Fohlengeflüster (24): Aufbau Ost

Notorische, unverbesserliche Optimisten können selbst aus einem schwachen 2:2 beim Abstiegskandidaten Jena noch positive Schlüsse ziehen. Und weil ich selbst dazu gehöre, betrachte ich den glücklichen, aber mit Moral erarbeiteten Punktgewinn, der allenfalls an „Aufbau Ost“ erinnerte, in einem nicht allzu schlechten Licht. Gladbach wird in die Bundesliga zurückkehren – fraglich bleibt nur wann und wo.

Manchmal will es der Verlauf eines Spiels so, dass der Frust über ein weiteres verpasstes Auswärtsspiel schnell der Erleichterung weicht, die 470 Kilometer lange Reise nach Jena letztendlich doch nicht angetreten zu haben. Wobei diese Einstellung eigentlich Blödsinn ist. Denn schließlich habe ich mir auch insgesamt 20 Partien der letzten Saison angetan, dabei ganze fünf Siege erlebt – freilich alle im Borussia-Park – und neunmal mit gesenktem Kopf als Verlierer nach Hause schleichen müssen. Ich bin nicht Borusse, weil ich Wochenende für Wochenende drei Punkte will und jedes Jahr Meisterschaft, Pokal und Champions League gleich dazu. Nein, gewiss nicht.

Vage Erinnerungen an den Pokalsieg ’95, ein aberkannter Sieg beim DFB-Hallenmasters und ein Aufstieg in die Bundesliga stehen zumal ganz oben auf der Liste der größten Erfolge meines 13-jährigen Fandaseins. Diese wilde Ehe basiert größtenteils auf dem gemeinsamen Nenner eines ausgeprägten Hangs zum Sadismus und purer Leidensfähigkeit. Der Versuchung, den Samstagnachmittag einmal für Gartenarbeit zu verplanen, konnte ich trotz des sich anbahnenden Niedergangs stets widerstehen. Schließlich ziehe ich naturgemäß selbst eine bittere Pleite dem Rasenmäher vor.

Wenn das Spiel bei Carl-Zeiss Jena, das 29. dieser Saison, ein Glas gewesen ist, dann kann man es aufgrund positiver Randnotizen – auch unangefochtene Tabellenführung genannt – ruhig als halbvoll betrachten und die pessimistische Ansicht vom halbleeren Glas getrost vergessen. Aber wie immer der Reihe nach.

Die Thüringer Sonne steht bereits etwas tiefer an diesem frühen Mittwochabend um 17:30 Uhr. Bei der Platzwahl kann man sehen, wie die letzten Sonnenstrahlen im Hintergrund die Berge des Saaletals in Szene setzen. Bei diesem recht idyllischen Anblick, der gar nicht in das Bild des bald darauf beginnenden Fußballspiels passt, fällt mir auf, wie absurd es eigentlich gewesen ist, dass mir der „Anstieg“ zum Bökelberg vorbei an der Elisabethkirche jedes Mal relativ steil vorkam. Eigentlich kein Wunder. Den Feldweg, der zur Landstraße hinter unserem Haus führt, habe ich in alten Kettcar-Zeiten auch einen „Berg“ getauft. Auf drei Hundert Meter Länge überwindet der Weg eine unfassbare Höhe von fünf Metern – großzügig bemessen. So sind wir eben, wir Niederrheiner: Bodenständig, aber dennoch immer hoch hinaus wollend.

Brouwers rückt nach abgesessener Rotsperre für den verletzen Gohouri bzw. für dessen Stellvertreter Kleine in die Startelf. Ndjeng ersetzt den ebenfalls angeschlagenen Touma. Bereits nach neun Minuten dreht sich der Rückenwind aus dem Spiel gegen Fürth vor drei Tagen. Simak schickt Schied auf den Weg in Richtung Tor. Der Jenaer Angreifer lässt sich die Gelegenheit nicht nehmen und sorgt für Gladbachs erst achtes Gegentor in der ersten Halbzeit. Es ist das vierte in der Anfangsviertelstunde, danach hat die Borussia das Spiel nie mehr gewinnen können, wie es überhaupt durchweg der Fall gewesen ist, wenn der Gegner in Führung ging.

Der Aufsteiger in spe tritt leblos auf, mit einem Anflug von Überheblichkeit, der an die Midseason-Crisis nach der Winterpause erinnert, als Gladbach in fünf aufeinander folgenden Spielen sieglos blieb. Jos Luhukay wirkt dem schlechten Eindruck der Anfangsphase schon nach zwanzig Minuten entgegen und setzt mit der Hereinnahme von Coulibaly für Levels ein Zeichen. Der Aufschwung bleibt jedoch aus, allein Rösler gelingt es, die Lethargie mit einem Distanzschuss etwas zu lösen. Man kann nicht einmal konstatieren, dass Jena sich genügsam auf der Führung ausruht. Die Räume gegen die schlechteste Defensive der Liga sind da, was man von Gladbacher Spritzigkeit und Ideenreichtum in der ersten Hälfte nicht behaupten kann. Konsequenterweise erhält die Borussia kurz vor der Pause die Quittung für einen der schwächsten Auftritte der Saison. Werner schießt nach erneut gutem Zuspiel vom starken Simak aus halblinker Position. Heimeroth währt zwar wie gelernt zur Seite ab, doch Schied steht goldrichtig und erzielt seinen zweiten Treffer.

Gladbachs unakzeptable Leistung der ersten 45 Minuten fällt bestenfalls in die Kategorie „Aufbau Ost“. Die Jungs von Jos Luhukay, am Sonntag zuvor noch mit einem überragenden 3:0 gegen Mitkonkurrent Fürth, stellen sich an, als wollten sie den engagierten Jenensern die letzte Chance auf den Klassenerhalt nicht nehmen und die drei Punkte brüderlich in Thüringen lassen.

Die Fohlenelf ist kaum in der Kabine verschwunden, da stehen die Geläuterten auch schon wieder auf dem Platz – wie immer nüchtern, aber überzeugend eingeschworen von ihrem Trainer, das Spiel noch zum Guten zu wenden. Unter den Spielern, die minutenlang den Anpfiff zur zweiten Hälfte erwarten, ist auch ein neues Gesicht. Roberto Colautti darf seine Torjägerqualitäten, die ihn im letzten Sommer von Maccabi Haifa an den Niederrhein befördert haben, erstmals über eine ganze Halbzeit unter Beweis stellen. Bisher hatte er bei sieben Einwechslungen mit einem Treffer gegen Wehen nicht einmal die 100-Minuten-Marke geknackt.

Anders als im ersten Durchgang gelingt es der Borussia zunehmend, die eigenen Stärken im Angriffspiel in den Mittelpunkt zu rücken. Dank Sascha Rösler klingelt es nach 53 Minuten erstmals im Kasten von Khomutovski. Doch die Fahne des Linienrichters ist zu Recht oben und verwährt dem wie immer hochmotivierten und aggressiven Gladbacher Leitwolf den Anschlusstreffer.

An der verkehrten Welt in der Englischen Woche ändert sich in der Folge jedoch nur bedingt etwas. Jena spielt auf wie ein Aufstiegskandidat. Nach einem einmal mehr genialen Spielzug unter der Regie von Jan Simak scheitert der Tscheche diesmal selbst am soliden Heimeroth.
Eine gute Stunde ist vorbei, als Marin den Ball von der linken mit viel Schnitt in Richtung Tor schlägt. Colautti darf sich mutterseelenallein und in aller Ruhe die Ecke aussuchen, Khomutovski kommt nicht entscheidend mit den Fingern an den wuchtigen Kopfball heran und schon steht es nur noch 1:2 aus Gladbacher Sicht.

In der Folge hält Heimeroth seine Mannschaft mit einer weiteren starken Parade im Rennen um die wichtigen Auswärtspunkte. Schied zieht den Kürzeren. In einer Szene sieht sich die gesamte Arbeitsweise von Jos Luhukay versinnbildlicht: Der Niederländer erbost sich so sehr über eine Entscheidung von Schiedsrichter Weiner, dass dieser ein paar mahnende Worte für ihn findet. Doch vermutlich hat Luhukay bei seiner Kritik nicht die polemische Schublade geöffnet, sondern sich wie immer besonnen geäußert. Kurze Zeit später ist sein Gegenüber Henning Bürger nicht mehr zu halten, als Weiner korrekterweise auf Freistoß anstelle eines Elfmeters entscheidet. Prompt findet sich Jenas Coach auf der Tribüne wieder.
Es sind in diesen frühen Abendstunden, die scheinbaren Nebensächlichkeiten, die unterstreichen, warum Gladbach in geraumer Zeit die Rückkehr ins Oberhaus unter Dach und Fach bringen wird.

Ohne den Gegner bis zum Umfallen in die eigene Hälfte eingeschnürt zu haben, kommt die Elf vom Niederrein eine Viertelstunde vor dem Ende doch noch zum unverhofften und allenfalls durch die gute Moral verdienten Ausgleich. Marin tritt eine Ecke von rechts, Colautti steigt am höchsten und lässt dem Keeper keine Chance. Irgendwie steht es 2:2 nach 75 Minuten voller Krampf auf Borussenseite. Marin-Colautti heißt das unangefochtene Erfolgsduo des Abends.

Mit seiner elften Torvorlage der Saison zeigt der U21-Nationalspieler, warum er derzeit der bessere Ndjeng ist. Colautti stellt unter Beweis, dass er das Zeug hat der derzeit bessere Friend zu sein. Dessen Leistung verdient nicht derweil wirklich eine Erwähnung. Die vollkommene Wende hätte zum Ende durchaus ins Bild gepasst, aber im Gegenteil wird die Borussia noch einmal vehement daran erinnert, wie zufrieden sie mit diesem 56. Punktgewinn der Saison sein kann.

Der eingewechselte Torghelle, im Hinspiel beim 2:1 einziger Jenaer Torschütze, trifft kurz vor dem Ende den Pfosten. Nehmen wir es als Metapher für ein merkwürdiges Fußballspiel. Die Moral und das Glück einer Spitzenmannschaft verhindert letztendlich ein noch merkwürdigeres Bild in der Ergebnisübersicht des 29.Spieltages. Die Partie Jena gegen Gladbach ist die einzige, die nicht mit einem Sieg für die Heimmannschaft endet.

Mein grün-weißes Doppeltrikot hatte bereits den geistigen Weg in die Waschmaschine angetreten, doch nach dem nunmehr neunten Spiel in Folge ohne Niederlage bleibt ihm die seltene Prozedur mal wieder erspart. Gladbach büßt zwar zwei Punkte aufs zweitklassige Ufer ein, darf sich jedoch immer noch mit sieben Punkten Vorsprung auf Mainz rühmen. Zudem bleibt auch die Führung in der Auswärtstabelle in Fohlenhänden. Die Bilanz der letzten Auswärtsspiele beschwört erneut die Frage nach dem halbvollen oder halbleeren Glas herauf. Einerseits ist man seit fünf Partien auf fremden Platz ungeschlagen. Andererseits gab es in der Rückrunde erst einen Auswärtssieg zu bejubeln. Und so machen wir es einfach wie immer und nehmen das Positive da dankend mit, wo es sich anbietet.

Da Köln sich noch mit Mainz und Hoffenheim messen muss, genügen der Borussia mit Sicherheit sieben Punkte aus den letzten fünf Spielen, um den Wiederaufstieg endgültig zu besiegeln. Gegen 1860 München wird das auf keinen Fall gelingen. Gegen Offenbach unter Umständen nur, wenn Mainz und Fürth bei zwei Gladbacher Dreiern mindestens einmal verlieren. Gegebenfalls reichen auch zwei sieglose Spiele entweder von Köln oder Hoffenheim aus.

Es ist müßig über das wann und wo zu philosophieren. Es wird passieren, davon darf man trotz des schwachen Auftritts in Jena aber weiterhin ausgehen. Das Heimspiel gegen Wehen erscheint dafür geradezu prädestiniert. Zum Schluss könnte man auch ein etwas krasses, aber durchaus passendes Beispiel bemühen: Wer die Wahl hat, wird im Alter womöglich lieber zuhause sterben wollen als in den fremden, sterilen Wänden eines Krankenhauses (personifiziert durch den Bieberer Berg in Offenbach) – mit dem feinen Unterschied, dass das Abenteuer Unterhaus zwar sein Ende erleidet, die Borussia jedoch gleichzeitig eine kleine Wiedergeburt feiern darf.

19. April 2008 von Jannik Sorgatz
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