Im Zweiten wird’s wohl besser – 8. Akt:
Gespenstisch

Gladbach Motivbild

Gladbach 0:1 Dortmund – Meditation im Bus, Stempel im Personalausweis, Fehden im Stadion, wenig Erwärmendes und keine Punkte in der Tasche.

Die Stimmung auf der Heimfahrt im Shuttle-Bus dient stets als zuverlässiger Gradmesser für die sportliche Lage des Vereins. Enthusiastischer Gesang ist meist ein Indiz für drei Punkte. Erst nach der zehnten Pleite in Folge wird dann wieder aus galgenhumoristischen Gründen das eine oder andere Lied angestimmt. Da die Borussia noch lange nicht so weit ist, war bis zum Spiel gegen den BVB eine langsame, aber zielsichere Verflachung des Geräuschpegels aufgefallen. Wenn man also an einem Punkt angelangt, an dem sich die Anzahl kluger Ratschläge, herber Sanktionsideen und cholerischer Ausbrüche gen Null bewegt, sieht es nicht gerade rosig aus. Der Boden der Tatsachen ist am Samstag um 20:32 Uhr erreicht. Die Busfahrt ist neuerdings eine höchst meditative Angelegenheit.

Wie die Gladbacher Gefühlswelt rund sieben Stunden zuvor aussieht, kann ich nicht mit letzter Sicherheit sagen. Um viertel vor zwei steige ich selbst erwartungsfroh am Dortmunder Hauptbahnhof in den Zug und bin zunächst der einzige aus der schwarz-weiß-grünen Koalition. Zu erkennen gebe ich mich jedoch nicht. Der Regionalexpress wird von schwarz-gelb regiert. Wobei die ehrlich gemeinte Entschuldigung, den BVB um einiges besser leiden zu können als die werten Kollegen aus Gelsenkirchen, sicherlich nie auf taube Ohren stoßen wird. Seit knapp zwei Wochen prangt ein Aufkleber auf meinem Personalausweis, der zusammen mit einem unmissverständlichen Stempel offenbart, wo neuerdings meine geographische und melderechtliche Heimat ist. Studienorte sind wie Fußballvereine – man sucht sie sich nicht aus, man findet sie. Wobei man – rein optisch – ruhig mal eine Lanze für die Stadt Dortmund brechen kann: Köln ist auch nicht schöner, glaubt aber fest daran.

Woran ich um kurz nach 18 Uhr noch fest glaube, das ist der erste Sieg nach vier Pflichtspielniederlagen in Serie. Michael Frontzeck wird sich gut zwei Stunden später über die Hinzunahme der Duisburg-Pleite aufregen wie Rudi Völler bei den Stichwörtern „Island“, „Weißbier“ und „hohes Ross“ – und im selben Atemzug mit einem Anflug von Zynismus (vgl. Meyer, Hans) kritisch anmerken, dass das 0:1 im Freundschaftsspiel beim SC Paderborn einfach so links liegen gelassen wird. Kein Ding. Paderborn, Nürnberg, Hoffenheim, Duisburg und Freiburg macht von nun an die volle Hand – so ganz ohne eine Dortmund-Pleite, die sich erst später hinzugesellt. Volle Hand plus eins demnach.

Ein wenig scheint es der Block schon zu ahnen, als die Mannschaft zum Warmmachen das Feld betritt. Die Menge klatscht unverdrossen Beifall, geradezu emphatisch. „Wer weiß, wann wir das nächste Mal dazu kommen“, herrscht Einigkeit unter den Berufs-Pessimisten, die beim letzten Politbarometer einige Stimmen der Optimisten-Fraktion für ihre Seite gewinnen konnten. Die Erwartungshaltung spiegelt derzeit nicht gerade Größenwahnsinn wider.

Dass er sich unkooperativ zeigt, was Änderungsvorschläge für die Startelf angeht, kann man Frontzeck beileibe nicht vorwerfen. Friend steht zum ersten Mal seit dem 20. März 2009 in der Startelf. Matmour bleibt zu Beginn draußen. Das gab’s wiederum zuletzt am 16. Spieltag der letzten Saison gegen Leverkusen. Seitdem hat der Algerier immer zur ersten Elf gehört, 25-mal in Folge. Außerdem muss Marco Reus seinem schwachen Auftritt in Freiburg Tribut zollen. Bradley, der dort in der Pause reinkam, ersetzt ihn.

Die Ausläufer oder vielleicht auch Vorboten von Sturmtief Sören lassen den Samstagabend im Borussia-Park zu einer kalten Angelegenheit werden. Von der Wärme, die im Laufe der „Elf vom Niederrhein“ emittiert wird, profitiert man noch in der 20. Minute. Hat sich das Spiel bis dahin heizungstechnisch nicht verselbstständigt, besteht wenig Aussicht auf warme Ohren, Hände und was sonst noch so freien Blick aufs Geschehen hat. Bislang hatte sich der neue Samstagabend fast ausnahmslos als Produzent ansehnlicher Spiele bewährt. Dreimal eine 2,5, zweimal eine 2 vom „Kicker“ – der Notenschnitt von 2,3 dient als stichhaltiger Nachweis. Der wenig erwärmende Kick im so gut wie ausverkaufen Borussia-Park dürfte den Schnitt in die Tiefe ziehen. Erbarmungslos.

Und wo wir schon beim „Kicker“ sind: Vor ein paar Wochen nach dem Sieg gegen Mainz sollte die Länge des Spielberichtes auf der „Kicker“-Website als Gradmesser für den Unterhaltungswert des Spiel dienen. 485 Wörter bedeuteten damals einsamen Minusrekord – bis Samstagabend, als die Marke noch einmal um drei Wörter unterboten wurde. Der direkte, harte, aber ehrliche Satz „Es war ein Grottenspiel“ hätte wenigstens noch den Ausgleich besorgt. Aber in Nürnberg mag man’s bekanntlich eher nüchtern und knapp.

Hälfte eins gleicht einem Festival der Halbchancen, Halbfehlpässe und Halbzeitherbeisehnungen. Es hat ganz den Anschein, als habe die Schweigeminute für Rolf Rüssmann ein wenig zu viel Melancholie in beide Mannschaften gesteckt. Wobei es fraglich bleibt, ob die Herren Arango, Barrios, Bobadilla oder Zidan jemals vom 20-fachen Nationalspieler gehört hatten, bis dieser in der Nacht von Freitag auf Samstag im Alter von 58 Jahren einem Krebsleiden erlag. Der eine oder andere zupfte sich so desinteressiert das Trikot zurecht, als fragte er sich in diesem Moment ernsthaft, warum es plötzlich so still geworden war und sich alle am Mittelkreis versammelt hatten. Und was die ganzen Leute eigentlich hier machen.

In der 38. Minute findet das Treiben seinen ersten und einzigen Höhepunkt, der zu allem Übel nicht gerade die Mehrheit im Stadion erfreut. Der Ball landet kurz vor dem Strafraum nach kurzem Geplänkel bei Welttorjäger Barrios. Der dreht sich um die eigene Achse, Brouwers nimmt die Aufforderung „decken“ etwas zu genau und hängt hilflos am Rücken des Argentiniers, der mit einem trockenen Flachschuss sein erstes Bundesliga-Tor erzielt. Bailly ist chancenlos und dank tätiger Mithilfe des VfL weiß nun ganz Deutschland, dass Colo Colo wirklich kein billiges Softdrink-Imitat ist, sondern der chilenische Klub, für den Lucas „Stadtteile“ Barrios insgesamt 49 Tore in 53 Spielen erzielte.

Der zweite Durchgang findet seinen ersten Aufreger neben oder vielmehr noch knapp auf dem Platz. Zidan liegt verletzt auf der Außenlinie. Das Geschehen spielt sich jedoch gut 60 Meter weiter auf der anderen Außenbahn ab. Levels spielt den Ball dennoch ins Aus. 45000 Gladbacher sind aus dem Häuschen und regen sich auf wie über Silvesterfeuerwerk am 16. Juni. Jaja, das war schon alles, mehr kommt nicht.

Wie wenig Nennenswertes wirklich passiert, merke ich so richtig nach rund 70 Minuten. Ein Schuss von Bobadilla – ungefähr der 87. dieser Saison – stellt Weidenfeller vor die zweitgrößte Herausforderung dieser Woche und vor die größte außerhalb italienischer Restaurants in Dortmund. Begeistert springt der Oberrang erstmals auf, klatscht anfeuernd in die Hände. Wobei das Wörtchen „anfeuern“ der Sache genau die richtige Nuance gibt. Da bis dahin wenig Anlass dazu bestand, danken es die Handflächen mit einem kurzen Schmerz. Merken: Nächstes Mal den Game Boy einpacken und Finger bewegen.

Über weite Strecken kann sich der VfL jedoch nicht über mangelnden Rückhalt von den Rängen beschweren. Der Borussia-Park gleicht zwar nicht gerade einem Stadion, in dem die Heimmannschaft der siebten Meisterschaft in Folge entgegen schwebt. Ganz so trostlos wie auf dem Rasen ist es jedoch auch nicht. Die Unterstützung spiegelt sich in passiver Beobachtung wider. Einfach nur verhalten und im wahrsten Sinne ohne Pfiff. Ein paar Solisten, aber noch lange kein Konzert mit Fingern zwischen den Zähnen. Die Joker Matmour, Reus und Neuville verpuffen. Letzterer bleibt in sechs Minuten ohne Ballkontakt.

Dass Dortmunds Sieg in einem Spiel am Rande der fußballerischen Existenz nicht noch das Prädikat „um ein, zwei Tore zu hoch ausgefallen“ bekommt, ist allein Logan Bailly zu verdanken. Erst klärt er zweimal hintereinander gegen den eingewechselten Valdez – einmal mit Bravour, einmal mit unlauteren Mitteln in Wrestling-Manier. Dann muss Blaszczykowski, der zweite BVB-Joker, nach einem Konter eigentlich nur noch einschieben. Doch Bailly wirft sich ihm mit einer Vehemenz entgegen, als wolle er den Ball bei dieser Gelegenheit direkt ins gegnerische Tor befördern.

Nach dem Abpfiff fehlt der Borussia diesmal sogar die Entschlossenheit, um möglichst unerkannt in der Kabine zu verschwinden. Tobias Levels stellt sich als Erster. Immer wieder ein Moment wie im alten Rom, verbunden mit der Frage: Geht der Daumen hoch oder runter? Der Kapitän bekommt Applaus. Dann hallt bis zum letzten Kandidaten ein Pfeifkonzert durchs Stadion – der Kandidat heißt Logan Bailly, diesmal nicht im Rasen vergraben, sondern aufrichtig mit Kulturtasche unter dem Arm. Apropos Kulturtasche: Erst im Fernsehen sieht man, wie sich Dante und Levels auch noch in die Haare kriegen. Ein positives Zeichen: Sie denken noch, sie reden noch und sie leben noch.

Im Bus sinnieren zwei Frauen mittleren Alters über mögliche Sanktionen, wenn sie das Zepter in der Kabine schwingen würden. Das Dschungelcamp steht kurz zur Debatte, wird aber schnell verworfen – „bei den ganzen Proteinen, die die da bekommen, wäre das ja gar keine Strafe“. Ansonsten herrscht Stille. Sören weht durch die offenen Fenster und erzeugt dabei Geräusche, die Wind nun einmal erzeugt, wenn er durch offene Fenster weht. „Das Abstiegsgespenst“, ist sich jemand in der letzten Reihe sicher. Wenigstens ein kurzer Moment der Heiterkeit in niedergeschlagener Runde.

04. Oktober 2009 von Jannik Sorgatz
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