Armer Anekdotenreichtum

Der Fußball lebt von seinen Legenden. Doch so manche Anekdote wird fahrlässig überstrapaziert. In Hamburg wird man derweil andere Probleme haben – eine der besten Spielzeiten seit Jahrzehnten steht vor einem unrühmlichen Ausgang.

Niemand darf mehr die Unterkante der Latte treffen, kein Ball darf auf die Linie titschen, ohne dass Erinnerungen ans „Wembley-Tor” geweckt werden. Kein Fallrückzieher ohne Klaus Fischer, kein Hinterkopfball ohne Uwe Seeler, kein Torwart, der eine Weltklasse-Leistung auf den Platz zaubert, ohne als „Titan” zu gelten.

Logisch ist es deshalb auch, dass kein Trainer dieser Welt nach einem großen Erfolg über den Platz schlendern darf, so ganz ohne Begleitung, mit weniger als 2 km/h. Beim Bundespatentamt liegt für diesen Fall eine Mappe mit der Aufschrift „Beckenbauer, Franz” im Aktenschrank. Der Anekdotenreichtum des Fußballs ist schier unerschöpflich und in der Regel sind wir ja auch dankbar für Momente, die Reminiszenzen an Sternstunden dieses Sports wecken.

Doch wenn Thomas Schaaf über den Rasen in Hamburg marschiert (keineswegs schlendernd und gedankenverloren wie Beckenbauer in Rom 1990), sich auf dem Weg zum Premiere-Interview befindet und ausgerechnet Patentinhaber B. neben Moderator W. steht, dann darf die Anekdotenkiste gerne geschlossen bleiben. Vor allen Dingen wird selbst in der häufig so aufgesetzten Welt des Fußballs niemand so unauthentisch sein und sich nach dem Einzug ins Uefa-Cup-Finale denken: „So, jetzt noch schnell ‚den Beckenbauer machen‘ und dann ans Buffet”.

Die vom DFB anerkannte Parodistenschule steht bekanntlich in Gelsenkirchen.

PS:

Die Entscheidung in der ultimativen Bundesliga-Fünfjahreswertung fällt tatsächlich erst im Endspiel. Bremen benötigt einen Zähler, um den derzeit punktgleichen HSV hinter sich zu lassen. In Hamburg ist man also nicht nur in Liga, Pokal und Uefa-Cup zum Zuschauen verdammt.

Eine der besten Spielzeiten seit Jahrzehnten, mit Titelchancen in – zählt man diesen hier mit – vier Wettbewerben, könnte sich am Ende ganz unspektakulär in den Annalen verewigen: kein Titel, Quali fürs internationale Geschäft. Alles nordisch-nüchtern. (Positive) Legendenbildung sieht anders aus in Hamburg, wo man neuerdings bei fliegenden Papierkugeln Schreikrämpfe, Bluthochdruck und Schüttelfrost bekommt.

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08. Mai 2009 von Jannik Sorgatz
Kategorien: Einwurf, TV, Radio, Print & Internet | Schlagwörter: , , , | 2 Kommentare

Kommentare (2)

  1. “kein Titel, Quali fürs internationale Geschäft. Alles nordisch-nüchtern.”

    Die Saison könnte für Werder, den offiziellen Nachfolger des HSV für das “kann jetzt noch x Titel gewinnen”-Geschreibsel der Presse (ist keine Kritik an Dir Jannik, hat mich in den letzten Wochen bloß extrem genervt), auch mit

    kein Titel, keine (!) Quali fürs internationale Geschäft. Alles nordisch-nüchtern.

    enden. Ebenso wie übrigens auch für den HSV. Aber aus Bremer Sicht sollte man Donezk besser nicht unterschätzen und für Leverkusen ist der DFB-Pokal ja auch der sprichwörtliche Strohhalm fürs internationale Geschäft.

  2. Da muss ich dir einerseits Recht geben. Nur noch kann Werder die schlechteste Saison seit weiß nich wie vielen Jahren retten und praktisch zu einer der erfolgsreichsten der Vereinsgeschichte machen. Der HSV nicht mehr. Über Werders leere Hände kann ich dann schreiben, wenn es so weit sein sollte, dass sie beide Endspiele verlieren;)

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