Die Hertha und der Mallorca-Komplex

Über flehende Berliner, Wolfsburger auf Deutschland-Reise und Hamburger, die mit 71,43%-iger Wahrscheinlichkeit gegen Bremen gewinnen.

Hertha BSC Berlin und das Pokalendspiel, das lässt sich vergleichen mit Einheimischen auf Mallorca: Das Paradies vor der Nase, doch Jahr für Jahr machen es Fremde nahezu unkenntlich. Wenn im Mai je 20.000-30.000 Menschen, uniformiert in zwei unterschiedlichen (Vereins-)Farben, in die Hauptstadt pilgern, muss die alte Hausdame in der Regel hilf- und kampflos dabei zusehen, wie Wildfremde und Weitgereiste das Olympiastadion annektieren. Als würde eine Riesensause in der eigenen Mietswohnung gefeiert und man selbst wäre nicht eingeladen.

Seit 1985 findet das DFB-Pokalfinale stets in Berlin statt, dieses Jahr also zum 25.Mal hintereinander. Zweimal schafften es seitdem Mannschaften „nach Berlin“, deren Anreisewege zu den kürzesten der Pokalhistorie gehören: 1993 hielt die Zweitvertretung der Hertha die blau-weißen Fahnen hoch. Acht Jahre später zog ausgerechnet der Ost-Klub aus Köpenick, Union Berlin, ins Endspiel ein, unterlag jedoch gegen Schalke 04.

Das Flehen, Weinen und Fluchen bei der Hertha über die chronische Pechsträhne bei Auslosungen gehört inzwischen zum Pokal wie Vestenbergsgreuth, Weinheim und all die anderen Underdogs. Naja, fast. Jedenfalls schieden die Hauptstädter letzten September in der 2. Runde gegen Borussia Dortmund aus – gewohnt frühzeitig, gewohnt in der Fremde. Es war das 28. Auswärtsspiel von 30 Pokalauftritten nach dem Aufstieg 1997. Man muss schon pathetisch werden, um eine derartige stochastische Verschwörung zu erklären: Vermutlich will ein Fluch den Mythos des deutschen Wembley erhalten und dafür sorgen, dass die Gleichung „DFB-Pokal plus Olympiastadion“ stets „Endspiel“ ergibt. Und nicht “Hertha, Achtelfinale”.

Mit Köln und Gladbach haben nur zwei Vereine in den letzten 12 Jahren die Luft im Berliner Olympiastadion geschnuppert, ohne bei einem Sieg sofort den Pokal in den Händen halten zu können. Letztere sind derweil auf einem guten Weg, den Pokalgebeutelten aus der Hauptstadt nachzueifern. Die Borussia gewann am 3. Februar 2004 am heimischen Bökelberg gegen den MSV Duisburg und zog ins Halbfinale ein. Beginnend mit der anschließenden Pleite bei Alemannia Aachen bestritt man seitdem zehn Auswärtsspiele in Folge. Der letzte Gladbacher Sieg bei einem Nicht-Amateurverein datiert vom 20. Dezember 2000.

Sechs Monate nachdem der DFB-Pokal zuletzt am Niederrhein gastierte, erfolgte seinerzeit der Umzug in den Borussia-Park. Der FC Wegberg-Beeck musste schon sensationell die erste Hauptrunde erreichen, damit die Arena kurzzeitig den Status eines reinen Liga-Stadions ablegen konnte. Ansonsten geht in Mönchengladbach nur an dunklen Nachmittagen im Winter, in Englischen Wochen und bei Freitagsspielen das Flutlicht an.

Seit 2004, seitdem sich ein paar Plastikkugeln gegen die Borussia verschworen haben, ist der Verein nicht mehr über die 2. Runde hinausgekommen. Auch die Pokalbilanz der Hertha liest sich nicht gerade rosig. Bliebe zu klären, ob bei beiden eine verheerende Auswärtsschwäche diagnostiziert werden kann, oder ob der Heimvorteil im DFB-Pokal schlichtweg ausgeprägter ist als in der Liga.

Die letzten 18 Jahre zeigen, dass die Quote der Heimsiege von Runde zu Runde ansteigt – was wohl vor allem darauf zurückgeführt werden kann, dass sich noch der eine oder andere Amateurverein in der 2. Runde und im Achtelfinale tummelt. Mehr als 70 Prozent aller Finalisten haben das Endspiel durch einen Heimsieg in der Vorschlussrunde erreicht. Nur vor zehn Jahren war es ausnahmsweise der Fall, dass zweimal der Gastverein im Halbfinale die Wir-fahren-nach-Berlin-Rufe anstimmen konnte. Die Chancen, dass Hamburg heute Abend gegen Bremen die Oberhand behält, stehen also statistisch gesehen bei 71,43 %.

Kein Wunder also, dass bei Klubs wie Borussia Dortmund, die über Jahre keinen Blumentopf im Pokal gewannen, schon einmal das Losglück nachhelfen muss. Von der Runde der letzten 32 bis zum Halbfinale spielte der BVB letzte Saison viermal zuhause – “auswärts” in Berlin gegen die Bayern zogen sie prompt den Kürzeren.

Außerdem gelang es seit Abschaffung der Wiederholungsspiele zur Saison 91/92 nur einem Verein, auf dem Weg nach Berlin eine regelrechte Deutschland-Reise zu absolvieren: Wolfsburg schaffte 1995 den Finaleinzug mit den Zwischenhalten Gelsenkirchen, Frankfurt, Vestenbergsgreuth, München und Köln – und fuhr ohne Pokal nach Hause. Das sechste Auswärtsspiel war dann doch zu viel des Guten.

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22. April 2009 von Jannik Sorgatz
Kategorien: Innenrist, Zahlen, bitte | 1 Kommentar

1 Kommentar

  1. Nächste Saison werden wir dann endlich doppeltes Heimrecht im Olympiastadion haben. Das sage ich zwar jedes Jahr aufs Neue, aber irgendwann werde ich sagen können: “Ich hab es euch doch gesagt!”

    Klasse Artikel und interessante Statistik!

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