Verhinderte und Gehinderte

Es gibt Einfälle, die erweisen sich als sprichwörtlicher Griff ins Klo. Auf manch andere Idee trifft das nicht zu – allein der Ort, an dem sie geboren werden, passt zum Sprichwort. Deshalb also ein weiteres Kapitel aus den Tiefen des Statistik-Dschungels, eine Übersicht, auf die ganz Fußball-Deutschland mindestens seit dem Mauerfall gewartet hat.

Nationalspieler mit den meisten Länderspieleinsätzen ohne Titelgewinn:
Michael Ballack: 92  (2 Finalniederlagen)
Miroslav Klose: 88 (2)
Bernd Schneider: 81 (1)
Torsten Frings: 79 (2)
Uwe Seeler: 72 (1)

Verwunderlich ist es nicht, dass hier drei aktuelle und ein gerade zurückgetretener Nationalspieler auftauchen. Schließlich erleidet der DFB gerade die längste titellose Durststrecke seit der Pokalabstinenz zwischen ’54 und’72. Noch weniger verwunderlich also, dass mit Uwe Seeler ein Spieler aus jener Zeit auf dem fünften Platz auftaucht. Michael Ballack dürfte sich derweil auf dem besten Weg zum titellosen Mitglied des Klubs der 100er befinden.

Nationalspieler mit den meisten Einsätzen ohne Turnierteilnahme:
Richard Hofmann: 25 (Nationalspieler von 1927-1933)
Hans “Bubi” Rohde: 25 (1936-1942)
Ludwig Leinberger: 24 (1927-1933)
Georg Knöpfke: 23 (1928-1933)
Heinrich Stuhlfauth: 21 (1920-1930)

Mit Richard Hofmann hat diese Liste einen Spitzenreiter, der mir bislang ganz ehrlich nicht wirklich bekannt war. Immerhin war er jedoch vier Jahre lang Rekordnationalspieler, gar acht Jahre Rekordtorschütze und kann die sagenhafe Quote von 24 Treffern in 25 Spielen vorweisen – insgesamt fünf Dreierpacks sind darunter. Laut Wikipedia machte die Machtergreifung ’33 seine WM-Träume jedoch zunichte. Hofmann hatte einen Werbevertrag für Zigaretten angenommen und damit gegen die Amateurregeln verstoßen.

Im Kader ohne Einsatz:
Piotr Trochowski: 22 (2006-heute)
Andreas Hinkel: 21 (2003-heute)
Uwe Rahn: 14 (1984-1987)
Klaus-Dieter Sieloff: 14 (1964-1971)

Trochowski dürfte seine Führung bis zum nächsten Sommer erst weiter ausbauen, um dann ganz aus der Liste auszuscheiden (es sei denn, es kommt etwas dazwischen). Hinkel stand im EM-Kader 2004. Dass er 2010 dabei sein wird, erscheint mir eher unwahrscheinlich. Das eine oder andere Länderspiel wird jedoch drin sein – genug Gelegenheit also, seine bald wieder erlangte Führung weiter auszubauen. Klaus-Dieter Sieloff brachte es derweil sogar fertig, gleich bei zwei Weltmeisterschaften den WM-Touristen zu mimen.

Nie im Kader bei einem großen Turnier nach dem Krieg*:
Paul Freier: 19, 2002-2007
Bernd Dörfel: 15, 1966-1969
Erich Retter: 14, 1952-1956
Erich Schanko: 14, 1951-1954
Erwin Waldner: 13, 1954-1958

Paul Freier darf sich also “Richard Hofmann der Nachkriegszeit nennen”. Die Gefahr, verdrängt zu werden, besteht bei der heutigen Fülle an Länderspielen jedoch ständig. Nehmen wir mal an, Serdar Tasci verletzt sich im Vorfeld der WM 2010, hat sich bis dahin jedoch als Stammspieler etabliert. Spätestens im Frühjahr 2011 gehört Freiers Platz an der Sonne dann der Vergangenheit an. Nix für ungut, Serdar Tasci – nur so ein Beispiel!

*Da es bei nur zwei deutschen Turnierteilnahmen vor dem Zweiten Weltkrieg relativ leicht gewesen ist, eine ordentliche Zahl an Länderspielen anzuhäufen, ohne je bei einem großen Turnier dabei gewesen zu sein, die gleiche Rangliste noch einmal für alle Nachkriegsnationalspieler.

12. August 2009 von Jannik Sorgatz
Kategorien: Die mit dem Adler, Zahlen, bitte | Schlagwörter: , , , , | 2 Kommentare

Kommentare (2)

  1. Ah herrlich, genau das hab ich vermisst in Deiner Sommerpause. Vielen Dank, ich mag das sehr.

    Es gibt noch Einiges dazu zu bemerken, aber jetzt ist erstmal Anstoß…

  2. Ohje, der arme Ballack: Diese Rangliste wird er wahrscheinlich bis auf weiteres erstmal anführen. Denn nach der Leistung gegen Aserbaidschan mit einem WM-Titel unter Ballacks Führung 2010 zu rechnen, ist ja wohl mehr als utopisch.

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