Mission 40/28: Lebenserwartung minus x

Gladbach leistet in Frankfurt einen Offenbarungseid und kassiert eine bittere 1:4-Pleite. Warum eine klassische Ouvertüre meinen Samstag versaut hat, Soziologen eine wahre Freude an meinem Leiden haben und der “Derbyfluch” die Runde macht.

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Sie redet, sie redet und sie redet. Im Hintergrund dudelt seit geschätzten zehn Sekunden die Tormusik aus irgendeinem Bundesligastadion. Die Bielefelder Schüco-Arena ist es definitiv nicht. Denn dort sitzt Sabine Töpperwien und lässt zum siebzehnten Mal innerhalb von zwei Minuten „Bayerns Ecke, die es gar nicht hätte geben dürfen” Revue passieren, anstatt das Geheimnis zu lüften, wo zur Hölle gerade ein Tor gefallen ist.

Zeitgleich dämmert mir es langsam, woher ich dieses Lied kenne. Dreimal habe ich es bereits ertragen müssen. Nichts gegen Franz von Suppès „Leichte Kavallerie” – aber die Tatsache, dass sein Werk in der Frankfurter Commerzbank-Arena am Samstag ganz oben auf der Playlist stand, erbaut eine innige Freundschaft zwischen dem Komponisten und mir auf einem ziemlich wackligen Fundament. Viermal Ouvertüre, vier Wutausbrüche – der letzte im Auto auf der Landstraße.

Nach 80 Minuten habe ich genug gesehen im heimischen Wohnzimmer, breche auf in Richtung Dülken, wo mein vorletztes Saisonspiel in der Handball-Kreisliga bereits begonnen hat. Ende der ersten Halbzeit streife ich mir mein Trikot über und realisiere, dass ich doch irgendwie ein Kameradenschwein bin: Das eigene Spiel zur Hälfte sausen lassen, um vor dem Fernseher eine der schlechtesten Saisonleistungen der Borussia zu beobachten? Wer mir einen ausgeprägten Hang zum Fußball-Masochismus bescheinigt, liegt wohl nicht allzu falsch.

Es lief schon die 75. Minute, als ich zum ersten Mal mit dem Gedanken spielte, die Flucht vor der Gladbacher Offenbarung anzutreten. Doch der zweite Elfer des Spiels machte mir einen Strich durch die Rechnung. Filip Daems lieferte Michael Bradley Anschauungsunterricht vom Elfmeterpunkt und sorgte dafür, dass sich die Partie für genau fünf Minuten wieder offen gestaltete.

“Größter Schwund der Lebenserwartung
in Folge exzessiven Aufregens”

Befindet sich eine vermeintliche Abstiegssaison in der Mache, kann man zu Genüge darüber streiten, wann genau zwischen August und Mai man sich am meisten aufgeregt hat. Die Zeit zwischen 15:30 und 17:09 Uhr am 18. April 2009 gehört jedoch vorerst zu den Favoriten auf den Titel „Größter Schwund der Lebenserwartung in Folge exzessiven Aufregens”.

Nach diesem 1:4 weiß ich gar nicht, ob ich in Dankbarkeit Jubelarien anstimmen soll, weil die Chancen auf den Klassenerhalt noch immer oberhalb des Promillebereichs liegen, oder mich stattdessen besser ärgere, weil der VfL inzwischen – wie Bochum, Hannover und Frankfurt – aus dem Gröbsten heraus sein könnte. Ohne viel Aufwand.

Die Niederlagen von Cottbus und Bielefeld versetzen die Umfragewerte in puncto „wie viele Punkte reichen für Platz 15?” weiterhin in eine Rezession, von der die Weltwirtschaft nur träumen kann. Immerhin wird das Duell Gladbach gegen Bielefeld nächsten Sonntag ein kleines Konjunkturpaket schnüren. Einer wird zwangsläufig etwas mitnehmen. Seit vier Wochen verharrt der Fünfzehnte nun schon bei 24 Punkten. Aus 32,6 prognostizierten Zählern in der Abschlusstabelle sind in der Zwischenzeit 29,1 geworden – der Negativrekord von Bayer Uerdingen aus der Saison 94/95 wackelt wieder (15. mit 32 Punkten, nach Drei-Punkte-Regel). Rekordjagd wider Willen.

Punktekalkulation wird jedoch für die Borussia nur ein Nebenfach sein auf dem Weg zum Ligaverbleib. Ohnehin gerät man in dieser Hinsicht vom Regen in die Traufe. Vor einigen Wochen habe ich mich gefragt, wie wir noch zehn bis dreizehn Zähler einfahren sollen. Mittlerweile halte ich deren sieben für eine Hürde, die hoch genug sein wird. Vor allem aus psychologischer verkam das Spiel in Frankfurt zum Offenbarungseid. Während Gladbach vorne zwischen Konnte-Nicht und Wollte-Nicht schwankte, lag hinten permanent ein Gegentor in der Luft. Wohl nur am Niederrhein bringt man es fertig, eine fünfzehnminütige Drangphase auf die Beine zu stellen, in der man einen Elfer verschießt und einen verwandelt, um mitten hinein in diese Drangphase das alles entscheidende 1:3 nach einer Ecke zu kassieren.

Schon zum dritten Mal in Folge ließ die Borussia in einem Duell gegen einen direkten Konkurrenten jegliche Tugenden des Abstiegskampfes vermissen, die mehr sind als abgedroschene Durchhalteparolen. Die Tatsache, dass aus dem einstigen unmittelbaren Kontrahenten Frankfurt mittlerweile ein entfernter Bekannter geworden ist, verdeutlicht eindrucksvoll das Ausmaß der Gladbacher Lethargie.

Dante und Brouwers Hauptdarsteller der Offenbarung

Dante und Brouwers lieferten sich ein hochspannendes Duell um einen Job als Co-Moderator bei „Pleiten, Pech und Pannen”. Am Ende gab es ein Unentschieden, den Job bekam keiner. Brouwers erhält in der Neuauflage von „Skippy, das Känguruh” eine Nebenrolle, während Dante dafür im zweiten Teil von „Lost in Translation” mitwirken wird. Unser brasilianischer Lucio-Verschnitt mag zwar nach seiner Faserriss-Odyssee noch nicht ganz auf der Höhe sein. Sechs Spieltage vor dem Ende der Saison neigen sich Zeit und Geduld jedoch zwangsläufig ebenfalls dem Ende zu. „Rehabilitation” ist da nicht nur aus etymologischer Sicht ein Fremdwort.

Hobbyfilmer sollen derweil Bilder von einem bitterlich weinenden Filip Daems aufgenommen haben. Der Belgier ist auf der linken Abwehrseite definitiv verschenkt, konnte sich wenigstens vom Elfmeterpunkt ein wenig Freude verschaffen. Da Marin von Meyer auf die rechte Seite geschickt wurde, verpuffte jedoch das bislang beste Argument für einen Daems auf links. Man munkelte, er könnte das Defensiv-Manko von Marin ausgleichen. Diagonal über den ganzen Platz dürfte dieses Unterfangen jedoch zum Kraftakt werden.

Es spricht außerdem nicht unbedingt für Daems’ Gegenpart, Paul Stalteri, dass er zwar jede Minute in der Rückrunde absolviert hat, an dieser Stelle jedoch bislang selten Erwähnung fand. Wer seinen hilflosen und verfrühten Blockversuch vor dem 0:2 beobachtet hat, muss sich fragen, ob ein gewisser Tobias Levels nicht auch soviel Dilettantismus und Behäbigkeit auf die Beine stellen könnte. Erst ein Denkmal in Abwesenheit für Rob Friend, jetzt eine gebrochene Lanze für Tobias Levels – langsam macht mir mein Dasein als Fähnchen im Wind selbst Angst. Aber so eine Bundesligasaison zwischen Erde und Hölle liefert eben auch brisante Einsichten in die Psyche eines leidenden Fans, die jeden Soziologen mit der Zunge schnalzen lassen.

Apropos Rob Friend: Eine Rückkehr bis nächsten Sonntag scheint nicht unmöglich. Wer hätte gedacht, dass eine derartige Nachricht noch einmal einen Hoffnungsschimmer ans Firmament zaubern würde. Ranger Rob wurde in Frankfurt erneut vermisst wie ein leckeres Leberwurstbrot nach einem Austauschjahr in Malaysia. Nachdem Kollege Colautti in Karlsruhe und gegen Wolfsburg wenigstens noch Aluminium traf, gelang ihm am Samstag rein gar nichts. Mit jeder erfolgslosen Spielminute scheint der Israeli zu schrumpfen. Kehrt Friend nicht bald zurück, wird Colautti wohl in zwei Wochen gegen Bayern erstmals mit Marko Marin verwechselt.

Die Mär vom Gefoulten, der nicht schießen darf

Kommentator Matthias Stach pries Marin, den Unruhefaktor für gegnerische Abwehrreihen, bei fast jedem Ballkontakt als „Zauberzwerg” an, was erneut die Frage aufwarf, ob es einem 20-jährigen nicht doch irgendwie peinlich ist, die Bezeichnungen „Zauberzwerg” und „Zaubermaus” ganz oben im Spitznamenkatalog zu führen. Irgendwie klingt das so gar nicht nach Bartwuchs, Führerschein und der Befugnis, im Supermarkt nach Vorlage des Personalausweises jedes beliebige Getränk erwerben zu können. Aber bin ich Imageberater?

Aus sportlicher Sicht gehörten einzelne Aktion von Marin zu den wenigen Lichtblicken des Spiels. Er holte beide Elfer raus, hatte nach einer guten Viertelstunde die erste und lange Zeit einzige Torchance der Borussia und hätte vermutlich zum Matchwinner werden können, wenn ihm die Mär vom Gefoulten, der nicht schießen darf, egal gewesen wäre. Fast an jeder gelungenen Aktion, die die Borussia über das Existenzminimum hievte, war er beteiligt.

Im Angriff hat der VfL dieser Tage so viele Alternativen wie ein angehender Abiturient, der alle Naturwissenschaften verschmäht, Mathe jedoch auch um alles in der Welt nicht im Abitur haben möchte. Null. Nachdem ich Oliver Neuville in den vergangenen eineinhalb Jahren bereits mehrfach zu voreilig in Altersteilzeit geschickt habe, dürfte es jetzt endgültig an der Zeit sein. Mit jedem Spiel schrumpft sein Aktionsradius, seine Torgefahr geht den Bach hinunter und er agiert insgesamt so auffällig wie ein weißes Bettlaken auf der Skipiste.

Karim Matmour ist in Frankfurt auf seiner unendlichen Sinuskurve einmal mehr im Minusbereich angelangt. Von Moses Lamidi wird in Anlehnung an seinen Namensvetter verlangt, dass er das Wasser teilt. Stattdessen hat er das Rote Meer eher trocken gelegt. Und Alexander Baumjohann ist nach seinen bayernwürdigen Auftritten zu Beginn der Rückrunde mittlerweile nur noch ein wandelndes Phlegma. Erneut blieb er meilenweit unter seinen Möglichkeiten, deren Existenz spätestens seit Köln ja niemand mehr abstreiten will.

“Selbst Momente der Glückseligkeit bringen
im Nachhinein nichts als Unheil”

Stichwort Köln: Seit dem Derbysieg ist der Aufwärtstrend bei der Borussia gestoppt. Zwischen dem 21. und 24. Spieltag hatte es neun Punkte und zwölf Tore gegeben. Die letzten vier Spiele brachten dagegen nur noch einen Bruchteil dieser Zahlen: Ein Unentschieden, zwei Treffer, drei Pleiten. So langsam könnte man, zumindest ganz weit im Hinterkopf, über einen „Derbyfluch” nachdenken. Aber auch das ist eben die Saison 2008/2009, wie sie leibt und lebt – selbst Momente der Glückseligkeit bringen im Nachhinein nichts als Unheil.

Auf der anderen Seite kämpft Bielefeld seit längerer Zeit mit einem amtlichen Gladbach-Fluch. Sechs Aufeinandertreffen in Serie hat die Borussia für sich entscheiden können, allesamt ohne Gegentor. Eine Beseitigung dieses Fluchs aus Arminen-Sicht könnte den VfL im Nu vom Abgrund in den Abgrund befördern. Um das zu prophezeien, muss man beileibe nicht Kassandra heißen. Vielleicht nähert sich die Lebenserwartung im Erfolgsfall auch wieder der Normalität - und kratzt an der 50.

19. April 2009 von Jannik Sorgatz
Kategorien: Fohlengeflüster | 4 Kommentare

Kommentare (4)

  1. Hallo, so sehr ich auch unter dem Niedergang der Borussia leide – deine amüsanten Spielberichte helfen mir, die ganzen Niederlagen mit Humor zu nehmen. Hoffe das du demnächst mal wieder über einen Sieg berichten kannst.

  2. Einfach super deine Berichte….muntert einen immer wieder auf.

  3. echt nen klasse text, hat mir doch glatt ein grinsen abgezwungen XXD

    denke ein 4:1 is besser als so ein knappes ding
    (vieleicht merken se jetzt ja mal was…;-)

  4. Pingback: Zaubermaus « angedacht

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