Drunter und drüber – Abstiegskampf in 45 Jahren Bundesliga

25, 26, 27, 28, 29 – in den unteren Gefilden der Tabelle ist es so eng wie lange nicht mehr. Den Klub mit der “roten Laterne” trennen gerade einmal drei Punkte vom rettenden Ufer. Wenn alles seinen Weg wie bisher geht, könnten schon 33 Punkte zum Klassenerhalt reichen – theoretisch. Und “grau” ist bekanntlich “alle Theorie”. Dennoch habe ich mir einmal die Historie des Abstiegskampfs in der Bundesliga zu Gemüte geführt und nachgeschaut, wer sich in 45 Jahren dort so knapp “über” und “unterm Strich” tummelte, und was an den berüchtigten 40 Punkten für den Klassenerhalt eigentlich dran ist.

abstieg3 copy“Erst die 40 Punkte einfahren, dann reden wir weiter” – so oder so ähnlich hört man es Jahr für Jahr von den Lippen der Trainer abstiegsgefährdeter Bundesligaklubs plätschern. In Karlsruhe biss man sich jüngst vier Spieltage an der 40er-Marke die Zähne aus, bis dann in Duisburg endlich die ersehnten Punkte Nummer 39, 40 und 41 eingefahren wurden. Dabei hätte sich der KSC eigentlich getrost auf seinen 38 Punkten ausruhen können, denn seit Einführung der Drei-Punkte-Regel im Jahr 1995 hat erst ein Team mit dieser Punktzahl den Weg in Liga Zwei antreten müssen – ok, es war der KSC höchstpersönlich.

Auch in Frankfurt erschien das Brimborium um das Ziel von 45 Zählern eigentlich unsinnig. Schließlich war es die Eintracht selbst, die 1987 mit nur 33 Punkten hauchdünn der Relegation entging. Nur Uerdingen reichte 1995 noch ein Punkt weniger, um drin zu bleiben. Ein Jahr zuvor war sie allein durch die Zwei-Punkte-Regel vor dem schweren Gang ins Duell mit dem Dritten der Zweiten Bundesliga bewahrt worden, das von 1982-1991 eine Bundesliga-Saison beschloss. Übrigens hat Frankfurt die letzten drei Spiele allesamt verloren und jedes Mal eine Gelegenheit verpasst, das selbst gesteckte Saisonziel von 45 Punkten zu erreichen.

Doch was sagen 44 Jahre Bundesliga über die Bedeutung der 40 Punkte aus? Seitdem 1974 der dritte Absteiger eingeführt wurde, konnten zwei Teams den Abstieg nicht vermeiden, obwohl sie ihre Hausaufgaben erledigt und 40 Punkte eingefahren hatten. 1980 setzte Hertha BSC Berlin die Naturgesetze des Abstiegskampfs außer Kraft, zehn Jahre später war es der VfL Bochum. Letzteren wäre der Klassenwechsel mit der Drei-Punkte-Regel jedoch erspart geblieben. 1990 hätte es nach heutigen Standards den 13. aus St.Pauli aufgrund der schlechteren Tordifferenz erwischt.

Überhaupt hat es in der Historie das ein oder andere Mal einen Unterschied gemacht, ob ein Sieg mit zwei oder drei Punkten belohnt wurde. Bochum war in der Saison 1992/93 einmal mehr Leidtragender, Dynamo Dresden profitierte. 1982 ging Dortmund, 1986 wie gesagt Frankfurt der Relegation aus dem Weg. Genau das Gegenteil erlebte der FCK vor zwölf Jahren, als insgesamt 18 Remis in 34 Spielen durch die Einführung der Drei-Punkte-Regel prompt mit dem ersten Niedergang der Vereinsgeschichte bestraft wurden.

Rekordverdächtig ist auch die aktuelle Saison. Proportional hochgerechnet, könnten schon 33 Punkte für den Klassenerhalt reichen. Mit der bislang bescheidensten Ausbeute von 34 Punkten konnten sich Wolfsburg vor zwei Jahren und Nürnberg vor sechs Jahren retten. Der “Club” könnte auch diesmal wieder Nutznießer der “Leistungs”dichte im Tabellenkeller sein. Derzeit liegen die Franken mit 26 Punkten und zwei Zählern aufs rettende Ufer auf Rang 17.

Zu den größten Lucky-Losern der Bundesligageschichte zählen übrigens Bochum, Bremen, Gladbach, Frankfurt und Karlsruhe – alle beendeten bereits drei Spielzeiten hauchdünn “überm Strich”, sprich auf Platz 15 oder – wie es bis 1974 der Fall war – auf Platz 16.
Bochum und Frankfurt mussten jedoch genauso miterleben, wie es sich anfühlt, den Klassenerhalt hauchdünn zu verpassen. Bochum stieg viermal als “bester” Absteiger ab. Frankfurt genau wie Bielefeld, Nürnberg und 1860 München dreimal.

Die Jahreszahlen bezeichnen stets das Ende einer Saison.

Durchschnittspunktzahl für Klassenerhalt:
Gesamt: 37,0 Pkt.
35,6 Pkt. von 1963-1974; 37,3 Pkt. von 1974-1995; 37,2 Pkt. von 1995-2007

Durchschnittspunktzahl des ersten Absteigers:
Gesamt: 34,1 Pkt.
32,2 Pkt. von 1963-1974; 34,7 Pkt. von 1974-1995; 34,5 Pkt. von 1995-2007

*Abstieg/Relegation nach 3-Punkte-Regel:
Dresden 1993, St.Pauli 1990, Frankfurt 1986, Düsseldorf 1982
– 4-mal in 21 Jahren zwei Punkteregel mit 3 Absteigern

Am häufigsten knapp überm Strich:
Je dreimal: Frankfurt, Gladbach, Bremen, Bochum, Karlsruhe
Je zweimal: Wolfsburg, K’lautern, Nürnberg, Rostock, Uerdingen, Hannover, Düsseldorf, Braunschweig

Am häufigsten knapp unterm Strich:
Viermal: Bochum
Je dreimal: Frankfurt, 1860 München, Nürnberg, Bielefeld,
Je zweimal: K’lautern, Karlsruhe, Dortmund, Neunkirchen, Düsseldorf

Knapp unterm Strich mit meisten Punkten:
Mit drei Absteigern: Bochum 1990, Hertha 1980 – 40 Pkt.
Mit zwei Absteigern: Nürnberg 1969 – 38 Pkt.
Drei-Punkte-Regel: Karlsruhe 1998 – 38 Pkt.

Knapp unterm Strich mit wenigsten Punkten:
Mit drei Absteigern: Homburg 1987 – 27 Pkt.
Mit zwei Absteigern: Dortmund 1972, Neunkirchen 1968 – 26 Pkt.
Drei-Punkte Regel: Freiburg 2002 – 30 Pkt.

Knapp überm Strich mit meisten Punkten:
Bremen 1978 – 44 Pkt.
Drei-Punkte-Regel: Leverkusen 2003, Rostock 1997 – 40 Pkt.

Knapp überm Strich mit wenigsten Punkten:
Uerdingen 1995 – 32 Pkt.
Drei-Punkte-Regel: Wolfsburg 2006, Nürnberg 2002 – 34 Pkt.

1965 stieg aufgrund der Aufstockung von 16 auf 18 Vereine niemand ab. Von 1963-1974 gab es zwei Absteiger. Von 1975-1981 gab es drei Absteiger, von 1982-1991 zwei Absteiger plus ein Relegationsspiel zwischen dem 16. der Ersten und dem 3. der Zweiten Bundesliga. 1992 spielten 20 Teams in der Bundesliga, vier stiegen ab, zwei auf. Seitdem spielen 18 Vereine in Deutschlands höchster Spielklasse, von denen jedes Jahr drei die Klasse nicht halten.

24. April 2008 von Jannik Sorgatz
Kategorien: Innenrist, Zahlen, bitte | 1 Kommentar

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