Im Zweiten wird’s wohl besser – 4. Akt:
Sieg an der Schmerzgrenze

Gladbach Motivbild
Gladbach 2:0 Mainz – Freitagabend, ein Stadionsprecher in Abwesenheit, sein Vertreter, viele Torhüter und noch mehr Schmerzen.

Der Stadionbesuch beginnt mit höllischen Kopfschmerzen. Es gibt Leute auf dieser Welt, deren Stimmen verboten gehören. Für die es ein Sprechverbot geben müsste, genau wie es Nachtflugverbote für Flugzeuge und Lärmschutzrichtlinien für Partymusik gibt. Zu meiner Linken im Shuttle-Bus hat sich ein derartiges Schmerzobjekt mit ihren Freunden – oder besser gesagt, Saufkumpanen – niedergelassen. Viel Alkohol fließt jedoch nicht mehr. Das meiste müsste bereits in den vorhergegangenen Stunden mit rund 17 Bar in den Blutkreislauf befördert worden sein.

Ihr Lieblingswort ist zweifellos „Hömma!“, vorzugweise mit der Lautstärke eines Martinshorns und der Lieblichkeit einer Flasche Klosterfrau Melissengeist in die Atmosphäre befördert. Das „Ö“ zieht sie dabei so lang, als wolle sie es mit ihrem Geschrei aufpusten. Eine ihrer Trinkkolleginnen kann soviel Feinfühligkeit eher nicht vorweisen. Einmal bietet sie einem ihrer Kumpels einen einseitigen Faustkampf an: „Ich schlach dich kapott!“. Im städtischen Debattierklub wäre für beide sicherlich höchstens in der dritten Mannschaft Platz.

Der derartige Beginn eines Fußballabends kann jedoch nur Gutes bedeuten. Schlimmer und vor allem schmerzvoller wird es in 90 Minuten auf dem Platz wohl nicht mehr werden. Was das „schlimm“ angeht soll es lange Zeit jedoch ziemlich eng werden. Zum Thema „schmerzhaft“ in Kürze mehr. Das erste gute Omen erblicke ich schon vorm Stadion, als ich neben den Fansteinen sitze und etwas verloren auf die Videowand blicke: Stadionsprecher Thorsten „Knippi“ Knippertz ist nicht da, moderiert jetzt nebenbei beim Sportquiz-Sender DSF. Sein Vertreter heißt Philipp Molitor, zumindest vor drei Jahren noch etatmäßiger Hallensprecher beim Basketball-Zweitligisten NVV Lions. So sehr es eine Qual war und ist, ihm zuzuhören – der Mann ist ein echter Glücksbringer. Vor gut drei Jahren hielt er gegen Borussia Dortmund das Mikro in der Hand. Die Borussia fuhr einen 2:1-Heimsieg ein. In der letzten Saison sprang er gegen den HSV erneut ein. Es gab ein 4:1 und die Wende wurde in die Wege geleitet.

Ganz so prekär wie damals ist die Lage am Freitag, 28. August 2009, jedoch nicht. Wobei nach einer Niederlage in Folge (nach zuvor drei Partien ohne!) bereits wieder das Wörtchen „Krise“ über dem Borussia-Park weht. Der furiose Saisonauftakt, die ordentliche Punkteausbeute – all das sorgt nach einem Jahr voller Leid schon wieder dafür, dass sich so etwas wie Erfolgsverwöhntheit einstellt. Bedenkliche Verhältnisse nimmt die zwar nicht so schnell an. Doch die Arroganz, gegen Mainz einen ungefährdeten Heimsieg zu fordern, darf man sich dann schon leisten.

Bobadilla beendet den Meditationsabend

Die ritualisierten Minuten vor dem Anpfiff werden diesmal zur echten Zerreißprobe. Der Interimsstadionsprecher steckt in etwa so viel Elan in seine Moderation, als hätten sich 42000 Zuschauer in den freitagabendlichen Meditationskurs einer Esotherikschule verirrt. Doch statt „bunten Luftballons, die sich ihren Weg gen Himmel in Richtung der hübschen Wölkchen bewegen“ liest Molitor tatsächlich die Aufstellung vor. Ob auf seinem Zettel jedoch die richtigen Namen standen, konnte ich leider nicht rausfinden. Zwischenzeitlich wirkt er nämlich so perplex, als habe man ihm alles in Anagrammen verschlüsselt – und das auch noch in kyrillischen Schriftzeichen. Zu so später Stunde scheint Elanlosigkeit echt ansteckend zu sein. Die „Elf vom Niederrhein“ wirkt diesmal inbrünstig wie die erwähnte Veranstaltung mit den Luftballons und Wölkchen. „Dat hätt‘ ich auch noch hinjekricht!“, sagt der Niederrheiner gerne zu solchen Anlässen.

Auch auf dem Platz geht es alles andere als schwungvoll los. Zunächst trägt das Geschehen Züge von einer freundschaftlichen Runde Parteiball.Denn die beiden Tore werden selten ins Spiel einbezogen. Erst ein Freistoß von Bobadilla reißt den Borussia-Park nach einer knappen halben Stunde aus dem tiefen Meditationsschlaf. Aus mehr als 20 Metern Entfernung scheitert der Argentinier letztendlich nur an der Größe des Tores. Dennoch scheint Bobadilla Lunte gerochen zu haben. Marx sendet einen langen Pass so gefühlvoll in die Spitze, als würde der Ball von einer Brieftaube wohlbehütet zum Adressaten begleitet werden. Der Abnehmer heißt Bobadilla, Torwart Müller will ihn noch kurz um eine Unterschrift für die Eingangsbestätigung des Einschreibens bitten. Doch der bullige Minotaurus hat keine Zeit und netzt nach einem kurzen, einseitigen Ringkampf mit van der Heyden zum 1:0 ein. Marx mutiert dank seines Zuckerpasses in den Medien kurzzeitig zu Günter Netzer (–> Tiefe des Raumes, die), während Bobadilla sich Vergleiche mit Rocky Balboa auf seine Spitznamenfahne schreiben darf.

FSV-Keeper Müller hat derweil das Schicksal heimgesucht, das irgendwann einmal jeden Briefträger trifft. Von seinem Zusammenprall mit dem Torschützen hat er zwar keine Bisswunden davon getragen, dafür aber eine Bauchmuskelzerrung, die ihn am Weiterspielen hindert. Es kommt Ersatztorwart Wetklo (hier wollen wir das Namenswitze-Verbot respektieren), der bis zur Pause ruhige Minuten verlebt und sich vor lauter Nichtstun beinahe in den nächsten Kurs von Stadionsprecher Molitor einschreibt.

Kurzarbeit beim “Kicker”

In der Kabine erleben die Spieler wohl ein Revival der Bochum-Halbzeitansprache von Michael Frontzeck – nur eben umgekehrt, sozusagen als Negativ. Denn: Nach der Pause wird der bisherige Elan mal eben hoch 45 genommen. Aus Ruhe wird Sturm. Nur 1,01 ergibt 45-mal mit sich selbst multipliziert eben weiterhin nicht mehr als 1,56481. Und so ist es auch wenig verwunderlich, dass der Spielbericht des „Kicker“ nur aus 484 Wörtern besteht. Gegen Bochum waren es einst 644, gegen Berlin – mit seinem drei Treffern auf den ersten Blick nicht gerade ein Spiel der Marke „fulminant“ – sogar 658.

Nachdem Bobadillas Freistoß kurz vor dem Führungstreffer für den ersten Paukenschlag sorgte, obliegt diese Aufgaben im zweiten Durchgang dem zweiten Vertreter der hispanischen Südamerika-Fraktion, Kollege Arango. Brasilianer Dante erledigt seinen Job derweil mit so viel Bravour, dass mich eine dürftige 3,0 vom “Kicker” schon irgendwie verwundert. Jedenfalls testet Arango einmal mehr die Standfestigkeit der Tore im Borussia-Park. Wie man mit vermeintlich gefühlvollen Freistößen das Gebälk derart zum Beben bringen kann, ist ein wahres Wunder der Einkaufspolitik.

Eine Viertelstunde vor dem Ende kommt Reus für Matmour, der nicht ohne Grund hier bislang keine Erwähnung gefunden hat. Frau „Hömma!“, der Interimsstadionsprecher, Karim Matmour – an diesem Abend in etwa eine Leistungsklasse. Wobei ich Molitor und Matmour damit nicht zu nahe treten will. Verstehen wir den Vergleich einfach als Stilmittel. Oliver Neuville muss sich noch ein paar Minuten gedulden und wird in der 80. für Tor-Debütant Bobadilla eingewechselt.

Der vorletzte Moment der ungeteilten Aufmerksamkeit gebührt jedoch Neuvilles Einwechsel-Vorgänger Reus. Der 20-jährige erobert in der eigenen Hälfte den Ball, ist mit der Kugel schneller als Gegenspieler Hyka ohne. Die Mainzer Hintermannschaft steht Spalier, eigentlich will Reus auf Colautti spielen, doch der hat scheinbar keine Zeit. Also denkt sich der angebliche Marin-Klon (optisch): ‚Wo ich schonmal hier bin, kann ich es ja auch gleich selber machen.‘ Sein 2:0 lässt die Geschichte mit dem Marin-Klon schon um einiges glaubhafter erscheinen (fußballerisch). Doch wer wird gerne in eine Schublade mit Zaubermäusen gesteckt, die sich für und mit Pattex an die Decke kleben lassen?

Neuville beim Okocha-Ähnlichkeitswettbewerb

Auf Seiten der Mainzer, die so ideenlos und konsterniert auftraten wie sonst nur an Aschermittwoch, nimmt der Abend nach dem zweiten Tor derweil dramatische Züge an. Torschütze Reus ist mit Ersatzkeeper Wetklo zusammengeprallt, nachdem er den Ball an ihm vorbeigespitzelt hat. Wetklo wird behandelt und nach dem Spiel mit Verdacht auf Beinbruch ins Krankenhaus gebracht (was sicherlich nicht passiert wäre, wenn der Marin-Reus-Vergleich lückenlos hinhauen würde). Kurz vor dem Abpfiff versaut er Oliver Neuville jedoch noch mit einer Glanzparade den Sieg im Jay-Jay-Okocha-Ähnlichkeitswettbewerb. Geschätzte zwei Minuten lang lässt der 36-jährige Sturmveteran einen Mainzer nach dem anderen ins Leere springen, ohne sich dabei selbst einen Knoten in die Beine zu spielen. Im richtigen Moment zieht er ab, doch Wetklo kennt keine Gnade. Wer möchte es ihm beim Stand von 0:2 und mit dann doch nur geprelltem Bein verübeln?

Kurz darauf ist der zweite Heimsieg in trockenen Tüchern. In der Hoffnung, in geraumer Zeit einfach mal wieder samstagnachmittags und ganz unbeirrt von irgendwelchen Feiern spielen zu dürfen, eile ich schnurstracks zum Bus-Shuttle. Von Frau „Hömma!“ Gott sei Dank keine Spur. Ohne Kopfschmerzen und beflügelt von sieben Punkten aus vier Spielen gleite ich ins Wochenende.

31. August 2009 von Jannik Sorgatz
Kategorien: Fohlengeflüster | 3 Kommentare

Kommentare (3)

  1. Hömma! (Sorry, musste sein)
    geiler Spielbericht der etwas anderen Art. Habe mich köstlich amüsiert und bin immer noch am Schmunzeln.

    Gruß
    Rapante

  2. Danke für einen fast schon von Poesie getragenen Spielbericht, der aus diesem Spiel dann doch noch mehr macht als einen Arbeitssieg.

    Immer gerne genommen…

    Oliver

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