Monthly Archive for März, 2010

Bayer vs. Schalke – Tagebuch des Titelkampfs oder:
Zweiter kann nur einer werden (Teil VII)

31. März 2010 – 38 Tage
bis zum letzten Spieltag

Lisa erlebt das Glücksgefühl, das Anhänger eines Vereins genießen dürfen, der von Felix Magath trainiert wird. Kerstin schweigt dagegen wie ein Fan, dessen Klub einmal von Bruno Labbadia trainiert wurde und derzeit so spielt, als sei dies immer noch der Fall.

Von Lisa S.

Wie der durchschnittliche Fußball-Fan habe auch ich schon ein paar Stadien von innen gesehen. Schalke, Hannover, Hamburg, Bremen, Berlin – alle relativ groß, teils sehr modern, eines davon einfach wunderschön. Nun also hatte ich dieses Wochenende das Vergnügen das erste Mal die BayArena in Leverkusen zu sehen. Das erste Wort, das mir dabei spontan einfiel, war “heimelig”. Dazu passte auch, dass wir schon bald eine SMS mit der wunderbaren Nachricht erhielten, wir wären auf Sky zu sehen gewesen – bei den vielleicht 200 Fans in der Fankurve wohl auch kein Wunder.

Schon der Einmarsch der beiden Mannschaften gab mir ein gutes Gefühl für das Spiel. Denn den Titel, den sich die Heimelf zu diesem Zweck ausgesucht hatte, war „Bitter Sweet Symphony“. Schön. Nicht ganz so schön allerdings wie mein Lieblingslied des Abends. Das geht ungefähr so: „Spitzenreiter, Spitzenreiter, hey, hey!“ Aber dazu später mehr.

Man kennt ja die Diskussion über Bayer: Sie hätten keine Tradition, eh keine echten Fans und wie das mit den Titeln ist, sei ja weitgehend bekannt. Um also darauf hinzuweisen, was für die Leverkusener wirklich wichtig ist, haben sich die Verantwortlichen etwas Besonderes ausgedacht. Über die Anzeigetafel flimmerte in Abständen von zwei bis drei Minuten der Satz „Wir sind stolz auf unsere Stadt, unseren Verein und unsere Werkself.“. Nur falls es mal jemand vergessen sollte.

Wie harmonisch Fans und Mannschaft zueinanderstehen, zeigte Manuel Friedrich, der schon nach gut einer Stunde den unwiderstehlichen Drang verspürte, der Fankurve zu applaudieren. Ob für das gellende Pfeifkonzert zur Pause oder die wiederholten Rufe „Wenn du keinen Bock mehr hast, dann verpiss dich doch!“, kann ich nicht beurteilen.

Die wahre Attraktion und das wirklich Wichtige an diesem Samstagabend war dann natürlich das Spiel. Wir hatten das Glück, auf der Seite des Stadions zu stehen, auf der der peruanische Wunderstürmer Jefferson Farfán Leverkusens Linksverteidiger Gonzalo Castro in der ersten Halbzeit circa 27-mal vernaschte. Kerstin und ich hatten beide Tränen in den Augen. Eine vor Wut, die andere vor Freude. Ihr dürft raten.

Aber nicht nur Farfán glänzte, auch Kevin Kuranyi mit seinen beiden Toren, Manuel Neuer mit einer tadellosen Leistung, Joel Matip mit einer unglaublichen Übersicht. Aber vor allem anderen beeindruckte der Schalker Kreisel 2.0 mit Farfán, Peer Kluge und Benedikt Höwedes. Eigentlich müsste ich hier alle vierzehn eingesetzten Spieler erwähnen, denn die Königsblauen waren Bayer einfach in allen Belangen überlegen.

Das ist jetzt alles Tabellenführereuphorie, werdet ihr denken. Wann hat Schalke denn zuletzt so überzeugt? Aber wenn ihr mir nicht glauben wollt, dann fragt doch unseren ausgewiesenen und einigermaßen objektiven Experten, Herrn Sorgatz. Der sagte nämlich: „Glückwunsch, ganz ehrlich! Ab heute darf Schalke Meister werden. Wer Bayer so fertig macht und so einen geilen Trainer hat…“ Da seht ihr! Was er zur Werkself zu sagen hatte, darf Kerstin Euch erzählen.

Wenn man so eine perfekte Leistung seiner Helden sieht, die auch noch mit dem Platz an der Sonne belohnt wird, und das dann nicht gebührend feiern darf, ist das schon hart. Auch wenn die Leverkusener Fans nicht unbedingt als gewalttätig gelten, wollte ich trotzdem nicht riskieren, in deren Fankurve enttarnt zu werden. Also fraß ich meine Freude sozusagen in mich rein, ließ sie dann aber außerhalb des Stadions sofort in Form von wildem Rumgehüpfe, Gesinge (“Spitzenreiter, Spitzenreiter, hey, hey!”) und dem breitesten Grinsen seit Julia Roberts raus. Leidtragende war natürlich wieder Kerstin.

Doch weder ihre Versuche, mich zu ärgern, noch irgendwelche Leverkusener Fangesänge konnten mir an diesem Abend noch die Laune verderben. Nicht das sie es nicht versucht hätten. Natürlich war wieder das obligatorische „4-Minuten-Meister“-Gerede zu hören. Aber liebe Leverkusener, denkt mal dran: 4 Minuten Meister ist immer noch länger als ihr jemals ward und in nächster Zeit sein werdet.

Glückauf!

Kerstin B.’s einziger Kommentar ist bislang kein Kommentar. Bayer Leverkusen wird deshalb mit einem Punktabzug von drei Zählern belegt. Noch werden interessierte Bremen- und Dortmund-Anhänger gesucht, die bald eine Champions-League-Platz-Gerangel-Wechselkolumne mit ihr starten, falls das mit Bayer so Labbadia’esk weitergeht.

Im Zweiten wird’s wohl besser – 28. Akt: Genugtuung³

Gladbach 1:0 Hamburg – einfach nur Genugtuung, sonst nichts.

Fußball-Fans haben ja generell den Eindruck, sie seien der Mittelpunkt der Welt. Nicht alle zusammen, sondern jeder für sich selbst. Man steht nicht auf dem Platz. So weit wird es auch nicht mehr kommen, weil zwar alle wissen, dass der Linksverteidiger mit einem 30-Meter-Ball die Seite wechseln müsste, es aber kaum jemand selbst auf die Reihe bringen würde. Und zuhause bekommen wir mangels Motorik kaum den Briefkasten auf. Trotzdem hat sich schon manch ein Fan zum Matchwinner aufgeschwungen – weil er statt der Bratwurst eine Laugenbrezel gegessen oder statt des linken Socken ausnahmsweise den rechten zuerst angezogen hat.

„Die Welt dreht sich doch nicht um Dich“, meinte meine Freundin letztens, als sie mit im Stadion war und ich ihr erklären wollte, warum wir nicht den naheliegendsten Treppenaufgang zum Block nehmen können, sondern noch rund 100 Meter laufen müssen. Laut Artikel 3 des Grundgesetzes darf niemand wegen seines Glaubens diskriminiert werden. Den Aberglauben hatten die Väter unserer Verfassung damals wohl nicht im Sinn. Manchmal hat man es nicht leicht, wenn man etwa sein Trikot aufgrund einer sagenhaften Siegesserie wochenlang nicht wäscht.

Gott sei Dank haben Anhänger der Borussia nur äußerst selten mit diesem Problem zu kämpfen. Viel näher liegt das Gefühl, man müsse etwas ändern, irgendeinen genialen Schachzug des Aberglaubens durchführen, um den VfL wieder aus der Sieglosigkeit zu befördern. Die Karnevalssession erlebte gerade ihren Höhepunkt, als Gladbach am Freitagabend nach Altweiber mit 2:1 gegen den 1. FC Nürnberg gewann. Es folgten zwei Unentschieden gegen Hoffenheim und Freiburg, zwei Pleiten gegen Dortmund und Wolfsburg sowie das 1:1 im Derby gegen Köln. Nach dem Nürnberg-Sieg hatte die Borussia Tuchfühlung zu den einstelligen Tabellenplätzen, lag elf Punkte vor dem Relegationsplatz und so manch ein Bekloppter (auch ich, im untersten aller Unterbewusstseins) träumte davon, mit einem sagenhaften Endspurt noch auf Rang sechs zu springen.

Mit den Träumen war es schnell vorbei. Der VfL legte mit den Spielen gegen Dortmund und Wolfsburg (höchste Heimpleite seit 1998) seine schlechtesten Saisonleistungen hin. So manch einem Träumer und „Langweilig!“-Rufer (auch mir) wurde klar: Mit 30, 31 Punkten kann man selbst in einer Saison, in der sich so viele Mannschaften sagenhaft unterirdisch präsentieren, noch absteigen. Es ging nach den Niederlagen von Hannover und Nürnberg sowie dem Remis der Freiburger also um nichts Geringeres als einen Riesenschritt in Richtung Sorglosigkeit und Klassenerhalt.

Ein Magen-Darm-Virus als gutes Omen

Die Liste der guten Omen und abergläubischen Handlungen war lang. Erstmals seit 17 Spielen konnte ich mir wieder ein Trikot überstreifen, ohne Bibendum, dem Michelin-Männchen, ernsthafte Konkurrenz zu machen. Sprich, ich zog erstmals seit dem Auswärtsspiel beim HSV überhaupt wieder eins an. Damals siegte Gladbach mit 3:2, beendete die schwerste Krise dieser Spielzeit und machte sich auf, um aus den letzten sechs Partien der Hinrunde noch zehn Zähler zu holen. Michael Frontzeck hatte sich bei der Zusammenstellung der Mannschaft fürs Rückspiel scheinbar ebenfalls daran erinnert. Mit Friend und Matmour brachte er die beiden Stürmer, nach deren Einwechslung im vergangenen Oktober die Wende folgte. Tobias Levels wird ein weniger schönes Wochenende verbracht haben – mit Magen-Darm-Virus. Für ihn rückte Tony Jantschke in die Startelf – wie zuletzt im Februar gegen Nürnberg, als der VfL sein bis dahin letztes Spiel gewann. Um sicherzugehen nahm ich den richtigen Eingang, wechselte den Treppenaufgang und ließ die Bratwurst weg. Wobei Letzteres eher der undankbaren Anstoßzeit um 17:30 Uhr geschuldet war. Eine Wurst oben drauf hätte das Sonntagsschnitzel wohl nicht gut geheißen.

Das Spiel hatte kaum begonnen, da fühlte ich mich bereits bestärkt in meinem Glauben, es könne endlich wieder einmal etwas werden mit einem Dreier. Karim Matmour brachte den ersten Dornbusch zum Brennen, als er Frank Rost schon in der zweiten Minute einer TÜV-Kontrolle für Torhüter über 35 unterzog. Kurz darauf teilte Rob Friend das Meer mit einem gelungenen Kopfball, der dem HSV-Keeper die nächste Plakette einbrachte.

Doch es war schnell vorbei mit den biblischen Wundern. Die erste Hälfte brachte über weite Strecken zwar auch keine Plagen, verstärkte aufgrund von chronischer Ereignislosigkeit jedoch hartnäckig den Sommerzeit-Jetlag. Ruud van Nistelrooy phantomisierte durch den Gladbacher Strafraum wie eine Fata Morgana. Arangos Körpersprache machte den Eindruck, die Uhr sei nicht um eine, sondern um 25 Stunden vorgestellt worden. Es passierte praktisch nichts. So manch einer rutschte bereits sachte den Sitz herunter, klimperte mit den Augen oder musste sich kräftiger auf den Wellenbrecher stützen, als die Ereignislosigkeit so jäh beendet wurde wie das alte Jahr am 31. Dezember um 23 Uhr, 59 Minuten und 59 Sekunden.

Ein Arango-Freistoß segelte augenscheinlich so ungefährlich in den Strafraum, dass 52 000 schon wieder die Augen schließen wollten. Doch plötzlich war er da, phantomhaft wie sein Landsmann van Nistelrooy in besten Zeiten, kaltschnäuzig wie Gerd Müller. Roel Brouwers schaltete nach kurzem Durcheinander schneller als alle anderen und beförderte den Ball zum siebten Mal in dieser Saison über die Linie. Unter den Augen von Bondscoach van Marwijk brachte er sich so nicht nur für die WM-Verteidigung der Niederlande ins Gespräch, sondern untermauerte gleichzeitig Ansprüche auf die vereinsinterne Torjägerkanone und die der Bundesliga-Abwehrspieler. Mit Daniel van Buyten (6 Saisontore), Maik Franz, Per Mertesacker, Naldo und Mats Hummels (je 5) ist die Konkurrenz nicht nur namhaft, sondern ebenso treffsicher in diesem Jahr.

2008: Campingplatz – 2010: WM-Nominierung?

Vor zwei Wochen widmete ich an dieser Stelle Tobias Levels einen Huldigungs-Absatz. Roel Brouwers macht genau wie Levels eigentlich gar nicht den Eindruck, sich so etwas einmal zu verdienen, wenn man ihn über den Platz laufen sieht. 192 Zentimeter bewegen sich eher ungelenk durch die Gegend. Der 28-Jährige ist nicht mit der besten Technik gesegnet. Wenn er den Ball quer passt oder dem Sechser vor ihm überlässt, könnten Spötter meinen, man müsse Angst um seine Knöchel haben. Doch da es niemand in der Welt böse mit dem fröhlichen Niederländer meinen kann, ist da in erster Linie die Geschichte eines Mannes, der sich von einem Zweitligaaufsteiger erst zu einem Bundesligaaufsteiger hochgearbeitet hat und nun die Abwehr einer Mannschaft stabilisiert, die sich in der sorglosen Zone der höchsten deutschen Spielklasse eingenistet hat. Auch ein Verdienst von Brouwers. Nicht nur wegen seiner nunmehr sieben Saisontore, die schon in der letzten Spielzeit für die vereinsinterne Torjägerkanone genügt hätten. Jetzt hat er sich ins Blickfeld von „Oranje“ gespielt, das momentan unter einem Innenverteidiger-Mangel leidet. Wenn es für die Niederlande im Juni gegen Dänemark, Japan und Kamerun geht, könnte einer dabei sein, der sich das selbst wohl nicht erträumt hätte. Noch zur EM 2008 war Roel Brouwers, frisch kahlgeschoren nach dem Aufstieg der Borussia, als Tourist in die Schweiz gereist. Nicht in der Manier eines Günter Herrmann – sondern mit Freunden auf den Campingplatz. So geht das eben im Fußball.

Der zweite Durchgang brachte zwar keinen weiteren Treffer von Brouwers. Dennoch gelang es ihm an der Seite von Dante eindrucksvoll, Bondscoach van Marwijk ein paar Argumente mehr mit auf den Heimweg zu geben. Wenn beide einmal nicht auf der Höhe waren, retteten die Abschlussschwäche des HSV, Logan Bailly oder die Fahne des Schiedsrichter-Assistenten. Wenige Minuten nach der Pause waren die beiden Letztgenannten gemeinsam aktiv. Van Nistelrooy spielte sich zum ersten Mal nennenswert in den Mittelpunkt. Doch seinen Schuss, im Abseits stehend, entschärfte Bailly, der ansonsten wenig zu tun hatte, glänzend. Bald darauf war auch schon Schluss für „Van the Man“. In 27 Minuten Einsatzzeit brachte Paolo Guerrero exakt so viele Ballkontakte zustande wie der Niederländer, den sie in Hamburg scheinbar zum Messias auserkoren. Ob man einen Weltklasse-Stürmer kurz hinter dem Zenit beim Stand von 0:1 aus Sicht der eigenen Mannschaft nach 63 Minuten vom Platz nimmt, darüber kann man mit Sicherheit streiten. Doch sich um Kopf und Kragen ihres Trainers reden, das sollen die HSV-Fans dann doch bitte selbst übernehmen. Wer gerade einmal keine Probleme hat, muss sich ja nicht gleich der des Gegners annehmen.

Nachgeholt: die Nachspielzeit aus dem Derby

Das Siegen ist bei der Borussia in dieser Saison eine leichte Sache (gut, so leicht auch wieder nicht, denn dann hätte sie es sicher öfter getan). Legt man das, was sie falsch gemacht hat, und das, was richtig gelaufen ist, auf die Waagschale, spiegelt sich ein Übergewicht an richtigen Handlungen meist in einem Dreier wider. Über weite Strecken fand der VfL die richtige Mischung aus Stürmen und Verteidigen, nutzte die Schwächen des Gegners diesmal besser aus als zum Beispiel noch in Köln. Frontzecks Wechsel waren logisch, konsequent und gut. Erst ließ er ein funktionierendes System in Ruhe walten. Als die Hamburger den Druck erhöhten, nahm er Friend – der mit dem Ball so richtig nur in der Luft oder im Strafraum etwas anfangen kann – vom Platz und brachte mit Bobadilla einen laufstarken Mann, der den Ball so lange halten kann, dass es einen in anderen Phasen eines Spiel ja eher schon gestört hat.

Nur ein Freistoß-Festival des HSV in der Schlussphase gab der Angst noch einmal einen Nährboden. Doch wie so viele Versuche des Gegners verpufften auch die „aus dem Stand“. Nach Ablauf der 90 Minuten erhielten 52 000 Borussen minus X noch eine Antwort auf ihre Frage, wohin eigentlich die Nachspielzeit aus dem Derby verschwunden ist. Denn genau die Sekunden, die Felix Brych damals zu früh abpfiff, ließ sein Namensvetter Zwayer nun nachspielen. Und so vergingen noch nervenaufreibende drei Minuten, bis es endlich hieß: Arme in die Luft recken, „Jaaaa!“ schreien, genießen.

Genugtuung – in jeder Hinsicht

14-mal hat die Borussia in dieser Saison geführt, fünfmal hat es am Ende nicht zum Dreier gereicht, gleich dreimal trotz eines Zwei- oder Drei-Tore-Vorsprungs. Dieses 1:0 gegen Hamburg ist also alles andere als selbstverständlich gewesen. Zumal es Gladbach in eine solch komfortable Situation versetzt hat, dass nun, sechs Spieltage vor dem Ende, genau ein Zähler pro Spiel schon definitiv zum Klassenerhalt reichen würde – selbst wenn Hannover, Freiburg, Nürnberg und Co. alle ihre ausstehenden Partien gewinnen. Darüber, dass das ziemlich unwahrscheinlich ist, herrscht wohl kein Gesprächsbedarf. Zum selben Zeitpunkt hatte Gladbach im letzten Jahr 23 Punkte auf dem Konto. Nun gibt es für mich bis zum Saisonende noch genau zwei Ziele: sechs Zähler einfahren, um die “Mission 40″ mit einem Jahr Verspätung doch noch zu vollenden, und am liebsten schon am 31. Spieltag auf Schalke die Klasse halten. Denn eine Woche darauf gegen die Bayern werde ich nicht dabei sein können.

Ein Dreier gegen den HSV war besonders wohltuend. Nicht nur, weil die Borussia selten beide Saisonspiele gegen eine Mannschaft gewinnt (seit 2001 gelang es in der Bundesliga erst zum siebten Mal). Sondern auch, weil sich die Anhänger des Klubs aus dem Norden in der Hinrunde von einer so arroganten Seite gezeigt hatten („Was wollt Ihr überhaupt hier?“), dass dies schon damals auf dem Fuß bestraft wurde. Etwas Wasser auf die Mühlen meiner Antipathien gab es zudem noch nach dem Spiel gestern, als ich unter anderem mit meinem Bruder zum Bus ging. Ein paar HSV-Fans trotteten an uns vorbei, als einer meinen Bruder, der bekanntlich das Down-Syndrom hat, plötzlich mit einem flugs komponierten „Lied“ bedachte – „so sehen Mongos aus“. Wenn in der Halbzeit schon zum Kampf gegen Rassismus aufgerufen wird, sucht man sich in Hamburg scheinbar andere Gruppen zum Diskriminieren. So etwas habe ich bei all denen Stadionbesuchen mit meinem Bruder, auch auswärts, zum ersten Mal erlebt. Aber immerhin erhielt der HSV-Fan die Höchststrafe: Nein, keinen Schlag ins Gesicht. Aber fünf Stunden mit dem Zug nach Hause dümpeln, mit einer bitteren 0:1-Pleite im Gepäck, das kommt dem schon sehr nah. Ganz anders als ein Sieg nach zuletzt fünf Spielen ohne.

Wühltisch (2) – aus den Fanshops dieser Welt

Ingolstadt, Freiburg, Duisburg, Köln – vier Vereine zogen gegen den FC Augsburg den Kürzeren im DFB-Pokal. Doch gegen Bremen war Endstation.

Vielleicht lag es daran, dass die “Pokalsafari” des FCA in der Hansestadt nicht mehr so ganz hinhaute. Der Ingolstädter Drache, der Greif des SC Freiburg, die Duisburger Zebras und der Kölner Geißbock hatten in den ersten vier Runden dran glauben müssen. Nun ist Werder Bremen leider völlig tierlos in seinem Wappen. Die Stadtmusikanten mussten herhalten für das Pokalshirt aus dem FCA-Fanshop – das Kästchen bekommt nach der 0:2-Niederlage keinen Haken. Spätestens beim Endspiel in Berlin hätte es mit dem Motto ohnehin nicht mehr hingehauen. Tierische Wahrzeichen sucht man auf Schalke nämlich vergeblich. Maskottchen Erwin wäre vielleicht noch als Zoowärter durchgegangen. Und Bayern-Bär Berni? Naja, warum gibt’s den eigentlich? Über den Berliner Bären, der es letztendlich aufs Safari-Shirt schaffte, muss sowieso nicht viel verloren werden: Die Hertha im Pokalendspiel? Dann doch eher der FC Augsburg…

Bayer vs. Schalke – Tagebuch des Titelkampfs oder:
Zweiter kann nur einer werden (Teil VI)

Schalke-Leverkusen24. März 2010 – 45 Tage
bis zum letzten Spieltag

In der Woche vor dem direkten Aufeinandertreffen unserer beiden Tagebüchlerinnen geht es vergleichsweise harmlos zu. Kerstin rettet sich nach der 0:3-Pleite in Dortmund in Zwangsoptimismus. Lisa hat gar keinen Grund dazu: Schließlich holte Königsblau den einzigen Zähler des Spitzentrios. Einer der wenigen Reibungspunkte (mal wieder): Die Neuer-Adler-Fehde.

Von Kerstin B.

Unerwartetes kann oft so schön sein. Dafür muss man nur aus dem Fenster einen Blick auf die Straße werfen. Da kommt Klein-Ole freudestrahlend mit roten Wangen, einer gemischten Tüte in der einen Hand und dem Matheheft mit der unerwarteten Zwei in der anderen Hand nach Hause gelaufen. Die platinblonde Rita von gegenüber streicht, während sie telefoniert, immer wieder über ihren kugelrunden Bauch und freut sich auf den unerwarteten Nachwuchs. Onkel Jan winkt Ole und Rita aus seinem hagelneuen Cabrio zu, das er heute dank der unerwarteten Sonnenstrahlen das erste Mal ausführen kann.

Doch so manch Unerwartetes muss einfach nicht sein. Und nein, ich spreche nicht von irgendwelchen schlechten Zensuren, Regenwetter oder ähnlich unschönen Dingen. Ich spreche von absolut unerwarteten, grottigen 45 Minuten am Samstagabend in Dortmund.

Die erste Halbzeit hatte mich noch vollkommen berauscht und mal wieder in Meisterschaftsträume versetzt. Dortmund wurde im eigenen Stadion absolut an die Wand gespielt. Nach 20 Minuten waren meine Lippen schon für den Torschrei geformt. Doch anscheinend hatte Herr Weidenfeller im gedeckten Lila etwas gegen Derdiyoks Toreslust. Auch nach dem Pfostentreffer durch den Schweizer kurz vor der Halbzeitpause beschlich mich immer noch kein schlechtes Gefühl. Verdammt – Ärger über die nicht genutzten Riesenchancen wäre angebracht gewesen und keine Überlegunge, wie Klein-Kerstin am letzten Spieltag am besten die rot-schwarze Fahne am Haus befestigen könnte…

Wenigstens entledigte mich die zweite Halbzeit fürs erste der Frage nach einem geeigneten Platz fürs Fähnchen. Da spielte dann Wahnsinnstechniker Renato Augusto mal eben einen haarsträubenden Fehlpass, der dann obendrein auch noch das zweite Tor durch Barrios einleitete. Da war nach Kießlings verletzungsbedingter Auswechselung im Sturm nicht mal mehr ein laues Windchen vorhanden. An dieser Stelle bitte keine Beschwerden – bei so furchtbar ärgerlichen Niederlagen muss man sich einfach in der abgegriffensten Schublade der Fußballfloskeln bedienen.

In derselben Schublade habe ich aber auch noch Zuversicht gefunden. So was wie „Im Fußball ist alles möglich“ oder „Noch ist nichts entschieden“ mag vielleicht furchtbar nichtssagend sein, hilft mir aber in diesen Tagen wunderbar durch den Alltag.

So Lisa, was soll ich jetzt zu Dir sagen? Eine plumpe Erinnerung an das Ergebnis der Hamburger in Leverkusen wäre sicher nach dem Dortmunder Debakel nicht angebracht. Zumal das Schalker Spiel da im hohen Norden ja wirklich nicht schlecht aussah. Dir aber jetzt versöhnlich die Hand zu reichen, damit wir über das Auslassen einmaliger Chancen sinnieren, finde ich auch doof. Damit würden wir uns ja fast schon den schwächelnden Süddeutschen geschlagen geben. Und das ist ja wohl weder in Deinem noch in meinem Sinne.

Nunja, ich bin dann einfach mal gespannt was in dieser Woche vor dem Spiel an Sprüchen aus Deinem Mund kommt. Das von dir in den letzten Wochen favorisierte Verweisen auf vermeintliche Schwächen des tollkühnen Adlers und Lobpreisen eures Neuers hat sich nach dem letzten Spieltag ja erledigt. Oder was meinst Du?

Von Lisa S.

Manchmal ist dieses digitale Zeitalter mit den unendlichen Informationsmöglichkeiten doch gar nicht so eine tolle Sache. Denn manchmal möchte man gar nicht wissen, was dieser oder jener wieder zu irgendeinem wichtigen Thema zu sagen hatte. Manchmal möchte man einfach nur schreien, weil so eine „Nachricht“ mal wieder so überflüssig ist wie David Alaba in der Viererkette.

Für mich war Donnerstag in dieser Hinsicht ein schlechter Tag. Erst muss ich im RTL-Videotext ein Zitat von DFB-Torwarttrainer Andi Köpke lesen, der René Adler zu seiner Fähigkeit zur Selbstkritik gratulierte. Ja hallo! Wenn der sich nach seinen zahlreichen Patzern auch noch hingestellt und gesagt hätte, dass das ganze doch eigentlich gar nicht auf seine Kappe geht, wäre er von der Presse doch in der Luft zerrissen worden. Meine Güte! Und dann sehe ich im Internet den Teaser für ein Hitzfeld-Interview mit dem wunderbaren Titel „Bayern & Schalke, tauscht doch die Torhüter!“. Ganz ehrlich, zwingt mich nicht dazu auch noch was zu sagen…

Am Samstagabend, als meine Fußballwelt eigentlich so heile war wie schon lange nicht mehr, brachte mich dann eine Kurznachricht erneut auf die Palme. Denn nach dem blamablen 0:3 ihrer Werkself in Dortmund schrieb Kerstin B. folgendes: „Bin jetzt morgen für Euch! Damit die Dortmunder doof gucken, weil sie Schalke an die Spitze geschossen haben!“

So, ganz langsam jetzt und einmal deutlich für’s Protokoll: Selbst wenn Leverkusen gegen den BVB gewonnen hätte, hätte das nichts (!) an der Tatsache geändert, dass Schalke sich aus eigener Kraft an die Tabellenspitze hätte schießen können. Also nix hier mit Dortmund schießt uns an die Spitze! Solche Spinnereien will ich gar nicht hören.

Ihr merkt schon an den vielen Konjunktiven gerade, dass das mit der Tabellenspitze leider wieder einmal in der hypothetischen Phase hängen geblieben ist. Obwohl, wenn man die Blitztabelle während des Spiels im Auge behielt, konnte man beobachten, dass der S04 immerhin für neun Minuten ganz oben stand. Das ist jetzt auch nicht die Welt, aber schließlich schon mal bedeutend länger als vier Minuten. [Anm. d. Red.: Jo, fünf Minuten länger, oder auch mehr als doppelt so viel]

Nein nein, das ist kein Galgenhumor von mir. Denn auch ich war auf dem Dachboden und habe den guten alten Optimismus aus der alten, knarrenden Holzkiste geholt. Und der lässt mich im Moment überall Meisterschalen (und ab und an auch mal einen DFB-Pokal) sehen, gibt mir die Ruhe, mich nicht von stichelnden Bayern-Fans provozieren zu lassen und die Kraft, alle 6749 verschiedenen Konstellationen, wie die Königsblauen in den verbleibenden 47 Tagen genug Punkte für den Titel holen könnten, in Gedanken durchzuspielen.

Und genau dieser Ruhe und Kraft wird es zu verdanken sein, dass ich am kommenden Samstag mit federnden Schritten die BayArena betrete, ohne die geringste Sorge, dass nicht das von mir gewünschte Ergebnis herausspringt. Ich werde eine grandiose Leistung meiner Knappen sehen, außerdem Adlers Patzer Nummer 13 und 14 in diesem Jahr und Kerstin hinterher zum Trost eine große Packung Taschentücher schenken.
Da glaubt ihr nicht dran? Also, ich bin da ziemlich optimistisch.

Glückauf!

Im Zweiten wird’s wohl besser – 27. Akt:
(Tor-)Tour de Rhein

Köln 1:1 Gladbach – ein Besuch beim Zahnarzt; eine Anfahrt in Etappen; Bilder wie auf einem G8-Gipfel; ein Ball, der nicht rollte, als er sollte; “keine Vorkommnisse”, die es nicht gab; ein bisschen Ekstase; mehr Ärger.

Letzten Freitag, A57, kurz nach 13 Uhr: Mehr als sieben Stunden sind es noch bis zum Anpfiff dieses merkwürdigen Fußballspiels, über das man in den letzten Tagen so viel gesprochen hat, ohne wirklich darüber zu reden. Zumindest nicht über diese 90 Minuten zwischen 20:30 und 22:15 Uhr. Die Autobahn stimmt bereits, nur die Fahrtrichtung noch nicht. Die Richtung heißt Nimwegen, nicht Köln. Das Ziel ist eine Zahnarztpraxis in Xanten am Niederrhein, nicht das RheinEnergieStadion. Noch sind Nils, Chrissi und ich nämlich ticketlos.

Zwischen Bohrer, Mundschutz und Sprechstundenhilfen verbirgt sich jedoch keine geheime Karten-Oase, sondern lediglich der Arbeitsplatz von Christoph, meinem Sitznachbarn im Borussia-Park. Nachdem das Ticketportal beim Beginn des Vorverkaufs unverzüglich zusammengebrochen war wie eine alte Frau, der man plötzlich einen Kleinwagen auf die Schultern lädt, ist der füllende und bohrende Borusse meine letzte Derby-Hoffnung gewesen. Weil die übriggebliebenen Fanclub-Tickets jedoch so spät ankamen und man die guten Stücke ja nicht per Einschreiben durch die Welt schicken will, beginnt die Auswärtsfahrt nach Köln für uns drei also mit einer Tour vom südlichen an den nördlichen Niederrhein.

Gibt man bei Google Maps das Stichwort „Niederrhein“ ein, landet die Pfeilspitze des roten Ballons in einer Häuseransammlung namens Spilling. Die liegt zwischen Ossenberg und Borth, wo sich wahrscheinlich nicht einmal Fuchs und Hase gute Nacht sagen, weil sie dafür viel zu weit voneinander entfernt leben. Das klingt fast schon nach großstädtischer Arroganz meinerseits. Aber wer als Niederrheiner aus dem Dreieck Mönchengladbach-Krefeld-Düsseldorf kommt, der empfindet die Region um Xanten schon als Einöde, wenn auch natürlich als durchaus schöne.

“Mission Derbykarten” – erfüllt; “Mission Aberglaube” – noch nicht

Um kurz nach zwei parken wir das weit und breit einzige Auto mit Kennzeichen VIE in der Nähe des Xantener Stadtkerns. Während ich losziehe, um die „Mission Derbykarten“ zu vollenden, machen sich Nils und Chrissi auf ins Zentrum, um ein Netz „Babybel“ zu kaufen. In ihrem Fall ist es eine „Mission Aberglaube“, denn mit ein paar der roten Wachsfladen ging es im letzten Jahr nach Köln, um dort einen 4:2-Auswärtssieg der Borussia zu bejubeln. Man will sich am Ende ja nichts vorwerfen müssen.

Als ich nach einer schnellen Führung durch das Behandlungszimmer in Borussia-Optik (mit Raute an der Wand) zum Parkplatz zurückkehre, fehlt von den beiden Einkäufern noch jede Spur. Wartend stehe ich an Chrissis Auto gelehnt mitten in Xanten, schlage ungeduldig die Tickets in die Handflächen und frage mich, wie man so lange für so wenig Käse brauchen kann. Die Antwort lässt nicht lange auf sich warten, als beide um die Ecke biegen – in ihren Händen kein Käse, dafür auf ihren Gesichtern ein breites Grinsen. Ein Reporter der Rheinischen Post hat sie zusammen mit einem Praktikanten abgefangen, um mit ihnen ein kurzes Interview für die Rubrik „Was geht… in Xanten?“ zu machen. Anstatt „nichts, wir holen nur unsere Derbykarten ab“ zu antworten, sind sie stehengeblieben und haben den armen Lokaljournalisten erst einmal brav seine Fragen stellen lassen – bis der langsam stutzig wurde, warum sie in Boisheim Handball spielen („Hä? Was ist das denn?“). Ein Foto wurde auch noch geschossen, so dass Nils und Chrissi scheinbar viele Zeitungsleser am nördlichen Niederrhein vergangenen Samstag am Frühstückstisch begrüßt haben. Denn das mit dem Wohnort außerhalb von Xanten, das wollte der Reporter schon irgendwie hinbiegen.

Nachdem wir die „Mission Aberglaube“ schnell noch zu Ende gebracht haben, Chrissi jedoch mit dem Kauf eines Schokoriegels alles kaputt gemacht hat, nähern wir uns dem RheinEnergieStadion wieder ein bisschen und fahren erst einmal nach Hause. Schnell noch die Zwischenetappe namens „Riesen-Schnitzel“ absolviert. Dann geht es mit dem Wagen von Nils in die Domstadt. Nach all den Diskussion über Krawalle, über das Polizeiaufgebot und mit den Erinnerungen ans letzte Jahr im Kopf, könnte man meinen wir brächen auf zum Auslandseinsatz nach Kabul. Dabei soll es doch angeblich immer noch Fußball sein. Mein treuester Auswärts-Mitfahrer hat morgens mithilfe eines Föns noch schnell seinen Gladbach-Aufkleber von der Heckklappe entfernt. Man weiß ja nie, wem der so ins Auge fällt. Einen provisorischen „Baby an Bord“-Aufkleber haben wir so kurzfristig nicht mehr auftreiben können.

Bilder wie beim G8-Gipfel – in Köln-Müngersdorf

Bevor wir am Stadion ankommen, erfahren wir schnell noch am eigenen Leib, warum keine Stauschau ohne Köln-Bocklemünd und -Lövenich auskommt und die arme Stadt Euskirchen immer so in Misskredit gerät, weil man fälschlicherweise davon ausgeht, dort sei immer Stau. Etwas schneller voran geht dann in direkter Nähe des RheinEnergieStadions. Neu-Müngersdorf öffnet gerade erst seine Pforten, als wir aus dem Auto steigen. Viele Rautenträger sind dem Aufruf gefolgt, früh anzureisen. Von Kölnern noch so gut wie keine Spur. Übertroffen werden beide Fanlager um kurz nach halb sieben nur noch von einer Gruppierung: die trägt Grün und Blau, in den meisten Fällen Helme und einige sind zu Pferd unterwegs.

Das Bild auf der Wiese vor dem Stadion gleicht denen, die man von G8-Gipfeln aus dem Fernsehen kennt. Einerseits stimmt es einen traurig, weil es immer noch Fußball ist (zumindest in meinem romantisch-verträumten Hirn) – die Welt-Sportart, die so viele Leute in ihren Bann zieht, weil sie grundlegend so simpel ist, dass eine Dose als Spielgerät und vier Steine zur Tormarkierung genügen. Andererseits ist das Aufgebot den Vorkommnissen der letzten Jahre, besonders der im vergangenen, absolut angemessen. Eingebrockt hat das der breiten Masse ein kleines Grüppchen, das nicht einmal einen Prozent aller Derbyzuschauer ausmacht. Hinzu kommen ein paar, die vermutlich nicht einmal ins Stadion gehen. Fertig ist, so sehe ich das, der Anfang von einem Ende, das noch keiner kennt.

Knapp zwei Stunden vor dem Anpfiff ist alles friedlich. Langsam versinkt die Sonne hinter den Bäumen. Wenn etwas passieren sollte unmittelbar am Stadion, dann, da sind wir uns sicher, sobald es dunkel ist. Im Vorfeld war besonders über die Ansetzung das Spiel diskutiert worden. Der Polizei schwante Böses. Selbst Michael Frontzeck sagte, er hätte es „von Beginn an nicht verstanden“. Immer wieder wurde spekuliert, Sky wolle sich hohe Einschaltquoten sichern. Wobei es wiederum schleierhaft bleibt, warum ein Pay-TV-Sender anstelle seiner Abonnentenzahl mehr an seiner letztendlichen Zuschauerzahl interessiert sein sollte. Fragen über Fragen, nur eine Antwort – Freitagabend, 20:30 Uhr, live, in Farbe und in der Dunkelheit.

Wirklich “keine Zwischenfälle”?

Eine Stunde bevor es los geht, füllt sich allmählich der Gästeblock. Nicht jedoch im Inneren, sondern draußen auf der Empore, von wo man die Wiese vor der Kölner Arena bestens im Blick hat. Es ist trügerisch ruhig. Nur das monotone Rattern des Polizeihubschraubers, der pausenlos über dem Stadion kreist, schneidet in die Stille hinein. Plötzlich fällt uns auf, dass sich auf dem rechten Teil der Wiese, dem vor dem Gästeblock, immer mehr Gestalten versammeln. Die Polizei hat schon einen Beleuchtungswagen aufgestellt. Als wenig später die nächste Fuhr mit Gladbacher-Sonderbahnen unweit des Schauplatzes ankommt, wird es noch voller. Nach und nach positionieren sich die Einsatzkräfte, bilden eine menschliche Barriere zwischen beiden Gruppen. Die eine – schwarz-weiß-grün – will, so ist der Eindruck, einzig und allein den Weg vom Bahnsteig zum Gästeblock hinter sich bringen. Rund 300 Meter sind es. Die andere Gruppe, die auf der Wiese, will wohl nur das, wofür einem langsam die Worte ausgehen. Sie sind abgelutscht und man findet keine neuen. Es geht um fliegende Fäuste. Involvierte hört man immer wieder von einem „Adrenalin-Kick“ sprechen. Von oben, aus sicherer Entfernung, sieht es nach Auswüchsen einiger Hirnloser aus. Fraglich, wie aber ein Stresshormon ausgeschüttet werden soll, wenn im Kopf das nötige Nervengewebe fehlt, um das Signal zu geben: ‚Adrenalin marsch!‘.

Derweil haben die Einsatzkrätze Mühe, beide Gruppen zu trennen. Anstatt standhaft zu bleiben, lassen sie sich zurückdrängen – wohl Teil einer Deeskalationstaktik. So sind nach ein paar Minuten nur noch einige Polizeiwagen und eine menschliche Trennwand aus vier, fünf Reihen dazwischen. Es werden Böller gezündet, jedoch nur vereinzelt. Die Kölner Seite markiert singend ihr Revier. Hundegebell fliegt durch die Dunkelheit. Das Szenario ist merkwürdig: Hunderte schauen von Logenplätzen dabei zu, wie wiederum Hunderte sich nahezu Stirn an Stirn stehen. Die große Schlägerei bleibt aus, so dass sich ein paar Dutzend Kölner den provisorisch aufgestellten Bauzäunen widmen. Als die ersten Elemente umkippen, sehe ich schon wieder das Schlimmste kommen – wie im letzten Jahr, als von unten Raketen und Flaschen in den Gästeblock flogen und Fans, die vor dem Eingang anstanden, attackiert wurden. Doch nicht die Polizei, sondern die ziemlich engagierten Security-Leute beruhigen die Lage erst einmal. Pfefferspray wird eingesetzt. Ein Ordner zögert nicht lange, als ein Kölner Angreifer – nennen wir ihn mal so – über einen Zaun steigen will und bringt ihn mit einem beherzten Tritt zu Fall. Die zu Fall gebrachten Zäune werden so provisorisch wieder aufgerichtet wie man sie dort platziert hatte. Letztendlich gelingt es der Polizei mit ihren Pferden, die beiden Lager endgültig zu trennen und die brisante Lage so zu entschärfen.

Wer bei der Rekapitulation der Ereignisse den Überblick verloren hat, dem kann die nachfolgende Grafik vielleicht auf die Sprünge helfen. Die weißen Gebäude auf der Wiese stehen nicht mehr, sehen ohnehin aus wie Zelte (vielleicht weiß ja jemand mehr). Die Farbe Rot habe ich bewusst nicht mit “Fans des FC” bezeichnet – das würde den Kern der Sache nicht treffen.

Von all dem wird in der gemeinsamen Pressemitteilung der Kölner Polizei und der Bundespolizei am nächsten Tag nichts stehen. Am Ehrenfelder Bahnhof sei der Umstieg von Gladbacher Fans in die Sonderbahnen der KVB „ohne Vorkommnisse“ von statten gegangen. Weiter heißt es, die Bahnen seien auf der Aachener Straße in Richtung Stadion „vereinzelt mit Plastikbechern beworfen“ worden. Außerdem ist von „mehreren Sachbeschädigungen an den Sonderzügen“ die Rede. Anscheinend sind wir schon so abgestumpft von den Ausschreitungen vergangener Wochen, Monate und Jahre, dass die Vorkommnisse direkt am Stadion einfach so in einen polizeilichen und journalistischen Mantel des Schweigens gehüllt werden dürfen. Fest steht: Die Konfrontation ging nicht von der Gladbacher Seite aus, die Polizei war schnell genug zur Stelle, hatte jedoch redliche Mühe, die Lage zu entschärfen. Jetzt habe ich 778 Wörter allein über das G8-Gipfel-ähnliche Polizeiaufgebot und die Ausschreitungen vor dem Stadion verloren, obwohl ich mich selbst darüber aufgeregt habe, dass im Vorfeld so wenig über das Sportliche gesprochen worden war. Doch irgendwie war es mir Anliegen, mich nicht auch noch dem Tenor eines angeblich vollkommen friedlichen Derbys ohne nennenswerte Zwischenfälle anzuschließen. Es war ruhiger, aber es war nicht ruhig.

Da passt es ins Bild, dass es dem Ball letztendlich versagt bleibt, pünktlich um 20:30 Uhr zu rollen. Laut FC-Pressesprecher Christopher Lymberopoulos warten um diese Zeit noch 25 000 Fans vor den Toren des RheinEnergieStadions. Entweder kann das nicht stimmen oder aber die Kölner Arena hat ihr Fassungsvermögen unbemerkt auf mindestens 60 000 erweitert. Denn nur halb gefüllt ist das eckige Rund zum ursprünglichen Anpfiff beileibe nicht mehr. Trotzdem ist die Entscheidung, zehn Minuten später zu beginnen, vollkommen nachvollziehbar.

Das Ende des musikalischen Leidens

Um zwanzig vor neun bläst Felix Brych mitten hinein ins FC-Vereinslied zum Anpfiff. Damit rückt er nicht nur endlich den Fußball in den Mittelpunkt, sondern beendet auch eine Stunde des musikalischen Leidens. Ich liebe zwar den Karneval, mag es aber nicht, in einem Stadion von den Höhnern, den Bläck Föös, den Räubern, Brings und wie sie alle heißen dauerbeschallt zu werden. Den sangestechnischen Höhepunkt erreicht das Derby in Hälfte eins, als der Gästeblock einen Vau-Eff-Ell-Wechselgesang hinlegt, der jeden Anhänger von Wechselgesängen zum Weinen bringen müsste – und den es in diesem Video noch einmal zu hören gibt. So einfallsreich wie die FC-Fans die akustische Annexion ihres Stadion kontern (mit einem monotonen „Hurensöhne“), spielt ihre Mannschaft in der ersten Halbzeit. Ein Problem gibt es jedoch: Das Spiel der Borussia passt sich dem gnadenlos an, so dass von Fußball 45 Minuten lang nur wenig zu sehen ist.

Michael Frontzeck hat die Fohlenelf zum ersten Mal in der Rückrunde so richtig verändert, ohne das Gelbsperren, Verletzte oder aber Rekonvaleszenten ihn dazu gezwungen hätten. Zu Letzteren zählt zwar Schambeinreizungsauskurierer Thorben Marx, nicht jedoch Patrick Herrmann, der mit 19 Jahren sein Startelf-Debüt im Rheinischen Derby gibt. Außerdem spielt vorne Rob Friend als einzige Spitze. Alle Änderungen machen sich bemerkbar: Marx mimt mit Erfahrung und Ruhe souverän den defensiveren Part der Doppelsechs; Friend hat zwar keine Torchancen, gewinnt aber viele Kopfballduelle und hilft hinten bei Standards aus; Herrmann bringt Kölns Linksverteidiger Womé mehrmals so in Schwierigkeiten, dass der später bei seiner Auswechslung vom eigenen Anhang gnadenlos ausgepfiffen wird.

Die Gründe für so viel Frust auf der Südtribüne häufen sich jedoch noch nicht im ersten Durchgang. Novakovic schläft bei einem Schuss von Pezzoni, den er eigentlich ins Tor lenken muss. Eine Flanke von Brecko (zwei Bundesligatore, beide im letzten Jahr beim 2:4 gegen Gladbach) mutiert zum gefährlichen Torschuss, den Bailly gerade so entschärfen kann. Auf der anderen Seite steht ein Schuss von Reus zu Buche. Ansonsten wird es nur einmal richtig brenzlig für die Kölner Hintermannschaft, als Lukas Podolski (anders als in der Offensive) ausnahmsweise für Torgefahr sorgt, in dem er einen langen, langen, Rückpass Arango in die Beine spielt. Doch anstatt den herbeieilenden Reus zu bedienen, schaufelt Gladbachs Lustlosigkeit in Person den Ball so zaghaft auf den Kasten, als trage er eine Beinprothese, die bei zu viel Einsatz wegfliegen könnte. Torlos geht es in die Pause.

1:0 für Gladbach – Selbstzerfleischung beim FC

Die 55. Minute ist angebrochen, als Marco Reus den Bann bricht. Los geht es an der Mittellinie, gestoppt wird der 20-Jährige erst beim Jubeln an der Eckfahne von Patrick Herrmann, der auch sonst zu den flinksten Fohlen zählt. Dazwischen liegen ein Solo durch die Kölner Hintermannschaft und ein trockener Schuss ins linke untere Eck, der circa 7000 Borussen nach vielen Wochen der Abstinenz wieder einmal in freudige Ekstase versetzt. Und diesmal fließt zweifellos jede Menge Adrenalin.

Nur kurz hat es den Anschein, als wolle der VfL gegen taumelnde Kölner sofort die Entscheidung suchen. Doch stattdessen bläst, ja wer eigentlich?, zum Rückzug in die eigene Hälfte. Trotz Ballbesitz im dreistelligen Prozentbereich stellt der FC jedoch über weite Strecken rein gar nichts auf die Beine. Pierre Womé fällt der Willkür zum Opfer und mutiert zum Pfeifopfer. Sogar die ersten Soldo-raus-Rufe hallen durchs Stadion. Eine Viertelstunde vor dem Ende steht der Rivale aus der Domstadt kurz vor der Selbstzerfleischung. Und was macht die Borussia? Sieht dabei zu, vornehmlich nicht mehr als 30 Meter vor dem eigenen Tor.

„Es kam, wie es kommen musste“, lautet wohl einer der meistgebrauchten Sätze in Bezug auf die Borussia. Meist geht es um Führungen, die leichtfertig verspielt werden. In der 79. Minute landet der Ball nach einer Ecke wieder auf der Außenbahn beim Kölner Tosic. Der Serbe spielt zu Maniche an die Strafraumgrenze. Alle neun Gladbacher, die vor dem Tor stehen, sind scheinbar mit Seilen an der Grundlinie festgebunden worden, die nicht länger als elf Meter sind. Maniche hat alle Zeit der Welt, könnte alle Derbyergebnisse der Geschichte aufzählen, bis ein Borusse ihn angreift – wohlgemerkt geordnet nach der Lufttemperatur am jeweiligen Tag. Dann zieht der Portugiese ab. Es folgen ein zappelndes Netz, mehr als 40 000 jubelnde Kölner und „Poppe, Kaate, Danze“ von Brings – drei nicht so schöne Begleiterscheinungen eines nicht so schönen Ereignisses.

Novakovic nicht zum 2:1 – Gladbach nicht mehr lethargisch

Bevor ich überhaupt gewohnheitsgemäß daran denken kann, dass die Sache mit dem Derbysieg nun vermutlich ganz nach hinten los geht, ist es auch schon fast so weit. Novakovic stellt den vielzitierten Spitznamen, den ihm der Boulevard verliehen hat, Gott sei Dank pantomimisch dar. Es bleibt Sekunden nach dem Ausgleich beim 1:1. Daraufhin igelt sich die Borussia plötzlich wieder aus ihrer Lethargie. Bis zum Abpfiff liegt der Siegtreffer noch dreimal in der Luft: Bobadilla wird jedoch unfair von Geromel gestoppt – für eine gelbe Karte zu spät, für eine Notbremse aber immer noch zu früh. Dann hat der eingewechselte Colautti das 2:1 auf dem Fuß, bräuchte wie Novakovic langsam auch einen Spitznamen, der nicht so euphemistisch ist wie „Cobra“. Zu guter Letzt wählt Bradley nach einem Solo die falsche Option. Anstatt abzuziehen, will er Reus bedienen. Es bleibt jedoch beim guten Willen.

Kurz darauf ist das Spiel aus. Wir machen uns etwas enttäuscht auf den Weg. Denn zu feiern gibt es trotz des ersten Punktegewinns nach 0:7 Toren aus zwei Spielen für uns nichts. Es überwiegt die Wut über ein mageres Unentschieden gegen eine Mannschaft, die deutlich gezeigt hat, warum die Stimmungslage im polarisierenden Köln derzeit nur aus Schwarz und keinem bisschen Weiß besteht. Draußen ist es wieder völlig ruhig. Doch diesmal trügt die Stille nicht. Wir dürfen durch eine kleine Schleuse in einer Barriere aus Dutzenden Polizisten raus in die Freiheit. „Platzsperre“ lese ich auf einem Schild an der berüchtigten Wiese und frage mich, wann diese Reißleine wohl zum ersten Mal gezogen wird. Trotz der Vorkommnisse vor dem Gästeblock ist das Derby vergleichsweise glimpflich verlaufen. Traurig ist es nur, dass man mittlerweile Wörter wie „vergleichsweise“ gebrauchen muss, wenn es um Ausschreitungen geht.

Wir sind fast die Ersten am Auto. Quer durch den Wald von Köln-Junkersdorf geht es Richtung Autobahn. Willich-Xanten-Willich-Köln-Willich: Die „Tour de Rhein“ geht auf die letzte Etappe. „Nächste Woche muss ich mir erstmal wieder einen Aufkleber holen“, sagt Nils und biegt ab auf die A1. Nicht als Derbysieger.

Derby-Vorschau im und am “Spielfeldrand”

Am Spielfeldrand werden schon in der Halbzeitpause erste Analysen vorgenommen. Am Spielfeldrand stehen Spieler nach einer Partie Rede und Antwort. Ich bin kein Fußballer, das Derby gegen den 1. FC Köln steht noch bevor – trotzdem hat mich Andre vom Blog “Spielfeldrand” um ein paar Einschätzungen zur Lage der Borussia und zum Aufeinandertreffen mit dem FC morgen Abend gebeten.

Das Interview gibt’s hier. Drin steht, wo wir am Ende der Saison landen, warum ich auf ein ruhiges Derby hoffe, bei dem das Sportliche im Vordergrund steht, und warum ich auf einen Sieg der “Geißböcke” tippe (natürlich nicht ohne Hintergedanken).

Bayer vs. Schalke – Tagebuch des Titelkampfs oder:
Zweiter kann nur einer werden (Teil V)

Schalke-Leverkusen16. März 2010 – 53 Tage
bis zum letzten Spieltag

Schalke war für 22 Stunden Tabellenführer, René Adler hat schon wieder gepatzt – und was machen unsere beiden Titelkämpferinnen? Überlassen WDR-Reportern einen Kommentar zur Torwartfrage und erzählen Geschichten aus dem Holland-Urlaub. Und das in einer Phase, in der der Countdown bis zum letzten Spieltag bald Goldhochzeit feiert – Freitag sind es nämlich nur noch 50 Tage.

Von Lisa S.

Ach Kinder, ich hatte schon ganz vergessen wie schön das ist, Tabellenführer zu sein. Zwar nur für etwas mehr als 22 Stunden, aber das ist ja schon mal ein Anfang. Für 76 Minuten hatte ich sogar die Hoffnung, dass wir das noch länger bleiben könnten, aber dann kam mal wieder Arjen Robben. Wo die Bayern ohne die Tore von Robben heute stehen würden, will ich lieber gar nicht wissen. Aber an der Spitze wären sie garantiert nicht.

Wie auch immer, hören wir auf Felix Magath und konzentrieren uns auf unsere eigene Leistung. Wie immer war eine stabile Defensive der Grundstein für den achten Heimerfolg in Folge. Und vorne ist eben nicht alles von einem Spieler abhängig. Wenn also, wie am Freitag, Farfán wirkungslos bleibt, treffen eben andere. Kevin Kuranyi ist damit schon bei seinem 14. Saisontor, Leverkusens Stefan Kießling hat nach seinem Doppelpack am Sonntag 16 Treffer auf dem Konto. Macht zusammen 30 Buden. Das Nationalmannschafts-Sturmduo Klose und Podolski traf zusammen bisher dreimal. Ich sag’s ja nur…

Und so bleibt der FC Schalke 04 weiter auf Erfolgskurs und allen Kritikern fällt im Moment nur noch ein zu bemängeln, dass die Königsblauen ja so unattraktiv spielen. Und ich sage allen Kritikern: Wenn S04 am Ende der Saison ganz oben steht, wird mir und allen anderen Fans so was von egal sein, wie unsere Elf die Punkte geholt hat. Aber das ist schon okay, sucht euch ruhig frühzeitig etwas, womit ihr euch später trösten könnt, wenn die Schale nach Gelsenkirchen geht. Redet Euch ruhig ein, dass das alles so unfair ist, weil Schalke ja nicht den schönsten Fußball gespielt hat. Wir machen dann unterdessen Party! [Anm. d. Red.: Wie damals im Mai, vier Minuten lang]

Was gab es sonst noch an diesem Wochenende? Randale neben (Berlin) und auf dem Platz (Hannover), einen Meister, der zu alter Bissigkeit zurückfindet, immer mehr Spannung im Abstiegskampf und eine Sportsendung im TV zum Fremdschämen.

Denn wer am Samstag das ZDF-Sportstudio eingeschaltet hat, der konnte die albernste Kombination im Deutschen Fernsehen seit Dick und Doof und Toto und Harry bewundern. Katrin und Kevin führten mit gewohnt dämlichen Fragen und ausweichenden Antworten durch den Abend und zeigten uns, dass keiner von ihnen für journalistische Formate geeignet ist. Was Kevin besser kann, zeigt er in dieser Saison mal wieder eindrucksvoll. Und Katrin, naja, die wird auch schon noch was finden… [Anm. d. Red.: Zur Not wird sie eben wieder Cultural Representative in der Disney World Florida [siehe Vita). Wenn Hausmeister neuerdings "Facility Manager" sind, heißen Maskottchen dann...]

Ihr wundert Euch jetzt sicher, warum ich noch gar nichts zu unserem Bundesadler geschrieben habe Da haut sie bestimmt so richtig drauf, dachtet Ihr alle. Aber zur ganzen Torwart-Diskussion muss ich mich dieses Mal gar nicht groß auslassen. Ich zitiere einfach den Kommentator vom Leverkusen-Spiel in „Sport im Westen“: „Das ist nicht verständlich, dass er [Adler] im DFB-Tor steht und nicht das Jahrhunderttalent von Schalke, Manuel Neuer.“
Was soll man da noch sagen?

Glückauf!

Von Kerstin B.

Da ist es doch mal wieder Zeit, die große, alte, knarrende Holzkiste vom Dachboden zu holen – die mit den vielen bedeutungsschweren Worten. Erleichtert, glücklich und wieder voller Hoffnung springen sie mir aus der Kiste entgegen und beschreiben haargenau meine Gefühlswelt nach dem Sieg gegen die Hamburger.

Aber bevor ich auf die überzeugendste Leistung eines Bundesligateams in dieser Saison (jaja, ich hab auch die rosarote Brille auf dem Dachboden wiedergefunden) zu sprechen komme, will ich doch kurz versuchen zu erklären, warum man Schalke scheiße findet, wenn man nicht gerade Schalkefan ist. Für dich, Lisa.

Ich glaube, das fängt schon bei der Geburt an. Da die Liebe zu dem Ruhrpottverein so weit verbreitet ist, findet man seine Sympathisanten einfach überall. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass auch schon auf meiner Geburtstation der eine oder andere Arzt meine Größe mit einem blau-weißen Schalke-Kulli notiert hat, der Hausmeister entgegen der Wirklichkeit den Schalke-Pinüppel immer ganz nach vorne in die Kicker-Tabelle gesteckt hat und auch die Krankenschwester ihre Dienste mit dem nächsten Spiel im Parkstadion abgeglichen hat. Entweder verfällst du als kleines Kind diesem Irrsinn oder du entwickelst zusammen mit den ersten Schritten und Worten eine Antipathie gegen Königsblau.

In der Grundschule geht der Quatsch dann weiter, man ist auf Fußballturniergeburtstagen eingeladen, an deren lustigem Ende man dazu gezwungen wird, einen Pokal aus Alupapier zu basteln, auf den die wohlgenährte Mutti des Hauses einen vergilbten Schalkeaufkleber drückt. Und wenn man dann das erste Mal mit der besten Schulfreundin nachts eine Tour mit dem Auto vom Vatti der bisher ganz unauffälligen Freundin dreht, erblickt man den gestrickten blau-weißen Schal auf der Heckklappe. Selbst in Dortmund, wo doch eigentlich niemand Anhänger der Königsblauen vermutet, haben sich dann wieder zwei dieser Wesen in mein Leben gedrängt.

Genau so wie mir geht es einfach jedem in Deutschland. Sei es der Brummifahrer auf der Autobahn, der neben dem Gruß an Liebchen Gabi auch noch seinem Lieblingsverein mit einem Wimpel die Treue schwört. Sei es der Arbeitskollege, der alle seine fünf Kinder Ebbe nennt. Oder auch der Trinkhallenbesitzer, der jedes Bier mit einem Glückauf über die Theke reicht. Und das ist alles in allem einfach tierisch anstrengend. Wenn man sich jetzt noch vorstellt, dass die Schalker dieses Jahr tatsächlich Meister werden…

Ein normaler Alltag wird nicht mehr möglich sein. Der Trinkhallenbesitzer wird ein Bier nur noch abgeben, nachdem er und der Käufer im Kanon zweihundertdreiundvierzigmal „Königsblauer S04“ gesungen haben. Die Mutti mit den vergilbten Schalke-Stickern wird ihre Schürze, die Gardinen und ihre Dauerwelle blau-weiß färben. Zu guter letzt wird sich der Kinderarzt bestimmt einen Bart à la Kuranyi wachsen lassen und jeden neuen Weltbürger mit einem gekonnten Lispler begrüßen. Ich weiß, das war jetzt kein wissenschaftlicher Ansatz die Abneigung gegen Schalke zu erklären, aber vielleicht hat es ein wenig geholfen. Aber um Dich zu beruhigen, liebe Lisa, es gibt in dieser Fußballwelt ja durchaus noch Dinge, die man mehr hasst.

Wem es bei diesen Worten direkt orange vor Augen wird, der kann den nächsten Satz überspringen. Es geht um die Holländer. Und es geht um Sonntagnachmittag: In den bangen Minuten zwischen Zé Robertos Tor, das ich hier nicht weiter kommentieren möchte, weil ich weiß, dass Lisa es viel besser kann, und Derdiyoks erlösendem Bilderbuchkopfballtor, habe ich diese Abneigung wieder in mir gefühlt. Jeder Schritt des unverschämt langbeinigen Ruud in Richtung Bayer-Strafraum ließ mich zusammenzucken und plötzlich war da nicht mehr Ruud auf dem Spielfeld. Da war auf einmal Henk aus Amsterdam, der seinen Wohnwagen auf Texel immer so parkt, dass unser Zelt keinen einzigen Sonnenstrahl mehr abbekommt. Henk, der mir morgens im Supermarkt die letzte Chocomel wegschnappt und seine Sandburg vor meinem Strandkorb errichtet.

Aber zum Glück hatten Henk und seine Freunde in Leverkusen rein gar nichts zu melden. Genau wie die über 30.000 Zuschauer konnten der Holländer und seine zehn Mitspieler nur staunend den Mund aufreißen, als zum Beispiel Renato Augusto vorm 3:1 durch Kießling mal wieder zeigte, dass er Brasilianer ist, oder auch als Gonzalo Castro nervenstark das entscheidende 4:2 hinzauberte. Schon beim dritten Anlauf gelang eine mitreißende La Ola durchs Stadion. Wer da nicht anerkennend den Hut zieht, kennt wohl das Leverkusener Publikum nur schlecht. So gibt es doch immer noch viele Familien auf Wochenendausflug, Geschäftleute mit gesponserten Karten und Männer in der Midlifecrisis auf der Suche nach einem Hobby. [Anm. d. Red.: Ach Mist... wo hab' ich diesen verdammt Hut schon wieder gelassen?]

Aber sie alle haben gesehen, dass der Patzer in Nürnberg wohl wirklich nur ein Ausrutscher und nicht der Anfang vom Ende war. [Anm. d. Red.: Gilt wohl nicht für René Adler, da war's wohl eher das Ende vom Anfang] Dank Kießlings zurückgewonnener Kaltschnäuzigkeit vor dem Tor, Augustos genialen Vorlagen und Barnettas Spritzigkeit sehe ich die Schale wieder! Der zweifelnde Nebel, größtenteils eingeredet von den Robbens und Co. aus dem Süden (noch ein potenzieller Henk) ist abgezogen. Da kann auch kein Schalker Trinkhallenbesitzer, Brummifahrer und auch keine Lisa etwas dran ändern!

Im Zweiten wird’s wohl besser – 26. Akt:
Gegen die Wölfe zum Heulen

Gladbach 0:4 Wolfsburg – DVDs in der Business Class, Delura-Gedächtnis-Schüsse, ein Loblied auf Levels, eine Heimpleite von Format, Neuvilles Rückkehr, kein Pfeifkonzert.

Es war klirrend kalt in Kasan, letzten Donnerstag. Das Thermometer sank auf bis zu minus zwölf Grad und das graue Grün ließ so manchen Fernsehzuschauer verdutzt zum Bildschirm rennen, um genauer nachzusehen, ob er nicht aus Versehen auf Schwarzweiß gestellt hatte. Der VfL Wolfsburg holte ein 1:1 beim russischen Meister und machte sich vor dem 26. Bundesliga-Spieltag nicht einmal mehr auf in die heimische Heimat in Niedersachsen. Sondern es ging nur in die Heimat – nach Düsseldorf nämlich, um von dort aus die kurze Anreise über A44 und A61 in den Borussia-Park anzutreten.

Knapp 43 Stunden waren seit dem Abpfiff in der Millionenstadt an der Wolga vergangen, als Günter Perl am Samstag um 15:30 Uhr anpfiff. Fünf Stunden dauert alleine der Flug nach Deutschland. Die Wölfe hatten kurz zuvor noch bei Temperaturen weit unter dem Gefrierpunkt Fußball gespielt. Nun sitzt man als VW-Zögling zwar mit Sicherheit in der Business Class – was für baumlange Kerle wie Edin Dzeko zumindest genügend Beinfreiheit bedeutet. Spannender wird ein derart langer Flug dadurch aber auch nicht. So gut ist keine DVD. Auch keine Stewardess.

Nun schlich der VfL Wolfsburg in Hälfte eins nicht unbedingt über den Platz wie eine Horde französischer Boule-Rentner. Ein Feuerwerk lieferte er jedoch auch nicht ab, weshalb Torchancen lange Zeit Mangelware blieben. Reus versuchte es mit einem Delura-Gedächtnis-Schuss (für die ganz jungen unter uns und die, die es verdrängt haben: gut ist das nicht). Bobadilla lief mit dem Kopf in einen aussichtsreichen Arango-Freistoß und hätte, wäre er ein begnadeter Kopfballspieler, mehr daraus machen können. Außerdem ließ Meeuwis noch einen aus der Distanz los, ehe Dzeko die erste dicke Chance für die Gäste vergab. Nach einem Stellungsfehler von Brouwers behielt Bailly noch einmal die Oberhand. Der Top-Torjäger musste sich daraufhin eine gewaltige Standpauke von seinem Keeper anhören. Bradley mischte sich ein und gab seinen amerikanischen Senf dazu. Szenen, die davon zeugen, dass derzeit nicht alles im Lot ist.

Wolfsburgs Führungstreffer aus der 41. Minute hat derweil beste Chancen, es aufs Cover des Buches „Aus dem Nichts“ zu schaffen, falls dieses einmal neu aufgelegt wird. Die Rezensionen für das Abwehrverhalten in dieser Szene werden jedoch nicht halb so gut ausfallen wie die für Gerd Binnigs Erstlingswerk bei Amazon. Brouwers baute den zweiten Bock, Gentner grätschte zu Misimovic, der Bailly mit seinem Flachschuss heimerothesk abtauchen ließ. Der Belgier hatte zuvor einen Schritt in die falsche Richtung gemacht, als habe er den Schwierigkeitsgrad eigenhändig erhöhen wollen. Doch stattdessen ging er zunächst einmal „Game over“. Knapp 40.000 hatten eine erste Halbzeit gesehen, der man, anders als noch in Dortmund, abnehmen konnte, dass sie wirklich stattgefunden hat. Dadurch geriet sie zumindest einen Tick besser. Das Resultat blieb jedoch gleich.

Nun ist eine Saison ziemlich lang, 34 Spieltage, das weiß jedes Kind. Und irgendwann in dieser langen Zeit hat man immer wieder mal das Bedürfnis, einen Spieler besonders zu würdigen (oder auch das exakte Gegenteil zu tun), wenn man meint, er hätte es verdient. Tobias Levels ist eigentlich schon länger an der Reihe. Nur gegen Bremen in der Hinrunde hat der 23-Jährige vor dem Abpfiff das Feld verlassen müssen. Nur gegen Nürnberg fehlte er gelbgesperrt. In allen anderen Spielen hat er die rechte Seite von der ersten bis zur letzten Minute beackert wie ein niederrheinischer Bauer seine Felder. Auf und ab, vor und zurück – mit Pferdelunge und Vorbildseinsatz. Zwischen dem Torjäger Brouwers, dem Chuck-Norris-Verteidiger Dante, dem vermeintlichen Marin-Double Reus und den teuren Neueinkäufen Arango und Bobadilla geht eine fleißige und zuverlässige Arbeiterbiene wie Levels immer etwas unter. Dabei gehört der stellvertretende Kapitän zu den konstantesten Borussen dieser Saison. Sein Notenschnitt beim „Kicker“ lässt ihn unter den 20 besten deutschen Verteidigern rangieren. Nicht allzu weit hinter den Nationalspielern Boateng und Beck, gleichauf mit dem Adler-Träger Träsch und noch vor Spielern wie Fritz, Owomoyela und Madlung, die ebenfalls Länderspiele auf dem Buckel haben. Für einen wie Levels, der vom Fußballgott nicht mit dem größten aller Talente gesegnet wurde, ist das eine Riesenleistung. In nur zwei Spielen hat er eine glatte Fünf kassiert, legte zudem vier Treffer auf, was ihn zusammen mit Marco Reus zu Gladbachs zweitbestem Vorlagengeber macht. Dieser Absatz ist schon lang und er könnte noch länger werden. Bleibt nur noch festzuhalten, dass der Mann mit dem holländischen und dem deutschen Pass schon seit mehr als zehn Jahren im Verein ist – und es noch lange bleiben möge.

Allzu schwer hatte es Tobias Levels jedoch auch nicht, sich mit einer 2,5 für seine Leistung gegen Wolfsburg zum mit Abstand besten Borussen aufzuschwingen. Kurz nach der Pause hätte er beinahe seinen fünften Scorerpunkt eingefahren. Der Rechtsverteidiger tankte sich auf der Außenbahn durch wie eine entschlossene Hausfrau an der Kasse beim Discounter. In der Mitte jedoch präsentierte sich Bobadilla einmal mehr als völlig überforderte Kassiererin und schoss völlig freistehend höher über das Tor als er davon entfernt war. Storno.

Fußball wäre nicht Fußball, wenn ein Fauxpas dieser Güteklasse nicht postwendend bestraft würde. Brouwers – den man an dieser Stelle ja eigentlich sonst nur erwähnen muss, wenn er mal wieder getroffen hat – leistete sich den nächsten Aussetzer und klärte in einer völlig gefahrenfreien Situation zur Ecke. Bradley wechselte plötzlich die Sportart und stellte eindrucksvoll unter Beweis, warum Amerikaner kein Handball spielen: Sie können es einfach nicht. Den fälligen Handelfmeter haute Dzeko Ballack-like in die Mitte. Ein Tipp an Logan Bailly vielleicht noch: Die Elfmeterschützen der Bundesliga scheinen mittlerweile zu wissen, dass er sich immer ziemlich früh, wie der Keeper auf dem Super Nintendo, in eine Ecke verabschiedet und die Tormitte so verlassen ist wie die russische Taiga.

Nun erlebt man einen Zwei-Tore-Rückstand im eigenen Stadion beileibe nicht jede Woche (auch wenn wir gerade erst einen gegen Bochum hatten). Doch es vergingen nur zehn Minuten, bis das Grauen weiter seinen Lauf nahm. Tobias Levels kassierte seine ersten und einzigen Punktabzüge, weil er Gentner viel zu viel Zeit ließ, um seinen Distanzschuss zu justieren. Dann streifte der Ball auch noch irgendein Körperteil des Gladbacher Rechtsverteidigers, so dass der VfL (eigentlich der richtige, in diesem Fall jedoch der falsche) weiter ins Heimdesaster hineinschlitterte. 0:3.

Ein Torschussverhältnis von 26:19 wirkt zwar nicht annähernd so desolat wie das Ergebnis. Anders sieht es jedoch schon aus, wenn man weiß, dass sich darunter mindestens fünf weitgehend ungefährliche Kopfbälle von Rob Friend mischten. Einen Vorwurf kann man dem Kanadier nicht machen. In Zeiten von Phantom-Stürmern ist man ja froh über jedes Lebenszeichen eines Angreifers. Wenn „Ranger Rob“ im Strafraum ackert, dann müssen ihn die gegnerischen Abwehrreihen wenigstens auf dem Schirm haben. Sonst könnten sie schnell bestraft werden. Wer dagegen Roberto Colautti als Gegenspieler hat, könnte innerhalb von 90 Minuten locker zwei Fremdsprachen erlernen, einen Häkelkurs machen oder endlich die lästige Steuererklärung zu Ende bringen. Erneut schickte Michael Frontzeck gegen Wolfsburg dieselbe Startelf auf den Platz – falls das gegen Köln erneut der Fall sein sollte, läuft irgendetwas falsch.

Bereits eine 0:3-Heimpleite hätte der Borussia ein nahezu historisches Ereignis beschert. Zuhause hatte sie seit dem 30. Oktober 1998, jenem apokalyptischen Freitagabend gegen Bayer Leverkusen (2:8), nicht mehr mit drei Toren im eigenen Stadion verloren. Nicht im weiteren Verlauf der Abstiegssaison 98/99, nicht in Liga Zwei, nicht gegen die Bayern oder irgendein anderes Top-Team, nicht in irgendeiner der vielen Spielzeiten, in der sie arg gebeutelt und Trainer verschleißend in den unteren Gefilden der Tabelle herumkrebste. Damit die Partie gegen Wolfsburg eine realistische Chance erhält, womöglich in zehn oder mehr Jahren erwähnt zu werden, wenn ein Heimspiel wieder einmal derart in die Hose geht, legten Brouwers, Dante und Co. die Latte in der 80. noch ein wenig höher. Dzeko ließ nichts erahnen von zwei Fünf-Stunden-Flügen oder einem miesen DVD-Repertoire. Die Fohlen-Verteidigung war machtlos gegen die Schnelligkeit des Bosniers, Logan Bailly gegen seinen trockenen Schuss zum 0:4.

Michael Frontzeck sprach den Fans im Nachhinein ein Lob aus, dass sie so ruhig geblieben seien, während das Unheil seinen Lauf nahm. In der Tat kam das Pfeifkonzert nach dem Spiel höchstens einer ruhigen, gemächlichen Ouvertüre gleich. Wobei der Trainer bei seiner Bewertung eine kleine Eigenheit der Zuschauerdynamik übersehen hat: Denn noch schlimmer als ein gellendes Pfeifkonzert ist in der Regel gar kein Pfeifkonzert. Stille nach einem 0:4 spricht nämlich dafür, dass schlichtweg niemand mehr da war, um seinem Unmut mit Fingern zwischen den Lippen freien Lauf zu lassen. Ähnlich war es am Samstag.

Ein wenig versüßt wurde das Zuschauen wenigstens von einem kleinen Traum. Oliver Neuville stand nicht nur erstmals seit langer Zeit wieder im Kader, er kam auch ins Spiel für den schwachen Bobadilla. Doch es wurde nichts mit einem Tor des 36-Jährigen. Keine stehenden Ovationen für den dienstältesten Gladbacher in der Bundesliga. Keine Sprechchöre für den bedeutendsten Spieler der Borussia-Park-Ära. Neuville wurde zusammen mit Patrick Hermann eingewechselt, der fast 18 Jahre jünger ist und damit sein Sohn sein könnte, ohne dass die Bild-Zeitung oder ProSieben darüber in einer Real-Doku berichten würden. Hermann kam auf 17 Ballkontakte in 26 Minuten, Neuville blieb bei nur sieben Berührungen ziemlich blass.

Noch vor zwei Wochen gegen Freiburg ging es mit jeder Menge Wut im Bauch nach Hause über abermals verschenkte Punkte. Merkwürdig, wie weit die Borussia auf einmal davon weg ist, überhaupt die Chance zu erhalten, Punkte zu verschenken. 0:4 gegen Wolfsburg – nicht das höchste der Gefühle, sondern lediglich die höchste Heimpleite des Jahrtausends. Und so neu ist das nun auch nicht mehr.