Monthly Archive for Januar, 2010

Im Zweiten wird’s wohl besser – 20. Akt:
Ein Spiel wie eine Schachtel Pralinen

Gladbach 4:3 Bremen – fleißige Beamte, ein Volltrunkener großer Gewinner, Abseitsfalle mit Cuba Libre, ein bisschen Croquet, mehr Eiskunstlauf, Shakespeare auf dem Fischkutter, große Ungläubigkeit und ein Happy End.

Gladbach Motivbild

Manchmal ereilen einen gute Nachrichten, ohne dass man überhaupt glaubte, sie zu nötig zu haben. Samstagmittag um 11:55 Uhr beispielsweise meldet die „Torfabrik“ via Twitter: „Spiel gegen Werder findet statt“. ‚Klar, warum auch nicht?‘, denke ich mir. Dass sich draußen – für niederrheinische Verhältnisse – die Schneemassen türmen, habe ich da bereits bemerkt. Doch seitdem der Begriff „Spielabsage“ in unserem Wortschatz Platz machen musste für die „Rasenheizung“, hat man die Macht Frau Holles nicht mehr wirklich auf der Rechnung. Verziehen hätte ich der Hüterin über den Schnee die Verlängerung meiner ohnehin viel zu langen Winterpause wohl nicht (62 Tage ohne Stadionbesuch). Weil in und um den Borussia-Park ganze Arbeit geleistet wurde, können wir nun jedoch in Eintracht weiterleben.

Allein die Shuttle-Bus-Reisenden müssen dem Wetter mächtig Tribut zollen. Entweder macht der Schnee selbst ein Vorankommen so schwierig wie die Berechnung des Bravais-Pearson-Korrelationskoeffizienten. Oder aber die weiße Wonne hat lediglich so viele ÖPNV-Anhänger in die eigenen Autos getrieben, dass ein wunderschöner Beamtenbegriff namens „erhöhtes Verkehrsaufkommen“ für Probleme sorgt. Ein paar Werder-Fans im Bus fluchen am laufenden Band. Wer zu diesem Zeitpunkt schon eine Vorahnung hat, könnte meinen, sie zeterten sich warm. Einer ist sogar so angewidert vom provinziellen und damit freilich ganz unhanseatischen Verkehr, dass er über die Auskunft die Nummer der Gladbacher Stadtverwaltung verlangt. Bremen muss eine tolle Stadt sein – vorausgesetzt, die Beamten arbeiten dort wirklich nicht nur am Freitagnachmittag, sondern obendrein sogar samstags.

Eine ganze Halbzeit nach der Abfahrt am Hauptbahnhof erscheint endlich der Borussia-Park. Auf dem Weg zu den Einlasstoren vermisst ein volltrunkener Werder-Fan den Weg sowohl in der Länge als auch in der Breite. Obwohl er am Sonntag mit einem Kater aus dem Lehrbuch des Alkoholkonsums aufgewacht sein wird, dürfte er mangels Erinnerung zu den glücklichsten Bremern des Wochenendes gehören. Unter Umständen hat er sich sogar absichtlich wie ein Satellit ins All seines eigenen Lebens geschossen. Denn Werder hat von vier Auftritten im Borussia-Park keinen einzigen siegreich bestritten und dabei drei Pleiten kassiert. Keine Mannschaft hat eine schlechtere Bilanz in der Spinne aus Stahl und Beton.

In Wallung nach nur vier Minuten -
Reus, Bobadilla und das Reißverschlussverfahren

Als um kurz vor halb vier – zehn Minuten nach der Ankunft – die „Elf vom Niederrhein“ ertönt und ich als lebendiges Zentrum einer Textil-Zwiebel noch lange nicht friere, frage ich mich ernsthaft, warum man sonst eigentlich so früh ins Stadion fährt. In der Erklärung tauchen meist einschlägige Phrasen auf wie „einstimmen“, „die Atmosphäre genießen“ und „in Wallung kommen“. Eine Einstimmung ist nach zwei Monaten Stadionabstinenz beileibe nicht vonnöten. Atmosphäre zum Genießen kommt bei Minusgraden nur schwerlich auf, wenn 80 Prozent aller Zuschauer Handschuhe tragen und das Klatschen etwas von Gebärdensprache hat. Zu guter Letzt sorgt die Borussia bereits nach vier Minuten für Wallung auf den Rängen (wobei damit ja nicht unbedingt zu rechnen gewesen war).

Levels hat auf Rechts so viel Zeit, um seinen Pass in die Gasse zu justieren, dass man währenddessen alle Deutschen Meister seit 1963 aufsagen könnte – alphabetisch geordnet. Marco Reus (im passiven Abseits) und Raúl Bobadilla zeigen Millionen Autofahrern, wie das Reißverschlussverfahren wirklich funktioniert. Hinter der missglückten Bremer Abseitsfalle kreuzen sich ihre Laufwege. Bobadilla (nicht im Abseits) nimmt den Ball mit auf die Reise und versorgt Beifahrer Reus zum richtigen Zeitpunkt mit einem mustergültigen Querpass. Der 20-Jährige schiebt ein zur Blitzführung und weckt Erinnerungen ans Heimspiel gegen Schalke, als er ebenfalls so früh traf.

Es lohnt sich kaum, einen neuen Absatz zu beginnen. Doch zum Zwecke der Übersicht und in Anbetracht dessen, was noch alles kommt, scheint es angebracht. Nur acht Minuten nach dem Führungstreffer – Werder hat in der Zwischenzeit gefühlte 70 Prozent Ballbesitz aufbauen können – haben sich Reus und Bobadilla am Steuer abgewechselt. Diesmal schickt der Youngster den nur unwesentlich älteren Argentinier. Bremens neuer linker Verteidiger, Aymen Abdennour, hechelt mit rotierendem Kopf hinterher wie Marathonläuferin Paula Radcliffe bei Kilometer 34. Bobadilla weilt da längst in einer anderen Hemisphäre, zieht nach innen und probiert es mit einer Hereingabe, die einem Schuss gleicht. Colautti quetscht den Ball scheinbar unmöglich zwischen Pfosten und Tim Wiese hindurch. Vermutlich war der Israeli früher auch eines dieser Kinder, die partout den runden Bauklotz ins quadratische Loch stecken wollten und dabei kläglich gescheitert sind. Diesmal gelingt das Kunststück mit Bravour. 2:0 nach 13 Minuten – dem Borussen, der seine Pappenheimer genauestens kennt, schwant da Böses.

Marco Reus mit einem Herz für Bobadillas

Wiederum nur eine Handvoll Minuten später schwingen sich Reus und Bobadilla zum magischen Zweieck auf. Wieder schnappt die Bremer Abseitsfalle so effektiv zu wie ein Krokodil nach 17 Gläsern Cuba Libre (Weizenbiergläser, wohlgemerkt). Diesmal hat der Argentinier augenscheinlich die Schnauze voll und ignoriert jeden um ihn herum. Ganz so schnöde will er sein erstes Tor seit dem 4. Spieltag gegen Mainz dann jedoch auch nicht gestalten. Also setzt er den Ball nach einem einfachen Rittberger formvollendet in die kurze Ecke. Da gegen Bochum beim Stand von 3:0 eine ganze Halbzeit vor der Brust noch viel zu lang war, macht sich nach 18 Minuten mindestens so viel Unbehagen wie Glückseligkeit breit. Vor 32 Jahren beim legendären 12:0 gegen Borussia Dortmund hatten die „Fohlen“ fünf Minuten weniger für die ersten drei Treffer benötigt. Ziemlich schwach also, was der VfL gegen völlig desorientierte Bremer zeigt.

Kurz darauf hat Marco Reus – diesmal von sich selbst in die Gasse geschickt – die große Möglichkeit, alle Wogen zu glätten. Frei vor Tim Wiese hat er die Wahl, ob er es lieber wie beim Eiskunstlauf machen will (elegant an Tim Wiese vorbeischlittern), wie beim Croquet (durch dessen Beine) oder wie beim Tennis (Lob über den Keeper hinweg). Stattdessen organisiert der 20-Jährige eine Charity-Gala und bedient wohltätig den mitgelaufenen Bobadilla – leider etwas zu unpräzise. Auf der Gegenseite macht Mesut Özil dann eindrucksvoll die Croquet-Variante vor. Nach einem Doppelpass mit Marko Marin, der im Vergleich zu anderen verlorenen Söhnen noch relativ gnädig empfangen wurde, tunnelt er Logan Bailly und erzielt den Anschluss-Anschlusstreffer. Und wieder läuft Tausenden Gladbach-Fans die Notiz „Bochum“ über eine LED-Anzeige, die sich auf der Rückseite ihrer Stirn befindet. Warum auch immer.

Tim Wiese hat nach einer guten halben Stunde jedoch keine Lust, auf ein Revival des ersten Spieltags. Marx versucht zaghaft, dem magischen Zweieck Reus-Bobadilla eine dritte Ecke hinzuzufügen. Doch sein Bewerbungsschreiben in Form eines langen Passes auf den Argentinier gerät eigentlich einen Tick zu weit. Wiese ist zuerst am Ball, klärt Bobadilla dafür an den Fuß. 40 000 Borussen bekommen bereits Schweißausbrüche, weil sie vermuten, dass er es – wie einst in Wolfsburg – wieder mit der Hacke probieren könnte. Doch Bobadilla legt sein Reifezeugnis im Ihn-einfach-reinschieben ab und schon steht es, so richtig glaubt es ja niemand, 4:1. Ereignisse wie diese verdienen wieder einmal ein Ausrufezeichen: „!“.

4:2 zur Pause – durchaus historisch

Ein Besuch im Supermarkt mit Roel Brouwers dürfte keine Wonne sein. Denn wenn er jedesmal voller Muße dabei zusieht, wie sich einer nach dem anderen an der Kasse vordrängelt, dürfte der Einkauf Stunden dauern. Nach Flanke von Hunt hat Pizarro zuerst den Kopf am Kundentrenner und überwindet Kassiererin Bailly zum 2:4 aus Werder-Sicht. Sechs Tore in der ersten Halbzeit: Es ist eine wahre Tortur gewesen, bei fussballdaten.de herauszufinden, wann es das mit Gladbacher Beteiligung zuletzt gegeben hat. Die Antwort liegt kurz nach Christi Geburt, am 24. März 1979. Damals führten die Bayern am Bökelberg zur Pause mit 5:1 (Endstand 7:1). Ein derartiges Ereignis gepaart mit einem Grund zur Freude gab es ein Jahr davor am 29. April 1978, als die Borussia beim erwähnten 12:0 gegen Dortmund nach 45 Minuten mit 6:0 führte. Sieben Treffer sind dagegen ein wahres Unikat. Am letzten Spieltag der Saison 68/69 lag Gladbach zuhause mit 3:4 zurück. Gegner war, man ahnt es: Werder Bremen. Die Partie endete 5:6.

Zur Halbzeit im Borussia-Park traut sich wohl niemand, ein derart Eishockey’eskes Ergebnis als reine Utopie zu bezeichnen. Zumal Bremen, mit vier Niederlagen in Folge an den Niederrhein gereist, in (fast) jeder nennenswerten Statistik die Nase vorn hat. Ein Freistoß von Marin war vor der Pause noch auf die Latte geklatscht. Außerdem wirbelte der Ex-Gladbacher das eine oder andere Mal gefährlich um seine ehemaligen Kollegen herum, bediente dabei einmal Borowski, der die dicke Chance fahrlässig liegen ließ. Die Borussia dagegen fabrizierte zum Beispiel nicht eine einzige Ecke – wobei es bis zum Ende bleiben sollte.

Hälfte Zwei bringt zunächst nur wenig Berauschendes. Gladbach spielt auf die Südkurve und versucht, eine Serie zu beenden: Denn die letzten acht Treffer im Borussia-Park hat sie allesamt auf die Nordkurve erzielt. Nach einem guten Freistoß von Arango muss sich Reus eigentlich nur noch fragen, wie hart er den Ball in die Maschen dreschen möchte. Stattdessen entscheidet sich der nunmehr vierfache Saisontorschütze für den Innenrist und schiebt Tim Wiese in die Arme. Eine gute Stunde ist rum, als Thomas Schaaf den vierten Stürmer bringt. Rosenberg, Hugo Almeida, Hunt, Marin, Pizarro, Özil – wer davon auf dem Papier Stürmer ist und wer nicht, ist einzig und allein der Willkür des Betrachters unterworfen.

Golfspieler Arango und “Fliegenfänger” Wiese

Die Bremer Sturmflut ebbt jedoch schnell wieder ab. Auf der anderen Seite hat der VfL sogar die Vorentscheidung auf dem Fuß. Arango dreht sich in vollem Lauf einmal um die eigene Achse, funktioniert sein linkes Bein dabei zum Golfschläger um und bedient Bobadilla mit dem fleischgewordenen Driver. Den sehenswerten Heber des zweifachen Torschützen kratzt Tim Wiese gerade noch von der Linie und verleiht mit einem gekonnten Reflex der Bezeichnung „Fliegenfänger“ eine neue, positivere Bedeutung. In Sachen Arango ist festzuhalten, dass der Venezolaner auf jeden Fall erkennen lässt, dass er seinen Fauxpas vom Elfmeterpunkt gutmachen will. Was Bobadilla angeht, bleibt hoffentlich nur eines zu bemerken: Der Knoten ist geplatzt.

Anstatt die Zwei-Tore-Führung mit der Angriffslust einer 87-jährigen Oma beim Canasta über die Runden zu bringen, wechselt Michael Frontzeck eine Viertelstunde vor dem Ende Stürmer für Stürmer ein. Rob Friend kommt für Colautti und wirkt dabei, das Wortspiel sei verziehen, einfach nur wie ein Friend-Körper. Es ist und bleibt eine Krux mit dem Kanadier: Fällt er aus, sehnt man seine Genesung herbei. Ist er wieder da, sträuben sich vor Verzweiflung die Haare. Auch Frontzecks zweiter Wechsel signalisiert alles andere als „Rückzug!“. Herrmann wird für Bobadilla eingewechselt, der in den Genuss der ersten Sprechchöre seines Borussen-Daseins kommt.

Auf der anderen Seite hat Bremen noch lange nicht aufgesteckt. Marin dringt in altbewährter Carrera-Bahn-Manier in den Strafraum, zieht zur Grundlinie und flankt von dort in die Mitte. 94 000 Augen wandern weiter, sehen Pizarro, der den Anschlusstreffer auf dem Fuß hat. Bradley klärt für Bailly, doch plötzlich ertönt ein Pfiff. Schiedsrichter Felix Brych zeigt erst auf Unschuldslamm Bailly – dann auf den Elfmeterpunkt. Nach der Hereingabe ist Marin von seinem ehemaligen Teamkollegen offenbar in alle Einzelteile zerlegt worden. Obwohl der Bremer dennoch flanken konnte und Pizarro zweimal scheiterte, dürfen die Gäste vom Punkt aus das versuchen, was ihnen zuvor über 45 Minuten nicht gelang. Frings hat keine Lust auf Zielen und testet humorlos die Qualität des Tornetzes. Und dann ist es plötzlich doch da: das große Zittern.

Mit Shakespeare, Wahlberg und Clooney im Taifun

Der Spielbericht auf kicker.de ist an dieser Stelle schon einige Male als Gradmesser herangezogen worden. Diesmal stellt sich die Frage: Wie sehr muss die Borussia nach dem Bremer Anschlusstreffer wirklich noch zittern? Den Herren aus Nürnberg genügt nach dem Elfer ein einziger Satz: „Mit Glück und Geschick reichte es dann aber für die Borussia zum Sieg“. Irgendwie signalisiert dieser wortkarge Schlussstrich unter einem denkwürdigen Spiel, dass die letzten fünf Minuten einer Tretbootfahrt auf dem Lago Maggiore gleichen. Dabei fühlt es sich in Wirklichkeit so an, als stehe man mitten in einem Taifun auf einem schwankenden Fischkutter und trage gleichzeitig eine Szene aus Shakespeares „The Tempest“ vor – und Mark Wahlberg hört zusammen mit George Clooney andächtig zu.

Doch dieses Spiel verdient eben ein Happy End. Der 61-Kilo-Joker, Patrick Herrmann, hat kurz vor dem Schlusspfiff noch sein erstes Bundesliga-Tor auf dem Fuß, verzieht jedoch frei vor Tim Wiese. So richtig kümmert es keinen mehr, denn bald darauf ist der erste Sieg der Rückrunde perfekt. Als Sinnbild für den Werdegang jenes Mannes, den man getrost als „Matchwinner“ bezeichnen kann, taugen die Feierlichkeiten vor der Nordkurve. Obwohl er seit 2006 im deutschsprachigen Raum lebt, muss sich Raúl Bobadilla den „Text“ der Humba von Tobias Levels soufflieren lassen. Nicht nur im neuen Verein, sondern auch in Sachen Fremdsprachen braucht der Mann scheinbar einen langen Anlauf. Doch dann explodiert er förmlich – die vor Freude hüpfende Nordkurve dürfte das Bild eindrucksvoll untermalen.

3:3, 2:4, 2:3, 3:2, 5:3 und nun 4:3, dazu jedoch auch schon dreimal 0:0 – bei der Borussia ist einfach alles drin in dieser Saison. Und genau deshalb kann man es nur schwer nachvollziehen, wie manche Leute es schaffen, solch einen riesigen Bogen um den Fußball zu machen. Letzte Woche noch ein fades, torloses Remis in Berlin. Nun ein nervenaufreibendes 4:3 gegen Bremen mit etlichen Torchancen, die es erst gar nicht in diesen Text geschafft haben. Die altbekannte Weisheit von Forrest Gumps Mutter – die mit dem Leben und der Schachtel Pralinen – ist zwar nicht mehr die innovativste. Dafür trifft sie es immer wieder auf den Punkt. Oh, wie ist das schön.

Im Zweiten wird’s wohl besser – 19. Akt:
Futter für die Festplatte

Gladbach Motivbild

Berlin 0:0 Gladbach – Algerier in Abwesenheit, Fieberträume reloaded, destillierte Dämlichkeit, Sturm-Koryphäen, Fußballentzugshalluzinationen.

Man könnte meinen, Karim Matmour tue derzeit alles, um seine Rückkehr an den Niederrhein möglichst lange hinauszuzögern. In Angola läuft das Viertelfinale des Afrika-Cups. Und Gladbachs storchenbeiniger Stürmer hat für seine Mannschaft gegen die Elfenbeinküste den Ausgleich erzielt, ist damit maßgeblich am Sprung ins Halbfinale beteiligt gewesen. Übel nehmen kann man es dem 24-Jährigen kaum. Schließlich gehört der Algerier in Abwesenheit nach zwei Spielen quasi zu den Gewinnern des Rückrundenstarts – weil die Offensiv-Konkurrenz irgendwie ebenfalls abwesend ist, obwohl sie sowohl gegen Bochum als auch gegen die Hertha auf dem Platz stand. Klingt komisch, ist aber so.

Es macht derzeit zwar wenig Spaß, nicht mehr als ein paar Fetzen von Spielen der Borussia mitzubekommen. Doch die Konferenzen auf Sky oder WDR2 haben auch ihre Vorteile. Egal ob Glückseligkeit oder Grauen: Alles kommt destilliert bei mir an. Ohne unnötige Zusätze, vollkommen bereinigt. So spricht es Bände, dass später in der Sportschau nur eine Szene des VfL aus Hälfte zwei gezeigt wurde. Ein Freistoß aus dem Halbfeld landete in der Nachspielzeit bei Berlins Drobny. In dessen Abschlag hinein ertönte der Schlusspfiff. Das war’s.

Michael Frontzeck hielt nachher fest, seine Mannschaft habe „gut gegen den Ball gespielt“. Was für mich immer so schmeichelhaft klingt, als würde man einen Formel-Eins-Fahrer dafür loben, wie gut er gegen die Wand gefahren ist. Sollten Fußballer und Spielgerät nicht eigentlich Freunde sein? Zumindest ab und zu? Miteinander statt gegeneinander? Für Friend, Colautti, Bobadilla und Co. scheint das Credo eben nicht zu gelten. Egal wer derzeit im Sturm aufgestellt wird, Gladbachs System verkommt dauernd zum 4-4-0. Vor acht Spielzeiten war Arie van Lent der letzte Gladbacher, der in der Bundesliga zweistellig traf, nicht Oliver Neuville hieß und mehr als 1,80 Meter ans Maßband brachte. Seitdem gingen Sturm-Koryphäen wie Morten Skoubo oder Kahê ein und aus – ohne sich nachhaltig auf dem Spielberichtsbogen einzubringen.

Nun könnte man das 0:0 in Berlin dankend annehmen. Ein torloses Remis beim Tabellenletzten, der zum Angriff bläst, sich jetzt „Aufholjäger“ nennt und das neue Motto-Shirt von einer aufreizenden Blondine präsentieren lässt, so dass Rolf Fuhrmann von Sky kurz darüber nachdenken musste, ob es bei den „Sexy Sport Clips“ eigentlich noch freie Moderatorenplätze gibt. Man könnte Logan Bailly dafür danken, dass er das erste Zu-Null auf fremdem Platz seit dem 0:1 in Cottbus letzten Mai festhielt und dafür eine 2,0 vom Kicker kassierte. Dass er Ciceros Schuss in der Anfangsphase parierte, bei einem Freistoß des Herthaners im Privatduell mit 2:0 in Führung ging und anschließend gegen Ramos die Schwerkraft aushebelte, um sich in dessen dicke Chance zu werfen. Man könnte das alles tun, sich den Mund abputzen, sagen „Hauptsache nicht verloren“ – wenn da nicht diese eine Szene gewesen wäre, die ein Spiel beinahe auf den Kopf gestellt hätte.

Der Konjunktiv zusammen mit Wörtern wie „beinahe“ verheißt in ein und demselben Satz selten Gutes. „Elfmeter in Berlin!“, hallte es kurz vor der Pause durch die Studentenkneipe. Bereits zehn Minuten zuvor hätte ich schwören können, dass irgendjemand „Tor in Berlin!“ gerufen hatte. Selbst unbefangene Leverkusen-, Schalke- und Duisburg-Fans wollten den Beschwerdebrief an Sky schon mitunterzeichnen, weil sich der Pay-TV-Sender scheinbar weigerte, in die Hauptstadt zu schalten. Waren aber wohl doch nur Fußballentzugshalluzinationen. Nicht so jedoch kurz darauf: Plötzlich lief Marco Reus mit gesenktem Kopf durchs Bild, als habe er gerade einen Herthaner zu Fall gebracht. Vielleicht ahnte er auch nur, was gleich passieren würde und konnte sich deshalb nicht darüber freuen, dass Colautti genau da stand, wo Friedrich zur Grätsche ansetzte.

Es war im Oktober letzten Jahres, als ich mit folgenden Worten eine Szene beschrieben habe, wegen der ich noch sieben Tage später an ernsthaften Fieberträumen litt und an die ich bis heute nur mit schmerzverzerrtem Gesicht zurückdenke: „Was dann passierte, hebt das legendäre Frank-Mill-Versagen auf eine ganz neue, so noch nie gesehene Ebene. Wie in Trance stupste Bobadilla den Ball kurz mit der Sohle an, um ihn anschließend mit der Hacke – Frank-Mill-Fans wissen, was jetzt kommt – am Tor vorbei zu setzen. Aus 17 Metern. Mill traf damals wenigstens noch den Pfosten. „Ball, Tor, rosa Elefanten, aah, Sohle, Hacke, warum ist der Rasen so grün, aah, alles so hell hier, Kacke“ – Raúl Bobadillas Gedankengang in dieser Szene muss ähnlich ergiebig gewesen sein, wie 19 Stunden lang Testbild zu gucken.“

Nun sind ein Hackenschuss aufs verwaiste Tor aus 17 Metern und ein Elfmeter (aus circa elf Metern) gegen Herthas Drobny zwei grundverschiedene Paar Schuhe. Wenn das Resultat sich jedoch gleicht, sind auch die Assoziationen dieselben. Man darf vom Punkt vergeben, auch Arango. Schließlich hat diese sehr spezielle Disziplin des Fußballs schon ganze Länder in tiefe Volkstrauer gestürzt. Man darf auch durchaus zu spät sein beim Nachschuss, weil entweder der Ball zu schnell von vorne oder der Gegner zu schnell von hinten herangerauscht kommt. Die Toleranz wird jedoch mindestens so schwer strapaziert wie bei einem Betrunkenen, der in die U-Bahn uriniert, wenn für den Nachschuss so viel Zeit bleibt wie für eine ganze Buntwäsche oder eine Fahrt von Frankfurt am Main nach Würzburg (über Landstraße, wohlgemerkt). Und außerdem: Von Juan Arango hätte man erwartet, dass er Elfmeter etwas kreativer verschießt. Manchmal da versagt man selbst beim Versagen.

Und so wird dieses Spiel nur aufgrund einer einzigen Szene in Erinnerung bleiben. Demnach gilt Arango ein ganz besonderer Dank. Denn ohne Aktionen wie diese hätten sich in unserem Fußball-Gedächtnis die Erinnerungen niemals in Gigabytes angehäuft – und wir würden immer noch mit Disketten arbeiten.

„Lutscher“ muss bittere Pille schlucken -
oder: Jogi Löw und sein Leistungsprinzip

Wer auf jeden Fall zur WM fährt, darüber lässt sich nur mutmaßen. Fest steht jetzt schon, wer definitiv nicht dabei sein wird: Torsten Frings.

Wer bei Google nach „Jogi Löw+Leistungsprinzip“ sucht, der wird dieser Tage gleich 88 000-mal fündig. Zum Vergleich: Die viel diskutierte Frisur des Bundestrainers kommt nur auf ein Fünftel dieser Treffer. Immerhin. Dabei dürfte es spätestens seit dieser Woche einfacher sein, die Frage „gefärbt oder nicht gefärbt?“ zu beantworten, als festzuhalten, was es mit diesem ominösen Leistungsprinzip überhaupt auf sich hat.

Allzu überraschend kam die Ausbootung von Torsten Frings – etwas euphemistisch auch als „Nicht-Berücksichtigung“ bezeichnet – in dieser Woche nicht mehr. Doch verständlicher wird sie dadurch auch nicht. Bevor das Tischtuch zwischen Frings und Löw im Laufe der letzten Monate Stück für Stück zerschnitten wurde, zog es bereits im Oktober 2008 erste Fäden. Beim 2:1 gegen Russland war der Bremer erst kurz vor dem Ende eingewechselt worden, kurz darauf gegen Wales spielte er gar nicht.

Manch einer hätte die bittere Pille ohne Widerrede geschluckt. Nicht so der „Lutscher“, der im Februar 2009 beim 0:1 gegen Norwegen sein letztes von 79 Länderspielen absolvierte. Frings fühlte sich nicht respektiert, fand seine Verdienste um die Nationalmannschaft nicht ausreichend gewürdigt. Und die direkte Konkurrenz um den Platz in der Doppel-Sechs neben Michael Ballack – Simon Rolfes und Thomas Hitzlsperger – sah er schlichtweg nicht auf einem besseren Leistungsniveau. Auch wenn die Kicker-Noten trotz zahlreicher Schein-Petitionen noch immer nicht den WM-Kader zusammenstellen, sticht Frings’ aktueller Schnitt von 3,03 ins Auge. Nur zweimal fehlte der 33-Jährige verletzungsbedingt in der Bundesliga, spielte bei 18 von 24 Pflichtspieleinsätzen über die volle Distanz.

Und die direkte Konkurrenz um einen Platz im Flieger nach Südafrika? Simon Rolfes hatte sich in der ersten Hinrundenhälfte als Anwärter Nummer eins präsentiert und in allen Belangen überragt. Die zweite Hälfte verpasste der Leverkusener jedoch nach einer Knie-OP vollständig, wird jetzt langsam an die Startelf herangeführt. Thomas Hitzlsperger steckt derzeit im größten Tief seiner Karriere, hat beim VfB die Kapitänsbinde abgeben müssen und ist nicht mehr erste Wahl. Teamkollege Sami Khedira überzeugte zu Saisonbeginn nur phasenweise, fiel dann lange aus. Der 22-Jährige gehört nach der Entlassung von Markus Babbel nun aber zu den großen Stützen der Stuttgarter Aufholjagd.

Für acht Mittelfeldspieler dürfte in Jogi Löws WM-Aufgebot Platz sein. Michael Ballack, Bastian Schweinsteiger und Mesut Özil haben ihr Ticket sicher. Ansonsten tummeln sich viele Neulinge, Youngster und Wackelkandidaten auf der Liste. An Toni Kroos dürfte Löw kaum vorbei kommen, wenn der Bayer-Bayer seine Form halbwegs bis zum Saisonende hält. Für Marko Marin dürften die Chancen dann sinken. Özil, Kroos, Marin – das wäre wohl zu viel des Wirbels. Marcell Jansen befindet sich im Aufwind. Der Hamburger lebt davon, dass er variabel einsetzbar ist und es von seinem Typus nicht viele gibt. Gleiches könnte für Sami Khedira gelten. Für Thomas Hitzlsperger und Piotr Trochowski müsste es getreu dem vielzitierten Leistungsprinzip mehr als eng werden, weil Simon Rolfes in jeder Hinsicht die Nase vorn hat. Doch wovon kann man auf dem Personalkarussell schon ausgehen?

Jener Simon Rolfes wäre in diesem Fall mit 28 Jahren, nach Michael Ballack, der Oldie im deutschen Mittelfeld. Mit Abstand. Warum ein 33-Jähriger, der in 79 Länderspielen selten enttäuscht und an allen Nationalelf-Erfolgen des 21. Jahrhundert maßgeblich mitgewirkt hat, in diesem System keine Rolle spielen soll, bleibt schleierhaft. Sind etwa nur noch Nationalspieler gefragt, die selbst bei einer Pleitenserie auf der Playstation stets die Contenance bewahren? Nur damit im WM-Quartier Friede, Freude, Eierkuchen herrscht? Ein Vereinskamerad von Torsten Frings könnte sich ähnliche Fragen stellen. Seit Jahren überzeugt Tim Wiese mit Werder Bremen sowohl auf nationaler als auch internationaler Ebene. Dennoch bleiben Zweifel, ob der exzentrische Keeper jemals eine faire Chance haben wird, den Platz auf Torlinie einzunehmen.

Jogi Löw wandelt in der Vor-WM-Monaten auf einem schmalen Grat – und das nicht nur in sportlicher Hinsicht. Seine Personalentscheidungen sollen die Leistung in den Vordergrund rücken. Was war und was mal sein kann, spielt eine untergeordnete Rolle. In Wirklichkeit jedoch propagiert der Bundestrainer das Bild vom aalglatten Nationalspieler, der formbar ist wie Pizzateig und jegliche Entscheidungen stumm akzeptiert. Die Zeit der Aufklärung liegt mehrere Jahrhunderte zurück. Im Jahr 2010 wird es gern gesehen, wenn Fußballer in
eine Art Schockstarre der Mündigkeit fallen. Beim Fall Frings dürften sich Kant und Voltaire im Grabe umdrehen.

PS: Torsten Frings darf sich freuen – denn ihm ist der 500. Beitrag dieses Blogs gewidmet. Der Konfettiregen wird nachgereicht, Kanapees entfallen aus Kostengründen.

Im Zweiten wird’s wohl besser – 18. Akt:
Hibbelig in Hessen

Gladbach Motivbild

Gladbach 1:2 Bochum – die “goldene Regel”, “Voralpen”, “Hibbeligkeit”, ein “Brennpunkt” und ein paar Wörter, die nicht in Anführungszeichen stehen.

Welcher Dialekt auch immer sich das Wörtchen „hibbelig“ auf die Fahnen schreiben darf: Kompliment! Bei jedem Versuch, meinen Gemütszustand bei Stadion-Abwesenheit zu beschreiben, kommt mir zuerst dieses höchst lautmalerische Adjektiv in den Sinn. Es passt einfach. Wie die Faust aufs Auge. „Hibbelig“ klingt nach Gliedmaßen, die wild durch die Luft geschleudert werden, als sei der Pullover mit Juckpulver gewaschen worden. „Hibbelig“ weckt Assoziationen an einen Tiger, der nach vierzehn Tassen Kaffee durch seinen Käfig irrt. „Hibbelig“ ist das allumfassende Synonym für innere und äußere Unruhe in Personalunion.

Seit Samstag kenne ich zumindest ein Mittel, um diese Hilflosigkeit halbwegs zu bekämpfen. Es ist 15:38 Uhr, als ich Raum Bonifatius der Jugendherberge von Bad Hersfeld betrete. Draußen bewerben sich die hessischen Berge mit ihren schneebedeckten Wiesen um den Titel „Voralpen“. Und im Borussia-Park hat der Ernst der Rückrunde bereits vor acht Minuten begonnen. Ich selbst reite gerade schnurstracks hinein in meinen persönlichen Ernst des Wochenendes. Während in Gladbach schon wieder ohne mich der Ball rollt, habe ich – man mag es kaum glauben – zu diesem Zeitpunkt andere Sorgen. Dass es jemals so weit kommen sollte. Keine Zeit, um „hibbelig“ zu sein. Das Auswahlseminar zur Studienstiftung bietet letzten Endes mehr Parallelen zur Borussia, als ich erwartet hatte: Man muss auf alles gefasst sein und vor allem damit rechnen, dass das Ergebnis am Ende weniger zufriedenstellend ausfällt.

Zur besten Bundesliga-Zeit also bin ich mit meinem Referat an der Reihe. Zehn Minuten über die WM in Südafrika, ihre Perspektiven und die, die vielleicht gar nicht existieren. Anschließend soll ich mit einer Medizin-, zwei Psychologiestudentinnen, einem Physik- und einem Informatikstudenten zwanzig Minuten lang darüber diskutieren, ob es damals eine gute Idee war von Sepp Blatter, den Zettel mit der Aufschrift „South Africa“ aus dem Umschlag zu holen. Noch gegen Köln und Hannover, als ich ebenfalls im Stadionexil verharren musste, war mir um diese Uhrzeit nach dem einen oder anderen Schnaps zu Mute. Jetzt bin ich plötzlich so drin in Verbrechensstatistiken, Stadionneubauten und Apartheidsnachwehen, dass ich nicht einmal daran denken kann, ob ich Hochprozentiges zur Beruhigung benötige.

Nach einer halben Stunde verlasse ich Bonifatius halbwegs euphorisch. Die Last fällt ab und sofort ist sie wieder da – die verdammte „Hibbeligkeit“. Meine Hand greift sofort in die rechte Hosentasche und betätigt mit einer gewissen Vehemenz den Einschaltknopf des Handys. Die erste SMS aus der Vergangenheit landet in Bad Hersfeld: „0:1 Sestak 12. Minute“. Mir bleibt keine Sekunde, um die Botschaft zu schlucken, da geht es schon weiter mit der Vergangenheitsbewältigung: „0:2 Dedic 35. Minute“. Der Blick auf die Uhr macht alle Hoffnung zunichte, dass noch mindestens drei Textnachrichten folgen und die letzte in etwa lauten könnten: „3:2 Bobadilla 43. Minute – man ist das geil!“. Eine Halbzeit in der Rückrunde ist rum und schon macht sich Ernüchterung breit wie bei einem Vegetarier der feststellt, dass Pilze strenggenommen ja irgendwie auch Tiere sind.

Der Gegensatz ist so erdrückend, dass er fast schon komische Züge bekommt: Eigentlich würde ich bei Temperaturen um den Gefrierpunkt mit Trikot und Schal in einem Betongebilde mit knapp 40 000 anderen Menschen sitzen, mich mit siebzehn anderen Hobby-Philosophen in einer Reihe am Steh-Pissoir versammeln und dabei wohltuend primitive Ansichten vertreten. Stattdessen sitze ich in einer hessischen Jugendherberge am – noch euphemistisch ausgedrückt – Arsch der Welt und mache den Halbzeitfrust bei Donauwellen mit Kaffee vergessen. Zeitgleich wird am Nachbartisch angeregt über die Möglichkeit diskutiert, einen anderen Planeten zu terraformen, also eine Art Erde 2.0 aus ihm zu machen. Es wäre wohl möglich, würde jedoch mehrere Jahrhunderte in Anspruch nehmen. Blöd also, dass die Erd-Kopie uns dann im Ernstfall möglichst schnell retten sollte. Doch wann kommt der Ernstfall? 2012? 2154? Vielleicht Roland Emmerich oder James Cameron fragen. Jedenfalls müsste man ja irgendwann einmal anfangen.

Ab halb 5 sitze ich schließlich mit Knopf im Ohr auf meinem Bett. Das Fenster steht einen Spalt auf, weil jemand die „goldene Regel“ der Jugendherbergen gebrochen und sein großes Geschäft auf der zimmereigenen Toilette erledigt hat – nicht in den Katakomben, wie es das ungeschriebene Gesetz vorschreibt. Draußen bewegt sich derweil rein gar nichts. Keine Menschen, keine Tiere, keine Pflanzen – Bad Hersfeld gleicht am Samstagnachmittag einer Geisterstadt. Allein Sabine Töpperwien krakeelt aus Leverkusen ein bisschen Leben in die Szenerie. HR1 übertreibt es ein wenig mit dem Lokalpatriotismus, als Frankfurt gegen Bremen in Führung geht. Man könnte glatt meinen, die Hessen wollten die Zeit auf 20:15 Uhr vordrehen, damit die ARD dem Thema einen „Brennpunkt“ widmen kann. Aus Leverkusen wird zudem live berichtet, weil Mainz ja irgendwie nah dran ist an Frankfurt. Warum der HSV gegen Freiburg dann ebenfalls so viel Sendezeit erhält, gilt es noch zu beantworten.

Erst in der Schlusskonferenz ab 16:55 Uhr meldet sich der Borussia-Park erstmals so zu Wort, dass wenigstens ein paar Hintergrundgeräusche den Weg in mein Ohr finden. Man wird in der Not ja bescheiden. Ansonsten fliegt der Spieltag in Fetzen an mir vorbei. „Lethargie in Hannover“, „der neue, alte Tabellenführer in Leverkusen“, „der Acker in Hamburg“ – Botschaften wie aus einer fremden Welt. Wenigstens kommt im Radio alles so gefiltert rüber, dass bereits nach wenigen Sätzen des Reporters klar wird, welch einen gebrauchten Tag die Borussia erwischt hat.

Allmählich läuft mir die Zeit davon. Um kurz nach fünf muss ich mich wieder aufraffen von meinen sargähnlichen Herbergsbett. Es läuft die letzte Schalte in den Borussia-Park für mich an diesem Nachmittag, so viel steht fest. Patrick Herrmann, 18 Jahre, feiert schnell noch sein Bundesliga-Debüt. Fabian Bäcker (19) ist bereits zehn Minuten zuvor erstmals eingewechselt worden. WDR-Reporter Burkhard Hupe hinterfragt unsinnigerweise den Sinn des Debütantenballs, um schließlich innerhalb weniger Sekunden die Worte Hermann, Flanke, Bäcker und Anschlusstreffer in einen Satz einzubauen. Dass Herrmann dabei noch die Kapitänsbinde von Filip Daems in der Hand hat, weil er keinen Abnehmer dafür fand, verschweigt der gute Hupe. Klar, wer von seinem Presseplatz schon die Glatzen von Daems und Bradley nicht unterscheiden kann…

Halbwegs hoffnungsvoll schalte ich Radio und Handy wieder aus. Auf dem Weg in den Seminarraum höre ich von irgendwo Sabine Töpperwiens Stimme. Mit Mühe gelingt es mir, meine Motivation zu erhalten. Dann verschwinde ich wieder im Fußball-Vakuum, um darüber zu diskutieren, ob Informatik in der Sekundarstufe I Pflichtfach im Bereich Naturwissenschaften werden sollte. Fazit: Ja, nein, jein, nja, vielleicht, kommt drauf an, mal sehen. Könnte gut sein. Jedenfalls stürme ich um zwanzig vor sechs erneut nach draußen. Doch die einzige SMS stammt von 17:24 Uhr und verheißt ganz spartanisch: „Das war zu wenig“.

Die Tatsache, dass mir ein wenig berauschendes Spiel bei wenig berauschenden Temperaturen entgangen ist, tröstet nur bedingt. Denn statt gleichauf mit dem Neunten und nur vier Punkte hinter dem Sechsten aus Bremen zu liegen, ist der Abstand zum Relegationsplatz auf vier Zähler geschrumpft. Noch rangiert der VfL in jenem Niemandsland, auf das Hannover und Frankfurt einst ein Abo hatten. Noch sind wir damit zufrieden. Vorausgesetzt, es bleibt dabei. Bedingung dafür ist, am besten nicht die erste Mannschaft dieser Bundesliga-Saison zu werden, die gegen Berlin verliert und gleichzeitig nicht Hannover 96 heißt.

Derzeit verliert sich die Borussia in einem Wirrwarr aus Widersprüchen. Hinten wurden Dante und Brouwers für ihre herausragende Hinrunde gelobt, konnten jedoch erneut zwei Gegentore nicht verhindern. Vorne fällt Rob Friend aus, was eigentlich nicht sonderlich tragisch sein sollte, es nun aber doch ist, weil der Kanadier irgendwie fehlt. Raúl Bobadilla hat seinen Lauf aus dem Wintercup in Düsseldorf schon wieder beendet, ist eben kein Ausdauernder sonder wohl eher ein Sprinter. Und so sieht es fast danach aus, als könnte sich ein 19-Jähriger früher zum Hoffnungsträger aufschwingen als ursprünglich erwartet. Paradox.

Fazit des Wochenendes: Neben Schnaps wirken intensive Ablenkung und nervliche Anspannung effektiv gegen „Hibbeligkeit“. Sabine Töpperwien bringt selbst nach Bad Hersfeld eine Schippe Leben. Hessen sind im Radio zu patriotisch. Und Bochum ist, nach mittlerweile mehr als 12 Jahren ohne Gladbacher Sieg, ein wahrer Angstgegner.

Violett auf Schwarz – eine Ode an den Videotext

Er ist ein Retter im Ferienloch, eine Brücke im Werbeblock. Jeder Fußballfan weiß mit den Seiten 251 und 253 etwas anzufangen. Und das vielleicht noch sehr, sehr lange. Denn der Videotext ist nicht klein zu kriegen.

VideotextNicht wenige von uns werden mit violetter Schrift auf schwarzem Grund ein paar nervenaufreibende Nachmittage verbinden. 2-5-1, 2-5-1. Immer wieder. Der ARD-Videotext kennt keine F5-Taste zum Aktualisieren und Malträtieren. So ein Durchlauf kann lang sein. Und wenn im entlegensten Fischerdorf von Griechenland die Sonne vom Himmel brennt, weit und breit keine Fußball-Kneipe zu sehen ist und die hellenische Gastfreundlichkeit gegenüber Deutschen sich auf den Empfang des ARD-Fernsehprogramms beschränkt, dann darf man durchaus verzweifeln. 2-5-1, 2-5-1.

Die neuesten Fernseher ersparen zwar größtenteils den elendig langen Suchlauf, Klappseiten können manuell umgeblättert werden. Doch in Zeiten des Internets ist der Videotext, gerne auch Teletext genannt, eigentlich ein Medium von gestern. Wer es will, der wird heutzutage fast minütlich mit neuen Feeds aus der Welt des Fußballs gemästet. Wer dafür nicht einmal vor dem PC sitzen, sondern am liebsten auch in der U-Bahn gefüttert werden möchte, der trägt ein iPhone mit sich herum.

100 Videotext-Seiten haben jedoch noch immer nicht ihren Reiz verloren. Vier Seiten genügen, um die wichtigsten Meldungen übersichtlich zu präsentieren. Zweideutige Angebote von „reifen Hausfrauen“ bleiben dem treuen VT-Nutzer auf den Öffentlich-Rechtlichen zudem erspart. Der Videotext schöpft seine Schönheit aus seiner Bescheidenheit. Dennoch kann man sich sicher sein, dass das, was sich auf meist nur 30 Seiten findet, wirklich am wichtigsten ist im Sport. Und weil das Fernsehprogramm selten für eine Eilmeldung unterbrochen wird, wenn Jan Simak nun doch nicht nach Bielefeld geht, ist der „Text“ meist schneller als das Medium, ohne das er gar nicht existieren würde. Paradox, aber wahr.

Während im Internet der Klick näher ist als das Eintippen dreier Zahlen auf der Fernbedienung, während Radio und Fernsehen einer Schlagzeile meist sofort die Nachricht folgen lassen, besitzt der Videotext ein Monopol auf ein kleines Spiel mit unserer Fantasie. Denn bei wem wecken Überschriften wie „Mutti trainiert Bergamo“ oder „Schalke: Spielabsage wegen Dachschadens“ keine Assoziationen? Außer bei Coach Bortolo Mutti und allen königsblauen Anhängern vielleicht.

Der Videotext ist eine Brücke im Werbeblock, ein Retter im Ferienloch – nicht der aber immerhin ein Nabel der Welt. „Teletext – ein Masseninformationsmedium mit Zukunft“ hieß eine Vorlesung an der Universität des Saarlandes. Im Wintersemester 1999/2000. Zehn Jahre später gibt es ihn immer noch, sogar im Internet. Der nächste Sommerurlaub am Arsch der Welt kann kommen. Solange Griechen, Portugiesen, Finnen mitspielen – und ihre Satellitenschüssel richtig justieren.