Monthly Archive for Dezember, 2009

ABCDEFG – Alphabet 2009

Das Jahr von A bis Z.

A wie Auswärtssieg

Es gab diesen Glückstag im Mai 2008. Doch irgendwann kommt eben die Zeit, wenn man sich nicht mehr an einem 7:1 in Offenbach ergötzen kann. Und so besuchte ich am 14. März diesen Jahres das Derby in Köln, erlebte einen Tag zwischen Himmel und Hölle, zwischen Gladbach und Köln – und feierte den ersten Auswärtssieg meines Bundesliga-Lebens. Dass es mitnichten der einzige des Jahres blieb, gehört zu den wenig beachteten Wundern des Borussenjahres 2009. In Cottbus bewahrte Dante die Borussia vor der Relegation. In Hamburg gab es den ersten Sieg seit 15 Jahren. Zwei Wochen später folgte in Frankfurt Auswärtssieg Nummer vier des Kalenderjahres – zum ersten Mal zwei Erfolge auf fremdem Platz hintereinander seit März 1996. Jetzt könnte ich mich rühmen, bei nur sechs Auswärtsfahrten vier Siege und in Bochum einen Fast-Sieg gesehen zu haben. Doch wer es anders sieht, könnte auch behaupten, ich wäre noch viel zu selten dabei gewesen.

B wie Bienvenue Basala-Manzana

Manchmal genügt bereits eine Geburtsurkunde, um es in einen Jahresrückblick zu schaffen. Der Name von Bienvenue Basala-Manzana (zu Deutsch in etwa „Willkommen Basala-ApfelMazana“) gehört nicht nur zu den schönsten des Jahres. Er steht auch in gewissem Maße sinnbildlich für einen der größten Erfolge im deutschen Fußball 2009. Die U17-Nationalmannschaft wurde, genau wie die U21 und ein Jahr zuvor die U19, im eigenen Land Europameister. Die Yabos, Nserekos, Özils, Boatengs und Becks stehen für ein neues Zeitalter. Ein Zeitalter der fußballerischen Vorzeige-Integration und des DFB-Aufstiegs zum Vorzeige-Ausbilder.

C wie Café King

Nivea ist Deutschlands berühmteste Crème. Jeder kennt die blaue Dose mit der weißen Schrift. Spätestens seit vergangenem Herbst stellt das Berliner Café King die Nivea-Dose der bundesweiten Wettbüros dar. Pape Ante könnte deshalb bald hinter verriegelten Portas sitzen. Denn auch beim zweiten Wettskandal des neuen Jahrtausendes war der Kroate allem Anschein nach mit von der Partie. 32 verdächtige Spiele von insgesamt 1,4 Millionen Jahr für Jahr hält DFB-Präsident Theo Zwanziger demnach nicht für eine besorgniserregende Quote. Immerhin ist es nur 57-mal so wahrscheinlich, dass ein Spiel in Deutschland verschoben wurde, wie Opfer eines Flugzeugabsturzes zu werden. Also, immer cool bleiben, wir haben alles im Griff.

D wie Danke

Gleich zehnmal „Danke“ heißt es in Anette Pfeiffer-Klärles nunmehr weithin bekanntem Gedicht mit dem wenig verblüffenden Titel „Ich danke dir sehr“. Als Geburtshelfer bei dieser zweitgrößten Erfolgsgeschichte der deutschen Literatur nach dem Nobelpreis für Herta Müller betätigte sich kein geringerer als Karl-Heinz Rummenigge, den sie in München seit der Jahreshauptversammlung nur noch „Rainer Maria“ rufen. Wie es zu diesem bösartigen Fall von Plagiarismus gekommen war? Rummenigges Muse Franz Beckenbauer hatte sich aus dem Präsidentenamt verabschiedet. Da können einem schonmal die Pferde durchgehen.

E wie Erfolglosigkeit

Seit vielen Jahren ist Hertha BSC Berlin Sommer für Sommer ein Geheimfavorit bei den Abstiegskandidaten. Auch im Juli 2008 wird so manch ein gewiefter Experte ein paar Euro auf den Hauptstadtklub gesetzt haben. Der beendete die Saison 08/09 sensationell als Vierter. Derart nach oben in der Tabelle dürfte es für den Klub erst wieder im Frühherbst 2010 gehen – wenn sich Oberhausen, Paderborn und Augsburg über den Besuch der alten Damen freuen. Einziger Trost: Ahlen dürfte dann nicht mehr zweitklassig sein.

F wie Fassungslosigkeit

So schön es auch ist, am Ende eines Jahres auf die erfolgreichen oder erheiternden Momente zurückzublicken – es gibt auch immer wieder Ereignisse, die einen völlig aus der Bahn werfen. Weil sie einen so unvorbereitet treffen, dass man weder weiß was man sagen noch was man tun soll. Die Fassungs- und Hilflosigkeit im deutschen Fußball ist wohl noch nie so groß gewesen wie in den Tagen und Wochen nach dem Abend des 10. November 2009. Viele waren sich sicher, sie hätten ein Patentrezept für den richtigen Umgang mit dem Tod von Robert Enke. Leider gestanden sich viel zu wenige ein, dass es keinen Königsweg in der Trauerbewältigung gibt. Dass Trauer persönlich ist und sich nicht gängeln lässt wie ein kleines Kind, das beim Essen die Ellenbogen auf den Tisch stemmt. Der weinende Oliver Bierhoff, der Moment, in dem die Mannschaftskameraden von Robert Enke den Sarg ihres Freundes aus dem Stadion tragen – Augenblicke, die man so schnell nicht vergessen wird. Weil sie uns auf den Boden zurückholten und uns feststellen ließen, dass Fußball zugleich alles und nichts ist.

G wie Grafite

Aus Premiere ist durch die Umbenennung in Sky genauso wenig ein neuer Sender geworden wie aus Raider im Twix-Zeitalter plötzlich ein neuer Schokoriegel wurde. Dass zumindest im Bereich Werbung nicht allzu unfähige Leute sitzen dürften, hat im Sommer jedoch ein Spot der anderen Art gezeigt. Wolfsburg Grafite hatte im April die Bayern-Größen Lell, Ottl, Breno und Rensing zu Slalomstangen degradiert und den schönsten Lauf seit Rosi Mittermaier mit der Hacke abgeschlossen. Bei Sky hatte man nun die Idee, einfach den Ball aus diesem Tanz wegzuretuschieren. Und so fehlte am Ende nur der Schnee in diesem Ballett-Video, um die Volkswagen-Arena nach Kitzbühel zu versetzen. Ach und da war ja auch noch Breno: Slalomstangen sind gemeinhin schlanker. Nochmal zum Genießen

H wie Heynckes

Was verbindet Mirko Slomka mit Jupp Heynckes? Gut, beide waren mal auf Schalke. Aber beide haben im Jahr 2009 auch kein einziges Bundesliga-Spiel verloren. Gleichzeitig müsste Heynckes für Slomka der Grund sein, seine Trainerkarriere zu beenden. Als sich Bayer Leverkusen im Sommer vom Bruno Labbadia trennte, geschah dies mitten in einer Phase, als die Trainer flogen wie LTU-Maschinen nach Mallorca – im Minutentakt. Trotzdem fand sich für Slomka kein geeigneter Platz. Auch nicht in Leverkusen. Bayer landete mit Jupp Heynckes in zweierlei Hinsicht den Trainer-Coup des Jahres. Erstens, weil niemand ahnte, dass der 64-Jährige bei seinem Blitz-Engagement in München wieder derart Blut geleckt hatte. Und zweitens, weil er Bayer Leverkusen prompt zur Herbstmeisterschaft führte. Ungeschlagen, wohlgemerkt.

I wie Ibisevic

Mit 18 Treffern hatte der Bosnier die Hinserie 08/09 abgeschlossen. Es roch nach Gerd Müller. Doch dann riss das Kreuzband von Ibisevic. Die Rückrunde war für den Stürmer aus Hoffenheim gelaufen. Dennoch beendete er die Spielzeit auf Platz fünf der Torjägerliste. 1996 hätte seine Ausbeute sogar für die Kanone gereicht. Manchmal kann eine Verletzung eben auch Beeindruckendes bewirken.

J wie Jako

Siehe hier

K wie Klassenerhalt

31 Punkte – die „Mission 40“ ist im Prinzip gründlich in die Hose gegangen. Machte nichts, weil sich die Borussia in Rekordlust präsentierte. Noch nie hatte ein Verein mit 31 Zählern die Klasse gehalten. Buchstabe L erzählt unter anderem, wie das eigentlich passieren konnte.

L wie Last-Minute-Tor

Das Internet produziert derart viel Scheiße (man kann es nicht anders sagen), dass man es eigentlich manchmal verachten müssten. Doch eine Fähigkeit des World Wide Web merzt all seine negativen Nebenerscheinungen fast im Alleingang aus: Es kann mit Mausklicken Gänsehaut hervorrufen. 89 Minuten und 15 Sekunden sind am 10. Mai 2009 gespielt, als der Borussia-Park ein Erdbeben der Stärke 9,3 auf der Richter-Skala erlebt. Roberto Colautti hat zum 1:0 gegen Schalke getroffen und Gladbach am 31. Spieltag erstmals seit Herbst 2008 wieder auf einen Nicht-Abstiegsplatz befördert. Im Westen geht die Sonne auf und plötzlich scheint sich alles zum Guten zu wenden. Den gänsehäutigsten Moment des Gladbacher Jahres findet man natürlich auf Youtube. Wer die Explosion auf den Rängen spüren will, der schaue sich Version 1 an. Wer zuhören möchte, wie sich ein Radioreporter vor lauter Ekstase in die Berufsunfähigkeit schreit, dem sei Version 2 ans Herz gelegt.

M wie Magath

Ja, er war noch erfolgreicher als Mirko Slomka und Jupp Heynckes. Ja, er hat den VfL Wolfsburg zum Deutschen Meister gemacht. Und ja, womöglich wird er Schalke 04 in den nächsten drei Jahren auch zum Titel führen. Dann wird er erneut im ABC des Jahres auftauchen, ebenfalls unter M – wie Messias.

N wie Neue Auszeichnung

Ein durchaus sinnvoller Einfall der FIFA, das schönste Tor der Saison mit dem neu ins Leben gerufenen Puskás-Preis zu würdigen. Blöd nur, wenn im Zuschauer-Voting anschließend die gesamte Weltbevölkerung im Alter von 9 bis 14 Jahren für einen enttäuschend säkularen Weitschuss von Cristiano Ronaldo abstimmt. Unter G wie Grafite hätte sich ein verdienterer Kandidat gefunden.

O wie Ohrfeige

Wir malen uns aus, Uli Hoeneß hätte sich während eines Länderspiels vor Franz Beckenbauer aufgebaut und dem „Kaiser“ kurzerhand eine Watsch’n verpasst. Unvorstellbar. Im Frühjahr war Michael Ballack in der Rolle des Nationalelf-Kapitäns viel zu verdutzt, um irgendeine sinnvolle Reaktion zu zeigen, als Lukas Podolski in der Waliser Abendluft zum Mike-Tyson-Ähnlichkeitswettbewerb antrat. O tempora, o mores!

P wie Papierkugel

Fußball ist immer dann am schönsten, wenn seine eigentliche Banalität durch ebenso banale Ereignisse gnadenlos aufgedeckt wird. So geschehen im Halbfinal-Rückspiel des UEFA-Cups zwischen dem HSV und Werder Bremen. Hamburg ist in der 85. Minute draußen, weil Werder nach der 0:1-Hinspielpleite nun mit 2:1 führt. Dann will Gravgaard – natürlich nichts ahnend – einen Ball vor der eigenen Grundlinie klären. Das Spielgerät verspringt ihm scheinbar, es gibt Ecke für Bremen. Bei genauerem Hinsehen fällt auf: eine Papierkugel, Relikt einer HSV-Choreografie, hatte sich auf den Rasen verirrt und das Wort Platzfehler pantomimisch dargestellt. Anders als so häufig in der Sportschau brachte die nachfolgende Ecke etwas ein – nämlich das 3:1 für Bremen. Olic gelang noch der Anschlusstreffer. Es hätte das Tor ins Endspiel sein können – wenn eine Papierkugel Minuten zuvor nicht die kurioseste Story des Jahres geschrieben hätte.

Q wie Qualifiziert

Gepriesen seien die ungeraden Jahre. Denn solange im darauffolgenden kein großes Turnier in Deutschland stattfindet, kann man in der Regel auf das Wort „qualifiziert“ zählen, wenn es um das Alphabet eines Jahres geht. Nach dem Spiel gegen Aserbaidschan und vor dem Endspiel in Russland schrieb ich am 10. September: „Eigentlich wäre vor dem Russland-Spiel schon Angstschweiß angesagt. Aber irgendwie trage ich die Hoffnung in mir, dass es ganz nach Gary Lineker am Ende doch wieder gut geht – was für 2010 ebenfalls gelten könnte. Ein anderer Grund, warum in Südafrika dann mehr als das Achtelfinale rausspringen sollte, fällt mir derzeit nicht ein.“ An dieser Haltung, die sich einen Monat später beim 1:0 in Moskau bestätigte, hat sich bis zum Ende des Jahres nichts geändert.

R wie Rückkehr

Der Volksmund spricht gemeinhin nur vom Comeback, wenn jemand seinen Rücktritt vom Rücktritt erklärt oder nach langer Verletzungspause zurückkehrt. Wirklich geprägt hat Lukas Podolski die Bundesliga in den Jahren 2006 bis 2009 nicht. Die Bezeichnung Comeback liegt deshalb trotzdem ziemlich nahe. Doch das Café King hat das C gebucht, weshalb wir ganz unanglizistisch von der Rückkehr sprechen wollen. Bislang kann damit jedoch allerhöchstens die geografische Rückkehr Podolskis nach Köln gemeint sein. Einen einzigen Treffer in 15 Spielen hat der 24-Jährige in der Hinrunde zustande gebracht. Seine 38 Tore aus 139 Erstligaspielen hat er in nur 69 Länderspielen beinahe übertroffen. Beim Auftritt gegen Argentinien im März könnte er gleichziehen. Obwohl: Bekanntlich trifft Podolski im DFB-Dress nur gegen die Kleinen. Womöglich liegt darin auch der Grund für seine Torflaute beim 1. FC Köln: Denn der trifft bekanntlich in etwa so häufig wie Aserbaidschan oder Armenien.

S wie Sinnlosigkeit

Millionen Menschen auf der Welt versuchen seit einiger Zeit, ihr Leben in 140 Zeichen zu pressen. Und ja, irgendwie machen wir alle mit. „Twitter“ ist bei der Leisten-OP dabei, schildert die Eindrücke von Beerdigungen und meldet Verzug beim ersten Verdauungsvorgang nach einigen Tagen Verstopfung. Kurz dahinter auf der Skala mit dem Titel „Was wir schon immer wissen wollten“ rangiert der Tweet „Ansprache beim Abendessen: Kapitän Ballack gratuliert Schäfer nachträglich zur Vaterschaft“. Er muss sich jedoch noch der Mützenfarbe von Arshawin und dem Speiseplan mit „Maultaschen, Filet und Hamburgern“ beugen. Auch Ende 2009 unangefochten auf Rang eins: der Sack Reis aus China. Doch Sinnloses wird manchmal eben genau durch seine Sinnlosigkeit sinnvoll.

T wie Trelleborg

Auf dem Weg nach Texel war es immer ein Genuss, an der Arena von Amsterdam vorbeizufahren. In Paris sucht man nicht zuerst nach dem Eiffelturm sondern nach dem Stade de France. Und wenn man in London die Stufen von St. Paul’s bewältigt, gilt der erste Blick aus der Kuppel natürlich den zahlreichen Stadien in Sichtweite. Warum also nicht einen Abstecher nach Trelleborg wagen, wenn es einen schon zufällig nach Südschweden verschlagen hat? Örebro war zu Gast in der Hafenstadt, deren größte Sehenswürdigkeit scheinbar die Fährverbindung nach Rostock und Sassnitz ist. Auch nach der fünften Nachfrage in Malmö hatte Trelleborg noch immer keinen Bahnhof. Und da die Leidenschaft im Interrail-Urlaub nicht genügend glühte, um einen Bus zu nehmen, blieb es bei der reinen Idee. Demnach durfte ich mich diesen Juli circa 37 Minuten als Groundhopper fühlen.

U wie Unentschieden

Irgendwie steht es einem vermeintlichen perfekten Spiel sehr gut, wenn es unentschieden endet. Denn das ist Fußball: Wenn man die Partie gar nicht hätte spielen müssen, um zu dem Schluss zu kommen, dass es keinen Sieger geben wird, es aber dennoch getan hat, weil 90 Minuten diese Theorie mehr als ad absurdum geführt haben. Liverpool und Arsenal trennten sich im April mit 4:4 an der Anfield Road. Andrej Arschawin hatte viermal getroffen, seine Gunners in letzter Minute auf die vermeintliche Siegerstraße geführt. Doch dann glich Liverpools Yossi Benayoun in der Nachspielzeit aus und setzte einem denkwürdigen Spiel endgültig die Krone auf.

V wie Vehlentscheidung

Damit so etwas künftig am besten gar nicht mehr passiert, testet die UEFA in der Europa League erstmals so genannte Torrichter. Nicht dass der Name Europa League an sich schon blödsinnig genug wäre. Nein, seit dieser Saison ist auch noch ein prallgefüllter VW-Bus an der Entscheidungsfindung des Referees beteiligt. Gegen eine technische Errungenschaft, die einen Bruchteil so groß und vermutlich noch billiger ist, wehren sich die Welt- und Kontinentalverbände dagegen weiterhin mit Erfolg. Die Einführung des Ballchips ist derzeit noch nicht in Sicht.

Wie wie Wunder von Turin

Wie tief muss der FC Bayern gesunken sein, wenn die Zeitungen nach einem 4:1 bei Juventus vom „Wunder von Turin“ sprechen? Wäre ich das „Wunder von Bern“, würde ich sämtliche Gazetten auf Unterlassung verklagen.

X wie Xavier, Abel

Hat derzeit keinen Verein. Los Angeles Galaxy war der 13. auf der Odyssee des Portugiesen.

Y wie Ya Konan, Didier

Tatsächlich gehörte der Ivorer am 12.12. zu den wenigen Hannoveranern, die beim 3:5 in Gladbach ins richtige Tor trafen. Auf der anderer Seite waren 96 nicht nur als erstem Team der Bundesliga-Historie drei Eigentore in einem Spiel unterlaufen (ob ihrer Schönheit möchte man fast sagen „gelungen“). Karim Haggui (2x) und Constant Djakpa erzielten ihre Tore zudem noch von außerhalb des Strafraums. Fast zu schön, um wahr zu sein. Manche Geschichten müssen sich erst in Wirklichkeit abspielen, damit man darauf kommt, sie zu schreiben.

Z wie Zum Abschluss des Jahres…

…noch herzlichen Dank an alle, die hier jeden Tag, regelmäßig oder auch nur dann vorbeischauen, weil sie bei Google verrückte Sachen wie „Robin Hood Kostüm“ eingegeben haben. Möge es 2010 so weitergehen. Kommt gut ins neue Jahr und bleibt gesund!

Im Zweiten wird’s wohl besser – 17. Akt: Einerseits, andererseits

Gladbach Motivbild
Leverkusen 3:2 Gladbach – Konjunktiv, Hurra, Meerschweinchen beim Hundekampf, schwarz-weiß-grüne Brillen, ein Hauch von Objektivität.

Vielleicht brauchte es zum Abschluss noch einmal ein Spiel wie dieses, um die Hinrunde der Borussia einigermaßen auf den Punkt zu bringen. „Ihr seid reif“, hatte ich dem einzigen Bayer-Fan, den ich von Angesicht zu Angesicht kenne, unter der Woche immer wieder zugerufen. Reif wäre Leverkusen unter Umständen auch gewesen – wenn wiederum die Borussia mit der nötigen Reife das kleine Rheinderby bestritten hätte. Es blieb beim Konjunktiv.

Einerseits gelangen dem VfL als erstem Team in der neuen BayArena zwei Treffer. Andererseits schepperte es auch hinten gleich dreimal – schon zum sechsten Mal in der Hinrunde. In diese Hinserie, geprägt von allerhand Einerseits-andererseits-Phänomenen, fügt sich demnach nahtlos die Innenverteidigung ein. Einerseits erlebte Dante seine persönliche Chuck-Norris-Werdung, Roel Brouwers setzte sich an die Spitze der internen Torjäger-Liste und fand ebenso Zugang zu den Geheimnissen der Feinmotorik. Andererseits jedoch musste das ungleich-ähnliche Duo gemeinsam 27 der 29 Gegentore hinnehmen. Dass Hurra-Fußball nicht der einzige Weg zum Ziel ist, zeigt die Bilanz des 1. FC Köln. Der steht mit 10:15 Toren – und damit der identischen Differenz – nur drei Punkte hinter der Borussia. Und das, obwohl beide Mannschaften eine Vorrunde gespielt haben, die in der regionalen Wahrnehmung mehr als nur drei Zähler auseinander liegen dürfte.

Am Samstag, einen Moment vor dem 3:2 durch Toni Kroos, hatte es den Anschein, als wollte sich die Gladbacher Defensive zum Steigerungslauf an der Grundlinie versammeln. Brouwers, Dante, Levels, Jaurès, Marx und Bradley kümmerten sich um anderthalb Leverkusener. 4:1 statt 1:1-Betreuung. Derweil rieselte Marco Reus vergeblich wie eine verirrte Schneeflocke aus dem Mittelfeld heran, um Toni Kroos vom Todesstoß abzuhalten. Bei diesem Bild dürfte es sich nicht um die Umsetzung des Credos „alle müssen nach hinten arbeiten“ gehandelt haben.

Zum dritten Mal gab die Borussia somit eine Führung aus der Hand. Am ersten Spieltag in Bochum und beim 2:4 zuhause gegen Hoffenheim hatte das Versagenw eitaus epischere Züge angenommen. In der BayArena dagegen griff der VfL einfach zu oft zur falschen Spielweise in der falschen Spielsituation. Erst ungewohnte Passivität gegen einen Spitzenreiter, der keine Mühe hatte, sich die Führung geduldig zu erarbeiten. Dann der Ausgleich, so halbwegs aus dem Nichts. In einer Viertelstunde baute Gladbach anschließend so viel Druck auf wie Leverkusen zuvor in 30 Minuten. Folglich ein Halbzeitstand der Marke „nicht unverdient“.

Nach der Pause roch es zunächst weiter nach einem Spiel auf Augenhöhe. Dante nahm im eigenen Strafraum Kießling in den Schwitzkasten. So vehement, dass dem Führenden der Torschützenliste selbst bei zweistelligen Minustemperaturen die Perlen von der Stirn liefen. Die Partie lief weiter. Ausgleichende Gerechtigkeit, nachdem beim Stand von 0:0 ein unberechtigter Abseitspfiff verhindert hatte, dass Marco Reus allein aufs Tor zulief. Bobadilla solote sich zu einer Ecke. Dante, der eben noch erfolgreich Stefan Kießling reanimiert hatte, netzte ein zur Führung.

36 Minuten vor dem Ende wäre es wohl angebracht gewesen, ganz in Ruhe die Reaktion der Gastgeber abzuwarten. Stattdessen begann die Borussia plötzlich zu stürmen. Als wolle sie schnell das 3:1 erzielen, um sich dann aber wirklich hinten rein zu stellen. Stattdessen währte das Auswärts-Glück viel zu kurz. Derdiyok traf zum Ausgleich. Kaum waren die Augen nach dem nächsten Blinzeln wieder auf, stand Toni Kroos auch schon auf Höhe des Sechzehners und brachte seine Mannschaft mit einer Playstation-ähnlichen Leichtigkeit wieder in Front. Wer in dieser Saison schon ein 3:3, ein 2:4, ein 3:2 und ein 5:3 mit Gladbacher Beteiligung erlebt hat, der hält in der Schlussphase alles für möglich. Doch die Taktik-Ironie des Schicksals setzte sich fort. Einen von nur noch zwei Torschüssen nach Dantes Treffer – wohlgemerkt in 36 Minuten – darf Bobadilla sich auf die Fahne schreiben. Nach einem feinen Pass von Arango, so zuckersüß wie ein Lebkuchenhaus, vergriff er sich, um bei den Playstation-Vergleichen zu bleiben, scheinbar mit den Knöpfen. René Adler warf sich dem Argentinier entgegen wie eine Schneeraupe in den Pitztaler Alpen.

Die Skala bei Raul Bobadilla ist lang. Ganz oben thront das „Genie“, unten kauert der „Wahnsinn“. Die Tatsache, dass er in der Hinrunde viel zu oft am unteren Ende der Skala anzutreffen war, macht den Argentinier mit den Eltern auf der Brust zum enttäuschendsten Neuzugang des Jahres 2009. Vorne dabei ist dagegen Dante, der nicht nur in letzter Sekunde in Cottbus traf, sondern auch so zur Stütze geworden ist, die brachialer Gewalt einen brasilianischen Anstrich verleiht. Entschlossenheit meets Anmut. Eine Million Euro für Marco Reus, gekommen aus Ahlen, schienen im Sommer noch eine ordentliche Hausnummer zu sein, womöglich sogar eine Hypothek für den 20-Jährigen, den nicht nur sein Aussehen und sein Vorname mit Marko Marin verbinden. Er hat sich reingebissen, nur drei der letzten 900 Bundesliga-Minuten verpasst und bei 16 Einsätzen drei Tore sowie zwei Vorlagen verbuchen können. Immer dann, wenn Reus an einem Treffer beteiligt war, gewann Gladbach.

Derweil wird man Juan Arango die Emsigkeit eines Marco Reus nicht mehr einverleiben können. Dennoch gelingt dem Venezolaner auch aus dem Stand immer wieder Sagenhaftes. Bei jedem Freistoßpfiff für die Borussia beginnt es zu kribbeln. Getroffen hat er zwar nur zweimal. In losen Abständen jedoch haben allein schon seine Fehlversuche so viel Aufsehen erregt, wie es manchem Treffer nicht zuteil wird. Prädikat: wertvoll. Erst Recht, wenn er irgendwann in der Rückrunde einen Fels wie Filip Daems hinter sich weiß. Dann steht es sich noch effektiver rum. Und vielleicht ist auch wieder der eine oder andere magische Moment dabei.

Logan Bailly taucht derzeit, leider muss man es so sagen, nur noch aufgrund seiner sagenhaften Rückrunde 08/09 in dieser Liste der Volltreffer auf. Mit einem Notenschnitt von 3,50 ist er laut Kicker der schlechteste Bundesliga-Keeper. Mit Abstand. Die spektakulären Paraden haben sich rar gemacht. 21-mal in 12 Spielen musste der Belgier hinter sich greifen. Nicht immer war er schuldlos. So segelte er gegen Hoffenheim wie René Higuita bei Windstärke 12 durch den Strafraum. Der Anschlusstreffer ging auf seine Kappe. Immerhin gehört sein versuchtes Jahrhunderttor gegen Frankfurt, als er aus dem eigenen Strafraum zum Sturmlauf aufs gegnerische Tor ansetzte, zu den Momente der Hinrunde, die hängen geblieben sind. Er war lange verletzt, nachdem ihm im Sommer eine Klimaanlage auf den Fuß gefallen war. Doch man will gar nicht glauben, dass dies jemanden wie Bailly ernsthaft aus der Bahn werfen kann.

Thorben Marx hat das defensive Mittelfeld durchaus verstärkt. Weil Michael Bradley und er sich ordentlich ergänzen, sieht es derzeit für Marcel Meeuwis zwar nicht so gut aus. Doch auch der Niederländer hat nicht enttäuscht, gehörte in der Spätsommer-Frühherbst-Krise noch zu den Besten. Überhaupt vergisst man bisweilen, wie schlecht es ungefähr Mitte Oktober aussah. Die Borussia stand auf Platz 17, mit nur sieben Punkten aus neun Spielen. Das 0:0 im Derby gegen Köln änderte daran nicht allzu viel. Dann jedoch kam der Tag, der – für mich zumindest – der größte der Hinrunde gewesen ist. 3:2 in Hamburg nach zweimaligem Rückstand, der erste Erfolg beim HSV seit 1995. Lange Zeit Verzweiflung, Wut und Enttäuschung. Und am Ende einfach nur Glückseligkeit.

Der Gefühlskatalog dieser Hinrunde ist ziemlich üppig bestückt. Die Geduld hat sich ausgezahlt. Wobei man nicht vergessen darf, dass wohl erneut eine ähnlich starke Ausbeute in 17 Spielen vonnöten sein dürfte, um am Ende völlig sorglos in den Hafen des Klassenerhalts einzulaufen. Rein optisch rangiert die Borussia derzeit ein wenig im Niemandsland der Bundesliga. Platz 10 ist drei Punkte weg, der Vorsprung auf den 13. (Köln) ebenso groß. Eigentlich will ich gar nicht damit anfangen, wie viele Zähler der VfL dennoch liegen gelassen hat. Aber… ich muss es trotzdem loswerden: Auf jeden Fall zwei in Bochum und zwei gegen Stuttgart. Hinzu kommt ein Spiel in Nürnberg, dass Gladbach dominierte, ohne das Tor zu treffen. Gegen Hoffenheim führte man erst 2:0, dann noch in der 85. Minute mit 2:1. Das Ende ist bekannt. Im Derby agierte der FC so harmlos wie ein Meerschweinchen bei einem illegalen Hundekampf, erhamsterte sich dennoch einen Zähler. Rechnen wir für Nürnberg und Hoffenheim nur einen Punkt drauf, für Bochum, Stuttgart und Köln jeweils zwei, dann sind wir bei 29 und somit auf Rang sechs. Übrig bleiben dann immer noch Freiburg, Bremen und Dortmund – die drei schlechtesten Saisonleistungen – sowie mit Leverkusen und Bayern zwei Auswärtsspiele, in denen der VfL teils vergnügenssteuerpflichtig auftrat, ohne Zählbares mit nach Hause zu nehmen.

Und da ist es auch schon wieder, das Einerseits-Andererseits. Denn einerseits stellen 21 Punkte und Rang 11 rundum zufrieden. Andererseits wäre, mit einem Tick mehr Cleverness, Abgezockheit und Ruhe noch mehr drin gewesen. Und das sogar ohne schwarz-weiß-grüne Brille (objektiv nennt sich das dann wohl). Also hoffen wir auf genauso viele Punkte in der Rückrunde, ein paar mehr schmutzige Siege und dafür „Hurra“ nur noch in Dosen, die keine Bauchschmerzen verursachen. Auf dass wir im Mai ohne Zögern festhalten können: Im Zweiten wird es wirklich besser.

Im Zweiten wird’s wohl besser – 16. Akt: 2:6

Gladbach Motivbild

Gladbach 5:3 Hannover – Eigentor, Eigentor, Eigentor.

Wenn ich schon damals gewusst hätte, dass dieses Spiel am 24. April 1999 in zweierlei Hinsicht ein besonderes sein sollte, hätte ich es wohl ehrwürdiger in Erinnerung behalten. Der VfL Wolfsburg war als Fünfter an den Bökelberg gereist. Die Borussia musste, mit elf Punkten Abstand zum rettenden Ufer, so langsam dem baldigen Gnadenstoß Richtung zweiter Liga ins Gesicht blicken. Im Portfolio meiner Fan-Erinnerungen ist die Partie als Stehplatz-Premiere notiert. Zum ersten Mal durfte ich den Bökelberg also von der Ostgeraden bewundern. Es ist ja beileibe nicht so, dass Fußballstadien in dieser Hinsicht wie Freizeitparks sind. Am Eingang gibt es keine Messlatte, die man übertreffen muss, um im Stehen mitfiebern zu dürfen. Doch irgendwie war die Zeit eben reif.

Sopic, Pettersson und Polster trafen zur 3:0-Führung. Den Wölfen gelang ein Doppelschlag innerhalb weniger Minuten. Das Zittern um den vierten und damit letzten Sieg der ersten Abstiegssaison begann. Doch dann erhöhten Pettersson und Pflipsen in der Schlussphase auf 5:2 – bis vergangenen Samstag das letzte Mal, dass Gladbach in der Bundesliga fünf Tore gelangen. Oder etwas korrekter ausgedrückt: Es war das letzte Mal, dass die Borussia sich über eine Fünf auf der Anzeigetafel freuen konnte. Die autobiografische Tragweite dieses Ergebnisses war mir wahrscheinlich klar, die statistische natürlich noch nicht.

Anpfiff in 41069 Mönchengladbach

Gut zehn Jahre nach diesem Ereignis stehe ich in Dortmund am S-Bahnhof Universität. Die Dozentin hat uns überpünktlich aus dem Seminar entlassen. Der Schal um meinen Hals hat seine Wirkung nicht verfehlt. Irgendwie frage ich mich, warum Veranstaltungen an Samstagen nicht generell um 15:30 Uhr enden müssen. Sozusagen als gesetzliche Regelung, begründet mit der gesellschaftlichen Relevanz von (nunmehr ja nur noch fünf) Bundesliga-Partien. Trotz quälender Konfrontationstherapie beim Derby gegen Köln stehe ich noch immer nicht gelassener am Gleis, während in 41069 Mönchengladbach ein Pfiff ertönt und ich einsehen muss, dass ich nicht dabei sein werde. Komme, was wolle.

Das Sky-Signal in der bewährten Studentenkneipe hat seinen Dienst quittiert. Erst bin ich mir nicht sicher, ob ich Studienkollege Dennis die Info überhaupt abnehmen soll. Denn man hat irgendwie Spaß daran gefunden, mich leiden zu sehen. Doch für Misstrauen ist keine Zeit. Die S-Bahn kommt, zumindest auf dem Plan. Die Minuten vergehen, keine S-Bahn kommt. Verzweifelt will ich den Zeiger an der Uhr anschieben, weil dieser so trödelt, obwohl er mit Sicherheit viel schneller könnte. Am Handy erhasche ich in Fetzen, dass es wohl schon 1:0 steht. Durch ein „Wenn Du das gesehen hättest“-Eigentor von Hannovers Haggui. Anstatt die frohe Kunde, die aus dem Irish Pub kommt, mit eigenen Augen zu bestätigen, sorgt sich meine Mutter, ob ich das Spiel schon sehe. Das Signal im S-Bahn-Tunnel ist schwach. Ich schreie, die Leute gucken. In der U-Bahn rege ich mich selbst immer drüber auf. Doch Chantal, Ahmed und Svetlana haben dann mit Sicherheit nicht so wichtige Dinge zu besprechen. Zumindest nicht schreiend.

„1:0, stimmt das?“, will ich per SMS wissen. „Immer noch?“. „Nein, 2:0. Friend hat nachgelegt“, antwortet meine Mutter nüchtern aus dem Borussia-Park. Als ob 2:0-Führungen nach 22 Minuten unser täglich Fan-Brot wären. 29 Sekunden später kommt die Info von Kommilitone Dennis aus dem Pub. Zwei unterschiedliche Quellen, die ihr Wissen wiederum aus zwei verschienen Quellen schöpfen – das scheint glaubwürdig. Zwischen Dorstfeld-Süd und Dorstfeld kann ich mich nach 25 Minuten des Zitterns, Bangens und Nervös-durch-die-Gegend-Tigerns endlich freuen und entspannen.

Ein Baldrian-Bier und ein Tor wie am Sternenhimmel

Erleichtert nehme ich um vier im Pub Platz. Diesmal keine Spur von Leuten, die eindrucksvoll zeigen, warum Glühwein so heißt, wie er heißt. Doch kaum nippe ich an einem Baldrian-Bier (Stadionentzug ist in vielerlei Hinsicht nicht förderlich für die Gesundheit), schreit es „Tor in Gladbach!“. Wenn Sky-Kommentatoren mit nur einem Ausrufezeichen schreien, ist meist nichts Spektakuläres passiert. Wobei „nichts Spektakuläres“ beim Stand von 2:0 für den Gastgeber nach 35 Minuten so ziemlich alles heißen kann. Marco Hindelang hat sein Ausrufezeichen dem Gast aus Hannover gewidmet. Nach einer Ecke war es wild durcheinander gegangen. Der Ball hatte erst das Sternbild des Kleinen Bären in den Strafraum gezeichnet, um dann – genau beim Polarstern – die Linie zu überqueren. Ya Konan war’s.

Sowohl bis dahin als auch in den folgenden 22 Spielminuten ist Gladbach-Hannover ein relativ normales Fußballspiel. Ok, Florian Fromlowitz hat den Ball beim Herauslaufen ans Schienbein seines Innenverteidigers Karim Haggui geklärt und damit das 1:0 für die Borussia vorbereitet. In Sportschau und Sportstudio hätte der Kommentator kurz die Stimme erhoben und in leichter Ekstase irgendetwas wie „sowas sieht man nicht alle Tage“ genuschelt. Dann wäre gut gewesen, der Rest des Spiels wäre weiter zusammengefasst worden. Und vielleicht hätte jemand erwähnt, dass der Hannoveraner Haggui nun schon drei Eigentore in seiner Bundesliga-Karriere erzielt hat. Hätte, wäre, hätte – alles Makulatur. Manchmal hat es den Anschein, als würden sich Fußballer sagen: „So, wir schreiben jetzt Geschichte“. Gerade, wenn es dabei um Eigentore geht, liegt die Vermutung nahe.

Eigentore bescheren einem Menschen in der Regel eine sehr konzentrierte Form des Alleinseins gepaart mit Häme. Eigentore sind so etwas wie die gerissene Hose des Fußballs. Der offene Hosenstall beim Referat, das Auf-die-Nase-Fliegen mitten in der Bahnhofshalle einer Großstadt. Doch man wird der Komplexität des Eigentores nicht ganz gerecht, wenn man es derart pauschalisiert. Dafür gibt es viel zu viele Arten, darunter einige sehr schöne, um ins eigene Tor zu treffen. Man kann sich anschießen lassen. Man kann beim Klären des Balles kurz vergessen, wo genau das Tor steht (bei Stürmern auf der anderen Seite nicht ganz so verheerend). Man kann dem Gegner einen Torerfolg klauen, während er am langen Pfosten lauert und nur noch einschieben muss.

Man kann aber genauso gut zum harmlosen Querpass ansetzen, weit vor dem eigenen Tor, und den Ball wunderschön mit dem Außenrist ins Tor befördern. Man kann, ebenfalls außerhalb des Strafraums, elegant in einen Steilpass des Gegners grätschen, den eigenen Keeper verladen und sich danach herzhaft kaputtlachen (zumindest über irgendeinen Teil der Aktion). Aber wohl niemand der 43.000 im Borussia-Park war zur Halbzeit so vermessen, auch nur einen winzigen Teil davon für möglich zu halten. Genau das ist ja das Schöne: Aus dem Nichts wird ein nicht schlechtes, aber auch nicht berauschendes Fußballspiel, das Aufeinandertreffen des Elften und Zwölften der Bundesliga, eine Partie am 16. Spieltag der Bundesliga zur Narbe in der Erinnerung eines jeden, der dabei war, es gesehen oder zumindest davon gehört hat.

“Mit dem Außenrist, dazu No-Look – das hat geradezu Stil”

Die Metamorphose läutet Hannovers Djakpa in der 58. Minute ein. Was genau passiert, ist weiter oben bereits beschrieben. Erst gehe ich fest davon aus, dass der Ausgleich gefallen ist, als Djakpa im Bild erscheint. Ich wundere mich, warum er sich nicht freut und bemerke eine kurze Bewegung am rechten, oberen Bildrand – das Ergebnis ist von 2:1 auf 3:1 umgesprungen. Anlass genug für die erste Becker-Faust vor der Leinwand im Irish Pub. Was dem ausgeliehenen Leverkusener da gelungen ist, muss man erst einmal fertigbringen. Fromlowitz’ Tor in Co-Produktion mit Haggui wirkt dagegen wie ein billiger Versuch, Aufmerksamkeit zu erzielen. Weit vor dem eigenen Tor, mit dem Außenrist, dazu No-Look – das hat geradezu Stil.

Eigentlich schaltet Sky fast ausschließlich in den Borussia-Park, wenn spielberichtsbogenrelevantes passiert ist (das Monstrum von Wort streicht die Rechtschreibprüfung übrigens nicht an – liebenswert, diese deutsche Sprache). Relevant wird es nach Djakpas Eigentor der Dimension Winklhofer erst wieder nach 68 Minuten – „Tor in Gladbach!“. Wieder ein Ausrufezeichen, das mir so gut wie gar nicht hilft, um die elendigen Sekunden des Wartens von einem „oh, schnell nach Gladbach“ über ein „swooosh“ bis hin zur Erlösung zu überbrücken. Die Erlösung heißt in diesem Fall Bradley und gleichermaßen – so sieht es zumindest aus – „Vorentscheidung“. Ya Konan tanzt in der Freistoßmauer aus der Reihe wie der Tagesvollste bei der Polonaise. Schon ist der Weg frei für das zweite Saisontor des Amerikaners. Weit und breit kein Hannoveraner am Ball.

Sky dürfte damit kaum noch Gründe sehen, etwas vom Spiel aus dem Borussia-Park zu zeigen. Der Gedanke löst bei mir nicht gerade grenzenlose Freude aus. Und als hätte Ya Konan, der aus der Polonaise, mich erhört, trifft er im Gegenzug zum Anschluss-Anschlusstreffer. Dann ist eine Viertelstunde lang weitestgehend Sendepause. Jede Minute, in der niemand „Tor in Gladbach“ schreit, ist ein Schritt in die richtige Richtung. Immer schnurstracks auf den Abpfiff zu. Auf den vierten Sieg in den letzten sieben Spielen.

Jaurès offenbart Aufmerksamkeitsdefizite

Sechs Minuten vor dem Ende krönt Ya Konan seine Vielseitigkeit mit einem Platzverweis. Polarstern-Tor, Polonaise, Anschluss-Anschlusstreffer und dann ein Durchziehen gegen Logan Bailly – nicht von schlechten Eltern. Doch so sehr sich der Ivorer auch ins Zeug gelegt hat, den Platz in den Gedächtnissen wird er sich nicht gesichert haben, geschweige denn den in den Geschichtsbüchern. Bevor ein ungewöhnliches Fußballsspiel sich selbst krönt, offenbart Jaurés noch ein nicht ganz unerhebliches Defizit an Aufmerksamkeit. Er will fortschrittlich sein und auf den hippen Zug des vertikalen Fußballs aufspringen. Doch dabei vertauscht er vertikal mit horizontal (passiert mir auch immer), spaziert parallel zur Torlinie durch den Strafraum und landet in der rauen Realität, als Schulz ihm den Ball vom Fuß ins Tor spitzelt. Nur noch 4:3. Hätte der Bochum-Fan neben mir nicht all seine Energie beim Bejubeln des 1:5 seiner Mannschaft verbraucht, hätte er sich den hämischen Seitenhieb, genau in die Rippe zwischen 3:0 und 3:3, sicher nicht sparen können.

Plötzlich ist sie wieder da, diese innere und äußere, die totale Unruhe. Manch einer nennt es auch „Hibbeligkeit“. Wobei das nach purem Euphemismus klingt. Die Nachspielzeit läuft bereits. 96-Keeper Fromlowitz denkt, er könne dem Spiel mit einem Torwart-Tor eine historische Prise zufügen. Scheinbar minutenlang tigert er durch die Hälfte der Borussia, ohne sich dabei ernsthaft zu seinem angestammten Arbeitsplatz bewegen zu müssen. Dann schaltet Sky nach Freiburg. Das nennt man wohl anwaltschaftlichen Journalismus – sich für die Belange der Kleinen einsetzen, für all die, die aus Mangel an Toren in dieser Konferenz etwas zu kurz gekommen sind. Der SC hat gerade einen Freistoß in die Mauer gesetzt, als auf einmal ein „Tor in Gladbach!!!“ durch den Pub tönt. Drei Ausrufezeichen – das kann nur eins bedeuten…

Strapazen für die Stochastik

Verkrampft stelle ich das Bild nach, das auf diesem Blog jeden Spielbericht garniert: Ich beiße auf meinen Schal. Die Metapher ist plötzlich in der Realität angekommen. Erneut vergehen schier endlose Sekunden, bis die Konferenz im Borussia-Park angelangt ist. Erneut sehe ich einen Hannoveraner, diesmal Karim Haggui, und befürchte das Schlimmste. 4:4? Was danach folgt, ist jedoch pure Erleichterung gepaart mit einem herzhaften Lachkrampf und ungläubigem Kopfschütteln. Was passiert ist, steht schon viel weiter oben. 5:3. “Oh man”, bringt Nils es in seiner SMS auf den Punkt.

Ein Eigentor – in Ordnung, jedes 38. Tor in dieser Saison war eine peinliche Angelegenheit für den Schützen. Zwei Eigentore – schon eine Leistung. Drei Eigentore – Bundesliga-Rekord, zumindest von derselben Mannschaft. Ein Eigentor von außerhalb des Strafraums – sehenswert. Zwei Eigentore von außerhalb des Strafraums – an für sich schon einzigartig. Drei Eigentore von außerhalb des Strafraums – zu viel für jede Kuhhaut. 43680 Tore sind jetzt in 46 Jahren Bundesliga plus 16 Spieltagen gefallen. Davon waren 826 Eigentore, also so in etwa einer von 53 Treffern. So kommt man schnell zu dem Schluss, dass die Wahrscheinlichkeitsrechnung noch längst nicht reif war für dieses Ereignis. Womit wir wieder bei der Schönheit dieses Sports angelangt wären: Es können noch so viele Dinge passieren, die man nicht für möglich hält, an die man überhaupt nicht denkt.

In Sachen Eigentoren ist die Schönheit jedoch sehr einseitig verteilt. Hannover 96 wird es zwar kaum trösten, dass sie im Prinzip mit 6:2 gewonnen haben. Trotzdem war es ein Kantersieg für die Geschichtsbücher.

Der Größte

Warum Kristof van Hout von niemandem übertroffen wird und manchmal dennoch jemand an ihm vorbeikommt.

Größe wird im Fußball selten in Zentimetern gemessen. Denn auf die Größe kommt es nicht an. Zumindest nicht auf die, die im Personalausweis eingetragen wird. Klar, ein Zwei-Meter-Schlacks als rechter Außenverteidiger ist nicht die Regel. Im Sturmzentrum wiederum wird man selten einen 1,68-Knirps finden, der die Flanken der (eben nicht zwei Meter großen) Flügelspieler mit dem Kopf ins Tor befördert. Apropos Tor – auch alle Keeper unter 1,80 Meter sind schon wahre Exoten.

Und so verhält sich der Fußball in Sachen Körpergröße dennoch wie in so manch anderem Bereich: Er ist für (fast) alle da. Der größte Weltfußballer des Jahres in der Historie war Ruud Gullit mit 1,90 Meter. Diego Maradona, sein Gegenstück am anderen Ende des Maßbandes, ist 25 Zentimeter kleiner. Auch Lionel Messi wird das nicht unterbieten können.

Während der “Seven-Footer”, also ein Spieler über 2,13 Meter, im Basketball ein gängiger Begriff ist, gibt man sich im Fußball eher unpräzise mit “baumlangen Hünen” und “quirligen Zaubermäusen” zufrieden. Bezeichnend also, dass man jeden noch so nebensächlichen Rekord aufzählen kann, aber nicht wie aus der Pistole geschossen zu sagen vermag, wer der derzeit größte Fußballprofi der Welt ist (in Zentimetern).

Glaubt man dem heiligen Enzyklopädie-Gral Wikipedia, darf sich der belgische Torwart Kristof van Hout von Standard Lüttich mit diesem Titel schmücken. Wenn der im Tor steht (und das ist bei 2,08 Meter nicht mehr so selbstverständlich), sieht das so aus. Und auch Werbetafeln verlieren bei Interviews ihr Aufmerksamkeitspotential. Der Größte eben.

Im Zweiten wird’s wohl besser – 15. Akt:
Die Schönheit der Parteilichkeit

Gladbach Motivbild

Bayern 2:1 Gladbach – Ehrenkarten, Höchststrafen, Schutzfieber, andere Sterne, Kirchen aus dem Dorf, Mannschaftsfotos aus dem Sonderheft, Glühwein.

„Ehrenkarte“ haben sie auf das Ticket geschrieben. Unter Ehre versteht man in Dortmund den freien Eintritt zum Spiel BVB gegen Nürnberg. Soviel zum Thema Identifikation Stadt-Verein. Die scheint zu stimmen. Doch so richtig will ich mich auf meinem grauen Klappsitz noch nicht fühlen wie ein Ehrengast. Es ist kalt im Nordwesten des Signal Iduna Parks. Normalerweise ist Kälte beim Stadionbesuch zwar ein Thema, aber längst keine Last. Im Brustkorb pocht dann das Herz bereits seit den Morgenstunden. Man ist mit dem Anpfiff auf Betriebstemperatur und entwickelt eine Art fußballerisches Schutzfieber.

Schnell merke ich an diesem Samstagnachmittag, wie schnöde selbst ein Stadionbesuch mit 72.000 Zuschauern sein kann, wenn es einem schlichtweg egal ist, wie das Spiel da unten ausgeht. Vor Wochen hatte ich noch getönt, ich könne ja relativ unbeschwert dem BVB die Daumen drücken – weil Nürnberg verlieren müsse, damit sich Gladbach im Tabellenkeller aus dem Ärgsten raushält. Aber wer plant schon Auswärtssiege in Hamburg und Frankfurt sowie eine Serie von fünf Spielen ohne Niederlage in Folge ein? Und so macht es Anfang Dezember fast schon Sinn, für den „Club“ zu sein, damit sich die Borussia – in diesem Fall die richtige und einzig wahre – weiter an ihre Namenscousine heranpirschen kann, die in diesen Tagen ihren 100. Geburtstag feiert. Dass selbst das Heranpirschen nicht mehr oberste Priorität genießt, hat bereits der Freitagabend verhindert. Kauernd sitze ich in Block 78 und wärme mir mit einem Glühwein die Hände, mit einem anderen das Blut.

Dortmund entscheidet das Spiel mit solch einer Leichtigkeit für sich, dass selbst die 72.000, denen das Ergebnis wirklich am Herzen liegt, trotz eines 4:0 nicht nackt durch den Nieselregen nach Hause tanzen. In Gladbach dagegen weint man vor Freude, wenn man am 31. Spieltag in der Nachspielzeit mit 1:0 gewinnt. Unparteiisch Fußball zu gucken – das ist so erquickend wie Goldfische im Aquarium zu beobachten. Der Fußball lebt vom gegenseitigen Triezen, von der süffisanten Provokation, solange sich die allein auf verbaler Ebene abspielt.

“Im Notfall lechzt man selbst nach Marcel Reif.”

Am Abend zuvor, Freitag, ist die Konstellation exakt umgedreht, wie ein Negativabzug des Samstags. Dortmund ist der Fußball vergleichsweise schnuppe. Ab und zu linst im Irish Pub jemand auf einen der Bildschirme – um dann weiter das Wort Glühwein pantomimisch darzustellen. Einige Gäste nippen am Bier, als sei es auserkoren, am nächsten Morgen das berüchtigte gewesen zu sein, das mal wieder schlecht war. Etwas verloren sitze ich auf einem Barhocker an der Theke und beobachte das Geschehen in München. Der Ton ist aus. Im Notfall lechzt man selbst nach Marcel Reif.

Andauernd habe ich eine bemantelte Schulter im Bild, eine Halbglatze oder ein beschwipstes Gesicht schaut mich an, als würde es sich herzhaft darüber freuen, einem Bayern-Fan die Sicht zu nehmen. „Na, erst heute Gladbach und Dienstag Juve?“, provoziert mich einer mit schelmischem Grinsen. Ich habe genug und flüchte. Jacke über die Schultern und nach draußen – auf die Suche nach dem nächsten Bildschirm, der Fußball zeigt.

Vor mir in der Fußgängerzone wiegen die Schultern der Passanten im Takt ihres Alkoholpegels. Ich will vorankommen. Doch vor mir schleicht alles vor sich hin. Aus Metern werden Kilometer, aus Sekunden Minuten. Untypisch ist das nicht für Weihnachtsmärkte – jedoch für Gladbach-Fans, die schnellstens eine Fußball-Kneipe suchen. Wie Alberto Tomba kurve ich um Slalomstangen, die in diesem Fall Weihnachtsmarktbesucher sind, die sich vom Duft der Würste, der Crèpes und des Glühweins hypnotisieren lassen.

Ein Sonderheft ohne Bayern-Foto

Endlich finde ich in einem prallgefüllten Lokal einen Bistrotisch direkt vor der Leinwand. Als ich die Jacke über die Stuhllehne schwenke und den Blick kurz abwende, geht plötzlich ein Raunen durch die Masse. „Oh nein“, denke ich, „bitte nicht.“ Auf der Leinwand ziehen die Bayern gerade eine höchst alberne Jubel-Choreografie ab. Wäre ich geladen und würde gleichzeitig zu körperlicher Gewalt neigen, könnte ich die Visagen auf der Leinwand locker erreichen. Am Ende scheitert es nur an der Gewaltneigung. Wie gesagt, verbal bleiben. Ein paar Minuten Gladbach-München und schon weiß ich wieder, warum ich damals, am 19. Mai 2001, das Bayern-Mannschaftsfoto aus dem Kicker-Sonderheft „entfernt“ habe, obwohl ich Schalke nicht gerade um Welten besser leiden kann.

Die Bayern führen also mit 1:0. Nach acht Minuten im Irish Pub und 17 Sekunden im Szenelokal habe ich den Eindruck, dass sich das so abgezeichnet hat. Doch während ich durch die Dortmunder Straßen eilte, muss sich die Borussia bereits weitaus besser präsentiert haben. Die folgenden Minuten dienen als Bestätigung. Vier Mitglieder des Gladbach-Fanclubs „12:0 Dortmund“ und mir – scheinbar die einzigen schwarz-weiß-grünen Borussen im Lokal – liegt in Minute 27 erstmals der Torschrei auf den Lippen. Arango sorgt dafür, dass man Jörg Butt in aller Seelenruhe vermessen könnte. Der Bayern-Keeper legt jeden seiner 191 Zentimeter horizontal in die Luft. Am Ende muss noch die Naht der Handschuhe aushelfen, um Arangos Darstellung des Wortes „fulminant“ um den Pfosten zu lenken.

Doch der Torschrei ist nur ein angehaltener Atemzug. Nach der darauffolgenden Ecke landet der Ball bei Rob Friend. Der Kanadier bedient Michael Bradley, der die Offensiv-Leiter weiter hinuntersteigt und auf Roel Brouwers weiterleitet. Der steht plötzlich frei vor Butt und netzt ein zum 1:1. Viertes Saisontor – man spricht auch von 4/7 Köln. Wenn die Spielzeit noch nicht zu allzu viel Gedächtnisverlust bei mir geführt hat, müsste es das vierte Tor von Brouwers gewesen sein, das nicht unmittelbar durch, dafür jedoch unmittelbar nach einer Standardsituation fiel. Der Fanclub „12:0 Dortmund“ sendet ein heiteres Kreischen in die Runde. Ich belasse es bei Becker-Faust und nehme genüsslich einen Schluck von meinem Bier.

Die Kirche aus dem Dorf holen

Die Minuten bis zur Halbzeit bringen die Bayern an den Rande eines Rückstands. Wenn Gladbach die letzten Jahre auf einem verschrumpelten, moosbewachsenen Stern gespielt hat, dann grenzt das, was der VfL da hinlegt, fast an Fußball von einem anderen Stern. Der alte, unansehnliche jedenfalls ist es nicht, auf dem sich die Borussia bis zur Pause bewegt. Manchmal kann man die Kirche auch aus dem Dorf rausholen, aufs Feld stellen und sagen „jawoll, so ist es!“. Friend fordert Butt und übersieht dabei Reus. Dann ist Schweinsteiger eine Fußspitze schneller als Reus. Und kurz vor der Pause rettet Butt ein weiteres Mal mit der Naht seines Handschuhs. Arango hatte einmal mehr einen Schuss abgefeuert, der mit den Genfer Konventionen kaum zu vereinbaren ist. Es sind die Nuancen, die Gladbachs Führung verhindern und den Bayern keinen Rückstand, sondern allein ein Pfeifkonzert bescheren. Auch ohne Ton kann man es hören.

Nach der Pause hält sich das Gladbacher Gloria in Grenzen. „Halten“ lautet die Devise. Erfreulich ist, dass auch das weitgehend mühelos über die Bühne geht. Doch ganz so hell funkelt der neue Stern Borussia wohl noch nicht, um 45 Minuten lang die Entführung eines Punktes aus der Allianz-Arena in die Wege zu leiten. Denn gefährlich sind die Bayern ja gerade dann, wenn man sich im wohligen Gefühl badet, ihnen auf Augenhöhe zu begegnen.

Die tollpatschige Aktion eines Lokalbesuchers neben mir gehört lange Zeit zu den Highlights der zweiten Hälfte. Lässig will er sich auf den Bistrotisch lehnen und befördert auf diese Weise ungefähr drei Liter Bier erst in die Atmosphäre und dann auf den Boden. Das neu gewonnene Selbstvertrauen als Borussen-Fan wirkt jedoch Wunder. Während alles um mich herum beinahe ertrinkt, bleibe ich völlig trocken. Übers Bier gehen können – die Trockenwerdung einer biblischen Fußball-Sage.

Dante als Chuck Norris

Nachdem alle Nichtschwimmer das Lokal verlassen haben und der Kellner den Fußboden abgepumpt hat, kann ich mich wieder dem Geschehen auf dem Bildschirm im Mario-Barth-Format widmen. Arjen Robben heißt die größte Gefahr der Schlussphase – neben der Angst vor der Rückkehr des leidigen Bayern-Dusels. Eine Viertelstunde vor dem Ende wird der Niederländer von Dante gefoult. Gladbachs belgischer Brasilianer (die Kombination macht’s) hatte zuvor über weite Strecken wieder die Frage aufgeworfen, warum Chuck-Norris-Witze nicht Dante-Witze heißen. Also zählt Dante zweimal bis unendlich und holt sich 20 Prozent auf Tiernahrung, anstatt Robben fair zu stoppen.

Badstuber legt sich den Ball am rechten Strafraumeck zurecht. An dieser Stelle möchte man ein Plädoyer für die Zensur und gegen die Chronistenpflicht folgen lassen. Doch bleiben wir stark. Der Freistoß wird lang und länger. Baillys Zeit, ihn zu stoppen, dagegen wird kurz und kürzer. Zu kurz. Es steht 2:1, Badstuber feiert sein erstes Bundesligator, als seien Mauerfall und WM-Sieg 1990 auf einen Tag gefallen. Jubelnd stürmt er in die Kurve. Die ist in diesem Fall ein Junge um die 12, an dessen Armen 37 Schals baumeln, der von seinem Sitzplatz auf der Geraden aufgesprungen ist und ekstatisch den größten Moment seines Fandaseins genießt. Richtig, ich verliere nicht gerne.

Der Gladbach-Fanclub „12:0 Dortmund“ hat die unfrohe Kunde wieder mit einem Schrei des Entsetzens zur Kenntnis genommen. Um mich herum haben tatsächlich Leute gejubelt. Von draußen klopft ein Weihnachtsmarktbesucher an die Scheibe und führt mit geballter Faust einen Freudentanz vor der Würstchenbude auf. Alleine in Dortmund Fußball gucken, ein Spiel in München unverdient verlieren und dann auch noch Bayern-Anhänger dabei beobachten müssen, wie sie einen Dusel-Sieg als Rückkehr des „Mir san mir“ zelebrieren – Höchststrafen des Fandaseins.

Als ich mit dem Abpfiff fluchtartig das Lokal verlasse, sind ein großes und ein kleines Bier schon bezahlt. Ich will weg. Ganz schnell. Am nächsten Tag werde ich im Stadion sitzen und 72.000 werden aus dem Häuschen sein, weil ihre Mannschaft, die nicht meine ist, mit 4:0 gewinnt. Die ersten beiden Treffer werde ich im Sitzen verfolgen, mich später dann aber doch erheben. Bewegung schadet nicht. Weil Fußball-Spiele ohne Bauchkribbeln und Parteilichkeit die Körpertemperatur merklich senken.

Live im Ticker: Auslosung zur WM 2010

Die Essenz der Prozedur:

Gruppe A: Südafrika, Mexiko, Uruguay, Frankreich
Gruppe B: Argentinien, Südkorea, Nigeria, Griechenland
Gruppe C: England, USA, Algerien, Slowenien
Gruppe D: Deutschland, Australien, Ghana, Serbien
Gruppe E: Holland, Japan, Kamerun, Dänemark
Gruppe F: Italien, Neuseeland, Paraguay, Slowakei
Gruppe G: Brasilien, Nordkorea, Elfenbeinküste, Portugal
Gruppe H: Spanien, Honduras, Chile, Schweiz

19:45
Tschüss!

19:44
Und jetzt muss ich schnell eine Kneipe suchen und finden, in der ich Fußball gucken kann. Gladbach-Trikot bleibt heute zuhause. Danke fürs Mitlesen und bis zum nächsten Mal.

19:42
Ach ja, Deutschland am 13. Juni gegen Australien, am 18. Juni gegen Serbien und am 23. Juni gegen Ghana. Glaub’, da kann ich.

19:41
Das Hammerlos hat mein Laptop gezogen, glaub’ der muss mal in Kur. Wieder abgeschmiert. Wo war ich dran?

19:32
Und jetzt schön den Spielplan auswendig lernen.

19:28
Australien: Pflicht, aber keinesfalls geschenkt.
Ghana: Für mindestens ein Kandidat fürs Viertelfinale.
Serbien: Hat Henrys Handspiel erst möglich gemacht, indem es Frankreich in die Relegation schickte. Unangenehm.

19:27
Dat isset.

19:27
Die Schweiz gesellt sich in Gruppe H zu den Spanischsprechenden.

19:26
In Gruppe G noch ein Sprach-Kolonial-Duell: Portugal gegen Brasilien. Dazu die Elfenbeinküste und Nordkorea. Eine Hämmerchengruppe.

19:25
Italien hat das Säckchen mit dem Losglück abbekommen. Gegen Neuseeland, Paraguay und die Slowakai.

19:24
Dänemark gegen Holland findet 2010 nicht auf dem Campingplatz in Rimini, sondern in Südafrika statt.

19:23
Hmm… von allem was dabei. Kein Glück, kein Hammer. Einfach nur Gruppe D.

SERBIEN!

19:22
Jetzt Teil 4 der deutschen Gruppe…

19:22
England, die USA und Algerien bekommen als viertes Team Slowenien.

19:21
Otto Rehhagel mit Griechenland gegen Argentinien, Südkorea und Nigeria. Réthy findet’s lösbar, ich nicht so sehr.

19:20
Der Frankreich-Kelch geht an ans vorbei. Gruppe A gegen Südafrika, Mexiko und Uruguay.

19:20
Kamerun spielt übrigens gegen Holland und Japan. Chile macht Gruppe H zur bislang rein hispanischen Gruppe.

19:19
Aber: 2002 hatten wir auch vor Kamerun Angst.

19:18
Uruguay ging als Nicht-Afrikaner zu Südfrika. Als Entschädigung bekommt Deutschland Ghana. Schlechter Tausch.

19:17
Quatsch, Béla macht mich ganz verrückt.

URUGUAY!

19:17
Deutschland außer gegen…

19:16
Algerien bleibt dem DFB erspart. Die Nordafrikaner wandern zu England und den USA.

19:15
Und die Elfenbeinküste fordert Brasilien, oder auch andersrum. Man freut sich drauf.

19:15
Nigeria wird in die Südafrika-Gruppe gelost, geht deshalb aber zu Argentinien und Südkorea in Gruppe B.

19:14
Und schon ist Halbzeit. Haile Gebreselassie geht’s noch zu langsam.

19:13
Spanien bittet Honduras zum zweiten Sprachduell nach England-USA.

19:12
Italien spielt gegen Neuseeland, Brasilien gegen Nordkorea.

19:11
Zum Auftakt also gegen Australien, 1974 schonmal WM-Gegner. 2006 wäre es ebenfalls zu einem Aufeinadertreffen gekommen – aber dann kam die Nachspielzeit im Achtelfinale und dann kam Grosso.

AUSTRALIEN!

19:10
Es ist…

19:10
Football gegen Soccer.

19:10
Ach nee. England bekommt die USA.

19:10
Argentinien trifft auf Südkorea. Jetzt dann der erste deutsche Gegner.

19:09
Deutschland spielt nicht gegen Mexiko. Die spielen gegen Südafrika – im Eröffnungspiel.

19:08
Wie Heiligabend: Erst elende Warterei und dann geht’s ganz schnell.

19:07
Brasilien in Gruppe G und Spanien in Gruppe H komplettieren die Gruppenköpfe.

19:06
Holland kommt in Gruppe E, Italien in Gruppe F. Und da England Kopf von C ist, scheint ein Duell Deutschland-England im Achtelfinale schon möglich. Nicht?

19:05
Deutschland nimmt Gruppe D. Fortuna ist uns hold.

19:05
Argentinien beköpft Gruppe B, England Gruppe C.

19:04
Jubel brandet auf: Südafrika in Gruppe A.

19:03
Jetzt ist doch tatsächlich der PC abgeschmiert. Scheint etwas nervös zu sein. Aber Jerome Valcke hat die Erklärung der Auslos-Prozedur extra in die Länge gezogen. Danke.

18:56
So, und jetzt Kugeln raus.

18:55
In Liga Zwei hat einer die WM 2010 auch noch nicht abgeschrieben. Michael Thurk mit Saisontreffer Nummer 14. Düsseldorf liegt gegen Bielefeld 2:0 in Front.

18:53
Béla Réthy heute Abend aber auch die Süffisanz in Person: Sagt, Sepp Blatter sei neidisch auf seinen Generalsekretär, der Charlize Therons Parfüm aus nächster Nähe identifizieren kann.

18:52
Man muss sagen: Charlize Theron hat sich seit “Monster” optisch echt gemacht.

18:51
Ende 2005, zum selben Anlass, saß ich in einem fensterlosen amerikanischen Klassenzimmer und bekam gerade beigebracht, wie man mit Photoshop die Welt regiert. Der Live-Ticker auf kicker.de und die F5-Taste waren in dieser Stunde jedoch bessere Freunde.

18:49
Beth Ditto macht den Günter Wallraff und singt gerade auf der Bühne – als Afrikanerin verkleidet/getarnt.

18:47
“Ke Nako!” – in etwa “Los geht’s!” oder “Die Zeit ist gekommen”. Wir lernen Fremdsprachen. Weiß grad nur nicht, welche der gefühlten 700 in Südafrika.

18:45
Italien, Frankreich, Deutschland und Brasilien sind die einzigen Teams, die seit 1990 ein WM-Endspiel erreicht haben. Ein erhabener Kreis.

18:43
Otto Rehhagel ist beinahe so alt wie die WM selbst, aber zum ersten Mal dabei in Südafrika.

18:42
Katrin Müller-Hohenstein ist umgezogen, aber nicht umgezogen.

18:41
Jogi Löw kündigt an, das Resultat der Auslosung so anzunehmen, wie es kommt. Heißt für uns: Ist die letzte Kugel aus dme Pott geholt, können wir es ruhig überall rumerzählen. Puh.

18:40
Was hätten die irischen Abwehrspieler eigentlich davon gehalten einfach durchzulaufen und das Einköpfen von Gallas, vielleicht zumindest, zu verhindern?

18:38
Wenn man sich diesen Hype und das Medieninteresse in puncto Auslosung (!) ansieht, dann dürfte das wohl Weltmeisterschaften in so manch anderer Sportart übertreffen. Der Ticker geht trotzdem weiter.

18:36
Haile Gebrselassie holt die Kugeln eben noch in Johannesburg ab. Dürfte in 12:48 min. zu schaffen sein. Dieter Baumann macht Tempo.

18:34
“Fußball ist der Nummer eins Sport in Südafrika”. Ja?

18:33
Es windet in Kapstadt. Das als Hauptbotschaft der ersten drei Minuten.

18:31
Ach nee, doch nicht. Dafür aber Katrin Müller-Hohenstein als Nonne verkleidet, mindestens jedoch als Klosterschülerin. Wer sich das Mikro immer derart ins Gesicht hält, der braucht wohl auch Beistand von oben.

18:30
Toooooor!!!

18:29
Der Ball hatte auch schon seinen großen Auftritt. Klingt nach Kevin Kuranyi, sieht aus wie ein Smiley, der seine beste Tage hinter sich hat.

18:28
19 der 32 Mannschaften waren auch 2006 dabei. Insgesamt ein einziger Neuling mit der Slowakei, aber mit Neuseeland, Algerien oder beispielsweise Nordkorea einige lang nicht mehr Gesehene.

18:27
Nach Frankreichs und Uruguays später Qualifikation sind nun alle Weltmeister der Historie dabei. Der kommende übrigens auch.

18:19
So, jetzt könnte auch bald mal das Glöckchen klingeln. Beim Gedanken an Katrin Müller-Hohenstein übe ich mich jedoch freiwillig in Geduld.

18:15
Für Südafrika ist es ein erster wegweisender Test. Gleiches gilt auch für mich, da diese WM meine Zukunft entscheidend beeinflussen könnte – unter Umständen wird mir nachträglich das Abitur aberkannt. “The World Cup 2010 in South Africa – a huge oppurtunity that could turn into a national disaster” hieß das Thema meiner Facharbeit in Klasse 12. “Ja, so könnte es kommen”, lautete mein Fazit. Dem Lehrer, nicht Sepp Blatter, gefiel’s. Falls 2010 nun jedoch zum bombastischsten aller bombastischen Fußball-Spektakel wird und wir danach alle nach Südafrika ziehen wollen, könnte er seine Meinung vielleicht noch einmal überdenken. Das Zittern beginnt.

18:12
Schonmal vorab die deutsche Gruppe: Mit dabei sind die USA, Uruguay und Portugal.

18:10
Wer gar nicht mehr warten konnte, durfte sich den Nachmittag bereits mit Gerd Rubenbauer und Kalle Rummenigge versüßen. Auf Phoenix lief die 2. Hälfte des WM-Endspiels von 1990. Wir halten für alle, die es verpasst haben, fest: Rudi Völler würde jetzt Klaus Augenthaler heißen, wenn der Schiedsrichter die Elfer an der richtigen Stelle gepfiffen hätte; WM-Spiele gegen Argentinien scheinen immer mit Rudelbildung in der Mitte des Feldes zu enden; es ist immer einer dabei, der wie Gabriel Heinze aussieht; Nessum Dorma wurde damals noch nicht von Paul Potts gesungen; Franz Beckenbauer sprach noch durchaus flüssig; Rüdi Völler ruft Lothar Matthäus bei der Pokalübergabe begeistert “Da ist das Ding!” zu.

18:03
Charlize Theron lässt sich entschuldigen. Eigentlich sollte sie hier als Co-Tickererin fungieren. Die FIFA hat ihr nach einem kleinen Vorfall bei der Generalprobe jedoch die Akkreditierung entzogen. Man kann sich ja mal Irren.

18:00
Es ist so weit. Trainer Baade hat es bereits mit dem Warten aufs Christkind verglichen. Die WM-Auslosung steht vor der Tür – und damit auch der Höhepunkt des inflationären Gebrauchs aller Hammerlos- und Todesgruppen-Metaphern. Aber: Auch das wird sich legen. Spätestens wenn die Lose für die deutsche Nationalmannschaft gezogen sind.

17:57
Nabend zusammen!

StudiVZFB

Wenn das StudiVZ den DFB als oberste Instanz des deutschen Fußball ablösen würde, sähen die Kräfteverhältnisse in den ersten drei Ligen so aus, wie es die kunterbunte Tabelle weiter unten zeigt.

In die Wertung eingeflossen ist die jeweils größte Vereinsgruppe in jenem Netzwerk, das dafür gesorgt hat, dass mittlerweile viele junge Leute ihren Profil-Link im Personalausweis tragen, weil sie dort weitaus häufiger anzutreffen sind.

Die Gruppe “Realschule Ahlen” ist übrigens größer als die des stadtansässigen Fußballklubs. Musste auch mal gesagt werden.

Zwei “Vereine” tauchen in dieser Liste auf, die es so gar nicht gibt. Da “Anti” in unserer Gesellschaft häufig angesagter ist als “pro”, schafft es die Opposition des FC Bayern immerhin auf Platz 10 der Social-Network-Bundesliga. Bei der Anti-Hoffenheim-Fraktion peilt man die Aufstiegsränge der 2. Liga ein und hat das “Original” längst überflügelt. Angeheizt wurde die Mitgliederzahl jener Gruppe – die in Wirklichkeit einen Namen trägt, der Prostitution mit dem Sport verbindet – wohl ausgerechnet von dem Verein, der sich so in etwa als “Deutscher Meister” fühlen darf. Seht selbst:

StudiVZ-Gruppe Vereine

Drin im Klub – Bayer Leverkusen und die Tradition

Warum die „Werkself“ in ihrem 31. Bundesliga-Jahr so langsam dazu gehört.

Panorama of LeverkusenFlickr: leisergu

Eigentlich war der 15. Mai 2002 das unwürdige Ende einer Ära – und irgendwie passte er dann doch wie die Faust aufs Auge. Denn die sechs erfolgreichsten Jahre in der Vereinsgeschichte von Bayer Leverkusen blieben letztendlich ungekrönt. Einmal Vierter, einmal Dritter, viermal Vizemeister, Pokalfinalist, Einzug ins Champions-League-Endspiel – unterm Strich jedoch, titellos.

An jenem Abend in Glasgow war es, als zeichnete Leverkusen, erst vier Tage zuvor im DFB-Pokalendspiel dem FC Schalke unterlegen, selbst eine Karikatur der Spielzeiten von 1996 bis 2002. Real Madrid ging früh in Führung, Lucio glich aus. Dann brach Zinedine Zidane der Werkself kurz vor der Pause vermeintlich das Genick – mit einem Tor, das in keinem Video fehlen darf, in dem die Schönheit des Fußballs thematisiert wird. Doch Bayer gab nicht auf, spielte die damals noch wahrhaftig „Galaktischen“ in der Schlussphase regelrecht an die Wand.

Das Happy End blieb aus. Ballack, Butt und Co. mussten hinnehmen, dass sie an der dritten Trophäe Fingerabdrücke hinterlassen hatten, ohne sie am Ende in Händen halten zu dürfen. Ein paar Wochen zuvor hatte sich Old Trafford von den Sitzen erhoben und die Mannschaft nach dem Halbfinal-Hinspiel gegen Manchester United (2:2) mit stehenden Ovationen verabschiedet. Eine Champions-League-Spielzeit genügte, um den „Pillenklub“ zu einem wohlklingenden Namen für Fußball-Fans in ganz Europa zu machen.

Hierzulande hatte der Klub, vor 105 Jahren als „Turn- und Spielverein 1904 der Farbenfabrik vormals Friedrich Bayer Co. Leverkusen“ gegründet, lange Zeit mit Imageproblemen zu kämpfen. Ganz verschwunden sind sie noch immer nicht. Vor einigen Jahren noch als „Werkself“ verpönt, spielt der Verein mittlerweile jedoch mit seinem Image. Wer die Homepage besucht, sieht zunächst ein Intro, in dem die Kamera durch die Stadt fährt. Rauchende Schornsteine, das wuchtige Bayer-Logo, unscheinbare Wohngebiete – und zu guter Letzt natürlich die BayArena, nach dem erneuten Umbau eines der modernsten und schönsten Stadien Deutschlands. Liegt es an den aktuellen Erfolgen, der Tabellenführung, dem herzerfrischenden Fußball? Oder ist Bayer Leverkusen etwa angekommen im Kreis der Vereine, die ihre Daseinsberechtigung aus einem einzigen, vielzitierten Wort schöpfen? Tradition.

31 Jahre Bundesliga in Folge – nur der HSV, die Bayern, Borussia Dortmund und der VfB Stuttgart können das ebenfalls von sich behaupten. Alle anderen mussten sich in der Zwischenzeit zumindest für ein Jahr verabschieden. Manche kehrten gar nicht zurück. Man kann Leverkusen bescheinigen, dass es sich nicht nur gehalten, sondern etabliert hat. In 23 von 30 Spielzeiten belegte der Klub einen einstelligen Tabellenplatz, landete gleich elfmal unter den ersten Fünf. Das macht im Schnitt Platz 6,9. Nur dreimal schrammte Bayer knapp am Abstieg vorbei. 1982 rettete die Relegation gegen die Kickers Offenbach. Dann war Markus Münch 1996 der Held im letzten Saisonspiel gegen Kaiserslautern, schoss die Pfälzer wiederum zum ersten Mal in Liga Zwei. Und 2003, im Jahr nach der schrecklich-schönen Saison mit dem Beinah-Triple, blieb man ebenfalls drin. Irgendwie. Leverkusen gewann zwei Quasi-Endspiele gegen 1860 und Nürnberg. Spötter mögen sagen, die einzigen beiden in den letzten 16 Jahren.

Doch es gibt trotzdem Fußball-Trophäen auf dieser Welt, die der Vereinsname des Elften der Ewigen Bundesliga-Tabelle ziert. 1988 gewann Bayer den UEFA-Cup dank eines legendären 3:0 plus Sieg im Elfmeterschießen gegen Espanyol Barcelona. Fünf Jahre später verlief das Pokalfinale in Berlin gegen Herthas Amateure weitaus weniger legendär: 1:0. Doch gewonnen ist bekanntlich gewonnen. Werden sie sich in Leverkusen noch das eine oder andere Mal gedacht haben. Ein einziges Adjektiv in diesem Absatz taugt bereits als schlagkräftiges Argument für die Aufnahme in den erlauchten Kreis der Traditionsklubs: „legendär“. Vereine, die Legenden verfasst haben – Geschichten, die sich Fußball-Deutschland von Flensburg bis Garmisch erzählt, um ins Schwärmen zu geraten -, Vereine wie diese bringen wenigstens ein Mindestmaß an Tradition mit. Ein Startkapital sozusagen.

Neben den legendären Spielen kommen die legendären Spieler hinzu. Leverkusen hat Arbeiter wie Nowotny, Ramelow und Kirsten auf der einen Seite gesehen, Ball-Künstler wie Zé Roberto, Emerson und Bernd Schneider auf der anderen – und über allem Weltklasse-Leute wie Ballack, Völler und Schuster, wenn auch Letztere erst im Herbst ihrer Karriere. Hinzu kommen Namen wie Cha, Tita, Lucio, Butt, Juan, Paulo Sérgio, Berbatov und die Kovac-Brüder. Die Liste bleibt höchst unvollständig.

Doch der aktuelle Tabellenführer der Bundesliga hat in all den Jahren nicht nur Erinnerungen an Namen und Spiele unter dem Bayer-Kreuz angehäuft. Vor allem die Spielweise der „Werkself“ aus den erfolgreichen Jahren der Ära Daum/mit Abstrichen Vogts/Toppmöller hat nachhaltigen Eindruck hinterlassen. Zuverlässige Arbeiter gepaart mit Ballvirtuosen und Durchschlagskraft machten Bayer in jener Zeit zweimal zur Torfabrik der Liga, dreimal zur zweitbesten Offensive. Nur die Saison 2000/2001 brachte keinen Spitzenplatz in dieser Statistik. Kein Wunder, dass in den vergangenen 13 Spielzeiten nur Werder Bremen und Bayern München ähnlich viele Treffer erzielt haben. Erstere sind ebenfalls dafür bekannt. Letztere mischen nun einmal immer vorne mit.

Namen, Spiele, Erfolge, Philosophie – ein fünfter Gradmesser in puncto Tradition darf natürlich nicht fehlen: die Fanbasis. Bayer Leverkusen gehört seit jeher zu den Vereinen, die in deutschen Büros, Schulen und Kneipen chronisch unterrepräsentiert sind. Was nicht zuletzt an der – fantechnisch gesehen – starken Konkurrenz im Westen liegt. Der 1. FC Köln ist in dieser Hinsicht unumstritten die Nummer eins am Rhein. Düsseldorf ist ebenfalls in und um die Stadt tief verwurzelt. Leverkusen wird quasi eingekesselt von den Karnevalshochburgen rheinauf- und abwärts. Links des Rheins genießen etwas südlicher die Alemannen aus Aachen die Vorherrschaft, am Niederrhein regieren die Gladbacher Borussen. Im Norden drückt das Ruhrgebiet das Leverkusener Fanpotential mit insgesamt sieben aktuellen oder ehemaligen Bundesliga-Vereinen, von denen je zwei knapp vor und knapp hinter Bayer in der Ewigen Tabelle des Oberhauses platziert sind. Wer an Rhein und Ruhr keinem der genannten Klubs die Daumen drückt, kann noch immer so tun, als sei er Fan des Rekordmeisters. Oder aber er ist aus dem Norden oder Süden zugezogen und dahingehend geprägt. Östlich von Leverkusen ist fußballtechnisch wenig los. Doch da liegt bekanntlich auch das Sauerland.

Der Traditionsfaktor Fanbasis fällt jedoch bei so manchem Verein weg. Wer im Schwarzwald nach Eintracht Braunschweig fragt, an der Nordseeküste nach 1860 München und im Ruhrpott nach dem 1. FC Kaiserslautern, der wird viele irritierte Gesichter zu sehen bekommen. Obwohl alle wenigstens einmal Deutscher Meister geworden sind. Einige Traditionsvereine sind, wie gesagt, ausschließlich in und um ihre Stadt verwurzelt. Außerhalb der Region kümmern sich nur wenige um ihre Belange. Warum also Bayer Leverkusen zum Vorwurf machen, dass seine Anhängerschaft ein überschaubares Grüppchen ist?

Zu guter Letzt heilt ein banales wie einleuchtendes Argument alle Traditionswunden: die Zeit. Wer die 31. Saison in Folge in der Bundesliga spielt, der könnte sich schon alleine darauf berufen, wenn Kritiker wieder einmal die Werksverein-Keule schwingen. Wir kennen das aus dem alltäglichen Leben: Das Neujahrsgrillen mit den Freunden wird zur Tradition, weil es nun einmal jedes Jahr stattfindet – nächsten Januar schon zum fünften Mal. Gleiches gilt für den Abistreich, bei dem der Schulleiter in einem Einkaufswagen sitzend durch die Stadt gefahren wird – seit 2003 fest im Programm.

Bayer Leverkusen ist dabei und wird so schnell wohl auch nicht verschwinden. Weil Tradition ja irgendwie verpflichtet.