Im Zweiten wird’s wohl besser – 7. Akt:
Definiere: Krise

Gladbach Motivbild
Freiburg 3:0 Gladbach – vier Niederlagen, vielfältiges Versagen, ein paar Wechselspiele, ein Traum aus dem August und die Definition von Krise.

Der Weg in die Krise ist ironischerweise ein Anstieg. Es wird immer steiler, man kommt kaum noch voran. Ergibt irgendwie auch Sinn. Schließlich wäre es bergab viel zu einfach, ganz krisenuntypisch. Wobei der Negativentwicklung bei der Borussia inzwischen eine gewisse Leichtigkeit des Nicht-Seins innewohnt. Nürnberg, Hoffenheim, Duisburg und nun Freiburg – immer schlechter ist es geworden in den letzten gut zwei Wochen. Anfangs noch gut gespielt und glücklos verloren, dann geführt und kläglich untergegangen, danach untergegangen, ohne zu führen – und jetzt kriegt es der VfL tatsächlich hin, einem zuhause noch sieglosen Aufsteiger 90 Minuten lang unterlegen zu sein.

Dass dieser Trend noch lange kein Grund sei, Trübsal zu blasen, waren sich viele einig. Ganz nach dem Motto: „Alles wird gut – mit Sicherheit, irgendwann, vielleicht“. Michael Frontzeck wollte auch die Ruhe behalten. Gebetsmühlenartig hat er den Finger erhoben und angemahnt, dass Nürnberg, Hoffenheim und Duisburg nicht zur Regel werden dürften. Wurden sie ja auch nicht: Die Art des Versagens ist vielfältig, immer wieder anders, immer wieder traurig. Man kann der Mannschaft beileibe nicht vorwerfen, mit Konstanz auf der Anzeigetafel in die Krise zu schlittern. 0:1, 2:4, 0:1, 0:3 – da ist fast für jeden was dabei. Immer wieder treten dieselben Spieler vor die Mikros. Einerseits Tobias Levels als Kapitän und gestern zwischenzeitlich einziger Deutscher, Thorben Marx ist auch mal dran. Andererseits dürfen die Holländer und Belgier ab und zu sagen, was der Interview-Baukasten des Fußball-Profis anno 2009 noch hergibt.

Das Wort „Krise“ ist ein ziemlich schwammiges. Wie viele Niederlagen müssen es sein, wie viele davon zwangsläufig in Folge? Wie hoch muss man verlieren, darf man denn weiterhin Tore schießen? Sind schöne Tore des Gegners Gutschriften auf dem Krisenkonto oder wird munter abgehoben, wenn Freiburgs Abdessadki mit Wucht aus 25 Metern trifft? Absolut krisenverdächtig wird es, wenn nach drei Pleiten in Serie die personellen Maßnahmen des Trainers wenig bis hin zu exakt dem Gegenteil ihres Ziels bewirken. Stalteri ersetzte den schwachen Jaurès – wohl richtig gemacht. Colautti musste auf die Bank – auf den ersten Blick keine falsche Entscheidung. Reus durfte sich von Beginn an beweisen – ein scheinbar guter Versuch.

Aber: Bradley korrigiert zur Pause das Missverständnis mit Reus. Warum nicht noch einen Sechser bringen und die unterschiedlichen Ausrichtungen der defensiven Mittelfeldspieler künftig in einer isolierten Sechserraute zur Geltung bringen? Fünfzehn Minuten nach der Pause kam Friend für Marx, Frontzeck hatte zweimal gewechselt und damit im Prinzip nur eine Änderung vorgenommen: Ein Stürmer war für Reus gekommen. Und um den Wechsel-Missverständnissen die Krone aufzusetzen, brillierte Moses Lamidi in seiner designierten Rolle als Vorbereiter – und erwarb damit große Sympathien beim SC Freiburg. Oliver Neuville blieb zuhause, weil Frontzeck nicht noch einen Mittelstürmer brauchen konnte und wollte, als der sich der 1,90-Meter-Hüne Neuville bekanntlich seit Jahrzehnten einen Namen macht.

Beruhigend ist es dennoch, dass die Borussia weiterhin auf Platz zwölf steht und – wenn man die Summe aller Eindrücke dieser Saison durch 7 teilt – nicht gerade den krisenverdächtigsten Eindruck in der Bundesliga macht. Es schwebte mir vor, die dreizehnt- oder zwölftstärkste Mannschaft zu werden. Derzeit läuft es wohl auf die siebt- oder sechstschlechteste hinaus. Nur wenige Klubs haben die Fußballwelt seit dem 7. August wenigstens einmal mit der Zunge schnalzen lassen. Der VfL ist dabei – lasst die Korken knallen! Wobei einem spätestens beim Blick auf die Auswärtstabelle noch weniger danach zumute wird. Nur die Hertha hat noch weniger Punkte, beim Torverhältnis kann sie jedoch problemlos mit der Borussia mithalten, die nun seit 319 Minuten ohne eigenen Treffer in der Fremde ist. Jene 41 Minuten in Bochum wirken mittlerweile wie ein schöner Traum – zu schön, um wahr (gewesen) zu sein.

28. September 2009 von Jannik Sorgatz
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