Herr, erbarme Dich

Ist das Wort “Schutzsperre” nicht eigentlich ein Euphemismus? Kann man jemandem zu Gunsten seines eigenen Wohlergehens aus dem Verkehr ziehen? Die FIFA tut es von 17. bis 23. Mai 2010 – und meint damit alle Teilnehmer der WM in Südafrika.

Das hätte sich Michael Rensing so wohl nie träumen lassen. Nervös zupft der 26-jährige sein rotes Trikot zurecht und blickt kurz auf seine nackten Handflächen. Kein Leder weit und breit. Vor ihm steht Jörg Butt mit den Händen in den Hüften. Dann geht es raus. Im Santiago Bernabéu donnert ein Blitzlichtgewitter sonder gleichen von den Rängen. Hymne, Mannschaftsfoto, Anpfiff. Rensing findet sich auf seiner ungewohnten Position ein – vor der Abwehr, nicht dahinter. Auf der Tribüne, inmitten tausender gezückter Digitalkameras, leuchtet der Kopf Uli Hoeneß noch roter als die Trikots seiner Mannschaft. Es ist der 22. Mai 2010, Endspiel der Champions League in Madrid.

Klingt zunächst nach einem verheerenden Fiebertraum meinerseits. Liest man einen Artikel in der Sport Bild vom Mittwoch genauer, könnte unter Umständen ein Fünkchen Wahrheit dahinter stecken (abgesehen davon, dass sich über das Szenario Bayern/Champions-League-Endspiel streiten lässt). Am 17. Mai setzt die einwöchige Schutzsperre der FIFA ein, in deren Verlauf Spieler, die zur WM nach Südafrika fahren, nicht mehr eingesetzt werden dürfen – sagt die Sport Bild und stimmt so weit auch. Was noch unklar ist: Was passiert beim Finale der Champions League am 22. Mai?

2006 existierte die von der FIFA diktierte Schutzsperre erstmals. Damals galt eine offizielle Ausnahmeregelung für die Königsklasse und für das FA-Cup-Finale. Wobei sich Liverpool und West Ham auf Wunsch von Sven-Göran Eriksson dann doch schon am 13. Mai gegenüber standen, also eine Woche früher als geplant. Damals tauchte die Info bezüglich einer Sonderregelung jedoch bereits Ende 2004 in Berichten des Handelsblattes und der Berliner Morgenpost auf. Da es diesmal (noch) anders aussieht, fragt man sich in diversen Foren, ob das Champions-League-Finale unter Umständen zur Amateurveranstaltung kommt, wenn Barcelona, Real, Chelsea und Co. ihren halben Kader nicht zur Verfügung hätten. Vorstellbar ist das kaum, weshalb es wohl bei einem kurzen Fiebertraum mit Hauptdarsteller M. R. bleiben wird. Wer mehr weiß und Quellen nennen kann, ist herzlich dazu eingeladen, sein Herz auszuschütten.

Anlass des Sport Bild-Artikels waren Terminengpässe der DFL. Am 1. Mai soll(te) der 33. Spieltag der Bundesliga ausgetragen werden. Jetzt hätten die Innenminister der Länder um eine Verlegung gebeten, weil die Polizei an jenem Feiertag vermutlich anderes zu tun hat, als Fußball-Fans durch ganz Deutschland zu begleiten. Ausweichtermin könnte laut Sport Bild der 2. Mai, ein Sonntagabend sein. Der Spielraum ist begrenzt. Bei Hannover-Gladbach und Köln-Freiburg wird Sepp Blatter wohl kein Erbarmen kennen.

19. September 2009 von Jannik Sorgatz
Kategorien: Auf'm Nebenschauplatz | Schreibe einen Kommentar

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