Fohlengeflüster (27): Es ist vollbracht

„Es ist vollbracht“ – mit diesem Worten nahm ich vor einem Jahr verbittert den Abstieg der Borussia zur Kenntnis. Eine Saison später steht derselbe Satz für eine emotionale Zieleinfahrt. Einmal mehr hat sich das Blatt im Fußball vollends gewendet. Einmal mehr ist Nord- zu Südpol, ist aus einem Tief ein Hoch geworden. Der Mythos kehrt zurück. Das ist ab jetzt freudige Gewissheit.

Wer mich um viertel vor vier, mehr als ein ganzes Fußballspiel vor dem Anpfiff, wie gewohnt meine Dauerkarte in den vierten Ticketautomaten von links stecken sieht, der könnte zu der Ansicht gelangen, dass ich gar nicht mehr weg will aus dieser Zweiten Liga. Doch der Grund für mein äußerst frühes Erscheinen vor der hoffentlich entscheidenden Partie gegen Wehen liegt in zwei anderen Dingen: Einerseits zieht es meine Mutter so früh ins so gut wie leere Stadion, weil die F-Jugend von Viktoria Anrath, dem Heimatverein von 60er-Jahre-Legende Albert Brülls, der seine Spiele einen halben Kilometer von unserem Haus entfernt austrägt, das Vorspiel gegen die kleinsten aller Borussen bestreitet. Andererseits will der inoffiziell letzte Tag im Unterhaus noch einmal voll und ganz ausgekostet werden. Schließlich ist eine baldige Rückkehr nicht vorgesehen.

Alles ist angerichtet, um den Wiederaufstieg gegen den Aufsteiger aus Wehen-Wiesbaden unter Dach und Fach zu bringen. Die Sonne scheint vom Himmel wie Anno 2006 beim Sommermärchen. Das Stadion wird zwar nicht voll sein, aber gut gefüllt – perfekt, um wie am letzten Abend eines erholsamen und ereignisreichen Urlaubes auf dem Hotelbalkon mit Blick aufs Meer das letzte Glas Wein zu genießen. Wahrhaftig passt der Urlaubsvergleich wie die Faust aufs Auge zu einem Jahr, das man anfangs irgendwie aufgezwungen bekam und für das man dennoch letztendlich sogar dankbar ist. Der Verein hat eine radikale Kur hinter sich. Die Unmutsträger der Abstiegssaison sind weg, spielen nun in Mexiko oder in der Türkei gegen den Abstieg, während neue Hoffnungs- und Leistungsträger die Fans in letzter Zeit vollends optimistisch stimmen: „Oh welch ein Glück für unsere Stadt! Wir haben wieder eine Mannschaft, die in die Bundesliga passt!“. Dieser Gesang hat sich in letzter Zeit zum Chartbreaker in der Nordkurve aufgeschwungen.

Die Borussia mag am frühen Mittwochabend um kurz vor halb sechs zwar in die Bundesliga passen. Doch ob sie das in der nächsten Spielzeit auch unter Beweis stellen darf, steht zu diesem Zeitpunkt noch in den Sternen. Die Zweifel halten sich nach dem Kantersieg vor drei Tagen in Offenbach bedeckter als zuvor. Dennoch fehlt eben noch dieser eine Dreier, weshalb sich eine gewisse Anspannung unter das große Maß an Vorfreude mischt. Eines steht vor dem Anpfiff auf jeden Fall fest: Die 41500 Zuschauer, unter denen nicht einmal einhundert Wehener weilen, sind brandheiß, wollen ihre Mannschaft zum fehlenden Sieg singen, schreien, klatschen und peitschen.

Bevor sich nicht der gesamte Borussia-Park von seinen Sitzen erhoben hat (zumindest die, die es nicht ohnehin bereits tun), gibt Stadionsprecher Knippertz die „Elf vom Niederrhein“ nicht frei. Sogar das Mikrofon von Premiere muss dran glauben und wird missbraucht, um das Feuer endgültig zu entfachen. Als das Stadion dann geschlossen steht, weht ein gesanglicher und klatschender Orkan durchs weite Rund, wie ich ihn in den vier Jahren nach Ende der Ära Bökelberg nicht erlebt habe. Jeder hängt sich rein, als wolle er seine Handflächen blutig klatschen. Bei den ersten versagt bereits jetzt die Stimme. Es ist wieder einmal an der Zeit, das Wort „geil“ in den Mund zu nehmen. Meine Arm- und Beinhaare stehen vor lauter Gänsehaut so weit ab, dass sie die Vorstufe von Haarausfall erreicht haben. In solchen Momenten fühlt es sich an, als habe es nie einen Abstieg, nie eine Sekunde Traurigkeit gegeben, als halte dieser Verein nichts anderes als Glücksgefühle für seine Anhänger bereit.

Dabei sah vor einem Jahr alles ganz anders aus. Aber wenn Offenbach nach einer Demontage wie dem 1:7 gegen die Borussia innerhalb von drei Tagen auferstehen kann und auf einmal Freiburg die erst zweite Heimpleite der Saison zufügt, dann erscheint es gar nicht mehr so unmöglich, einen Traditionsverein vom Abgrund in den Himmel zu heben und aus Chancen tötenden Auswärtsdeppen das in allen Belangen beste Team der zweiten Liga zu machen. Genau das spürt der Borusse, während er seine Mannschaft bei der Vereinshymne feiert, als gebe es einen Dezibelrekord zu knacken.

Während man als Fan mitunter den Tränen nahe am Boden liegt, gibt es ebenso Tage, an denen einen das Gefühl beschleicht, dass heute – komme, was wolle – nichts, aber auch gar nichts schief gehen kann. Oliver Neuville verliert zwar die Seitenwahl, Wehens Kapitän Schwarz ist jedoch so nett und lässt uns in Hälfte zwei auf die Nordkurve stürmen. Was in gewisser Weise essentiell für einen gelungenen Abend ist: Die Borussia hat 19 ihrer bis zu diesem Tag 26 Heimtore auf die Nordkurve erzielt und die einzige Heimniederlage einstecken müssen, als Mainz im Februar die Seiten tauschte. In Anbetracht der Größe des Gästeblocks mit seinen neunzig treuen Seelen darin, der heute vielmehr einem Blatt Papier als einem Block ähnelt, kann es dem Aufsteiger, gelinde gesagt, schnuppe sein, auf welcher Seite er nun seine Gegentore kassieren wird. Denn die sind ohnehin fest eingeplant. Überhaupt habe auch ich natürlich wieder nichts dem Zufall überlassen: Wie seit Monaten habe ich den Pizzawagen ignoriert (letztmals gab es bei der Pleite gegen Mainz eine Pizza); extra einen Umweg im Kauf genommen, um bloß den richtigen Treppenaufgang zu Block 17A zu nehmen; dem Schweiß aus Offenbach widerstanden und getreu dem Ritual zwei Trikots angezogen.

Jos Luhukay ist mit dem Auftritt seiner Mannschaft in Offenbach anscheinend zufrieden gewesen – alles andere wäre, ehrlich gesagt, auch vermessen und überheblich. Aus diesem Grund schickt er dieselbe Anfangself auf den Platz. Touma spielt erneut anstelle von Ndjeng, obwohl der einen Doppelpack zum 7:1 beigesteuert hatte. Die Qual der Wahl. An der Zusammensetzung des Sturmduos hatte es aufgrund der Verletzung von Colautti und trotz der anhaltenden Torflaute von Friend keinerlei Zweifel gegeben. Zumal letzterer sofort auf sich aufmerksam macht.

Innerhalb der ersten siebzig Sekunden gießt er jedoch gleich zweimal Wasser auf die Mühlen derer, die behaupten er spiele zu oft Foul und könne mit dem Ball nur etwas anfangen, wenn er ihn direkt ins Tor befördern darf. Erst sorgt er nach sieben Sekunden fürs erste Foul der Partie, dann kann er den Ball in arger Bedrängnis – weil er eben nicht der schnellste ist – nicht ins Tor befördern. Doch irgendwie kann ich mich mit dem Kanadier identifizieren, weil ihn seine Spielweise an meine eigene erinnert. Er ist langsam, kein Filigrantechniker, aber dennoch am Ball, wenn er da sein muss und ab und zu blitzt dann doch einmal ein Fünkchen Spielkultur auf. Wobei ich mir bei einem Fallrückzieher, wie er ihn gegen 1860 beinahe erfolgreich fabrizierte, mit Sicherheit den Rücken gebrochen hätte. Aber aus diesem Grund stehe ich ja auch nicht auf dem Platz, sondern auf der Tribüne.

Von der ersten Minute an ist Wehens Ehrfurcht offensichtlich. Auf der anderen Seite wirkt die Angst vor der Blamage wie ein schützender Motor. Um die zehnte Minute herum nähert sich die Borussia dem ersten Treffer langsam aber sicher an. Erst will es Rösler nach einer Neuville-Flanke zu genau machen und verfehlt die anvisierte lange Ecke. Dann tritt Marko Marin zum ersten Mal an, schießt dem Ex-Gladbacher Richter im Tor des SV Wehen jedoch genau in die Arme. Kurz darauf ist es so weit und die Fohlen ernten die Früchte einer guten Anfangsphase: Marin liegt in Nähe der Mittellinie fast auf dem Hosenboden, rappelt sich auf und zieht drei hilflosen Gegenspielern unaufhaltsam davon. Seinen herrlichen Pass verwertet Neuville vom linken Strafraumeck zur Flanke, die Friend erst verpasst, Touma jedoch unhaltbar in die Maschen drischt. Die Last fällt allen von den Schultern. Das frühe Tor trägt umgehend zur Besänftigung bei und schon nach elf Minuten glaubt kaum jemand daran, dass die Aufstiegsfeierlichkeiten bis zum Spiel gegen Freiburg warten werden müssen.

Bis zur Pause taucht der VfL nur noch zweimal gefährlich vor dem Kasten von Richter auf. Neuville verfehlt aus 23 Metern knapp das Tor. Friend nähert sich nach einer guten Hereingabe des wie immer quicklebendigen Marin weiter seinem sechzehnten Saisontor an – dem ersten seit dem Heimspiel gegen St. Pauli-, ist jedoch noch nicht am Ziel seiner Durststrecke angeklangt. Dazwischen sorgt die Borussia bezeichnenderweise nach einer Ecke von Nicu selbst für Gefahr vor dem eigenen Tor. Levels klärt einen Schuss von König eher unfreiwillig genau in die Arme von Heimeroth. Das Gefühl des unmöglichen Scheiterns drängt sich weiter in den Mittelpunkt.

Von sechs erwähnenswerten Chancen, die bis auf zwei nicht wirklich zwingend waren, hat die Borussia eine genutzt, hinten nur eine zugelassen, weshalb es zur Pause standesgemäß 1:0 steht. Auf den anderen Plätzen deutet derweil nichts darauf hin, dass auch ein Remis zum vorzeitigen Aufstieg reichen würde. Köln und Hoffenheim führen, Mainz und Freiburg gehen torlos in die Kabine. Der provisorisch angefertigte Zettel, auf dem alle möglichen Szenarien aufgelistet sind, die uns selbst bei einem eigenen Unentschieden zum Aufstieg führen, verschwindet deshalb zusammengeknüllt in meiner Hosentasche.

Nach dem Seitenwechsel präsentieren sich die wackeren Aufsteiger aus Wehen immer mehr als perfekter Partner für ein Aufstiegsspiel. Sachte, aber dennoch merklich ziehen sie das Tempo an, oder vielmehr kann bei ihrem Auftritt nun überhaupt erst von Tempo die Rede sein. Wenige Sekunden nach Wiederanpfiff forcieren sie erst einmal die Torbeschaffungsmaßnahmen für Rob Friend. Der Kanadier düpiert um ein Haar Keeper Richter mit einem schönen Heber aus zwanzig Metern – ein Indiz für Friends schlummernden Torriecher. Knapp fünf Minuten nach der Pause wird das gesteigerte Engagement des Neulings aus Hessen mit der besten Torchance belohnt. Nicu verfehlt mit einem Volleyschuss das Tor. Sein Kollege Simac zwingt Heimeroth im Anschluss mit einem abgefälschten Kopfball zur ersten Glanztat.

Und so gibt uns der Gegner zu diesem Zeitpunkt das Gefühl, dass hier noch längst nichts in trockenen Tüchern ist und die spontane Feier mit einem einzigen Schuss platzen könnte. Doch gleichzeitig ruht im Hinterkopf, der in den letzten Wochen vor lauter leisen Zweifeln, dringendem Optimismus und mahnenden Fingern regelrecht überbeansprucht worden ist, die Gewissheit, dass in dieser Saison sechzehn von dreiundzwanzig Führungen über die Runden gebracht wurden, ohne zwischendurch auch nur kurzfristig den Ausgleich zu kassieren. Gänzlich schief ging es nach einem 1:0 ohnehin nur einmal – bei der bitteren Niederlage mit 2:4 in Hoffenheim.

In der Folge, nach der kleinen Drangphase der Gäste, setzt die Elf von Jos Luhukay voll und ganz auf das erlösende 2:0. Neuville tritt auf der rechten Seite an wie in besten Tagen. Hätte er den Ball zudem noch im Tor versenkt, wäre man unter den Augen von Bundestrainer Jogi Löw zu dem Fazit geneigt gewesen, der 35-jährige durchlebe seine besten Tage exakt in diesen Wochen. Inzwischen schäme ich mich dafür, vor ein paar Wochen Alterserscheinungen beim Gladbacher Publikumsliebling diagnostiziert zu haben.

Marin scheint sich derweil ebenso für die Europameisterschaft ins Gespräch bringen zu wollen. Einmal mehr lääst er zwei Wehener wie bestellt und nicht abgeholt stehen. Immerhin landen seine Schüsse nicht mehr ausschließlich butterweich in den Armen des Torwarts. Inzwischen ist er – wie in dieser Situation – auch zu gefährlichen Flachschüssen in der Lage, die das Tor nur knapp verfehlen. Nach einer guten Stunde scheint die Zeit für die Entscheidung gekommen. Doch Touma passt aus vollem Lauf quer, anstatt selbst den Abschluss zu suchen. Sein Pass landet ein wenig in Neuvilles Rücken, so dass sich genügend Gegner auf der Linie postiert haben, um den Schuss des Nationalspielers zu entschärfen.

Das Bild von der Rolle des SVW als perfekte Hebamme für die Geburt des Wiederaufstiegs erhärtet sich wenige Minuten darauf (das billige Wortspiel in Bezug auf „Wehen“ und eine Geburt verkneife ich mir an dieser Stelle). Nach nunmehr acht oder neun vergebenen Torchancen auf Borussenseite leistet sich Siegert an der linken Eckfahne ein dämliches Foul an Marin. Dessen Freistoß, der als leicht verkürzte Ecke in den Strafraum segelt, findet den Kopf von Rob Friend, der nach 724 torlosen Minuten endlich wieder einnetzt. Wie so oft im Fußball ist nach erreichten, häufig hohen und großzügig gesteckten Zielen, bei ihm der Wurm drin gewesen. Mannschaften, die überraschend frühzeitig vierzig Punkte einfahren, erfahren immer wieder aufs Neue ein Dilemma zum Saisonende. Genauso schien es sich lange mit Gladbachs bestem Torschützen zu verhalten, der nach seinem fünfzehnten Saisontreffer zwölf Stunden lang nicht ins Schwarze getroffen hatte.

„Nie mehr Zweite Liga!“ und „Oh, wie ist das schön!“ hallt es so entschlossen von den Rängen, als berge die komfortable Führung etwas Sensationelles. Ganz im Gegenteil, die Gesänge werden getragen von der Gewissheit, dass der VfL nun endgültig „wieder da“ ist – nicht vielleicht, nicht wahrscheinlich, sondern definitiv.

Knapp zehn Minuten vor dem Ende der Begegnung und der Zweitklassigkeit „schwappt La Ola durch das Rund“, wie es die „Elf vom Niederrhein“ Heimspiel für Heimspiel heraufbeschwört. Diesmal ist es feierliche Wirklichkeit. Selbst die zwei Reisebusladungen aus Wehen machen mit und erhalten dafür gebührenden Beifall. Spätestens jetzt verdient sich dieser Verein eine Auszeichnung als „freundlichster Gegner bei der Besiegelung eines Aufstieges“. Wer seine Rückkehr in die Bundesliga nicht geschenkt, aber eben auch nicht vorenthalten bekommen möchte, der sollte im vorletzten oder gegebenenfalls letzten Heimspiel den SV Wehen einladen – Prädikat „höchst empfehlenswert“.

Als sei der bevorstehende Aufstieg dafür verantwortlich, macht die Borussia bis zum Spielende einen Klassenunterschied deutlich. In weiß-schwarz spielt in den letzten zehn Minuten eine erstklassige Mannschaft, die gegen einen zweitklassigen Dorfverein immer noch nicht satt ist. Das 3:0 fällt erneut nach Einleitung von Marin. Seine Flanke klärt ein Gästeverteidiger genau vor die Füße des heranstürmenden Toumas, der den Ball erneut mit voller Wucht in die Maschen hämmert. Wenn die „Nie mehr Zweite Liga!“-Rufe zuvor laut waren, bedarf es nun einer Wortneuschöpfung. Jedenfalls ist die Stimmung sensationell, das Stadion steht und feiert seine Mannschaft in den verbleibenden Minuten ununterbrochen. Meine noch aus Offenbach gebeutelte Stimme geht langsam den Bach hinunter. Zum ersten Mal bei einem Heimspiel in dieser Spielzeit macht sich Heiserkeit breit.

Oliver Neuville wird mit stehenden Ovationen verabschiedet. „Olli für Deutschland!“, sendet der Borussia-Park seine Meinung an den hoffentlich aufmerksamen Bundestrainer. Auch Touma und Marin hatten den Platz zuvor mit viel Beifall verlassen. Christian Ziege, Jos Luhukay, Christofer Heimeroth – fast jeder erhält heute seine gesangliche Huldigung. Dabei bedarf es mitunter viel metrischer Veranlagung. Denn „Christian Ziege“ lässt sich anders singen als „Marko Marin“. Aber in Aufstiegswallung sitzt jeder einzelne Ton von ansonsten gesanglich eher unterbemittelten Fußballfans.

Bevor der unauffällige und meist souveräne Schiedsrichter Grudzinski die Party freigibt und das Spiel mit seinem Pfiff beendet, erfolgt aus den Lautsprechern die flehende Bitte, den Platz für heute bitte zu verschonen. Schließlich wartet in vier Tagen noch der SC Freiburg. Doch dann wird der Stadionsprecher das ausverkaufte Stadion wohl kaum mit einem Hinweis auf das ausstehende Grönemeyer-Konzert vertrösten können. Wofür braucht der auch Rasen?

Dann ist es vollbracht. Ein einziger Pfiff, der in mir die Last einer ganzen Saison löst, die von Spiel zu Spiel peu à peu ihren Aggregatzustand von „lästig“ bis hin zu „leidenschaftlich“ verändert hat. Nick Hornby heuchelt in seinem Buch „Fever Pitch“ schon Mitleid, wenn Arsenal einmal sechs Jahre in Folge keinen Titel einfährt. Dabei kann sich der englische Vorzeigefan wohl kaum vorstellen, wie es ist, wenn der dritte Aufstieg der Vereinsgeschichte mit dem zweitgrößten Erfolg des eigenen Fandaseins zusammenfällt.

Am Ende sind die Plänkeleien und Planungen des Aufstiegsdatums doch für alle zufrieden stellend ausgegangen: Am Ende noch ein wenig – wenn auch häufig selbst auferlegt – gezittert, einen historischen Auswärtserfolg in Offenbach gefeiert und das Ziel vor heimischer Kulisse gegen Wehen erreicht. Wer seit dem neunten Spieltag auf Platz eins weilt, der hat es sich redlich verdient, wählerisch zu sein.

Ich habe eigentlich seit Oktober unentwegt daran geglaubt, dass diese Saison letztendlich gut für uns ausgehen wird. Den Moment des Aufstiegs selbst habe ich mir dabei selten genau ausgemalt. Doch kein Traum hätte die Wirklichkeit schmackhaft genug machen können. Diese halbe Stunde nach Abpfiff entschädigt fast vollkommen für das Leid, die Schmach der Abstiegssaison mit nur 23 Toren und 26 Punkten. Daems und Levels rollen jubelnd über das Feld. Kühles Bier fließt gleichermaßen die Kehlen der Spieler wie die Nacken der Trainer hinunter. Die T-Shirts mit der Aufschrift „Wieder zuhause“ sind längst in Auftrag gegeben und kurz vor Spielende in dicken Kartons zur Auswechselbank gekarrt worden. Man hatte dran geglaubt, fest damit gerechnet, doch die Tatsache, dass auf dem Alten Markt noch keine Bierwagen aufgebaut wurden, verleiht diesem Moment dann doch noch etwas wohltuend Überraschendes. Mahnend hatte am Morgen die Geschichte von der geplatzten Lauterer Meisterschaftsfeier 1991 in der Zeitung gestanden, als sich eine ganze Stadt offiziell in Schale für große Feierlichkeiten geschmissen hatte und ausgerechnet die Borussia alles vermieste.

Als die Nordkurve ihren Trainer zur Humba bittet, lässt sich der sonst so ruhige Niederländer nicht zweimal bitten. Wenn auch mit leichten grammatikalischen Schwächen, die wohl auf das pochende Aufsteigerherz zurückzuführen sind, fordert er lauthals „gib’ mir die H … gib’ mir die U … gib’ mir die M“. Eigentlich erstaunlich, dass ausgerechnet ein Karnevalslied aus der Hochburg Mainz allerorten für ritualisierte Feierlichkeiten vor der eigenen Kurve herhalten muss.

Sascha Rösler muss danach am Elfmeterpunkt seine blonde Haarpracht opfern. Ein Hattrick dürfte für den nunmehr glatzköpfigen Blondschopf im nächsten Spiel vorprogrammiert sein. Denn so erkennt ihn mit Sicherheit kein Gegenspieler. All das sind unvergessliche Szenen einer Aufstiegsfeier, die jeder im Stadion mit viel Erleichterung und Ausgelassenheit wahrnimmt. Gladbachs drei Schwarzafrikaner geben einen sowohl amüsanten als auch Furcht erregenden Aufstiegstanz zum besten, der an die „Haka“ erinnert, den traditionellen Tanz der Maori, mit dem die neuseeländische Rugby-Nationalmannschaft seit jeher ihre Gegner vor dem Spiel in Angst und Schrecken versetzt.

Mit Angst und Schrecken wird Jos Luhukay den ausufernden Alkoholkonsum seiner Jungs zur Kenntnis nehmen. Aus „zwei, drei Bier“ scheinen dem Anfangspensum zufolge bis in die Morgenstunden „zwei, drei Fässer“ zu werden. Einer Mannschaft, die sich nach schwachem Saisonbeginn innerhalb weniger Wochen an die Tabellenspitze befördert und trotz krisenartiger Schwankungen nach der Winterpause weder Faden noch Kopf verliert, sollte man zutrauen, dass sie weiß, was sie tut. Alex Voigt hat die Aspirin schon auf dem Nachttisch platziert und sein ebenfalls aufstiegserfahrener Kollege Sascha Rösler ist ebenfalls nicht zu halten, verspricht dennoch, sich im letzten Spiel einmal mehr voll rein zu hängen.

Um die Eintausend Borussenfans lassen es sich nicht nehmen, den Alten Markt schon etwas früher als geplant in Besitz zu nehmen. Wo früher Netzer, Vogts und Heynckes die Meisterschale präsentierten, ist nach 20 Uhr einiges los. Aus den Kneipen ertönt von „You’ll never walk alone“ über „We are the Champions“ bis zur „Elf vom Niederrhein“ alles, was Fußballfans auch nur irgendwie in Wallung versetzt – wobei das zu diesem Zeitpunkt längst nicht mehr vonnöten ist. Gegen zehn Uhr trotten wir – meine Eltern, mein Bruder und ich – die verwaiste Hindenburgstraße hinunter. Man vergisst, dass es ein gewöhnlicher Mittwochabend ist, an dem alle Geschäfte geschlossen haben und selbst die Kneipen sich an relativ wenig Zulauf erfreuen.

Heute ist alles anders. Heute ist nicht irgendein Tag – es ist der Tag, an dem es vollbracht wurde: Der 7. Mai 2008. Ich kann mich nicht daran erinnern, an welchem Tag das Pokalfinale 1995 genau stattfand. Aber diesen Tag, den Tag, an dem die Heimkehr in die Bundesliga Wirklichkeit wurde, werde ich gebührend in Erinnerung behalten.

08. Mai 2008 von Jannik Sorgatz
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