Nüchtern betrachtet

Fragen über Fragen, aber kaum Antworten: Anstatt feststellen zu können, was er für Möglichkeiten hat, muss Jogi Löw nach dem 1:1 gegen Finnland eher feststellen, was nicht funktioniert. Die Hoffnung beruht da allein auf einer automatischen Lösung der Probleme.

Man muss es sich wohl vorstellen wie „Malen nach Zahlen“. Irgendwann, an einem unbekannten Zeitpunkt, standen auf einem Blatt die Schlagwörter „Fußball“ und „Bier“. Jemand war so intelligent, beide Punkte durch eine Linie zu verbinden und seitdem steht fest: Fußball und Bier gehören zusammen. Ganz einfach. Oder so.

Ich war es übrigens nicht und gehöre beileibe nicht zu der „Bloß nicht ohne“-Fraktion. Doch es gibt Tage, an denen man als fußballerischer Bierabstinent froh ist, die Wahrnehmung des Spiels ausnahmsweise dank einiger Flaschen zu einem Euphemismus wie aus dem Lehrbuch zu machen. Gestern Abend war solch ein Anlass. 90 Minuten Elend, davon mindestens 37 Minuten elendiges Elend. Das Schlimme jedoch ist: Das, was sich da in Hamburg abgespielt hat, wird von jedem Punkt der Promilleskala aus gleich schlecht ausgesehen haben.

Während wir letzten Samstag in Moskau gelernt haben, dass Gary Lineker und seine Weisheit zwar abgenutzt aber immer noch gültig sind, mussten wir gegen die finnische Umlaut-Armada einsehen, dass man statt einer Nationalmannschaft bisweilen nicht ohne Grund von einer Nationalelf spricht. Mertesacker, Lahm, Ballack, Schweinsteiger, Podolski und Klose haben sich erneut als Kern dieser Elf erwiesen, einige davon ohne eigenes Zutun. Kein Land der Welt dürfte es schaffen, seine Auswahl mit 22 Spielern für elf Positionen zu besetzen, die sich nichts nehmen und beliebig ausgetauscht werden können. Aber man kann es sich ja trotzdem zum Ziel machen.

René Adler dagegen muss feststellen, welch ein Wechselbad der Weg ins Tor der WM 2010 ist. Es ist so leicht, zum zwischenzeitlichen Topfavoriten hochstilisiert zu werden und es genügt so wenig, um zurück in den Pool der Kandidaten zurückzufallen – als einer von vielen, ohne Vorschuss. Beides dürfte übertrieben sein. Aber gerade diese Länderspielwoche hat ja gezeigt, dass es bei Jogi Löws Jungs derzeit nur schwarz und weiß gibt. Rein farblich mag das passen, sportlich eher nicht.

Doch wenn man schon nicht feststellen kann, was geht, dann will man wenigstens notieren, was nicht funktioniert. Heiko Westermann ist definitiv nicht der Mann für den Platz neben Per Mertesacker. Arne Friedrich dürfte zwar endgültig von rechts in die Mitte gerückt sein. Das Allheilmittel ist er jedoch auch nicht. Es bleibt das Warten auf Boateng, Höwedes, Hummels, Badstuber. Auf dass wenigstens einer noch den Sprung schaffe. Nicht erzwungen, sondern gerechtfertigt. Denn nachhaltige Nationalspieler sind selten kreiert worden wie ein Pesto alla Genovese.

Thomas Hitzlsperger konnte erneut keine Argumente bringen, warum ihm der Platz neben Michael Ballack zufallen sollte. Vielleicht wird es am Ende so kommen, dass das Ausschlussverfahren Jogi Löw zu seiner besten Elf für Südafrika führt. Auch im Sturm gestaltet sich die Lage ähnlich. Mario Gomez hat einen schwereren Stand als ein Nashorn im Treibsand. Daran wird sich in geraumer Zeit kaum etwas ändern. Was am Ende, konsequenterweise, wieder nur zu Miroslav Klose führen kann. Piotr Trochowski dürfte ebenfalls nicht als unumgänglicher Kandidat fürs Dreier-Mittelfeld hinter einer einsamen Spitze gelten. Also läuft es auf Lukas Podolski heraus, der gestern ein Tor erzielte, das man als Karikatur in jeder Zeitung drucken könnte. Anstatt eines Spielberichts.

Die Fragen, mit denen die Nationalelf in die Vorbereitung auf die WM im nächsten Jahr geht, könnten sich am Ende von selbst beantworten. Ganz nüchtern gesehen.

15. Oktober 2009 von Jannik Sorgatz
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