Das verdiente Glück

Die Nationalmannschaft hat das Ticket für Südafrika gelöst – und die Russen in der entscheidenden Szene mit ihren eigenen Waffen geschlagen. Das macht Mut für 2010, ein Erfolg mit Tugend und Jugend.

„Da setz’ ich mich vor den Fernseher, um ein schönes Spiel zu sehen – und dann kommt so ein Mist dabei rum“, zeigte sich ein Freund gestern Abend sichtlich enttäuscht von der Qualität des deutschen Auftritts in Moskau. „Warum?“, fragte ich mit gerunzelter Stirn – bereit, das 1:0 so hartnäckig zu verteidigen wie die deutsche Mannschaft selbst, bereit, mich an der Theke in der Kellerbar selbstlos in den Schuss zu werfen. „So sind wir schon dreimal Welt- und dreimal Europameister geworden.“

Man kann zwar wirklich darüber streiten, ob das Prädikat „verdient“ nun gerechtfertigt ist oder nicht. Man kann sich aber auch fragen, ob „glücklich“ es so viel besser umschreibt. „Verdientes Glück“ vielleicht? Die Jungs von Jogi Löw haben zweifellos ihr bestes Länderspiel des Kalenderjahres gezeigt. Das mag kein allzu großer Gradmesser sein. Dennoch lässt sich festhalten, dass im Lushniki-Stadion erstmals seit langer Zeit eine echte Mannschaft, ein intaktes System, ein homogenes Kollektiv auf dem Platz stand. Der Bundestrainer hatte die Qual der Wahl, wählte eine Mischung aus alten Besen, die zusammen mit jungem Risiko bestens kehrten.

Man hatte sich selbst klein geredet, die Russen größer gemacht als sie sind. Während auf der einen Seite Geradlinigkeit zusammen mit disziplinierter Taktik reüssierte, hatte auf der anderen die Verspieltheit der Russen das Nachsehen, die den Ball scheinbar ins Tor tragen wollten – vorzugsweise den Ball im Handstand zwischen die Füße geklemmt.

Die einzige Hoffnung im Vorfeld ist im Nachhinein die einzige Erklärung: Elf und später nur noch zehn Deutsche liefen zusammen mit elf Russen 90 Minuten lang einem Ball hinterher – und gewannen. Wie immer. Es muss zwar ohnehin der Anspruch einer deutschen Nationalmannschaft sein, eine jede Qualifikation als Gruppenerster zu beenden. Doch die Vergangenheit hat uns demütig gemacht. Die Quelle des Selbstverständnisses ist die eigene Vergangenheit. Die weit entfernte, nicht die jüngere. Wer Beckhams Freistoß in letzter Sekunde gegen Griechenland noch im Kopf hat, den Grottenkick von Gelsenkirchen und die beiden Relegationsspiele gegen die Ukraine, der macht sich nicht mehr gen Moskau auf, um drei Punkte mitzunehmen wie eine Badehose in den Sommerurlaub – leicht und selbstverständlich.

Die Nationalelf ist nicht im Rausch am erfolgreichsten. Vize-Weltmeister 2002, Vize-Europameister 2008 – die größten Erfolge der letzten 13 Jahre wurden nicht nur erspielt und erzaubert. Sie passierten einfach. Erfolg fällt nicht wie von selbst vom Himmel. Aber man kann den Fall erzwingen. Und den Gegner am Ende mit seinen eigenen Waffen schlagen. Pass von Podolski, Übersicht von Özil, Routine von Klose – es kann manchmal ganz einfach sein. Die deutsche Nationalmannschaft ist in ihrer 101-jährigen Geschichte weiter ohne Niederlage in WM-Quali-Auswärtsspielen. Vielleicht genügt das als Beweis, dass kein Underdog das Ticket für Südafrika gelöst hat, sondern die – gemeinsam mit Italien – erfolgreichste Nationalmannschaft des europäischen Kontinents.

11. Oktober 2009 von Jannik Sorgatz
Kategorien: Die mit dem Adler, Einwurf | Schlagwörter: , , , , , | 2 Kommentare

Kommentare (2)

  1. Der Artikel spricht mir aus der Seele. Das war wohl die wichtigste Erkenntnis dieses Spiels, dass auch die NM unter Löw mit den originären Tugenden gewinnen kann. Das macht Mut für die WM – zumal ich Löw’s “körperloses Spiel” bislang eher kritisch betrachtet habe.

  2. Pingback: Nüchtern betrachtet at Entscheidend is auf’m Platz

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