Mission 40/30: O Friend, Where Art Thou?

Die Borussia ermauert sich ein 1:2 bei den Bayern und würfelt damit nicht mehr als eine Eins, während den Konkurrenten eine Zwei gelingt. Wie oft der Buchstabe L in der Gladbacher Startformation vorkam, warum eine nässende Wunde den Niedergang bringen könnte und Hans Meyer die Populismus-Bremse zog.

So langsam falle ich vom Glauben ab. Noch weiß ich nicht genau, von welchem, aber etwas anderes fällt mir gerade auch nicht ein, wenn ich an die Aufstellung vom Samstag zurückdenke.

Zehn Defensive. Ok, schrauben wir das auf acht herunter. Michael Bradley ist schließlich immer wieder nach vorne in die Spitze gestoßen (das müsste kurz hinter der Mittellinie gewesen sein). Und Tobias Levels hat als rechter Außenstürmer Erinnerungen an die großen Flankengötter und Seitenlinienbeackerer der Fußballgeschichte geweckt.

Ob jetzt 3-3-3-1 oder 4-1-4-1, das ist doch alles Zahlenspielerei. Man könnte genauso gut eine Buchstabensuppe mit 11x A, 4x B, 2x C, 3x D, 11x E, 1x G, 3x I, 2x K, 9x L, 1x M, 2x N, 1x O, 1x P, 6x R, 6x S, 3x T, 2x U, 1x V, 2x W und 2x Y in den Mund nehmen, laut losprusten, die Buchstaben dabei ausspucken und das Kunstwerk mit einem Sahnehäubchen namens Matmour garnieren – seines Zeichens „Stürmer” (welch ein martialischer Begriff im Kreise von zehn verteidigenden Pazifisten). Fertig wäre eine Formation, die der wirklichen ziemlich nah kommen würde.

Rob Friend fehlte weiterhin verletzt. Monatelang hätte man mich fragen können, ob wir am Ende wegen des Kanadiers absteigen könnten – ich hätte ein entschlossenes “Ja!” entgegnet. Heute ist die Antwort dieselbe, mit einem grundverschiedenen Kern. Wenn es nicht reichen sollte, dann nicht, weil Friend es vor dem gegnerischen Tor vergeigt hat, sondern weil er wochenlang nicht einmal dazu in der Lage war, es zu vergeigen. Weil eine Narbe an seiner Ferse wochenlang genässt hat.

Es ist freilich nicht von der Hand zu weisen, dass Hans Meyer mit seiner Taktik in den Olymp der Trainerfüchse hätte aufsteigen können. Mauern macht Mut – solange man am Ende etwas Zählbares in den Händen hält. Wenn eine Mannschaft, der das Wasser bei noch vier verbleibenden Spielen bis zum Hals steht, geradezu himmelhochjauchzend aus München abreist, weil die Lage angeblich nicht aussichtsloser geworden und das Torverhältnis noch immer vorzeigbar ist, dann muss man sich ernsthafte Sorgen machen. Cottbus, Bielefeld und Karlsruhe haben jeweils einmal gepunktet, aus fünf Rest-Strohhalmen sind vier geworden – wer das als Erfolg (oder zumindest nicht als Misserfolg wertet), der lebt wohl an der Realität vorbei.

Letzten Endes gelang es der Borussia, den 1:2-Rückstand mit Bravour über die Zeit zu retten. Meyers Offensivschwall mit Colautti, Marin und Neuville in der Schlussphase bewirkte in etwa so wenig Vorzeigbares wie der 43. US-Präsident in acht Jahren Amtszeit. Wenn die Harmlosigkeit des Endresultats vornehmlich auf Bayerns Abschlussschwäche zurückzuführen ist, dann hätte die Borussia wohl auch couragiert anstürmen können und wäre am Ende mit ähnlicher Wahrscheinlichkeit mit einem 1:2 zurück an den Niederrhein gereist.

Den größten Erfolg des Wochenendes fuhr Hans Meyer persönlich am Sonntagmorgen im DSF-Doppelpass ein. Seine Angriffslust, dennoch gepaart mit ermutigender Abgeklärtheit, hätte der Borussia auch ein paar Stunden zuvor auf dem Rasen der Allianz-Arena gut getan. Die Herren Holzschuh, Herrmann, Wontorra und Köhler holte Meyer mit einem gezielten Schlag von ihrem hohen Alle-blasen-ins-gleiche-Horn-aber-keiner-weiß-genau-in-welches-Ross.

Es ging um die Frage, warum Marko Marin bei Meyer so selten berücksichtigt werde (die Frage an sich wäre es schon wert gewesen, auf Arte oder Phoenix umzuschalten). Doch Gladbachs Trainer zeigte mit seiner Gegenfrage Konterfußball wie aus dem Lehrbuch, wollte nämlich wissen, wie oft Marin denn in dieser Saison bislang durchgespielt habe. Die Tipps schwankten zwischen zwei und sieben Spielen. Richtige Antwort: Zehn unter Meyer, fünf in den Partien zu Saisonbeginn unter Luhukay und Ziege. Ein argentinischer Fallobst-Boxer hätte auf eine schallende Rechte von Vitali Klitschko wahrscheinlich souveräner reagiert als Wontorra auf die Meyersche Populismus-Bremse. Ein wohltuender Punktsieg, der sich in der Tabelle wie folgt auswirkt:

Vorher

doppelpass2
Nachher

doppelpass1

Dieser Text zum 30. Spieltag wird der kürzeste dieser Spielzeit sein und es vermutlich auch bleiben. Dahinter steckt kein Protest, keine verspätete 1.Mai-Kundgebung, sondern vielmehr eine gewisse Ruhe vor dem Sturm – vor vier Spielen in 14 Tagen, die ich allesamt live vor Ort im Stadion erleben werde.

Wenn ich an die Fahrt nach Cottbus oder die (hoffen wir, dass es noch so weit kommt) Last-Minute-Entscheidung gegen Dortmund am letzten Spieltag denke, wird der vermeintliche Segen zwar zur schweißtreibenden Herausforderung für die neurologische Abteilung meines Körpers. Jetzt heißt es jedoch bis zum 23. Mai: Augen zu und durch, Hände falten und jeden Tag ein Stoßgebet an den Fußballgott senden – bis zum bitteren Ende, das hoffentlich keines sein wird.
 

Meyers Auftritt im “Doppelpass”:

04. Mai 2009 von Jannik Sorgatz
Kategorien: Fohlengeflüster | 3 Kommentare

Kommentare (3)

  1. Guten Tag allerseits!

    Ich bin nun wirklich erleichtert, dass nun endlich mal jemand die Lage erkannt hat und nicht ins allgemeine “Wir sind so super und toll weil wir nur 1:2 in München verloren haben” -Geschwafel miteinstimmt.
    Für mich als anwesender Fan war das Ganze nun wirklich nur sehr schwer zu ertragen und ich habe es mit einem ungläubigen kopfschütteln quittiert, dass alle Offizielen, aber auch z.B. die Macher von Torfabrik uns dieses mehr als enttäuschende 1 zu 2 als “Sieg” verkaufen wollten. Das nach diesem Spieltag die Situation sehrwohl deutschlich schlechter geworden und somit uns das Wasser nun noch mehr bis zum Hals steht, hat kaum einer bemerkt.

    Von mir Daumen hoch, zumindest ein paar Fans glauben nicht alles was man ihnen erzählt, vielleicht sind die Macher von Torfabrik auch mittlerweile zu nah dran am Verein…

  2. Lieber Jannik,
    ein wunderbar raffinierter Text und so wahr.
    Danke für deine tollen Ideen und Wortspiele.
    Hoffen wir das beste…. Vielleicht bist du ja der Joker für die letzten vier Spiel :-)

  3. Hallo zusammmen,

    abgesehen von den Spielzeiten in der 2.Liga spielen wir doch seit 12 Jahren immer gegen den Abstieg. Entweder passiert das mit Absicht, damit das Stadion auch immer schön voll ist. Oder die Verantwortlichen sind wirklich so was von unfähig eine halbwegs bundesligataugliche Manschaft zusammem zustellen. Ich befürchte, dass sich daran auch nichts ändern wird solange ein Herr “Sonnenkönig” hier den Hauptmann spielt. Unser Jahrhundertspieler Wilfried Hannes hat sich in der RP über die Borussia geäußert. Ebenso ein gewisser Bernd Kraus. Treffender habe ich in letzter Zeit keine Kommentare gelesen.

    Nach den letzten Leistungen in den Heimspielen gegen Bochum und Bielefeld frage ich: was sollte Hoffnung geben ausgerechnet die nächsten Soiele zu gewinnen?

    Bis Samstag

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