In Zweiten wird’s wohl besser – 2. Akt:
Ekelerregende Liga-Attraktion

Gladbach Motivbild

Gladbach 2:1 Hertha – eine besudelte Hose, eine Gänsehaut, ein Saisonstart nach Maß, ein Haudegen ohne Haare und ein Torwart auf der Linie

Die Technologie des 21. Jahrhunderts hat ja so einiges revolutioniert. Man kann zum Beispiel zu jeder Tages- und Nachtzeit ein Ticket für Heimspiele des herzeigenen Klubs ergattern. Theoretisch von jedem Flecken Erde – solange anderweitige Technologie-Revolutionen einwandfreien Internetempfang ermöglichen. Und so soll es also vorkommen, dass Leute am nunmehr vorletzten Sonntag um genau 16:23 Uhr online eine Eintrittskarte fürs erste Heimspiel der neuen Saison gekauft haben. Gladbach führte mit 3:0, war Tabellenführer und die erste Meisterschaft seit 1977 nahezu in trockenen Tüchern. Um 17:19 Uhr wiederum stand es 3:3, das Spiel war vorbei, die Titelträume vorerst in Luft aufgelöst – die frische Eintrittskarte jedoch immer noch da (wenn auch noch nicht greifbar).

Mein Vater wird sich vielleicht sogar freuen, dass er – das einzige Familienmitglied ohne Dauerkarte – hier einmal Erwähnung findet. Mit einem ganz so langen Gesicht wie an jenem besagten Sonntag wird er seine damalige Euphorie sicher auch nicht mehr betrachten. Immerhin kann er im Gegensatz zu Zehntausenden nicht im Stadion Anwesenden nun behaupten, den ersten Heimsieg der Saison und ein erneut sehenswertes Spiel aus nächster Nähe beobachtet zu haben. Wie viele der 41814 Zuschauer im Borussia-Park ihre Karte ebenfalls in einem 15-Minuten-Intervall während des Bochum-Spiels gekauft haben, ist leider nicht überliefert. Das herauszufinden, wäre eigentlich einen Anruf wert.

Im vierten Dauerkartenjahr in Folge auf demselben Sitzplatz heißt es mittlerweile „Wiedersehen mit Freunden“, wenn das erste Heimspiel ansteht. Fast drei Monate bin ich nicht im Borussia-Park gewesen. Zieht man die vierwöchige Sommerpause ab, bleiben also nur noch acht Monate, die man in seinem oft so bezeichneten „Wohnzimmer“ verbringt. Macht bei siebzehn Heimspielen und gewohnter Ankunft eineinhalb Stunden vor Spielbeginn nicht einmal 60 Stunden pro Kalenderjahr, weniger als fünf pro Monat und knapp zehn Minuten pro Tag. In welcher Größenordnung sich diese Zahlen nun bewegen, hängt wohl bloß vom Wie-tief-stecke-ich-in-der-Sache-drin-Faktor ab. Mein Fazit nach der „Elf vom Niederrhein“ und der ersten Gänsehaut nach wochenlanger Abstinenz: Bin viel zu selten da.

Ferienleere im Stadion?

Dass es beim ersten Auftritt vor heimischem Publikum häufiger noch etwas leer auf den Tribünen ist, wird gerne auf die Sommerferien geschoben. Stau, Sommerloch, Wiederholungen im TV – immer auf die Ferien. Sind sie vorbei, ist es auch nicht in Ordnung. Fragt sich nur, ob am letzten Tag vor Schulbeginn tatsächlich um die 8000 stadiongehende Borussen die Autobahnen, Flughäfen und Bahnhöfe des Landes bevölkern. Ich verdächtige da doch eher ein paar Rumknöser, die sich erst ein paar handfeste Argumente für einen Stadionbesuch liefern lassen wollen. Wobei ihnen das nach der letzten Saison nicht einmal zu verübeln ist.

Wer nicht ganz so nachtragend ist, sieht in den ersten Minuten eine abwartende Borussia. Kleine ersetzt Dante in der Startelf (übrigens nach der Wick-Vaporub-Affäre für zwei Spiele gesperrt), Meeuwis spielt nach abgesessener Sperre für Bradley (nicht wegen seiner schwachen Leistung, sondern wegen Schweinegrippe-Verdacht zuhause), Neuville stürmt für Colautti (hat sich unter Woche beim Länderspiel einmal mehr verletzt). Drei Änderungen, keine einzige davon freiwillig – riecht also keineswegs nach Rotation à la Luhukay und Meyer.

Auf dem Platz trudelt das Spiel lange vor sich hin. Die Hertha schießt zwar ab und zu aufs Tor, jedoch so harmlos, als ginge es allein um eine Notiz in der Torschussstatistik. Ich finde mich schon mit einem 0:0 zur Pause ab – etwas verfrüht. Denn erstens zeigt die Stadionuhr die 21. Minute an. Und zweitens habe ich meine Rechnung ohne Top-Torjäger Roel Brouwers gemacht. Kurz nach dem Blick auf die Uhr landet der Ball nach einer Ecke im Mittelfeld. Tobias Levels zieht die beste aller Optionen und befördert das Leder dorthin, wo es herkam. Brouwers steht vollkommen allein gelassen im Strafraum und hat wenig Mühe, mit einem kurzen Kopfschütteln das 1:0 zu erzielen. Ganz so explosiv wie bei allein drei Treffern in Bochum fällt der Jubel nicht aus. Nachdem die Borussia in der 113. Saisonminute bereits so viel Treffer erzielt hat wie nach vier Spielen im letzten Jahr, scheint sich früh etwas Routine einzustellen.

Neuville beim Erste-Hilfe-Kurs

Um die strapazierten Gladbacher Jubelseelen nicht allzu sehr zu strapazieren, bleibt die Pfeife von Schiri Markus Schmidt in der 32. Minute stumm. Arango hatte Ebert ans Bein geschossen, von dort war der Ball an den Arm des Herthaners geprallt. Unabsichtlich, angeschossen – alles hin oder her. Wer im Strafraum mit erhobenen Armen verteidigt, als sei der Dorfganove mit seinem Revolver in den Saloon gestürmt, darf sich einfach nicht wundern. Letztendlich wundern sich jedoch nur 15000 in der Nordkurve, deren flehende „Haaaand“-Rufe nicht erhört werden.

Kurios wird es, als Herthas Torwart Drobny und Arne Friedrich bei einem langen Pass der Borussia offensichtlich aneinander vorbeireden oder es – noch besser – einfach ganz sein lassen. Neuville ist ebenso ratlos und sieht nur dabei zu, wie der Tscheche an den Ellbogen seines Verteidigers rasselt. Wie nach einem Fass Budweiser sinkt er zu Boden, während Gladbachs alter Haudegen sofort Erste Hilfe leistet. Für Drobny geht es weiter. Doch kurz darauf scheint er noch immer zwei Bälle zu sehen. Arangos scharfen Linksschuss kann er gerade so an die Latte baggern. Unverdient ist die Führung zur Pause nicht. Die Hertha hat in ihrem Minimalismus schlichtweg vergessen, dass der Drei-Punkte-Plan keine Gegentore vorsieht.

Eine neue Saison bringt auch immer die Suche nach neuen Ritualen. Die Marotte, letzte Woche in Bochum einfach die Socken vom Tag zuvor anzuziehen, hat sich nur begrenzt bewährt (im Nachhinein glücklicherweise). Vor dem Spiel gegen Berlin habe ich mir – unfreiwillig – das linke Hosenbein vom Knie bis zur Tasche mit Senf besudelt. Zur Pause spiele ich also bereits mit dem Gedanken, die Aktion demnächst jedes Wochenende zu wiederholen. Man muss eben Opfer bringen. Ein anderes liefere ich in der Halbzeit beim Fußballgott ab. In Bochum habe ich mich zum selben Zeitpunkt – 3:0 in Führung liegend – von meinem Kaugummi getrennt. Diesmal wird durchgekaut. Selbst wenn sich der Magen so verarscht fühlt, dass er ab der 70. Minute unentwegt knurrt.

Bereits wenige Augenblicke nach dem Wiederanpfiff scheint sich die Hartnäckigkeit bezahlt zu machen. Eine verunglückte Flanke von Bobadilla streift noch die Latte. Zumindest ein Hauch von Absicht dürfte beim schlitzohrigen Minotaurus jedoch immer drin sein. Zweifellos gewollt setzt er wenig später Oliver Neuville in Szene. Mit Gefühl wird der 36-jährige auf die Reise in den Strafraum geschickt. Sein wuchtiger, präziser Querpass muss von Matmour nur noch über die Linie gedrückt werden. Wenn es klappt, sieht es bei der Borussia derzeit so einfach aus. Man muss aufpassen, dass einem nicht schon das Wörtchen „beängstigend“ herausrutscht. Neben mir denkt Sitznachbar Luca einen Schritt weiter und verkündet bereits den zweiten Tabellenplatz, „bei noch einem Tor“. „Noch ein Tor“ gibt es bereits nach wenigen Sekunden zu vermelden, jedoch nicht zu feiern. Matmour klärt, wohl noch im Freudentaumel, etwas fahrlässig zum Eckball. Die Hereingabe von Raffael segelt scharf in den Strafraum und Kacar köpft mühelos aus vier Metern ein. Christofer Heimeroth schießt bei der Gelegenheit gleich einen Satz Passbilder für den Serben. Klebebilder werden es wohl nicht gewesen sein – denn Haftstoff brauchte der Keeper selbst, um wie versteinert auf der Linie zu bleiben.

Eine “Liga-Attraktion” mit “Ekel”-Faktor

Für einen handfesten Skandal sorgt im Laufe der zweiten Hälfte Karim Matmour. Er lässt sich im Strafraum fallen. Einfach so. Frei vorm Tor. Ohne Berührung des Gegners. Reporter Steffen Simon ist in diesem Moment wohl die Kinnlade nicht nur runtergefallen. Sie hat scheinbar eine 720-Grad-Drehung vollführt vor Entsetzen. „Eine ekelerregende Schwalbe“, schießt es in der WDR-Reportage aus ihm heraus. Ich werde selbst vor dem Fernseher schon rot vor Scham, so dass ich mich gar nicht mehr genau erinnere, ob er davor nicht sogar noch ein angeekeltes „abstoßend“ in den Äther geschickt hat. Klar, es ist unnötig, unfair und vor allen Dingen dumm sich in aussichtsreicher Position fallen zu lassen. Ebenso albern ist es jedoch, sich deshalb aufzuführen, als habe die HypoRealEstate 300 Millionen Euro an Steuergeldern für eine rauschende Betriebsfeier mit Kokain und Prostituierten verprasst.

In der Schlussphase macht es Gladbachs storchenbeiniger Algerier besser. In Zeitlupe tankt er sich durch die gesamte Hertha-Hintermannschaft, wird beim Abschluss jedoch von den Kräften verlassen. Auf der anderen Seite weckt ein Schuss von Raffael Reminiszenzen an den ersten Spieltag. Doch weil in Block 19 jemand hustet, dreht der Ball in letzter Sekunde ab und verfehlt den rechten Pfosten um ein halbes Dutzend Mikrometer. Die folgenden Schlussminuten bieten Feldhandball vom Feinsten. Gladbach positioniert sich in und um den eigenen Strafraum herum. Hertha bringt jedoch nur noch eine nervtötende Chance zustande. Kacar will sein 1:2 kopieren, Heimeroth besorgt den nächsten Satz Passbilder. Diesmal sogar zum kleben, Borussias Ersatzkeeper kommt diesmal raus – allein das „Wie“ sorgt für Verwirrung und Verstörung. Kacars Kopfball knallt so wuchtig an die Latte, dass ich kurz damit liebäugele, zum Katholizismus zu konvertieren, um mich aus Dankbarkeit bekreuzigen zu können.

Das letzte Wort des Spiels hat Arango. Sein zweiter Lattentreffer, ein Schlenzer mit der Wucht eines Hammers, setzt den Schlusspunkt unter eine Partie mit viermal Aluminium, drei Toren, zwei engagierten Mannschaften, jedoch nur einem Sieger. Jener Sieger darf sich nach dem besten Saisonstart seit 2003 im Fernsehen nun schon „Liga-Attraktion“ taufen lassen. Verantwortlich dafür sind in erster Linie zwei Südamerikaner, die ihr Geld zwar jetzt noch nicht wieder eingespielt haben, es aber wohl auf jeden Fall wert sind. Nicht zu unterschlagen auch ein Oldie, der mittlerweile kaum noch schwarze, geschweige denn überhaupt Haare hat. Doch wenn Oliver Neuville dieses Niveau über weitere 32-mal 72 Minuten halten kann, dürfte er mit seiner Erfahrung und der immer noch enormen Schnelligkeit im Laufe der Saison Gold wert sein. Die einzige Frage, die sich dann stellen würde: Wohin mit Rob Friend?

17. August 2009 von Jannik Sorgatz
Kategorien: Fohlengeflüster | Schlagwörter: , , , | 1 Kommentar

1 Kommentar

  1. Super Artikel und sehr treffend… ich hab immer noch Tränen in den Augen (vor lachen)!
    Danke Jannik!!!

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