King Kahn tritt ab

Noch maximal acht Pflichtspiele plus sein Abschiedsspiel wird Oliver Kahn bestreiten. Dann ist Schluss nach 21 Jahren Profifußball, 21 Jahren voller Titel und Eskapaden. Lange Zeit gehasst, später zumindest geachtet, erfreut Kahn sich im Spätherbst seiner Karriere schier ungewohnter Beliebtheit. Ein Abgesang auf den besten deutschen Torwart aller Zeiten.

Man kann die ZDF-Berichterstattung vom DFB-Pokalfinale, vor allen Dingen den Kommentar von Béla Rethy, durchaus als oberflächlich bezeichnen: Letztes Pokalspiel von Kahn und Hitzfeld hier, möglicher Abschied von Doll da. Ganz so schlimm war es dennoch nicht. Schließlich war in der Woche zuvor schon alles gesagt worden, was irgendwie sagenswert erschien. Die Rollen waren klar verteilt. Die Bayern würden entweder gewinnen oder sich selbst schlagen. Und da Hitzfelds zweiter Abgang nach 2004 und die möglicherweise drohende Entlassung des Dortmunder Trainers vergleichsweise wenig juckten, durfte Oliver Kahn im sonnigen Spätherbst seiner Karriere noch einmal voll und ganz das Rampenlicht auskosten.

Nach getaner Arbeit genoss er die letzten Momente im Berliner Olympiastadion so ausgiebig, dass es für die F.A.Z. Erinnerungen an Franz Beckenbauers Spaziergang über den römischen Rasen nach dem WM-Triumph 1990 weckte. Selten hat man Kahn so sentimental erlebt. Schon vor knapp zwei Wochen, als seine Europacup-Karriere bereits ihrem Ende geweiht schien und Luca Toni in der Madrider Vorstadt erst in letzter Sekunde das Halbfinalticket löste, hatte er die eine oder andere Träne verdrückt. Mark van Bommels Jochbein musste im Jubelsturm fast dran glauben. Das hätte schon eher zu dem Oliver Kahn gepasst, wie man ihn kennt – und auch das Opfer hätte nicht viele Genesungswünsche erhalten.

Der Bayern-Kapitän hat den einen oder anderen Gegner bereits in den psychologischen Vorruhestand geschickt. „Heikoherrlichitis“ nennt Trainer Baade das in einem Post von gestern. In Kahns persönlich gestiftetem Hort für geschundene Fußballerseelen heißen die prominentesten Patienten neben Heiko Herrlich mit Sicherheit Stéphane Chapuisat und Thomas Brdaric. Dass Mohammadou Idrissou nicht ebenfalls dort einziehen musste, spricht für Kahns neu gewonnene und ungekannte Ruhe. Als ihn der Duisburger Stürmer letzten Herbst über die Klinge springen ließ, wie es noch kein anderer in der Weltgeschichte gewagt hatte, würdigte der Titan i.R. den Kameruner nicht einmal eines bösen Blickes.

„Altersmilde“ haben ihm einige in den letzten Wochen bescheinigt. Wenn man ihn neuerdings reden hört und sieht, wie sich die jungen Schweinsteigers, Lahms und Podolskis wie Enkel auf dem Schoß ihres Großvaters in einer Jubeltraube um ihren großen Captain scharen, dann kann man nicht anders, als die einstige personifizierte Giftschleuder des deutschen Ligafußballs vollends in sein Herz zu schließen. Seine Redensart ist noch dieselbe wie vor zehn Jahren – mit verzogenen Lippen und kleinen Augen, als habe ihm Mutters Spinat nicht geschmeckt souffliert er über die Welt des Fußballs. Der Gag mit den Bananen im Strafraum ist mittlerweile zwar von gestern. Dennoch ließen es sich die Dortmunder Anhänger nicht nehmen, das gesamte Werbeartikel-Reservoir eines bekannten Bananenlieferanten fürs Pokalfinale zu plündern. Doch heutzutage ist der Inhalt seiner weisen Worte, die vor Jahren noch niemand als weise befand, ein anderer. Selten hat man so viele Worte mit so viel Inhalt aus dem Mund eines Fußballers fließen gehört. Die Provokationen alter Tage sind verstummt. Heute nimmt Kahn sich lieber die Zeit, um über „diese ominöse neunzigste Minute“ zu schwelgen, die ihn wohl bis ans Ende seines Lebens verfolgen werde. Und tatsächlich klingt er dabei wie der Großvater im Schaukelstuhl, der seinen Enkeln Grimms Märchen vorliest oder von seinen Errungenschaften längst vergangener Tage schwärmt.

Großväter tendieren gewohnheitsmäßig dazu, ihre Heldentaten so extrem feierlich auszuschmücken, bis man meint, Bismarck oder Beethoven seien von den Toten zurückgekehrt. Doch Größenwahnsinn hat Kahn heute beileibe nicht mehr nötig. Warum auch. In den nächsten Wochen wird er die achte Meisterschaft seiner Laufbahn einheimsen. Mit dem sechsten Triumph im DFB-Pokal bei nur einer einzigen Finalpleite 1999 gegen Bremen hat er sich zudem einen weiteren Rekord gesichert. Zu einem UEFA-Cup-Sieg könnte sich Mitte Mai ein zweiter gesellen. Am Champions-League-Erfolg 2001 war er des Weiteren maßgeblich beteiligt, als er im Finale gegen Valencia gleich drei Elfer parierte.

Weltpokalsieger, sechsmaliger Ligapokalsieger, Europameister: Allein ein bedeutender Titel blieb ihm in 21 Jahren Profidasein versagt – Weltmeister. Immerhin hat er ein Finale erreicht, wurde zusätzlich als bester Spieler des WM-Turniers in Japan und Südkorea geehrt, als er von der Vorrunde bis zum Finale 427 Minuten in Folge unbezwungen blieb. Doch sein Patzer im Endspiel von Yokohama, der ihn vom neu erworbenen Götterstatus wieder zurück in die Menschlichkeit beförderte, scheint noch immer, auch sechs Jahre danach, am Torwart-Titan zu nagen. Fast wehmütig – soweit man Oliver Kahn überhaupt zutraut, das Gefühl der Wehmut in seinem Gefühlskatalog zu führen – stellte er im ZDF-Sportstudio fest, dass Luca Toni, der indes seinen ersten Titel auf Vereinsebene überhaupt feiern durfte, ihm den WM-Titel ruhig überlassen könne. Es erscheint beinahe mühselig, Kahns lange Liste der Errungenschaften mit dem zweimaligen Titel „Fußballer des Jahres in Deutschland“ und der dreimaligen Auszeichnung als „Welttorhüter des Jahres“ fortzusetzen. Seine 86 Länderspiele als Torhüter sind nur von Sepp Maiers 95 übertroffen. Man stelle sich vor, der gebürtige Karlsruher wäre früher zum Stammtorwart auserkoren worden und nicht erst von Erich Ribbeck nach der WM ’98.

Oliver Kahn hat nicht nur die Höhen einer unvergleichlichen Karriere erlebt, sondern ist auch durch dunklere Täler geschritten. Doch Niederschläge wie die späte Pleite von Barcelona gegen Manchester United haben ihn nur noch stärker gemacht. Man nimmt seinen baldigen Abgang mit einem Anflug von Ungläubigkeit wahr. Kahn wird im Juni 39 Jahre alt, einen Tag bevor die Nationalelf ihr letztes Vorrundenspiel gegen Österreich bestreitet. Ob man es ihm ansieht, ist eine andere, weitaus irrelevantere Frage. Auf jeden Fall würde ein unwissender Beobachter das Alter des gewohnt souveränen, athletischen Keepers im Bayern-Tor wohl nicht annähernd in Nähe der 40 ansiedeln. Wenn nichts mehr dazwischen kommt, wird Kahn am 18. Mai mit 559 Spielen auf dem Buckel für immer von der Bundesliga-Bühne abtreten. Nur Manni Kaltz und Karl-Heinz Körbel werden dann noch vor ihm liegen. Kahns von Natur aus unbändigen Ehrgeiz berücksichtigend, fällt es schwer zu glauben, dass er diesen Rekord kampflos hergibt.

Es gibt wenige Fußballer, von denen uns über die Jahre so viele unvergessliche Bilder im Gedächtnis haften geblieben sind: Kahn in Kung-Fu-Manier gegen Chapuisat. Kahn mit klaffender Wunde nach dem berühmten Golfballwurf von Freiburg. Kahn mit der Eckfahne auf dem Boden rollend nach dem Last-Minute-Gewinn der Meisterschaft 2001. Kahn mit der Schale im selben Jahr, lauthals und immer wieder „da ist das Ding“ schreiend“. Dann die Aufnahme von Kahns pariertem Elfer gegen Valencia aus der Vogelperspektive. Kahn an den Pfosten gelehnt nach dem verlorenen WM-Finale 2002. Kahn mit aufmunternden Worten für seinen Erzrivalen Jens Lehmann vor dem Elfmeterschießen gegen Argentinien 2006. Kahn mit Tränen in den Augen nach dem 3:3 in Getafe. Und zu guter Letzt Kahns sensationelle Parade von Kringes Weitschuss am Samstag im Pokalfinale.

Oliver Kahn ist nie jemand gewesen, den man auf Händen durch die ganze Stadt trägt. Jemand, dem auf diversen Spruchbändern ernst gemeinte Avancen à la „Ich will ein Kind von Dir“ gemacht werden. Man könnte ihn als einen Menschen beschreiben, der meinem ehemaligen Lateinlehrer ähnelt. Nicht geliebt, oft gehasst, dennoch aus Furcht und Ehrfurcht geachtet, weil aufrichtig und einfach gut. In ein paar Wochen ist Schluss. Noch vor sieben Jahren, als er sich mit der Eckfahne in der AOL-Arena auf dem Boden wälzte, Sekunden nachdem Patrik Andersson in letzter Sekunde das entscheidende Tor im Fernduell gegen Schalke erzielt hat, hätte ich diese Wort nie für möglich gehalten: Olli, Du wirst fehlen.

21. April 2008 von Jannik Sorgatz
Kategorien: Damals, als..., Innenrist | 2 Kommentare

Kommentare (2)

  1. Gut!

  2. Pingback: jochbein

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