Fohlengeflüster (25):Ein Ziel im Blick, nichts anderes

Die Tatsache, dass sich die Krönung einer gelungenen Saison weiter hinzieht, lässt erste Zweifel im Unterbewusstsein nagen. Wenigstens trat Gladbach gegen 1860 weitgehend erstklassig auf. Doch ohne das Quäntchen Glück wird das Unternehmen Aufstieg ein härteres Stück Arbeit, als man derzeit denken mag.

Manchmal gibt es sie, diese Tage, an denen man extra spät aus dem Bett klettert, damit die Wartezeit bis zum Anpfiff möglichst kurz ist. Ohnehin ist die Anziehungskraft, mit der man gegen Ende einer Saison ins Stadion getrieben wird, um einiges größer als an grauen Novembertagen. Die Sonne scheint Ende April, der Aufstieg naht, wobei letzteres mittlerweile gleichermaßen Unbehagen wie Vorfreude hervorruft. Wie letztes Mal schon erwähnt, werden die alten Vergleiche von Apotheken und kotzenden Pferden aus den Tiefen der Sprichwortkiste herausgekramt. Es ist die Rede von Bärenfellen, die nicht verkauft werden sollten, bevor das Tier erlegt ist.

Wer seit nunmehr knapp sieben Monaten von der Spitze der Tabelle grüßt, wird immer wieder dazu verleitet, mit all seinen mathematischen Fähigkeiten das Ende des Wartens, das endgültige Aufstiegsdatum zu prophezeien. Dabei redet man, als existierten freie Wahlmöglichkeiten, als sei der Aufstieg ein Wunschkonzert und keinerlei Arbeit mehr. Gerade das letzte Spiel in Jena hat wieder eindringlich daran erinnert, dass man das Ticket für den Wiederaufstieg nicht geschenkt bekommt.

Doch an diesem Sonntag gegen 1860 München, der seinem Namen alle Ehre macht, lösen sich alle Ängste vorm apokalyptischen Scheitern auf der Zielgeraden innerhalb weniger Minuten auf. Es ist warm, auf meinen Schultern ruht – wie sollte es auch anders sein – das weiße Trikot, mit dem ich seit Anfang September jedes Mal ins Stadion gehe und vor dem Fernseher sitze. Darüber prangt das grüne Jersey, in dem die Borussia spielt, wenn der Gegner in der Fremde ebenfalls “grün” unter „Vereinsfarben“ in seiner Satzung verankert hat. Seit nunmehr neun Spielen ist diese Trikotkombination ungewaschen, weil Gladbach seit dem Heimspiel gegen Mainz nicht mehr als Verlierer vom Platz gegangen ist. Eine weitere Waschaktion ist nicht vorgesehen. Sie würde auch äußerst ungelegen kommen, denn die Borussia benötigt vor dem Spiel gegen 1860 noch mindestens sechs Punkte, um den Aufstieg unter Dach und Fach zu bringen.

Dass Manager Christian Ziege auch an diesem Tag wieder auf der Bank sitzt, scheint eigentlich nicht der Rede wert. Seine Anwesenheit war unter der Woche jedoch kurzzeitig sehr unwahrscheinlich, nachdem die Schlagzeile „Ziege erschossen“ in diversen Gazetten für Unruhe gesorgt hatte. Schon die Zusatzinformation, dass es sich dabei um eine „echte“, sprich tierische Ziege gehandelt hat, besänftige jedoch schnell alle Befürchtungen und die Sache konnte mit einem Schmunzeln zur Kenntnis genommen werden. Zumal die Satiriker und Hobby-Biologen ohnehin von einem tierischen Irrtum ausgingen. Es habe sich bei der lebensmüde Ziege um den Kölner Geißbock gehalten, der sich bei Königswinter, das passenderweise nur eine halbe Autostunde von Köln entfernt liegt, unentwegt und unbezähmbar auf den Gleisen herumtrieb. Er wollte der Androhung der Gladbacher Anhänger, ihm eine Raute ins Hinterteil zu rasieren, allem Anschein nach durch Freitod entgehen. „Auf der Flucht erschossen“ nennt man das.

Anders als die arme Ziege zeigt sich die Borussia von der ersten Minute an aber äußerst lebhaft. Das Leder läuft durch die Reihen – „wie in besten Zeiten“ würde jemand behaupten, der diese Ära hautnah miterlebt hat. Ich sage das eher, weil ich mir „gute Zeiten“ ähnlich vorstelle wie Gladbachs Spiel in der Anfangsphase. Colautti, für den grippekranken Friend erstmals in der Startelf, kann einige gute Pässe in den freien Raum jedoch nicht nutzen, weil er im Abseits steht. Doch der Tabellenführer kommt ebenso zu konstruktiven Torchancen. Den Sechzigern sieht man derweil an, dass sie nicht darauf bedacht sind, es nicht einmal gewohnt sind, unentwegt hinten drin zu stehen. Genau diese Spielweise kommt der Borussia entgegen, so dass der erste Treffer nach einer Viertelstunde mehr als nur in der Luft liegt.

Röslers Schuss vom Elfmeterpunkt wird abgefälscht. Kurz darauf trifft Ndjeng aus kurzer Distanz nach einem Querpass die Latte. Wiederum Rösler setzt den Nachschuss fahrlässig in die Wolken. Und so kommt es, wie es kommen muss. Nein, Gladbach gerät nicht in Rückstand, im Gegenteil. Doch das 1:0 kommt in Anbetracht der vorhergehenden Großchancen ziemlich glücklich zustande. Neuville zimmert einen Freistoß aus zentraler Distanz aufs Tor, ein Löwe fälscht ab und Tschauner ist im Kasten zwar überrascht, aber nicht chancenlos. Den 50000 im nahezu vollen Borussia-Park ist es Recht. Der bisher nahtlos an das Heimspiel gegen Fürth anknüpfende Auftritt scheint seine ersten Früchte zu tragen. In der Freude des Augenblicks wähnt man die drei Punkte voreilig in der Tasche, fragt sich, wann das 2:0 denn fallen mag und malt sich insgeheim die Aufstiegsfeier nach einem Sieg in Offenbach am nächsten Wochenende aus.

Die Strafe folgt auf dem Fuß, vielmehr mit dem Kopf. Nach einer Ecke hat Di Salvo am ersten Pfosten viel zu viel Platz und bugsiert den Ball unhaltbar für Heimeroth ins Tor. Der Schock ist da, aber nicht aus den Socken reißend. Schließlich hatte der bisherige Spielverlauf durchaus zu Optimismus angeregt und so hieß es einmal schütteln und in Kahn’scher Durchhaltemanier weitermachen. Da Gerechtigkeit im Fußball eher willkürlich und unvorhersehbar ihren großen Auftritt hat, nimmt die Borussia an diesem Tag leider die Rolle der Pechmarie ein. Gegen Fürth noch unbezwingbar und mit dem Papst in der Tasche, gegen Jena bezwingbar, jedoch erneut mit dem Pontifex in der Tasche, klebt ihr heute das Unglück am Fuß. Colautti und einmal mehr Rösler scheitern an Münchens Tschauner.

Normal müsste an dieser Stelle der Satz folgen: „1860 ist mit dem Unentschieden zur Pause gut bedient“. Doch wenn Regelmäßigkeiten hier einen Platz hätten, wäre das Spiel in Köln siegreich verlaufen, gegen Fürth hätten wir mindestens einen Treffer kassiert und in Jena womöglich bitterlich verloren. Unterm Strich kommt dasselbe raus, man weiß nur nicht wie. Jedenfalls wandert das Pech kurz vor der Pause vom Fuß in den Rücken von Filip Daems, der Göktans Schuss vom Kurzdiktat in der Grundschule zur Analyse hermetischer Gedichte werden lässt – sprich, verdammt undankbar und folgenschwer.

Im Pausentalk mit meiner Mutter bringe ich die vage Voraussage an, dass Gladbach – wie gegen Fürth – in der zweiten Hälfte noch doppelt treffen wird. Schließlich hatte der Auftritt in den ersten 45 Minuten – abgesehen von zwei unliebsamen Zwischenfällen – sehr an die Leistung vor 14 Tagen erinnert. Zudem erwecken Neuville und Rösler drei Minuten nach dem Seitenwechsel den Eindruck, mit dieser These auf der richtigen Seite zu sein. Nach einem klassischen Doppelpass samt elegantem Lupfer in den Sechzehner der Sechziger steht Rösler mutterseelenallein vor Tschauner. Der junge Löwenkeeper hört eigentlich nicht wie Hoffenheims Özcan auf den Spitznamen Rambo. Die Art und Weise, wie er Rösler zu Fall bringt, erinnert doch sehr an eine glaubwürdige Imitation von Sylvester Stallone in Hochform.

Der Pfiff ertönt unverzüglich. In dieser Hinsicht begeht Schiedsrichter Christ keinen Fehler, aber anstatt Tschauner vom Platz zu schicken, belässt es der junge Unparteiische bei einer gelben Karte. Ein Elfmeter vor der Nordkurve, ich muss sagen, das ist etwas ganz Neues in dreizehn Jahren Stadionkarriere für mich. Früher am Bökelberg sah man die Elfer von der Ostkurve meist seitlich oder von hinten. In vier Jahren Borussia-Park ist mir ausschließlich ein Elfer von Oliver Neuville gegen Cottbus auf die Südkurve in Erinnerung geblieben. Und so stehe ich um kurz nach drei, als alle Sonntagsmessen längst gelesen sind, mit gefalteten Händen vor dem Mund in der Nordkurve. Neuville läuft an und bevor ich sie zum Jubeln in die Luft recke, muss ich mit meinen Händen erst reflexartig eine Bewegung machen, als hätte ich sie mir gerade an einer Herdplatte verbrannt: Denn das war richtig knapp. Neuville visiert das linke untere Eck an, trifft Tschauners rechte Hand und allein deren merkwürdiger Haltung ist es zu verdanken, dass das Runde noch ins Eckige trifft.

Wenn man auf zwei Tore hoffend in einen zweiten Durchgang geht und die Hälfte der Mission bereits nach wenigen Minuten erfüllt ist, dann spricht im Prinzip nichts gegen eine baldige Abarbeitung des gesamten Wunschzettels. Vor allen Dingen der Gegner aus München mimt in der Folge das geizige Christkind und hindert das zwischenzeitige Gladbacher Spektakel aus der ersten Halbzeit zunehmend an seiner Entfaltung. Auf der Gegenseite wird Heimeroth ein paar Mal gefordert. Seine Tat gegen Johnson verdient sogar die Bezeichnung „Glanzparade“. Zur rechten Zeit weckt Gladbachs häufig gescholtener und selten gelobter Schlussmann konstant den Eindruck, dass man auch im nächsten Jahr auf ihn bauen kann und sollte.

Soumaila Coulibaly, mit nunmehr zwölf Einwechslungen, davon neun in Folge, Gladbachs Jokerkönig, und Rob Friend, dessen Kraft nach überstandener Krankheit für knapp zwanzig Minuten reicht, sollen in der Endphase noch den ersehnten Sieg in die Wege leiten. Vor allen Dingen letzterer fällt dabei positiv auf. Doch auch im sechsten Spiel in Folge bleibt der Kanadier torlos. Als das Remis schon besiegelt scheint, hat er das Tor des Monats per Fallrückzieher auf dem Fuß, aber Marins Flanke trifft wohl einzig und allein den falschen Zeh von Borussias bestem Torschützen. Der Ball streift denkbar knapp am Pfosten vorbei. Nicht ohne Grund findet Gladbachs Leistungsträger der letzten Spiele, der sonst so agile Marin, an dieser Stelle erstmals Erwähnung. Im bisherigen Verlauf hatte er mehr auf die Socken als auf die Reihe gekriegt.

Nach einem Schuss von Coulibaly wechselt das Glück weiterhin nicht die Fronten. Sein abgefälschter Versuch landet auf dem Tornetz. Erneut ist es womöglich der falsche Zeh eines Sechzigers, oder der vierte anstatt des dritten Lendenwirbels gewesen, der dem späten, aber verdienten Sieg der Borussia im Weg steht. Als das Spiel zu Ende ist, ertönt Beifall von den Rängen – zu Recht. Denn abgesehen von einer ungewohnten Abschlussschwäche beziehungsweise einem Gegentor zu viel hat sich die Borussia beinahe makellos verkauft.

„Wie gewonnen, so zerronnen“ hieß das nach dem Spiel gegen Köln. „Wie remis, so unentschieden“ trifft es die Sache nach der zwölften Punkteteilung der Saison diesmal etwas besser. Auch in dieser Hinsicht belegt Gladbach einen Spitzenplatz. Bei nur drei Niederlagen liegt in dieser immens hohen Anzahl an einfachen Punktgewinnen womöglich der Grund dafür, dass die Borussia erst 57 Punkte eingefahren hat und für das Unterfangen Wiederaufstieg auch am drittletzten Spieltag in Offenbach jede Menge Schützenhilfe benötigt.

Die Drei-Punkte-Regel bestraft Remiskönige auf dem Fuß. Dank ihr kann man eine Spielzeit ungeschlagen mit 34 Unentschieden bestreiten und am Ende absteigen. Wer 17 Spiele gewinnt, genauso viele verliert, spielt dagegen mitunter international. Dennoch ist der Schuldenberg der noch zu holenden Punkte auf fünf Zähler geschrumpft. Ist dieses Soll erfüllt, kann sich der Tabellenführer des Unterhaus eine zweitklassige Sintflut wünschen, es müsste ihn nicht mehr kümmern.

Je länger der Moment der Glückseligkeit auf sich warten lässt, desto mehr drängen sich leise, kaum hörbare Zweifel im Unterbewusstsein auf. Noch erscheinen mir keine kotzenden Pferde im Schlaf, aber die ersten Gedanken à la „was, wenn wir jetzt verlieren, wenn der Abstand urplötzlich auf drei, vier Zähler schmilzt“ machen sich ein wenig bemerkbar. Mit schlechtem Gewissen denke ich an die Willkür der letzten drei Wochen zurück, als ich mir ausgemalt habe, ich könne mir den Zeitpunkt des Aufstieg wie den Sitzplatz im Stadion aussuchen. Denkste.

Jetzt heißt es arbeiten, anfeuern, an sich glauben und die Früchte einer tollen Saison einzufahren. Der Zug mit dem Überraschungseffekt ist abgefahren, jetzt gilt es nur noch, das
zu vollbringen, wovon jeder in Deutschland inzwischen fest ausgeht – den Aufstieg. Nichts anderes.

02. Mai 2008 von Jannik Sorgatz
Kategorien: Fohlengeflüster | 1 Kommentar

1 Kommentar

  1. Dann mal herzlichste Glückwünsche zum ersten Live-Auswärtssieg. Ein weiterer Fluch, den du los bist.

    Hoffe, du standest im Gladbach-Block und nicht wie ich im OFC-Fanblock. Bei mir war jubeln leider etwas zu riskant.

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert

*