Im Zweiten wird’s wohl besser – 1. Akt:
Viertausenderbesteigung mit Atemnot

Gladbach Motivbild

Bochum 3:3 Gladbach – eine mutige Bürgermeisterin, ein zweiseitiges Wechselbad, ein nicht gesehenes Handspiel und sechs Tore auf ein Tor.

Nachts sind bekanntlich alle Katzen grau. Bei Städten, egal wie grau sie tagsüber sind, gilt scheinbar die Devise: Gut, dass es die Nacht gibt und die Straßenlaternen wenigstens für ein paar Stunden das versprühen dürfen, was man gemeinhin als Charme bezeichnet. Ein wolkenverhangener Sonntagnachmittag in Bochum fördert gnadenlos die Todsünden des Städtebaus und der Verkehrsführung ans Tageslicht. Vor allen Dingen, wenn man die Stadt zuvor nur dreimal in seinem Leben besucht hat. Einmal war es brütend heiß, die Sonne knallte vom Himmel – wohl auch deshalb machte Bochum einen unerwartet ansehnlichen Eindruck. Bei den zwei anderen Gelegenheiten hatte sich die Sonne längst verabschiedet. Es war Freitagabend und die Flutlichtmasten des Rewirpowerstadions tauchten die Castroper Straße in eine Atmosphäre zum Verlieben.

Dr. Ottilie Scholz – was für eine Überleitung vom Thema Verlieben – ist Bochums Oberbürgermeisterin, seit 2004. Auf den gut 750.000 Wahlplakaten mit ihrem Konterfrei wird sie als „klug, mutig, sozial“ charakterisiert. 11Freunde hat letztens enthüllt, dass Lothar Matthäus seine SportBild-Kolumnen mithilfe von beschrifteten Magnetklebestreifen an der Kühlschranktür verfasst. Die SPD hat sich offenbar einen Baukasten für ihre Wahlplakate besorgt. Wer auf dem Weg zum Stadion also an rund einem Drittel aller Ottilie-Scholz-Plakate vorbeischlendert, ist sich als Uneingeweihter und Nicht-Bochumer schnell darüber im Klaren, warum „charismatisch“ nicht als Attribut unter ihrem Gesicht auftaucht. Scholz würde in der Rubrik „Bei der Geburt getrennt“ ein grandioses Pärchen mit dem Maskottchen des VfL Bochum, Bobbi Bolzer, abgeben. Der ist eine Maus, hat im Gegensatz zur Wahlplakat-Scholz zwar ein Lächeln auf den Lippen und ist aus unerklärlichen Gründen gar nicht so grau wie er sein müsste. Dass Dr. Ottilie Scholz sich in gewisser Weise zur Metapher des kommenden Spiels aufschwingen würde, konnte ich da noch nicht ahnen. Fazit: Unterschätze in Bochum nichts und niemanden, du könntest böse überrascht werden.

78 Tage ist es her, dass die Mission 40 gegen Borussia Dortmund vollendet wurde, ohne überhaupt vollendet zu werden. Somit könnte der Name auch problemlos für die neue Spielzeit herhalten. Die Hoffnung auf weniger Herzinfarktrisiko, Nervenverlust und Existenzangst habe ich dennoch in andere Worte gepackt: Im Zweiten wird’s wohl besser. Die Statistik sagt, dass wir mit 75-prozentiger Sicherheit wieder drinbleiben. Schlechter, allein was die Punkteausbeute angeht, darf und kann es sowieso nicht werden. Es sei denn, wir gehen schon wieder auf Rekordjagd.

Kundenservice auf Hochtouren

Das erste Saisonspiel ist immer wie Skifahren. Man schnallt sich nach langer Zeit wieder die Bretter unter und merkt: Ich kann es noch – und es ist immer noch geil. Letztmals bin ich vor rund vier Jahren in der Neusser Skihalle einen Berg hinunter gefahren. Ganz so lang liegt der letzte Auftritt der Borussia nun auch wieder nicht zurück. Aber in der Sommerpause ticken die Uhren bekanntlich anders. Als Colautti und Bobadilla um 15:30 Uhr den Anstoß ausführen, macht die Bindung an der Ferse „klick“. Der Puls steigt ins Unermessliche und ich sehe erstmals seit dem 23. Mai dieses Jahres dabei zu, wie ein Borusse gegen einen Ball tritt. Einen Großteil der Sommerpause habe ich im dänischen, schwedischen, französischen, schweizerischen, italienischen und süddeutschen Exil verbracht. Arango und Colautti trafen zum Pokalsieg in Frankfurt, während ich in der Bimmelbahn von Mainz nach Koblenz saß – auf dem Nachhauseweg aus dem vierwöchigen Interrail-Urlaub.

Unser venezolanischer Ex-Spanien-Legionär und der Israeli mit argentinischen Wurzeln sind jedoch feine Kerle – sie spielen den Erstrundensieg innerhalb von nur 26 Minuten noch einmal nach. Der Kundenservice bei der Borussia läuft auf Hochtouren. In der letzten Saison wurde ich in Bochum Zeuge des ersten Bundesliga-Auswärtstores meiner Fanlaufbahn. Gohouri traf nach Marin-Freistoß aus heiterem Himmel. Diesmal falle ich keineswegs aus allen Wolken, als Arango den Ball in der 19. Minute über Bochums Heerwagen chipt. Bobadilla hatte sich auf der linken Seite in Minotaurus-Manier gegen drei Bochumer durchgesetzt und auf Colautti gelegt, der sich mit seiner Vorlage für Arangos feines Pässchen beim 2:1-Sieg in Frankfurt bedankte.

Nur sieben Minuten später prallen die Freudenschreie zwischen Gästekurve und Tribünendach hin und her wie ein wild gewordener Flummi. Die Ungläubigkeit ist wieder da – mit dem feinen Unterschied, das aus verzweifeltem Augenzuhalten freudiges Entsetzen geworden ist. „Spitzenreiter, Spitzenreiter!“, lassen es die 10000 Borussen ABC-sicher durchs Stadion hallen. Schließlich kommt Borussia im Alphabet vor VfL und Mönchengladbach vor Wolfsburg. Wer am Sonntag um 15:57 Uhr die Nase vorn hat, ist also eindeutig. Levels hatte sich auf rechts durchgesetzt und butterweich in die Mitte geflankt. Colautti machte das, was er schon beim Warmmachen mit Bravour zeigte – haargenau unter der Latte schlägt sein Kopfball ein.

Die Suche nach dem Haken – Frontzeck biegt’s grade

Ich hatte mich auf einen Sonntagnachmittag mit langsamer Heranführung an die neue Saison eingestellt. Auf einen Hauch von Sommerfußball unter Wolken vielleicht. Mit viel Glück auf ein relativ anschauliches 1:1 (wobei ich entgegen dieser Erwartungen einen 2:4-Auswärtssieg auf meinem Tippschein eingetragen hatte). Kurz vor der Pause wird es unverschämt und ich falle endgültig vom Glauben ab. Arango kann sich den Ball im rechten Halbfeld in aller Seelenruhe zurechtlegen, sich aussuchen, ob er das Ventil gerne oben oder unten haben möchte. Dann flankt er mit soviel Gefühl und Sorgfalt, als wolle er die Spitze einer sechsstöckigen Hochzeitstorte mit einer knallroten Kirsche vollenden. In der Mitte schneidet Brouwers den Kuchen an und sichert sich mit seinem 3:0 das erste Stück. Ich implodiere und explodiere zugleich, bekomme Schweißausbrüche und Schüttelfrost auf einmal. Sofort macht sich Skepsis breit. Ich suche einen Haken, finde jedoch keinen. Höchstens auf unseren Trikots: „Borussia Mönchengladbach“ steht dort direkt unter der jeweiligen Rückennummer.

Zum letzten Mal hat Gladbach am 24. November 1984, also vor fast 25 Jahren, in der Fremde mit drei Toren nach 45 Minuten geführt. Bei Waldhof Mannheim. In der Pause sinke ich neben Nils erschöpft in der blauen Sitzschale nieder. 45 von 3060 Saisonminuten sind rum. Und ich bin schon wieder schweißgebadet und aus allen Wolken gefallen. Wir sind Tabellenführer – genau das, was man nach dem 1. Spieltag in Gladbach auf keinen Fall mehr sein möchte. Und so kann Michael Frontzecks Halbzeitansprache nur folgendermaßen ausgesehen haben:

„Jungs, seid Ihr eigentlich bescheuert? 3:0 zur Pause! Wisst Ihr, was das heißt? Tabellenführer! T-A-B-E-L-L-E-N-F-Ü-H-R-E-R! Und denkt jetzt nicht, meine Glatze schimmert so, weil ich mich freue! Wir sind momentan Erster. Das gab’s vor genau elf Jahren schon einmal. Gegen Schalke. ‚So empfiehlt sich Gladbach für höhere Aufgaben‘, haben sie in den Medien damals gelallt. Wisst ihr, wie die ‚höheren Aufgaben‘ aussahen? Wir sind abgestiegen! Sang- und klanglos. Also ich nicht, aber die Anderen – Patrik, Jörgen, Uwe und Konsorten. Ihr geht jetzt daraus und biegt das grade – besser früher als später! Und wehe, wir gewinnen mit zwei Toren! Dante, comprendes? Nix mehr Gol, Gol vorne. Also, auf geht’s!“

Und die Fohlen handelten, wie ihnen befohlen wurde

Direkt nach der Pause bringt Matmour seinen Trainer beinahe erneut zur Weißglut. Mutterseelenallein taucht er vor Heerwagen auf. Doch kurz bevor es ernst wird, besinnt sich der Algerier auf die Ansprache seines Trainers. Kurz hakt er eines seiner Storchenbeine im Rasen ein, vorbei ist die Chance, einen klaren Sieg in die Kategorie „Kantersieg“ bzw. „was fürs Torverhältnis tun“ zu befördern. Zum ersten Mal beiße ich in meinen Schal.

Als Azaouagh frei vor Heimeroth auftaucht, verhindert der den zweiten Biss, indem er das einzig Richtige tut: Er bleibt aufrecht stehen und lässt sich anschießen. „Bahnschranke“ nenne ich unseren Ersatzkeeper liebevoll – und das beileibe nicht wegen einer vermeintlichen Vorliebe für Pommes mit Ketchup und Mayo. Nur eine Minute danach ist „Bahnschranke“ machtlos. Stehenbleiben hätte bei Azaouaghs haargenauem Schuss in den Winkel für Heimeroth nur bei 2,38 Metern Körpergröße und merkwürdigem Stellungsspiel Sinn gemacht. So steht es plötzlich 1:3 und eigentlich lohnt es sich gar nicht, hier einen neuen Satz zu beginnen. Denn noch plötzlicher springt die Bochumer Toranzeige auf „2“ um. Marx hält Azaouaghs Kopie seines ersten Treffers aus sicherer Entfernung mit einer 8-mm-Kamera fest. Der Rest erfüllt seine Komparsenrolle mit Bravour. Fertig ist ein Tor des Monats, zumindest der Woche, bei dem fünf Borussen hilfsbereit mitwirken. Alleine für das Glück, den Ball so glänzend zu treffen, hat der kleine Bochumer selbst sorgen müssen.

„Der VfL ist wieder da“, hatte die prall gefüllte Gästekurve in Hälfte eins angestimmt. Dasselbe Lied würde an dieser Stelle viel besser passen. Denn nach Bochums Anschlusstreffer bin ich mir todsicher: Der VfL ist wirklich wieder da. Nach einer knappen Stunde untermauert Dante diesen Eindruck noch einmal. Im Laufduell mit Sestak reibt er diesem liebevoll mit Wick Vaporub die Brust ein. Der Slowake fällt, als seien plötzlich seine Lungenflügel kollabiert. Dante war letzter Mann und wird zum ersten Borussen seit dem Wiederaufstieg, der mit Rot vom Platz muss. Sestak dagegen hat Glück, mit dem Leben davongekommen zu sein, da sind sich alle einig. Als er nur vier Minuten nach seinem Todeskampf das 3:3 erzielt, jubeln selbst Gladbacher Anhänger. Einfach zu schön dieser Fußball – gerade noch auf der Trage, wenig später schon wieder Torschütze. Übrigens erhält Christofer Heimeroth kurz darauf eine SMS mit einem Jobangebot der Deutschen Bahn. Am Bahnübergang zwischen Anrath und Süchteln werden die Schranken erneuert.

Wiederkommen oder wegbleiben?

Zum zweiten Mal innerhalb von gut einer Stunde weiß ich vor Ungläubigkeit weder ein noch aus. ‚Wenigstens nicht mehr Tabellenführer‘, ist das einzig Positive, was mir einfällt. Doch so wie es weitergeht, können wir zunächst froh sein, nicht zum ersten Team zu mutieren, das innerhalb eines Spiels von der Tabellenspitze ans –ende fällt. Diese 90 Minuten in Bochum sind keine Hochgebirgsetappe der Tour de France mit einem mehrfachen Auf und Ab. Sie sind ein einziger Berg von 4000 Metern Höhe mit steilen Anstieg und noch steilerem Gefälle nach dem Gipfel.

Wider Erwarten hält die Partie kurz vor dem Ende noch einen kleinen Gegenhügel parat. Levels – erstmals mit der Kapitänsbinde am Arm in der Bundesliga – zaubert sich auf Rechts bis an die Grundlinie durch. Seinen Rückpass muss Arango nur irgendwie ins Tor befördern. Doch seine Hirnhälften verheddern sich, er nimmt den Linken anstatt den Rechten. Heerwagen ist dran und befördert den Ball gerade so über die Querlatte. „Ganz klares Handspiel!“, schickt mir meine Mutter umgehend eine SMS. „Jaja, vom Torhüter, hab‘ ich auch gesehen“, will ich schon zurückschreiben. Ein Handspiel habe ich ansonsten nirgendwo gesehen. Vermutlich habe ich aber auch einfach zu viel Energie dafür verschwendet, meinen Schal zwischen den Zähnen zu zermalmen. Am späten Abend liefern die Fernsehbilder Aufklärung. Pfertzel hatte sich mit allen erlaubten und eben auch mit einem nicht erlaubten Körperteil in Arangos Schuss geworfen. Letztendlich wohl aber eine Lappalie im Vergleich zu Dantes blutrünstiger Einbalsamierung von Sestak.

Zum dritten Mal in meinem Leben schreite ich unzufrieden vom Stadion zurück zum Bochumer Bahnhof. Ein 0:2, ein 2:2, ein 3:3 nach 3:0-Pausenführung – die Steigerung ist da, ein vierter Besuch wohl aber unvermeidlich. Es sei denn, Bochum liefert in Zukunft mehrere erste Halbzeiten auf diesem Niveau ab und macht wahr, was 10000 Gladbacher bereits kurz vor der Pause vollmundig prophezeit hatten: „Wir singen Bochum, Bochum, zweite Liga…“

Auf dem Rückweg nichtlächelt mich das Gesicht von Frau Dr. Scholz noch immer von jeder zweiten Straßenlaterne an. Eine gutes Argument für einen erneuten Besuch in Bochum gäbe es: Beim nächsten Mal wird definitiv keine Kommunalwahl vor der Tür stehen.

11. August 2009 von Jannik Sorgatz
Kategorien: Fohlengeflüster | Schlagwörter: , , , | 6 Kommentare

Kommentare (6)

  1. Endlich eine einleuchtende Erklärung für die grundverschiedene 2. Halbzeit, danke!

    Nur dieses Heimeroth-Bashing…., der Junge konnte doch wirklich am allerwenigsten für die Tore und den Einbruch!

  2. wieder einmal gut gemacht

    eine private frage: wie viele stunden musstest du als zivi arbeiten? und musstest du auch am wochenende ran?

  3. @Si: Ok, Heimeroth war’s beileibe nicht Schuld. Aber diese Lethargie und die Rumfausterei im Strafraum (letztendlich alles ohne Folgen) sorgen vielleicht dafür, dass sich da über 90 Minuten etwas bei mir anstaut, das irgendwie raus muss;) Vom Kicker gab’s ja auch ‘ne 2,5.

    @paule: Unter der Woche von 8 – 16 Uhr mit halber Stunde Mittag. Alle sechs Wochenenden zwei Stunden am Sonntagmorgen.

  4. Unglaublich gute Zusammenfassung – nachdem ich am Sonntag vor Aufregung mindestens 2 Jahre meines Lebens eingebüßt habe, tut es auf eine seltsame Art und Weise doch gut, dank so einem schönen Beitrag rückblickend herzhaft darüber lachen zu können!

  5. Hi,

    ich habe nun eine gefühlte Ewigkeit auf Deine Berichte
    gewartet. Immer wieder schön Deine Berichte, auch vor und nach dem Spiel und wie du das Spiel erlebt hast trifft auch meistens mein Empfinden.

    Weiter so, aber ich denke das wir dieses Jahr von Dir mehr postive als Leidensgeschichten lesen können, hoffe ich zumindest.

    Unsere Borussia hat auf jeden Fall personell aufgeholt und
    wird nicht die gleiche Saison wie von Dir die beschriebene
    letzte ablegen.

    Also, ergöze uns weiter mit Deinen detailierten Berichten, hoffentlich mit einem positiven Ergebnis.

    40 -1 = 39 (es fehlt also noch was, da wir dieses Jahr mit 31 Punkten nicht durchkommen werden….

    Also gegen Hertha muss nachgelegt werden….. +3

    Liebe Grüße Clavadista und weiter so weils Spass macht.

  6. Pingback: Destruktive Stärke | Hertha BSC Blog

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