Berlin, Berlin, wir fahr’n nicht nach Berlin:
Zu viel für jede Kuhhaut

Gladbach 0:1 Duisburg – eine schwache Blase, ein Klimax des Schrecklichen, ein Pokal als schlechtes Omen und das Gefühl, verarscht zu werden.

Der Abpfiff musste schon kommen, um die dynamischste, durchdachteste, zielstrebigste und unterm Strich beste Situation des ganzen Abends zu ermöglichen – aus Gladbacher Sicht. Innerhalb von geschätzten zehn Sekunden löst sich (fast) die gesamte Mannschaft in Luft auf und verschwindet in den Katakomben. Nur einer liegt völlig konsterniert auf dem Boden, das Gesicht ins satte Grün gebohrt. Logan Bailly hat alles gegeben, alles Haltbare gehalten und am Ende dennoch alles verloren. Rund 100 Meter weiter südlich feiert der MSV Duisburg den Einzug ins Achtelfinale. Bilder, die weh tun. Doch die Hauptverursacher der Schmerzen bekommen davon nichts mehr mit.

Zwei Stunden zuvor geht es im Borussia-Park noch weitaus fröhlicher zu. 45397 sind gekommen, Zuschauerrekord in der Gladbacher Pokalhistorie. Eigentlich keine Leistung, angesichts des inzwischen schon fortgeschrittenen Alters des „neuen“ Stadions aber irgendwie doch. Eine Serie von elf Pokal-Auswärtsspielen in Serie findet ihr Ende. Lässt man die Erstrundenpartien außen vor, hat sich das Los fünfmal in Folge gegen die Borussia verschworen. Die Wahrscheinlichkeit dafür liegt bei gut drei Prozent.

Und so musste ich zwanzig Jahre alt werden, um zum ersten Mal ein Heimspiel im DFB-Pokal live mitzuerleben. 1995 nahm eine ansonsten nicht gerade erfolgsverwöhnte Ära mit der Raute im Herzen ihren Anfang. Der VfL gewann durch ein 3:0 im Endspiel gegen Wolfsburg seinen bis heute letzten Titel. Ich klemmte als knapp Sechsjähriger die Gladbachfahne an den Gepäckträger und veranstaltete in der Nachbarschaft einen astreinen Ein-Mann-Fahrradkorso. Als hätte ich geahnt, dass sich die Gelegenheiten, um derart ausgelassen zu feiern, in der Zukunft nicht gerade häufen sollten. Meine größten Erfolge: Zwei Aufstiege und ein aberkannter Sieg beim DFB-Hallenmasters.

Eine Viertelstunde vor dem Anpfiff im Rhein-Niers-Bahn-Derby gegen den MSV Duisburg scheint auch das durchritualisierte Vorprogramm nicht ganz reibungslos über die Bühne zu gehen. Weil die Mannschaften zur Hintergrundmusik des DFB einlaufen werden, erklingt der Triumphmarsch aus „Aida“ viel früher als sonst. Hastig strömen alle vom Bierstand auf ihre Plätze. Wobei es einige dann doch nicht so eilig haben. Zu Beginn der zweiten Halbzeit nimmt ein nicht gerade unwesentlich zu spät Gekommener den Platz direkt hinter mir ein. Er hat jedoch wenig bis nichts verpasst. Die erste Halbzeit stand ganz im Zeichen eines torschusswütigen Minotaurus namens Bobadilla, der sich nicht ganz so zielsicher zeigte wie sein Vorbild aus der griechischen Mythologie. In der DDR hätte es das vermutlich nicht gegeben. Bobadilla wäre in einer anderen Sportart gelandet, in einer, die zum ihm passt. Nicht Fisch, nicht Fleisch verkörpert der Neuzugang von den Grashoppers Zürich. Nicht Stürmer, nicht Mittelfeldspieler. Nicht Vollstrecker, nicht Vorbereiter. 82 Kilo, die offenbar nicht wissen, was sie mit sich selbst anfangen sollen.

Es ist schon merkwürdig, wie unwohl man sich fühlt, wenn man einen anderen Sitznachbarn hat als üblich. Pokal, das bedeutet auch einen Run auf Tickets wie sonst nur auf den Unterhosenwühltisch im Sommerschlussverkauf bei C&A. Wer zuerst kommt, mahlt zuerst. In diesem Fall hat ein junges Pärchen das große Los gezogen. Ihr Schwiegervater in spe hat der Freundin seines Sohnes wohl mal etwas bieten wollen. Sie zeigt über 90 Minuten plus Nachspielzeit in etwa so viel Begeisterung wie ein Weihnachtsbaum am 6. Januar. Ihr Freund will im Prinzip auch lieber Händchen halten und Fummeln, so dass ich ein paar Zentimeter weiter rechts spätestens nach sechzig Minuten auf passive sexuelle Nötigung plädiere. Zumal das Geschehen auf dem Platz meinen Aktionsradius so vergrößert, dass ich ihnen schnell in die Quere komme.

In der Halbzeit habe ich gepokert und mich gegen einen Toilettenbesuch entschieden – woran man deutlich meine Unerfahrenheit in Sachen DFB-Pokal erkennt. Eine Verlängerung hatte ich nun wirklich nicht einkalkuliert. Dass 30 Extraminuten kurz vor Schluss überhaupt noch im Rahmen des Möglichen liegen, hat die Borussia allein ihrem Torwart zu verdanken. Der Rekonvaleszent rehabilitiert sich. Oder, um es auf Deutsch zu sagen: Logan Bailly behält in einem Privatduell mit Änis Ben-Hatira die Oberhand, macht seinen Fehler vom letzten Wochenende gut und müsste jetzt eigentlich eine Art Bonuspatzer in der Hinterhand haben. Nur ist der Fußball eben kein Payback-Programm.

Neuville und Reus kommen für Matmour und Colautti – Erfahrung und Jugend für Tollpatschigkeit und Lethargie. Beides scheint sich zu neutralisieren. Denn Frontzecks Auswechslungen bleiben erneut wirkungslos. Neuville tritt einmal über den Ball. Dann taucht Reus frei vor Starke auf und Neuville nimmt es erneut nicht ganz so genau. Man hat beinahe das Gefühl, alles nach 20 Uhr sei einen Tick zu spät für den 36-jährigen. Bobadilla spielte übrigens durch, zum ersten Mal in seinem siebten Pflichtspiel.

Ich drucke mir innerlich bereits die Route zum Männerklo aus, um die Verlängerung überstehen zu können, da geschieht das Unfassbare. Jaurès wird im Laufduell mit Duisburgs Andersen von seinem eigenen Schatten überholt. Der Borussia-Park raunt, jeder will eingreifen, auf dem Platz tut es niemand. Dann ein Doppelpass, Brouwers springt dazwischen und als Andersens Schuss mit dem Außenrist im Winkel einschlägt, spielt der Puls von 40000 Borussen „Hau den Lukas“ – nur andersrum. Wohl nie zuvor habe ich live im Stadion ein Gegentor mit derart vernichtender Wirkung erlebt. Dass mit Kristoffer Andersen ein Ex-Borusse aus der U23 trifft, setzt dem ungekrönten Tiefpunkt die Krone unter.

Der Ball hat kaum das Netz berührt, schon staut es sich auf den Treppen. Alle wollen raus, so schnell wie möglich. Bloß weg. Als der gute Schiedsrichter Fritz abpfeift, erlebt der Borussia-Park ein Erdbeben der Stärke 7,3 auf der Richter-Skala. Bis auf Meeuwis und Bailly sind alle sofort verschwunden. Der Niederländer bleibt wenigstens auf derselben Erdhalbkugel und bedankt sich von der Mittellinie aus. Gleichzeitig liegt Bailly auf dem Bauch wie ein Maikäfer, der nicht einmal mehr die Kraft hatte sich umzudrehen. Wie muss man sich fühlen, wenn trotz einer Niederlage mit stehenden Ovationen gefeiert wird, während die Mitspieler aus Angst um ihr Trommelfell in die Kabine flüchten?

Fünf Spiele habe ich in dieser Saison bislang vor Ort gesehen. Bochum, Berlin, Mainz, Hoffenheim, Duisburg – wenn man so will, wurde es mit jeder Partie schlechter. Aus anfangs nur einer Niederlage in fünf Pflichtspielen zum Auftakt sind schlagartig vier aus den letzten fünf oder auch drei in Folge geworden. Eine Drei-Tore-Führung zur Pause noch aus der Hand geben – schier unmöglich und auf jeden Fall unglaublich. In fünf Minuten aus einem 2:1 ein 2:4 machen – selbe Kategorie. Ein Last-Minute-Ausscheiden im Pokal gegen einen Zweitligisten, der in den zwei Partien zuvor sieben Gegentore kassiert hatte – zu viel für jede Kuhhaut.

Vor drei Jahren startete der VfL mit vier Siegen aus den ersten sieben Spielen in die Saison. Am 25.10., zwischen dem achten und neunten Spieltag, ging man mit 1:2 im Pokal in Osnabrück baden. Vier Punkte holte die Borussia aus den folgenden elf Spielen, bis zum Saisonende nur noch 14 aus 26. Letzte Saison läutete die 0:3-Niederlage in der zweiten Runde in Cottbus das Ende von Jos Luhukay ein. Der DFB-Pokal ist seit Jahren weder ein gutes Omen noch ein gutes Pflaster gewesen. In zehn Jahren ist Gladbach nun genau zweimal über die zweite Runde hinaus gekommen. Und jetzt dient nicht einmal mehr ein Heimspiel als Starthilfe. Seit dem Pokalsieg 1995 ist die Borussia achtmal an einem unterklassigen Verein gescheitert. So schlecht kann es um das Losglück also nicht einmal bestellt gewesen sein.

„Wir müssen das Spiel genauso ernst nehmen, als ob Bayern München zu uns in den BORUSSIA-PARK kommt“, hatte Max Eberl am Montag noch auf borussia.de angemahnt. Im Vorfeld hatte man getönt, wie entschlossen man den DFB-Pokal in diesem Jahr angehen wolle, getreu dem Motto „Berlin ist der kürzeste Weg nach Europa“. An einem gewissen Punkt weiß man nicht mehr, von wem genau man sich verarscht fühlen soll. Was solche Aussagen angeht hat Max Eberl inzwischen ein Glaubwürdigkeitsproblem, eingebrockt von der Mannschaft. Wenigstens hat die lästige Doppelbelastung nun ein Ende. Mehr als dieser Sarkasmus fällt einem kaum noch ein.

23. September 2009 von Jannik Sorgatz
Kategorien: Fohlengeflüster | Schlagwörter: , , , | 10 Kommentare

Kommentare (10)

  1. Nur so für die persönliche Gefühlsbilanz, die Verwandlung von miesen Gefühlen in schöne Sprache ist eine doch sehr erstrebenswerte Kulturleistung. Das sage ich ganz ohne Ironie. Und wie wir wissen, gibt es dadurch dann schon recht bald wieder gute Gefühle. Schon vorhanden?

    Kann ich natürlich gerade leicht sagen nach dem Verblassen eigener ähnlicher Gefühle nach dem Spiel des MSV gegen Bielefeld. In Mönchengladbach wurde ich immer wieder an genau dieses Spiel erinnert. Und zwar von der Borussia. Das war immer wieder ähnlich halb bemüht. Und diese völlige Lähmung in den letzten zehn Minuten. Psychische Gruppenprozesse sind manchmal erschreckend.

  2. Gut, das ist ja eine unserer Parade-Disziplinen: Gebeutelte Gegner einladen, ihnen 90 Minuten lang den Spiegel vorhalten, so dass sie am Ende völlig schockiert sind und die Punkte mitnehmen bzw. eine Runde weiter kommen.

    Ich habe wenigstens diese Therapiemöglichkeit namens Blog. Wie die Mannschaft da rauskommt? Keine Ahnung.

    Danke für Deinen Kommentar.

  3. Im Gegensatz zur Spielstärke Borussias wirst Du Stück für Stück immer besser mit Deinen Berichten…….ganz ehrlich, mir wäre es umgekehrt lieber.

  4. Ja, da lässt man sich verleiten und entreisst quasi einem anderen Verein den Fan, um doch einmal Borussia’s sicher geglaubten Einzug in die dritte Runde mit einem Freund zu erleben, wird man dann jäh aus den Träumen gerissen mit den Worten: “Äh, irgendwie ist das wie bei uns in Karlsruhe…” Achtung! Hätte dieser Satz, in der Nordkurve gesprochen, früher für entrüstete Klassenkeile gesorgt, ernteten wir doch Zuspruch mit dem Hinweis, dass doch die 3.Liga doch auch manchmal schön spielen würde. Ok, ein Vorteil ist natürlich das guenstigere Bier und wahrscheinlich nicht wirklich guenstigere Tickets.
    Wohin die Reise denn nun geht kann niemand sagen. Allerdings scheint die so schön kolportierte Weisheit von der wichtigen Kontinuität für Borussia eine andere Bedeutung zu haben. Spieler kaufen und verkaufen ist ja irgendwie auch eine kontinuierliche Entwicklung, zumindest wenn es über Jahre so läuft. Vom Trainer will ich gar nicht erst anfangen.
    Schönen Dank für Deinen tollen Bericht.

  5. Einfach spitzenklasse deine Berichte!

  6. Trotz der stilistischen Schönheit kann ich dem Text – und den Kommentaren – inhaltlich nicht zustimmen.
    Gut, einige verlorene Spiele, und das noch auf ziemlich beknackte Weise.

    Aber letztlich spielt die Mannschaft über weite Strecken einiger Spiele richtig guten Fußball – viel mehr, als man letzte Saison erhofft hätte. Und da wird irgendwann auch mehr Erfolg rausspringen.
    Was nicht heißt, dass wir in irgendeiner Weise obere Tabellenhälfte anpeilen könnten.
    Aber noch steht der VfL auf Platz 10; ich prophezeie, dass kein Borusse, den man vor der Saison diesen Platz angeboten hätte, ihn ausgeschlagen hätte.
    Dass jetzt sofort wieder der Teufel an die Wand gemalt wird (und vereinzelt – wahrscheinlich aus Frust, aber trotzdem – schon “Frontzeck raus” gerufen wird) kann ich nicht verstehen.

    Es ist gut, wenn Missstände angeprangert werden und man sich über schlechte Leistungen und – um mich zu wiederholen – beknackte Leistungen aufregt.
    Aber nach 6 Spieltagen Platz 10 – da können wir die Kirche im Dorf lassen.
    Gut, extrem aussagekräftig ist die Tabelle immer noch nicht, aber so ein Negativtrend, der zweifelsohne zu erkennen ist, auch nicht.
    Um die hier gern gesehene Statistik zu bemühen: 7 Punkte aus 6 Spielen bedeutet etwas mehr als 38 Punkte nach der Saison – und damit Klassenerhalt (denn die 40-Punkte-Marke sehe ich als definitiv überholt an).

    Deswegen plädiere ich stark dafür, dass das gesamte Umfeld – inklusive diesem Blog mit Autor und Kommentatoren ;) – die Ruhe bewahrt, die oft vor der Saison ausgegebene Devise “Nach 9 – 10 Spieltagen kann man erst sehen, wo man steht” zu beherzigen und daher nun erstmal mindestens noch die Spiele gegen Vereine auf Augenhöhe (Freiburg) und – so wie’s aussieht – in Reichweite (Dortmund) abzuwarten, bevor der Untergang prognostiziert wird…

  7. @ borussenbomber: Ok, dann werde ich von nun an nur noch gequirlte Kacke hier zu Papier bzw. zu Bildschirm bringen, auf dass aus Ebbe Flut werde.;)

    @ Odsch: Danke! War natürlich tolle Werbung das Spiel für all die Zuschauer, die sonst seltener vorbeischauen und sich dank der vergünstigten Preise diesmal ein Herz gefasst hatten.

    @ Michael: Danke Dir!

    @ Si: Na gut, wir spielen eine halbe bis eine ganze Klasse besser als letztes Jahr, das stimmt. Nur gerade deshalb verstört es mich, dass wir Spiele wie gegen Bochum und Duisburg bestreiten, ohne unsere personelle, spielerische Überlegenheit auszuspielen. Ich habe an anderer Stelle ja schonmal geschrieben: Ein Platz besser als letztes Jahr, ein paar Punkte mehr – schon bin ich zufrieden.

    Ich kann jedes einzelne Spiel nur danach bewerten, was in meinen Augen möglich gewesen wäre und was wir dafür getan haben, um das Maximum zu erreichen. Komme ich da zu dem Schluss, dass es nicht genug war, fällt es mir eben von Zeit zu Zeit schwer, die Kirche im Dorf zu lassen.

    Außerdem stört es mich, dass der Pokal vor der Saison wirklich als kürzester Weg nach Europa gepriesen wird, man wolle in jedem Spiel alles geben – und dann auf dieser Art und Weise ausscheiden. Ich denke, dass unsere Probleme sich im Kopf und in der Lunge abspielen. Ansonsten ist die Qualität eine ganz andere geworden, nur gerade deshalb müssen wir irgendwann auch Früchte ernten. Wenn das nach 34 Spieltag passiert ist, werde ich gut damit leben können.

  8. Toll auf den Punkt gebracht.
    Hoffe aber das Deine Rechere der Gegenwart nicht auf die Zukunft zutrifft!

    Gruß
    Thom

  9. @Jannik: kann ich nachvollziehen, was du meinst.

  10. Pingback: max eberl

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