Willkommen im Klub (2/2)

Warum die TSG 1899 Hoffenheim auf dem besten Weg ist, zum neuen Hassobjekt des deutschen Fußballs aufzusteigen. Warum dabei keinerlei Neid im Spiel ist und ein Elch im Kraichgau als Sinnbild für einen Fußballverein herhalten muss, den keiner braucht. Teil 2

Dietmar Hopp spült nicht erst seit letztem Sommer gehörige Geldsummen in die Kassen des Vereins. Doch wer seinen Kopf einmal genauer in der Hoffenheimer Fluktuation der letzten Jahre vergräbt, dem wird auffallen, dass sich dort ein Wandel vollzogen hat. 2001 führte der Weg der TSG in die Regionalliga, die damals gerade erst ein Jahr bahnbrechender und unprovinzieller Zweigleisigkeit hinter sich gebracht hatte.

Zweieinhalb Jahre später schaffte man die Sensation im DFB-Pokal und zog durch einen 3:2-Sieg gegen Bayer Leverkusen ins Viertelfinale ein, wo gegen den VfB Lübeck erst einmal Endstation war. Stefan Sieger, Heiko Throm und Kai Herdling lauteten die illustren Namen der Torschützen an diesem Abend. Ein gewisser Christian Möckel, den es nach einer schweren Knieverletzung vom 1.FC Nürnberg in den Kraichgau verschlagen hatte, gehörte 2003 noch zu den arriviertesten Namen im Hopp’schen Imperium, das an diesen Tagen noch jede Menge provinziellen Charme versprühte. Von den jungen deutschen Talenten hat sich bis heute eigentlich nur Martin Lanig aus Fürth Lorbeeren im Profifußball verdient.

Die Spieler aus der Zeit, die scheinbar biblisch lang zurückliegt, taugten damals allenfalls zu regionalen Heroen. Ihr sportlicher Ursprung fand sich in Bammental, Zuzenhausen oder Kirchheim. Keine Spur von den klangvollen Namen gestandener Bundesligaprofis und Supertalenten aus Brasilien. Noch im Jahr 2005, ein Jahr vor Beginn der Ära Rangnick, zählte der Hoffenheimer Kader ganze drei Ausländer – den Türken Gülbas aus Pforzheim, den Serben Paljic mit fußballerischen Wurzeln in Laupheim und einen Schweizer namens Zukic. Heute trägt jeder Zweite dort einen ausländischen Pass mit sich. Bosnien, Nigeria, Ghana, Schweden oder Brasilien sind ihre Heimatländer. Ohnehin haben nur sieben der 28 Spieler im derzeitigen Kader die Zeit vor Ralf Rangnick im blau-weißen Trikot von 1899 erlebt. Und die liegt nicht einmal zwei Jahre zurück.


Die TSG Hoffenheim hat einen langen Weg zurückgelegt. Als die Mauer fiel, als BRD und DDR sich vereinten, da kickte der Provinzklub aus Nordwest-Baden-Württemberg noch in den Tiefen der Kreisliga. Nach dem Aufstieg in die siebthöchste Klasse, die Bezirksliga, war man anscheinend langsam auf den Geschmack gekommen. Es folgte der Durchmarsch in die Landesliga im Jahr 1992. Die nächsten acht Jahre bis zur Jahrtausendwende verliefen überraschend ereignis- und vor allen Dingen aufstiegslos. Je vier Saisons in der Landes- und der Verbandsliga, aber dann ging es wieder los. Als vier Regionalligen zu Beginn des dritten Jahrtausend zu zweien verschmolzen, gelang der TSG der Sprung in die Oberliga. Es folgte der zweite Doppelaufstieg nach 1992.

In Anbetracht der Tatsache, wie lange Hoffenheim sich schon einen Namen als dörflicher Mäzen-Klub macht, erscheinen sechs Spielzeiten am Rande des Vollprofitums in der Regionalliga in geradezu epischer Länge. Häufig war man nah dran. Meist dümpelte das Konstrukt aus einheimischen Nachwuchsspielern und namenslosen Regional-Kicker beachtlich zwischen Rang drei und sieben. Doch der Sprung ins Profibecken der zweiten Liga blieb aus.

Ende der Saison 2005/2006 hatte Dietmar Hopp scheinbar die Nase voll. Kurzerhand wurde der geschasste Schalke-Coach Rangnick verpflichtet – nicht nur als „Fußball-Professor“ bekannt, sondern auch als Diplom-Durchmarsch-Helfer (1999 führte er den SSV Ulm sensationell von Liga Drei in die Bundesliga). Mit ihm kamen Leute wie Denis Lapaczinski (früher eines der größten Talente des deutschen Fußballs), Zsolt Löw und Sejad Salihovic, die bereits über Bundesligaerfahrung verfügten. Im Laufe der Saison gesellte sich mit Francisco Copado ein ehemaliger Torschützenkönig aus Liga Zwei dazu.

Dass ein einst hoch gehandelter Mann wie Denis Lapaczinski derweil ein trauriges Dasein in der Oberliga-Truppe Hoffenheims fristet, zeugt davon, in welche Sphären sich die Transferpolitik und der Anspruch von Hopp, Rangnick und Co. innerhalb kurzer Zeit begeben haben. Die Summe von zwanzig Millionen Euro, die seit letztem Sommer für neue Spieler in die Welt gesetzt wurde, verursacht allerorten noch immer Augenreiben und Kopfschütteln zugleich. Dabei ist Dietmar Hopp wohl alles andere als ein Abramowitsch-Verschnitt, der hinter Panzerglas und mit Pelz tragenden russischen Topmodels in den Logen des FC Chelsea weilt.

Man sieht ihm seine Milliarden nicht an. Hopp spielt sich nicht noch mehr in den Mittelpunkt als es ohnehin schon der Fall ist. Man möchte ihn fast sympathisch finden, vielleicht tut man es sogar innerlich, aber dafür hat er sich einfach die falsche Nebenbeschäftigung ausgesucht. Dass Erfolg eine Ware ist, die für einen bestimmten Preis auch im Sport zugänglich wird, hat er mittlerweile bewiesen. Hoffenheim wird nächstes Jahr wohl Bundesliga spielen – gegen Bayer, Bremen und Schalke. Pfullendorf, Elversberg und Ingolstadt adé. Derzeit fallen keinerlei Gründe ins Auge, die hoffen lassen, dass Hoffenheims Weg (warum muss nur das Verb „hoffen“ in diesem Dorfnamen stecken?) bald zu Ende ist, dass sich der Verein irgendwo im Mittelfeld der Liga einpendeln und auf spartanische Bescheidenheit anstelle von gierigem Größenwahnsinn besinnen wird. Das ganze Unternehmen würde einfach keinen Sinn machen.

Hoffenheim wird in einigen Jahren alles haben, nur eines nicht: Tradition. Damit steigen sie zwangsläufig zum Magnetfeld des Unmutes auf. Denn selbst dem FC Bayern kann man vielleicht alle gutmenschlichen Eigenschaften absprechen, nur eben seine Tradition nicht. Somit erscheint Maskottchen „Hoffi“ geradezu als Sinnbild für das Scheitern, zu dem der Klub verdammt ist, obwohl ihm unter Umständen in der Zukunft der Makrokosmos „deutscher Fußball“ gehören könnte (was davon abhängt, wie weit Hopp zu gehen wagt).

Hoffi ist ein Elch. Aufgrund der begrenzten Verbreitung dieser Tierart in der Kraichgauer Fauna kann man das durchaus als lachhaft bezeichnen. Satiriker werden diese Wahl allein damit begründen, dass Hoffenheim so beliebt sein dürfte wie einst die Mercedes A-Klasse in ihren Anfängen, nachdem sie dem Elchtest in apokalyptischer Manier zum Opfer gefallen war.

Wir haben Fohlen, Dinos, Bergarbeiter, Wölfe, Bären – im Prinzip schon alles – in deutschen Stadien gesehen. Sie alle haben eines gemeinsam: Entweder haben sie ihr zuhause im Vereinswappen der jeweiligen Stadt, halten als Namensgeber für den Spitznamen des Vereins her oder stiften aus lokalen Gründen Identifikation. „Jünter“ ist nach Gladbachs Idol Günther Netzer benannt, „Hermann“ nach Hamburgs legendärem Masseur mit dem Nachnamen Rieger und Stuttgarts „Fritzle“ heißt so, weil sein Namensvetter Fritz Walter von 1987-1994 einhundert Treffer für den VfB erzielte. Hoffenheims Suche nach einem passenden Identifikationsobjekt in übergroßer Plüschtierform könnte man das Prädikat “gescheitert” verleihen.

In Hoffenheim selbst wird’s wahrscheinlich niemanden kümmern. Nicht einmal 6000 Seelen pilgern alle zwei Wochen ins Dietmar-Hopp-Stadion, das „Schmuckkästchen“ mit Sportplatzcharakter. Wobei „pilgern“ die Sache ohnehin suboptimal umschreibt. Darunter stelle ich mir mitunter etwas anderes vor. Demnach begrüßt man in Hoffenheim zu Heimspielen ein Viertel der Fanschar, die sich beim BVB traditionell auf der Südtribüne einfindet.
Das neue Stadion, das bis Anfang 2009 direkt an der A6 in Sinsheim fertig gestellt werden soll, verdient die Bezeichnung „Schmuckkästchen“ schon eher. Bleibt nur die Frage zu beantworten, wo Hoffenheim bis dahin 30000 Zuschauer auftreiben soll, die die Arena dann alle 14 Tage füllen werden.

Den Heidelbergern fehlt zwar ein großer Verein, an den sie ihr Fußballherz verschenkt haben. Mannheim ist fußballerisch mit der Talfahrt von Aushängeschild Waldhof zwar ziemlich geschädigt. Die eingefleischten Fans wird die TSG Hoffenheim jedoch kaum von dort weglotsen können. Restbaden gehört dem KSC, dahinter beginnt das Revier des VfB Stuttgart. Weiter im Süden hat der SC Freiburg seine regionale Anhängerschaft. Die Meisterfeier 2018 könnte demnach vor halbwegs leeren Rängen stattfinden.

11Freunde vertreibt seit geraumer Zeit die T-Shirt-Serie „Fab Four“, in der je vier Idole eines Vereins gemeinsam auf einem Dress gewürdigt werden, das in den Vereinsfarben gehalten ist. So ziemlich jeder Verein, der in Deutschland auf eine Fangemeinde zurückgreifen kann, die die des VfL Wolfsburg übertrifft, hat ein eigenes. Aus zunächst unerklärlichen Gründen sogar die TSG Hoffenheim. Mit einem gravierenden Unterschied: der Platz zwischen den Et-Zeichen (&) bleibt diesmal leer. Großartig!

Auch die Widerstandfähigkeit eines Sascha Rösler spendet Hoffnung. Kein Geld der Welt konnte ihn von Aachen nach Hoffenheim locken. Er ging nach Gladbach, zum fünfmaligen deutschen Meister, um dort bei einem ambitionierten Traditionsklub vor im Schnitt knapp 40000 Zuschauern zu spielen. Geld kann Gott sei Dank nicht alles erreichen. Sein Teamkollege Sedad Ibisevic bekam dagegen weiche Knie. Er stürmt nun für mehr Geld vor weniger Zuschauern mit weniger Zufriedenheit.

Geld schießt mitunter und entgegen aller Behauptungen zwar Tore, wie Hoffenheim selbst beweist, genauso wie Ribéry, Klose und Toni bei den Bayern es tun. Aber Geld wird nie Tradition, Herzblut und Leidenschaft, alles, was irgendwie mit steigendem Puls, Aufopferung und Treue zutun hat, dahin verfrachten können, wo auf Gras Kühe weiden und keine Fußballer grätschen. Sprich, Geld kann nicht alles kaufen.
Nur fast. Es könnte ein Trost sein.

Teil 1

30. März 2008 von Jannik Sorgatz
Kategorien: Einwurf, Innenrist | Schreibe einen Kommentar

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