Mission 40/32: …in Heiserkeit. Amen

Gladbach kopiert sich selbst beim 1:0 in Cottbus und kann am Samstag gegen Leverkusen bereits den Klassenerhalt klar machen. Warum eine grüne Ampel es geahnt hat, Cottbus an allen Fronten gegen den Abstieg kämpft und Alcatraz mit der Zunge schnalzen würde.

grune-brille1
Ich hatte mir vorgenommen, tolerant zu sein, zumindest aber neutral. Ich wollte vielleicht sogar Dinge schön finden und davon berichten, obwohl daran im Grunde gar nichts schön zu finden ist. Doch dann kam Cottbus in all seiner Pracht, live und in Farbe.

Die Bordsteine moosbewachsenen, rissig, irgendwie bulgarisch. Die Hochhäuser nicht einmal hoch, sondern nur suboptimal in Stand gehalten. Die ersten Straßenzüge von Cottbus, die am Autofenster vorbeiziehen wie die Szenerie eine Ostalgie-Films, erinnern mich an Varna in Bulgarien. „Wo bin ich gelandet, wo geht’s hier raus?”, waren damals im Sommerurlaub meine ersten Gedanken, die zum Glück die letzten negativen dieser Art waren. Zum Glück für Cottbus bessert sich das Bild diesmal auch von Kilometer zu Kilometer, den ich mich dem Stadtzentrum nähere.

In der Innenstadt habe ich dann erstmals das Gefühl, dass der Solidaritätszuschlag hier und da sinnvoll investiert worden ist. Man kennt die Mär von den Straßen im Osten, die ihre Pendants im Westen alt aussehen lassen. Ich muss feststellen: Die Mär ist gar keine Mär, es stimmt. Und der Sozialismus lebt wohl doch nicht mehr. Zumindest sind McDonald’s, Burger King und Subway – die Muttermale des Kapitalismus – bis in die Lausitz vorgedrungen. Zudem hat man Cottbus, wie so manch anderer Stadt in der ehemaligen DDR, ein Einkaufszentrum geschenkt. Was in Amerika Mall heißt, nennt sich hier Carré. Auch wenn es an einigen Orten den Anschein hat, die Stadt ist keineswegs tot.

Aktuell kämpft Cottbus jedoch um den Status einer Großstadt wie der heimische Fußballverein um den Klassenerhalt. Mal überm Strich, mal unterm Strich – die Bürokratie kennt nur leider keine Relegation. Rein demografisch droht fürs Erste die Zweitklassigkeit. In sportlicher Hinsicht wird das Spiel am Abend mehr als nur wegweisend sein.

Unterwegs als niederrheinische Exklave in Ost-Deutschland

Es ist 16 Uhr, als ich mit meinem Bruder im Hotel einchecke. Im Prinzip ist mein Bruder meine Rettung gewesen, der Grund, warum ich es überhaupt bis nach Cottbus geschafft habe. Meine Eltern oder Nils konnten nicht, irgendjemand anders wollte nicht, alleine auf die Reise einmal quer durch Deutschland ist auch nicht gerade der Renner – also war Kai am Ende mein letzter Strohhalm. Er ist 22 und hat das Down-Syndrom. Von daher ist eine Auswärtsreise nach Cottbus natürlich kein Hindernis, aber immerhin eine Herausforderung.

Was sich der Mann an der Rezeption gedacht haben wird, weiß ich nicht. Ein junger Mann – rheinischer Akzent, groß gewachsen – checkt mit einem kleineren, aber älter aussehenden Behinderten in ein 4-Sterne-Hotel in der Cottbusser Innenstadt ein, das jedoch nicht der Renner sein kann, wenn eine Übernachtung im Doppelzimmer für 51 Euro zu haben ist (wobei sich der Rezeptionist den Teil mit den 51 Euro sicherlich gespart haben wird). Aber die Reise steht ja ohnehin unter dem Motto: Drei Punkte und weg. Dass es wirklich so kommen könnte, steht zu diesem Zeitpunkt noch in den Sternen. Und im Prinzip ist es nur die Einstellung, dass man für 686 Kilometer Anreise auch irgendwie entlohnt werden muss, die mich tatsächlich an die Fleischwerdung eines Auswärtssieges glauben lässt.

Als wir um kurz vor sechs in voller Montur, grün wie die Hoffnung, majestätisch und siegessicher durch die Eingangshalle schreiten, dürfte dem Rezeptionisten wenigstens ein Licht aufgehen. Vor dem Hotel erblicken wir dann auch die ersten Mitreisenden aus der Heimat. Ein älteres Ehepaar präsentiert mit stolzgeschwellter Brust und Latte Macchiato in der Hand das „B” auf der Brust, so dass auch jeder der Passanten weiß, was Sache ist. Bis dahin habe ich mich eher wie eine wandelnde niederrheinische Exklave tief im Osten Deutschlands gefühlt. Aber es hat ganz den Anschein, als seien wir nicht alleine. Wolfsburger Verhältnisse sucht man auch bei diesem Auswärtsspiel vergeblich. Und selbst wenn viele keine zwei freien Tagen entbehren konnten und die weiteste Anreise der gesamten Saison gescheut haben, dann kann die Borussia zumindest auf ihr Fandepot im Osten bauen, wie sich später zeigen wird.

Der Fußweg zum Stadion der Freundschaft zieht sich. Vielleicht sollte man, mit einer ausgedruckten Wegbeschreibung in der Hand, auch nicht gleichgültig die Route ändern. Wer ganz gewieft ist, orientiert im Zweifelsfall an der Sonne. Wer Lust hat, fragt einfach nach dem Weg. Und wer Fußballfan ist? Der folgt einfach den Flutlichtmasten, bis er davor steht. Das Verschwinden der Flutlichtmasten aus der Fußballlandschaft kommt also einem Hund gleich, der seinen Geruchssinn verliert.

Kein Buttersäure-Alarm bei der Einlasskontrolle

„Aus wenig das beste gemacht” – so könnte ein Werbeslogan für die architektonische Effizienz des Cottbusser Stadions lauten, das sich diese Bezeichnung mittlerweile verdient und den Status einer moosbewachsenen Kampfbahn längst abgelegt hat. Vier Wände ergeben ein Haus, vier Tribünen ein Stadion. Bis zum Betreten desselbigen dauert es jedoch ein paar Momente. Energie nimmt es sehr genau mit den Einlasskontrollen – was jetzt ein Kompliment sein soll, wirklich. Ich war noch nie Gast im Borussia-Park, bin mir jedoch sicher, dass solch eine gründliche Leibesvisitation für Gästefans dort nicht gängig ist.

Meine Wegbeschreibung werde ich an dieser Stelle auch los – wegen „Brandgefahr”. Das Stadionheftchen scheint feuerfest zu sein, ansonsten wäre es sicherlich ein um ein Vielfaches besserer Brandbeschleuniger als zwei DinA4-Seiten Druckerpapier. Aber der Herr von der Security scheint nicht auf langwierige Diskussionen aus zu sein, bei denen er sowieso verlieren würde (nicht jedoch bei Disputen tätlicher Natur), also drücke ich ihm die Blätter in Hand. „Irgendwie werde ich ja schon zurückfinden”, verlasse mich blind darauf, dass das Hotel von Flutlichtmasten umringt ist.

Fast für jeden Bereich gibt es in Cottbus einen eigenen Kontrolleur. Nach der Hauptinventur geht es an die kleinen, potentiellen Verstecke. Mein Bruder will sein Portemonnaie zunächst nicht zeigen (was gegenüber Wildfremden nicht gerade eine schlechte Entscheidung ist), wird Gott sei Dank von der Zwei-Bein-Tonne mit Oberarmen wie Litfaßsäulen nicht sofort mit einem lebenslangen Stadionverbot belegt. Kleingeld, Autoschlüssel, Handy – alles darf letztendlich rein. Immerhin hat ein neues Modell vor einiger Zeit das alte 19,99-Handy abgelöst. Ansonsten wäre viel Überzeugungsarbeit nötig gewesen, um dem Kontrolleur weiszumachen, dass ich den unnützen Kasten wirklich nicht werfen werde.

Station drei ist für die Schuhe zuständig. ‚Du hast es so gewollt‘, denke ich mir und ziehe meine Treter bereitwillig aus. Kontrolleur III schlägt jedoch keinen Buttersäure-Alarm, sondern lässt mich gnädig passieren. Mein Bruder darf die Schuhe sogar anbehalten. Deshalb nur eine 1- für die Cottbusser Einlasskontrollen. Wer weiß, was ich nicht alles in seinen Sohlen hätte verstecken können: Vereinswimpel, Meisterschalen aus Pappe, ein tanzender Elvis mit Günter-Netzer-Bemalung fürs Armaturenbrett…

Im Inneren erhärtet sich schnell der Eindruck, dass Energie Cottbus noch nie am Seminar „Wie Architektur Gastfreundschaft symbolisiert” teilgenommen hat. Alcatraz würde angesichts dieser Trennung des Heim- und Gästeblocks mit der Zunge schnalzen, wenn es denn eine hätte: Doppelte Bezaunung, dazwischen ein Abschnitt, der dem Berliner Todesstreifen alle Ehre macht. Wer den ersten waghalsigen Schritt dennoch wagt, bekommt es zudem mit einem rüstigen Rentner zutun, der jedoch den Eindruck macht, als würde er nur den Käfig für Siegfrieds und Roys weiße Tiger präparieren. Ein Pfeiler im Sichtfeld und die verdeckte Anzeigetafel jenseits der Käfigbegrenzung runden das Bild zum Schluss gelungen ab.

Vor dem Spiel stellen die Gastgeber dann das Verb „vergraulen” musikalisch dar. Michael Hirte, seines Zeichens Supertalent aus der Potsdamer Fußgängerzone und der berühmteste Mundharmonikaspieler Deutschlands, hat „You’ll never walk alone” mit seinem Paradeinstrument eingespielt. Bleibt nur zu hoffen, dass weder eine englische Fernsehstation die Rechte an Cottbus gegen Gladbach erworben hat noch irgendjemand aus Liverpool das Spiel über einen chinesischen Bundesliga-Livestream verfolgt. Und wenn doch, dann hat er hoffentlich – genau wie ich – seine Zeit gebraucht, um das Lied zu erkennen.

Rüstige Rentner, Pfeiler, Michael Hirte – es riecht schon schwer nach Abstiegskampf, als ich die Startaufstellung „exklusiv” per SMS in die Heimat verschicke: „Bailly, Stalteri, Brouwers, Dante, Daems, Levels, Bradley, Galasek, Baumjohann, Matmour, Colautti – genaue Formation könnt ihr euch selber zusammenreimen”, gebe ich es frühzeitig auf, irgendeine Zahlenreihe zu bilden, deren Summe zehn ergibt. Vielleicht ist es ja gerade Gladbachs Stärke, zwischen 10-0-0 und 0-0-10 einfach alles im Programm zu haben. Dass der exklusive Aufstellungsservice einen Fehler enthält, merke ich erst später: Galasek muss „mit Rücken” passen, für ihn rückt Paauwe in die erste Elf. Naja.

“Auf der anderen Seite bringt es die Borussia fertig, in der ersten Hälfte weder einen erstligareifen noch überhaupt einen Angriff auf die Beine zu stellen.”

Kurz vor Anpfiff gehe ich noch einmal die Argumente für einen Auswärtssieg durch. Schon beim ersten bleibe ich hängen – es ist einfach zu überzeugend. Um kurz vor acht am Mittwochmorgen hat mir mein Vater eine SMS von wohltuender Schönheit geschickt: „ich hab die ampel gekriegt!”. Damit ist die Partie – aus Cottbusser Sicht – eigentlich gelaufen, bevor sie begonnen hat. „die ampel” ist seit geraumer Zeit das Gladbach-Orakel von der Bundesstraße 7. Grün steht für „gewinnen”. Letzten Sonntag gegen Schalke war sie zwar rot (was die These nach sich zieht, dass das Orakel nur samstags oder nur für Auswärtsspiele funktioniert). Aber ohnehin wird die unausgewogene Ampelschaltung für immer verhindern, dass die Borussia einmal einen einstelligen Tabellenplatz belegt. Die Grünphasen halten sich in Grenzen.

Auch auf dem Platz zieht das vereinstypische Grün den Kürzeren gegen die himmelblauen Auswärtsjerseys. Überhaupt tun sich beide Mannschaften zunächst schwer damit, sich zu ihrem Verein zu bekennen. Das Spiel trudelt gemächlich vor sich hin wie eine Flasche in der Niers. Wellengang macht sich rar in der Anfangsphase, die man getrost auf die ersten 45 Minuten ausdehnen könnte, ohne Nennenswertes vorzuenthalten. Bailly wird nach einer Ecke erstmals geprüft. Auf der anderen Seite bringt es die Borussia fertig, in der ersten Hälfte weder einen erstligareifen noch überhaupt einen Angriff auf die Beine zu stellen. Und für diese Feststellung ist nicht einmal Polemik vonnöten.

Zum zwölften Mal in dieser Saison geht Gladbach also mit einem Zu-Null in die Pause, darauf folgten bisher sechs Siege, vier Remis und nur eine Niederlage. Auch ein 0:0 (zum 6. Mal) spricht zumindest für einen Punktgewinn (vor Cottbus: 2-2-1). Falls Hans Meyer genau auf diesen Schlüssel gesetzt hat, dann ist es gewiss keine falsche Entscheidung gewesen, die erste Hälfte eher abwartend und passiv/destruktiv zu bestreiten.

Dementsprechend agil kommt der VfL aus der Kabine. Womöglich hat ihnen jemand die frohe Kunde von den Zwischenständen auf den anderen Plätzen übermittelt: Die Konkurrenz liegt zur Pause geschlossen zurück. Wen das nicht beflügelt, der ist ein Fisch. Trotzdem muss Cottbus den Ball beinahe ins eigene Tor befördern, um das Gladbacher Chancenkonto aus dem roten Zahlen zu katapultieren.

Daraufhin hat es langsam den Anschein, als würden die Borussen realisieren, was für einen Riesenschritt sie mit einem Dreier in Cottbus machen könnten. Angst vor der eigenen Courage lässt sich erst einmal nicht blicken. Stattdessen hat Matmour mit der ersten richtigen, selbst produzierten Torchance gleich die Führung auf dem Fuß. Nach einem Pass vom stärker werdenden Baumjohann umkurvt er Keeper Tremmel. Sein Versuch, den Ball aus spitzem Winkel ins leere Tor zu befördern ist dann jedoch in etwa so entschlossen wie ein Neuwähler, der abwägt, ob er zur Europawahl gehen soll.

Kurz darauf muss Colautti den Ball ebenfalls nur noch an Tremmel vorbei ins Tor bugsieren. Doch auch beim Israeli macht sich die gerade beschriebene Politikverdrossenheit breit. Zwei Torschüsse mit Torerfolg hintereinander – vielleicht wäre das nach zuvor 18 Fehlversuchen auch zu viel des Guten gewesen. Jedenfalls ist der Gästeblock nach zwei gelungenen Aktionen so da wie Heiligabend am 24. Dezember. „Vau-Eff-Ell” prasselt es von nun an im 30-Sekunden-Takt platzregenartig von den Rängen. Zweitausendzweihundert Borussen wollen den großen Schritt in Richtung Klassenerhalt machen und elf auf dem Rasen machen nun endlich den Eindruck, als wollten sie ihnen folgen.

Doch in der Folge hat der Offensivdrang beider Mannschaften erneut Prostatabeschwerden. Beide wissen, dass sie müssen, wollen auch, können jedoch anscheinend nicht. In einer Aktion muss Bailly Kopf und Kragen riskieren, weil Daems den Ball viel zu lässig zurück passt. Ansonsten sorgen bestenfalls die Abwürfe und -schläge des Gladbacher Keepers für Lichtblicke in einem fußballarmen Spiel. Aber wen interessiert schon Qualität, wenn es um alles geht.

Duplizität der Ereignisse – wenn sich Ekstase wiederholt

Fünf Minuten vor Schluss – Marin ist längst im Spiel und hat so gut wie nichts bewirkt – übertüncht die Angst vor einem späten Gegentor langsam die Hoffnung auf eine Wiederholung der Ekstase vom letzten Sonntag. Was wohl vor allem daran liegt, dass man sich aufs Jubeln nicht vorbereiten muss, um es zu überstehen. Sich mit dem Scheitern befassen ist – zumindest als Anhänger im Gästeblock – dagegen ausdrücklich erlaubt. Vor allem, wenn die Zeit bis zum nächsten Spiel aus einer Übernachtung in der Stadt des Siegers und einer siebenstündigen Rückfahrt mit dem Auto besteht.

Durch die Gitterstäbe sehe ich bereits eine 90 auf der Anzeigetafel blitzen, als die Borussia noch einmal einen Eckball herausholt. Meyer nutzt die Gelegenheit zum zweiten Wechsel des Spiels, bringt Neuville für Colautti, der sich so viel Zeit lässt, wie ein Prokrastinator für seine Mathe-Hausaufgaben. Rückblickend ist Colauttis Seelenruhe Gold wert gewesen: Man muss nur so gerissen sein, kurz vor einem Tor auf Zeit zu spielen.

Die Ecke segelt schließlich in gewohnter Marin-Manier in die Mitte, ist gefühlt bis zum nächsten Vollmond unterwegs. Am langen Pfosten schraubt sich Dante hoch wie die Flamme eines Tischfeuerwerks. Ein Kopfball. Unterlatte. Tor. Explosion.

So kann sich Geschichte wiederholen. Mein Hirn verzeichnet die zweite Amnesie innerhalb von vier Tagen. Innerhalb von vier Tagen verliere ich meine Stimme zum zweiten Mal bei einer einzigen Aktion, mit einem einzigen Wort. Ich zitiere: „Jaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa!!!”. Vokale können so schön sein.

Spätestens jetzt ist klar, dass sich die Borussia die gerissenste aller möglichen Spielweisen im Abstiegskampf ausgedacht hat: Sechs Spieltage lang gar nichts reißen, dann ab dem 30. Spieltag den Gegner stets 89 Minuten lang einlullen, das Zu-Null mit Glück und Verstand verteidigen, um dann so spät zuzuschlagen, dass keine Gegenwehr mehr zu erwarten ist. Zwei Last-Minute-Erfolge mit 1:0 führen zu dem Schluss: So kann man nur drinbleiben.

Und dann überkommt es die tanzenden, singenden und brunftschreienden Borussen. Damals vor einem Jahr war es so wohltuend, weil es für Rückkehr stand, für einen Neuanfang. Diesmal massiert es die geschundenen Seelen, weil es aller Voraussicht nach die ersehnte und überlebenswichtige Kontinuität bedeutet: „Nie mehr Zweite Liga. Nie mehr. Nie mehr, nie mehr”.

Eine Saison voller Wendungen nimmt hoffentlich ihre letzte

Wer hätte es gedacht, dass diese Saison innerhalb so kurzer Zeit eine derartige Wendung nimmt. Zur Winterpause war die Borussia abgestiegen, dann kam der vielversprechende Start mit elf Punkten aus sieben Spielen. Es folgten sechs Partien ohne Sieg, sechs vergebene Satzbälle auf den Sprung von den Abstiegsrängen. Und nun wecken zwei unfassbare und wahrscheinlich so noch nie da gewesene Siege in letzter Minute berechtigte Hoffnungen auf eine zweite, auf eine erneute Bewährungsprobe in der Bundesliga. Bei so vielen Wendungen kann man nur beten, dass die Saison zu Ende ist, bevor sich das Blatt…

Wie auch immer, meine Auswärtsbilanz in dieser Saison kann sich nach all den Rückschlägen in den Jahren zuvor absolut sehen lassen: Vier Spiele, zwei Siege in Köln und Cottbus, ein Remis in Bochum, eine Pleite in Hamburg, 7:5 Tore, sieben Punkte. Im Zweitligajahr reichte eine einzige Reise nach Offenbach, um sieben Toren beizuwohnen. Doch man fährt gewiss lieber 2520 Kilometer durch Deutschland, um diese Erlebnisse auf vier ganze Spiele aufzuteilen, als auch nur einmal noch in Liga Zwei nach Offenbach zu müssen.

infos-cottbusAuf dem Fußweg vom Stadion zum Bahnhof (von wo uns ein Taxi zum Hotel bringen soll, finde ich ohne Flutlichtmasten ja eh nicht) tauchen wir im rot-weißen Zuschauermeer mit ein paar grünen Klecksen unter. Was in Köln nur mit Tarnung möglich war, bereitet hier keine größeren Probleme. Es fliegen keine Steine, nur ein bisschen Spucke aus der Distanz. Aber die Jungs in Rot-Weiß nehmen es mit der Treffsicherheit ähnlich ungenau wie ihre Mannschaft. Einer erblickt meinen Bruder und wirft seinem Kumpel an den Kopf: „Ey, lass das. Das ist ein Behinderter!”
‚Jo‘, denke ich mir. ‚Und im Gegensatz zu Euch hat der heute gewonnen.‘

Die Heimfahrt mit dem Taxi gibt es für 5,50 €. Im Siegestaumel packe ich 2,50 oben drauf, bezweifle jedoch, dass dieser Soli in Häuserfassaden investiert wird. Den Versuch war’s wert.

Am nächsten Morgen rollt ein bunter Kleinwagen durch die Cottbusser Innenstadt. Die Fenster sind offen, aus dem Innenraum ertönt laute Musik, von deren Text an der Ampel nur Fetzen zu vernehmen sind: „Stein und Bein… Elf vom Niederrhein… fahren wir zum Auswärtsspiel… machen einen drauf.”

Auf der Hutablage liegt ein Gladbach-Schal, im Fenster hängt ein Wimpel und auf dem Kofferraum klebt eine Raute mit dem B vom Niederrhein. Im Auto sitzen zwei Brüder, die 686 Kilometer Heimweg vor sich haben – von denen jeder einzelne mit diesem Erfolg im Rücken zum Genuss wird.

Dass am Samstag bereits eine Mission zu Ende gebracht werden kann, wenn es optimal läuft, mutet derzeit noch so unwirklich an wie es nur geht. Der Sprung auf Platz 15 am letzten Sonntag war schon schwer zu begreifen – es hat am Ende nur drei Tage gedauert, sich daran zu gewöhnen. Und da es nun weiter Schlag auf Schlag geht, dürfte die Zeit bis zum nächsten Spiel auch diesmal genügen. Eine grüne Ampel könnte den Optimismus beflügeln.

15. Mai 2009 von Jannik Sorgatz
Kategorien: Fohlengeflüster | 9 Kommentare

Kommentare (9)

  1. schöner Text.

    Ich kann die Eindrücke bzgl. der Cottbus Fans nur bestätigen, es war äußerst friedlich und freundlich. Gerne wieder, nur nichti n Liga 2

  2. Pingback: links for 2009-05-15 | Du Gehst Niemals Allein

  3. Super geschrieben und sehr lesenswert.

    AUF NACH DüSSELDORF!!!

  4. Hach Jannik,

    Deine Berichte gehören für mich mittlerweile zur Pflichtlektüre. Ich habe schon seit 1973 die Raute im Herzen, kann aber leider nur zu wenigen Spielen selbst fahren, nur den Auswärtssieg auf der Alm erlebe ich jedesmal live. Wenn ich dann Deine höchst amüsanten Zeilen gelesen habe, habe ich fast das Gefühl, ich wäre selbst dabei gewesen!

    Mach weiter so, Gruß aus Lage in Lippe

    Pedda

  5. respekt. das lesen dieser zeilen hat mein leben bereichert.

    mit der Raute im Herzen,

    P. aus Hannover

  6. Oi,
    schien mir so als wüsstest du es nicht: Die Ostdeutschen zahlen acuch den “Soli”.

    Schöner Bericht. War auch da. Gibts gut wieder.

  7. Ganz wunderbarer Text, danke.

  8. Hm, wenn ich meinen Kommentar von eben nochmal anschaue, fällt mir auf, dass ich, wenn er bei mir stünde, zumindest einen gewissen Kommentarspamverdacht hegen würde.

    Also nochmal: Dein Text gefällt mir richtig gut, auch wenn ich keine Raute im Herzen trage.

  9. Pingback: Erzählt Geschichten! « angedacht

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert

*