehmann rettet alles andere als greisenhaft mit einer Glanzparade. Den Nachschuss vergibt Marco Reus – trotzdem zusammen mit Dante bester Borusse.

53. Minute:
Apropos Dante. Aus gegebenem Anlass wird ihm die 53. Minute gewidmet. Die war noch frei. Der Brasilianer ist, so offen muss man das mal sagen, schlichtweg ein Tier, ein Typ und ein Teufelskerl. Läuft ab, was abzulaufen ist. Grätscht weg, was wegzugrätschen ist. Und ab und zu rauscht er eben auch bei Standards heran und stellt mit einem urkräftigen Kopfball klar, warum der Fußball nicht ohne Worte wie fulminant und furios auskommt.

57. Minute:
Am 19. September 2009 staubte Roberto Colautti um circa 15:47 Uhr zum 2:0 gegen 1899 Hoffenheim ab. Seitdem hat der Borussia-Park keinen Treffer seiner Namensgeberin mehr bejubeln dürfen. Macht mit dem Rest von Hoffenheim, den Spielen gegen Duisburg, Dortmund und Köln sowie den ersten 57 Minuten gegen Stuttgart insgesamt 400 Minuten. Chapeau.

63. Minute:
Jaurès hat nach 406 Heim-Minuten Torlosigkeit scheinbar die Schnauze voll. Mit seinem gefühlt ersten Torschuss, seit er für Gladbach spielt, verfehlt der Franzose aus 25 Metern den Kasten nur knapp.

70. Minute:
Wie schon im ersten Durchgang verflacht die Partie Mitte der zweiten Hälfte erneut. Stuttgart ist nicht wirklich in der Lage, selbst das Heft in die Hand zu nehmen. Dagegen bereitet der VfL – so hofft man zu diesem Zeitpunkt inständig – die Schlussoffensive vor.

71. Minute:
Neuville kommt für Matmour.

73. Minute:
Pogrebnyak sucht an der Strafraumgrenze seine Kontaktlinsen, merkt dann jedoch, dass er gar keine trägt. Aus Versehen stochert er den Ball zu Kuzmanovic, der mit Urgewalt den rechten Pfosten trifft. Schieber scheitert im Nachschuss. Vor lauter Chancen und ansehnlichem Fußball werden alle Borussen kurzzeitig geerdet und atmen durch.

79. Minute:
Hleb – völlig zu Recht bislang keine Erwähnung wert – schickt Pogrebnyak. Doch Bailly schaut sich die alt-sowjetischen Verbrüderungsversuche nicht lange an und hechtet aus dem Tor, als habe das ganze Stadion vehement die Dreieck-Taste eines geistigen Playstation-Controllers gedrückt.

86. Minute:
Letzter und, mal eben nachzählen, insgesamt zehnter Akt des Gladbacher Chancenreigens. Nach einem Einwurf köpft Bradley traumhaft in den Lauf von Reus. Doch der lässt gerade so viel Ungenauigkeit walten, um Neuville in die Hacken zu spielen. Übrigens einer von nur sieben Ballkontakten des Oldies. Ich will hoffen, dass man noch nicht wirklich das diagnostizieren muss, was man intuitiv diagnostizieren will, wenn man auf Neuvilles Alter blickt und ihn in den letzten Wochen spielen sieht. Wenn er denn mal darf. Falls sich dieser Eindruck bewahrheiten sollte, geht da wohl gerade die Identifikationsfigur der Borussia-Park-Ära ihrem sportlichen Ende entgegen. Fußballgott, lass’ es noch nicht so weit sein.

90. Minute + 1:
Aus. Ende.

Ergebnisse sind verhandelbar. Das hat bereits das letzte Wochenende in Hamburg gezeigt. Erst genügend Demut und Bescheidenheit zeigen, anschließend belohnt werden. Vielleicht lässt sich dieser Deal ja auf den Rest der Saison oder zumindest der Hinrunde ausweiten. Man nehme den Trend der Spiele gegen Wolfsburg, Köln, Hamburg, Stuttgart und konstatiere erst einmal: Der VfL ist wieder da. Nach dem eindeutigen Höhepunkt gegen den HSV stehen einem Punkt gegen den VfB eindeutig zwei verlorene gegenüber. Das ließe sich verkraften, wenn die Borussia ein Versprechen abgibt. Und versichert, dass Auftritte wie dieser – spielstark, dynamisch, hinten gut – kein Intermezzo sind. Anders noch als zu Saisonbeginn.

Im Zweiten wird’s wohl besser – 11. Akt:
Vom Glück geküsst

Gladbach Motivbild

Hamburg 2:3 Gladbach – ein Abenteuer, fünf Chancen, drei Tore, jede Menge Gerechtigkeit, noch mehr Heiserkeit und die “Brille der Erkenntnis”

Auswärts. Zweifellos eines der letzten Abenteuer unserer Zeit. Doch was verstehen wir eigentlich unter einem Abenteuer? Wer sich das Denken heutzutage sparen will, der gibt den Suchbegriff bei Google ein und sammelt Antwortmöglichkeiten. Um Wikipedia kommt man an der Spitze der Liste nicht mehr herum. Es folgen das Reisen, eine Seitensprungagentur, die Mathematik und der Regenwald.

So unterschiedlich alle Punkte auch sein mögen, sie verbindet etwas Entscheidendes: das Fremde, das Unbeschreibliche, das Überraschende. Ein gewisser Kitzel, der die Mathematik keineswegs ausschließt. Ein Abenteuer muss an sich keine verpönten Seiten haben, geschweige denn verbotene oder zu risikoreiche. Man muss sich schlichtweg darauf einlassen und abtauchen in eine kleine Parallelwelt. Wenig erwarten und viel bekommen.

Der Tauchgang beginnt am letzten Samstag um kurz nach sieben am Mönchengladbacher Hauptbahnhof. Müde und auf den ersten Blick nicht gerade voller Vorfreude streckt Nils mir seine Hand entgegen. Köln, Dortmund, Cottbus, München, Schalke, Bochum, Düsseldorf, Offenbach, Hamburg – und nun wieder Hamburg. Der Fußball macht einen zum Deutschlandreisenden, der kulturell, geografisch und historisch – analog zum bekannten Gesellschaftsspiel – in etwa so viel von seinem Land mitnimmt, als habe er einfach zwei Stunden vor einem Brett gesessen und farbige Pinöpel durch die Gegend geschoben. Oder Männekes, Figürchen, wie auch immer man Spielfiguren zwischen Flensburg und Berchtesgaden so nennt.

Als Entschädigung gibt es soziologisches Anschauungsmaterial en masse. Und mit ein wenig Glück noch drei Punkte oben drauf. Letzteres macht gerade dann einen besonderen Reiz aus, wenn man der Borussia aus Mönchengladbach durch die halbe Republik folgt. Die einen können alle Nebenflüsse des Neckars von der Quelle weg benennen. Am Niederrhein stellten die Auswärtssiege seit dem Wiederaufstieg 2001 eine ähnliche und lange Zeit leichtere Prüfung dar. Es dauerte nämlich fast acht Jahre, bis zwei Hände nicht mehr ausreichten, um alle Auswärtssiege in der Bundesliga seit der ersten Rückkehr aufzuzählen.

Dass Hamburg am Samstagabend erstmals seit Oktober 1994 wieder im Portfolio auftauchen sollte, ahnen Nils und ich am frühen Morgen vielleicht in unseren kühnsten Träumen. Die vergangenen Jahre haben demütig und bescheiden gemacht. Ein eigener Treffer, nicht zu viele für den Gegner – damit ließe sich doch ganz ordentlich leben. Zumal der HSV als Tabellenzweiter in die HSH Nordbank Arena lädt und noch immer ungeschlagen ist.

Letztes Jahr ging der Auftritt des VfL in Hamburg als größtes Bauprojekt seit der Errichtung der Chinesischen Mauer in die Annalen ein. Jos Luhukay bot praktisch neun defensive Feldspieler auf. Gleichzeitig erarbeitete sich Rob Friend den Ruf des einsamen Rangers, der fernab des Geschehens in der Prärie Holz hackt und den Ball nur aus Erzählungen seines Großvaters kennt. Und so lautet die einzige Zielvorgabe, als sich der Intercity den Weg von Münster in Richtung Norden bahnt: alles, nur nicht mauern; alles, nur nicht wieder ein Tor in der Anfangsphase, das gleich den Deckel zu macht.

Zu den wichtigsten Teilen des Abenteuers Auswärtsfahrt zählt zweifellos die Hinreise. Eine Floßfahrt über den Mississippi mit einem entflohenen Sklaven im Schlepptau ist rein gar nichts, wenn man stattdessen einen Kegelclub nach dem anderen auf seinem sicheren Weg ins Delirium beobachtet. Würden Studenten um kurz nach neun am Halterner Bahnhof stehen und sich Schnaps um Schnaps in Miniatur-Bierkrüge schütten, die um ihren Hals baumeln, hieße es sofort wieder: „Die Jugend von heute!“. Kegelclubs nennen das Brauchtumspflege und erhalten volle Rückendeckung. Nils und ich gehen die Sache dagegen etwas ruhiger an und versehen die ersten beiden Biere noch mit dem Hash-Tag „Genuss“. Wobei Nils, um sportlich zu werden, an diesem Morgen in gewisser Weise auch der Ruf des Konterfußballers anhaftet. Die Jugend von heute.

Als der Zug die Hamburger Stadtgrenze passiert, hat ein Altersgenosse eine echt essentielle Frage auf dem Herzen. „Wann fängt das Spiel heute eigentlich an?“, will er wissen. Seine Freundin hat dabei eine Kreditkarte in den Pupillen und über ihrem Kopf schwebt ein Notenblatt mit der Sex-and-the-City-Melodie. ‚Aha, Liebesurlaub kombiniert mit Shoppingtour’, denke ich mir. Um dann, als er mich nach dem Weg zum Stadion fragt, festzustellen: Nein, sie sind tatsächlich zum Fußball hier. Auch in Zeiten des fein durchpürierten Spielplans gibt es nicht allzu viele Möglichkeiten, wann ein Samstagsspiel beginnen könnte. Wenn ich nicht weiß, wann heutzutage die „Tagesschau“ beginnt, dann schaue ich zur Sicherheit mal um 20 Uhr nach. Denn da lief sie auch schon vor 15 Jahren, wenn ich vor dem „Ins Bett gehen“ kurz mit der Zahnbürste im Mund den Kopf aus der Badezimmertür steckte.

Kollege Rötten empfängt uns freudig am Bahnhof in Altona. Auf seiner Nase sitzt ein Metallgestänge, das er selbst als „Brille der Erkenntnis“ bezeichnet. Fliegerbrillen seien ja sowas von „out“. Also hat er kurzerhand die Gläser rausgehauen und trägt nun den Rest spazieren. Schlecht sieht es nicht aus, nur bescheuert. Übrigens kauft Rötten aus Prinzip auch kein Mineralwasser ein, weil es ja sowieso aus der Leitung kommt. Dafür gewährt er uns einmal mehr Asyl in seiner Hamburger Wohnung, in die er vor anderthalb Jahren vom Niederrhein gezogen ist.

Rund sieben Stunden sind wir mittlerweile auf den Beinen, haben ein paar schwarz-weiß-grüne Schals aber weder ein Stadion noch einen Fußball gesehen. Wo ich, oder vielmehr Google, vorhin schon beim Thema Seitensprung und Abenteuer war – beide haben eine Gemeinsamkeit. Der Höhepunkt ist im Vergleich zum Drumherum eher kurz. Um 13 Uhr in Hamburg-Altona steuern wir jedoch geradewegs drauf zu. Die Etappen, bevor wir uns auf den Weg Richtung Volkspark machen: Bierration, Mittagessen. Der Kioskbesitzer um die Ecke kann es kaum glauben, dass Rötten in Hamburg wohnt und einen Gladbach-Schal um seinen Hals trägt. „Aber im Herzen bist Du doch sicher trotzdem ein wenig…“ – „…St. Pauli-Fan“, vollendet Rötten den Satz zuvorkommend.

Jede Minute wächst derweil unsere Vorfreude. Langsam werden wir so heiß auf das Spiel, dass sich der Temperaturanstieg sicher auf einem Fieberthermometer bemerkbar machen würde. „Mir fällt gerade auf: Ich will hier doch etwas holen“, lasse ich die anderen daran teilhaben. Ihre Zustimmung fällt nicht gerade bescheiden aus. Auf dem Weg zum Stadion sammeln wir außerdem massenhaft Argumente für zumindest einen Punktgewinn. Hatten die HSV-Fans letztes Jahr noch durch Großzügigkeit, Milde und Bescheidenheit bestochen, hat sich das Blatt in nur einem Jahr eklatant gewendet.

Im Herbst 2008 war der HSV Vierter, übernahm durch den 1:0-Sieg gegen die Borussia sogar die Tabellenführung. Kein Wort der Überheblichkeit, keine Häme, rein gar nichts. Nun zeigen sich Ende Oktober 2009 erst ein paar Kinder auf der gegenüberliegenden Straßenseite ziemlich wagemutig. Dann fährt ein Radfahrer mittleren Alters Rötten an einer Ampel beinahe von hinten in die Beine. Den missglückten Anschlag versucht er mit der Gegenfrage zu legitimieren, was zur Hölle wir überhaupt hier wollen. „Gewinnen?“, biete ich ihm an (man merkt, das Astra wirkt langsam). „Wenn das [der Anschlagversuch, die Überheblichkeit; Anm. der Red.] mal nicht bestraft wird.“ (Ja, es wirkt, das Astra.)

Einen Fototermin, noch ein Astra und eine Pinkelpause später stürzen wir uns ins Geschehen in der HSH Nordbank Arena, früher AOL-Arena, noch früher Volksparkstadion, noch nie Uwe-Seeler-Stadion und bald Imtech Arena. Und so akribisch die HSV-Fans vor dem Spiel auch daran gearbeitet haben, meine Sympathien für ihren Verein zu schmälern, so sehr muss man sie für ihr Stadion und ihr Vorprogramm loben. Die Tribünen ragen noch steiler in den Himmel als in den meisten Arenen vom Reißbrett des 21. Jahrhunderts. Der weitgehend geschlossene Rundgang schafft Stadion-Atmosphäre à la Kino – nur ohne Samtvorhänge und wohlige Wärme. So wie man es in Zeiten der Retortenarchitektur eben liebt. Und auch für die Vereinshymne „Hamburg, meine Perle“ muss ich eine Lanze brechen, nachdem ich sie letztes Jahr noch als Lied bezeichnet habe, „dessen Metrum den Anmut und die Geschmeidigkeit eines Stückes Harzer Roller besitzt, eingewickelt in Schmirgelpapier“. Sorry dafür und Hut ab für die Live-Performance von Lotto King Karl sowie die Textzeilen „Du wunderschöne Stadt; Du bist mein Zuhaus’, Du bist mein Leben; Du bist die Stadt, auf die ich kann“.

Doch schon nach 13 Spielminuten schwappt die Schiffschaukel der Sympathie wieder in die andere Richtung. Pitroipa bedient Trochowski, der dafür sorgt, dass knapp 6000 Borussen noch bedienter aus der Wäsche blicken. Ich hatte vorher darum gebeten, „bitte nicht schon wieder in einer einstelligen Minute“ das erste Gegentor zu kassieren. Vielleicht hätte ich Primzahlen zwischen zehn und fünfzehn hinzunehmen sollen. Abenteuer. Mathematik. Jaja. Rötten führt die Rechnerei weiter und beginnt mit der exakten Aufschlüsselung, wie teuer solch ein Fußballspiel eigentlich ist. 36 Euro Eintritt, Bier, Essen – schnell ist er bei „circa einem Cent pro Sekunde“. Höflich erinnere ich ihn an unsere Anreise sowie das kostspielige Abendprogramm, das nach der Anfangsviertelstunde kräftig nach Frustabbau riecht.

Rund 15 Euro vergehen bis zur nächsten Richtungsänderung. Plötzlich läuft Reus frei auf Rost zu. Ein Lupfer, ein zappelndes Netz und ein Block ist in Aufruhr. Ich erleide mal wieder eine Tor-Amnesie, muss in der Pause erst einmal nachfragen, wer das Marin-Double auf die Reise zum Ausgleich geschickt hat. „Weiß ich auch nicht mehr“, offenbart meine Mutter ebenfalls einen Hauch von Gedächtnisverlust. Glück reduziert die Wahrnehmung eben aufs Wesentliche. Erstmals seit acht Auswärtsspielen hat Gladbach einen Rückstand ausgeglichen, das letzte Mal Anfang Mai in München, Endstand 2:1 für die Bayern.

Vor dem Spiel hatte uns eine junge Frau eine Hand voll After-Shave-Balsam-Proben in die Hand gedrückt. In der Halbzeit ruft das Gesicht bereits nach einer Erfrischung. Die Dame mit den Anträgen auf einen Organspendeausweis war derweil auf nicht so viel Resonanz gestoßen. Kein Wunder, schließlich dürfte aus dem Leib derart leidgeprüfter Fußballfans im wahrsten Sinne nicht mehr viel rauszuholen sein. Spätestens die nächste Dreiviertelstunde soll tausenden Fans ihre Spendetauglichkeit endgültig rauben. Noch ahnt es niemand.

Glück hat viele Eigenschaften. Es ist groß und klein, kommt plötzlich und kann genauso schnell vergänglich werden. Letztere Eigenschaft verschafft sich nur zwei Minuten nach der Halbzeit Gehör. „Wenn der rein geht, werde ich zum ersten Mal in meinem Leben einen Bierbecher schmeißen“, kündige ich drastische Konsequenzen an. Zé Roberto legt sich den Ball zum Freistoß zurecht. Dann zeichnet er mit der Schusskurve kurzerhand die Westküste Australiens nach. Der Ball prallt von der Latte ins Tor. Entrüstet stehe ich auf, will flüchten. Mindestens bis Australien. Mit so viel Wut im Bauch, dass ich sogar den Becherwurf vergesse. Mein Weg führt mich jedoch nur auf den Ort der Stille. Entweder hat die Hälfte aller Auswärtsreisenden gerade den erneuten Führungstreffer verpasst oder aber Zé Roberto hat einen wahren Exodus eingeleitet. Alle Geschäfte sind bis auf weiteres vertagt. Stattdessen werde ich am Handy ein paar Flüche los, um nach gut 50 Minuten wieder da weiter zu machen, wo wir nach 13 bereits angelangt waren.

Ich mag Leberwurst nun wirklich nicht gerne. Aber wenn die nächste deutsche Metzgerei mehrere tausend Kilometer entfernt ist, überkommt mich nach einiger Zeit die Lust auf ein simples Brot mit mindestens zwei Zentimetern Leberwurst. Ähnliches trifft auf mein Verhältnis zu Karim Matmour zu. Spielt er, schreie ich nach seiner Auswechslung. Spielt er nicht, schreie ich nach seiner Einwechslung. Manch einer mag das inkonsequent nennen. Aber nach einer knappen Stunde beim HSV setzt das Leberwurst-Gefühl wieder ein. Wenige Minuten später wird mein Wunsch erhört. Frontzeck nimmt Colautti runter und bringt Matmour. „Wenn der den Colautti noch eiiinmaaal von Beginn an bringt, dann…“, suche ich nach einer geeigneten Sanktion. Mir fällt keine ein. Zudem weiß ich zu diesem Zeitpunkt nicht, dass der tödliche Pass auf Reus vor dem 1:1 tatsächlich von Colautti gekommen war. Doch die gefühlte negative Anzahl an Ballkontakten des Israeli hätte mich wohl auch so zu keinem anderen Schluss kommen lassen.

Nach 73 Minuten kommt Friend für Marx. Frontzeck zeigt weniger Auswärts-Demut als ich und gibt sich mit einer knappen Pleite nicht zufrieden. Dass Marx zudem am Rande einer gelb-roten Karte steht, habe ich nicht auf dem Zettel. Wie so vieles. Es hat ganz den Anschein, als hätte mein Gehirn Präventivmaßnahmen ergriffen und vorsorglich 8 Gigabyte für eine Stunde voller Ekstase freigehalten. Da schaut man live vor Ort so intensiv auf jeden Pass und jeden gelaufenen Meter, wie man es vorm Fernseher nie tun würde, geschweige denn könnte. Und trotzdem bleibt am Ende nur das hängen, was jeder nach 90 Minuten auf der Anzeigetafel nachlesen kann. Apropos Anzeigetafel: 65 zu 55 Prozent Ballbesitz für den HSV werden dort eingeblendet. Klingt nach einem One-Touch-Festival der Extraklasse, dürfte aber letztendlich doch ein abenteuerlicher Rechenfehler sein.

Den ersten Gigabyte nehmen sich Arango und Dante vor. Der Brasilianer wuchtet eine kurz ausgeführte Ecke seines venezolanischen Nachbarn in die Maschen. Dann spurtet er in die Kurve wie Usain Bolt, nachdem er als erster Mensch der Welt die 100 Meter unter neun Sekunden gelaufen ist. Der Torjubel kostet mich mindestens weitere 500 Megabyte. Rötten dreht seine Kostenuhr um ein paar Umdrehungen zurück, indem er einen Becher Bier auf Nils’ Hose und Jacke verteilt. Ich gehe leer aus, schließe vor lauter Freude dagegen erste Männerfreundschaften im gesamten Block 14B.

Drei Minuten vergehen bis zum nächsten Jubelmoment. Meeuwis kommt für Bobadilla. „Halten, jaaa!!! Halten! Halten! Halten!“, schießt es aus mir raus. Ich male mir freudig den Punktgewinn aus, berechne tollkühn, dass der Abend nach einem Unentschieden am billigsten wird, weil weder Frust noch ekstatische Überraschung die Ausgaben in die Höhe schrauben. „Halten! Halten! Halten!“ – meine Festplatte im Kopf fordert das erste Upgrade an.

Weitere drei Minuten später: Arango flankt erneut, Friend nimmt glänzend mit der Brust an. Dann schwingt er seinen rechten Fuß wie einen Putter an Loch 18 nach vorne. Rost ist beeindruckt. In meinem Kopf beginnen alle Kontrolllampen zu leuchten. Fehlermeldung 023 skandiert schon „Auswärtssieg! Auswärtssieg!“. Was danach kommt, erinnert an Schalke und Cottbus im Mai, nur ohne Existenzangst. Stattdessen wird der Block zum Bällebad bei McDonald’s. Rötten hat Gott sei Dank seit sechs Minuten schon kein Bier mehr in der Hand. Das Jubelprogramm fällt so intensiv aus, dass Nils’ Jacke nicht nur wieder trocken wird, sondern von Brandflecken überzogen sein dürfte. „Jaaaaaaaa! Jaaaaaaa! Jaaaaaa!“, mobilisiere ich alle Vokale in 400 Kilometer Umgebung.

Dass das Stichwort „Mathematik“ in der Google-Ergebnisliste für „Abenteuer“ so weit oben zu finde ist, dürfte ausschließlich den letzten Minuten in der HSH Nordbank Arena zu verdanken sein. Wie bei einem Tenniszuschauer wandern meine Augen hin und her. Spielfeld – Uhr. Spielfeld – Uhr. Spielfeld – Uhr. Knapp zwei Minuten vor dem Ende der regulären Spielzeit fange ich an, innerlich die Sekunden runter zu zählen. Kurz komme ich ins Stocken, weil Marcell Jansen einen Schuss nur knapp über die Latte setzt. Dann ist es vorbei. Ich schalte den Jubelmodus zwangsweise auf lautlos. Die Stimme ist weg. Und ich bin mir nun sicher, warum es viel schöner ist, pro Jahrzehnt eine übersichtliche Anzahl an Auswärtssiegen einzufahren. Stellen wir uns einfach vor, Weihnachten wäre jeden Sonntag und das Wochenende würde fünf Tage dauern. Wer bei der Google-Bildersuche „Abenteuer“ eingibt, dürfte spätestens auf der dritten Seite mein Kardiogramm von Samstag, 17:00 Uhr bis Samstag, 17:18 Uhr finden.

Wenn die Zeiten nicht so zäh, so anstrengend und so depressiv wären, würde ich mich im Laufe einer Negativserie einfach immer wieder an Minuten wie diese erinnern. Ich könnte alles schadlos überstehen, würde mich nicht eine Sekunde lang aufregen – weil ich wüsste, dass die Qual irgendwann entlohnt wird. Und das mit einem fetten Zinssatz. Irgendwie ist der Fußballgott doch gerecht.

Im Unterrang ist noch bis kurz nach sechs Chorstunde. Sieben Mal reiße ich mir meinen Schal vom Schal, recke ihn in die Luft, werde ein paar Strophen los. Dann kommen acht Spieler geduscht aus der Kabine, um sich zu bedanken. Was muss das für ein wohltuendes Gefühl sein, einmal nicht mit gesenktem Haupt in die Kurve zu gehen, um herauszufinden, ob die Fans den Daumen über der jeweiligen Leistung senken oder heben. An diesem Abend fällt das Urteil eindeutig und undifferenziert aus. Denn beinahe jeder dürfte seine Festplatte überbeansprucht haben. Das Ergebnis zählt. Wobei man sich für die Art und Weise des Zustandekommens beileibe nicht rechtfertigen muss.

Am nächsten Morgen wird mir schlagartig klar, warum die Borussia nur alle 15 Jahre in Hamburg gewinnt. Unsere Schädel sind spontan unter die Katzenzüchter gegangen. Die Mütze sitzt extrem eng. Jedes Jahr ein Auswärtssieg an der Elbe, das wäre wohl nicht zu meistern. Rötten ist ohne Haare aufgewacht – was uns allen aber nicht entgangen ist. Schließlich haben wir ihn sofort nach dem Spiel davon befreit. Nils und ich hatten – wie schon letztes Jahr – unsere Kopfbedeckung für fünf Tore der Borussia in die Waagschale geworfen. Rötten, der Brillen ohne Gläser trägt und generell nie Mineralwasser im Haus hat, war das nicht mutig genug. Drei Auswärtsstore ließen die Wolle verschwinden.

Auf der Rückfahrt schauen Nils und ich noch kurz bei einem Freund in Bremen vorbei. Den Schal und sogar das Trikot können wir in der Hansestadt offen tragen. Schließlich gehören wir ein wenig südlich von Hamburg zu den beliebtesten Akteuren des gesamten Fußballwochenendes. Erst Recht, weil Werder durch unseren Sieg am HSV vorbeigezogen ist. Überhaupt hat der Samstagabend so viele Glückwunsch-SMS gebracht, dass ich eigentlich einen Satz Danksagungen ordern müsste. Stattdessen werde ich es schnell an dieser Stelle los: „Für die lieben Wünsche und die netten Geschenke möchte ich mich, auch im Namen meiner Eltern, ganz herzlich bedanken“.

Als ich Sonntagabend im Halbschlaf durch die Haustür falle – noch immer das Trikot an, noch immer den Schal um den Hals -, fällt mir ein dicker Umschlag in meinem Briefkasten auf. Mir dämmert es. Das St.Pauli-Trikot, ein großzügiges Werbegeschenk des Ausrüsters Do You Football, ist angekommen. Wann genau, werde ich nicht mehr herausfinden. Samstag zwischen 15:30 und 17:15 Uhr – das hätte etwas von einem Omen. Wobei ich die Fans des HSV – trotz überraschender Überheblichkeit, die letztendlich ja doch bestraft worden ist – noch einmal loben muss. Eine ganze Nacht auf dem Kiez mit schwarz-weiß-grünem Schal um den Hals ist auf jeden Fall unversehrt zu überstehen. Danke dafür!

In einer Zeit, in der die meisten Stadien sich gleichen wie ein Ei dem anderen, in einer Zeit, in der ein Fußballtag nur noch aus Ritualen besteht, die mit Shuttle-Bussen, Einlasskreuzen und Imbissbuden zusammenhängen, in solch einer Zeit sind Auswärtsfahrten ein wahres Abenteuer. Der englische Autor Gilbert Keith Chesterton sagt: „Ein Abenteuer passiert dem, der es am wenigsten erwartet, das heißt dem Romantischen, dem Schüchternen. Insofern blüht das Abenteuer dem Unabenteuerlichen.“ Insofern werde ich mich wohl weiterhin ohne Ansprüche und Erwartungen auf die Reise machen. Entweder es passiert, oder es passiert nicht. Und wenn, dann tut es einfach nur gut.

Im siebten Himmel ist es schön…

…aber wer die Momente der Glückseligkeit voll auskostet, der muss auch feststellen, dass sich die Welt währenddessen weiterdreht. Voller Verantwortungsbewusstsein werde ich mich nun der Parteifinanzierung in Deutschland und “The Medium is the Massage” von Marshall McLuhan zuwenden. Den Reisebericht aus Hamburg gibt es deshalb erst morgen. Ich würde das mal ein Versprechen nennen.

Hamburg_Auswärtssieg