Das Oktobermärchen nach dem Sommermärchen (Teil I)

Wie ein Reporter vom RBB kurzzeitig mein bester Freund wurde und ich mich bei der Premiere von „Deutschland. Ein Sommermärchen“ plötzlich auf dem roten Teppich wieder fand.

Einige Leute sitzen quatschend in den Eiscafés, auch am großen Brunnen genießen wie immer viele Menschen mit Laptops bewaffnet die Atmosphäre des Sony Centers am Potsdamer Platz in Berlin. Touristen recken ihre Köpfe gen Himmel und zücken ihre Digitalkameras, aber von einem roten Teppich, geschweige denn von der Nationalmannschaft keine Spur.

Es ist der 3.Oktober 2006 – Tag der deutschen Einheit und ebenso der Premierentag des WM-Films „Deutschland. Ein Sommermärchen“.

Als geneigter Fußball-Verrückter hat man die Ohren stets gespitzt und absorbiert alles, was sich auch nur irgendwie zum Stillen der „Sucht“ eignet. Genauso ist es mit der Premiere der Dokumentation über den WM-Sommer 2006 gelaufen. Wenn ich mich an diesem Tag schon zufällig in Berlin aufhalte, kann ich mir solch ein Ereignis natürlich nicht entgehen lassen. Nur wo genau sollte der rote Teppich denn jetzt ausgerollt werden? Im Sony Center jedenfalls nicht.
Es ist erst 17 Uhr, noch mehr als zwei Stunden bis die Nationalmannschaft um Jogi Löw eintreffen wird. Also schlendere ich weiter suchend durch das große Areal. Moment? Findet die Berlinale nicht immer im „Theater am Potsdamer Platz“ statt? Einen Versuch ist es wert. Als ich das Gebäude aus der Ferne erblicke, fällt mir gleich das große Filmplakat über dem Eingang ins Auge. „Poldi“ rutscht auf grünem Hintergrund jubelnd über den Rasen, darüber der orange Schriftzug „Deutschland. Ein Sommermärchen“. Hier muss es doch sein.

Tatsächlich drängen sich vor den Absperrgittern schon Dutzende Fans, oder sollte ich sie „Groupies“ nennen? Ob diese fünfzehnjährigen Mädchen bei Interesse auch mit Fußballern – naja Ihr wisst schon – ist mir egal, jedenfalls erwecken sie mit ihren schwarz-rot-goldenen Hawaii-Kettchen, den blitzenden Zahnspangen und dem permanenten Gekreische den Eindruck, dass ihnen die Waden von Michael Ballack weitaus wichtiger sind als seine hervorragende Schusstechnik und seine ausgeprägte Beidfüssigkeit.

Das Areal vor dem Theater ist auf der Größe einer Spielfeldhälfte umzäunt, anscheinend rechnen die hier mit einem großen Ansturm. Zwei Stunden vor „Anpfiff“ des Films stehen die Fans erst in vier Reihen am Zaun, also stelle ich mich einfach hinzu und entschließe mich die Zeit zu investieren. Wann läuft die DFB-Elf schon einmal drei Meter vor einem über einen roten Teppich? Schon bald füllt sich der Platz und aus vier sind mindestens acht Reihen geworden. Nun gibt es kein zurück mehr.

Ach ja, gut vorbereitet bin ich auch gewesen. In dem Wissen, dass die Filmpremiere während meines Aufenthaltes in der Hauptstadt stattfindet, habe ich standesgemäß mein Deutschland-Trikot eingepackt und an diesem Tag angezogen.

Das ARD-Magazin „Brisant“ sollte ab 19 Uhr in einer Sonderausgabe von den nach-WM-sommerlichen „Feierlichkeiten“ berichten. Somit sorgen das Warm-Up der Moderatoren und kleine Proben für willkommene Abwechslung beim Warten, denn einfaches Rumstehen verliert nach einiger Zeit mitunter seinen Charme. Immer mehr Menschen strömen in der Zwischenzeit zum roten Teppich, es wird enger und kuschelig warm in der Menge. Von hinten fangen die ersten an zu drücken und mal wieder bin ich dankbar für jeden der 193 cm, die ich „ans Maßband“ bringe. Noch ahne ich nicht, dass dieser Abend ein ganz besonderer werden würde.

Um 18:45 treffen die ersten Premierengäste ein und es offenbart sich das Prinzip der „Promi-Hierarchie“. Wer früh eintrifft und in einem einfachen Toyota vorfährt, findet sich in der „Promi-Hierarchie“ eher unten wieder oder ist „nur“ ein Schulfreund von Regisseur Sönke Wortmann. Wer spät eintrifft und in einer schmucken C- oder E-Klasse antanzt, hat schon etwas zu bieten. Und diejenigen, die 10 Minuten vor Filmbeginn in einem Toyota ankommen, standen schlichtweg im Stau.

Dementsprechend hält sich die Begeisterung bei Fans, Groupies und Schaulustigen zunächst in Grenzen. Gelegentlich erblickt jemand einen Schauspieler, den er „schon mal bei Kerner gesehen“ hat oder ruft differenziert ins weite Rund: „Hey, das ist doch der Dingens. Hier, von der Sendung bei RTL.“
Dann steigt auf einmal Günther Netzer aus einem der pausenlos heranfahrenden Autos. Unschwer zu erkennen, denn die Matte gibt es so wahrscheinlich nur einmal auf der Welt. Inzwischen ist es fast dunkel und eine wohlige Atmosphäre kommt auf. Sportfreunde Stiller, Monica Lierhaus, Peter Lohmeyer – nach und nach wird die illustre Gästeliste abgearbeitet und ein Auto nach dem anderen lädt einen weiteren prominenten Premierengast am roten Teppich ab.

Die Übertragung im Ersten hat begonnen, Interviews werden geführt und kleine Filme erscheinen auf einer Leinwand. Die Stars geben fleißig Autogramme und glückliche Strömungen im Meer der Wartenden haben mich fast bis auf einen Meter an die Absperrung heran befördert.

Gegen 19:30 Uhr taucht auf einmal der Mann auf, der mein Leben für einen Abend auf den Kopf stellen sollte: Ulli Zelle, Moderator beim RBB und an diesem Abend als Reporter auf Stimmenfang am roten Teppich. Er nähert sich den Zuschauern und ruft vollkommen unerwartet: „Na, wer hätte denn Lust heute Abend den Film noch zu sehen – als offizieller Premierengast? Sie müssen nur eine kleine Frage beantworten.”

Plötzlich sind alle in Aufruhr. Hier und da ertönt ein „Ich! Ich!“ und Leute recken ihre Hände in die Höhe. Herr Zelle schlendert am Gitter entlang und pickt ein paar Leute heraus. „Auf Sie werde ich gleich noch einmal zurückkommen, ok?“, versichert er den glücklichen Auserwählten und stellt dann fest: „Jetzt haben wir ja nur Frauen, wie sieht’s denn mit der männlichen Fraktion aus?“. Mir war vorher schon aufgefallen, dass das männliche Geschlecht eindeutig schwach vertreten ist und um mich herum fast nur Frauen stehen. Also hebe ich meinen Arm, rufe laut „hier!“ und schaue den Mann bettelnd an. Gleiches tut ein Junge meines Alters neben mir. Der Mann vom RBB mustert uns beide für ein paar Augenblicke und zeigt dann auf mich. „Wir sprechen uns gleich noch mal“, sagt er augenzwinkernd.

‚Oh mein Gott. Komm ich jetzt ins Fernsehen?’, schießt es mir durch den Kopf. Schon sehe ich mich auf dem roten Teppich – posierend mit Günther Netzer, vertieft in Fachsimpeleien mit Jogi Löw. Schnell schreibe ich meinen Eltern eine SMS und bitte meine Oma die Sendung aufzunehmen. Wahrscheinlich habe ich mein Glück ironischerweise den kreischenden Mädchen zu verdanken, die den armen Herrn Zelle so verschreckt hatten, dass er sich lieber etwas von ihnen weg – genau zu mir hin – orientiert hat.

Die Nationalmannschaft trifft kurz danach ein, gefolgt von unserer Bundeskanzlerin, die fleißig Trikots und Mannschaftsposter signiert. Der Jubel ist groß. Fußballer als Filmstars – das hatte es so auch noch nicht gegeben.

Zehn Minuten später kommt mein Freund Ulli Zelle live auf Sendung und beginnt zu erklären, dass ein paar Fans nun die Chance hätten, durch Beantworten einer Frage exklusiv die Premiere von „Deutschland. Ein Sommermärchen“ mitzuerleben.

Im Fernsehen sieht es ja immer so aus, als würden Leute zufällig herausgepickt und dann vollkommen überrascht. Dabei wusste jeder der Auserwählten längst Bescheid, dass der Reporter gleich (total unvorhergesehen) auf ihn zukommt und eine Frage stellt.

Ich bin als Letzter an der Reihe. Bisher war nach dem Ausgang des Spiels Costa Rica-Deutschland gefragt worden und nach dem Austragungsort des Viertelfinales gegen Argentinien. Das sollte wohl machbar sein. Anscheinend hatte die ARD sich humane Fragen ausgedacht, aber ich war für alles gewappnet. Herr Zelle wendet sich mir zu und stellt meine alles entscheidende Frage.

‚Hilfe, ich bin im Fernsehen. Jannik, jetzt mach’ keinen Mist, sonst landest Du noch bei TV Total’, denke ich.
„Wie lautet der Spitzname von Bundestrainer Joachim Löw?“, möchte er von mir wissen. Puh, Gott sei Dank keine Frage nach der Zuschauerzahl beim WM-Finale 1970 oder dem Torschützen des 7:5 beim Spiel Österreich-Schweiz 1954. (Antworten für alle, die es interessiert: 107.412 und Erich Probst).

„Jogi“, skandiere ich lauthals und blitzschnell ins Mikro, damit mir bloß kein Spielverderber dazwischen kommt.

Freudig drückt er mir zwei Karten in die Hand und wünscht mir viel Spaß bei der Vorstellung. Manche Menschen springen in solchen Momenten jubelnd durch die Gegend, ich bin eher der Typ, der einen emotionalen Vulkanausbruch im Inneren erlebt. Doch wohin mit der zweiten Einladung? Schließlich stehe ich alleine da. Spontan denke ich an meinen Nachbarn, der vorhin bei der „Musterung“ den Kürzeren gezogen hatte und drücke ihm die Karte in die Hand. Naja, ein wenig mehr Begeisterung hätte ich mir schon von ihm erwartet. Zudem schaut die ältere Frau vor mir etwas enttäuscht drein, so dass ich mich ärgere, ihr nicht die Karte gegeben zu haben. Weitaus lukrativer wäre es jedoch gewesen, das gute Stück schwarz auf dem roten Teppich an einen der weiblichen Groupies in der ersten Reihe zu verticken. Von dem Erlös hätte ich die gesamte Nationalelf zum Essen einladen können.

Also stolpere ich freudetrunken aus dem abgesperrten Bereich heraus und lege mich fast noch auf die Nase, weil plötzlich eine Stufe auftaucht, die mir vorhin entgangen war. Ich bewege mich Richtung Eingang, wo mich zwei Security-Männer, die in ihrer Statur einem Einbauschrank ähneln, kritisch beäugen, mir jedoch aufgrund meiner offiziellen Einladung, die ich ihnen ins Gesicht halte, sofort Eintritt gewähren. An einer Art Rezeption hole ich mir ein grünes Bändchen ab und stolziere über den roten Teppich aufs Theater zu. Lustigerweise höre ich wie ein Mädchen seine Freundin fragt: „Hörmal, kennst Du denn da? Nee, oder?“.

Ich bin etwas spät dran, es ist zwei vor acht und der Film beginnt gleich. In der allerletzten Reihe finde ich noch einen Platz, vor mir sitzt der Gladbacher Stadionsprecher, den ich sonst nur jeden zweiten Samstag im Borussia-Park sehe. Moderatorin Anne Will begrüßt die Gäste, hält eine kurze Rede, an deren genauen Inhalt ich mich nicht mehr erinnern kann und dann geht endlich das Licht aus. Der Film beginnt…

Wie ich mit Marcell Jansen über sein Knie redete, mit Günther Jauch ein Foto machte und Franz Beckenbauer mich nach dem Weg fragte, folgt in Teil II…

24. September 2007 von Jannik Sorgatz
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