Im Zweiten wird’s wohl besser – 5. Akt:
Schublade sucht Beschriftung

Gladbach Motivbild

Nürnberg 1:0 Gladbach – eine 5,5, Kopfschmerzen, eine Rückkehr, Storchenbeine im Fall, eine stumme Pfeife und ein Spendenaufruf.

Es ist gibt sie immer wieder, diese Tiefpunkte des eigenen Fandaseins. Der 30. Januar 2007 war so einer. Gladbach empfing an einem Dienstagabend den 1. FC Nürnberg, Erfrierungsgefahr für nur 33116 Zuschauer auf den Rängen, wenig Erwärmendes auf dem Rasen. Der Kicker prämierte die Nullnummer anschließend mit einer 5,5 – kein Spiel der Saison 2006/2007 bekam eine schlechtere Note. Auch Babak Rafati erwischte an der Pfeife alles andere als einen Sahnetag. Immerhin sorgte er mit merkwürdiger Zweikampfbewertung dafür, dass der Puls aller Beteiligten konstant zweistellig blieb. Rafati, der Lebensretter. Am nächsten Tag wurde Jupp Heynckes entlassen gegangen. Jos Luhukay kam und konnte am Niedergang nichts mehr ändern. Ja, nur zweieinhalb Jahre ist all das her. Wir sind in der Zeit abgestiegen, aufgestiegen, dringeblieben und arbeiten nun daran, dass sich ein Saisonfazit endlich einmal wiederholt. Sprich, wir wollen schon wieder drinbleiben.

Dass das ein durchaus ambitioniertes Ziel ist, hat uns der vergangene Samstag aufgezeigt. Genauso wie nach sieben Punkten aus vier Spielen sollte man zwar auch jetzt, nach dem zweiten schwachen Auswärtsspiel hintereinander, die berüchtigte Kirche im Dorf lassen. Doch während sich Steinmeier über die größer werdende Schere zwischen arm und reich den Kopf zerbricht, lässt die Reinkarnation des Heim-Auswärts-Gefälles die Aspirinschachtel in meinem Arzneischrank rappeln. 45 überragende Minuten in Bochum und 135 unterirdische Minuten in Bochum und Bremen gab es bislang zu beobachten. Dazu 90 Minuten in Nürnberg, die gespannt darauf warten, in eine Schublade gesteckt zu werden. Können wir auch gleich erledigen – nur die Beschriftung fehlt noch.

Wie unterschiedlich sich Auswärtspleiten gestalten können, haben wir bereits mehr als anschaulich aufgezeigt bekommen. Man kann gnadenlos untergehen, kein einziges Bein auf den Boden bekommen – und 0:3 verlieren. Andersrum ist es jedoch möglich, ein Spiel zu dominieren, ohne dominant zu sein – und ohne Punkte mit nach Hause zu nehmen. Letzteres finde ich überraschenderweise um einiges frappierender. Womöglich liegt es daran, dass man sich erst noch daran gewöhnen muss, in der Fremde eine überlegene Borussia zu sehen. Was die dennoch damit verbundene Erfolglosigkeit angeht, ist das Gladbacher Herz ja bestens geschult, im Westen nichts Neues. Gut und erfolglos – das muss sich jedoch erst noch finden.

Michael Frontzeck schickte dieselbe Elf auf den Platz wie zuletzt gegen Mainz. Das ging schon bei Luhukay nicht gut, dessen unveränderte Mannschaft nach einem 3:2 zuhause gegen Bremen in Hannover mit 1:5 baden ging. Ansonsten fehlt es an Vergleichsmöglichkeiten. Hans Meyer kann man dagegen nicht vorwerfen, dass Konstanz in die Hose ging. Keine Konstanz, keine Hose. Eigentlich für die Analyse sehr dankbar, dass sich dieselben Spieler stellten wie vor gut zwei Wochen.

Derselbe Torwart hatte keine Chance beim 0:1. Dieselbe Innenverteidigung leistete sich beim 0:1 ihren einzigen Fehler, weil Brouwers die Abseitsfalle zur harmlosen Wasserpistole werden ließ und Dante die Flanke von Eigler nicht verhinderte. Dieselbe Außenverteidigung war erneut nicht das Sahnestück einer ansonsten soliden und/weil kaum geforderten Defensive: Levels schwach, ohne Zug nach vorne, dafür mit vielen Fehlern. Jaurès wirkte bei Kluges Treffer wie ein französischer Austauschschüler, der auf Köln-Exkursion nur Bahnhof versteht (und nicht einmal das). Dieselbe Doppelsechs bestand aus einem Meeuwis, der so spielte wie gehabt (weshalb ich noch immer nicht weiß, wie das einzuordnen ist). Kollege Marx verschrieb sich nach Galavorstellung und Netzer-Imitation gegen Mainz wohl ganz der Devise „Et kann nur schlechter werden“ – wurde es auch.

Dieselbe Flügelzange bot Jetlag hoch drei. Arango hätte sich in der Halbzeit besser noch eine Runde aufs Ohr gehauen. Matmour wirkte dagegen etwas zu ausgeschlafen – wobei Anflüge von Fallsucht genau das Gegenteil erahnen ließen. Nach seiner „ekelerregenden Schwalbe“ gegen die Hertha ließ Schiri Gagelmann anscheinend das Wer-einmal-fällt-dem-glaubt-man-nicht-Prinzip walten. Diekmeier brachte Gladbachs storchenbeinigen Algerier in der Schlussphase so glasklar zu Fall wie eine Flasche Korn. Gagelmanns Pfeife jedoch blieb stumm wie jemand, der sich solch eine Flasche zu Gemüte geführt hat. (Hoffe, der DFB kann der Gedankenfolge glasklar-Korn-stumm-zu-viel-Korn folgen, in der Herr Gagelmann definitiv nicht vorkommt – sei nur zur Sicherheit angemerkt.)

Ganz vorne zauberte derselbe Sturm wenig Erheiterndes aufs Feld. Raúl „Baila, Baila“ Bobadilla verlor nach einer seiner ausgiebigen Tanzstunden den Ball in des Gegners Hälfte. Sekunden später schlug der Ball im falschen, weil eigenen Netz ein. Ob der Hobbytänzer im Minotaurus-Kostüm mittlerweile Wind davon bekommen hat, ist nicht bekannt. Vielleicht braucht er auch nur einen Partner, der dafür sorgt, dass er sich nicht andauernd selbst bis zum Tor durchtanzen muss. Colautti wird diesem Part wohl niemals übernehmen können. Aus dem argentinischen Sturmduo mit israelischen Passverbindungen wird hoffentlich schon gegen Hoffenheim eine Panamerika-Fraktion mit Tanzelementen aus der Pampa und kanadischer Wertarbeit in Lumberjack-Manier. Ranger Rob steht in den Startlöchern.

Bis auf die Friend-Rückkehr boten sogar Frontzecks Auswechslungen ein bekanntes Bild. Reus kam für Colautti und durfte, wenn er Lust hatte, auch einmal die Position des Zehners bekleiden. Dort machte er mehr Alarm als Matmour und Arango über 90 Minuten zusammen. Die derzeitige Nummer zwölf im Kader empfiehlt sich nach 81 Bundesligaminuten langsam für höhere Aufgaben. Reus wirkt trotz seiner Kreativität erfrischend schnörkellos (die Schnörkel baut er dann mit Vorliebe beim 50-Meter-Solo ein). Gerade nach Friends Rückkehr muss sich Oliver Neuville wohl mit der Jokerrolle abfinden. Zehn Minuten gegen Mainz, acht gegen Nürnberg werden ihm dennoch nicht gerecht. Gerade beim kopflosen und fehlerüberladenen Anrennen in der Schlussphase wäre etwas Routine gepaart mit Geradlinigkeit genau richtig gewesen.

Gladbach erleidet also einen ersten Rückschlag, der in dieser Form weder eingeplant noch nötig war. Michael Frontzeck macht erstmals wirkliche Fehler bei seinen Wechseln. Dazu werden Daems und Bailly weiter schmerzlich vermisst. Wenigstens Rob Friend ist zurück. Wobei man sich an diese unkonventionelle Auffassung von Fußball nach einem halben Jahr Abstinenz erst einmal wieder gewöhnen muss.

Ebenso gewöhnungsbedürftig war die Hilflosigkeit vor dem Fernseher. Sieben der letzten neun Pflichtspiele hatte ich im Stadion gesehen, von den anderen beiden gar nichts mitbekommen. Zuhause auf dem Sofa habe ich nun sieben der letzten acht Spiele verloren. Im Stadion ist es fast umgekehrt: Sieben Spiele, vier Siege, zwei Unentschieden, eine Niederlage, 14 Punkte. Spenden oder Eintrittskarten für die nächsten Auswärtsspiele sind willkommen.

14. September 2009 von Jannik Sorgatz
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