Dupli-, Tripli- und Quadruplikate

Premiere verkündet vollmundig das “spannendste Saisonfinale aller Zeiten”: Reines Kalkül oder ein Superlativ mit Berechtigung? Ein Ausflug in die Bundesliga-Geschichte sorgt für Klarheit.

Der Osten stand unter Wasser, die Jahrhundertwende lag gerade erst hinter uns und dennoch waren sich alle bereits sicher: dies musste eine, wenn nicht gar die ”Jahrhundertflut” sein. Tatsächlich ist das Hochwasser von 2002 bis heute, sieben Jahre danach, nicht übertroffen worden (was auch alles andere als erstrebenswert wäre). Noch 91 Jahre müssen vergehen, bis sich eindeutig sagen lässt: jawoll, ihr hattet damals Recht, diese Flut ist und bleibt das Verheerendste, was wir in Deutschland im 21. Jahrhundert erlebt haben.

Sonst so bescheiden und gerade in den Augen unserer Nachbarn eher schwer zu euphorisieren, fällt es uns Deutschen augenscheinlich dennoch leicht, mit Superlativen à la “Jahrhundert-XY” rauszurücken. Selbst das “aller Zeiten” geht uns verhältnismäßig ungehemmt über die Lippen.

Vorreiter des um sich greifenden Superlativismus ist in Sachen Fußball zweifellos Premiere. Sicherlich nicht nur aus emotionalen Gründen. Denn die “härteste Zweite Liga aller Zeiten” und ein Bundesliga-Finale, wie es die Geschichte noch nicht gesehen hat, rühren die Werbetrommel weitaus effektiver als “Gurkenkicks zwischen Wehen und Ingolstadt, jetzt zweimal pro Woche in der Wiederholung” oder “Überholt Hannover noch den Effzeh?”. (Von Premieres Großzügigkeit, Neuabonnenten die Gebühren bis August, also die gesamte fußballfreie Zeit über, zu bezahlen, wollen wir jetzt gar nicht erst reden.)

Derzeit spricht man beim Pay-TV-Sender also vom “spannendsten Saisonfinale aller Zeiten” – was die Frage aufwirft, ob es ein derartiges Kopf-an-Kopf-Rennen an beiden Enden der Tabelle in 46 Jahren Bundesliga wirklich noch nie gegeben hat. Natürlich ist es schwierig, emotional geprägte Begriffe wie “Spannung” oder “Klasse” objektiv zu vergleichen. Zahlen sind in diesem Fall der hilfreichste Gradmesser. Denn niemand wird wohl die ersten 45 Saisonfinals noch haargenau vor Augen und im Gedächtnis parat haben.

engste-spielzeiten3Die nebenstehende Grafik zeigt die Punkteabstände zwischen dem 1. und 4. jeweils nach dem 31. Spieltag an, außerdem die Kluft zwischen dem 14. und 17. der Tabelle zum selben Zeitpunkt. In einigen Spielzeiten, in denen entweder mehr oder weniger als 18 Mannschaften in der Bundesliga spielten, musste natürlich improvisiert werden. Für die Saison 91/92 mit insgesamt 20 Vereinen ist also das Bild nach dem 35. Spieltag relevant. In den Anfangsjahren mit 16 Mannschaften floss der Abstand zwischen 12 und 15 in die Wertung ein. Alle Abstände sind zudem auf die Drei-Punkte-Regel umgerechnet.

Objektiv betrachtet lässt sich demnach sagen: Premiere ködert keine Kunden mit leichtfertig in die Welt gesetzten Superlativen, sondern es besteht tatsächlich die Aussicht auf das “spannendste Saisonfinale aller Zeiten”. 08/09 setzt oben wie unten neue Maßstäbe. Sicherlich kann sich die Spannung im Nu um ein Vielfaches verringern, falls zwei Mannschaften im Keller bzw. an der Spitze plötzlich eine Serie starten und der Rest auf der Stelle tritt. Aus Vierkämpfen kann so ganz schnell ein Duell werden.

Zum Beispiel betrug der Abstand zwischen dem Ersten und Fünften nach dem 31. Spieltag der Saison 2000/2001 gerade einmal vier Zähler. Prompt holten Dortmund, Leverkusen und Berlin am darauffolgenden Spieltag insgesamt nur einen Punkt. Das Titelrennen konzentrierte sich plötzlich ganz auf die Bayern und Schalke – mit allseits bekanntem Ausgang.

Alleine die DFL dürfte dem Szenario eines Saisonfinales mit je vier Mannschaften, die Meister werden oder noch absteigen können, mit Schrecken entgehensehen. Wenigstens treffen am letzten Spieltag die Bayern und der VfB aufeinander – ansonsten hätte man wohl in insgesamt vier Stadien Exemplare der Meisterschale platzieren müssen. Also nicht nicht nur ein Duplikat für den aktuellen Zweiten, sondern auch Tripli-, wenn nicht gar Quadruplikate (falls es das überhaupt gibt) für die anderen Kandidaten.

Dass einer der vorderen Vier vor dem letzten Spieltag aus dem Meisterrennen ausscheidet, erscheint nach derzeitigem Stand höchst unwahrscheinlich. Es gibt Jahre, in denen man sich regelrecht ärgern muss, dass man die letzten 270 Minuten der Saison im Stadion verbringt und womöglich Historisches vor dem Fernseher verpasst. Da tröstet einen nur die Aussicht, der Geschichtsschreibung womöglich selbst beizuwohnen.
 

Die Abstände an der Spitze und im Tabellenkeller über die Jahre:
Durchschnitt oben: 10,5
Durchschnitt unten: 7,0
Durchschnitt insgesamt: 17,2

Die engsten Jahre oben wie unten:
1. 2009: 2+1=3 Pkt.
2. 1967: 3+4=7 Pkt.
3. 1992: 6+2=8 Pkt.
4. 2001: 3+5=8 Pkt.
5. 1965: 6+5=11 Pkt.
5. 1989: 8+3=11 Pkt.

Die engsten Jahre oben:
1. 2009: 2 Pkt.
2. 1967: 3 Pkt.
2. 1984: 3 Pkt.
2. 2001: 3 Pkt.
5. 1968: 5 Pkt.
5. 1982: 5 Pkt.

Die engsten Jahre unten:
1. 2009: 1 Pkt.
2. 1992: 2 Pkt.
2. 1969: 2 Pkt.
2. 1970: 2 Pkt.
5. 1989: 3 Pkt.
5. 1974: 3 Pkt.
5. 2004: 3 Pkt.

11. Mai 2009 von Jannik Sorgatz
Kategorien: Innenrist, Zahlen, bitte | Schlagwörter: , , , | 9 Kommentare

Kommentare (9)

  1. Ja, ganz seriöse Journalisten sind das bei Premiere…

    Ernsthaft: Danke, sehr interessant – wobei ich mich Frage, ob regelmäßige Abstände von mehr als 15 Punkten, auch in diesem Jahrzehnt, die These von der (viel gepriesenen) Ausgeglichenheit der Liga stützen können.

  2. Was das Titelrennen angeht, lag die Schuld ja zumeist bei den Bayern. Guck’ gerade mal… für 6 der 7 größten Abstände an der Spitze war der Rekordmeister verantwortlich.

    Im Keller dagegen nur drei zweistellige Werte in den letzten 22 Jahren. Aber gerade da unten ist Ausgeglichenheit ja nicht unbedingt ein Qualitätsmerkmal;)

  3. Pingback: links for 2009-05-12 | Du Gehst Niemals Allein

  4. Ok, danke.

  5. in italien, spanien unf england kennen die meisterschaftsentscheidungen am letzten spieltag seit einigen jahren nicht mehr – die duplikate dort sind bestimmt schon eingerostet

  6. Und wenn doch eins benötigt wird, gibt’s bestimmt eine Papptrophäe bei der nächsten Tankstelle für 5,99. Zur Not tut’s Alufolie, dann muss der Verbandspräsident eben etwas basteln.

  7. @jannik

    Nicht doch, nicht noch basteln oder dran rumpfuschen. Aus der Ladentheke frisch auf den Tisch. Und nicht die beiden leckeren und höchstesn schon 15 Stunden in der Celophantüte in sich ruhenden Croissants zum Preis von einem dabei vergessen. So kann man doch ganz leicht nebenbei Gesellschaften wie Aral als neuen Ligasponsor für die Meisterschale gewinnen.

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