Mission 40/29: Unterm Strich

Gegen Bielefeld lässt Gladbach erneut zwei wichtige Punkte liegen und verpasst zum fünften Mal in Folge den Sprung auf Platz 15. Warum der größte Strohhalm zugleich eine Farce ist, hoffentlich niemand über ein Meer aus Pusteblumen schwebt und rote Ampeln keine Schuld mehr trifft.

grune-brille2
Ich bin desillusioniert, frustriert und konsterniert – Wörter auf -iert sind für mich gerade so etwas wie medizinische Fachbegriffe, die mich als wahres Wrack kennzeichnen. Mit wenig Hoffnung, viel Enttäuschung, aber ohne Gedanken an finale Resignation.

Zum Glück kann ich behaupten, ein Spiel gesehen zu haben, dass es nicht wert ist, noch einmal von vorne bis hinten rekapituliert zu werden. Selbst wenn ich wollte, würde sich nur wenig um Torchancen, sehenswerte Kombinationen und packende Zweikämpfe drehen. Gladbach 1, Bielefeld 1 – wer auf das magere Chancenverhältnis schielt und sich ganz tief in den Zynismus hineinwagen will, der darf durchaus behaupten: Eineinhalb kaltschnäuzige und abgekochte Mannschaften haben sich am frühen Sonntagabend im Borussia-Park gemessen. Für die einen bedeutete ein gewonnener Punkt zwei verlorene. Die anderen glaubten, mit dem Zähler leben zu können, und stecken trotzdem tiefer im Schlamassel als zuvor.

Fünfmal in Folge hätte die Borussia den Sprung auf Platz 15 packen können. Fünf Satzbälle in Folge hat sie vergeben, die Zahl der Unforced Errors steigt ins Bodenlose. Der größte Strohhalm ist zugleich eine Farce. Denn obwohl der VfL nur zwei Zähler in den letzten sechs Wochen geholt hat, ist er weiterhin mittendrin im Geschäft. Dass er trotz eines Punktgewinns zu den großen Verlierern des Wochenendes zählt, ist überhaupt nur zwei Sensationserfolgen von Cottbus und Karlsruhe zu verdanken, die die virtuelle Tabellenkalkulation eines jeden Hobbyrechner über den Haufen geworfen haben.

Zensur auf der Anzeigetafel

Cottbus gewinnt also zuhause gegen Wolfsburg und zeigt Gladbach nicht nur, wie man gegen den Spitzenreiter punktet. Zugleich sorgt Energies 2:0-Überraschungserfolg nämlich auch dafür, dass die längste Siegesserie der Bundesligageschichte weiterhin in Borussenhand bleibt. Wobei eine weitere Löschung aus den Rekordlisten angesichts der tristen Gegenwart nicht unbedingt ein Verlust gewesen wäre. Sie hätte vielmehr eine Befreiung von der Bürde unserer ruhmreichen Vergangenheit sein können. So bleibt der Rekord und Cottbus ist plötzlich zwei Punkte enteilt.

Die beiden Treffer der Lausitzer hatte man den 50.000 im Borussia-Park eiskalt vorenthalten. Dabei hätte zweimaliges Pferdewiehern, gefolgt von entsetztem Stöhnen und Geschrei, nur allzu gut ins trostlose Bild des Spiels gepasst. Vielleicht wäre den kopflosen Borussen auf dem Platz sogar endlich ein Licht aufgegangen und sie hätten tatsächlich realisiert, dass es ums nackte Überleben geht. Und nicht um die Tombola auf der Jahreshauptversammlung des örtlichen Schützenvereins.

Genauso entmutigt und überzeugend wie ein Straßenfeger-Verkäufer in der Berliner U-Bahn forderte Stadionsprecher Knippertz das Stadion immer wieder auf, die Mannschaft anzutreiben. Sein Bemühen war zwar ehrenwert, verlief jedoch im Sand. Knippertz hat schlichtweg übersehen, dass nur das Blut desjenigen in Wallung gebracht werden kann, durch dessen Adern überhaupt noch welches fließt. Dabei dürfte die Bedeutung des Wortes „blutleer” relativ einleuchtend sein. Gemeint sind natürlich nicht 50108 auf den Rängen, sondern 11 plus 3 auf dem Platz.

Ein Spiel wie 1000 Metaphern – das 4-2-4-0-System

Einmal mehr war es ein Spiel, dessen apokalyptisches Ausmaß von zig Metaphern beschrieben wird. Zwei kleine vorneweg: Bielefelds Tesche erzielte im 21. Einsatz mit seiner 7. Großchance der Saison sein erstes Saisontor, erst das zweite überhaupt in seiner Laufbahn, und Keeper Eilhoff verbuchte die meisten Ballkontakte aller Arminen.

Das Meisterwerk aller Meisterwerke jedoch: die Startaufstellung. Roberto Colautti war als Friend-Ersatz nach drei torlosen Spielen heftig in die Kritik geraten, Alternativen machten sich entweder rar oder erschienen keine Überlegung wert. Doch eine entscheidende hatte alle Welt fahrlässig übersehen. Wenn die einzige Spitze nicht trifft und kein Ersatz in Sicht ist, warum dann nicht einfach ganz ohne Mittelstürmer auflaufen? Gesagt, getan. Gladbach begann im brandneuen 4-2-4-0-System – mit unveränderter Viererkette, einer Methusalem-Doppelsechs und einer wirren Angriffsreihe, die Matmour als formelle Spitze sah. Ein schlaksiger Dauerläufer als Mittelstürmer? Das führt die Definition dieser Gattung von Spieler gehörig ad absurdum.

Beschwerden über eine zu kurze Nachspielzeit sind durchaus angebracht. Denn die ersten zwölf Minuten haben praktisch nie existiert, fallen aufgrund von elendiger Passivität und grausamen langen Bällen also auf jeden Fall unter den Tatbestand der „absichtlichen Zeitvergeudung”. Sprich, sie hätten oben drauf gepackt werden müssen. Das Führungstor durch Matmour, seines Zeichens eben doch ein echter Strafraumstürmer und Goalgetter, fiel so sehr aus dem Nichts, dass mein Hirn erst nach wenigen Augenblicken den Befehl „Jubeln!” an meine Nervenzellen geschickt hat. Damit war nun wirklich nicht zu rechnen.

Nur Geduld: Klassenerhalt am 37. Spieltag

Die Frustration reichte am Ende so weit, dass ich in der zweiten Hälfte nach einem rüden Foul von Bielefelds Marx sogar entrüstet aufsprang und vehement Gelb-Rot für Kapitän Kauf forderte. Ich plädiere hiermit dafür, dass höchstens ein Spieler pro Mannschaftsteil blondierte Haare tragen darf. Immerhin konnte ich mir für den wütenden Hechtsprung und das laute Fluchen drei Weight-Watchers-Punkte für sportliche Betätigung anstreichen. Man nimmt eben alles mit, wenn sich Punkte ansonsten rar machen.

Mit gutem Gewissen kann ich mir jegliche Details des Spielverlaufs sparen, ohne dabei irgendeiner Form der Chronistenpflicht auf den Schlips zu treten. Gladbachs uninspiriertes Anrennen in Hälfte zwei erinnerte mitunter ans vorletzte Heimspiel gegen Bochum. Mit dem Unterschied, dass sich damals die Einschussmöglichkeiten häuften und das Spiel dennoch verloren ging. Diesmal also ein Zähler gegen einen direkten Konkurrenten trotz chronischer Espritlosigkeit – na wenn das kein Fortschritt ist. Diese konstante Entwicklung in die richtige Richtung könnte der Borussia spätestens am 37. Spieltag den Sprung auf einen Nichtabstiegsplatz bescheren. Geduld ist also der Schlüssel zum Erfolg.

Die letzte Aktion des Spiels brachte unterdessen eine weitere Metapher mit schier unerschöpflichem Nährwert. Alexander Baumjohann, bis auf seine Vorlage zum 1:0 so blass geblieben wie ein Engländer bei dreijähriger Sonnenfinsternis, wirbelte mit viel Verzweiflung ein letztes Mal durch den Bielefelder Strafraum. Entweder verließen ihn dann die Kräfte, oder aber er hatte etwas dagegen, im Prinzip zwei Heimspiele in Folge vor der Brust zu haben. Also sank er nieder, kassierte die fünfte Gelbe und wird damit in München, bei seinem zukünftigen (Kurz-)Arbeitgeber, nicht mit von der Partie sein. Vielleicht wollte er auch nur sichergehen, dass er eine Woche darauf, beim Aufeinandertreffen seines Ex-Vereins Schalke und seines baldigen Ex-Vereins Gladbach, auf jeden Fall dabei sein kann. Im Zweifel für den Angeklagten.

“Man liebkost sich selbst nicht mehr mit Ritualen und billigen Ausreden, sondern fühlt sich unterm Strich einfach nur verarscht.”

Meine Wut und meine Enttäuschung reichen mittlerweile so weit, dass ich nicht einmal mehr daran denke, die Schuld an der Niederlage in die Schuhe von roten Ampeln und besetzten Parkplätzen zu schieben. Auch wenn sich die Trance mit jeder Menge Sarkasmus überbrücken lässt, fördern Verzweiflung und Ratlosigkeit gleichzeitig das rationelle Denken zurück an die Oberfläche.

Man liebkost sich selbst nicht mehr mit Ritualen und billigen Ausreden, sondern fühlt sich unterm Strich – so hart es klingt – einfach nur verarscht. Es lebe die Aufklärung, Kant wäre stolz auf mich! Mit den Gedanken im Hinterkopf, dass ich trotzdem diese Zeilen hier tippe, meine Dauerkarte noch nicht in Einzelteile zerlegt habe und nächsten Samstag wieder vor dem Fernseher sitzen werde, muss ich mich für Gefühle dieser Art hoffentlich nicht rechtfertigen.

Es ist gewiss nicht der Fall, dass mich ein 1:1 gegen Bielefeld und der Sturz auf einen Abstiegsplatz von jetzt auf gleich mit dem Thema Klassenerhalt abschließen lassen. Doch momentan stehe ich, stehen wir im Prinzip alle vor den Trümmern einer Saison, deren schlechten Ausgang einzig und allein die Mannschaft selbst zu verantworten hätte. Kein Pech, kein Schicksal. Wer das verneint, der muss in einer Fußballwelt voller schwarz-weiß-grüner Brillen leben, in der er Tag für Tag über ein Meer aus Pusteblumen schwebt und sich vormacht, alles sei in Butter.

Zum Glück steigt man, nur weil sportlich so manches im Argen liegt, nicht automatisch ab, sonst müsste es ja jedes Jahr fünf, sechs Mannschaften treffen. Karlsruhe, Gladbach, Bielefeld oder Cottbus – die Entscheidung über das Schicksal dieses Quartetts wird an den verbleibenden Spieltagen zum Glücksspiel mit dem Feuer, das am Ende wohl vor allem im Kopf entschieden wird.

Grab oder Denkmal – eine facettenreiche Baugrube

Und weil in sportlicher Hinsicht außer Spesen wenig gewesen ist, noch zwei Anekdoten von abseits des Platzes. Das vierstündige Funkloch der Telekom hat allen 40 Millionen Kunden eine Frei-SMS für den Sonntag beschert. Bezeichnend, dass ich davon Gebrauch machte, um Nils – halb feststellend, halb um Bestätigung bittend – folgende Nachricht zu schicken: „Cottbus führt?!”. Das Fragezeichen war leider überflüssig.

Vor zwei Wochen gegen Wolfsburg rief mich ein gerupfter Fasan vor dem Stadion auf den Plan und verursachte intensive Recherchen nach seiner Bedeutung. Diesmal sorgte eine riesige Baugrube im Nordosten des Borussia-Parks für Fragezeichen auf so mancher Stirn. Ein Hotel, ein Zweitligastadion, eine Trainingshalle vielleicht? Vor lauter Frustration wirkte das Loch zwei Stunden später wie ein ausgehobenes Grab.

Noch liegen fünf Spiele vor der Borussia – hammerhart, schwer, machbar, herausfordernd und schwer. Fünfzehn Punkte sind zu vergeben. Am Ende werden sie darüber entscheiden, ob auf der Baustelle nicht vielleicht doch ein Nichtabstiegsdenkmal entsteht.

26. April 2009 von Jannik Sorgatz
Kategorien: Fohlengeflüster | 2 Kommentare

Kommentare (2)

  1. ….als Ziege und Jos seinerzeit die Borussia gegen die Wand fahren liessen, da konnte man schon von Strategie ausgehen. Der alte uninspirierte Gladbacher Muff-ohne Persönlichkeiten und Eigenständigkeit sollte in eine neue Charakter-Mannschaft getauscht werden. Gut fürs Geschäft : neue Helden brauchten die Borussia- Macher und wir fanden das gut. Endlich ein Rösler und Konsorten, mind. 5 Deutsche in der Mannschaft, Neuanfang-wir sind dabei. Aber in diesem Jahr erkenne ich keine Strategie mehr. Was soll Neues kommen, wenn wir ABGESTIEGEN sind ?? Ich find die Mannschaft ganz ok, es muss keiner abgestraft werden, es muss nichts mehr bewiesen werden. Also was soll der Kack ? Reisst Euch endlich zusammen, es sind nur noch paar Spiele. Ihr könnt dann auch in Ruhe gehen und Euch scheinbar-zumindest finanziell- positiv verändern- auch wenn wir drinne bleiben. Aber bitte tut uns kein Ahlen, Oberhausen oder Ingolstadt mehr an.

  2. Pingback: lausitzer platz

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert

*