Und ewig grüßt Lineker

Eine Standpauke von Jogi Löw und ein Platzverweis für Aserbaidschan retten einen an sich verkorksten Länderspielabend – ohne Zuschauer, dafür mit Grund zur Sorge.

Der Abend in Hannover begann bereits so, dass man nach dem Spiel auf jeden Fall vermerkt hätte: Es herrscht Gesprächsbedarf. Schuld daran war in erster Linie das Publikum in der Hannoveraner AWD-Arena – beziehungsweise die Überreste dessen, was sich einst Publikum nannte. Einen Vorwurf kann man den 32000 nicht einmal machen. Auch nicht den 13000 fehlenden Zuschauern, die das Stadion noch vor einiger Zeit ohne Protest bis auf den letzten Platz gefüllt hätten.

Es sind der DFB, seine Nationalmannschaft und das Fernsehen, die gestern eine Quittung erhalten haben. Der DFB für Eintrittspreise, für die man das Attribut „horrend“ einst überhaupt erst erfunden hat. Achtzig Euro – für das teuerste Ticket – sind der Tagesverdienst eines Arbeitsnehmers, der im Monat auf 2400 Euro Netto zurückgreifen kann. Die Mannschaft auf dem Platz bekam die Rechnung für zuletzt wenig erheiternde und vor allem lustlose Auftritte. Sicher geht der eine oder andere mit falschen Erwartungen zu einem Länderspiel. Doch wer sich schon in Bescheidenheit übt und nicht auf ein Ergebnis in schwindelerregender Höhe schielt, der sollte wenigstens mit Engagement belohnt werden.

Womit wir wieder bei den Eintrittspreisen angelangen: Wer eine ganze Ecke weniger bezahlt, würde einen wenig überzeugenden Sieg gegen Aserbaidschan vielleicht eher protestlos hinnehmen. Vielleicht hätten es ein paar Tausend „den Kindern zuliebe“ übers Herz gebracht, weit mehr als 100 Euro für einen Familienabend springen zu lassen. Wenn der Familienabend jedoch zum nächtlichen Ritt über niedersächsische Autobahnen wird, sieht das direkt einmal anders aus. Trotz seiner günstigen Verkehrslage besitzt Hannover ein nicht so großes Einzugsgebiet in Sachen Fußball wie zum Beispiel das Ruhrgebiet oder das Rheinland. In der Metropolregion Hannover-Braunschweig-Göttingen-Wolfsburg leben knapp vier Millionen Menschen, an Rhein und Ruhr dreimal so viele.

Jogi Löw hat eines der drei Probleme wenigstens erkannt. Einsicht seitens des DFB (siehe gleicher Artikel) sieht wohl anders aus. Auch das ZDF hat sich nur auf den ersten Blick um Besserung bemüht. Gegen Finnland geht es zwar um 18 Uhr los – das jedoch allein deshalb, weil das Spiel Russlands in Aserbaidschan zeitgleich angepfiffen werden muss.

Insgesamt hat die Mannschaft Glück, dass Themen wie diese heute getrost auf den Tisch geholt werden können. Denn ein Gegner, der schwächer spielte als noch im Hinspiel, und ein Platzverweis, der den Bann letztendlich brach, sorgten dafür, dass drei Punkte nie in Gefahr waren. Doch so langsam stellt sich die Frage nach den eigenen Ansprüchen. Gegen Liechtenstein, Aserbaidschan und Wales hat sich die Nationalelf in der Quali zwar keinerlei Blöße gegeben und alle sechs Partien zu Null für sich entschieden.

Gegner Nationalelf 2009Dagegen stehen seit der EM 2008 Niederlagen gegen England und Norwegen zu Buche, Unentschieden gegen Finnland und China. Die acht Gegner aus diesem Kalenderjahr standen zum Zeitpunkt des Aufeinandertreffens im Schnitt auf dem 106. Platz der FIFA-Weltrangliste. Die Kontrahenten in Freundschaftsspielen – weitgehend freiwillig ausgesucht – jedoch auch nur auf Rang 87. Norwegen, 56. und damit stärkster Gegner des Jahres, war beim 0:1 in Düsseldorf im Februar wohl gleich eine Nummer zu groß.

Und so muss man es im Hinblick auf die WM 2010 langsam mit der Angst zu tun bekommen. Eigentlich wäre vor dem Russland-Spiel schon Angstschweiß angesagt. Aber irgendwie trage ich die Hoffnung in mir, dass es ganz nach Gary Lineker am Ende doch wieder gut geht – was für 2010 ebenfalls gelten könnte. Ein anderer Grund, warum in Südafrika dann mehr als das Achtelfinale rausspringen sollte, fällt mir derzeit nicht ein.


10. September 2009 von Jannik Sorgatz
Kategorien: Die mit dem Adler, Einwurf | Schlagwörter: , , , , , | 1 Kommentar

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