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Man fiebert sich von Samstag zu Samstag, rauft sich die Haare und verliert im Laufe einer Saison mehrmals die Nerven. Dazwischen jedoch erlebt man von Zeit zu Zeit Momente der Glückseligkeit, der reinsten Gefühlsekstase, wie man sie aus keinem anderen Bereich des Lebens kennt. Die eigene Mannschaft gewinnt, vielleicht sogar Titel. Und Jahre eines Lebens lassen sich haargenau rekonstruieren, weil man jedes Ereignis einem noch so nebensächlichen wie manchmal banalen Spiel zuordnen kann.

Man stellt sich die Frage nach dem „warum?”, warum man sich das eigentlich Woche für Woche antut. Die Antwort fällt in der Regel knapp aus – falls man überhaupt in der Lage ist, eine Antwort darauf zu geben. Fußball wird Alltag, der Alltag wird Fußball. Er ist keine Flucht aus irgendeinem Was-auch-immer, sondern ein einverleibter Teil, der ganz einfach dazugehört. Er ist da. Genau wie Eltern, Freunde und Verwandte.

Man reist auf und ab zwischen Elbe und Isar, hat etliche Städte gesehen, ohne sie kennenzulernen. Man kennt ihre Stadien, das genügt. Müngersdorf und Wembley ersetzen den Dom und Westminster Abbey. So manche Stadt würde man wohl sein ganzes Leben niemals bereisen, wenn nicht der dortige Fußballklub auf den eigenen Verein des Herzen treffen würde, den man sich natürlich nicht ausgesucht hat, der einem ganz Hornby’esk vom Schicksal zugeteilt wurde.

Man verbringt Abende, indem man über Mittelfeldrauten, kongolesische Konterstürmer und die WM-Qualifikation auf Samoa philosophiert. Wenn andere in einem unangenehmen Moment der Stille versuchen, das Gespräch mit einem Schwenk aufs Wetter zu retten, beginnt man selbst stattdessen, übers letzte Spiel zu reden. Und plötzlich wird aus einer zähen Unterhaltung eine Reise durch Erzählungen, wie sie einem nur der Fußball ermöglicht.

Diese kontrastreiche Mischung aus Alltäglichkeit und Once-in-a-lifetime-Erlebnissen, die der Fußball bereithält: die Ereignisse vom 15. April 1989, die Ereignisse von Hillsborough werden dadurch nur noch unvorstellbarer. Sterben, weil man ein Fußballspielen sehen wollte? Im Stadion. Also keineswegs auf dem Weg dorthin im Auto oder sonstwo, sondern an dem Ort, der einem so viel gegeben hat und einem von jetzt auf gleich das Kostbarste nimmt, was ein Mensch besitzt. Das Leben. 96 Leben.

Wer nach dem 15. April 1989 das Licht der Welt erblickte, der hat bereits Schwierigkeiten, historische und geradezu epochale Ereignisse wie den Mauerfall irgendwie zu begreifen und nachzuerleben. Und ganz ehrlich, mir fällt es fast leichter, die jubelnden Massen auf der und um die Berliner Mauer vor mein inneres Auge zu rufen, als zu begreifen, wie Tausende Menschen – jung und alt, vor allem jedoch jung – in einem Fußballstadion unschuldig in einen Todeskampf geraten, den 96 von ihnen nicht als Sieger beenden.

Gerade die Katastrophe von Hillsborough, nach der man sich eigentlich fragen musste, ob es überhaupt noch einen Sinn macht, den sportlichen Alltag wieder aufzunehmen, hat den Fußball als das vielzitierte Spiegelbild der Gesellschaft gezeigt. Als Abbild des “echten” Lebens. Kriege, Krisen und Katastrophen haben die Welt zwar oft ins Wanken gebracht – sie ist jedoch in ihren Manifesten stets standfest geblieben und bis heute nicht untergegangen.

Auch nach Hillsborough ging es weiter, mittlerweile 20 Jahre lang. Und wenn man nach dieser langen Zeit noch immer nicht in der Lage ist, das Geschehene zu begreifen, dann sollte man sich einfach eingestehen: Es lässt sich nicht begreifen. Also tut man das, was eine Erklärung zwar nicht ersetzt, die Erklärungsnot jedoch mindert: Man hält inne und gedenkt denjenigen, die eine Leidenschaft, die man selbst haargenau kennt und teilt, mit dem Leben bezahlten. 96.

hillsborough1Quelle: Flickr – johnmuk

15. April 2009 von Jannik Sorgatz
Kategorien: Auf'm Nebenschauplatz | 1 Kommentar

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