„Graues Sakko, grauer Rolli“ – Twitter und der DFB

Seit „Deutschland. Ein Sommermärchen“ kann man der Nationalmannschaft nur noch begrenzt einen Mangel an Transparenz vorwerfen. Doch das „Ja“ zu Twitter bedeutet nun einen weiteren Schritt der Öffnung – exklusiv und mit Selbstironie.

Twitter+DFBMarcel Schäfer stehen in den nächsten Monaten einige schlaflose Nächte bevor. Und das nicht, weil der 25-jährige um einen Platz im Kader für Südafrika kämpft. Nein, der Mann vom VfL Wolfsburg ist Vater geworden. Wer nicht mit im Kreißsaal war, muss schon im Raum Aschaffenburg Zeitung lesen, den „Kicker“ am Kiosk kaufen – oder neuerdings dem Twitter-Account „@DFB_Team“ folgen.

Glückwünsche zur Geburt gab es demnach auch vom Captain, genau gesagt am 12. Oktober um 20:48 Uhr. „Ansprache beim Abendessen: Kapitän Ballack gratuliert Schäfer nachträglich zur Vaterschaft“, zwitscherte es um exakt diese Zeit. Dahinter steckt nicht Pressesprecher Harald Stenger, sondern DFB-Chefredakteur Ralf Köttker. „@voegi79“ wollte es Sonntagabend um 22:05 Uhr wissen. Die Antwort kam rund 16 Stunden später. So sieht Öffentlichkeitsarbeit an der Basis anno 2009 aus.

Doch was will der DFB, oder genauer gesagt seine Webvertretung, genau mit dieser neuen Art der Transparenz, diesem Sprung auf den rasenden Zug der sozialen Netzwerke bewirken? Auch hier ließ die Antwort nicht lange auf sich warten. „Hinter der Idee steckt die grundsätzliche Überlegung, aktiver auf die User zuzugehen. Wir wollen mit dem Fan in Interaktion treten, ihn unmittelbarer erreichen und dabei die neuen Kommunikationswege nutzen“, erklärt Köttker auf Anfrage. „Innovativen Entwicklungen“ wolle auch der DFB sich nicht verschließen. „Im Gegenteil“, sagt Köttker. „Mit der Einrichtung unserer Twitter-Accounts wollen wir eigene Erfahrungen sammeln.“

Alle Follower sitzen von nun an sozusagen gleich an der Quelle. Letzten Samstag erschien die Aufstellung so schnell auf Twitter wie in keinem anderen Medium. Nebenbei wird der Account als Feed für die DFB-Seite genutzt, wenn dort neue Hintergrundberichte oder Interviews erscheinen. Interessanter sind jedoch die kleinen Anekdoten und Tipps, für die normalerweise in keiner Meldungsspalte dieser Welt ein paar Zeilen übrig wären. Bei Twitter dagegen genügen 140 Zeichen, um der Gefolgschaft mitzuteilen, dass „Maultaschen, Filet, Hamburger zum Selbermachen“ auf dem Speiseplan standen. Wer es denn will, kann gleich ein „Guten Hunger“ hinterherschicken.

Desweiteren hat ein Auto des Fahrdienstes einen Kratzer erlitten. Arschawin trug beim Training „eine weiße Pudelmütze“, Jogi Löw hatte sich bei der Pressekonferenz für die Kombination „graues Sakko, grauer Rolli“ entschieden. Es sind nicht immer die wesentlichen Dinge, über die berichtet wird. Aber ein wenig Menschlichkeit hat dem Geschäft noch nie geschadet – gerade, wenn es weniger boulevardesk ausfällt als bei Sat.1 und Konsorten. Ohne Pelz tragende Spielerfrauen und ohne Oliver Pocher.

757 Follower zählte „@DFB_Team“ Dienstagabend kurz vor Mitternacht, Tendenz weiter steigend. Mangelnde Transparenz ist spätestens seit „Deutschland. Ein Sommermärchen“ kein typisches Nationalelf-Problem mehr gewesen. Der Sprung auf den Twitter-Zug bedeutet, wenn man so will, die Fortführung des Wortmann-Prinzips. Und das lässt sogar Platz für Selbstironie. Vom öffentlichen Training in Hamburg zwitscherte Köttker augenzwinkernd: „Die Spieler machen sich beliebt, weil sie jede Menge Bälle auf die Tribüne dreschen. Mittwoch gibt es dafür Pfiffe.“

14. Oktober 2009 von Jannik Sorgatz
Kategorien: Die mit dem Adler, TV, Radio, Print & Internet | Schlagwörter: , , , , | Schreibe einen Kommentar

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