Statistik-Zusammenklauben 08/09 – der Meister

Trainer Baade hat am vergangenen Wochenende den ehrwürdigen Titel des “größten Statistik-Zusammenklaubers, seit es Zivildienstleistende gibt” an meine Adresse verschickt. Diskussionsgegenstand damals: Das Wolfsburger Sturmduo. Heute gratis dazu: Erleichterte Hundertjährige und bedeutungsschwangere “Meister-Macher”.

Dass Dzeko und Grafite die Herren Müller und Hoeneß als treffsicherstes Duo der Bundesliga-Geschichte abgelöst haben, dürfte jedem, der gestern nur für ein paar Sekunden ein halbes Auge und bestenfalls ein ganzes Ohr auf einen Fernseher geworfen hat, nicht entgangen sein. Der “Bomber” und die “Systolische 180″ trafen in der Saison 71/72 zusammen 53-mal, wenn auch um ein Vielfaches unausgewogener auf vier Schultern verteilt (Müller 40, Hoeneß 13).

Da Mario Gomez sich gestern zurückgehalten und zeitweise in Nationalmannschaftsform präsentiert hat, fallen “Dzefite” bzw. “Grafeko” auch die ersten beiden Plätze in der Torjägerliste zu. Ohne das Dazwischenfunken anderer Spieler hat es das in 46 Jahren Bundesliga noch nie gegeben. Vor dreizehn Jahren sicherte sich Fredi Bobic mit 17 Treffern die Torjägerkrone. Auf Platz zwei: Sturmpartner Giovane Elber, gemeinsam mit Sean Dundee und Jürgen Klinsmann. Hätte Elber einmal häufiger getroffen, wäre er mit Bobic zusammen auf dem ersten Rang gelandet – die “Krone” hätten sich zum ersten und bislang einzigen Mal zwei Spieler einer Mannschaft teilen müssen.

Grafite ist mit seinem 28 Toren der beste Top-Torjäger seit 28 Jahren. 1980/81 traf Kalle Rummenigge 29-mal, Ailton gelangen vor fünf Jahren ebenfalls 28 Treffer. Wolfsburgs Nummer 23 hat sich die Krone zudem als vierter Brasilianer nach seinen Landsleuten Amoroso, Elber und Ailton gesichert. Die Quote von 1,12 Toren pro Einsatz ist absolut Gerd-Müller-würdig.

Nach einer Spielzeit geht man ja traditionell eine Liste mit so genannten Meister-Kriterien durch. Für den VfL Wolfburg ergibt sich demnach folgendes Bild:

Wenigste Niederlagen (84% aller Meister von ’64-’08): nein (7; Dortmund 5)
Meiste Siege (82%): ja (21)
Beste Hinrunde (69%): nein (9.; Herbstmeister Hoffenheim 7.)
Beste Auswärtsmannschaft (62%): nein (8.; FC Bayern 1.)
Wenigste Gegentore (58%): nein (41; Schalke 35)
Beste Rückrunde (49%): ja (43/51 Pkt.)
Beste Heimmannschaft (44%): ja (49/51 Pkt.)
Meiste Tore (42%): ja (80 Tore)

Vier von acht “Meister-Machern” hat der VfL demnach für sich entschieden, jedoch nur einen der wichtigsten fünf. In einer Saison, in der der Hinrunde-Neunte Meister wird, der Hinrunden-Zehnte in die Champions-League-Quali einzieht und der Herbstmeister auf Platz sieben fällt, gewinnt das Kriterium “Beste Rückrunde” jedoch gehörig an Bedeutung. Auch die Heimbilanz wird durch die Tatsache aufgewertet, dass die ersten Fünf in der Heimtabelle die ersten fünf Plätze im Gesamttableau ebenfalls unter sich ausgemacht haben.

Wolfsburg stellt übrigens den ersten neuen Bundesligameister seit 1995, als Borussia Dortmund seinen ersten Titel seit der Ligagründung holte. Und erstmals seit Borussia Mönchengladbach im Jahre 1970 feiert eine Stadt ihren erste Meistertitel überhaupt. Sprich, in den letzten 39 Jahren hat irgendein ein Fan, der bereits Anfang des 20. Jahrhunderts das Licht der Welt erblickte, stets behaupten können: “XY ist Meister? Das gab’s doch schonmal!”.

Da das Erinnerungsvermögen der Jahrgänge 1903 und älter nicht ewig währen wird, kommt das Ende dieser Serie einigen Bewohnern deutscher Altenheime wohl ganz recht. Ob dies auch auf die Rezeption des Wolfsburger Meistertitels im Allgemeinen zutrifft, darüber scheiden sich bekanntlich die Geister. Zumindest all jene, die nicht von sportlichen oder journalistischen Codices ihrer Arbeitgeber zu höflichen Glückwunschbekunden verpflichtet werden.

24. Mai 2009 von Jannik Sorgatz
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