Mission 40/34: Dringeblieben

Gladbach erfüllt mit einem 1:1 gegen Dortmund seine Mission und hält die Klasse. Warum ein Eisdielenbesitzer jetzt doch nach Kalabrien fahren darf, Logan Bailly ein echter Teufelskerl ist und der Fußballgott höhnische Dortmunder eiskalt bestrafte.

immer-noch-zuhause

Das „Best of Aberglaube 08/09″ beginnt mit einem Anruf um kurz vor elf. „Was sagt die Ampel?”, frage ich so wach wie möglich in mein Handy. „Rot, aber nur ganz kurz”, versucht mein Vater die Geschichte wenigstens auf ein Unentschieden runterzuhandeln. Ein Punkt, das würde ja schon genügen, um diese Mission zu Ende zu bringen, die im August 2008 mit dem Beinamen „40″ begann und sich nun nicht sicher ist, ob aus der 40 letztendlich eine 30, eine 31 oder bestenfalls sogar eine 33 werden soll.

Der Handball-Saisonabschluss am Abend zuvor hat zum Glück keine Spuren hinterlassen. Nils ist um viertel nach eins am Boisheimer Bahnhof ebenfalls bestens in Schuss, so dass einer beschwerdefreien Hinfahrt zum Stadion zumindest nichts im Weg steht. Der 34. Spieltag musste kommen, damit ich mit dem Zug zu einem Heimspiel reise. Doch im Aberglauben ist von Zeit zu Zeit auch Platz für Anarchie.

Bei der Einfahrt des Maas-Wupper-Express steckt ein braun gebrannter Sonnenbrillenträger, der sicher nicht des Kaffees wegen in Venlo einkaufen war, seinen Kopf aus dem Fenster und grölt lauthals in die niederrheinische Provinz: „Wat is’ dat denn hier für’n Scheißkaff?”. Nils, tief im Herzen so etwas wie der heimliche Ortsvorsteher der 2000-Seelen-Gemeinde zwischen Nettetal und Viersen, ist so verdutzt, dass ihm nicht einmal ein beherztes „Wat willst Du denn?” über die Lippen kommt. Die Mittagssonne scheint so prall vom Himmel, dass mir nach wenigen Minuten bereits ein Bach zwischen den Schulterblättern herunterläuft. Erinnerungen an Bremen, das bisherige Hitze-Hoch der Saison, werden wach.

Ein älteres Ehepaar mit Rauhaardackel und frisch erworbenen Orchideen wünscht im Zug viel Glück und verspricht, jeweils beide Daumen zu drücken. Selina, gemeinsam mit Nils im Unterrang der Nordkurve zuhause, wirft ein, dass das doch Unglück bringe (beide Daumen auf einmal zu drücken). Das Ehepaar scheint sich dran gehalten zu haben.

Erdbeereis, Beck’s und Babybel für den Klassenerhalt

Der erste Weg vom Bahnsteig in Mönchengladbach führt schnurstracks zur Abhandlung zweier Saisonrituale, die vielmehr kurze Episoden gewesen sind. Bei Kaiser’s kaufen wir Beck’s, Diebels und ein Netz Babybel ein. Damals für die Reise nach Köln hatte Nils’ Mutter zwar die Light-Variante ins Lunchpaket gepackt. Doch leichte Änderungen im Protokoll werden am Ende hoffentlich wenigstens den einen Punkt bringen. Anders als an jenem ruhigen Samstagvormittag Mitte März pulsiert auf der Hindenburgstraße das pralle Einkaufsleben. Vermutlich sind es die Massen in Schwarz-Weiß-Grün und Schwarz-Gelb, die das ansonsten eher triste Bild mit lebendigen Farbtupfern versehen.

Spätestens auf der Fahrt ins Stadion mit dem Shuttle-Bus ist klar, dass aus der geplanten Wiederholung aller glückbringenden Handlungen dieser Saison eher die Geburt einiger neuer Rituale werden könnte. Zwischen meinen Schultern zeichnet sich mittlerweile eine Jahrhundertflut ab. Auf den Straßen geht es ungefähr so schnell voran wie mit einer brechend vollen Bimmelbahn in Kambodscha. Als der Bus geschätzte zwei und gefühlte fünf Kilometer vor dem Borussia-Park seine Türen öffnet, purzeln schwitzende Fans aus den Türen wie Kartoffeln aus einem löchrigen Sack. Die gefühlte Lufttemperatur halbiert sich innerhalb weniger Sekunden. Bereits nach fünf Minuten Fußweg haben wir mehr Meter zurückgelegt als der Bus in der Viertelstunde zuvor.

Da Laufen anscheinend den Harndrang belebt, ist nach kurzer Zeit ein kleiner Zwischenstopp vonnöten. Ein Eisdielenbesitzer zeigt so viel Verständnis für unsere Bedürfnisse, dass wir ihm aus Dankbarkeit sogar ein paar Kugeln Eis abkaufen. Ab diesem Punkt hoffen Nils und ich inständig, dass das Spiel nicht gewonnen wird – die ganze nächste Saison, also auch von November bis Februar, zu Fuß zum Stadion laufen und dabei jedesmal ein Eis kaufen, das klingt nicht besonders verlockend. Zumal der Eisdielenbesitzer wohl kaum seinen viermonatigen Winterurlaub bei der Famiglia in Kalabrien für uns ausfallen lassen würde.

Elektrisierende Atmosphäre erinnert an Stuttgart 2005

Nach einer knappen halben Stunde ist Mekka tatsächlich erreicht. Trotz Erdbeereis, Bier und Babybels fühle ich mich sechs Kilo leichter. Neben der Tatsache, dass ich das Stadion noch nie aus dieser Perspektive, aus östlicher Richtung, gesehen habe, fällt mir auf, wie armselig sich das Areal rund um den Borussia-Park eigentlich präsentiert. In Köln haben sich randalierende Schmalhirne am fein herausgeputzten Schlachtfeld vor Alt-Müngersdorf erfreut. Wer die Sahelzone vor dem Gladbacher Stadion mit all ihren Sträuchern, dem hohen Gras und den wurfbereiten Steinen sieht, dem könnte aus deeskalationstechnischer Sicht angst und bange werden. Eine Frau Ende 20 sitzt alleine auf einem der größeren Steine und hält ein Stück Pappe mit der Aufschrift „Wir suchen noch Karten” in der Hand. Von einem Partner, Freund oder Bekannten keine Spur. Abstiegskampf macht eben manchmal schizophren. Finden wir übrigens auch.

Bevor sich unsere Wege trennen, breche ich – weil ja ohnehin alles kurios gelaufen ist bisher – mit der nächsten Gewohnheit und gebe einen mehr oder minder genauen Ergebnistipp ab. „Irgendein Unentschieden”, rufe ich Nils hinterher, während der zu den Eingängen für ermäßigte Karten verschwindet. Ich selbst nehme die Nummer vier. Sicher ist sicher.

Im Inneren erinnert das Gemisch aus fingernagelschädlicher Anspannung und geballter Vorfreude schwer an jenes Spiel gegen den VfB Stuttgart vom Ende der Saison 2004/2005, dessen elektrisierende Stimmung alle Anwesenden noch heute ins Schwärmen geraten lässt. Die Borussia lag damals, vier Spieltage vor Saisonende, nur zwei Punkte vor einem Abstiegsplatz und konnte gegen die Schwaben, selbst noch mit Champions-League-Aussichten angereist, zum Befreiungsschlag ausholen. Neuville und Sverkos stellten die Weichen früh auf Sieg. Der Funke der eisern kämpfenden Borussen auf dem Rasen sprang sofort auf die Zuschauer über, die den Borussia-Park erstmals in seiner Geschichte in einen wahren Hexenkessel verwandelten.

Tage wie diesen hat das inzwischen fünf Jahre alte Stadion nun schon häufiger erlebt – mit dem unumstrittenen Höhepunkt vor zwei Wochen bei Colauttis Last-Minute-Treffer gegen Schalke, als die Eruption des Borussia-Parks die Premiere-Mikrofone bersten ließ. Die „Elf vom Niederrhein” birgt am letzten Spieltag einer Saison auch immer einen Moment der Wehmut. Trotzdem bin ich in diesen dreieinhalb Minuten Gänsehaut nicht wirklich darauf aus, die „Nationalhymne” des VfL bereits am kommenden Donnerstag wieder zu hören – beim Hinspiel der Relegation.

Bei vollem Bewusstsein und ohne Anästhesisten ins Stadion

Immerhin haben die unbezahlbaren Erfolge gegen Schalke und Cottbus die Weichen bereits so auf Klassenerhalt gestellt, dass ich das Stadion ohne Anästhesisten an meiner Seite betreten konnte. Einer ambulanten Vollnarkose für den Fall, dass sich die Lage doch noch zuspitzen sollte, haben die Verantwortlichen aus Sicherheitsgründen einen Riegel vorgeschoben. Es gibt kein Bier im Borussia-Park – demnach heißt es „Augen zu und durch”, als Schiedsrichter Felix Brych um 15:30 Uhr anpfeift.

Der Pfiff ist kaum ertönt, der Stecker noch nicht ganz im Gehörgang – da sendet WDR2 bereits die erste Hiobsbotschaft über den Äther. Bielefeld führt nach knapp zwei Minuten gegen Hannover. Jetzt drei Gegentore und ein weiterer Treffer auf der „Alm”… gar nicht erst weiterrechnen. In Richtung Cottbus ist das rechte Ohr nicht mehr wirklich ausgerichtet. Bei drei Punkten und acht Toren Vorsprung traut der arg gebeutelte Borusse seiner Mannschaft dann doch ein wenig Rücksicht auf Herzkranke, Schwangere, Fingernägelkauer und notorisch Nervöse zu. Sabine Töpperwien, die ungefähr achtzig Meter weiter südlich auf der Pressetribüne hockt, malt zwar bereits den Teufel an die Wand. Doch was soll man von Radioreportern erwarten, für die saloppe Verben wie „krakeelen” überhaupt erst erfunden wurden?

In den ersten Minuten besinnt sich die Borussia ganz auf die Vorgehensweise „wenn wir hier 0:0 spielen, kann Bielefeld unseretwegen 22:0 gewinnen”. Valdez durchbricht gleich zweimal die Wasseroberfläche des gepflegten Sommerfußballs. Doch Logan Bailly ist zur Stelle und beweist in seinem 17. Einsatz für Gladbach einmal mehr, dass er wohl einer der besten, wenn nicht gar der beste Neueinkauf der Ära Königs gewesen ist. Dieser Torwart ist athletisch, flink, hat titanische Reflexe, fängt, faustet und fischt heraus, was die menschliche Anatomie auch nur irgendwie mit dem Prädikat „haltbar” versehen hat – und er ist, mit Verlaub, einfach ein verrückter Hund. Gegen diese Strahlkraft ist Christofer Heimeroth eine Sonnenfinsternis gewesen.

Im Angriff, natürlich zum neunten und letzten Mal ohne Rob Friend, macht Alexander Baumjohann in seinem letzten Einsatz derweil keine Anstalten, irgendetwas am lethargischen Auftreten der letzten Wochen zu ändern. Seine Pässe landen reihenweise überall, nur nicht beim Mitspieler. Was immer er sich bei der zu erwartenden Einkaufstour des FC Bayern eigentlich in München vorgenommen hat, es kann eigentlich nur bescheiden enden. Jan Schlaudraff verkündete vor zweieinhalb Jahren nach einer starken Hinrunde für Alemannia Aachen ebenfalls in der Winterpause seinen Wechsel zum Rekordmeister. Der erlebte daraufhin eine Schmach von Rückrunde und holte im Sommer zum großen Rundumschlag auf dem Transfermarkt aus. Schlaudraff spielt bekanntlich längst in Hannover – wenn überhaupt.

Ende der Diplomatie in der Halbzeit

Chancen machen sich bis zur Pause relativ rar. Wolfsburgs Ritt zur Meisterschaft in meinem rechten Ohr ist noch am interessantesten. So langsam versuche ich, mich mit dem Gedanken anzufreunden, dass irgendwo in Niedersachsen gerade Tausende in Titelstimmung versetzt werden, denen der rollende Ball bis vor kurzer Zeit so viel bedeutete wie ein turnusmäßiger Besuch beim Orthopäden. Das Leben ist nicht fair. Aber damit habe ich mich – zumindest, was den Fußball angeht – längst abgefunden.

Dante sorgt unmittelbar vor dem Halbzeitpfiff für den ersten Paukenschlag vor der Südkurve. Nach Baumjohanns Ecke – Schande über mein Haupt – steigt der Brasilianer am höchsten. Sein Kopfball hoppelt an den rechten Pfosten. Weidenfeller hätte nie und nimmer eine Chance gehabt. Doch der Konjunktiv ist auf seiner Seite. Die Pause wird dennoch zu einer der gelasseneren in dieser Saison, da Gladbach weiterhin einen Punkte und vier Tore über der Relegation prangt.

Mit der Schmach von Düsseldorf im Rücken und Dortmunds Kantersieg gegen Bielefeld im Hinterkopf hatte ich mich die ganze Woche über ungewohnt diplomatisch gegeben. Der BVB dürfe sogar gewinnen und in die Europa League einziehen – aber nur mit einem Tor, weil die Arminia zeitgleich wohl kaum mit deren vier gewinnen würde. Doch das Selbstvertrauen einer torlosen ersten Hälfte lässt mich in der Halbzeit Morgenluft wittern. Hamburg führt nämlich in Frankfurt, Dortmund liegt in der virtuellen Tabelle nur noch auf dem hölzernen sechsten Platz. Wenn dem Borussen neben der Aussicht auf den eigenen Klassenerhalt noch das Europacup-Aus der Namenscousine winkt, dann nimmt er eben mit Vorliebe alles auf einmal mit.

Dortmunds Santana wird gerade draußen behandelt, als Dante sich dieses Bonbon zu Herzen nimmt. Gladbachs Fels muss nicht einmal mehr am höchsten springen, um nach Baumjohanns Ecke (ja, schon gut) an den Ball zu kommen. Dem Brasilianer wird sein drittes Saisontor so leicht gemacht, dass er den Kopfball beinahe als Aufsetzer über das Tor setzt. Doch Dante zeigt das feierliche seiner zwei Gesichter und netzt ein zum Führungstreffer. Der Torschrei des Borussia-Parks strahlt ekstatische Erleichterung aus – ein Tor, das erst zum wilden Rumspringen, dann jedoch zum Seinem-Nachbarn-erleichtert-um-den-Hals-fallen animiert.

Keine Lust auf Geschichtsschreibung -
der Konsonanten-Verfechter gleicht aus

Auf dem Knopf in meinem Ohr ist in diesem Moment vor lauter Lärm nur ein dumpfes Geschrei zu vernehmen – und es ist nicht Sabine Töpperwien, die Gladbachs Tor zum 1:0 verkündet. „Tor”, „Hannover”, „Ausgleich” gleiten die Worte fetzenweise in Richtung Trommelfell. Ein sanfter Druck auf den Knopf lässt Armin Lehmann in Bielefeld ganze Sätze formulieren und das Glück Gewissheit werden: 96 hat das 1:1 erzielt, der Klassenerhalt ist uns nur noch durch eine historische Schlussphase zu nehmen. So heiß auf Geschichtsschreibung bin ich dann jedoch nicht.

Fast im selben Atemzug hat Hamburg das 2:0 in Frankfurt erzielt. Gladbach und der HSV haben also die Nadel an Dortmunds Luftballon voller Träume von Europa gesetzt. Doch Frankfurt und der BVB können sich mit diesem Szenario offenbar nicht anfreunden. Am Main fällt innerhalb weniger Minuten der Ausgleich. Und am Niederrhein outet sich Paul Stalteri in der 64. als eindeutiges Mitglied der Opposition: Als wolle er elegant über einen Stacheldrahtzaun steigen, tritt der Kanadier über den Ball. In seinem Rücken rast Blaszczykowski, der alte Konsonanten-Verfechter, heran und lässt Bailly keine Abwehrmöglichkeit. Die gelbe Wand im Südosten des Borussia-Parks baut sich plötzlich wieder auf und „döpt” parodistisch vor sich hin – doch der Fußballgott kann Hohn nicht leiden.

In der Nordkurve keimt währenddessen wieder der Charme der (momentan) kleineren, aber nach eigenem Bekunden sympathischeren und einzig wahren Borussia auf. „Lieber Hamburg als der BVB”, wird eine sporadische Fanfreundschaft mit dem HSV ins Leben gerufen. Wahre Eifersuchtsdramen im Borussia-Park, der sich nun voll und ganz dem Projekt „Europapokal ohne Dortmund” verschrieben hat. Der VfL selbst macht jedoch kaum noch Anstalten, die gegnerischen Träume mit dem 2:1 eigenhändig zu begraben. Bochum hält zu diesem Zeitpunkt ein Unentschieden – vermutlich will sich die Borussia mit aller Passivität die Titel „Rekord-Fünfzehnter” und „Minusrekord-Nichtabsteiger” unter den Nagel reißen. Für Punktlandungen ist man ja bekannt.

“Dann ist es vollbracht. Die Mission ist erfüllt.”

In der 84. Minute bricht zum drittletzten Mal in dieser Spielzeit Jubel aus. Hannover ist in Bielefeld in Führung gegangen, Cottbus, das zuhause mit 3:0 gegen Leverkusen führt, damit plötzlich der „ärgste” Widersacher der Borussia im Tabellenkeller. Sechs Tore in sechs Minuten bis zum Verderben, die auch noch geschickt aufgeteilt werden müssten – selbst beim Handball wäre der Klassenerhalt nun schon in trockenen Tüchern.

Doch eine weitere Mission hält die circa 47.000 Gladbacher bis zum Abpfiff in Atem. Dann ertönt ein Torschrei aus Frankfurt – Trochowski, 2:3. Plötzlich springt die Dortmunder Bank auf wie ein Deutschlehrer, dem seine Schüler Reißzwecken auf den Stuhl gelegt haben. Hände werden vehement in Richtung Südkurve geschwungen und sollen totale Offensive signalisieren. Dem BVB fällt in diesem Augenblick auf, dass er sein Schicksal eigentlich selbst in der Hand hatte und nun hilflos vor den eigenen Trümmern steht.

Dann ist es vollbracht. Die Mission ist erfüllt. Offizieller Beiname: 31. Die lästigen Steine von 34 Spielen voller Untergang und Wiederauferstehung, Aufgabe und Hoffnung, Leid und Freude fallen auf einmal ab. Es ist geschafft – die Borussia hat tatsächlich drei Vereine gefunden, die am Ende – so ehrlich muss man sein – noch schlechter gewesen sind.

“Ein Triumph für Genießer, einer um sich hinzusetzen
und den Film der Saison mit ein paar kühlen Bieren
noch einmal vor dem inneren Auge ablaufen zu lassen.”

Auf der einen Seite kauern gelbe Spieler konsterniert auf dem Rasen, auf der anderen herrscht ausgelassene Festtagsstimmung. Logan Bailly mimt vor der Nordkurve einen afrikanischen Bodenturner und legt einen astreinen Flickflack hin. Daraufhin buchstabiert er die „Humba” in einer wallonischen Fantasiesprache, der Teufelskerl. Alexander Baumjohann und Tomas Galasek sagen „Servus”. Ein anderer sagt nichts, steht auf Kommando nur kurz auf, um sich einen ebenso kurzen Applaus abzuholen – die Zeichen in puncto Marko Marin stehen wohl auf Abschied.

„Aber eins, aber eins, das ist gewiss – vor Borussia Mönchengladbach ham se alle Schiss”, falle ich Nils voller Sarkasmus entgegen. Doch ohne Selbstironie lässt sich solch eine Spielzeit weder verarbeiten noch überleben. Die neuntbeste Saison meines 14-jährigen Fandaseins endet – auf das Gros des letzten Jahres bezogen – wider Erwarten mit einem Happy End. (Um auf Rang neun zu kommen, muss ich die drei Zweitligajahre mit jeweils weit über 50 Zählern übrigens schlechter werten als die Abstiege.)

Auf dem Alten Markt (nicht „Alter Markt”, der korrekte Gladbacher Dativ macht den Unterschied) herrscht zwar ausgelassene Stimmung. Doch es ist niemanden nach Balkonempfang und Rumhüpfen zumute. Dieser Triumph, hauchdünn vor dem erneuten Niedergang, ist eher einer für Genießer, einer um sich hinzusetzen und den Film der Saison mit ein paar kühlen Bieren noch einmal vor dem inneren Auge ablaufen zu lassen. Die Erkenntnis dieses Tages beschränkt sich auf ein einziges Wort, das dennoch so viel bedeutet, dass man es kaum in Worte fassen kann: Dringeblieben.

24. Mai 2009 von Jannik Sorgatz
Kategorien: Fohlengeflüster | 5 Kommentare

Kommentare (5)

  1. Vielen Dank für die herrlichen Berichte der letzten Monate ( vorher ging Deine Homepage an mir vorbei..) – und wie fast immer – emotional auf meiner Wellenlänge- und das bei schätzungsweise fast 20 Jahren Altersunterschied. Ich habe zwar auch geschwitzt und gezittert und gerechnet und geflucht – aber empfinde derzeit, aber auch unmittelbar nach Schlußpfiff eher eine Genugtuung /Erleichterung, als pure Freude.
    Zu schlecht waren die Spiele am Fernseher oder live im Stadion – total grottig !! Mit der Hoffnung auf eine gute, bessere Zeit in der nächsten Saison verleibt der Borussenbomber aus Mainz !

  2. Lieber Janik,

    bitte bitte bitte nächste Jahr weiterschreiben. Es ist jedesmal ein Genuss, insbesondere wenn das Glück auf unserer Seite liegt :-). Schlage als Titel für das nächste Jahr vor: Mission 70/34: Träum ich noch oder spielen wir schon?

    LG aus Heidelberg

  3. Huhu,

    ich send mal Grüße in meine Heimat; bin auch in Boisheim geboren, nach wie vor Borussia-Fan, wohne aber in der verbotenen Stadt – in Köln !!!

    Hab schon öfters Deine Kommentare hier gelesen und bin gespannt, wie´s ab August weitergeht mit unseren 3 Neuzugängen !

    LG us Kölle
    Elke

  4. Hallo Janik.

    Ich kann meinen Vorrednern nur beipflichten. Deine Berichte sind einfach super. Sie spiegeln die Fanseele. Zu dem überzeugen Deine Texte durch eine Güte, von der sich einige andere Autoren, speziell ein gewisser Doktor von einer Seite, deren Namen ein Ritual vor einem Fußballspiel beinhaltet, mal eine Scheibe abschneiden kann.
    Huch! Jetzt fange ich auch das verschachteln von Sätzen an.
    Wir sind alle froh, dass die Saison zu Ende ist, ein gutes Ende genommen hat, und wir uns jetzt 2 Monate emotionell erholen können.

    Nochmals Dank an Dich!
    Weiter so!

    Viele Grüsse aus Ratingen
    Alex

  5. mitten im Sommerloch bleibt man sogar als Lautern-Fan locker mal ne Stunde bei deinem Blog hängen.
    Super gemacht.
    Wünsch euch, dass ihr nächstes Jahr auch wieder drinbleibt, vielleicht schaffen wirs ja aufzusteigen.
    Grüße aus Kaiserslautern

    Paul

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